Löffel-Liste 

Manchmal werfe ich einen Blick in die Statistik und klicke dann Beiträge an, die von anderen gelesen wurden, lese sie auch nochmal, erinnere mich zurück, was zu diesem oder jenem Zeitpunkt grade aktuell war in meinem Leben. Manchmal sind es schmerzhafte Erinnerungen, manchmal aber auch Dinge, die mich lächeln lassen. 

Und so lese ich einen Beitrag vom letzten Frühling. Lese, dass ich mich seit 3 Wochen nicht mehr verletzt habe, dass sie letzte ’schlimmere‘ Selbstverletzung nun 6 Wochen zurück liegt. Ich lese, dass ich so gerne den Sommer ohne frische Wunden und Verbände und Nähte erleben möchte. Und ich lächle, denn ich habe den Sommer unverletzt verbracht, den Herbst, den Winter und wieder einen Frühling. Und wieder wünsche ich mir einen Sommer ohne frische Wunden, aber im Gegensatz zum letzten Jahr bin ich zuversichtlicher, dass ich es schaffen kann. 

Auch wenn gerade so viel chaotisch ist. Auch wenn ich eigentlich nicht weiß wo mir wirklich der Kopf steht. Aber es wird weiter gehen, das tat es bisher immer. Ich muss nur darauf achten, dass ich selbst nicht unter gehe dabei. 

Mit der Gänseblümchenmama schreibe ich also gestern eine Liste mit nur 5 Punkten. 5 Dinge, die es zu erledigen gilt. Nachdem mein Körper einen Haufen Schlaf einforderte stapfe ich heute also zur Apotheke und einkaufen, hüpfe unter die Dusche, mache mir etwas zu essen, schreibe den Brief an die Rentenversicherung und kraule das Katerkind. Zwischendurch kommt N. noch zu Besuch und bringt mir meinen Zweitschlüssel wieder. Und ich bringe noch meine Küchentheke in Ordnung. Es gibt noch ein wenig telefonieren, ein wenig zocken und dabei ein wenig Dokus schauen und dann ist es auch schon halb 2 und ich trolle mich in mein Bett. Müde bin ich nicht. Aber ich muss schlafen. Für morgen gibt es schon eine neue Liste. Ich werde zu Mama fahren und in den Garten. Und dann den restlichen Kram auf der Liste erledigen. 

Es hilft mich auf 5 Dinge zu beschränken, es hilft mit den Spoons zu haushalten und es hilft einen kleinen Überblick über das Chaos zu haben, eine Anleitung, einen Plan. In den kommenden Tagen werde ich mich also daran entlang hangeln. Meine eigene kleine Löffel-Liste zum Durchhalten. Vielleicht ergänze ich sie noch um ein wenig Ausgleich, um Dinge, die mir gut tun und im Idealfall keinerlei spoons erfordern. 

Wortlos. 

Weil ich es momentan einfach nicht schaffe, weil es sich so scheiße anfühlt, weil da so viel Chaos ist, weil mir tatsächlich einfach die Worte fehlen, hier einfach ein Auszug aus einer Mail, die ich an die liebe Traumagruppentherapeutin geschrieben habe… 

[…] 

Nach 7 Tagen bin ich am Freitag wieder heim gekommen. Eigentlich relativ guter Dinge. Stabiler, nicht mehr akut suizidal. Und dann brach sich meine Mutter vorgestern den Fuß. 

Und nun sitze ich heulend auf meinem Sofa, überfordert mit mir und der Welt. Ich komme mit meiner eigenen Wohnung momentan nicht auf einen grünen Zweig, sobald ich ein Ende halbwegs ordentlich habe ist es am Anfang wieder ein Chaos und ich schaffe es nicht dagegen anzukommen. Und dann ist da meine Mutter, die alleine kaum etwas schafft momentan, die nicht mal einkaufen kann und der Garten, der Pflege braucht. Es überfordert mich, gnadenlos. Meine eigenen Baustellen und dann dazu noch meine Mutter und alles dort. Meine Schwester arbeitet und steht kurz vorm Kolloquium, sie tut schon was sie kann nach der Arbeit, aber alles andere bleibt an mir hängen. 

Ich würde mich so gerne in die Sicherheit der Selbstverletzung flüchten, darin meinen Halt finden in der ganzen haltlosen Situation, ich verliere einfach wieder den Boden unter den Füßen, den ich mir in der Klinik so mühsam zurückerobert habe und es macht mich wahnsinnig. Es scheint momentan so endlos, eine Aneinanderreihung von Scheiße an Chaos an Scheiße mit viel zu kurzen Pausen dazwischen um mal Luft zu holen. So gerne würde ich einen Teil davon wegschneiden um irgendwie zu funktionieren, irgendwie klar zu kommen, einfach nur, damit ich nicht untergehe. Ich denke darüber nach stattdessen in die Sorglosigkeit aus Drogennebel zu verschwinden, mich einfach aus der Welt zu beamen, Hauptsache es irgendwie aushalten. Das aktuelle Chaos und die ganze Traumascheiße und die Vergangenheit. 

Und gleichzeitig schreit in mir drin alles, weil ich so gerne etwas positives schreiben würde, weil ich den ganzen Text nun zum vierten Mal tippe und es sich so miserabel anfühlt zuzugeben, dass ich gerade einfach nicht mehr kann und die Gedanken an Destruktivität so viel Raum einnehmen. Ich schaffe es nicht mal mehr zu bloggen aktuell, weil es sich anfühlt wie versagt zu haben, dass er gerade ist wie es ist. 

Sorry für den langen Text, aber ich glaube es ist gut, dass es mal raus ist. Und ich schicke es nun einfach ab, bevor ich alles wieder lösche und stattdessen ein „ach, es läuft ganz okay“ schreibe. 

[…] 

Ihr müsst alles wagen, doch der Kampf wird hart. 

Gestern stiegen Selbstverletzungsdruck und Anspannung und Suizidalität irgendwann. Ich weiß nicht, ob es am Mitpatienten lag, der mich am Arm fasste und auf meine Erwiderung mich bitte nicht einfach anzufassen das selbe einfach nochmal tat oder an etwas anderem. Eigentlich hatte ich die Anspannung nach diesem Ereignis wieder runter geskillt. Hatte mir von Pfleger Arschkeks ein wenig Farbe auf die Haut bringen lassen. Mich bei Schwester Nathalie ausgekotzt und mir Eiswürfel abgeholt. 

Doch abends stieg meine innere Unruhe so immens, dass sie auch zur äußeren Unruhe wurde. Ich lief auf der Station hin und her, holte mir irgendwann Bedarf und schaffte es dann halbwegs ruhig äußerlich mit ein paar Mitpatienten auf dem Balkon zu sitzen und den Impuls mich einfach runter zu stürzen zu unterdrücken. Sonderlich viel mehr als gebrochene Knochen hätte es mir eh nicht eingebracht, von daher lasse ich solche Aktionen einfach ganz, außerdem sagt Pfleger Kai ja immer, dass man in seinem Dienst nicht vom Balkon springen darf. 😉 

Als Schwester Sabine dann meine diary card sehen will und die 5 entdeckt und mich vor Anspannung zitternd vor sich stehen sieht, ist also erstmal wieder skillen dran. So stehe ich mit ihr am Pflegestützpunkt, skille mich durch mein Notfalltäschchen, bis ich irgendwann den Koller kriege und ins Bad gehe, meine Arme unter den Wasserhahn halte und Minute um Minute das eiskalte Wasser darüber laufen lasse. „Gehen wir ein bisschen“ sagt Sabine einige Zeit später und wir ziehen unsre Runden über die Station. Sie sagt, dass das Arbeiten mit mir ganz anders ist als früher. Dass ich gereifter wirke. Dass schon meine Reaktion auf ihr Klopfen an der Badtüre und die Tatsache, dass die Tür unverschlossen blieb zeigt, dass ich weiter bin. Früher hätte ich nicht reagiert, hätte die Türe verschlossen und anstatt zu skillen hätte ich versucht mich auf irgend eine Art und Weise zu verletzen. Bis jemand mit dem Schlüssel die Türe aufgesperrt und aus dem Bad geholt hätte. 

