Wer hätte das gedacht…

„Wer hätte das vor 492 Tagen gedacht?“ meint Pfleger Kai heute lächelnd, als ich am Pflegestützpunkt lehne und ihm von den 491 Tagen ohne Selbstverletzung berichte. „Und wer hätte das vor 2 ½ Jahren gedacht, dass ich nun studieren gehe…“ antworte ich, ebenfalls lächelnd.

Er meint, dass ich mir was drauf einbilden kann, dass ich einen der Studienplätze habe, auf den sich über 10 Menschen beworben haben. Über 1000 Bewerber auf ungefähr 100 Plätze, ich fasse es immer noch nicht wirklich.

Und so stehe ich auf der Station, die so lange quasi Mittelpunkt meines Lebens war, werde ein kleines bisschen sentimental und bin stolz auf mich.

„Vielleicht haben wir dann ja doch irgendwas richtig gemacht“ meint Pfleger Kai. Und das haben sie. Auch wenn es manchmal heute noch beschissen ist und ich alles hinwerfen mag, so ist es doch so sehr anders als damals. Ich bin dem Team unglaublich dankbar. Für all die Momente, in denen ich sie gehasst habe. Und natürlich für all die Momente, in denen sie einfach da waren. Vielleicht schreibe ich ihnen das. Wenn das Studium beginnt, wenn ich tatsächlich in der Uni sitze, wenn mein Leben tatsächlich weiter geht.

Es wird immer wieder Abstürze geben. Tiefpunkte. Doch da ist nun ein neuer Halt. Ein neues Ziel. Etwas, für das es sich zu kämpfen lohnt. Kämpfen für meinen Traum, für mein Ziel. Es geht weiter und ich bin froh darüber.

Ich habe diese Zeit gebraucht. Ich habe Zeit gebraucht um wieder auf die Beine zu kommen, um klar zu kommen, um mich selbst zu finden und einen Weg mit dem Trauma umzugehen, es zu akzeptieren, anfangen es zu verarbeiten. So scheiße es war so komplett abzustürzen, so hatte es nicht nur negative Seiten. Ich habe unglaublich viel gekämpft in diesen ganzen Monaten, unglaublich viel gelernt und wundervolle Menschen kennen gelernt. Ich bin stärker geworden und ich weiß, welchen Weg ich gehen möchte.

Manchmal habe ich das Gefühl, dass alles nur ein Traum ist. Dass ich aufwache und feststelle, dass ich doch nicht studieren gehe, dass ich doch immer noch in so einem Loch hänge. Es wird noch dauern, bis ich das wirklich realisiert habe. Vermutlich werde ich es erst richtig fassen können, wenn ich dann tatsächlich auf dem Campus stehe, wenn ich in meiner ersten Vorlesung sitze.

Zwischendurch blitzt immer wieder der Gedanke auf, dass es nicht sein kann. Dass es nicht sein darf. Dass es mir nicht gut gehen darf, dass ich das nicht aushalte. Ich kämpfe dagegen, versuche diese Gedanken auszuhalten und mir zu sagen, dass die Gefühle da nicht hin gehören. Früher wäre das nicht möglich gewesen. Früher hätte ich mich verletzen müssen, weil ich das nicht aushalte. Weil es nicht sein kann, dass es gut läuft. Dass es funktioniert.

Ich habe so viel gelernt in dieser ganzen Zeit.

„Wer hätte das vor 492 Tagen gedacht?“

Es endet. Es beginnt neu.

Seit Januar 2015 bin ich krank geschrieben.

Im Februar 2015 versuchte ich mir das Leben zu nehmen.

Im März 2015 bekam ich die Kündigung.

Ich war unzählige Male zur stationären Krisenintervention.

Ich war unzählige Male in der Notfallchirurgie zum Nähen und habe mich noch öfter selbst verletzt.

Ich habe keine Zukunft gesehen, keine Hoffnung gehabt.

Ich habe 14 Wochen DBT gemacht.

Ich habe 7 Wochen Reha mit Traumatherapieschwerpunkt gemacht.

Über 2 Jahre sind vergangen. Über 2 Jahre, in denen ich „hauptberuflich krank“ war. Über 2 Jahre, in denen meine Krankheit mein Leben bestimmte.

Es endet. Es beginnt neu.

Ich werde studieren gehen. Ich habe tatsächlich eine Zusage bekommen. Ich habe einen Studienplatz und kann mich immatrikulieren.

Neuanfang. Fortschritt. Weiter gehen.

Es endet.

Es beginnt neu.

