irgendwas mit Menschen…

Ich habe in den letzten Tagen so oft gedanklich den Kopf geschüttelt. Fragt man quer durch meine Kommilitonen durch, dann findet man immer wieder die Aussage „Ich will irgendwas mit Menschen machen.“ als Antwort auf die Frage, wie sie nun an dieser Fakultät gelandet sind. Und so kam es heute auch zu der ersten Verwunderung, als nach der Vorlesung die Frage auftauchte, ob das denn „nun immer so sein“. Als der Dozent dann darauf hinwies, dass es sich um ein wissenschaftliches Studium handelt, herrschte plötzliche Stille im Raum.

Viele der Menschen, die mit mir in den Vorlesungen sitzen, kommen grade von der Schule. 18 oder 19 Jahre alt und wollen halt nix mit Büro machen. Ich spreche keinem ab, dass er das Studium rockt und es wirklich auch eine Arzt Berufung ist, dennoch bin ich mir sicher, dass einige davon schon nach diesem Semester nicht mehr da sein werden.

Mein Hirn fühlt sich tot an. Aber trotzdem gut, denn es gab Input, unglaublich viel zwar, aber Input. Es ist anstrengend für mich mit so vielen Menschen so lange Zeit zusammen zu sein, es strengt an zuzuhören und gleichzeitig zu denken und die Geräusche um mich herum auszublenden. Doch da muss ich mich einfach zuerst dran gewöhnen.

Ich bin derzeit froh um meine Vorkenntnisse, auch wenn die schulischen Inhalte schon weit zurück liegen, doch oftmals klingelt da was im Hinterkopf. Ich bin froh um meine Lebenserfahrung und meine Allgemeinbildung und um die praktischen Erfahrungen aus dem Berufsleben. Es macht manche Dinge ein wenig entspannter.

Ich bin gespannt auf die nächsten Tage. Heute bin ich einfach nur noch im Eimer, völlig und ganz. Doch die Momente der Anspannung waren erstaunlicherweise nicht so häufig und heftig wie befürchtet, auch wenn manche Dinge mich inhaltlich doch getriggert haben. Aber machbar und mit einer professionellen und theoretischen Haltung den Dingen gegenüber sicherlich auch in Zukunft meisterbar.

Feels like I’m caught in the middle

Irgendwann in diesem ganzen Studiumsanfangschaos sitze ich zwischen vielen Menschen in der Aula. Der Dekan steht da und spricht, heißt uns alle willkommen. „Dass Sie hier sitzen haben Sie nicht dem Glück zu verdanken, naja, ein winzig kleines bisschen vielleicht, sondern Ihrer Leistung.“ Es gab so viele Bewerber und so wenig Plätze wie eh und je, ich sitze dort zwischen all diesen Menschen, die es geschafft haben. Und wie in einer Rückblende im Film erscheint Frau K. vor mir, die Therapeutin aus der dbt, und redet von Stolz und ich kann es kaum aushalten. Und dann Herr H. aus der Traumatherapie und wieder dieses Wort und dieses Gefühl, mit dem ich doch immer noch viel zu wenig anfangen kann. Und dann sitze ich dort und muss die Tränen zurück halten, denn ja verdammt, stolz, das bin ich.

Stolz, weil ich hier sitze, zwischen Kommilitonen, die sich teilweise mehrfach hier beworben haben, teilweise mehrfach woanders. Und stolz, weil ich eben hier sitze, immer noch atme und lebe und weil ich wieder atme und lebe nach den fast 3 Jahren, die hinter mir liegen.

Stolz fühlt sich immer noch neu und fremd an. Merkwürdig und trotzdem nicht mehr ganz so furchtbar, manchmal sogar fast gut.

In meiner Nase ist der Geruch von feuchtem Laub und Spätsommer oder auch schon Herbst, als ich im Dunkeln zum Bus laufe. Vor einem Jahr lag dieser Geruch abends um mich, wenn ich auf der Bank vor der Klapse saß und eine Zigarette rauchte. Damals schien ein Jahr so endlos weit weg. So weit voraus denken, planen wie es weitergeht, sogar unterschreiben, dass ich dann (und sogar noch ein paar Monate länger) immer noch lebe… Und nun frage ich mich, wie so oft in der letzten Zeit, wo dieses Jahr hin ist, vorhin die Tage und Wochen und Monate verschwunden sind.

