Wenn das Leben grad zu allem schweigt

Suizidalität. Immer noch so ein Ding, mit dem ich einen Weg finden muss.

Ich bin chronisch suizidal. Eigentlich ist das kein Ja oder Nein, sondern eine konstante Grauzone. Auch an guten Tagen, an denen alles irgendwie okay ist, bin ich trotz allem suizidal.

Das bedeutet nicht, dass ich jeden Tag kurz davor bin mich von einer Brücke zu stürzen. An den meisten Tagen ist sogar relativ klar, dass ich es definitiv nicht tun werde. Trotz der Suizidalität. Es gibt diese Gedanken und Gefühle einfach jeden Tag. Mal mehr, mal weniger, aber sie sind da. Ich kann mich nicht erinnern, dass sie über längere Zeit mal verschwunden waren. Aber es geht beides. Ich kann sowohl darüber nachdenken, dass ich eigentlich nicht mehr leben möchte, als auch leben. Ich kann trotz dieser Gedanken klar sagen, dass sie da sind, aber mich nicht zum Handeln zwingen.

Damit irgendwie umzugehen, sie zu akzeptieren und vor allem eben nicht zu handeln, das war ein weiter Weg. Mittlerweile weiß ich, dass meine Gefühle nicht immer zwingend eine Handlung erfordern, manchmal sogar im Gegenteil. Manchmal ist es gesünder eben nicht zu handeln. Und damit meine ich auch dagegen anzukämpfen. Denn es ist ein Kampf gegen Windmühlen, ein Anrennen gegen mich selbst, das ich nur verlieren kann.

Die Gedanken sind da und es ist okay. Ich schaffe es damit zu leben, sie zu bemerken und meistens zu akzeptieren und einfach Gedanken sein zu lassen.

Das funktioniert allerdings nur bis zu einem bestimmten Punkt. Ich merke mittlerweile eigentlich relativ gut, wann der Wendepunkt kommt, an dem diese Gedanken mehr sind als meine alltäglichen Begleiter. Sie werden lauter, intensiver, häufiger. Und: sie bleiben keine Gedanken. Sie werden zu Überlegungen, zu Plänen, zu einer Option.

Und ich weiß auch, wann es passiert. In den Momenten, in denen mir die Kraft fehlt, einen Ausgleich zu finden. In den Stunden, in denen mich Dunkelheit beherrscht und ich kämpfen muss um die kleinsten Dinge zu schaffen. An den Tagen, die nur aus aufstehen, Fassade aufrecht erhalten und wieder schlafen gehen bestehen. Wenn alles schwer wird und unglaublich anstrengend und ich es nicht schaffe etwas positives in dem endlosen Aufeinanderfolgen der Minuten zu finden. Wenn alles eine Qual ist, vom Aufstehen am Morgen übers Anziehen bis zum Schlafengehen, wenn allein die Vorstellung etwas zu kochen oder einzukaufen oder auch nur irgendwas zu tun mich schon völlig verzweifeln lässt. In Krisen werden die Gedanken so unglaublich laut, das alles andere so klein wird.

Ich weiß, dass es vorbei geht. Doch mit jedem Tag scheint es unerträglicher zu werden, schmerzhafter, dunkler. Bis ich das Gefühl habe, dass die Dunkelheit der Gedanken mir jedes Licht nimmt, jedes bisschen Sauerstoff durch die Schwere aus meinen Lungen gepresst wird, jede Hoffnung auf eine Besserung von Schmerz betäubt ist.

Ich habe Angst davor. Ich habe Angst nicht rechtzeitig zu bemerken, wann meine Kraft zuende ist. Ich habe Angst davor, dass es mich plötzlich umwirft und ich nicht mehr in der Lage bin zu handeln. Ich habe Angst, dass ich auf diesem scheinbar ausweglosen Fall nach unten den letzten Halt verpasse.

Gerade ist alles trüb und dunkel und schwer. All die Dinge, die sonst Spaß machen, versinken in einem endlosen Nebel aus Schmerz und Suizidgedanken und Hoffnungslosigkeit.

Noch ist da dieser kleine Teil in mir, der brüllend kämpft, der um jeden schönen Moment ringt, der mit aller Macht versucht sich gegen die Dunkelheit zu stemmen. Doch mit jedem Tag in diesem Chaos aus Gedanken und Gefühlen wird er schwächer und schwächer und die Angst, der Schmerz und die Hoffnungslosigkeit fressen Löcher in ihn.

Es ist ein unglaublich labiles Konstrukt derzeit, auf dem mein Leben vor sich hin balanciert. Ich bin unglaublich müde vom Kämpfen und Starksein und würde so gerne einfach nur schlafen. Schlafen, bis es vorbei ist, bis es wieder besser wird, bis ich wieder die Kraft habe zu leben.

Noch klammere ich mich daran, dass es enden wird. Dass es immer geendet hat, dass es immer wieder vorbei ging. Das ist mein Halt, mein Rettungsanker. Und ich hoffe einfach, dass es vorbei geht, bevor ich die Kraft und die Hoffnung verliere.

