Panik

Craving deluxe. Ein solches verdammtes Verlangen. Ich kann mir verdammt gut vorstellen wie es sich anfühlt von einer Substanz abhängig zu sein, ein solch unglaubliches verdammtes Verlangen nach etwas zu haben. Auch wenn es bei mir substanzunabhängig ist, auch wenn mich nicht das Verlangen nach Heroin oder Tavor oder Tilidin treibt. Ich sehne mich nach dem Gefühl des Schneidens. So unglaublich, dass es körperlich spürbar ist, dass ich das Gefühl habe den Schmerz nicht mehr aushalten zu können, dass ich überempfindlich jeden Millimeter meiner unverletzten Haut fühle und plötzlich bestehe ich aus nichts anderem mehr als diesen Stellen, die so unglaublich präsent sind, die zu brennen scheinen. Ich löse mich auf in Verlangen und Haut und Haut und Verlangen.

—— einige Zeit Pause ——

Während dieser Zeit merke ich, dass eine Panikattacke wie eine Welle von hinten anrollt und mich unter sich zu begraben droht. Und es ist gut, dass ich es merke, denn so kann ich handeln, kann unter der beginnenden Panik hinweg tauchen und mich so vor der Welle retten.

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Wenn die Anspannungssymptome Panik auslösen, wenn sich plötzlich alles einengt auf immer kleiner werdendem Raum… So viele Jahre sind vergangen, seit ich eines Abends meine damalige Therapeutin anrief, weil ich gerade stundenlang durch den Regen gelaufen war und nicht wusste was mit mir passiert und dann auf dem Küchenboden meiner Tante die erste richtige Panikattacke meines Lebens hatte. So lange war die Angst nicht mehr mein täglicher Begleiter. Nun verfolgt sie mich wieder, in jedem Augenblick sprungbereit um mich anzugreifen.

Seit jenem Abend. Seit dem Abend, den ich schreiend und heulend und kotzend auf dem Badezimmerboden verbracht, zum ersten Mal seit langem mit Panikattacken.

Seit dem Abend, an dem Erinnerungen kamen, die ich gut 12 Jahre beiseite geschoben hatte. Erinnerungen an einen Abend voller Angst. Seit dem Abend, an dem ich wieder die Todesangst von damals spürte. Ich hab alles verbuddelt und so getan, als wäre es nichts dramatisches. Bis es mir um die Ohren fliegt. Bis es mir genau so um die Ohren fliegt wie die Missbrauchserinnerungen damals. Damals fingen die Flashbacks und Dissoziationen wieder an. Jetzt sind die Panikattacke wieder da.

Ich weiß immer noch nicht was ich tun soll. Mit jenem Abend hier am Bahnhof in der Realität und jenem Abend der Inobhutnahme damals. Was ich tun soll mit dem, dass es ausgelöst hat. Was ich tun soll mit den Gefühlen und Gedanken und Erinnerungen. Was ich tun soll mit dem Schmerz. Und der Angst. Und der Anspannung.

Wohin mit dem Selbstverletzungsdruck und der Suizidalität? Nochmal steh ich das nicht durch, nochmal so ’ne Krise schaffe ich einfach nicht. Nicht jetzt. Nicht so dermaßen instabil.

Ich mag aufgeben.

Bewegen statt erstarren

Zivilcourage an sich ist ja ’n feines Ding. Schwierig wird es, wenn es zu Retraumatisierung führt und man später zitternd und heulend auf dem Badezimmerboden sitzt und immer wieder mit der Kloschüssel kuschelt.

Eigentlich ist alles gut. Es ist Dienstag und man hat schon Wochenende, freut sich auf die Wärme der Wohnung und das Katerkind. Vor dem Bahnhof stehen zwei Personen, ein Mann und eine junge Frau. Er hält sie fest, bedrängt sie, sie ruft immer wieder „Lass mich los!“. Sie geht, er folgt ihr. Weniger später Schreie vom Parkplatz. Menschen laufen vorbei, kucken doof, tun nichts. Man geht in die Richtung, zückt schon mal das Telefon… Und hat einfach Angst als Frau einzuschreiten und es kommt natürlich auch niemand mehr vorbei, man will aber auch nicht zurück gehen um jemanden zu holen, da ja etwas passieren könnte. Also ruft man die Polizei, erklärt, beschreibt die Personen, wartet. Letztendlich tauchen die Beamten auf und man ist erstmal erleichtert.

Und zuhause kommt der mental breakdown. Man, in diesem Fall ich, sitzt heulend und zitternd da und kann die aktuellen Bilder nicht mehr von den Bildern der Vergangenheit trennen, alles verschwimmt zu einem Einheitsbrei und was bleibt sind die Schreie der jungen Frau, die sich mit meinen Schreien der Vergangenheit mischen. Ich bin plötzlich wieder 12 Jahre jünger und habe Angst um mein Leben, mein Herz rast in der Vergangenheit und in der Gegenwart, ich zittere im Hier und Jetzt und in der Vergangenheit, die Bilder der vorbeilaufenden Menschen aus der Gegenwart vermischen sich mit den Fragen der Polizisten aus der Vergangenheit, warum denn niemand etwas getan hat.