Vieles ist anders als früher. Und ich bin froh drum. Ich bin mir zum Beispiel auch ziemlich sicher, dass ich nicht in 4 oder 5 Wochen wieder hier sein werde, so wie es der Psychopeut indirekt in unserem Gespräch meinte. Das war sowieso größtenteils sinnfrei, denn er begann mit mir über die Dauer der stationären Krisenintervention zu diskutieren. Er wollte 5 Tage festlegen als feste Dauer für zukünftige Situationen. Ich könnte dann ja immer noch sagen, dass ich die zwei Tage mehr brauche, wenn es soweit sei. Als ich ihm erkläre, dass es so rum bisher nie funktioniert hat hier, dass es meistens entweder ein endloser Kampf war den Abstand zwischen den Intervallen wieder zu verkürzen oder es einfach verneint wurde, stimmt er mir nicht zu. Er meint ich wäre trotzig und wolle einfach nicht zustimmen, weil ich erkläre, dass mich die Vorstellung hier her zu kommen mit dem Gefühl versagt zu haben inklusive dem Wissen, dass ich eine aussichtslose Diskussion über die Länge meines Aufenthalts führen muss, definitiv größtenteils davon abhalten wird in Notsituationen zu kommen. Ich sage ihm, dass er sich ja scheinbar von seiner Meinung auch nicht abbringen lässt, woraufhin er verneint und ich überlege, ob ich die vergangenen Minuten mit jemand anderem diskutiert habe. „Na, wenn Sie Ihre Meinung also doch ändern können: ich möchte weiterhin die 7 Tage als Möglichkeit, wenn es mir früher schon besser geht, dann gehe ich früher. In diese Richtung funktioniert das nämlich besser als andersrum.“ – „Dann bleiben wir eben bei den 7 Tagen“ erwidert der Psychopeut und ich wundere mich nochmals über diese sinnfreien letzten Minuten. 

Als alles skillen und reden und laufen nichts bringt schickt mich Schwester Sabine ins Bett. „Wie viel Sicherheit brauchen Sie von uns?“ fragt sie mich und ich zucke mit den Schultern, weil ich völlig fertig und überfordert bin. „Okay. Wenn Sie nicht entscheiden können, dann entscheide ich für sie. Wir lassen die Türe auf und ich komme regelmäßig kucken.“ Ich nicke zur Bestätigung und bin froh, dass sie mir die Entscheidung abnimmt. „Ich gehe noch eine rauchen“ murmle ich. „Okay, eine Zigarette, dann ins Bett? Versuchen Sie zu schlafen, vielleicht wirkt der Bedarf bald. Und wenn was ist, dann kommen Sie. Ich verlasse mich darauf, dass Sie kommen.“ Ich würde sie am liebsten knutschen für ihre Worte und ihr Handeln an diesem Abend, doch ich bin einfach zu kaputt um auch nur zu lächeln. 

Also rauche ich, trolle mich ins Bad (unterbrochen von einem „Ist alles okay da drin?“ von Schwester Sabine) und verkrieche mich dann im Bett. Während ich mich noch ein wenig mit dem Handy ablenke, mich in meine Kuscheldecke kuschel und mein Einhorn-Kisse fest an mich drücke, schaut sie regelmäßig ins Zimmer. Und irgendwann schlafe ich dann ein, mit dem Hörbuch in den Ohren und dem Bedarf im Körper und Dankbarkeit für die Unterstützung an diesem Abend. 

Der Tag heute war okay. Abgesehen davon, dass ich wegen Bedarf ziemlich matschig bin und eigentlich Schlaf gebraucht hätte. Doch die Nacht war um kurz nach 7 vorbei, als meine Zimmernachbarin anfing zu jammern. Nach dem Frühstück klingelte dann mehrfach das Patiententelefon auf dem Flur, welches fast direkt neben meiner Zimmertüre hängt. Dann kam meine andere Mitpatientin ins Zimmer geschneit und erzählte mir tausend Dinge, also wieder kein Schlaf. Nach dem Mittagessen verkroch ich mich dann nochmal unter die Decken, doch dann schnarchte die Zimmernachbarin in den lautesten Tönen. Nach Aufstehen und Rauchen war ich gerade mit eBook fast beim einschlafen war… Klingelte ihr Telefon am Bett. 

Und nun bin ich hoffentlich so müde, dass ich einfach nur noch bald einschlafe. Morgen geht es heim. Mir wird der sichere Rahmen fehlen, denn zuhause weiter kämpfen ist einfach schwerer als in einer sicheren Umgebung mit ständigem Ansprechpartner, aber es ist nun auch wieder an der Zeit den sicheren Rahmen zu verlassen und weiter meinen neuen Weg zu gehen und ich denke, dass ich dafür auch wieder ausreichend „unsuizidal“ und stabil genug bin. Es wird Zeit wieder heim zu gehen. Und ich freue mich schon so unglaublich auf mein Katerkind, auf sein Schnurren und sein Fell und sein Miauen und seine Nähe. Und auf die Wutzis, das Quietschen und Mampfen und Rascheln. Und auf meine Wohnung, mein Bett, meine Freiheit. 

Du musst so schnell sein wie wildes Wasser.
Du musst so stark sein wie ein Taifun.
Du musst so heiß sein wie Höllenfeuer –
geheimnisvoll zugleich, so wie der Mond! 

Irgendwann schließt sich der Kreis. 

Die letzten 3 Nächte habe ich wieder normal geschlafen. Einigermaßen. Zwar nicht so erholsam wie früher, aber immerhin Schlaf.  Bis dahin war es furchtbar. Mal okay, dann klappte es wieder fast gar nicht und ich schlafe dann irgendwann auch nur, weil ich so erschöpft bin. Meine diary card besteht in der letzten Woche fast nur noch aus den Zahlen 0-3 im Feld Schlaf. Wirklich gut habe ich seit zwei Wochen nicht mehr geschlafen. Eine Nacht, nach der man einfach erholt aufwacht. Ich vermisse es unglaublich und ich frage mich, wie lange mein Körper eigentlich noch mitmacht. 

Letzte Woche kam ich zumindest mit meinem Zeugnis endlich mal weiter. Ich hab es der Abteilungsleiterin für meine Ausbildung in der Schule gebracht und ihr die Situation erklärt. Sie will sich darum kümmern, dass ich endlich die Fachhochschulreife anerkannt bekomme. Man könnte nicht meinen, dass ich in einem anderen Bundesland die Schule besucht habe, es nimmt Ausmaße wie die Schulbildung eines komplett anderen Kontinents an. Mit zwei Bildungsministerien kommunizieren, bei dem das eine mir erklärt, dass die Mitarbeiter des anderen doch unfähig sind, darüber diskutieren, dass die Zeugnisse im anderen Bundesland nun mal nur eine Seite haben und keine vier wie hier, dass ich auch ohne schriftliche Prüfung einen mittleren Bildungsabschluss habe (Himmel, hätte ich mich sonst überhaupt an der Schule anmelden können?!), es ist mir wirklich auf den Keks gegangen. Nun hoffe ich einfach, dass die Abteilungsleiterin das ganze geklärt bekommt ohne weitere Dramen, denn ich mag einfach nicht mehr. 