~ Sei nicht so hart zu dir selbst
Auch wenn dich gar nichts mehr hält
Du brauchst nur weiter zu gehen
Komm nicht auf Scherben zum Stehen ~

Trigger

Dinge, die man nicht braucht, auch nicht, wenn es grade okay ist, weil die letzte Klausur geschrieben ist: Freundin der Mutter. Und zwar eben jene, deren Mann mit meinem Vater befreundet war, eben jene, die vor einer Weile auf meine Erzählung, warum ich keinen Kontakt mehr zu meinem Vater habe mit einem „Also war es doch so.“ reagiert hat. Nein, ich kann es nicht brauchen. Es ist okay, wenn ich drüber rede mittlerweile, ja, meistens zumindest. Aber dann tu ich das, weil es für mich okay ist und ich es kann und will. Und ich möchte das weder mit meiner Mutter ausdiskutieren, noch mit der Freundin meiner Mutter. Denn ich habe immer noch zu verdauen, dass es wohl so offensichtlich war, dass da ein Missbrauch stattfindet und einfach nicht gehandelt wurde. Und bitte auch nicht gerade jetzt, wenn es gerade eh so wackelig ist. Und ich will auch nicht hören, dass ich die Augen meines Vaters habe, dass ich ihm ähnlich sehe, dass dies und das und jenes. Grenzen setzen ist in dieser Familie wirklich ein Ding der Unmöglichkeit. Da wird einfach fröhlich drüber hinweg getrampelt. Und das triggert. Ungemein. Vielleicht noch mehr als das Thema an sich. Meine Grenze, mein persönlicher Schutzbereich, bis hierhin und nicht weiter. Es fällt schwer genug das zu äußern, mir das Recht raus zu nehmen eigene Bedürfnisse zu haben, ich kämpfe schon unglaublich mit dem, was dabei in meinem Kopf passiert. Nein, ich will mit meiner Mutter nicht darüber reden. Generell nicht, gerade schon mal gar nicht, und in der Konstellation gleich dreimal nicht. Nicht, weil ich es nicht mit ihr thematisieren will. Sondern weil ich es nicht kann und weil sie es nicht kann. Weil sie Dinge fragt, sie ich überhaupt keinem Menschen gegenüber in Worte fassen kann, weil sie bohrt und fragt, dann anfängt von der Ehe zu erzählen (haaaallllooooo, ging es hier nicht um mich?) und letztendlich dann sämtliche Verdrängungsmechanismen auffährt, von „aber ist doch vorbei“ bis zu „so schlimm kann es nicht gewesen sein“. Doch, verdammt noch mal, das war es. Es war so schlimm, dass ich mit 11 anfing mich zu verletzen, mit 13 zum ersten Mal sterben wollte, mir gewünscht habe einfach nie wieder aufzuwachen. Es. War. Schlimm. Was bitte kann man an 14 Jahren psychischer und physischer Gewalt und an sexuellem Missbrauch denn „nicht so schlimm“ finden?

Ich weiß, dass sie damit nur sich selbst schützt. Doch das macht es in keiner Art und Weise besser für mich. Es verletzt, es tut weh, es triggert.

Wieder einer dieser Momente, in denen ich mir eine normale Familie wünsche.

Bewegen statt erstarren

Zivilcourage an sich ist ja ’n feines Ding. Schwierig wird es, wenn es zu Retraumatisierung führt und man später zitternd und heulend auf dem Badezimmerboden sitzt und immer wieder mit der Kloschüssel kuschelt.

Eigentlich ist alles gut. Es ist Dienstag und man hat schon Wochenende, freut sich auf die Wärme der Wohnung und das Katerkind. Vor dem Bahnhof stehen zwei Personen, ein Mann und eine junge Frau. Er hält sie fest, bedrängt sie, sie ruft immer wieder „Lass mich los!“. Sie geht, er folgt ihr. Weniger später Schreie vom Parkplatz. Menschen laufen vorbei, kucken doof, tun nichts. Man geht in die Richtung, zückt schon mal das Telefon… Und hat einfach Angst als Frau einzuschreiten und es kommt natürlich auch niemand mehr vorbei, man will aber auch nicht zurück gehen um jemanden zu holen, da ja etwas passieren könnte. Also ruft man die Polizei, erklärt, beschreibt die Personen, wartet. Letztendlich tauchen die Beamten auf und man ist erstmal erleichtert.

Und zuhause kommt der mental breakdown. Man, in diesem Fall ich, sitzt heulend und zitternd da und kann die aktuellen Bilder nicht mehr von den Bildern der Vergangenheit trennen, alles verschwimmt zu einem Einheitsbrei und was bleibt sind die Schreie der jungen Frau, die sich mit meinen Schreien der Vergangenheit mischen. Ich bin plötzlich wieder 12 Jahre jünger und habe Angst um mein Leben, mein Herz rast in der Vergangenheit und in der Gegenwart, ich zittere im Hier und Jetzt und in der Vergangenheit, die Bilder der vorbeilaufenden Menschen aus der Gegenwart vermischen sich mit den Fragen der Polizisten aus der Vergangenheit, warum denn niemand etwas getan hat.

Flashback folgt auf Flashback und in den kurzen Momenten dazwischen gelingt es mir nicht aktiv etwas dagegen zu tun. Also vergeht Flashback um Flashback und Vergangenheit und Gegenwart geben sich in meinem Badezimmer die Klinke in die Hand, während ich versuche zurück zu finden ins Hier und Jetzt, in die Realität, in mein Badezimmer zu meinem Badezimmerboden und meiner Kloschüssel, in die ich meinen Mageninhalt befördere, weg von alten Erinnerungen und Bildern und Worten, die eigentlich 12 Jahre zurück liegen.