Neuer Weg

Ich brülle ein „Tschüss!“ in den Pflegestützpunkt und kurz darauf schauen zwei Köpfe um die Ecke. „Wir wollen keine Klagen hören!“ ruft Schwester Tina mir zu. „Kein Schneiden, kein Mist, kein sonstiges! Keine Klagen!“ schließt sich Schwester Yvonne ihr an. „Haben Sie alles?“ – „Ich hatte sie noch nie alle!“ – „Ja, dass Sie sie nicht alle haben, dass wissen wir!“ Wir müssen lachen, ich mag diese nicht böse gemeinten Sticheleien und liebe das Pflegepersonal dort dafür, dass sie meinen Humor verstehen. Sie wünschen mir alles Gute, auch die Sozialarbeiterin huscht noch an mir vorbei und wir scherzen darüber, dass ich immer noch keinen Taxischein bekommen habe, denn zu Anfang der stationären Aufenthalte dort wollte meine damalige behandelnde Ärztin mir immer einen ausstellen für die Heimfahrt, dabei wohne ich ja nur ungefähr 10 Gehminuten entfernt. Auch die Sozialarbeiterin wünscht mir alles Gute, ich drücke noch ein paar Mitpatienten zum Abschied und gehe dann den Flur entlang, öffne die Stationstüre, gehe eine Etage runter und dann noch eine halbe und stehe kurz später auf der anderen Seite der Schiebetüre in der Sonne. Meine Füße tragen mich den Weg entlang, den ich schon mehrere hundert Male gegangen bin. Vorbei an den anderen Gebäuden bis zur Straße, am Supermarkt vorbei und dann den kleinen Weg entlang, der mich bis zu der Straße bringt, in der ich wohne. 

Aber etwas ist anders dieses Mal, ich gehe diesen Weg zum ersten Mal mit anderen Gefühlen als bei den Entlassungen zuvor. Früher war da Angst, ob ich die Wochen zuhause aushalten kann. Da war Schmerz, weil ich die Sicherheit der Klinik verlassen muss. Natürlich auch Freude auf zuhause und Zuversicht, aber eben auch die anderen Gefühle. Heute ist es anders. Ein wenig Wehmut habe ich schon, weil ich nun wieder alleine um mich kämpfen muss und die Verantwortung für mein (Über-) Leben trage und die Sicherheit und der Schutz weg sind. Aber auf der anderen Seite freue ich mich unglaublich auf zuhause, bin froh, dass ich diesen Weg gehe, auch wenn die 7 Tage definitiv notwendig waren, so ist es nun auch definitiv notwendig wieder daheim zu sein. Und es ist anders, dass es da keinen Termin gibt. Keine 4 oder 6 oder 8 Wochen, nach denen ich wieder komme. Diese Sicherheit brauche ich nicht mehr. Dieses Maß an Unterstützung brauche ich nicht mehr. Es reicht mir aus zu wissen, dass ich in einer Krisensituation kommen kann, es reicht aus zu wissen, dass die Station mit ihren Ärzten und dem Pflegepersonal und dem Psychopeuten da ist. Denn ich habe ein Stück Sicherheit in mir selbst gefunden, ein Stück mehr Vertrauen in meine Fähigkeiten, in meinen Mut und meine Kraft. Dank der dbt, aber auch dank der Klinik hier. Es ist so anders als damals. So sehr, dass ich manchmal selbst immer noch nicht begreife, dass es wirklich so ist. Manchmal komme ich nicht ganz mit mit diesen Fortschritten, mit solch seltsamen Gefühlen wie Stolz auf mich, mit den Worten in meinem Kopf oder aus meinem Mund, weil es noch vor einem Jahr so anders aussah. Und dann muss ich lächeln, weil ich stolz bin, dass ich stolz auf mich sein kann. 

Und so bin ich nun also wieder daheim. „Keine akute Suizidalität.“ steht in dem Kurzarztbrief. Ich bin wieder stabiler. Die Tür zum Notausgang steht nicht mehr so sperrangelweit offen wie letzten Freitag. Ich bin auch nicht schon mit einem Fuß durch die Tür. Ich habe sie Zentimeter für Zentimeter wieder zugezogen, zwischendurch vielleicht mal kurz inne gehalten und den Blick durch geworfen, aber nun stehe ich nicht mehr mit der Türklinke in der Hand da und will hindurchstürmen. Vermutlich wird es noch eine Weile dauern, bis der Spalt wieder so schmal wird wie zuvor, aber die Türe wird irgendwann wieder angelehnt sein anstatt so weit offen zu stehen. 