Flashback folgt auf Flashback und in den kurzen Momenten dazwischen gelingt es mir nicht aktiv etwas dagegen zu tun. Also vergeht Flashback um Flashback und Vergangenheit und Gegenwart geben sich in meinem Badezimmer die Klinke in die Hand, während ich versuche zurück zu finden ins Hier und Jetzt, in die Realität, in mein Badezimmer zu meinem Badezimmerboden und meiner Kloschüssel, in die ich meinen Mageninhalt befördere, weg von alten Erinnerungen und Bildern und Worten, die eigentlich 12 Jahre zurück liegen.

Eigentlich war es nie Thema. Natürlich war jener Abend vor fast 12 Jahren oft Thema, jener Abend, an dem ich in Obhut genommen wurde, seit dem es ein davor und danach gibt. Doch er war nie Thema als schwere Situation, als traumatisierendes Erlebnis an sich. Es gab die Dinge davor, ja. Aber wenn Momente und Situationen Thema waren, in denen ich traumatisiert wurde, dann spielte dieser Abend nie eine Rolle. Weder in meinem Bewusstsein, noch in dem der professionellen Helfer an meiner Seite. Natürlich erlebte ich die Inobhutnahme auch als sehr verstörend und ein Stück weit vielleicht traumatisierend und auch die Menschen, die in der Hinsicht mit mir gearbeitet haben. Aber eher als Prozess, als Schock der Normalität der Wirklichkeit, die mich traf, kannte ich doch nur das Leben davor, so völlig jenseits von Normalität. Als einzelner Abend – Nein. Ich glaube wirklich es war nie ein Thema.

Doch nun sitze ich hier (mittlerweile auf dem Wohnzimmerboden und immer noch nicht gänzlich in der Realität), versuche mich an die Wirklichkeit zu klammern und an Worte, versuche dem Schrecken in mir Raum zu machen, indem ich Worte zu Sätzen formuliere, versuche durch Schreiben und damit real machen der Dinge einen Weg zu finden dieser Sinnesflut Einhalt zu gebieten und dem Gefühl, dass ich nichts sagen darf, dass ich nicht existent sein darf, etwas entgegen zu setzen.

Der Teil von mir, der sich völlig in der Gegenwart befindet, der sich seit Jahren mit PTBS beschäftigt und auch fachlich einiges Wissen hat, brüllt in meinem Kopf „Bist du eigentlich blöde?!“. Denn ja, wie wahrscheinlich ist es denn bitte, dass man in einer Situation, in der man Todesangst hat, nicht traumatisiert wird? Todesangst, wirkliche Panik davor zu sterben, plötzlich mit der Endlichkeit des eigenen Daseins konfrontiert werden, wie geht man da völlig unbeschadet raus? Wenn jemand vor einem steht und sagt „Ich bring dich um.“ und man weiß mit völliger Sicherheit, dass es keine dahergesagte Floskel, sondern bitterer Ernst ist. „Ja, bist du eigentlich blöde?“ brüllt es weiterhin fröhlich in meinem Kopf.

Die Stunden danach waren und sind immer noch unwirklich. Die Zigarette im Auto mit Frau G., der Mitarbeiterin des Jugendamts. Interessanterweise kann ich mich an ihren Namen erinnern, weiß aber nicht mehr, wie die Mitarbeiterin hieß, die dann in den Jahren danach für mich zuständig war.

Der Morgen danach, als ich mit Frau B. im Lehrerzimmer sitze und ihr davon erzähle und erkläre, warum ich die nächsten Tage nicht in die Schule kommen werde. Die Ankunft bei der Notpflegefamilie, die ganzen Eindrücke, der rote Kater, der dort abends in „meinem“ Bett bei mir schläft. Alles verschwimmt zu einem diffusen Eindruckswattebausch, nicht wirklich greifbar, nicht zu entwirren. Was deutlich ist, sowohl damals als auch im Hier und Jetzt, ist die Angst. Wie ein schwarzer Dämon, der sich in mir ausbreitet und wächst, der seine eiskalten Klauen um mich legt, der mich mit einer Kälte durchdringt, die keine Wärme der Welt vertreiben kann, der mich im Hier und Jetzt Zittern und Hyperventilieren und Schreien lässt. Da ist kein Schmerz, keine Traurigkeit, keine Wut, sondern nur allumfassende Angst.

Und mit dem Wissen von heute erkenne ich, dass es damals Angst war, die mich so oft fast sterben ließ, in dem Zeitraum von 14 bis zur Inobhutnahme. Ich weiß schon lange, dass es damals Panikattacken waren, die mich eiskalt trafen, doch brachte ich diesen Namen der Sache nie mit diesem Gefühl in Verbindung, welches gerade so in mir tobt. Auch wenn ich rational wusste, dass es Panikattacken sind, nicht zuletzt weil meine Therapeutin (ja, auch Psychiaterin) mir damals Medikamente gegen Panikattacken verschrieb. Und ich habe das Aufhören der Panikattacken nie in Verbindung mit der Inobhutnahme gebracht. „Ja bist du blöde?“ brüllt es wieder.

