Angst

Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal vor Sorge und Angst nicht schlafen konnte, wann ich zum letzten Mal mein Handy laut neben mir im Bett liegen hatte, wann ich zum letzten Mal so sehr hoffte, dass kein Anruf kommt.

Ich bin mit meinem kleinen Babymeeri in die Tierklinik gefahren und musste sie dort lassen. Ich musste fahren, voller Angst und Tränen, voller Ungewissheit.

Ich weiß nicht was die kleine Maus angestellt hat. Sie fraß, verschluckte sich wohl und schluckaufte dann vor sich hin. Eine Weile später lag sie schwach an Caramell gepresst, schnappte nach Luft.

Wasser in der Lunge sagt das Röntgenbild. Der Herzschlag viel zu langsam sagt das Abhören. Versuchen, alles, alles mögliche, sagt mein Mund. Und unter Tränen folgt ein „Sobald sie leidet, sobald sie sich zu sehr quält, erlösen.“

Sauerstoff und Entwässerung und hoffen sagt die Ärztin. Sie drückt meine Hand und meint, dass sie das gut findet. Dass ich mein kleines Meeri retten will, auch nachdem sie von den Kosten gesprochen hat. Doch mir ist es egal, ob dieses Wesen in eine Hand passt oder mich um 3 Meter überragt. Sie ist mein Tierchen, ob mit 300 Gramm oder 300 Kilo, sie ist ein Lebewesen, sie ist es wert um sie zu kämpfen.

Und so schlafe ich unruhig, nur leicht und erwache oft, neben mir mein Katerkind, schnurrend und immer wieder nass von meinen Tränen.

„Wenn sie die nächsten zwei Stunden überhaupt schafft…“ sagt die Ärztin und gute 3 Stunden später dann „stabilisiert und Kot und Urin, aber abwarten, immer noch nach Luft schnappend“ und ich habe ein wenig mehr Hoffnung, dass das kleine Kämpferherz es schafft, dass sie durchhält, dass sie zu mir zurück kehren kann.

Und so fließt Träne um Träne, rauche ich Zigarette um Zigarette, vergeht Sekunde um Minute um Stunde in der Hoffnung, dass alles gut wird.

Lange war ich nicht mehr so nah dran an Selbstverletzung und gleichzeitig so weit entfernt.

Es hilft nur hoffen und beten und die Daumen drücken und an das kleine Leben glauben, dass so tapfer kämpft.

Achtsamkeit, Katerkind, Schwesterherz und Steine 

Am Donnerstag saß ich wieder in dem Raum auf einer Matte, aus dem ich mich vor ungefähr einem Jahr verabschiedet habe. Damals braungebrannt, voller Panik vor der bevorstehenden dbt, bei über 15 Grad weniger und ein wenig wehmütig, weil es das letzte Mal für längere Zeit sein würde, dass ich die Klinik betrete. 

Vieles ist anders an diesem Tag. Nicht nur die Temperatur, denn am bisher heißesten Tag des Jahres sind schon am Vormittag 33 Grad, ich trage statt rötlichen Narben nun Tinte über verblassenden Narben, ich bin innerlich ruhiger und komme nicht nur in diesen kurzen Momenten in der Achtsamkeit zur Ruhe, ich klebe nicht ständig in Hochanspannung, ich habe schon seit einer Weile keinen ganzen Tag mehr damit verbracht gegen den Druck und die Anspannung zu kämpfen. Ich bin die selbe und doch eine andere. 

Die Achtsamkeit tut mir gut, wie so oft in der Vergangenheit. Ich lasse mich von der Stimme des Therapeuten leiten, atme ein und aus, kann die Qi Gong-Übungen immer noch auswendig. 

Seit Dienstag weiß ich, dass die ganze Sache mit meinem Zeugnis klappt. Ich hoffe nun darauf, dass es auch vor Bewerbungsfrist klappt, der Kram liegt beim Ministerium und muss da bearbeitet werden. Aber ich bin schon einen Schritt weiter und das beruhigt ein wenig. 