Noch versuche ich daheim anzukommen. Ich versuche das Chaos zu ignorieren, dass ich hier veranstaltet habe, bevor ich in die Klinik ging. Auf der Suche nach etwas, dass mich überleben lässt, auf der Suche nach Finalgon und Skills und zwischen Panik und Flashbacks, zwischen kopflosem Rumrennen und heulend auf der Bettkante sitzen. Und dazu kommt noch das Chaos, dass der Zitronenkater veranstaltet hat, Kleider, die auf wundersame Weise aus dem Kleiderschrank in die Küche gewandert sind, Gurkenstückchen, die er den Meeris geklaut und nur zur Hälfte gefressen hat, Tüten, die er so liebt und so gerne zum schlafen nutzt und sonstigem Zeug, dass er beim spielen in meiner Wohnung verteilt hat. Ich versuche langsam zu machen, mit mir selbst achtsam und behutsam umzugehen, mich nicht direkt völlig zu verausgaben. Ich versuche weiter auf meinem neuen Weg zu gehen, langsam den schmalen Pfad, der zugewachsen, von Dornenranken überwuchert und unbekannt ist, zu gehen und den alten Weg, der asphaltiert und breit daneben verläuft und so viel Sicherheit verspricht, zu ignorieren. 

Es ist anders. Es ist so sehr anders. Und ich bin stolz. 

Verstand & Gefühl 

Kaum schreibe ich hier, dass ich in den letzten Nächten immerhin schlafen konnte, da bin ich wieder eine ganze Nacht wach. Also habe ich mir vorgestern morgen gegen halb 6 nochmal eine Portion Medis eingeworfen und konnte dann auch endlich schlafen, fast 8 Stunden wurden es. Der verbleibende Rest des Tages war dann aber dementsprechend ein wenig Banane. Ich habe mit N. zusammen gekocht und gegessen und bin zuhause aufs Sofa und später dann ins Bett geplumst. Einschlafen dauerte, klappte dann aber, dafür war ich um halb 5 wieder wach. Herrlich. 

Als ich vorgestern vor der Tür saß und auf N. wartete, fiel mein Blick auf meine Arme. Generell fallen mir die Narben nicht mehr so sehr auf. Sie sind eben da und gehören dazu. Doch in diesem Moment sah ich sie bewusst und fühlte mich gewaltig hin und her gerissen zwischen „sieht ja irgendwie schon schlimm aus“ und „ich will mehr“. 

Es ist manchmal so verwirrend, was in meinen Kopf vorgeht. Rational weiß ich, dass es Irrsinn ist. Dass mehr Narben nichts bringen werden, denn für diesen Teil in mir wird es nie genug sein. Ich werde immer mehr wollen, egal wie viele es sind. Und trotzdem ist da dieser Wunsch. Mein Inneres nach außen kehren. Diese innerliche Zerstörung sichtbar machen. Den Schmerz in mir. Die seelischen Wunden. 

Und neben diesen Gedanken ist da einfach die Sehnsucht danach, die mich immer und immer wieder packt. Es ist leichter damit umzugehen mittlerweile. Ich kenne Skills, ich habe genug Wege um damit umzugehen. Meistens zumindest. Die Momente der extremen Anspannung, die Momente, in denen ich mir nicht vorstellen konnte noch eine einzige Minute ohne Selbstverletzung zu überleben, sind seltener geworden. Ich schaffe es diese Gedanken, wenn das Drumrum relativ stabil ist, zu bemerken und einfach da sein zu lassen, aber es treibt mich nicht enorm um. Aber trotzdem kommt die Sehnsucht danach hoch. So ein Mal, das wäre doch okay. Einfach nur, um es wieder mal zu spüren. Doch mein Verstand weiß, dass das nicht klappt. Ein Mal…. Dabei wird es nicht bleiben. Und der Verstand hat aktuell noch mehr Macht als der dysfunktionale Teil. 

Während diesen Gedanken spüre ich die Hitze der Sonne auf meiner Haut und denke daran, dass bald Juni ist. Es wird Sommer. Dann sind es nur noch zwei Monate bis der Tag kommt, an dem ich im letzten Jahr zum letzten Mal „meine“ Station verließ als Patientin. Voller Angst vor der vor mir liegenden dbt und erleichtern, dass ich danach weiterhin in Intervallen auf „meine“ Station kommen kann. Das es ganz anders kommen wird als geplant, daran habe ich damals keinen einzigen Gedanken verschwendet, denn es war für mich absolut unvorstellbar. In den Tagen zuvor trieb mich die Angst um, dass der Chefarzt mir die „Erlaubnis“ nicht geben wird weiterhin zu kommen. Die Angst, dass ich ohne diese Sicherheit auskommen muss, die Panik vor einem Leben ohne diesen Rückhalt… Ich war ein Haufen gespannter Nerven und Panik. 