Und wirklich, genau diese Dinge werden mir bewusst während ich sie schreibe, während ich Buchstaben zu Worten zu Sätzen forme. Ich lasse es Realität werden, indem ich schwarz auf weiß festhalte, was passiert ist. „Es ist nicht wahr, was nicht wahr sein darf.“ sagt meine Therapeutin immer. Ich lasse es wahr sein, es darf wahr sein, es darf Realität sein.

Und für so etwas bedarf es dann einfach nur der Zivilcourage. Bämm. Und schon fliegt einem wieder einmal das Leben um die Ohren.

Ich zögere noch. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Ich weiß nicht, ob es gerade so okay ist, dass ich sagen kann es ist okay. Ich weiß nicht, ob das gerade ein Moment ist für einen Anruf in der Klinik oder bei der Krisenhotline. Ich weiß nicht, ob ich lieber ausharren soll ohne mich zu bewegen, oder ob ich etwas tun soll. Und währenddessen taucht das Bild der Körpertherapeutin aus der dbt vor meinen Augen auf, wie sie mir im Einzel gegenübersteht und immer wieder „Bewegen statt erstarren!“ sagt. Also werde ich das gleich versuchen. Raus aus dieser Angst, raus aus der Vergangenheit.

Wortlos. 

Weil ich es momentan einfach nicht schaffe, weil es sich so scheiße anfühlt, weil da so viel Chaos ist, weil mir tatsächlich einfach die Worte fehlen, hier einfach ein Auszug aus einer Mail, die ich an die liebe Traumagruppentherapeutin geschrieben habe… 

[…] 

Nach 7 Tagen bin ich am Freitag wieder heim gekommen. Eigentlich relativ guter Dinge. Stabiler, nicht mehr akut suizidal. Und dann brach sich meine Mutter vorgestern den Fuß. 

Und nun sitze ich heulend auf meinem Sofa, überfordert mit mir und der Welt. Ich komme mit meiner eigenen Wohnung momentan nicht auf einen grünen Zweig, sobald ich ein Ende halbwegs ordentlich habe ist es am Anfang wieder ein Chaos und ich schaffe es nicht dagegen anzukommen. Und dann ist da meine Mutter, die alleine kaum etwas schafft momentan, die nicht mal einkaufen kann und der Garten, der Pflege braucht. Es überfordert mich, gnadenlos. Meine eigenen Baustellen und dann dazu noch meine Mutter und alles dort. Meine Schwester arbeitet und steht kurz vorm Kolloquium, sie tut schon was sie kann nach der Arbeit, aber alles andere bleibt an mir hängen. 

Ich würde mich so gerne in die Sicherheit der Selbstverletzung flüchten, darin meinen Halt finden in der ganzen haltlosen Situation, ich verliere einfach wieder den Boden unter den Füßen, den ich mir in der Klinik so mühsam zurückerobert habe und es macht mich wahnsinnig. Es scheint momentan so endlos, eine Aneinanderreihung von Scheiße an Chaos an Scheiße mit viel zu kurzen Pausen dazwischen um mal Luft zu holen. So gerne würde ich einen Teil davon wegschneiden um irgendwie zu funktionieren, irgendwie klar zu kommen, einfach nur, damit ich nicht untergehe. Ich denke darüber nach stattdessen in die Sorglosigkeit aus Drogennebel zu verschwinden, mich einfach aus der Welt zu beamen, Hauptsache es irgendwie aushalten. Das aktuelle Chaos und die ganze Traumascheiße und die Vergangenheit. 

Und gleichzeitig schreit in mir drin alles, weil ich so gerne etwas positives schreiben würde, weil ich den ganzen Text nun zum vierten Mal tippe und es sich so miserabel anfühlt zuzugeben, dass ich gerade einfach nicht mehr kann und die Gedanken an Destruktivität so viel Raum einnehmen. Ich schaffe es nicht mal mehr zu bloggen aktuell, weil es sich anfühlt wie versagt zu haben, dass er gerade ist wie es ist. 

Sorry für den langen Text, aber ich glaube es ist gut, dass es mal raus ist. Und ich schicke es nun einfach ab, bevor ich alles wieder lösche und stattdessen ein „ach, es läuft ganz okay“ schreibe. 

[…] 

Alles auf Anfang, die Welt ist wieder Scheibe. 

Gestern saß ich irgendwann in der Therapie und saß doch nicht mehr da. Ich war nicht mehr wirklich anwesend, konnte den Worten meiner Therapeutin nicht mehr folgen. 

Zuvor hatten wir über Sonntag gesprochen. Über das Gespräch mit der Freundin meiner Mutter. Und mitten in der Therapie trifft mich die Erkenntnis, dass es nun also doch wahr ist. Dass dieser Teil in mir, der immer noch versuchte zu leugnen, dass es passiert ist, der hoffte, dass ich es mir nur einbilde, keine Grundlage mehr hat. Es gibt Menschen, die es vermutet haben. Schon immer. Meine ehemalige Therapeutin hatte die Vermutung schon vor 14 Jahren. Meine jetzige Therapeutin auch schon seit über 6 Jahren. Ich habe mich vehement dagegen gewehrt. Bis dann die Erinnerungen kamen. Und dennoch war die ganze Zeit der Teil im mir, der sich sicher war, dass es nicht sein kann. Und nun gibt es da Menschen, die von damals erzählen. Meine Tante, die mir berichtet, dass es auch Thema im Sorgerechtsstreit war. Und nun die Freundin meiner Mutter, die von ihren damaligen Vermutungen erzählt. Es nimmt mir die Grundlage weiterhin daran zu zweifeln. Es nimmt mir die Grundlage die Flashbacks als Einbildung abzutun, für die Körpererinnerungen andere Gründe zu suchen, für den Hass gegen mich und all diese Dinge. Und mit dieser Grundlage verschwindet der Boden unter meinen Füßen. 