Am Freitag war dann der Termin bei der Rentenversicherung. Tja. Ich habe noch nicht genug Zeit für die Erwerbsminderungsrente. Aber eine volle Rente ginge. Die sind doch auch bluna, wenn ich noch arbeiten/studieren/was auch immer will und sie weniger koste, dann klappt es nicht, wenn ich aber nix mehr mache, dann klappt es. Allerdings hätte ich theoretisch genug Jahre, denn da ist noch das Praktikum, dass ich für die Ausbildung gebraucht habe. Allerdings haben die (warum auch immer) keine Beiträge in die Rentenversicherung gezahlt. Obwohl sie müssten, trotz unentgeltlichem Praktikum. Sagt das SGB. Also werde ich da nun nachfragen müssen, was da schief lief. Denn mit dem Jahr könnte ich den Antrag stellen… Chaos. Da schreibt einem die Rentenversicherung, dass man einen Antrag stellen soll, man hat aber noch gar kein Recht drauf. Was ein Käse. 

Danach musste ich mich betrinken. Ich habe einen Ehemann Klassenkameraden getroffen und mir eine Ladung Cola-Weizen gegönnt, was mit Medis und in der prallen Sonne ziemlich viele Umdrehungen verursacht hat. Aber es tat auch gut einfach mal ein wenig dysfunktional zu sein ohne dabei wirklich ‚Problemverhalten‘ an den Tag zu legen. 

Gestern habe ich mich dann auf den Weg in die Hauptstadt gemacht und von dort aus noch 3 Bahnhöfe weiter zu Mama. Wobei dort nun kein Bahnhof mehr ist. Man muss über die Gleise und zwei Menschen lassen bei jedem Zug die Schranken runter und ziehen sie danach wieder hoch. Auch ein sehr undankbarer Job… 

Bei Mama traf ich dann auf ihre aktuelle/ehemalige/wieder beste Freundin. Was die zwei eigentlich miteinander für ein Problem hatten wissen sie wohl beide nicht mehr, jedenfalls haben sie nun wieder Kontakt. Sie kennt meine Mutter über ihren Ehemann, der ein guter Freund ihres damaligen Ehemannes war – meines Vaters. Schon an dem war zeigt sich, dass auch diese Freundschaft in die Brüche ging, wie fast alle, die mein Vater jemals hatte. Sie bietet mir an mich zum Bahnhof in die Hauptstadt mitzunehmen, doch da wir zu spät sind und ich eine Stunde auf die nächste Bahn warten müsste, fährt sie mich dann doch bis nach Hause. Auf dem Weg reden wir fiel. Sie war damals einer der ersten Menschen nach meinen Eltern, der mich nach der Geburt auf dem Arm hielt. Sie kennt mich also, seit ich ein winziges schreiendes Wesen war. Sie fragt nach, warum ich keinerlei Kontakt mehr zu meinem Vater habe und ich erzähle ihr die Wahrheit, nicht die halbe Geschichte, wie ich es sonst immer tue. Es fühlt sich merkwürdig an, denn es ist immer noch so neu, dass ich diese Worte ausspreche, dass ich sage, dass da mehr war als nur die Gewalt und die gefühlsmäßige Scheiße. Ihre Antwort darauf ist „Also war es doch so.“ und ich bin überrumpelt. 

Sie erzählt mir, dass es Situationen gab, die sie sowas vermuten ließen. Damals, als meine Eltern grade ihre Trennung durch hatten und ich bei ihr schlief. Und sie erzählt, dass mein Vater meine Mutter damals überredete in die Klinik zu gehen. Sie bräuchte das nun, nach dem Stress, der Trennung, der bevorstehenden Scheidung. Ob er damals schon plante sie später als verrückt darzustellen, weil sie ja in der Psychiatrie war? Ob er damals schon im Hinterkopf die Pläne hatte, mich einfach mitzunehmen und das alleinige Sorgerecht zu beantragen? Ich würde es ihm zutrauen, dass das alles eine durchdachte Sache war. Nicht aus Liebe zu mir (haha.), sondern einfach nur um sie zu treffen, zu verletzen. 

Die Erzählungen machen mich einerseits wütend und hilflos, andererseits helfen sie mir. Das Gefühl und die Gedanken, dass ich vielleicht das ganze nicht erlebt habe, sondern es ein verrücktes Hirngespinst meiner kaputten Psyche ist, sind zwar weniger als früher, dennoch habe ich sie eben. Aber solche Dinge bestätigen mir, dass meine Erinnerungen echt sind. Dass die Flashbacks wirkliche Erfahrungen waren, dass die Schmerzen, die ich so oft spüre, tatsächliche Körpererinnerungen sind, dass dieses unbeschreibliche und furchtbare Trauma Wirklichkeit ist. So sehr es schmerzte, es ist passiert. 

Die ganzen Puzzleteile, die sich seit der Traumatherapie und seit dem Zeitpunkt, an dem ich anfing darüber zu sprechen, an allen möglichen Orten finden, setzen sich zu einem Ganzen zusammen. Langsam, aber stetig. Gemeinsam mit den Puzzleteilen, die schon mein Leben lang da waren, aber sich nicht zu einem Bild zusammensetzen ließen. Langsam machen all die Gefühle, Gedanken, Erinnerungen, Flashbacks und Schmerzen, mein Verhalten und die Scham einen Sinn. Und es hilft, denn ich kann so viele unsinnige Dinge plötzlich anders sehen. Es macht auf einmal Sinn, wie damals, als die adhs-Diagnose kam. Plötzlich passt es. Und obwohl es schmerzt dieses Puzzle zusammen zu setzen, so ist es doch Teil von mir, auch wenn ich manchmal immer noch versuche es zu verdrängen. 

Und ich bin froh, dass ich ein paar tolle Menschen in meinem Leben habe, die diesen schmerzvollen Weg mit mir gehen. Die an meiner Seite sind und mich stützen und mir Kraft geben. 

Noch bin ich ein wenig neben der Spur aufgrund des neuen Wissens von gestern. Ich brauche Zeit, um es sacken zu lassen, um es zu verarbeiten und einzuordnen. Und ich bin froh, dass diese Woche Therapie ist, denn ich brauche einen Ort, an dem ich das teilen und sortieren kann. Und ich muss bei dem Gedanken schmerzlich lächeln, denn vor ein paar Jahren saß ich der Therapeutin noch gegenüber und bin fast ausgeflippt, als sie fragte, ob da mehr gewesen sein könnte damals. Tja. So ändern sich die Dinge… 

Und nichts hält dich auf
Nichts bringt dich zum stehen,
Denn du bist hier,
um bis ans Ende zu gehen
Kein Weg ist zu lang,
Kein Weg ist zu weit,
Denn du glaubst an jeden Schritt,
weil du weißt
irgendwann schließt sich der Kreis
irgendwann schließt sich der Kreis

depressiv 

Am Montag war ich zum ersten Mal bei der Nachsorge in der Reha-Klinik. Es ist eine Gruppe mit allen möglichen Menschen, ich bin mal gespannt was noch so auf mich zukommt dort. Die Therapeutin mag ich auf jeden Fall. 