Nun sind es fast 10 Monate ohne einen Aufenthalt dort… Und immer noch ein solches kleines Wunder, dass ich es immer noch kaum fassen kann. Ich habe so viel erreicht in der dbt, so vieles gelernt, dann so vieles erreicht in der Traumatherapie… 

Wenn es August wird und der Tag kommt, dann werde ich einen Brief an die Hexe mit zwei Besen schreiben, an sie und das Team der Station. Und ich werde stolz auf mich sein, weil das so unvorstellbare eingetreten ist. 
Meinen Therapietermin heute habe ich verschlafen. Als ich die Augen öffne ist es 3 Minuten vor 11. Um 11 wäre der Termin gewesen. Zumindest bin ich dann innerhalb von Sekunden hellwach. Meinen Wecker habe ich einfach ausgeschaltet im Halbschlaf. Yeah. Ich fange an mich zu ärgern über mich selbst, doch lasse es dann schnell wieder. Radikale Akzeptanz. Verschlafen ist verschlafen, egal wie sehr ich mich ärgere. 

Für morgen habe ich einen Ersatztermin bekommen. Ich stelle mir definitiv noch 3 Wecker mehr. Aber es trifft sich ganz gut, denn als ich heute in der Apotheke Medis abholen war, hatte ich plötzlich eine 100er Packung unretardiertes MPH in der Hand, statt die 30er Packung mit retardiertem. Damit hätte ich entweder ’ne Menge Geld oder schön eine Runde btm-Missbrauch veranstalten können, aber nein, ich bin ja vernünftig. So ’ne Scheiße. Also trage ich das falsche Rezept morgen zurück zum Psychiater und lasse mir ein neues (und diesmal richtiges) ausstellen. 

Kurzurlaub 

Ich sitze im knallgrünen Fernbus, die Sonne geht langsam hinter den Hügeln der Vogesen unter und ich bin wieder auf dem Weg nach Hause. 

Am Freitag musste ich früh aus dem Haus, da Dank der Baustelle an der Bahnstrecke die Fahrerei derzeit ein wenig komplizierter ist. Voll bepackt bin ich dann bei meiner Therapeutin aufgeschlagen. Ich habe ihr von den furchtbaren Tagen und Stunden erzählt in der letzten Zeit, habe ein wenig von meiner verkorksten Familie erzählt und habe sie sprachlos gemacht mit einigen Dingen, die ich über mich selbst, den Missbrauch und die vergangenen Tage erzählt habe. Sie kommt aktuell noch nicht so wirklich mit mit meinen Therapieerfolgen, schüttelt verwundert den Kopf wenn ich von Selbstfürsorge rede oder kurz auf traumatische Dinge eingehe, ohne dabei völlig wegzudriften oder Worte zu suchen oder das Thema direkt von Anfang an zu meiden. Es war erst die dritte Sitzung seit der dbt, die zweite seit der Traumatherapie. 

Danach mache ich mich auf direktem Weg auf zum Fernreisebusbahnhof (was ein Wort!), steige kurz darauf in den Bus und bin auf dem Weg in die dbt-Stadt. Mit jedem Kilometer werde ich hibbeliger und muss mich beherrschen, um den Busfahrer nicht anzufeuern ein wenig mehr Gas zu geben. Dann kommt die Autobahnabfahrt, dann die Stadt und dann der Busbahnhof in Sicht und kurz darauf drücke ich F. und A. an mich. 

Am Samstag sammeln wir noch C. und M. auf, verbringen Zeit in der Stadt bis Ch. zu uns stößt und wir endlich wieder komplett sind, endlich wieder alle zusammen, bis wir uns drücken und quietschen und freuen und nicht mehr aus lachen und freuen und allem raus kommen. Wir verbringen einen wunderschönen Tag zusammen, schocken einen der Pfleger auf Station, weil wir plötzlich alle dort auftauchen (er hat sich aber auch kurz darauf vom Schock erholt und sehr gefreut), sitzen zusammen im botanischen Garten und essen, machen Fotos und malen die Straße vor der Klinik mit Kreide an. Irgendwann wird es leider wieder Zeit für den Abschied, Ch. und M. fahren wieder, während wir verbliebenen 4 noch Zeit miteinander verbringen bis C. zurück in die Klinik muss. 

Den Sonntag verbringen wir dann größtenteils zu viert, bis F. dann auch wieder auf Richtung Heimat muss. Am Abend verabschiede ich mich für die Nacht dann auch von C., mit A. bastel ich und mampfe und schaue TV. 