Und genauso bin ich seit Dienstag die stolze große Schwester einer frisch gebackenen Erzieherin. Als ich den Zwerg in die Arme schloss mit dem Wissen, dass sie die Jahre der Ausbildung hinter sich hat, wollte ich vor Stolz und Liebe fast platzen. Auf dem Weg zu Mama sah ich die Freude in ihren Augen, den Stolz, die Erleichterung, das Glück. Und ich muss an diesen Moment vor 3 Jahren zurück denken, als ich die Schule verließ, berauscht von Glück und Sekt und Erleichterung. Ich bin unglaublich stolz auf diese erwachsene junge Frau, die nun ihren Weg geht. Und ich bin froh, dass ich da sein kann mittlerweile, dass ich die letzten Jahre an ihrer Seite sein konnte, mit ihr lernen, bangen, feiern. Nun ist es geschafft und es ist ein weiterer Schritt, der aus dem kleinen blonden Teufelchen mit Tobsuchtsanfällen eine junge Erwachsene werden lässt. 

Es ist bald halb 4. Nachts. Mein Zitronenkater schlummert friedlich auf seinem Kissen auf der Fensterbank am offenen Fenster. Ich bin weit entfernt von Schlaf, auch wenn ich körperlich völlig erledigt bin. Am Mittag hat mich eine Welle von Selbstverletzungsdruck überflutet, von Traurigkeit und Hoffnungslosigkeit. Zuerst habe ich mich auf mein Bett geworfen, versucht mich abzulenken, doch dann habe ich begonnen aufzuräumen. Ein wenig wollte ich tun, doch letztendlich habe ich (bis auf den Schreibtisch) mein komplettes Schlafzimmer aufgeräumt und mein Bett frisch bezogen, die Schweinenasen sauber gemacht und das Wohnzimmer gekehrt und ein wenig entchaotisiert und letztendlich angefangen in der Küche für Ordnung zu sorgen. Als ich zwischendurch das Schweinestreu draußen in die Tonne befördert habe, traf ich den Herrn Kater, der sich neuerdings nicht davon abhalten lässt auch die Welt vor dem Haus zu erkunden. Dabei beschränkt er sich aber auf die Vorgärten, zum Glück, denn ich habe immer noch eine Straße vor der Türe. Und so passiert es auch mal, dass er auf der falschen Seite des Mückennetzes am Schlafzimmerfenster sitzt und schreit, weil er dort nicht rein kommt. Und da der Weg ums Haus ihm heute wohl zu weit erschien, rannte er durch die geöffnete Haustüre und wartete vor der Wohnungstür auf mich, mampfte zwei Portionen Futter und schläft seitdem mit kurzen Unterbrechungen irgendwo in der Wohnung. Ich möchte den Fellhaufen am liebsten jedes Mal vor lauter Liebe knuddeln, wenn er wieder in irgend einer seltsamen Verdrehung irgendwo liegt und vor sich hin träumt. 

Und mit Ordnung machen, zwischendurch immer mal wieder eine rauchen, Kater beobachten und Hörbuch habe ich den Tag dann doch tatsächlich irgendwie überstanden. Doch der Schlaf lässt sich nicht blicken, mein Kopf kommt nicht zur Ruhe, auch wenn ich nicht wirklich weiß, was da in meinem Kopf kreist. Dabei bräuchte ich wirklich Schlaf, denn heute muss ich noch zu Mama und in den Garten, das Gras, dass ich am Wochenende gemäht habe, zusammen sammeln und den Schweinchen mitbringen, den Bambus schneiden (und auch den Schweinchen mitbringen) und das ganze Grünzeug dort gießen. 4 der 6 Wochen, die Mama nicht selbst im Garten alles tun kann, sind schon vorbei. Zum Glück. Denn obwohl es mir unglaublich gut tut, so ist die Fahrerei doch einfach stressig und vor allem meine Mutter, die natürlich gerne hätte, dass ich den ganzen Tag bei ihr bin. 

Mein eigener Garten hinterm Haus ist momentan leider nicht betretbar, denn dort wo einmal die Mauer stand ist nun ein Loch. 

Und dort, wo die Steine liegen, ist irgendwo die Treppe drunter. Also ist der Garten eben nicht verfügbar momentan, die Meeris sind nicht so begeistert, aber ich kann es nicht ändern. Den Herrn Kater stört es wenig, er braucht ja keine Treppe und die paar Steine hindern ihn auch nicht daran in den Garten und den Wald dahinter zu gelangen. Doch ich sehne mich in den letzten Tagen nach ein paar Stunden im Gras neben den Meeris mit einem Buch, einfach in der Sonne liegen und die Wärme genießen. 

Und vielleicht klappt es nach dem Schreiben nun auch endlich mit schlafen. 