Heute stand um halb 8 ein Arzttermin auf dem Plan. Vermutlich wird meine Hausärztin ’nen Koller kriegen, wenn sie meine Blutwerte sieht. Essen klappt derzeit nämlich quasi gar nicht. 

Vor 3 Tagen fiel mir dann auf, dass ich die letzte Zeit versehentlich nur die Hälfte meiner Abendmedis genommen habe. Es wäre eine mögliche Erklärung für das aktuelle Loch. Und auch für mich die ‚einfachste‘, denn daran kann ich ja relativ schnell etwas ändern. Beziehungsweise habe ich schon, denn direkt abends habe ich dann wieder die richtige Dosis genommen. 

Neben der Erleichterung, dass es einen so logischen Grund für das Loch geben könnte, sind da auch Selbstvorwürfe. Wie dämlich konnte ich denn sein? Ich weiß, welche Konsequenzen es hat Medis zu vergessen oder falsch zu nehmen und ich bin so froh, dass es mit der aktuellen Medikation so gut funktioniert. Und dann nehm ich die falsche Dosis, Glückwunsch. Ich könnte mir echt selber in den Hintern beißen. 

Und da wären wir dann mal wieder beim leidigen Thema Selbsthass. Momentan könnte ich unendlich viele Dinge aufzählen, die nicht funktionieren. Die ich nicht schaffe, die mich überfordern, die mich an meine Grenzen bringen. Ich kann dies nicht und das nicht, müsste hier und dort, sollte man dieses und jenes. 

Doch ich versuche es nicht zuzulassen. Ich versuche die Dinge zu sehen, die gut funktionieren. Ich bin immer noch selbstverletzungsfrei. Die Suizidgedanken sind relativ leise und gut auszuhalten. Und obwohl es so schwer ist war ich bisher doch irgendwie jeden Tag vor der Türe, ob nun ’nur‘ zum Einkaufen oder um einen Freund in der Klinik zu besuchen. Und ich habe es auch geschafft jeden Tag mindestens ein wenig im Haushalt zu tun. Ich bin also eigentlich nicht völlig unfähig derzeit, auch wenn es sich so anfühlt. 

Morgen bin ich mit Mama verabredet und am Sonntag kriege ich mein Tattoo. Ich freue mich schon total. 

Ich versuche einfach weiter zu machen und zu hoffen, dass es schnell wieder vorbei geht. Auch wenn es sich gerade so endlos anfühlt, ich weiß, dass es wieder vorbei gehen wird. Ich muss nur da durch. Ich muss ’nur‘ den Druck aushalten und die Grütze in meinem Kopf. Es wird besser. Es wird besser. Es wird besser. Nur nicht aufgeben.  

Well, we dreamed our lifes and lived our dreams

Mit gemischten Gefühlen gehe ich heute morgen aus den Haus. Mein letzter Kliniktag liegt vor mir. Ein letztes Mal Frühtreff, ein letztes Mal Massage, ein letztes Einzel. 

Nach der Massage bin ich gerade auf dem Weg zum Rauchen, als das laute Geräusch eines Hubschraubers mich aufblicken lässt. Ich erkenne den Schriftzug an der Seite mit dem Namen und der Nummer und mir wird flau im Magen. Es ist eben jener Hubschrauber, der vor einigen Jahren vor meinen Augen landete und wieder abhob. Ich war damals noch in der Ausbildung, gerade im Praktikum, es war Ferien, wir waren mit den drei jüngsten Kids, 3 Geschwistern, der Wohngruppe auf einem Besuch bei einer Kollegin im Rahmen der Ferienzeit. Die jüngste stolperte und fiel rückwärts ins Feuer der Grillstelle. Für mich war das damals richtig heftig, denn meine Kollegen waren ein wenig überfordert, ich wählte den Notruf und lotste den Krankenwagen zum Haus, versuchte währenddessen noch die beiden Brüder der Kleinen nicht aus den Augen zu lassen und sie abzulenken. Wir besuchten den Piloten, während der Notarzt die Kleine versorgte, ließen uns den Hubschrauber zeigen, winkten ihm beim Abheben nach. Der Kleinen geht es übrigens gut, sie hatte Glück im Unglück. 

Und dann landet er da heute und ich rieche den Rauch und verbrannte Haare, höre die Schreie. Prima. Also versuche ich mich abzulenken, telefoniere kurz mit der kleinen Hexe, verziehe mich hinters Haus, um dem Anblick des Hubschraubers zu entgehen. Dann mache ich mich auf den Weg zu meinem letzten Einzel. 

Ich berichte kurz von dem Hubschrauber und von damals. Dann gehen wir die Formalitäten durch. Den Kurzbrief, den Entlassungsbericht. Anschließend reden wir noch ein wenig. Über die dbt, ich erzähle von unserer Bordi-Truppe und einem Ereignis vor ein paar Tagen, das damit zusammen hängt. Er sagt mir, dass ich große Fähigkeiten habe in vielen Bereichen. Ich frage ihn nach seiner Klinikmailadresse und verspreche ihm mal zu schreiben, wenn ich einen Anfall von Stolz habe. Und zum Abschied kriege ich ein Blatt der Flipchart. Nachdem er bei einem Einzel so völlig begeistert groß „Stolz“ quer über die Seite schrieb, weil ich sagte, dass ich doch ein wenig stolz auf mich bin. Und so ziert nun ein großes Blatt meine Wand über dem Bett, direkt neben den Fotos von Freiburg, dem Lebensvertrag und dem Zertifikat der dbt. 

Mehr Künstlerisches könne er nicht bieten, aber das interessiert mich wenig, denn ich freue mich ungemein. 

Es fällt mir schwer ein letztes Mal das Büro zu verlassen. Ich konnte mit dem Therapeuten wirklich gut arbeiten und es ist schade, dass die Zeit so begrenzt war. Auf der anderen Seite habe ich die Wochen so gut wie möglich genutzt und habe auch das Gefühl, dass es erst einmal genug ist. 

Ich erledige noch den Bürokratiekram mit der Entlassungsbescheinigung und beginne dann mich zu verabschieden. Ich habe viele Leute kennen gelernt und zu einigen wird der Kontakt sicherlich auch weiterhin bestehen. 

Auf dem Weg nach Hause begleiten mich ein Lächeln auf den Lippen, die Sonne, Fury in the Slaughterhouse mit „Won’t forget these days“ und Stolz. Nicht nur als zusammengefaltetes Papier im Beutel, sondern auch im Kopf und im Gefühl. 

Und so finden nun also sieben intensive, anstrengende, kraftraubende, aber auch positive und bewegende Wochen ein Ende. Ich konnte für mich selbst einiges erreichen und lernen. Ein weiteres Stückchen Weg liegt hinter mir. Und: ja, ich bin stolz. 

Nun geht es also weiter. Morgen steht erstmal das Arbeitsamt auf dem Plan, juhu, ich könnte hüpfen vor Freude. Am Wochenende geht es wohl in die dbt-Stadt. Ein wenig Lieblingsmenschen und abschalten. Und zwischendurch vielleicht immer wieder ein wenig stolz sein. 

Won’t forget these days
And I never thought I would
Won’t forget these days

I wanna scream till the words dry out

„Können Sie es vorlesen?“ fragt der Therapeut am Donnerstag, als ich das Blatt aus meinem Beutel angel. Ich schüttel heftig den Kopf. „Darf ich es dann vorlesen?“ „Wenn es unbedingt sein muss…“ antworte ich ihm und schiebe ein „Ich glaube es ist okay.“ hinterher. 