Heute morgen bin ich dann los gezogen und habe die liebe fylgja besucht und gemeinsam mit ihr zu ihrem Geburtstag gebruncht, geraucht und gequatscht. 

Und dann hieß es auch schon wieder Sachen packen und mit A. noch zu C. in die Klinik. In der Klinik bin ich dann erst den so gewohnten Weg in den zweiten Stock des Nebengebäudes gegangen und habe meiner ehemaligen Therapeutin Fr. K. einen Besuch abgestattet. Ich saß in ihrem Büro, habe erzählt, von uns Mädels, von mir, von der schweren Zeit vor dem Wochenende und auch, dass diese fruchtbaren Tage dazu gut waren mir zu zeigen, wie verdammt viel ich eigentlich schon erreicht habe. Ich schaffe es trotzdem noch irgendwie für mich zu sorgen, Verantwortung für mich und mein Leben zu übernehmen, ich bin in keine suizidale Krise gestürzt, ich habe mich nicht verletzt. Sie freut sich über meinen Besuch und meine Erzählungen. 

Irgendwann muss A. los und ich drücke sie fest zum Abschied, verbringe noch ein wenig Zeit mit C., bis sie mich bis zur Straßenbahn begleitet und ich auch sie ein letztes Mal drücke. Kurz darauf bin ich am Bahnhof und steige ein wenig später in den Bus, der mich wieder zu meiner Hauptstadt tragen wird. 

Die Tage waren so unglaublich schön. Ich habe jeden Moment aufgesaugt, habe jedes Lachen und Kichern und Umarmen und jedes Gespräch und auch die ernsten Momente so genossen. Unsere kleine Gang gibt mir so viel Kraft und Rückhalt und Energie und Wärme und es tat unglaublich gut mit Menschen unterwegs zu sein, denen man nicht erst stundenlang etwas erklären muss, Menschen, die einen verstehen und so nehmen wie man ist und die den schweren Weg durch die dbt mit einem gemeinsam gegangen sind. Und es war auch schön fylgja wieder zu sehen, weil ich sie und unsere Gespräche unglaublich mag und die gemeinsame Zeit genieße. 

Ich fahre also mit vielen tollen Momenten im Gepäck zurück in die Heimat, voller Wärme und auch mit Zuversicht, dass es nun wieder bergauf gehen wird. Auch wenn ich unglaublich traurig bin, weil ich nun diese Menschen nicht bei mir habe. Aber ich weiß ja, wo ich sie finden kann und dass sie trotz der Entfernung immer ganz nah sind. 

Und so sehr der Abschied schmerzt, so freue ich mich doch auf den verrückten Zitronenkater und die Meeris und mein Zuhause und auch auf die Menschen dort in der Nähe. 

And she’ll fly, fly, fly

Mein gestriges Date mit dem Psychiater war gut. So wie eigentlich jeder Termin bei ihm gut ist und vor allem auch gut tut. Ich erzähle ihm, dass es gerade eher mittelprächtig ist, erzähle von der Antriebslosigkeit, der Müdigkeit, der Dunkelheit. Er schaut mich kritisch an und ich sehe dieses „und was gut läuft ignorieren Sie einfach“ in seinem Blick, denn er kennt mich einfach zu gut. 

„Auf einer Skala von 10 – supergut – bis 0 – richtig mies -, wo sind Sie da derzeit?“ – Hm. Bei einer 2? – „Und warum tun Sie dann Sachen, die eigentlich bei einer 6 oder 8 liegen oder wollen diese Sachen erreichen? Ist doch klar, dass das nicht funktioniert!“ 

Und er hat damit so verdammt recht. Ich will immer alles, am besten sofort und perfekt. Dass das nicht funktioniert weiß ich zwar, es ändert aber nichts daran, dass ich es will. 

„Was spricht denn gegen einen Tag im Bett?“ fragt er mich und eigentlich fällt mir da nicht viel ein, außer den Dingen, die mein Kopf dann brüllt. 

Er rät mir einfach ganz viele Dinge im Bereich von 0-1 zu tun, die mir gut tun und Kraft geben. Vielleicht auch maximal 2. Aber wenn es gerade eben so ist, dann ist es so und ich soll nicht Unmögliches von mir verlangen. (haha.) 

Zum Schluss kommt er mit einer seiner Geschichten um die Ecke. Er war mit einem Freund unterwegs im Bereich der Zugspitze. Schwere Rucksäcke hinten drauf und zügigen Schrittes den Berg hoch. Dabei überholten sie einen älteren Herren, der langsam vor sich hin lief. Und nach einer Weile waren beide so fertig, dass sie anhalten mussten und eine Pause einlegten. Nach einiger Zeit kam der ältere Herr in Sicht. Er ging in aller Ruhe zielstrebig seinen Weg weiter, hielt bei ihnen kurz an,  meinte in breitem Dialekt „Der Berg will ergangen werden.“ und setze seinen Weg fort. 