Und dann sitze ich wenige Momente später auf dem Boden in meinem Bad und heule. Weil ich nicht mitkomme, weil ich da stehe in diesem Leben, das nun weder Scherbenhaufen noch okay noch eine Mischung aus beidem ist, weil es doch irgendwie okay ist und ich stehe da und will laut schreien, will schreien, dass ich nicht gesund bin, dass da in mir immer noch ein Scherbenhaufen ist, dass ich das so nicht kann und das doch so auch nicht funktioniert und dass ich so doch nicht studieren kann und leben und alles. Ich will schreien und zusammenbrechen und krank sein, oder eben gesund, und nicht diese wirre Mischung daraus, die weder was Halbes noch was Ganzes ist. Wann will ich einfach wieder zurück in die Sicherheit aus Zusammenbruch und Selbstverletzung und Suizidgedanken, weil das so gewohnt ist, so sicher.

Und so sitze ich da auf dem Boden in meinem Bad und blicke direkt auf den Badschrank, weiß genau, dass sich dort in dieser mittleren Schublade Rasierklingen befinden und weiß auch genau, dass ich sie nicht benutzen werde, so sehr ich es auch will.

Vielleicht muss ich mich mit diesem seltsamen Zwischending abfinden. Vermutlich bleibt mir wenig anderes übrig. Eine Kranke auf dem Weg zum Gesundsein. Eine Gesunde mit Krankheit irgendwo. Ich, zwischen hier und dort. Vielleicht wird es nie nur das eine oder das andere geben. Vielleicht kann ich irgendwann sagen, dass ich gesund bin. Vielleicht bin ich irgendwann mehr gesund als krank. Ich weiß es nicht, ich weiß nicht was die Zukunft bringt. Ich weiß nur, dass sie kommen wird. Und vielleicht werde ich auch weiterhin in der Mitte bleiben, zwischen den Extremen, zwischen Schwarz und Weiß. Wenn, dann aber nicht grau, sondern bunt.

But if you look at me closely
You will see it in my eyes
This girl will always find
Her way

Und gerad‘ deswegen: auf das Leben!

Die Zeit fliegt. Vor einem Jahr saß ich noch halbwegs verwirrt und orientierungslos angesichts der Zukunft ungefähr um diese Uhrzeit auf einem Klinikflur und wartete auf die Visite. Heute sitze ich ziemlich verwirrt und müde in einem Zug, auf dem Weg in die Hauptstadt und von dort dann zum Campus. Ich studiere. Tatsächlich, wahrhaftig. Ich zeige den Studentenausweis statt der Fahrkarte, die mich in den letzten 3 Jahren begleitet hat. Ich fahre nicht mehr nur in die Hauptstadt, weil ich zur Therapie muss oder zum Psychiater oder jemanden treffe. Mein Psychiater hat mir den letzten Krankenschein ausgestellt. Mit einem erleichterten Seufzer, da die fast dreijährige Routine von monatlichem Termin und Krankenschein nun ein Ende hat. Gefühlt steht mein Leben grade Kopf. Umbruch, Neuanfang, Ende, was auch immer. So viel gleichzeitig und so gesund. Fortschritte noch und nöcher könnte man sagen. „Fortschritt“ sagt auch der Psychiater, als ich anspreche, dass ich die Medis zur Nacht reduzieren möchte. Ich frage mich, wie ich eigentlich mit der viel höheren Dosis und dann auch noch morgens, mittags, abends und nachts, funktionieren konnte. Arbeiten konnte. „Fortschritt“ sagt er und vermutlich ist es das. Schon in der dbt habe ich die Medis reduziert, weil ich gemerkt habe, dass da keine hohe Anspannung mehr ist, die sie runter holen könnten. Nun habe ich also die Hälfte der Minidosis und schlafe trotzdem. Die ersten Nächte waren blöd und zu kurz und unruhig, aber nun schlafe ich eigentlich genauso gut (oder vielleicht auch besser). Vielleicht, wenn das mit dem Studium ein wenig mehr Routine ist, vielleicht lasse ich den Rest dann auch weg. Es fühlt sich gut an. Es fühlt sich richtig an. So im Großen und Ganzen. Vielleicht bin ich angekommen. Vielleicht ist das hier und jetzt genau der richtige Weg. Der neue Weg. Der gesunde Weg. Und weil es grade so gut passt gibt es laut und mit voller Wucht nun auf das Leben umme Ohren.

„Normal ist auch nur ein Wort.“

555 Tage ohne Selbstverletzung. Eine weitere schöne Zahl, ein weiterer Grund stolz zu sein und zu feiern.

Und passend dazu ein paar tolle Worte von Nicholas Müller.