Passierschein A38

Schlaf klappt natürlich überhaupt nicht. Ich tigere durch die Wohnung, gehe ins Bett und stehe wieder auf, unzählige Male. Der Zitronenkater hebt nur kurz den Kopf, dreht sich ein wenig und schläft weiter. Selbst die Möhrchen bewegen sich keinen Zentimeter. Irgendwann bin ich mit der letzten Folge meiner Serie fertig und weiß nicht, was ich nun kucken soll. Und ich bin verzweifelt. Die Antriebslosigkeit kombiniert mit Schlaflosigkeit, die natürlich noch weniger Antrieb und noch mehr Matsch als eh schon bringt, treiben mich in den Wahnsinn. Ich rufe in der Klinik an und quatsche Pfleger Andreas voll mit all dem Chaos derzeit. Es tut gut das ganze ein wenig loszuwerden. Und zu wissen, dass die Menschen dort einfach da sind. 

Draußen wird es hell, die Vögel fangen an zu brüllen. Der Herr Kater wird wach und beschließt, dass 5 Uhr die perfekte Uhrzeit ist um durch die Bude zu rennen bis sämtliche andere Mitbewohner hellwach und aus den Federn sind. Als ich mich dann mit den Augen auf Halbmast an einer Tasse Tee festhalte und die Möhris quietschen durch ihr Zuhause flitzen, rollt sich der Herr auf meinem Schoß zusammen und schläft wieder ein. Super. 

Doch ich schaffe es endlich jemanden im Ministerium zu erwischen, der auch tatsächlich zuständig ist und erfahre, dass die Schule mir ein Zeugnis ausstellen muss. Also packe ich kurzerhand meine Sachen, schnappe die Zeugnismappe und fahre hin. Dort muss ich der Dame im Sekretariat erst drei Mal erklären, dass ich an DIESER Schule den Abschluss gemacht habe (klar, wer kennt das nicht: für ein Zeugnis fährt man einfach mal zu irgend einer Schule in der Umgebung…), dann noch drei Mal, dass ich kein Duplikate meines Abschlusszeugnisses will sondern ein Zeugnis über die Fachhochschulreife, dann wieder, dass ich an DIESER FUCKING SCHULE den Abschluss gemacht habe, um dann zu erfahren, dass ich zur Abteilungsleiterin soll, die aber erst am Donnerstag wieder Sprechstunde hat. Asterix und der Passierschein A38… 

Da ich aber eh schon an der Schule bin besuche ich noch den Koffeindealer schräg gegenüber, der mir während der Schulzeit regelmäßig das Leben mit Koffein, Futter, Süßigkeiten und lieben Worten gerettet hat. 

Die liebe fylgja ruft zufällig gerade an, als ich mich auf den Weg zurück zum Bahnhof mache und versüßt mir ein wenig die Wartezeit mit quatschen und gemeinsamem Rauchen. 

Auf dem Weg zurück nach Hause, mit völlig fertigem Kreislauf und zitternd und hundemüde, bin ich dann so vertieft darin zu lesen, dass ich völlig an meiner Haltestelle vorbei fahre und fast im Nachbarbundesland lande. Also aussteigen und auf den Zug zurück warten. Dabei will ich einfach nur noch ins Bett, mir ist unglaublich kalt und ich bin unglaublich fertig. Eigentlich sollte ich versuchen wach zu bleiben, aber das schaffe ich beim besten Willen nicht. Also müssen wenigstens ein paar Stunden Schlaf sein, dann stehe ich auf und koche mir was zu mampfen, suche noch die Unterlagen, die ich für den Termin beim Psychiater morgen brauche, versorge die Tierchen und bespaße den Kater und kippe wieder ins Bett und kann hoffentlich dann die Nacht durchschlafen. Langsam aber sicher hab ich völlig die Nase voll. 

Bedarf und Schlaflosigkeit 

Am Montag war ich einfach nur kaputt. Müde, erledigt, kurz vor der Selbstverletzung. Mein Körper wollte mir keinen Schlaf gönnen. So sehr ich es versucht habe. Also habe ich mich in die Küche gestellt. Spargel und Kartoffeln und Soße gemacht und gegessen. Und danach habe ich mir zum ersten Mal seit langem Bedarf eingeworfen und bin einfach wieder unter meinen Decken verschwunden. 