Eigentlich war es nie Thema. Natürlich war jener Abend vor fast 12 Jahren oft Thema, jener Abend, an dem ich in Obhut genommen wurde, seit dem es ein davor und danach gibt. Doch er war nie Thema als schwere Situation, als traumatisierendes Erlebnis an sich. Es gab die Dinge davor, ja. Aber wenn Momente und Situationen Thema waren, in denen ich traumatisiert wurde, dann spielte dieser Abend nie eine Rolle. Weder in meinem Bewusstsein, noch in dem der professionellen Helfer an meiner Seite. Natürlich erlebte ich die Inobhutnahme auch als sehr verstörend und ein Stück weit vielleicht traumatisierend und auch die Menschen, die in der Hinsicht mit mir gearbeitet haben. Aber eher als Prozess, als Schock der Normalität der Wirklichkeit, die mich traf, kannte ich doch nur das Leben davor, so völlig jenseits von Normalität. Als einzelner Abend – Nein. Ich glaube wirklich es war nie ein Thema.

Doch nun sitze ich hier (mittlerweile auf dem Wohnzimmerboden und immer noch nicht gänzlich in der Realität), versuche mich an die Wirklichkeit zu klammern und an Worte, versuche dem Schrecken in mir Raum zu machen, indem ich Worte zu Sätzen formuliere, versuche durch Schreiben und damit real machen der Dinge einen Weg zu finden dieser Sinnesflut Einhalt zu gebieten und dem Gefühl, dass ich nichts sagen darf, dass ich nicht existent sein darf, etwas entgegen zu setzen.

Der Teil von mir, der sich völlig in der Gegenwart befindet, der sich seit Jahren mit PTBS beschäftigt und auch fachlich einiges Wissen hat, brüllt in meinem Kopf „Bist du eigentlich blöde?!“. Denn ja, wie wahrscheinlich ist es denn bitte, dass man in einer Situation, in der man Todesangst hat, nicht traumatisiert wird? Todesangst, wirkliche Panik davor zu sterben, plötzlich mit der Endlichkeit des eigenen Daseins konfrontiert werden, wie geht man da völlig unbeschadet raus? Wenn jemand vor einem steht und sagt „Ich bring dich um.“ und man weiß mit völliger Sicherheit, dass es keine dahergesagte Floskel, sondern bitterer Ernst ist. „Ja, bist du eigentlich blöde?“ brüllt es weiterhin fröhlich in meinem Kopf.

Die Stunden danach waren und sind immer noch unwirklich. Die Zigarette im Auto mit Frau G., der Mitarbeiterin des Jugendamts. Interessanterweise kann ich mich an ihren Namen erinnern, weiß aber nicht mehr, wie die Mitarbeiterin hieß, die dann in den Jahren danach für mich zuständig war.

Der Morgen danach, als ich mit Frau B. im Lehrerzimmer sitze und ihr davon erzähle und erkläre, warum ich die nächsten Tage nicht in die Schule kommen werde. Die Ankunft bei der Notpflegefamilie, die ganzen Eindrücke, der rote Kater, der dort abends in „meinem“ Bett bei mir schläft. Alles verschwimmt zu einem diffusen Eindruckswattebausch, nicht wirklich greifbar, nicht zu entwirren. Was deutlich ist, sowohl damals als auch im Hier und Jetzt, ist die Angst. Wie ein schwarzer Dämon, der sich in mir ausbreitet und wächst, der seine eiskalten Klauen um mich legt, der mich mit einer Kälte durchdringt, die keine Wärme der Welt vertreiben kann, der mich im Hier und Jetzt Zittern und Hyperventilieren und Schreien lässt. Da ist kein Schmerz, keine Traurigkeit, keine Wut, sondern nur allumfassende Angst.

Und mit dem Wissen von heute erkenne ich, dass es damals Angst war, die mich so oft fast sterben ließ, in dem Zeitraum von 14 bis zur Inobhutnahme. Ich weiß schon lange, dass es damals Panikattacken waren, die mich eiskalt trafen, doch brachte ich diesen Namen der Sache nie mit diesem Gefühl in Verbindung, welches gerade so in mir tobt. Auch wenn ich rational wusste, dass es Panikattacken sind, nicht zuletzt weil meine Therapeutin (ja, auch Psychiaterin) mir damals Medikamente gegen Panikattacken verschrieb. Und ich habe das Aufhören der Panikattacken nie in Verbindung mit der Inobhutnahme gebracht. „Ja bist du blöde?“ brüllt es wieder.

Und wirklich, genau diese Dinge werden mir bewusst während ich sie schreibe, während ich Buchstaben zu Worten zu Sätzen forme. Ich lasse es Realität werden, indem ich schwarz auf weiß festhalte, was passiert ist. „Es ist nicht wahr, was nicht wahr sein darf.“ sagt meine Therapeutin immer. Ich lasse es wahr sein, es darf wahr sein, es darf Realität sein.

Und für so etwas bedarf es dann einfach nur der Zivilcourage. Bämm. Und schon fliegt einem wieder einmal das Leben um die Ohren.

Ich zögere noch. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Ich weiß nicht, ob es gerade so okay ist, dass ich sagen kann es ist okay. Ich weiß nicht, ob das gerade ein Moment ist für einen Anruf in der Klinik oder bei der Krisenhotline. Ich weiß nicht, ob ich lieber ausharren soll ohne mich zu bewegen, oder ob ich etwas tun soll. Und währenddessen taucht das Bild der Körpertherapeutin aus der dbt vor meinen Augen auf, wie sie mir im Einzel gegenübersteht und immer wieder „Bewegen statt erstarren!“ sagt. Also werde ich das gleich versuchen. Raus aus dieser Angst, raus aus der Vergangenheit.

Medikamente und so.

Man landet in der Klinik, wenn man was anstellt. Versucht sich umzubringen. Sich extrem selbst verletzt. Aber man kann auch dort landen, wenn man nichts tut.

Die letzte Woche war anstrengend. Termine, erkältet, Stress, Schlafprobleme. Und was passiert? Die Zitrone vergisst ihre Medikamente.