Sie haben einmal gesagt: ‚Normal ist auch nur ein Wort.‘ Hat der Begriff für Sie überhaupt eine Bedeutung?:

Nur in Alltagsdingen. Normal druckt man auf Waschmittelverpackungen, wenn 25 Prozent mehr Inhalt ‚als normal‘ drin steckt. Klar, ich habe mir zwischenzeitlich nichts mehr als Normalität gewünscht. Aber letzten Endes ist das eine Definitionssache. So, wie ich jetzt bin, wie ich lebe, fühle ich mich normal. Aber das passt bestimmt nicht in die Schemata anderer Menschen. Normal ist ein Begriff, der impliziert, dass man funktioniert. Deswegen mag ich das Wort nicht. Wie man funktioniert, das fragen die wenigsten.

Nicholas Müller im stern-Interview.

This. Is. Worth. Fighting for.

Seit gestern nehme ich wieder meine „normale“ Dosis Medis. Und bisher ist es in Ordnung. Die Übelkeit ist nicht mehr oder weniger geworden, sie hält sich nun seit 1 ½ Wochen auf einem konstanten Level. Es strengt an, weil Übelkeit immer noch triggert, aber ich habe in den letzten Tagen gelernt halbwegs damit umzugehen, weil ich weiß, dass die Medis grade dieses Chaos veranstalten. Ich schlafe trotz allem gut, in der Nacht bei Muddi und in den Nächten bei A. und auch in den zwei Nächten bisher zuhause. Zwar viel, aber gut, daheim ab und an mal unterbrochen durch ein paar Sekunden aufwachen, weil das Katerkind über mich tapst oder mir laut ins Ohr schnurrt.

Und ich wache auch tatsächlich morgens auf wenn ich muss, zwar knatschig und zerknautscht und muffig, aber ich wache auf. So bin ich am Montag schon vor 8 Uhr unterwegs zur Klinik um mich von I. zu verabschieden, die nicht in Deutschland lebt und nur alle 3 Monate mal hier ist wegen Klinik. Gestern bin ich schon früh unterwegs, weil meine Gefühle mich an den Rand der Explosion bringen und ich gegensteuern muss, also ziehe ich über die Felder und bringe den Schweinchen Maisblätter mit.

Und heute purzel ich auch vor 8 aus dem Bett, weil ich zur arge muss. Ich hoffe, dass ich die unzähligen Unterlagen habe (bis auf die Vermieterbescheinigung, dafür brauche ich ein Formular, dass sie mir natürlich nicht mitgegeben haben…), ich hoffe, dass ich einen netten Menschen erwische, ich hoffe, dass ich nicht weiter geschickt werde, weil ich momentan keine Arbeit suche. Und ich hoffe, dass es nicht ewig dauert, denn ich muss weiter zur Therapie in die Hauptstadt.

Ich weiß gar nicht, auf welchem Stand meine Therapeutin ist. Sie war in Urlaub und wie immer, wenn zwischen den Stunden bei ihr eine längere Pause entsteht, passiert irgendwas. Meine Welt geht unter oder ich lande mal wieder in der Klapse oder oder oder. Irgendwas passiert immer und vielleicht sollte ich ihr einfach verbieten länger als 2 Wochen weg zu sein, weil die Termine mein Rahmen sind und ohne Rahmen alles aus dem Bild kippt.

Seit so vielen Jahren gehe ich nun zu ihr und sie kennt mich manchmal besser als ich mich selber. Ich weiß nicht, ob ich ansprechen soll, dass momentan so vieles in mir danach drängt nicht in der Realität zu sein. Aber nicht, weil ich vor der Realität fliehen möchte (doch, eigentlich schon, aber das ist wieder eine andere Baustelle), sondern dass ich diese Momente genieße in denen ich dann wieder in der Realität ankomme, diese Momente in denen ich sicher weiß, dass ich da bin und existiere und lebe. Das Gegenteil von weg eben, das Gegenteil von betrunken, einfach hier und lebendig. Es ist eine Flucht in Möglichkeiten mich lebendig zu fühlen ohne Selbstverletzung. Aber nicht besser oder schlechter, sondern genau so ein Problemverhalten wie mich zu verletzen.

Ich habe mit Schwester Sabine am Telefon gesprochen, weil ich weiß, dass sie es versteht. Sie oder Nathalie. Sie war da und ich war froh darüber. Skills sagt sie. Wie bei Anspannung, wie bei Selbstverletzung, wenn der Wunsch auftaucht nicht mehr in der Realität zu sein, um sie danach nur intensiver zu spüren.