Meine Therapeutin bleibt mit mir sitzen. Legt mir eine Decke um, während ich zittere und verkrampfe und nicht mehr da bin. Sie bleibt mit mir sitzen, bis ich wieder denken, reagieren, handeln kann. „Ich bin froh, dass ich Ihren Lebensvertrag hier habe.“ sagt sie kurz bevor ich gehe. 

Die Fahrt ist verschwommen und lückenhaft. Ich schaffe es nicht, die Tränen zurück zu halten und es ist mir auch egal. Ich bemerke die Menschen um mich rum kaum, habe Mühe auf die Haltestellen zu achten. 

Zuhause will ich den AvD der Klinik anrufen. Ich kann nicht mehr dafür garantieren, dass ich die Verantwortung für den Lebensvertrag nicht noch tragen kann. Doch meine Leitung ist tot. Mein Handy hat kaum noch Guthaben, doch ich kann es nicht aufladen, da der Server nicht erreichbar ist. Gestern Abend habe ich dann gelesen, dass dieses Problem wohl seit Tagen besteht beim Handyanbieter. 

Also rufe ich mit dem wenigen Guthaben an. Hänge in der Warteschleife, erreiche keinen. Dann ist das Guthaben leer. 

N. fährt los, um mir einen Aufladebon zu bringen. Kurz bevor es an der Türe klingelt, geht das Telefon wieder und ich habe die Therapeutin am Telefon, die für mich zuständig war bei meinem letzten Aufenthalt. Ich erzähle ihr was los ist und sie sagt, dass ich direkt vorbeikommen soll. Also packe ich ein paar Dinge, versuche gegen die Gedanken im Kopf anzukommen, die mir entgegenbrüllen, dass Klinik bedeutet versagt zu haben, dass ich doch lieber einfach schneiden soll oder mir einfach was antun. 

N. bringt mich bis auf die Station, wo Schwester Angelika mich begrüßt. Zusammen mit dem AvD verschwinden wir im Büro des Arztes und führen das Aufnahmegespräch. Ich erzähle kurz was passiert ist. Erzähle kurz von der Zeit seit meinem letzten Aufenthalt. Die Ärztin sagt, dass ich richtig gehandelt habe. Auch Schwester Angelika sagt das. Doch es fühlt sich einfach nur beschissen an, es fühlt sich nach Versagen an. 

Ich bekomme Bedarf. Verschwinde im Zimmer und gehe nur zum Rauchen ab und an mal vor die Zimmertüre in den Raucherraum. 

Abends sagt mir auch Schwester Laura nochmal, dass ich richtig gehandelt habe. Dass es kein Versagen ist. Dass es gerade so anders ist als früher, dass ich ganz anders hier her komme. Freiwillig, bevor was passiert. „Das hatten wir auch schon ganz anders, mit Krankenwagen und Polizei.“ erinnert sie mich. 

Auch Pfleger Thorsten und Pfleger Andreas erinnern mich am nächsten Morgen daran, dass es kein Versagen ist. 

Mit Pfleger Kai rede ich am Abend, weil plötzlich wieder alles einstürzt und mich umhaut. Ich weiß nicht, ob ich die Kontrolle behalten kann, ob ich es schaffe mich zu melden. Wir vereinbaren, dass ich auf Station bleibe. Er sagt mir, dass es derzeit eine ganz andere Situation ist als früher. Ganz andere Voraussetzungen. Er versorgt mich mit Bedarf und Finalgon. 

Schwester Sabine kommt in den Nachtdienst und setzt sich für eine Weile zu mir aufs Bett. Wir reden, sie fragt wie sie mich unterstützen können. Und ich muss lächeln, denn mit ihr habe ich früher viele Dinge besprochen und erarbeitet auf Grundlage der dbt, mit ihr und Schwester Nathalie. Nun sitze ich hier, nach der dbt, und schreibe freiwillig VAs und diary cards, während die beiden mich früher damit quälten. 

Es fühlt sich immer noch furchtbar an hier zu sein. Aber gerade fühlt sich alles in mir einfach furchtbar an. 

Einatmen. Ausatmen. Es wird vorbei gehen. (auch wenn ich das gerade noch kaum glauben kann…)

‚Alles auf Anfang‘ klingt wie Aufbruch, doch hier bewegt sich überhaupt nichts mehr.
Manchmal tut’s gar nicht weh, manchmal ’n bisschen und manchmal sehr.

depressiv 

Am Montag war ich zum ersten Mal bei der Nachsorge in der Reha-Klinik. Es ist eine Gruppe mit allen möglichen Menschen, ich bin mal gespannt was noch so auf mich zukommt dort. Die Therapeutin mag ich auf jeden Fall. 