Und so beginnt er die Worte zu lesen, die mich gleichzeitig etliche Jahre zurück und viele Kilometer weit weg tragen. Ich bin wieder dort und ich bin wieder das kleine Mädchen. Und gleichzeitig sitze ich im Büro des Therapeuten und bin erwachsen. Den Ball in meiner Hand drücke ich so fest, dass es schmerzt. Der Therapeut macht immer wieder Pausen, fragt wie es mir geht, ob es noch geht. 

Als er die letzten Worte liest und aufblickt bin ich gerade dabei möglichst ruhig und tief zu atmen, weil ich das Gefühl habe zu ersticken und krame in meinem Skillsbeutel nach einem sauren Bonbon um mich einerseits in der Realität zu halten und andererseits den Geschmack in meinem Mund zu vertreiben. Mir laufen die Tränen. 

Wir fangen an die Gefühle aufzudröseln. Die Flipchart muss herhalten und der Kreis auf dem weißen Papier füllt sich mit Gefühlen und Gedanken. Ein kurzes Lächeln blitzt über mein Gesicht, denn ich muss an meine Therapeutin in Freiburg denken, sie wäre begeistert von den ganzen Gefühlen, die ich so klar sehen und benennen kann mittlerweile. 

Da sind Wut und Angst und Ekel und Scham. Und natürlich Schuld und Selbsthass. Und während die Gedanken dazu ihren Platz finden, während all diese alten Glaubenssätze aus meinem Kopf aufs Papier kommen, ändert sich etwas an der Verteilung der Gefühle. Die Wut nimmt mehr Raum ein. Denn da ist das völlig rationale und professionelle Hirn der Erwachsenen in ihrer Berufsrolle, die sich vorstellt dieses Kind vor sich sitzen zu haben. Und so finden auch andere Sätze ihren Platz auf dem Papier. Die gesunden Sätze, die Sätze, die sagen, dass es vorbei ist, dass Kinder niemals die Schuld tragen, dass ich wütend sein darf. Diese rationale Betrachtungsweise ändert mittlerweile doch auch ein wenig die Gefühle. Sie ermöglicht es mir wütend zu sein und es zu akzeptieren. Sie lindert die Angst, denn es ist vorbei. Die Scham bleibt, denn es ist passiert und ich schäme mich dafür. Die Schuld lässt sich auch nur wenig beeindrucken, denn das Gefühl ist so fest mit meinem Ich verwurzelt, dass es sich nur zögerlich und in winzigen Schritten ändern lässt. Der Selbsthass bleibt, aber wird leichter auszuhalten. 

Und so sitze ich am Ende der Stunde da und bin erstmal erledigt. Es war anstrengend und schmerzhaft und ich bin wieder mal froh, dass ich dem Impuls zu schneiden nicht nachgeben kann, da ich aufgehört habe immer eine Klinge dabei zu haben. 

Doch so schrecklich es auch manchmal ist, ich merke immer wieder, dass es mir gut tut und hilft. Es wird leichter zu sprechen. Leichter zu schreiben. Und leichter die richtigen Dinge zu fühlen, die Gefühle zuzulassen, die da hin passen und nicht den ganzen anderen Kram. Es ist erstaunlich, ich hätte nicht gedacht, dass diese paar Stunden Therapie während der Reha da irgendwas verändern können. 

Und weil ich doch ein wenig stolz auf mich bin, weil ich mir gerne was gönnen möchte und weil mein Handy auf dem morgendlichen Weg zur Klinik drei Mal Suizid beging, stöbere ich ein wenig auf der Seite meines Festnetzanbieters herum, denn ich habe die Möglichkeit mir dort ein Handy zu finanzieren und weniger als eigentlich zu bezahlen, da ich bestehender Kunde bin. Und als bekennender HTC-Liebhaber hüpfe ich anschließend fast vor Begeisterung, denn das neue Smartphone ist verfügbar. Also telefoniere ich kurz mit dem Festnetzanbieter, wie es aussieht mit Konditionen („Naja, eigentlich würde ich ja meinen Vertrag kündigen, ich habe ja schon mit ihrem Kollegen gesprochen wegen Angeboten, ich bin da noch soooooo unsicher, neues Handy, hmmmm, ich weiß ja nicht… „) und mache dann erstmal ein paar Leute wahnsinnig, weil ich nicht weiß ob ich das wirklich tun soll. Schließlich drücke ich doch auf den Button, bekomme kurz darauf eine Mail mit der Bestätigung und habe also ein neues Handy. Und sofort macht sich das schlechte Gewissen breit. Denn der Gesamtpreis ist einfach so viel Geld! Über die Finanzierung und mit dem Bonus als Kunde ist es eigentlich nicht viel, aber zusammen… Wusa! Ich hadere noch eine Weile mit mir, bis ich angedroht bekomme, dass mir jemand gleich mal auf den Hinterkopf schlägt. Dann ist es halbwegs okay und ich warte sehnsüchtig auf eine Mail, dass das Paket unterwegs ist. Die kam gestern und heute morgen aktualisiere ich zuallererst den Status und hoffe, dass es wirklich heute kommt. 

Und dann klingelt es und ich hüpfe begeistert zur Tür, freue mich, die Postbotin freut sich mit mir und kurze Zeit später packe ich mein neues Handy aus. Ein Träumchen! Da ich beim gleichen Hersteller bin gibt es nicht viel Umgewöhnen. Also installiere ich Apps, richte ein, mache dies und das. Und ich freue mich, denn ich habe mir was gegönnt und da mein altes Handy langsam wirklich nicht mehr das tut, was ich von ihm möchte, ist es noch nicht mal nur Luxus. 

Wenn ich unterwegs bin, dann höre ich eigentlich immer Musik. Streaming ist eine feine Sache, man kann quasi fast alles überall hören. Ich nutze gerne diverse Playlists, da kann man immer wieder Sachen neu oder wieder entdecken. So ging es mir am Freitag mit einem Lied, dass ich eigentlich kenne, aber eigentlich noch nie so sonderlich genau auf den Text geachtet habe. Anders am Freitag auf dem Weg zur Klinik. Und so läuft das Lied auf dem Rückweg hoch und runter, in Originalversion und verschiedenen anderen Versionen. Und es trifft momentan so unglaublich gut zu. 

You’ve got the words to change a nation
But you’re biting your tongue
You’ve spent a life time stuck in silence
Afraid you’ll say something wrong

Worte waren schon immer ein Halt für mich. Ob früher in Büchern oder heute auch beim Schreiben. Und so oft Schweige ich. Aus Angst. 

You’ve got a heart as loud as lions
So why let your voice be tamed?
Baby we’re a little different
There’s no need to be ashamed
You’ve got the light to fight the shadows
So stop hiding it away

There’s no need to be ashamed. Das sage ich mir momentan ständig und das sagen die Fachmenschen und die Mitmenschen. Die letzte Person, die sich schämen sollte, bin ich! 

I wanna sing, I wanna shout
I wanna scream till the words dry out
So put it in all of the papers
I’m not afraid
They can read all about it
Read all about it 

Und genau so fühle ich mich derzeit oftmals. Ich will nicht mehr schweigen, ich will es rausschreien, all die schlimmen Dinge und all den Schmerz, ich will brüllen bis meine Stimme versagt, bis all die Worte aus mir raus sind, bis es okay ist. 