Noch habe ich es unter Kontrolle. Noch. Ich bemühe mich nicht zu fliehen wenn es grade schwierig ist, sondern nur in den guten Momenten mal ein wenig Kontrollverlust zu genießen. Denn sonst wird es ganz schnell zum Ersatz der Selbstverletzung.

Das ganze zeigt mir, dass etwas fehlt. Dass ich Dinge brauche um mich lebendig zu fühlen, mich zu spüren. In der dbt-Stadt stand ich im Regen. Nass bis auf die Unterwäsche, die dicken Tropfen auf meiner Haut, die Kälte langsam in meinem Körper. Es gibt ein Bild davon und dieses Bild fängt genau das ein, was ich unter lebendig verstehe. Dieser Moment, in dem ich einfach nur da war, atmend, lebendig, da. Einfach da.

Nur kann ich eben nicht ständig im Regen stehen, erstens weil das Wetter mich da im Stich lässt, zweitens würde es irgendwann wohl die Wirkung verlieren, drittens brauche ich einfach etwas zuverlässiges, etwas, dass jederzeit verfügbar ist. Oder hat jemand eine Regenwolke zum mitnehmen im Angebot?

Also geht es in den nächsten Tagen wohl darum Dinge zu finden, die mich lebendig sein lassen. Raus aus dieser Watte, in der ich gefühlt seit Wochen klebe, die meine Realität unwirklich werden lässt. Spüren, mich und das Leben. Das wird das Ziel.

You’ve had enough… But just don’t give up… Stick to your guns, You. Are. Worth. Fighting for. You know we’ve all got battle scars. Keep marching on.

Wer hätte das gedacht…

„Wer hätte das vor 492 Tagen gedacht?“ meint Pfleger Kai heute lächelnd, als ich am Pflegestützpunkt lehne und ihm von den 491 Tagen ohne Selbstverletzung berichte. „Und wer hätte das vor 2 ½ Jahren gedacht, dass ich nun studieren gehe…“ antworte ich, ebenfalls lächelnd.

Er meint, dass ich mir was drauf einbilden kann, dass ich einen der Studienplätze habe, auf den sich über 10 Menschen beworben haben. Über 1000 Bewerber auf ungefähr 100 Plätze, ich fasse es immer noch nicht wirklich.

Und so stehe ich auf der Station, die so lange quasi Mittelpunkt meines Lebens war, werde ein kleines bisschen sentimental und bin stolz auf mich.

„Vielleicht haben wir dann ja doch irgendwas richtig gemacht“ meint Pfleger Kai. Und das haben sie. Auch wenn es manchmal heute noch beschissen ist und ich alles hinwerfen mag, so ist es doch so sehr anders als damals. Ich bin dem Team unglaublich dankbar. Für all die Momente, in denen ich sie gehasst habe. Und natürlich für all die Momente, in denen sie einfach da waren. Vielleicht schreibe ich ihnen das. Wenn das Studium beginnt, wenn ich tatsächlich in der Uni sitze, wenn mein Leben tatsächlich weiter geht.

Es wird immer wieder Abstürze geben. Tiefpunkte. Doch da ist nun ein neuer Halt. Ein neues Ziel. Etwas, für das es sich zu kämpfen lohnt. Kämpfen für meinen Traum, für mein Ziel. Es geht weiter und ich bin froh darüber.

Ich habe diese Zeit gebraucht. Ich habe Zeit gebraucht um wieder auf die Beine zu kommen, um klar zu kommen, um mich selbst zu finden und einen Weg mit dem Trauma umzugehen, es zu akzeptieren, anfangen es zu verarbeiten. So scheiße es war so komplett abzustürzen, so hatte es nicht nur negative Seiten. Ich habe unglaublich viel gekämpft in diesen ganzen Monaten, unglaublich viel gelernt und wundervolle Menschen kennen gelernt. Ich bin stärker geworden und ich weiß, welchen Weg ich gehen möchte.

Manchmal habe ich das Gefühl, dass alles nur ein Traum ist. Dass ich aufwache und feststelle, dass ich doch nicht studieren gehe, dass ich doch immer noch in so einem Loch hänge. Es wird noch dauern, bis ich das wirklich realisiert habe. Vermutlich werde ich es erst richtig fassen können, wenn ich dann tatsächlich auf dem Campus stehe, wenn ich in meiner ersten Vorlesung sitze.