Heute stand um halb 8 ein Arzttermin auf dem Plan. Vermutlich wird meine Hausärztin ’nen Koller kriegen, wenn sie meine Blutwerte sieht. Essen klappt derzeit nämlich quasi gar nicht. 

Vor 3 Tagen fiel mir dann auf, dass ich die letzte Zeit versehentlich nur die Hälfte meiner Abendmedis genommen habe. Es wäre eine mögliche Erklärung für das aktuelle Loch. Und auch für mich die ‚einfachste‘, denn daran kann ich ja relativ schnell etwas ändern. Beziehungsweise habe ich schon, denn direkt abends habe ich dann wieder die richtige Dosis genommen. 

Neben der Erleichterung, dass es einen so logischen Grund für das Loch geben könnte, sind da auch Selbstvorwürfe. Wie dämlich konnte ich denn sein? Ich weiß, welche Konsequenzen es hat Medis zu vergessen oder falsch zu nehmen und ich bin so froh, dass es mit der aktuellen Medikation so gut funktioniert. Und dann nehm ich die falsche Dosis, Glückwunsch. Ich könnte mir echt selber in den Hintern beißen. 

Und da wären wir dann mal wieder beim leidigen Thema Selbsthass. Momentan könnte ich unendlich viele Dinge aufzählen, die nicht funktionieren. Die ich nicht schaffe, die mich überfordern, die mich an meine Grenzen bringen. Ich kann dies nicht und das nicht, müsste hier und dort, sollte man dieses und jenes. 

Doch ich versuche es nicht zuzulassen. Ich versuche die Dinge zu sehen, die gut funktionieren. Ich bin immer noch selbstverletzungsfrei. Die Suizidgedanken sind relativ leise und gut auszuhalten. Und obwohl es so schwer ist war ich bisher doch irgendwie jeden Tag vor der Türe, ob nun ’nur‘ zum Einkaufen oder um einen Freund in der Klinik zu besuchen. Und ich habe es auch geschafft jeden Tag mindestens ein wenig im Haushalt zu tun. Ich bin also eigentlich nicht völlig unfähig derzeit, auch wenn es sich so anfühlt. 

Morgen bin ich mit Mama verabredet und am Sonntag kriege ich mein Tattoo. Ich freue mich schon total. 

Ich versuche einfach weiter zu machen und zu hoffen, dass es schnell wieder vorbei geht. Auch wenn es sich gerade so endlos anfühlt, ich weiß, dass es wieder vorbei gehen wird. Ich muss nur da durch. Ich muss ’nur‘ den Druck aushalten und die Grütze in meinem Kopf. Es wird besser. Es wird besser. Es wird besser. Nur nicht aufgeben.  

Doch Scheiße passiert eben doch in Sekunden 

Aus dem „Vielleicht haben Sie ja auch nur Rückenschmerzen.“ des Arztes vom Notdienst ist nun eine Nierenbeckenentzündung geworden. Meine Hausärztin verzichtet darauf mir auch noch auf die zweite Niere zu drücken, nachdem ich bei der ersten schon kurz davor war ihr gegen das Schienbein zu treten vor Schmerz. Sie schüttelt nur den Kopf über den Notdienstarzt, verschreibt mir ein Antibiotikum, schaut mich böse an und meint „Machen Sie nie wieder so einen Überdosiskram!“, freut sich mit mit mir, als ich von Freiburg berichte und entlässt mich mit einem neuen Termin für nächste Woche. Also werde ich in den nächsten Tagen viel Zeit im Bett verbringen, abgesehen von der Abschlussfeier meiner Schwester morgen und dem Altstadtfest am Wochenende. Denn es tut sowieso jede Bewegung weh, Unterwegssein ist eine Qual und ich versuche mich möglichst wenig zu bewegen, auch wenn die Schmerzen trotzdem immer da sind. 

In der Nacht kam ich wieder nicht an. Ich lag wach bis gegen 3, ruhe- und rastlos. Nächste Woche habe ich einen Termin bei meinem Psychiater und werde das mal ansprechen, falls es sich nicht bessert. Ich dachte eigentlich es wäre vorbei nach dem Termin beim Arzt vom Amt, weil ich dachte das treibt mich so um. Den Termin habe ich gestern aber hinter mich gebracht. Eigentlich war es nicht mal halb so schlimm wie befürchtet. Ein paar allgemeine Fragen beantworten („Welchen Schulabschluss haben Sie? Hauptschule?“-„Ähm… Fachhochschulreife und abgeschlossene Berufsausbildung…“ und ein darauf folgender sehr irritierter Blick. Psychisch krank gleich doof oder wie?), dann eine kurze Untersuchung („Ich sage Ihnen gleich, ich kriege vermutlich die Krise wenn wir das nun so machen“ und dann eine verkürzte Untersuchung, bei der ich angezogen bleiben darf) und dann die Feststellung, dass ich ja noch in Behandlung bin und die definitiv Vorrang hat und ich war schon wieder aus der Tür. Gut, also werde ich in den nächsten Tagen wohl einen Reha- bzw. Rentenantrag stellen müssen. Bis dann eine Entscheidung gefallen ist bekomme ich auf jeden Fall mein alg1. 