18 Stunden habe ich geschlafen. Ich habe ein wenig Ordnung gemacht, habe gegessen und war mit N. kurz einkaufen und bin dann abends wieder ins Bett gekippt.

Heute fühle ich mich immer noch ein klein wenig matschig, aber die Wirkung vom Bedarf ist nun weg und ich kann wieder geradeaus laufen ohne meine Türrahmen mitzunehmen oder über meine eigenen Füße zu fallen. 

Der kleine Zitronenkater ist nun übrigens 2 Jahre alt. Ich kann es kaum glauben, noch vor kurzem war er so ein kleines Häufchen, jetzt ist er ein großer Tiger mit Muskeln und Kraft. Ich bin so froh, dass er in meinem Leben ist. 

Morgen (bzw. heute) muss ich zur Therapie. Vielleicht spreche ich das mit dem Traum an, den Horror danach, das ganze Chaos in mir. 

Und eigentlich will ich nur schlafen, mein Körper ist unglaublich müde, doch mein Kopf ist hellwach und topfit. In nicht mal 4 Stunden klingelt mein Wecker, ich muss beim Ministerium anrufen, denn mein Fachabi muss anerkannt werden, ich muss dann los zur Therapie und ich bräuchte so dringend einfach Schlaf für den kommenden Tag. Ist natürlich klar, dass ich immer dann nicht schlafen kann, wenn ich früh raus muss. Hmpf. 

Doch wo ein König ist wird stets ein Henker sein.

Ich öffne die Augen und schaue, beleuchtet von meinem Nachtlicht, in weit aufgerissen Kateraugen, die Pupillen tief schwarz und so riesig, dass sich die Augenfarbe nicht mehr erkennen lässt. Der Zitronenkater hat seinen Schwanz aufgeplustert, die Haare entlang der Wirbelsäule stehen zu Berge und lassen ihn ein wenig sie einen Stegosaurus aussehen, er faucht mir ins Gesicht und schickt ein tiefes Grollen hinterher. Erst da wird mir bewusst, dass ich von meinem eigenen Schrei erwacht bin und dabei das Katerkind wohl ziemlich erschreckt habe. Ein Blick auf die Uhr verrät, dass ich nicht mal eine Stunde geschlafen habe. Katerkind miaut mich an, stubst mich mit seiner kleinen kalten Nase an, schiebt seinen Kopf unter meine Hand und lässt sich kraulen. Dann kämpft er einen Moment mit der Decke, bis er den Weg darunter findet und schmiegt sich dicht an meine Brust, sein Gesicht an meine Backe gedrückt. Er mauzt mir leise ins Ohr und wieder einmal bin ich so glücklich über den Fellhaufen, der mir so viel Wärme und Liebe gibt. 

Eingeschlafen bin ich gegen 3 Uhr. Nun ist es kurz nach 4, meine Nacht ist gelaufen. Mein Herzschlag beruhigt sich langsam, mein Atem wird ruhiger. Ich tippe auf den Bildschirm des Tablets und starte eine Folge „Orange is the new black“. Ich schließe die Augen, lausche den Stimmen und Geräuschen. So liege ich 3 Stunden im Bett, das Katerkind schläft mit meiner Hand auf seinem Rücken und zuckt ab und an mit den Pfoten. Dann drehe ich mich zweimal um, bis ich die Bettkante erreiche und stelle meine Füße auf den Boden. Ich weiß nicht, ob ich meinen Beinen vertrauen kann, weiß nicht, ob sie mich tragen. Mit zitternden Beinen schaffe ich es ins Bad, füttere auf dem Rückweg zum Wohnzimmer den Kater und schnappe zwei Äpfel, um sie den Meeris kleimzuschneiden. Flocke kommt wie immer angeflitzt und schnappt sich ein Stück aus meiner Hand, Caramell traut sich nicht so ganz, nimmt aber ein Stück, als ich meine Hand vorsichtig direkt vor ihre Nase halte, Caro versteckt sich ganz hinten in der Ecke und kommt erst hervor, als ich auf dem Sofa sitze. 

Irgendwann mache ich mich fertig, ziehe mich an und fahre zu meiner Ärztin. Ich bin kaputt, müde und mein Kopf dröhnt. Ich tue also heute genau das, was ich seit der dbt immer wieder aufs neue lerne und versuche: meine eigenen Grenzen achten. Ich fühle mich zu kaputt und zu labil, um heute Sport, Traumagruppe und Körpererfahrung zu machen. 