Zwischendurch blitzt immer wieder der Gedanke auf, dass es nicht sein kann. Dass es nicht sein darf. Dass es mir nicht gut gehen darf, dass ich das nicht aushalte. Ich kämpfe dagegen, versuche diese Gedanken auszuhalten und mir zu sagen, dass die Gefühle da nicht hin gehören. Früher wäre das nicht möglich gewesen. Früher hätte ich mich verletzen müssen, weil ich das nicht aushalte. Weil es nicht sein kann, dass es gut läuft. Dass es funktioniert.

Ich habe so viel gelernt in dieser ganzen Zeit.

„Wer hätte das vor 492 Tagen gedacht?“

Es endet. Es beginnt neu.

Seit Januar 2015 bin ich krank geschrieben.

Im Februar 2015 versuchte ich mir das Leben zu nehmen.

Im März 2015 bekam ich die Kündigung.

Ich war unzählige Male zur stationären Krisenintervention.

Ich war unzählige Male in der Notfallchirurgie zum Nähen und habe mich noch öfter selbst verletzt.

Ich habe keine Zukunft gesehen, keine Hoffnung gehabt.

Ich habe 14 Wochen DBT gemacht.

Ich habe 7 Wochen Reha mit Traumatherapieschwerpunkt gemacht.

Über 2 Jahre sind vergangen. Über 2 Jahre, in denen ich „hauptberuflich krank“ war. Über 2 Jahre, in denen meine Krankheit mein Leben bestimmte.

Es endet. Es beginnt neu.

Ich werde studieren gehen. Ich habe tatsächlich eine Zusage bekommen. Ich habe einen Studienplatz und kann mich immatrikulieren.

Neuanfang. Fortschritt. Weiter gehen.

Es endet.

Es beginnt neu.

Neuer Weg

Ich brülle ein „Tschüss!“ in den Pflegestützpunkt und kurz darauf schauen zwei Köpfe um die Ecke. „Wir wollen keine Klagen hören!“ ruft Schwester Tina mir zu. „Kein Schneiden, kein Mist, kein sonstiges! Keine Klagen!“ schließt sich Schwester Yvonne ihr an. „Haben Sie alles?“ – „Ich hatte sie noch nie alle!“ – „Ja, dass Sie sie nicht alle haben, dass wissen wir!“ Wir müssen lachen, ich mag diese nicht böse gemeinten Sticheleien und liebe das Pflegepersonal dort dafür, dass sie meinen Humor verstehen. Sie wünschen mir alles Gute, auch die Sozialarbeiterin huscht noch an mir vorbei und wir scherzen darüber, dass ich immer noch keinen Taxischein bekommen habe, denn zu Anfang der stationären Aufenthalte dort wollte meine damalige behandelnde Ärztin mir immer einen ausstellen für die Heimfahrt, dabei wohne ich ja nur ungefähr 10 Gehminuten entfernt. Auch die Sozialarbeiterin wünscht mir alles Gute, ich drücke noch ein paar Mitpatienten zum Abschied und gehe dann den Flur entlang, öffne die Stationstüre, gehe eine Etage runter und dann noch eine halbe und stehe kurz später auf der anderen Seite der Schiebetüre in der Sonne. Meine Füße tragen mich den Weg entlang, den ich schon mehrere hundert Male gegangen bin. Vorbei an den anderen Gebäuden bis zur Straße, am Supermarkt vorbei und dann den kleinen Weg entlang, der mich bis zu der Straße bringt, in der ich wohne. 

Aber etwas ist anders dieses Mal, ich gehe diesen Weg zum ersten Mal mit anderen Gefühlen als bei den Entlassungen zuvor. Früher war da Angst, ob ich die Wochen zuhause aushalten kann. Da war Schmerz, weil ich die Sicherheit der Klinik verlassen muss. Natürlich auch Freude auf zuhause und Zuversicht, aber eben auch die anderen Gefühle. Heute ist es anders. Ein wenig Wehmut habe ich schon, weil ich nun wieder alleine um mich kämpfen muss und die Verantwortung für mein (Über-) Leben trage und die Sicherheit und der Schutz weg sind. Aber auf der anderen Seite freue ich mich unglaublich auf zuhause, bin froh, dass ich diesen Weg gehe, auch wenn die 7 Tage definitiv notwendig waren, so ist es nun auch definitiv notwendig wieder daheim zu sein. Und es ist anders, dass es da keinen Termin gibt. Keine 4 oder 6 oder 8 Wochen, nach denen ich wieder komme. Diese Sicherheit brauche ich nicht mehr. Dieses Maß an Unterstützung brauche ich nicht mehr. Es reicht mir aus zu wissen, dass ich in einer Krisensituation kommen kann, es reicht aus zu wissen, dass die Station mit ihren Ärzten und dem Pflegepersonal und dem Psychopeuten da ist. Denn ich habe ein Stück Sicherheit in mir selbst gefunden, ein Stück mehr Vertrauen in meine Fähigkeiten, in meinen Mut und meine Kraft. Dank der dbt, aber auch dank der Klinik hier. Es ist so anders als damals. So sehr, dass ich manchmal selbst immer noch nicht begreife, dass es wirklich so ist. Manchmal komme ich nicht ganz mit mit diesen Fortschritten, mit solch seltsamen Gefühlen wie Stolz auf mich, mit den Worten in meinem Kopf oder aus meinem Mund, weil es noch vor einem Jahr so anders aussah. Und dann muss ich lächeln, weil ich stolz bin, dass ich stolz auf mich sein kann. 