Danach war ich kurz in der Klinik, habe Unterlagen für die Sozialarbeiterin abgegeben, I. besucht und Pfleger Jan vom Temin  berichtet, denn er wollte gerne wissen wie es lief, nachdem ich ihn vor ein paar Tagen damit im Nachtdienst vollgejammert hatte. Auf meine Erzählung hin und meine Aussage „also ich bin scheinbar nicht arbeitsfähig“ musste er lachen und erwiderte „wie, echt nicht? Was ein Wunder.“ und ich musste mit ihm lachen. Schwester Laura quittierte meine Erzählungen von den Nierenschmerzen mit einem „Noch ein Grund so eine Scheiße nicht mehr zu machen.“, in Bezug auf den Suizidversuch letztes Jahr. Und es trifft mich härter als gewollt, denn es zeigt mir wieder, was ich mir und meinem Körper damit eigentlich angetan habe. In dem Moment habe ich natürlich nicht an solche Dinge  gedacht. Eigentlich habe ich überhaupt nicht an das Danach gedacht, denn das sollte es ja nicht mehr geben, aber an die Folgen, die es haben könnte körperlich, da denkt man absolut gar nicht. Schwester Sabine brachte mich erst darauf, nachdem sie mich ordentlich zurechtgestutzt hatte, dass es auch hätte ganz anders enden können. Und auch wenn die Folgen nun natürlich nicht ganz so gravierend sind, so denke ich zum ersten Mal darüber nach. Klar weiß ich seit damals, dass meine Nieren ein wenig im Eimer sind und meine Blutwerte nie ganz okay waren. Aber so wirklich Gedanken habe ich mir nie großartig gemacht. Bis jetzt eben, denn die erneute Entzündung zeigt wie sehr meine Nieren eigentlich geschädigt sind. Wenn ich Pech habe, dann darf ich mich nun öfters damit rumschlagen. 

Und nun kippe ich einfach nur noch ins Bett und versuche zu schlafen. Eigentlich sollte das nach dem wenigen Schlaf letzte Nacht und mit einem Antibiotikum-Tramadol-Seroquel-Mix ganz gut klappen. 

So viele Jahre, so viele Stunden 
Doch Scheiße passiert eben doch in Sekunden

So viele Jahre, so viele Stunden 
Zu wenig Zeit, für zu viele Wunden

Fuck you

Schlaf wird völlig überbewertet. 

Meine Nacht war gegen halb 2 zu Ende. Da beschloss nämlich Lilly, das verfressenste Schweinchen meiner Bande, dass es in die Heutüte klettern muss. Durch das Rascheln wurden sowohl ich, als auch der Zitronenkater wach. Und wenn der Herr Kater erstmal wach ist, dann kann man das Schlafen auch sein lassen. Also stand ich auf, fischte das verfressene Meeri aus der Tüte bevor der Kater es getan hätte und wanderte auf mein Sofa. Und auch wenn ich noch 3 Mal ins Bett ging und versuchte zu schlafen, mit Hörbuch und mit Serie und ohne alles, mit und ohne Katerkind, mit Rollo oben und unten, so schlief ich einfach nicht mehr ein. 

Und dann musste ich quasi schon los zum Amt, also hat sich schlafen erst mal erledigt für die nächsten Stunden, auch wenn ich nun umgehend ins Bett fallen und bestimmt tief und fest schlafen könnte. 

Der Tag gestern war gut, bis mich gegen Nachmittag ein Migräneanfall in die Knie zwang. Manchmal habe ich das Gefühl, dass die Umgebung bei meiner Mutter das ganze verstärkt. Also nicht meine Mutter, sondern die Tatsache, dass es bei ihr in der Wohnung im Frühling und Sommer immer unglaublich warm ist,  da die nach außen gelegene Seite des großen Wohnzimmers quasi fast komplett von Fenstern und Balkontüren eingenommen wird und die Wohnung außerdem unterm Dach liegt. Und sie wohnt an einer viel befahrenen Kreuzung. 

Wir haben zusammen zu Mittag gegessen, ich war mit meinem Schwesterherz noch einkaufen (ich habe mir ein „Erwachsenenmalbuch“ geschenkt zur Feier meiner 100 Tage), danach haben wir auf ihren Freund gewartet und dann großes Geburtstagskuchenessen veranstaltet. Die beiden haben praktischerweise am gleichen Tag Geburtstag, da muss man sich nicht zwei Tage merken und auch nur einmal backen. 

Danach bin ich direkt nach Hause gefahren, erfolgreich bemüht nicht in den Zug zu kotzen und beim Gehen nicht umfallen, weil mir bei Migräne oft das Gleichgewicht flöten geht und meine Sicht verschwimmt. Um halb 9 war ich dann mit Migränetabletten im Bett. Bis halb 2 eben. 