Und ich weiß, was er mir damit sagen will.

Und so genieße ich nach dem Termin die Sonne am Markt der Hauptstadt mit einem leckeren Kirschbier und einem Freund, ziehe nach Hause und telefoniere ein wenig mit einer Freundin und mache ein paar Dinge in der Wohnung. Und auch heute bin ich sparsam mit meiner Energie und versuche nicht zu hart mit mir ins Gericht zu gehen. So habe ich heute dann schon eingekauft, Wäsche gewaschen und aufgehängt, den Kater bespaßt und auf dem Bett in der Sonne gelegen und gelesen. Und sogar anständig gegessen. 

Anstatt von mir Dinge zu verlangen, die ich vermutlich nicht schaffen würde, habe ich die Dinge getan, die ich hinkriege und so nicht Stunden damit verbracht gegen mich selbst zu kämpfen. Es fällt mir zwar enorm schwer mich nicht zu verurteilen, weil zu wenig, zu unperfekt, zu faul, zu unfähig, du doof aber es klappt dann doch irgendwie. Vielleicht schaffe ich es sogar noch ein wenig weiter in der Wohnung zu wuseln. Mit Maß und Ziel. Und vielleicht kriege ich es so hin in den nächsten Tagen etwas zu tun, nicht gänzlich unzufrieden mit mir zu sein und Stück für Stück wieder aus dem Loch zu krabbeln. Und vielleicht habe ich dann auch genug Kraft die beiden Ostertage zu überstehen, die ich bei meiner Familie verbringen will. Vermutlich leider mit Besuch des Großonkels, aber das lässt sich leider nicht vermeiden. Mal sehen, ob ich mich nicht mit ein paar Dingen eindecke, die mich von ihm ablenken und mich damit einfach im Zimmer meiner Schwester zurückziehe. Ich habe immerhin schon meine Grenzen gezogen, indem ich ’nur‘ Sonn- und Montag auftauche und nicht schon freitags. Denn vier Tage Familie, bei aller Liebe, halte ich wirklich nicht durch. 

She’s got her ticket

I think she gonna use it

I think she going to fly away

No one should try and stop her

Persuade her with their power

She says that her mind

is made up 

Ein wenig Farbe

Heute gab es ein wenig Licht in der Dunkelheit, ein wenig Farbe in der aktuellen Schwärze. 

Ich war zuerst mit N. in der Stadt Eis essen und die Sonne genießen, anschließend ging es dann zum Tintenmann. Nun habe ich also wieder frisch Farbe unter der Haut, habe meine Belohnung für das Jahr auf dem Arm. 

Die Farbe sieht momentan noch nicht so ‚gut‘ aus, das letztendliche Resultat gibt es erst in 3 bis 4 Wochen, wenn es verheilt ist. Aber es gefällt mir trotzdem schon. 

Und so gehe ich heute zum ersten Mal seit über einem Jahr wieder mit schmerzenden Wunden ins Bett. Wenn auch aus anderen Gründen. 

Tinte. 

In den letzten Tagen klappt es wieder aktiver zu sein. Auch wenn die Antriebslosigkeit mich oft noch lähmt, ich kriege einige Dinge mittlerweile doch wieder auf die Reihe, schlafe und esse wieder halbwegs normal und gewinne in kleinen Schritten die Macht über das Chaos in meinen vier Wänden. 

Bald gibt es dann auch die Belohnung für mein Jahr ohne Selbstverletzung. Der Termin für die Tinte unter die Haut steht, ich bin schon furchtbar aufgeregt und würde am liebsten direkt loslegen. Ich freue mich wahnsinnig darauf. Andererseits stimmt es mich ein wenig traurig, denn seit die Idee des Tattoos in meinem Kopf ist war klar, dass ich auch ein Semikolon dabei haben möchte. Ich fand die Idee hinter dem project semicolon von Anfang an toll. Umso trauriger ist es, dass die Gründerin der Idee und letztendlich auch der Organisation vor einigen Tagen starb – durch Suizid. Es ist schade, denn sie hat so vielen Menschen dadurch Halt und Mut gegeben, auch mir. 

Ab nächster Woche werde ich wieder in die Reha-Klinik fahren, zur Nachsorge. Zweimal die Woche findet eine Gruppe statt, ich bin gespannt was mich dort erwartet. Vielleicht habe ich ja irgendwann auch mal Zeit noch beim Therapeuten vorbei zu schauen. 