Und so bin ich nun also wieder daheim. „Keine akute Suizidalität.“ steht in dem Kurzarztbrief. Ich bin wieder stabiler. Die Tür zum Notausgang steht nicht mehr so sperrangelweit offen wie letzten Freitag. Ich bin auch nicht schon mit einem Fuß durch die Tür. Ich habe sie Zentimeter für Zentimeter wieder zugezogen, zwischendurch vielleicht mal kurz inne gehalten und den Blick durch geworfen, aber nun stehe ich nicht mehr mit der Türklinke in der Hand da und will hindurchstürmen. Vermutlich wird es noch eine Weile dauern, bis der Spalt wieder so schmal wird wie zuvor, aber die Türe wird irgendwann wieder angelehnt sein anstatt so weit offen zu stehen. 

Noch versuche ich daheim anzukommen. Ich versuche das Chaos zu ignorieren, dass ich hier veranstaltet habe, bevor ich in die Klinik ging. Auf der Suche nach etwas, dass mich überleben lässt, auf der Suche nach Finalgon und Skills und zwischen Panik und Flashbacks, zwischen kopflosem Rumrennen und heulend auf der Bettkante sitzen. Und dazu kommt noch das Chaos, dass der Zitronenkater veranstaltet hat, Kleider, die auf wundersame Weise aus dem Kleiderschrank in die Küche gewandert sind, Gurkenstückchen, die er den Meeris geklaut und nur zur Hälfte gefressen hat, Tüten, die er so liebt und so gerne zum schlafen nutzt und sonstigem Zeug, dass er beim spielen in meiner Wohnung verteilt hat. Ich versuche langsam zu machen, mit mir selbst achtsam und behutsam umzugehen, mich nicht direkt völlig zu verausgaben. Ich versuche weiter auf meinem neuen Weg zu gehen, langsam den schmalen Pfad, der zugewachsen, von Dornenranken überwuchert und unbekannt ist, zu gehen und den alten Weg, der asphaltiert und breit daneben verläuft und so viel Sicherheit verspricht, zu ignorieren. 

Es ist anders. Es ist so sehr anders. Und ich bin stolz. 

Verstand & Gefühl 

Kaum schreibe ich hier, dass ich in den letzten Nächten immerhin schlafen konnte, da bin ich wieder eine ganze Nacht wach. Also habe ich mir vorgestern morgen gegen halb 6 nochmal eine Portion Medis eingeworfen und konnte dann auch endlich schlafen, fast 8 Stunden wurden es. Der verbleibende Rest des Tages war dann aber dementsprechend ein wenig Banane. Ich habe mit N. zusammen gekocht und gegessen und bin zuhause aufs Sofa und später dann ins Bett geplumst. Einschlafen dauerte, klappte dann aber, dafür war ich um halb 5 wieder wach. Herrlich. 

Als ich vorgestern vor der Tür saß und auf N. wartete, fiel mein Blick auf meine Arme. Generell fallen mir die Narben nicht mehr so sehr auf. Sie sind eben da und gehören dazu. Doch in diesem Moment sah ich sie bewusst und fühlte mich gewaltig hin und her gerissen zwischen „sieht ja irgendwie schon schlimm aus“ und „ich will mehr“. 

Es ist manchmal so verwirrend, was in meinen Kopf vorgeht. Rational weiß ich, dass es Irrsinn ist. Dass mehr Narben nichts bringen werden, denn für diesen Teil in mir wird es nie genug sein. Ich werde immer mehr wollen, egal wie viele es sind. Und trotzdem ist da dieser Wunsch. Mein Inneres nach außen kehren. Diese innerliche Zerstörung sichtbar machen. Den Schmerz in mir. Die seelischen Wunden. 