Mein Termin beim Amt hat die Angst vor dem Arzttermin am Montag nicht gerade gebessert. Denn wenn der meint, dass ich arbeiten könnte, dann kann ich vermutlich die DBT auch vergessen, denn das Arbeitsamt bezahlt im Falle des stationären Aufenthaltes dann nur 6 Wochen. Eben wie ein Arbeitgeber bei Krankheit. Danach käme Krankengeld, was bei mir ja wegfällt, da ich ab nächster Woche ausgesteuert bin. Tja. Und dann? Eigentlich die Rentenversicherung, meinte der Amtsmensch. Aber das tun die nur bei einer Reha. Und dazu zählt die DBT eben nicht. Ficken, echt! Ich mag den Kopf in den Sand stecken, mag am liebsten total destruktiv sein. Nach der Achtsamkeit war ich kurz auf Station und erzählte Schwester Tina von der ganzen Sache. Sie meinte ich solle mir nicht so einen Kopf machen, der Arzt würde ja an meinen Armen schon sehen, dass es mir nicht gut geht. „Ja, am Besten schneide ich noch, damit er es auch wirklich sieht.“antworte ich ihr. Und genauso fühle ich mich auch, denn ich habe die Befürchtung, dass der Arzt absolut nichts davon verstehen wird, wie es mir geht und was mit mir los ist. Zumal er ja nicht vom Fach, sondern Internist ist. Muss auch keiner verstehen, wieso ich zu einem Internisten soll. 

Meine Berichte sind natürlich nicht fertig. Selbst die von vor 1,5 Jahren sind nicht unterschrieben, da frage ich mich echt was da schief läuft. Die Sekretärin versucht ihr Bestes, dass sich bis morgen vielleicht noch was tut, konnte mir aber nichts versprechen. Prima, ist ja nicht so als ob ich die dringend bräuchte. 

Blöder Tag bisher, angefangen von der Schlaflosigkeit bis zu dem Termin grade. Außerdem habe ich wieder Migräne, die Schmerzen sind Dank Tabletten zwar auszuhalten, aber mir ist furchtbar schlecht. Vielleicht gehe ich einfach wieder in mein Bett und schlafe eine Weile, danach ist es hoffentlich besser und wenn nicht, dann kann ich immer noch handeln. Die Destruktivität einfach aufschieben, mir einfach sagen, dass ich später immer noch schneiden kann. Und dann wieder später, und später und später und später, bis der Gedanke daran entweder verschwindet oder sich das Grundproblem erledigt hat. Scheiße alles! 

Fuck you (fuck you)
Fuck you very, very much

Es fühlt sich gut an wieder in meinem Bett zu liegen. Mit dem Zitronenkater auf den Beinen, meiner Bettdecke um mich rum, auf meinem Kopfkissen, mit der Kerze auf dem Nachttisch, die jede Nacht brennt. Und doch ist es anders. Meine Haustüre ist abgesperrt, der Schlüssel steckt von innen. Mein Fenster ist gekippt, obwohl ich es sonst in solchen Nächten weit offen habe. In meinem Hinterkopf schreit jedes Mal die Angst, wenn ich ein Geräusch höre, dass nicht aus meiner Wohnung stammt oder in meine Wohnung gehört. Ich bin gespannt wie es sich weiter entwickelt. Wie es in den Nächten wird, in denen ich extreme Panik habe, in denen ich früher schon immer alles abgesperrt habe und vor lauter Angst kaum etwas tun konnte. Die Nächte, in denen mich die Dämonen der Vergangenheit verfolgen und nicht los lassen. Und nun das ganze, nachdem jemand in meinem Reich war.
Ich werde einige Zeit mal schauen wie es ist. Eventuell dann ein paar Sicherheitsdinge kaufen. Vielleicht auch irgendwann wieder ohne Angst schlafen können.

Ich fahre um viertel vor 11 los zum Psychiater und bin um zwanzig vor 2 wieder daheim. Als ich die Haustüre öffne und in den Flur gehe, sehe ich meine Wohnungstüre weit aufstehen. Ich wundere mich, denke aber im ersten Moment, dass meine Nachbarin vielleicht nach den Tieren sieht. Doch es ist niemand in meiner Wohnung, nur der Kater sieht mich verstört an. Ein Teil meiner Postkarten, die an meiner Wohnungstür hängen, liegt auf dem Boden. Meine Fußmatte liegt irgendwo in der Gegend rum, meine Papiere vom Küchentisch fliegen auf dem Boden rum. Ich stehe verwirrt in meiner Küche, weiß einen Moment nicht was los ist.
Ich gehe zurück. Schaue zu meiner Türe. Der weiße Lack ist abgeblättert. Auch am Rahmen. Langsam dämmert es mir. Meine Türe wurde aufgebrochen. Jemand ist in meine Wohnung eingebrochen. Ich wähle die 110.