Am Freitag ging es mir seltsam. Ich hab es auf die Erkältung geschoben, war in der Hauptstadt und wieder heim. Alles war wattig, die Welt hat gewackelt und unterwegs wollte ich plötzlich nur noch heulen, mir die Arme aufschneiden, mir was antun.

Ich rief in der Klinik an, sprach mit der Ärztin. Entzug sagt sie. Ich soll vorbei kommen sagt sie, sie gibt mir die Medis in geringer Dosierung, damit ich wieder hoch dosieren kann. Ein paar Stunden später ging nichts mehr. Also tippe ich auf mein Telefon, rede mit Pfleger Kai, dann mit dem Arzt vom Dienst und bin wenig später wieder da, stehe auf dem Flur und bekomme ein Zimmer.

„Warum haben Sie die Tabletten denn abgesetzt?!“ fragt mich der Pfleger. Ich möchte platzen, denn die Ärztin hat es so an ihn weiter gegeben. Ich wiederhole also mal wieder, dass es wirklich ein Versehen war, Unachtsamkeit und Verpeiltheit und definitiv keine Absicht. Ich bin froh um meine aktuelle (Naja, nun nicht mehr so aktuelle) Stabilität. Absichtlich würde ich sie nicht riskieren.

Heute morgen bin ich wieder aus der Kliniktüre spaziert. Körperlich ist es deutlich besser. Psychisch auch. Ich merke zwar, dass ich momentan nicht so stabil bin wie „im Normalzustand“, aber ich bin nicht mehr akut suizidal und will mir auch nicht mehr die nächste Rasierklinge in den Arm rammen.

Gestern Abend flog mir meine Psyche gewaltig um die Ohren. Ausgelöst hat das ganze die Tatsache, dass eine ehemalige Zimmernachbarin kam und in mein Zimmer sollte. Es ist schon gut 2 Jahre her, seit ich mit ihr im Zimmer lag, doch es hat mir gereicht damals. Sie wusch sich nicht. Eigentlich schon genug. Aber nein, sie befriedigte sich auch jede Nacht selbst.

Gestern triggerte mich das Ganze dann so extrem, dass ich weg war. Eine gute Stunde meinte Pfleger Kai später. Wirklich zu mir kam ich irgendwann auf dem Boden des Bads. Ich weiß noch, dass ich aufs Klo musste und plötzlich das Waschbecken auf mich zu kam. Bei der Landung auf dem Boden habe ich den Hocker umgeschmissen und dieses Geräusch rief Kai auf den Plan. Dann gerieten wir erst mal aneinander, weil es bei mir ankam, als ob er mir unterstelle, dass ich das absichtlich mache. Im Nachhinein haben wir es geklärt. Inklusive einem „Sie Arschloch!“ von mir, dass ich mit einem „nehmen Sie mir das nun nicht übel“ angekündigt hatte.

Später im Bett wird mir bewusst, warum es mich so getriggert hat. In der Therapie wird immer mehr klar, wie viel eigentlich Missbrauch war, wie viel Grenzüberschreitung. Auch so viele Dinge, die für mich irgendwie noch okay waren, weil nicht aktiv. Beispielsweise wenn eine Selbstbefriedigung stattfand. Und die Mitpatientin triggert die Erinnerung an ihr damaliges Verhalten und die Erinnerungen triggern die Erinnerungen an die Kindheit, an eben solche Situationen.

Und so föhnt es mich eben gestern weg. Völlig. Ich schlafe irgendwann ein, mit brennendem Arm von der Finalgon, mit Kopfschmerzen und dem Gefühl einen Marathon gelaufen zu sein.

Dementsprechend matschig bin ich heute morgen auf aufgewachsen und dennoch guter Dinge aus der Tür hinaus und Richtung nach Hause.

Doch nun liege ich hier. Schlaflos. Mein Kopf ist voller fieser Gedanken und Erinnerungen. Mein Körper schmerzt und es sind keine aktuellen Schmerzen, sondern Erinnerungen an damals. Mein Kopf weiß das. Dennoch triggern die Schmerzen ohne Ende.

Ich will schlafen. Dazu bleiben mir noch ungefähr 3 Stunden. Ich will einfach nur in den Schlaf fliehen und die Schmerzen und die Bilder für ein paar Momente los sein…

Es endet. Es beginnt neu.

Seit Januar 2015 bin ich krank geschrieben.

Im Februar 2015 versuchte ich mir das Leben zu nehmen.

Im März 2015 bekam ich die Kündigung.

Ich war unzählige Male zur stationären Krisenintervention.

Ich war unzählige Male in der Notfallchirurgie zum Nähen und habe mich noch öfter selbst verletzt.

Ich habe keine Zukunft gesehen, keine Hoffnung gehabt.

Ich habe 14 Wochen DBT gemacht.

Ich habe 7 Wochen Reha mit Traumatherapieschwerpunkt gemacht.

Über 2 Jahre sind vergangen. Über 2 Jahre, in denen ich „hauptberuflich krank“ war. Über 2 Jahre, in denen meine Krankheit mein Leben bestimmte.

Es endet. Es beginnt neu.

Ich werde studieren gehen. Ich habe tatsächlich eine Zusage bekommen. Ich habe einen Studienplatz und kann mich immatrikulieren.

Neuanfang. Fortschritt. Weiter gehen.

Es endet.

Es beginnt neu.

Lebenszeichen

Ja, ich weiß. Es ist ein wenig still geworden um mich, aber in den letzten Tagen weiß ich nicht, wohin die Stunden eigentlich verschwinden. 