Und neben diesen Gedanken ist da einfach die Sehnsucht danach, die mich immer und immer wieder packt. Es ist leichter damit umzugehen mittlerweile. Ich kenne Skills, ich habe genug Wege um damit umzugehen. Meistens zumindest. Die Momente der extremen Anspannung, die Momente, in denen ich mir nicht vorstellen konnte noch eine einzige Minute ohne Selbstverletzung zu überleben, sind seltener geworden. Ich schaffe es diese Gedanken, wenn das Drumrum relativ stabil ist, zu bemerken und einfach da sein zu lassen, aber es treibt mich nicht enorm um. Aber trotzdem kommt die Sehnsucht danach hoch. So ein Mal, das wäre doch okay. Einfach nur, um es wieder mal zu spüren. Doch mein Verstand weiß, dass das nicht klappt. Ein Mal…. Dabei wird es nicht bleiben. Und der Verstand hat aktuell noch mehr Macht als der dysfunktionale Teil. 

Während diesen Gedanken spüre ich die Hitze der Sonne auf meiner Haut und denke daran, dass bald Juni ist. Es wird Sommer. Dann sind es nur noch zwei Monate bis der Tag kommt, an dem ich im letzten Jahr zum letzten Mal „meine“ Station verließ als Patientin. Voller Angst vor der vor mir liegenden dbt und erleichtern, dass ich danach weiterhin in Intervallen auf „meine“ Station kommen kann. Das es ganz anders kommen wird als geplant, daran habe ich damals keinen einzigen Gedanken verschwendet, denn es war für mich absolut unvorstellbar. In den Tagen zuvor trieb mich die Angst um, dass der Chefarzt mir die „Erlaubnis“ nicht geben wird weiterhin zu kommen. Die Angst, dass ich ohne diese Sicherheit auskommen muss, die Panik vor einem Leben ohne diesen Rückhalt… Ich war ein Haufen gespannter Nerven und Panik. 

Nun sind es fast 10 Monate ohne einen Aufenthalt dort… Und immer noch ein solches kleines Wunder, dass ich es immer noch kaum fassen kann. Ich habe so viel erreicht in der dbt, so vieles gelernt, dann so vieles erreicht in der Traumatherapie… 

Wenn es August wird und der Tag kommt, dann werde ich einen Brief an die Hexe mit zwei Besen schreiben, an sie und das Team der Station. Und ich werde stolz auf mich sein, weil das so unvorstellbare eingetreten ist. 
Meinen Therapietermin heute habe ich verschlafen. Als ich die Augen öffne ist es 3 Minuten vor 11. Um 11 wäre der Termin gewesen. Zumindest bin ich dann innerhalb von Sekunden hellwach. Meinen Wecker habe ich einfach ausgeschaltet im Halbschlaf. Yeah. Ich fange an mich zu ärgern über mich selbst, doch lasse es dann schnell wieder. Radikale Akzeptanz. Verschlafen ist verschlafen, egal wie sehr ich mich ärgere. 

Für morgen habe ich einen Ersatztermin bekommen. Ich stelle mir definitiv noch 3 Wecker mehr. Aber es trifft sich ganz gut, denn als ich heute in der Apotheke Medis abholen war, hatte ich plötzlich eine 100er Packung unretardiertes MPH in der Hand, statt die 30er Packung mit retardiertem. Damit hätte ich entweder ’ne Menge Geld oder schön eine Runde btm-Missbrauch veranstalten können, aber nein, ich bin ja vernünftig. So ’ne Scheiße. Also trage ich das falsche Rezept morgen zurück zum Psychiater und lasse mir ein neues (und diesmal richtiges) ausstellen. 

Kurzurlaub 

Ich sitze im knallgrünen Fernbus, die Sonne geht langsam hinter den Hügeln der Vogesen unter und ich bin wieder auf dem Weg nach Hause. 

Am Freitag musste ich früh aus dem Haus, da Dank der Baustelle an der Bahnstrecke die Fahrerei derzeit ein wenig komplizierter ist. Voll bepackt bin ich dann bei meiner Therapeutin aufgeschlagen. Ich habe ihr von den furchtbaren Tagen und Stunden erzählt in der letzten Zeit, habe ein wenig von meiner verkorksten Familie erzählt und habe sie sprachlos gemacht mit einigen Dingen, die ich über mich selbst, den Missbrauch und die vergangenen Tage erzählt habe. Sie kommt aktuell noch nicht so wirklich mit mit meinen Therapieerfolgen, schüttelt verwundert den Kopf wenn ich von Selbstfürsorge rede oder kurz auf traumatische Dinge eingehe, ohne dabei völlig wegzudriften oder Worte zu suchen oder das Thema direkt von Anfang an zu meiden. Es war erst die dritte Sitzung seit der dbt, die zweite seit der Traumatherapie. 