Ein paar Stunden später sitze ich in der Sonne vor der Klinik. Eine Weile zuvor habe ich heulend und zitternd im Türrahmen des Schwesternsitzes gesessen. Meine Nerven liegen blank. Ich habe nach Bedarf gefragt, weil ich einfach völlig durch den Wind bin.
Nach über einer Stunde kam die Polizei endlich. Kurz zuvor Bibi, mit der ich eigentlich vor der Klinik verabredet war, da. Die Polizei hat alles untersucht und aufgenommen, viel Hoffnung auf einen Erfolg konnten sie mir nicht machen.
Ich hoffe, dass ich mich in meiner Wohnung noch sicher fühlen kann. Diese Nacht bin ich noch in der Klinik, morgen geht es dann nach Hause. Erst bin ich mit N. verabredet, später will Bibi kommen. Ich hoffe einfach, dass es werden wird.

Klinik

Auf ein neues: Klinik die weißgottwievielte.
Der normale Wahnsinn beginnt am Mittwoch schon an der Pforte. Vor mir sind 4 Handwerker, die Ausweise wollen und mit dem Formular gar nicht klar kommen.
Mit den Unterlagen in der Hand nehme ich den Aufzug und gehe zur üblichen Station. Dort treffe ich erst mal G., die gefühlt seit einem halben Jahr schon hier ist, bzw. wieder. Sie wurde vor 2 Wochen entlassen und ist seit 10 Tagen wieder hier.
Im Raucherraum erklärt mir eine Patientin von einer anderen Station, dass sie lesbisch ist aber eine Freundin hätte, deswegen darf sie nicht mit mir reden.
Das Aufnahmegespräch ist okay. Der Psychopeut und Schwester Tina loben mich, dass ich es die ganze Zeit ohne Selbstverletzung geschafft habe.
Die Ärztin fragt danach nach neuen Wunden, als Tina sagt, dass ich seit zehn Wochen nicht geschnitten habe meint sie „Das will ich sehen“ und ich halte ihr meine Arme vor die Nase. „Na das sieht ja gut aus.“ Die Ärztin, die vorher auf der Station war, nun auf einer anderen ist, aber wiederkommen soll, fragt wie ich das gemacht habe. „Skills.“ – „Kein kotzen?“ Ich schüttel den Kopf und sie lobt mich auch.
Mich überfordert das erstmal, soviel Lob auf einem Haufen. Ich selber kann, wie so oft, die Fortschritte nicht sehen.
Die Suizidgedanken lassen sich leider immer noch blicken und wollen nicht weg gehen.
Abends eskaliert es. Suizidversuch würde ich es nicht nennen, eher eine etwas extremere Form der Selbstverletzung. Ich habe meinen Schal mehrere Male so fest zugezogen, bis die Gedanken im Kopf ruhig waren. Bis da nur noch das Pulsieren des Blutes war.
Ende vom Lied war dann natürlich Sichtkontakt. Die Tür blieb auf, sobald ich kurz im Bad verschwand hatte ich eine Schwester vor der Türe stehen. Auch wenn es mich furchtbar genervt hat, konnte ich natürlich verstehen warum das nötig war.

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Am Tag danach kam der Psychopeut und meinte, dass er das Gefühl hat der Aufenthalt tut mir nicht gut und hätte das nun ausgelöst und eine Entlassung wäre vielleicht besser. In mir gingen direkt alle Barrikaden hoch und ich hätte am liebsten direkt meine Sachen gepackt und wäre gegangen. Nach seiner Pause kam er nochmals und wir haben geredet, statt Entlassung kam er dann auf die Idee, dass ich nun stattdessen 10 Tage bleiben soll und schlug einen Non-Suizid-Vertrag vor. Verstehen muss man diese Logik wohl nicht.
Jedenfalls habe ich nun einen Vertrag hier liegen, der beinhaltet, dass ich keinen Suizidversuch unternehmen werde während dem Aufenthalt, dass ich daran arbeite das selbstschädigende Verhalten zu reduzieren (haha, was tue ich denn die ganze Zeit?!) und keine Rasierklingen mit in die Klinik bringe. Das will ich morgen nochmals ansprechen, denn dass ich bewusst keine Mitbringe zur Aufnahme ist für mich dann klar, mir geht es aber auch um die Momente, in denen ich einfach durchdrehe, in den Supermarkt gefallen marschiere und welche kaufe.
Gestern war ich dann mit Freundinnen unterwegs. Hier war „das größte Volksfest im Südwesten“, wir hatten viel Spaß, halben viel gelacht, getrunken, gesungen.
Als ich heim kam dann der Absturz: in meiner Wohnung ist nur noch in der halben Küche und im Bad Strom. Erstmal habe ich Panik geschoben, weil ich dachte sie haben mir den Strom abgestellt, aber dann wäre ja gar keiner mehr da. Das hat mich so aus der Bahn geworfen, dass ich gar nicht mehr runter kam. Ich habe in der Klinik angerufen, habe mit Thorsten geredet, habe versucht zu schlafen, aber ich kam einfach nicht zur Ruhe.
Nun sitze ich wieder in der Klinik. Bevor etwas passiert bin ich mittags wieder hier her. Ich bin immer noch völlig Matsch nach der unruhigen Nacht, habe Kopfschmerzen und bin einfach fertig. Wäre es doch nur vom Alkohol, dann wüsste ich wenigstens woran es liegt.
Aber immerhin habe ich hier etwas mehr Sicherheit, dass nichts passiert. Und morgen sind es dann doch tatsächlich schon 11 Wochen ohne schneiden.