Und so vergehen die Tage und ich bin erstaunt, dass ich so wenig Selbstverletzungsdruck und Suizidgedanken habe. Es ist, bis auf sie Antriebslosigkeit, ziemlich stabil in den letzten Tagen und ich bin froh, dass ich mich von mir selbst erholen kann. Vor der dbt gab es solche Zeiten kaum, vor allem nicht über mehrere Tage. Doch an Selbstverletzung habe ich nun wirklich nicht mehr gedacht und es ist erstaunlich, wie wenig es mir aktuell fehlt. Und da heute sowieso nichts im TV läuft und ich auch ziemlich erledigt bin, werde ich jetzt mit Buch ins Bett wandern und noch ein wenig lesen, denn das habe ich in letzter Zeit viel zu wenig getan. 

Klinik, besondere Medis und Smiley 

Beim Aufstehen war es heute morgen tatsächlich besser. Ich war ein wenig produktiv, habe angefangen in der Küche aufzuräumen, den Zitronenkater rausgeschmissen und mir Tee gekocht. Bis die leichten Kopfschmerzen sich zu einer ausgewachsenen Migräne entwickelten und mich ins Bett zwangen. Prima. 

Der Zitronenkater kam immer wieder mal rein und hat geschaut, ob ich noch da bin. Nach maunzen und gekrault werden zog er dann wieder nach draußen, bis er eine Weile später erneut in die Wohnung sprang, sich hechelnd einige Minuten ausruhte und nach dem obligatorischen Mauzen und Kraulen wieder verschwand. 

Letztendlich kam er dann klebend und nach Tanne duftend wieder, panierte sich einmal kurz selbst im Meerschweinchenstreu und musste vor lauter Erschöpfung erstmal schlafen. 

Die Migräne ist dank Medis dann doch irgendwann einigermaßen verflogen. Und da ich eh Richtung Supermarkt musste und die Sonne so schön schien und ich nach dem ganzen Durchgängen ein wenig Menschenbedarf hatte, bin ich einfach in der Klinik vorbei getappt. Es tat gut dort auf dem Balkon zu sitzen, die Sonne auf der Haut zu spüren, mit den Patienten zu quatschen und Latte zu trinken. 

Und zu meiner Freude traf ich Pfleger Arschkeks dort an, der mir erstmal erzählte, wie sehr er sich über die Post von mir gefreut hat. Ich bekam sogar eine Dosis Abendmedis dort. 😉 

Es tut auch gut mit ihm und Pfleger Jan zu reden, Blödsinn zu quatschen, zu lachen. Und es ist schön von Pfleger Arschkeks mal wieder einen Smiley verpasst zu kriegen. 

Ich bin froh, dass diese gelegentlichen Besuche mir reichen um ein wenig Halt zu finden. Dass es reicht einfach vorbei zu schauen und ein wenig zu reden. Ich hätte nie gedacht, dass ich es wirklich schaffe ohne den regelmäßigen Aufenthalt dort, ohne die Sicherheit. Doch es reicht momentan zu wissen, dass sie da sind im Notfall, dass ich anrufen kann und kommen kann, wenn es gar nicht mehr geht. 

Ich bin ein wenig zuversichtlicher, dass die depressiven Tage nun hoffentlich vorbei sind. Dass ich wieder ein wenig mehr Kraft habe zum weiter machen und produktiv sein. 

Und am Donnerstag hab ich ein Date mit dem Tintenmensch. Ich trage meine Idee dann hin, erkläre ihm was ich gerne mag und zeige ihm die Stelle wegen den Narben. Und dann hab ich vielleicht ganz bald ein neues Tattoo. <3 

Ziele und Chaos 

Das doofe an erreichten Zielen ist einfach, dass man sie erreicht hat. Und dann? Tja. 

Die Frage nach dem nächsten Ziel stellte gestern die Traumagruppentherapeutin in einer Mail, als Antwort auf meine Mail, dass ich das Jahr geschafft habe. Und wieder einmal sitze ich da und überlege. Ja, was ist es denn, das nächste Ziel? Klar, natürlich, das oberste Ziel ist mich nie wieder zu verletzen. Doch nie wieder ist nicht greifbar, ist Milliarden Lichtjahre entfernt. Und es ist ein Ziel, das nicht in die SMART-Methode passt. Denn die habe ich in der Ausbildung gelernt und auch im dbt war sie Thema. Spezifisch, messbar, attraktiv, realistisch und terminiert. Also wird das nächste Etappenziel Ostern sein. Denn an Ostern wollen A. und ich unser Einjähriges feiern. Und wir versuchen alle zusammen zu kommen zu dem Termin in der dbt-Stadt. Meine ganzen Mädels wieder sehen, das ist absolut ein lohnenswertes Ziel um durchzuhalten. Und danach werde ich die 500 Tage in Angriff nehmen. Und dann irgendwann die 2 Jahre. Damit kann ich aktuell ganz gut leben, auch wenn natürlich gerade im Moment der Gedanke an „ach, einmal könnte ich doch…“ sehr intensiv im Kopf rumspukt. 