Und ja, mittlerweile kann es auch öffentlich hier stehen (wenn auch fast komplett anonym, abgesehen von den Leuten, die mich privat kennen und den Blog lesen.) I’m not afraid. They can read all about it. Ich habe keine Angst mehr zu schreiben. Keine Angst mehr die Worte zu formulieren. Ich weiß, dass ich nicht daran sterbe. Es bringt mich nicht um in Worte zu fassen was geschehen ist. Und ich habe keine Angst mehr dies über diesen Weg zu tun. Denn ich will auch anderen die Angst nehmen, ich will auch andere ermutigen ihr Schweigen zu brechen. Ich will anderen geben, was mir so lange fehlte: das Gefühl nicht alleine zu sein. Und den Mut, dass es leichter werden kann damit zu leben. 

I wanna sing, I wanna shout
I wanna scream till the words dry out
So put it in all of the papers
I’m not afraid
They can read all about it
Read all about it 

Would it matter at all

In der Traumagruppe am Freitag stürze ich ab. Die Anspannung überflutet mich wie eine riesige Welle, drückt mich unter Wasser und nimmt mir die Luft. Ich spüre den Selbstverletzungsdruck körperlich. Ich stehe auf und gehe. Finde mich an der Wand auf der Toilette wieder, mit zitternden Knien. Als ich meinen Beinen wieder halbwegs trauen kann gehe ich raus. Rauche. Skille. Die Liste runter und hoch. Die Anspannung lässt mich nicht los. Zum Ende der Gruppe betrete ich den Raum wieder, schnappe meine Sachen und warte, bis meine Mitpatienten den Raum verlassen. 

Es fällt mir unglaublich schwer Worte zu finden, auszusprechen, was in mir tobt. Genauso schwer fiel es mir den Weg zurück zur Gruppe zu gehen, anstatt einfach zu handeln. Doch in meinem Kopf taucht die DBT-Klinik auf, das Büro von Frau K., meiner Psychologin dort, und der Tisch mit dem Lebensvertrag darauf. Ich sehe ihre Unterschrift neben der von mir und der Unterschrift der Oberärztin. Höre ihre Worte. Und das bringt mich zurück, trägt mich die Stufen nach oben, hält mich, als ich mit mir und den Worten kämpfe. 

„Ich kann gerade nicht dafür garantieren, dass ich mir nichts antue.“ sage ich der Therapeutin. Sie versucht mit mir zu überlegen, was helfen könnte. Doch ich schaffe es nicht. In meinem Kopf ist kein Platz, alles in mir will nur noch aufhören zu leben. Also geht sie mit mir nach unten in die medizinische Zentrale. Verspricht mir, dass sie direkt wieder da ist und überlässt mich der Obhut einer Schwester. Von ihr kriege ich erstmal Bedarf. Dann spricht sie mit mir, fragt was los ist. Ich sage ihr, dass ich nicht mehr will. Nicht mehr kann. Sie fragt nach, wie konkret das in meinem Kopf ist. Nach meiner Antwort verschwindet sie vor die Tür, ruft auf dem Team an. Sagt, dass die Sache zu heikel ist, fragt nach einem Arzt. Die Therapeutin kommt wieder, redet mit ihr, gemeinsam versuchen sie jemanden aus der Mittagspause zu holen. Kurz darauf fragt die Schwester, ob sie mir vielleicht einen Coolpack bringen soll. Ich nicke und sitze kurz drauf am ganzen Körper zitternd vor Anspannung mit dem Coolpack in dem Zimmer, sie vor mir, die Therapeutin neben mir. Immer wieder drifte ich weg und kann mich nur mit viel Mühe in der Realität halten. 

Dann taucht der leitende Psychologe auf, der gleichzeitig auch der Supervisor des Teams ist. Er fragt, ob wir in sein Büro gehen wollen und ich nicke abermals. Ich folge ihm, die Therapeutin folgt mir. 

In seinem Büro fragt er, was los war und ist, fragt die Therapeutin. Ich berichte, sie berichtet. Er betrachtet mich und fragt, ob ich bereit wäre etwas zu probieren. Ich nicke und er räumt den Tisch frei. „Armdrücken!“ verkündet er. Ich soll meine ganze Kraft rein legen, er hält einfach dagegen. Und als ich meine Hand in seine lege und beginne zu drücken, merke ich die Wut in mir. Ich drücke und drücke und schließe die Augen, während mir die Tränen die Wangen hinunter laufen. Danach reden wir. Über das, was gerade da hoch kam. Er fragt, ob ich in etwas mehr als einer Stunde nochmal kommen werde. Ob ich die Zeit bis dahin gut überbrücken kann. Ich nicke und die Therapeutin begleitet mich bis unten zur Eingangshalle der Klinik. Auch sie fragt nochmals, ob es okay ist, ob sie mich gehen lassen kann. Ich nicke wieder und gehe erst mal eine rauchen. Dann drehe ich eine Runde, sitze eine Weile auf einem der Sofas, bringe den Coolpack zurück. Die Schwester fragt, wie es mir geht. Sie bittet mich zu kommen, wenn es nicht mehr geht. Ich nicke und zum ersten Mal kommt wieder ein ehrliches Lächeln über meine Lippen. Als sie eine Weile später Feierabend macht und an mir vorbei geht, lächelt sie mir zu und wünscht mir ein schönes Wochenende. Ich mache mich nochmal auf den Weg zum Supervisor. Wir reden kurz und er verpasst mir einen Termin für Montag, denn er will wissen, wie es mir geht. Und nimmt mir das Ehrenwort ab, dass wir uns Montag sehen. 

Ich bin benebelt vom Bedarf, erledigt von der unglaublichen Anspannung und erschöpft vom Heulen. Zuhause hänge ich rum, schlafe, kaufe ein, schlafe, esse. Aber es ist wieder aushaltbarer, erträglicher. Die Anspannung ist kaum noch spürbar (dank Medis), die Suizidgedanken lassen sich in Schach halten. 

Gestern verschlafe ich dann erst mal. Erst eine Stunde später bin ich am Treffpunkt und fahre mit einer Mitpatientin in die Stadt. Es tut gut raus zu kommen, mich abzulenken, zu bummeln und zu shoppen, auch wenn das schlechte Gewissen im Hintergrund laut brüllt, weil ich mir etwas gönne. Die Medis benebeln mich immer noch gewaltig, trotzdem kann ich zuhause nicht einschlafen. 

Und so bin ich auch heute wieder viel später wach als geplant. Gleich muss ich den Putzmodus anwerfen und hier Ordnung schaffen, denn gegen 4 kommt Mama vorbei. 

Im Gespräch mit dem Supervisor wurde eine Sache wieder relativ klar. Es geht nicht darum, dass ich nicht leben will, so generell. Es geht darum, dass ich so nicht leben will. Er hat mir die Aufgabe gegeben zu überlegen, wie dieses so aussieht und darüber nachzudenken, wie ich leben will und nicht, wie ich nicht leben will. Da muss ich mich mal dran machen, genauso an eine VA. Und ich genieße es ein wenig, dass ich die Möglichkeit und den Freiraum habe die VA zu schreiben wann ich es möchte, ohne Time-Out und den ganzen Kram. 

Und nun geht es ans produktiv sein, Ordnung schaffen, Chaos bekämpfen. 