Gestern fiel mein Blick auf das Datum und ein kurzer Schmerz durchfuhr mich. Ich frage mich, seit wieviel Jahren ich ihm nun nicht mehr gratuliert habe. 5? Oder doch schon mehr? Ich stelle mir vor wie das ist. Wenn das eigene Kind einem nicht gratuliert. Und dann denke ich daran, wie sehr er mich verletzt hat. Es ist okay, dass ich keinen Kontakt mehr zu ihm habe. Es ist okay und es war und ist die richtige Entscheidung. Für mich, denn allein um mich geht es dabei, nicht darum, dass ich dafür sorge, dass es ihm besser geht. Und auch wenn meine Gefühle dagegen anbrüllen, immer wieder und speziell an solchen Tagen, so weiß ich, dass es richtig ist. 
Ich habe übrigens, Wunder über Wunder, nun tatsächlich meine Fachhochschule in Händen. Dienstags rief ich die Schulleiter an und fragte nach, sie erklärte mir, dass sie eine Bescheid der alten Schule brauchen, dass ich da keine Fachhochschulreife gemacht hab. Prima. Also rief ich direkt dort an, aber die Schulleitung war nicht da. Nachdem ich schonmal auf der Homepage der Schule war wegen der Nummer, habe ich mich ein wenig durch meine alten Lehrer geklickt. Viele sind nicht mehr da. Aber Frau B. noch, deren erste Klasse als Referendarin wir waren in Geschichte. Und meine ehemihe Tutorin aus der Oberstufe ist auch noch da. Froh bin ich darüber, dass die Schulleitung gewechselt hat. Aber die Dame im Sekretariat ist immer noch die selbe. Und während ich die Namen so lese und die Fotos sehe bin ich plötzlich wieder 17 und am Ende, spüre Wunden auf meinen Armen brennen und in mir zieht sich alles zusammen. Ich brauche einige Momente um dagegen anzukommen, um wieder in die Realität zu finden. 

Am Mittwoch erreiche ich endlich die Schulleitung der alten Schule, am Donnerstag gehe ich mit der Bescheinigung von dort hier zur Schule und hole dann am Freitag endlich mein Zeugnis ab. Es fühlt sich gut an es in den Händen zu halten. Der Abschluss der Ausbildung ist zwar schon 3 Jahre her, aber das Zeugnis mit dem Vermerk nach dem ganzen Drama endlich in den Händen zu halten, fühlt sich mindestens nochmal genauso gut an. 

Den Kram für die Uni habe ich noch am selben Tag fertig gemacht. Nun heißt es warten, ob ich einen Platz kriege und Daumen drücken. 

Achtsamkeit, Katerkind, Schwesterherz und Steine 

Am Donnerstag saß ich wieder in dem Raum auf einer Matte, aus dem ich mich vor ungefähr einem Jahr verabschiedet habe. Damals braungebrannt, voller Panik vor der bevorstehenden dbt, bei über 15 Grad weniger und ein wenig wehmütig, weil es das letzte Mal für längere Zeit sein würde, dass ich die Klinik betrete. 

Vieles ist anders an diesem Tag. Nicht nur die Temperatur, denn am bisher heißesten Tag des Jahres sind schon am Vormittag 33 Grad, ich trage statt rötlichen Narben nun Tinte über verblassenden Narben, ich bin innerlich ruhiger und komme nicht nur in diesen kurzen Momenten in der Achtsamkeit zur Ruhe, ich klebe nicht ständig in Hochanspannung, ich habe schon seit einer Weile keinen ganzen Tag mehr damit verbracht gegen den Druck und die Anspannung zu kämpfen. Ich bin die selbe und doch eine andere. 

Die Achtsamkeit tut mir gut, wie so oft in der Vergangenheit. Ich lasse mich von der Stimme des Therapeuten leiten, atme ein und aus, kann die Qi Gong-Übungen immer noch auswendig. 

Seit Dienstag weiß ich, dass die ganze Sache mit meinem Zeugnis klappt. Ich hoffe nun darauf, dass es auch vor Bewerbungsfrist klappt, der Kram liegt beim Ministerium und muss da bearbeitet werden. Aber ich bin schon einen Schritt weiter und das beruhigt ein wenig. 

Und genauso bin ich seit Dienstag die stolze große Schwester einer frisch gebackenen Erzieherin. Als ich den Zwerg in die Arme schloss mit dem Wissen, dass sie die Jahre der Ausbildung hinter sich hat, wollte ich vor Stolz und Liebe fast platzen. Auf dem Weg zu Mama sah ich die Freude in ihren Augen, den Stolz, die Erleichterung, das Glück. Und ich muss an diesen Moment vor 3 Jahren zurück denken, als ich die Schule verließ, berauscht von Glück und Sekt und Erleichterung. Ich bin unglaublich stolz auf diese erwachsene junge Frau, die nun ihren Weg geht. Und ich bin froh, dass ich da sein kann mittlerweile, dass ich die letzten Jahre an ihrer Seite sein konnte, mit ihr lernen, bangen, feiern. Nun ist es geschafft und es ist ein weiterer Schritt, der aus dem kleinen blonden Teufelchen mit Tobsuchtsanfällen eine junge Erwachsene werden lässt. 