Gestern war ich einen Freund in der Vor-Ort-Klinik besuchen. Ich habe lange mit Schwester Sabine am Tisch gesessen und geredet, erzählt von der dbt, von der Reha, von mir und von den Plänen. Und auch sie sagt, wie schon andere vom Personal zuvor, dass da so ein großer Unterschied ist zwischen damals und jetzt. Dass sie das Gefühl hat, dass ein anderer Mensch vor ihr steht. Und es tut diese Worte zu hören, aber es schmerzt gleichzeitig auch. Denn es zeigt mir, an welchen Punkten ich noch vor 2 Jahren stand, es erinnert mich an die dunklen Stunden, in denen keinerlei Lebenswille und Hoffnung in mir war. Und ich bin ein weiteres Mal unendlich dankbar für die Unterstützung, die ich dort erfahren habe, dafür, dass ich nicht aufgegeben wurde, dass ich vor Aufgaben gestellt wurde, die für mich so unmöglich schienen und die ich dann doch erreicht habe. Wenn alles klappen sollte mit dem Studium und den Plänen, die ich habe, dann werde ich ihnen einen Brief schreiben, werde ihnen danken für all diese Tage dort. 

Und Schwester Sabine sagt mir auch nochmals, dass sie ja nur einen Anruf weit entfernt sind, dass ich anrufen kann und vorbei kommen und dass ich zur Not auch auf der Station aufgefangen werde. Diese Sicherheit im Hintergrund tut gut. Und es tut auch gut zu merken, dass ich diesen Halt nicht mehr in diesem Maße brauche wie noch vor einigen Monaten. Damals unvorstellbar, heute umso schöner zu spüren. 

Die Hälfte der Station ist von Patienten belegt, die ich kenne. Manche nur von einem meiner unzähligen Aufenthalte dort, mit einigen habe ich auch schon mehrere Aufenthalt dort verbracht. Und es stimmt mich teilweise traurig, dass so viele immer und immer wieder dort landen, weil sie immer und immer wieder die gleichen Fehler machen, immer und immer wieder ihren alten Weg gehen und auf alte Verhaltensweisen zurückgreifen. Und gleichzeitig merke ich, wieviel Glück ich hatte, wieviel Kraft und wieviele Menschen und Möglichkeiten zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Denn es gab auch Fachmenschen, die mich vor zwei Jahren oder auch noch vor einem Jahr an diesem Ort gesehen haben, als Drehtürpatient in der Akutpsychiatrie, als immer und immer wiederkehrend, als ‚hoffnungslosen Fall‘. 

Bevor ich gehe, hinterlasse ich noch einen kurzen Brief für Pfleger Arschkeks. Das Bild mit dem Smiley vom Frühling letzten Jahres mit ein paar Worten, mit meinem erreichten Ziel, mit einem Dankeschön für die Idee damals und der Ankündigung, dass ich irgendwann meine 365 Smileys einfordern werde. 

Morgen habe ich einen Termin bei meiner Therapeutin. Es gibt viel zu erzählen, von der Reha, von den Fortschritten und den noch vorhandenen Schwierigkeiten, von mir und den Plänen. Ich sehe sie erst zum zweiten Mal seit der Entlassung aus der dbt. Und es wird auch eine unserer letzten Stunden sein. Es ist ein merkwürdiges Gefühl, seit so vielen Jahren ist sie nun da, hat mit mir gearbeitet und mich unterstützt. 

Und gleich werde ich mir gewaltig in meinen Po treten, denn das Projekt ‚Wohnung wieder zu Wohnung machen‘ schiebe ich nun seit so langer Zeit vor mir her, immer mit dem Vorhaben es anzugehen, teilweise auch mit der beginnenden Umsetzung, aber wirklich Hinbekommen habe ich es in den letzten Wochen nicht. Und nun ist es wirklich an der Zeit und absolut nötig, denn sonst kann ich bald rtl2 und das Messie-Team zu mir bestellen. Wie sehr mir die Antriebslosigkeit und die depressiven Momente einfach auf die Nerven gehen. Immer noch und immer wieder.