Danach mache ich mich auf direktem Weg auf zum Fernreisebusbahnhof (was ein Wort!), steige kurz darauf in den Bus und bin auf dem Weg in die dbt-Stadt. Mit jedem Kilometer werde ich hibbeliger und muss mich beherrschen, um den Busfahrer nicht anzufeuern ein wenig mehr Gas zu geben. Dann kommt die Autobahnabfahrt, dann die Stadt und dann der Busbahnhof in Sicht und kurz darauf drücke ich F. und A. an mich. 

Am Samstag sammeln wir noch C. und M. auf, verbringen Zeit in der Stadt bis Ch. zu uns stößt und wir endlich wieder komplett sind, endlich wieder alle zusammen, bis wir uns drücken und quietschen und freuen und nicht mehr aus lachen und freuen und allem raus kommen. Wir verbringen einen wunderschönen Tag zusammen, schocken einen der Pfleger auf Station, weil wir plötzlich alle dort auftauchen (er hat sich aber auch kurz darauf vom Schock erholt und sehr gefreut), sitzen zusammen im botanischen Garten und essen, machen Fotos und malen die Straße vor der Klinik mit Kreide an. Irgendwann wird es leider wieder Zeit für den Abschied, Ch. und M. fahren wieder, während wir verbliebenen 4 noch Zeit miteinander verbringen bis C. zurück in die Klinik muss. 

Den Sonntag verbringen wir dann größtenteils zu viert, bis F. dann auch wieder auf Richtung Heimat muss. Am Abend verabschiede ich mich für die Nacht dann auch von C., mit A. bastel ich und mampfe und schaue TV. 

Heute morgen bin ich dann los gezogen und habe die liebe fylgja besucht und gemeinsam mit ihr zu ihrem Geburtstag gebruncht, geraucht und gequatscht. 

Und dann hieß es auch schon wieder Sachen packen und mit A. noch zu C. in die Klinik. In der Klinik bin ich dann erst den so gewohnten Weg in den zweiten Stock des Nebengebäudes gegangen und habe meiner ehemaligen Therapeutin Fr. K. einen Besuch abgestattet. Ich saß in ihrem Büro, habe erzählt, von uns Mädels, von mir, von der schweren Zeit vor dem Wochenende und auch, dass diese fruchtbaren Tage dazu gut waren mir zu zeigen, wie verdammt viel ich eigentlich schon erreicht habe. Ich schaffe es trotzdem noch irgendwie für mich zu sorgen, Verantwortung für mich und mein Leben zu übernehmen, ich bin in keine suizidale Krise gestürzt, ich habe mich nicht verletzt. Sie freut sich über meinen Besuch und meine Erzählungen. 

Irgendwann muss A. los und ich drücke sie fest zum Abschied, verbringe noch ein wenig Zeit mit C., bis sie mich bis zur Straßenbahn begleitet und ich auch sie ein letztes Mal drücke. Kurz darauf bin ich am Bahnhof und steige ein wenig später in den Bus, der mich wieder zu meiner Hauptstadt tragen wird. 

Die Tage waren so unglaublich schön. Ich habe jeden Moment aufgesaugt, habe jedes Lachen und Kichern und Umarmen und jedes Gespräch und auch die ernsten Momente so genossen. Unsere kleine Gang gibt mir so viel Kraft und Rückhalt und Energie und Wärme und es tat unglaublich gut mit Menschen unterwegs zu sein, denen man nicht erst stundenlang etwas erklären muss, Menschen, die einen verstehen und so nehmen wie man ist und die den schweren Weg durch die dbt mit einem gemeinsam gegangen sind. Und es war auch schön fylgja wieder zu sehen, weil ich sie und unsere Gespräche unglaublich mag und die gemeinsame Zeit genieße. 

Ich fahre also mit vielen tollen Momenten im Gepäck zurück in die Heimat, voller Wärme und auch mit Zuversicht, dass es nun wieder bergauf gehen wird. Auch wenn ich unglaublich traurig bin, weil ich nun diese Menschen nicht bei mir habe. Aber ich weiß ja, wo ich sie finden kann und dass sie trotz der Entfernung immer ganz nah sind. 

Und so sehr der Abschied schmerzt, so freue ich mich doch auf den verrückten Zitronenkater und die Meeris und mein Zuhause und auch auf die Menschen dort in der Nähe.