Es ist bald halb 4. Nachts. Mein Zitronenkater schlummert friedlich auf seinem Kissen auf der Fensterbank am offenen Fenster. Ich bin weit entfernt von Schlaf, auch wenn ich körperlich völlig erledigt bin. Am Mittag hat mich eine Welle von Selbstverletzungsdruck überflutet, von Traurigkeit und Hoffnungslosigkeit. Zuerst habe ich mich auf mein Bett geworfen, versucht mich abzulenken, doch dann habe ich begonnen aufzuräumen. Ein wenig wollte ich tun, doch letztendlich habe ich (bis auf den Schreibtisch) mein komplettes Schlafzimmer aufgeräumt und mein Bett frisch bezogen, die Schweinenasen sauber gemacht und das Wohnzimmer gekehrt und ein wenig entchaotisiert und letztendlich angefangen in der Küche für Ordnung zu sorgen. Als ich zwischendurch das Schweinestreu draußen in die Tonne befördert habe, traf ich den Herrn Kater, der sich neuerdings nicht davon abhalten lässt auch die Welt vor dem Haus zu erkunden. Dabei beschränkt er sich aber auf die Vorgärten, zum Glück, denn ich habe immer noch eine Straße vor der Türe. Und so passiert es auch mal, dass er auf der falschen Seite des Mückennetzes am Schlafzimmerfenster sitzt und schreit, weil er dort nicht rein kommt. Und da der Weg ums Haus ihm heute wohl zu weit erschien, rannte er durch die geöffnete Haustüre und wartete vor der Wohnungstür auf mich, mampfte zwei Portionen Futter und schläft seitdem mit kurzen Unterbrechungen irgendwo in der Wohnung. Ich möchte den Fellhaufen am liebsten jedes Mal vor lauter Liebe knuddeln, wenn er wieder in irgend einer seltsamen Verdrehung irgendwo liegt und vor sich hin träumt. 

Und mit Ordnung machen, zwischendurch immer mal wieder eine rauchen, Kater beobachten und Hörbuch habe ich den Tag dann doch tatsächlich irgendwie überstanden. Doch der Schlaf lässt sich nicht blicken, mein Kopf kommt nicht zur Ruhe, auch wenn ich nicht wirklich weiß, was da in meinem Kopf kreist. Dabei bräuchte ich wirklich Schlaf, denn heute muss ich noch zu Mama und in den Garten, das Gras, dass ich am Wochenende gemäht habe, zusammen sammeln und den Schweinchen mitbringen, den Bambus schneiden (und auch den Schweinchen mitbringen) und das ganze Grünzeug dort gießen. 4 der 6 Wochen, die Mama nicht selbst im Garten alles tun kann, sind schon vorbei. Zum Glück. Denn obwohl es mir unglaublich gut tut, so ist die Fahrerei doch einfach stressig und vor allem meine Mutter, die natürlich gerne hätte, dass ich den ganzen Tag bei ihr bin. 

Mein eigener Garten hinterm Haus ist momentan leider nicht betretbar, denn dort wo einmal die Mauer stand ist nun ein Loch. 

Und dort, wo die Steine liegen, ist irgendwo die Treppe drunter. Also ist der Garten eben nicht verfügbar momentan, die Meeris sind nicht so begeistert, aber ich kann es nicht ändern. Den Herrn Kater stört es wenig, er braucht ja keine Treppe und die paar Steine hindern ihn auch nicht daran in den Garten und den Wald dahinter zu gelangen. Doch ich sehne mich in den letzten Tagen nach ein paar Stunden im Gras neben den Meeris mit einem Buch, einfach in der Sonne liegen und die Wärme genießen. 

Und vielleicht klappt es nach dem Schreiben nun auch endlich mit schlafen. 

Löffel-Liste 

Manchmal werfe ich einen Blick in die Statistik und klicke dann Beiträge an, die von anderen gelesen wurden, lese sie auch nochmal, erinnere mich zurück, was zu diesem oder jenem Zeitpunkt grade aktuell war in meinem Leben. Manchmal sind es schmerzhafte Erinnerungen, manchmal aber auch Dinge, die mich lächeln lassen. 

Und so lese ich einen Beitrag vom letzten Frühling. Lese, dass ich mich seit 3 Wochen nicht mehr verletzt habe, dass sie letzte ’schlimmere‘ Selbstverletzung nun 6 Wochen zurück liegt. Ich lese, dass ich so gerne den Sommer ohne frische Wunden und Verbände und Nähte erleben möchte. Und ich lächle, denn ich habe den Sommer unverletzt verbracht, den Herbst, den Winter und wieder einen Frühling. Und wieder wünsche ich mir einen Sommer ohne frische Wunden, aber im Gegensatz zum letzten Jahr bin ich zuversichtlicher, dass ich es schaffen kann. 

Auch wenn gerade so viel chaotisch ist. Auch wenn ich eigentlich nicht weiß wo mir wirklich der Kopf steht. Aber es wird weiter gehen, das tat es bisher immer. Ich muss nur darauf achten, dass ich selbst nicht unter gehe dabei. 

Mit der Gänseblümchenmama schreibe ich also gestern eine Liste mit nur 5 Punkten. 5 Dinge, die es zu erledigen gilt. Nachdem mein Körper einen Haufen Schlaf einforderte stapfe ich heute also zur Apotheke und einkaufen, hüpfe unter die Dusche, mache mir etwas zu essen, schreibe den Brief an die Rentenversicherung und kraule das Katerkind. Zwischendurch kommt N. noch zu Besuch und bringt mir meinen Zweitschlüssel wieder. Und ich bringe noch meine Küchentheke in Ordnung. Es gibt noch ein wenig telefonieren, ein wenig zocken und dabei ein wenig Dokus schauen und dann ist es auch schon halb 2 und ich trolle mich in mein Bett. Müde bin ich nicht. Aber ich muss schlafen. Für morgen gibt es schon eine neue Liste. Ich werde zu Mama fahren und in den Garten. Und dann den restlichen Kram auf der Liste erledigen. 