I know I’m a mess and I wanna be someone

Someone that I like better

Can you help me forget

Don’t wanna feel like this forever, forever

What if I just pulled myself together

Would it matter at all

What if I just try not to remember

Would it matter at all

All the chances that have passed me by

Would it matter if I gave it one more try

If I left tomorrow

Would anybody care

Stuck in this sorrow

Going nowhere

„Crazy“ is, I believe, the medical term

Meistens fallen mir die Narben an meinen Armen gar nicht mehr auf. Sie gehören einfach zu mir, genau wie die Arme, auf denen sie sich befinden oder die ganzen Bänder an meinen Handgelenken. Ich beachte sie meistens nur, wenn sie anfangen zu jucken, oder der Herr Zitronenkater mir beim Spielen Kratzer an den Armen verpasst hat. Und da sich ziemlich viele Narben auf den Armen befinden ist die Wahrscheinlichkeit welche zu sehen, wenn ich Kratzer versorge, relativ groß. Ansonsten betrachte ich sie manchmal, wenn ich darauf angesprochen werde. Als wirklich „schlimm“ empfinde ich sie äußerst selten und bin völlig irritiert, wenn andere sie so sehen. Eine Mitpatientin in der DBT sagte mir irgendwann, dass sie beim Vorgespräch meine Arme gesehen hat und danach erstmal völlig schockiert und auch davon überzeugt war, dass sie die Therapie nicht braucht. Zwei Mitpatientinnen in der Reha sagten mir, dass sie meine Arme wirklich schlimm finden. Und ich stehe dann da und versteh die Welt nicht mehr, weil die „paar Kratzer“ doch nicht schlimm sind… 

Die Narben am Sprunggelenk hingegen, die ich von den 3 OPs nach dem Bruch habe, stören mich ungemein. Dabei sind sie fast verblasst und größtenteils nicht so breit wie die auf den Armen. Völlig kaputte Wahrnehmung. 

Jedenfalls saß ich gestern auf dem Sofa, habe meine Armbänder betrachtet und die am linken Handgelenk nach unten geschoben. Dort finden sich Narben, die nun über 15 Jahre alt sind. Weiß, jedoch nicht so feine Linien wie die anderen Narben aus dieser Zeit. An dieser Stelle war mein „Versteck“. Durch die Armbanduhr, die ich trug, immer verdeckt. Die Stelle, die ich immer und immer wieder nutzte um mich zu verletzen, vor allem im Sommer, damit niemand es sieht. War es doch mal zu wenig Platz, dann wickelte ich mir ein Tuch ums Handgelenk, für viele einfach ein modisches Accessoire, für mich die Möglichkeit meine „Überlebenstrategie“ zu verheimlichen. 

Nur wenige Narben kann ich genau zuordnen. Die beiden am Oberarm zum Beispiel, ich erinnere mich noch an die Verletzung und an den Chirurg in der Ambulanz, der eigentlich Schönheitschirurg war und auf seinen Job in der Ambulanz, und dann auch noch auf so ’ne Irre, die sich selbst verletzt, gar keinen Bock hatte. Dementsprechend sehen die Narben auch aus. Und ich kann die „neueren“ Narben aus den letzten zwei Jahren noch von denen unterscheiden, die aus der Zeit davor stammen. Ich weiß gar nicht mehr wie lange ich frei von Selbstverletzung war. 3 Jahre? Oder 4?Niemals hätte ich gedacht, dass es wieder so abwärts gehen könnte, dass die Selbstverletzung mich nochmal so sehr einnehmen würde. 

Und nun sitze ich hier und es trennt mich nur noch etwas mehr als ein Monat von dem Jahrestag der letzten Selbstverletzungen. Fast ein Jahr. Niemals hätte ich das vor einem Jahr gedacht. Ich erinnere mich noch daran, dass Pfleger Arschkeks mir Smileys auf den Arm malte für die Tage ohne. 5 Smileys für 5 Tage. 10 Smileys für 10 Wochen. Und nun haben sich die Tage summiert und ich zähle nicht mehr in Tagen oder Wochen sondern schon in Monaten. Das war ein großer Halt in den letzten Monaten. Die Erinnerung daran, der Wunsch ihm von dem erreichten Jahr zu erzählen. Und A., mit der ich zusammen feiern will. Und einfach der Wunsch das hinter mir zu lassen, die Erkenntnis, dass ich ein Stück mehr Lebensqualität zurück möchte, die Entscheidung für den neuen Weg, meine Mädels als Unterstützung. 
Die Tage vergehen. Morgen Nachmittag beginnt schon wieder ein Wochenende, ich frage mich, wo die Woche hin ist. Den Montag habe ich größtenteils in Anspannung und Dissoziationen verbracht, den Dienstag zuhause und beim Psychiater, der Mittwoch war ziemlich kurz und heute ist auch schon fast vorbei. Die Gespräche mit dem Therapeuten und die Gruppen tun mir gut, auch das Miteinander mit ein paar tollen Mitpatientinnen. Der Therapeut sagte mir heute, dass ich eine Woche länger bleiben werde, ich finde das gut. Außerdem gab er mir die Kontaktdaten eines Therapeuten, der lange in der Klinik war und sich Traumatherapie macht, mittlerweile hat er eine eigene Praxis. Ich könnte hin, er ist allerdings nicht kassenärztlich zugelassen. Also muss ich mal bei meiner Krankenkasse nachfragen, wie es generell aussieht mit Kostenerstattung. Und dann gegebenenfalls das ganze Prozedere durchziehen und mir zumindest die 5 Probesitzungen dann anschauen. Falls es klappt und mit ihm passt, dann wäre das eine prima Sache für die 2 Jahre, die ich nun bei meiner derzeitigen Therapeutin zwangsläufig pausieren muss. 

Es ist viel und es ist anstrengend, aber es ist auch gut. Und ich freue mich unglaublich auf das Wochenende, auf Ausschlafen und länger wach bleiben. Und außerdem muss ich dringend ein paar Sachen hier machen, vor allem aufräumen und so ’nen Kram. 

I don’t like pain, but I bring it to life 

I don’t like scars but I am good with a knife 

I don’t like tears when I’m starting to cry 

And then I realize I’m destroying my life

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Leicht neben der Spur und abgefucked

Mit dem Therapeuten fülle ich heute die Flipchart. Oben die aktuellen Symptome, in der Mitte die Dinge, die im allgemeinen zu den Symptomen führen (so nette Dinge wie Grenzüberschreitungen, Gewalt in allen Formen oder Invalidierung) und unten gewisse Persönlichkeitszüge, die ich eben habe und andere Hintergründe. Und letztendlich steht da mein Vater, mehrmals umkreist, davon führen Pfeile nach oben und von dort noch weiter bis zu den Symptomen. Und ich will am liebsten das Blatt zerreißen, will nicht, dass es da steht, so schwarz auf weiß (bzw. rot auf weiß). Prinzipiell ist mir das ja oftmals klar. Fast alles basiert mehr oder weniger auf all den Dingen, die ich jahrelang erlebt habe. Aber es so geballt vor mir zu sehen ist unglaublich schwer. Währenddessen kommen immer wieder Situationen in meinen Kopf. 

Er sucht die Fernbedienung. Findet sie nicht. Fragt mich. Sucht weiter. Fragt mich wieder. Und wieder. Bis ich schließlich erwidere, dass ich sie ja wohl nicht gefressen habe. Kaum sind die Worte raus weiß ich auch schon, dass das ein Fehler war. Er fragt nach, was ich da grade gesagt habe. Ich entschuldige mich. Er fragt wieder nach, steht auf, baut sich vor mir auf, droht mir. Ich soll wiederholen, was ich da grade gesagt habe. Ich wiederhole es und er packt mich und schlägt zu. Wieder und wieder. Ich sei so undankbar, so frech. Er würde schließlich so viel für mich opfern. Am liebsten würde ich ihm ins Gesicht brüllen. Würde ihm an den Kopf werfen, dass er gar nichts für mich tut, außer dafür zu sorgen, dass ich Essen, Trinken, Kleidung und ein Bett habe. Dass ich doch gar nicht bei ihm sein will. Doch ich beiße mir auf die Zunge. Kämpfe gegen die Tränen. Blende die Welt um mich aus, versinke in der Dunkelheit. Bis es vorbei ist und ich gehen darf. Bis er mich ins Bett schickt. Natürlich ohne Abendessen. Ich soll es ja nicht wagen wieder aufzutauchen. Ich gebe mir die Schuld. Schließlich war ich frech. Undankbar. Habe es verdient, habe die Worte und die Schläge verdient. In meinem Zimmer gibt mir die Klinge halt. Der Schmerz, der keiner ist. Und das Blut. Ich rolle mich im Bett ein. Ich wünsche mir so sehr, dass ich nie wieder aufwache. 