Es hilft mich auf 5 Dinge zu beschränken, es hilft mit den Spoons zu haushalten und es hilft einen kleinen Überblick über das Chaos zu haben, eine Anleitung, einen Plan. In den kommenden Tagen werde ich mich also daran entlang hangeln. Meine eigene kleine Löffel-Liste zum Durchhalten. Vielleicht ergänze ich sie noch um ein wenig Ausgleich, um Dinge, die mir gut tun und im Idealfall keinerlei spoons erfordern. 

Wortlos. 

Weil ich es momentan einfach nicht schaffe, weil es sich so scheiße anfühlt, weil da so viel Chaos ist, weil mir tatsächlich einfach die Worte fehlen, hier einfach ein Auszug aus einer Mail, die ich an die liebe Traumagruppentherapeutin geschrieben habe… 

[…] 

Nach 7 Tagen bin ich am Freitag wieder heim gekommen. Eigentlich relativ guter Dinge. Stabiler, nicht mehr akut suizidal. Und dann brach sich meine Mutter vorgestern den Fuß. 

Und nun sitze ich heulend auf meinem Sofa, überfordert mit mir und der Welt. Ich komme mit meiner eigenen Wohnung momentan nicht auf einen grünen Zweig, sobald ich ein Ende halbwegs ordentlich habe ist es am Anfang wieder ein Chaos und ich schaffe es nicht dagegen anzukommen. Und dann ist da meine Mutter, die alleine kaum etwas schafft momentan, die nicht mal einkaufen kann und der Garten, der Pflege braucht. Es überfordert mich, gnadenlos. Meine eigenen Baustellen und dann dazu noch meine Mutter und alles dort. Meine Schwester arbeitet und steht kurz vorm Kolloquium, sie tut schon was sie kann nach der Arbeit, aber alles andere bleibt an mir hängen. 

Ich würde mich so gerne in die Sicherheit der Selbstverletzung flüchten, darin meinen Halt finden in der ganzen haltlosen Situation, ich verliere einfach wieder den Boden unter den Füßen, den ich mir in der Klinik so mühsam zurückerobert habe und es macht mich wahnsinnig. Es scheint momentan so endlos, eine Aneinanderreihung von Scheiße an Chaos an Scheiße mit viel zu kurzen Pausen dazwischen um mal Luft zu holen. So gerne würde ich einen Teil davon wegschneiden um irgendwie zu funktionieren, irgendwie klar zu kommen, einfach nur, damit ich nicht untergehe. Ich denke darüber nach stattdessen in die Sorglosigkeit aus Drogennebel zu verschwinden, mich einfach aus der Welt zu beamen, Hauptsache es irgendwie aushalten. Das aktuelle Chaos und die ganze Traumascheiße und die Vergangenheit. 

Und gleichzeitig schreit in mir drin alles, weil ich so gerne etwas positives schreiben würde, weil ich den ganzen Text nun zum vierten Mal tippe und es sich so miserabel anfühlt zuzugeben, dass ich gerade einfach nicht mehr kann und die Gedanken an Destruktivität so viel Raum einnehmen. Ich schaffe es nicht mal mehr zu bloggen aktuell, weil es sich anfühlt wie versagt zu haben, dass er gerade ist wie es ist. 

Sorry für den langen Text, aber ich glaube es ist gut, dass es mal raus ist. Und ich schicke es nun einfach ab, bevor ich alles wieder lösche und stattdessen ein „ach, es läuft ganz okay“ schreibe. 

[…] 

Ihr müsst alles wagen, doch der Kampf wird hart. 

Gestern stiegen Selbstverletzungsdruck und Anspannung und Suizidalität irgendwann. Ich weiß nicht, ob es am Mitpatienten lag, der mich am Arm fasste und auf meine Erwiderung mich bitte nicht einfach anzufassen das selbe einfach nochmal tat oder an etwas anderem. Eigentlich hatte ich die Anspannung nach diesem Ereignis wieder runter geskillt. Hatte mir von Pfleger Arschkeks ein wenig Farbe auf die Haut bringen lassen. Mich bei Schwester Nathalie ausgekotzt und mir Eiswürfel abgeholt. 

Doch abends stieg meine innere Unruhe so immens, dass sie auch zur äußeren Unruhe wurde. Ich lief auf der Station hin und her, holte mir irgendwann Bedarf und schaffte es dann halbwegs ruhig äußerlich mit ein paar Mitpatienten auf dem Balkon zu sitzen und den Impuls mich einfach runter zu stürzen zu unterdrücken. Sonderlich viel mehr als gebrochene Knochen hätte es mir eh nicht eingebracht, von daher lasse ich solche Aktionen einfach ganz, außerdem sagt Pfleger Kai ja immer, dass man in seinem Dienst nicht vom Balkon springen darf. 😉 

Als Schwester Sabine dann meine diary card sehen will und die 5 entdeckt und mich vor Anspannung zitternd vor sich stehen sieht, ist also erstmal wieder skillen dran. So stehe ich mit ihr am Pflegestützpunkt, skille mich durch mein Notfalltäschchen, bis ich irgendwann den Koller kriege und ins Bad gehe, meine Arme unter den Wasserhahn halte und Minute um Minute das eiskalte Wasser darüber laufen lasse. „Gehen wir ein bisschen“ sagt Sabine einige Zeit später und wir ziehen unsre Runden über die Station. Sie sagt, dass das Arbeiten mit mir ganz anders ist als früher. Dass ich gereifter wirke. Dass schon meine Reaktion auf ihr Klopfen an der Badtüre und die Tatsache, dass die Tür unverschlossen blieb zeigt, dass ich weiter bin. Früher hätte ich nicht reagiert, hätte die Türe verschlossen und anstatt zu skillen hätte ich versucht mich auf irgend eine Art und Weise zu verletzen. Bis jemand mit dem Schlüssel die Türe aufgesperrt und aus dem Bad geholt hätte. 

Vieles ist anders als früher. Und ich bin froh drum. Ich bin mir zum Beispiel auch ziemlich sicher, dass ich nicht in 4 oder 5 Wochen wieder hier sein werde, so wie es der Psychopeut indirekt in unserem Gespräch meinte. Das war sowieso größtenteils sinnfrei, denn er begann mit mir über die Dauer der stationären Krisenintervention zu diskutieren. Er wollte 5 Tage festlegen als feste Dauer für zukünftige Situationen. Ich könnte dann ja immer noch sagen, dass ich die zwei Tage mehr brauche, wenn es soweit sei. Als ich ihm erkläre, dass es so rum bisher nie funktioniert hat hier, dass es meistens entweder ein endloser Kampf war den Abstand zwischen den Intervallen wieder zu verkürzen oder es einfach verneint wurde, stimmt er mir nicht zu. Er meint ich wäre trotzig und wolle einfach nicht zustimmen, weil ich erkläre, dass mich die Vorstellung hier her zu kommen mit dem Gefühl versagt zu haben inklusive dem Wissen, dass ich eine aussichtslose Diskussion über die Länge meines Aufenthalts führen muss, definitiv größtenteils davon abhalten wird in Notsituationen zu kommen. Ich sage ihm, dass er sich ja scheinbar von seiner Meinung auch nicht abbringen lässt, woraufhin er verneint und ich überlege, ob ich die vergangenen Minuten mit jemand anderem diskutiert habe. „Na, wenn Sie Ihre Meinung also doch ändern können: ich möchte weiterhin die 7 Tage als Möglichkeit, wenn es mir früher schon besser geht, dann gehe ich früher. In diese Richtung funktioniert das nämlich besser als andersrum.“ – „Dann bleiben wir eben bei den 7 Tagen“ erwidert der Psychopeut und ich wundere mich nochmals über diese sinnfreien letzten Minuten. 

Als alles skillen und reden und laufen nichts bringt schickt mich Schwester Sabine ins Bett. „Wie viel Sicherheit brauchen Sie von uns?“ fragt sie mich und ich zucke mit den Schultern, weil ich völlig fertig und überfordert bin. „Okay. Wenn Sie nicht entscheiden können, dann entscheide ich für sie. Wir lassen die Türe auf und ich komme regelmäßig kucken.“ Ich nicke zur Bestätigung und bin froh, dass sie mir die Entscheidung abnimmt. „Ich gehe noch eine rauchen“ murmle ich. „Okay, eine Zigarette, dann ins Bett? Versuchen Sie zu schlafen, vielleicht wirkt der Bedarf bald. Und wenn was ist, dann kommen Sie. Ich verlasse mich darauf, dass Sie kommen.“ Ich würde sie am liebsten knutschen für ihre Worte und ihr Handeln an diesem Abend, doch ich bin einfach zu kaputt um auch nur zu lächeln. 

Also rauche ich, trolle mich ins Bad (unterbrochen von einem „Ist alles okay da drin?“ von Schwester Sabine) und verkrieche mich dann im Bett. Während ich mich noch ein wenig mit dem Handy ablenke, mich in meine Kuscheldecke kuschel und mein Einhorn-Kisse fest an mich drücke, schaut sie regelmäßig ins Zimmer. Und irgendwann schlafe ich dann ein, mit dem Hörbuch in den Ohren und dem Bedarf im Körper und Dankbarkeit für die Unterstützung an diesem Abend. 

Der Tag heute war okay. Abgesehen davon, dass ich wegen Bedarf ziemlich matschig bin und eigentlich Schlaf gebraucht hätte. Doch die Nacht war um kurz nach 7 vorbei, als meine Zimmernachbarin anfing zu jammern. Nach dem Frühstück klingelte dann mehrfach das Patiententelefon auf dem Flur, welches fast direkt neben meiner Zimmertüre hängt. Dann kam meine andere Mitpatientin ins Zimmer geschneit und erzählte mir tausend Dinge, also wieder kein Schlaf. Nach dem Mittagessen verkroch ich mich dann nochmal unter die Decken, doch dann schnarchte die Zimmernachbarin in den lautesten Tönen. Nach Aufstehen und Rauchen war ich gerade mit eBook fast beim einschlafen war… Klingelte ihr Telefon am Bett. 

Und nun bin ich hoffentlich so müde, dass ich einfach nur noch bald einschlafe. Morgen geht es heim. Mir wird der sichere Rahmen fehlen, denn zuhause weiter kämpfen ist einfach schwerer als in einer sicheren Umgebung mit ständigem Ansprechpartner, aber es ist nun auch wieder an der Zeit den sicheren Rahmen zu verlassen und weiter meinen neuen Weg zu gehen und ich denke, dass ich dafür auch wieder ausreichend „unsuizidal“ und stabil genug bin. Es wird Zeit wieder heim zu gehen. Und ich freue mich schon so unglaublich auf mein Katerkind, auf sein Schnurren und sein Fell und sein Miauen und seine Nähe. Und auf die Wutzis, das Quietschen und Mampfen und Rascheln. Und auf meine Wohnung, mein Bett, meine Freiheit. 

Du musst so schnell sein wie wildes Wasser.
Du musst so stark sein wie ein Taifun.
Du musst so heiß sein wie Höllenfeuer –
geheimnisvoll zugleich, so wie der Mond!