Er steht vor mir. „Was ist in der Küche passiert?!“ fragt er mich und ich schaue ihn verwirrt an. Ich habe keine Ahnung wovon er redet. Er kommt auf mich zu, wütend, aggressiv. Er drückt mich aufs Sofa, kniet sich auf mich, schlägt zu. „Gib es endlich zu!“ sagt er immer wieder. Ich schreie, weine, schluchze, ich weiß nicht wovon er redet. Er schlägt zu, wieder und wieder. „Dir ist etwas runter gefallen, davon sind die Fliesen kaputt gegangen!“ brüllt er. In meinem Kopf taucht das Klirren der letzten Nacht auf. Ich bin aufgewacht irgendwann, erschrocken, höre nur sein Fluchen aus der Küche und traue mich aus Angst vor ihm nicht aufzustehen. „Sag es endlich!“ brüllt er und schlägt wieder und wieder zu. „Ich war das nicht.“ schreie ich schluchzend. Es interessiert ihn nicht. Er prügelt auf mich ein, weiter und weiter, bis ich letztendlich etwas gestehe, das ich gar nicht getan habe, nur damit es aufhört. 

Wie jeden Abend sitzen wir im Wohnzimmer und ich muss mir seine „Probleme“ von der Arbeit anhören. Irgendwann rutscht mir raus, dass auch ich Probleme habe. „Aha. Was sollen das für Probleme sein?“ fragt er abwertend. Ich erzähle zögernd von dem Mobbing in der Schule. Davon, dass ich in der Garde immer der Außenseiter bin und behandelt werde wie ein kleines Kind, nicht zuletzt auch, weil er mich überall hin begleitet, die anderen dürfen schon alleine fahren. Er beginnt zu lachen. „Das nennst du Probleme?! Na warte mal ab bis du richtige Probleme hast.“ sagt er. Abends schreibe ich in mein Tagebuch. Ich schreibe, dass ich doch einfach nur geliebt werden will und jemanden möchte, dem ich wichtig bin, jemanden, der für mich da ist. Ich schreibe von Selbstverletzung. Von Suizidgedanken. Es ist Dezember 2002. Ich bin 13 Jahre alt. 

Ich weiß nicht mehr, was im Vorfeld passiert ist. Vermutlich eine ähnliche Situation wie immer. Irgendetwas passt ihm nicht. Irgendetwas habe ich wieder „falsch“ gemacht. Ich sitze auf meinem Bett und schreibe mit zitternden Händen und laufender Nase einen Brief. Ich schreibe, dass es mir so leid tut. Dass ich mich bessern werde. Dass ich ein gutes Kind sein werde. Ich entschuldige mich für irgendwelche Dinge. Ich suche die Schuld für die Schläge bei mir. Schließlich ist es meine Schuld, er sagt es ja immer. Also muss es stimmen. Die anderen Kinder erleben sowas nicht. Also muss mit mir etwas falsch sein. Ich schreibe unter Tränen Wort um Wort um Wort, bitte und bettle um seine Liebe, seine Gnade. 

Mein Vater sitzt heulend vor mir. Erzählt mir von seiner Kindheit, von den Schlägen. Er sagt, dass er seinem eigenen Kind sowas niemals antun würde. Ich sitze da und weiß nicht mehr, was ich denken soll. Was ich fühlen soll. Bin ich verrückt? Ist er verrückt? Wie kann er sowas sagen? Was bitte macht er mit mir? Wie passt das alles zusammen? Mein Weltbild passt nicht mehr. Ich kriege diese Aussage nicht in mein Leben integriert, verstehe absolut nicht, was eigentlich gerade passiert. 

Mai 2006. Das letzte Erlebnis. Ich komme nach Hause, müde von der Schule. Es ist Abend. Er empfängt mich und ich weiß direkt, dass etwas nicht stimmt. Ich spüre es, sehe es ihm an. Ich bin auf der Hut, noch wachsamer als sonst. An die genauen Ereignisse erinnere ich mich kaum noch. Jedenfalls hat er einen Brief gefunden. Von mir an meine Therapeutin. Gefunden. Klar. Er hat meine Sachen durchsucht. Damit weiß er auf einen Schlag alles. Er weiß von der Selbstverletzung, von der Therapie, davon, dass meine Tante meine Vertraute ist. Er brüllt, tobt. Holt aus, zerrt mich vom Sofa. Zum ersten Mal in meinem Leben wehre ich mich. Trete nach ihm, solange, bis er mich loslässt. „Verschwinde!“ brüllt er und ich suche Zuflucht in meinem Zimmer. Erst dann wird meine Erinnerung wieder klarer. Er kommt irgendwann rein. Brüllt, tobt. Ich solle mich auf was gefasst machen. Er würde noch seine Schwester anrufen. „Und dann schlag ich dich tot!“. Bei diesen Worten schaltet alles aus. Die Liebe zu ihm, die Angst ihn zu verlassen (schließlich hat er immer wieder gesagt, dass er sich umbringen würde wenn ich ihn jemals alleine lasse), in mir geht es nur noch ums pure Überleben. Ich fliehe. Zur Türe raus, zu den Nachbarn. Angst, Sturmklingeln, nackte Angst. Als sie endlich öffnen bin ich erleichtert. Flehe sie an die Türe nicht zu öffnen wenn er klingelt. Währenddessen läuft im Hintergrund etwas an, was mir vermutlich mein Leben rettete. Meine Tante informiert panisch meine Therapeutin, meine Therapeutin ruft den Notdienst des Jugendamts und die Polizei. Ich verlasse den Haushalt meines Vaters und werde nie wieder zurückkehren um dort zu leben. 

Erinnerungen. Nur ein paar Situationen, die mich bis heute beeinflussen, die bis heute in meinem Hirn verankert sind. Dazu kommt das jahrelange ‚auf der Hut sein‘. Der Schmerz über die Distanz zwischen meiner Schwester, meiner Mutter und mir. Der Schmerz über ein Leben ohne leben. Und die Situationen, die immer noch so unglaublich schwer greifbar sind, für die mir bis heute oftmals die Worte fehlen, weil es damals dafür einfach keine Worte gab. 

Lange habe ich nicht mehr eine solche Anspannung gespürt wie heute. Vor dem Gespräch aus verschiedenen Gründen und bei dem Termin danach. Lange bin ich nicht mehr heulend hinter meiner Haustüre zusammen gebrochen. Und lange habe ich keine Worte mehr gefunden für die Bilder in meinem Kopf, für den Schmerz in mir. Und lange war ich nicht mehr so nah davor dieses ganze Leben hinzuschmeißen. 

Und hier steh‘ ich
Leicht neben der Spur und abgefucked
Dem Kopf gehts nicht so gut
Der Rest ist fast intakt