Die Ärztin ist so lieb wie immer und ich bin wieder einmal froh, dass ich bei ihr gelandet bin. Als ich mich auf den Weg zurück nach Hause mache fängt es draußen an zu schneien. 

Ich versuche zu schlafen, doch es funktioniert nicht. Obwohl ich einfach nur müde bin, mein Kopf dröhnt und mein Körper nicht mehr will. Also krieche ich wieder aus dem Bett, N. kommt mit einer Kiste Cola und Leckereien für die Meeris vorbei. 

Danach hänge ich einfach nur kraft- und lustlos auf dem Sofa. Wandere wieder ins Bett, doch Schlaf lässt sich immer noch keiner finden. Meine Augen sind rot, als ich in den Spiegel kucke, der Rest sieht auch nicht besser aus. Trotzdem gehe ich aus der Türe und in Richtung Supermarkt, denn ich habe das Gefühl wenigstens ein paar Minuten lang sowas wie Normalität aufrecht erhalten zu müssen. Versteckt unter meiner Kapuze besorge ich ein paar Dinge, die ich brauche, und ziehe wieder nach Hause zu meinem Sofa. Dort bekuschel ich das Katerkind und merke nicht, wie die Zeit vergeht. Zeit scheint etwas sehr merkwürdiges zu sein im Moment. Einige Minuten ziehen sich bis ins Unendliche, Stunden verfliegen wie Sekunden. Ich mag mich verletzen, einfach nur weil ich weiß, dass ich danach entspannt bin und definitiv schlafen kann. Doch selbst dazu bin ich zu kraftlos. Der Gedanke das Ganze dann versorgen zu müssen, vermutlich sogar versorgen lassen zu müssen, schreckt mich ab. Es ist mir zu viel, zu anstrengend. Außerdem sind es doch nur noch einige Wochen bis zum Jahr. Und das will ich so gerne feiern, feiern mit A. und Pfleger Arschkeks stolz davon berichten und einfach stolz auf mich sein. Das mag ich nicht aufgeben. So sehr ich mich auch nach Ruhe und Schlaf und Entspannung sehne, es ist der falsche Weg. Stattdessen werde ich mir gleich einfach eine Tablette mehr als üblich zum Schlafen einwerfen und darauf zählen, dass der Schlafmangel und die Dosis mich zuverlässig weghauen. Morgen kann ich ausschlafen, ich brauche nicht aufstehen. Und dann habe ich genug Zeit in meiner Wohnung ein paar Dinge zu machen und vielleicht in die Stadt zu fahren und die Fotos entwickeln zu lassen. 

Irgend eine gesunde Mischung aus Gammeln und halbwegs produktiv sein. Weiter machen und weiter atmen. Es wird wieder bessere Tage geben. Tag für Tag, Schritt für Schritt, Skill für Skill sagt die Stimme von Schwester Nathalie in meinem Kopf. Und sie hat verdammt recht. 

Nichts bleibt mehr
Wenn ich jetzt aufgeb‘
Nichts bleibt mehr
Wenn ich diesen Weg nicht geh‘
Und nichts bleibt mehr
Wenn ich weiter vor mir flieh‘
Nichts bleibt mehr
Wenn ich diesen Kampf verlier‘

Ernsthaft Leben? Du willst mich doch echt verarschen. Fick dich, fick dich, fick dich. Gerade könnte ich wirklich gut auf dich verzichten. 

Scheißdreck. Ich will schlafen! 

Datenverlust 

Mein PC hat sich suizidiert und für einen Moment möchte ich es ihm gerne gleich tun. Meine Daten sind weg, alle Möglichkeiten des Reparierens oder Wiederherstellens habe ich erfolglos ausprobiert. 

Nun läuft ein recovery-Programm, vielleicht schaffe ich es ja wenigstens ein paar Daten noch zu retten, doch meine Hoffnung ist nicht allzu groß. Besonders die Bilder wiederherzustellen ist keine einfache Sache, ich befürchte sie sind weg. Und genau das schmerzt mich am meisten. Erst vor einer Weile habe ich die Bilder vom Handy auf den PC gepackt und mir dabei noch gedacht, dass ich bald mal eine Sicherung machen muss. Hmpf. 

Ein positives hat die ganze Sache aber. Ich habe mich aus extremer Anspannung und extremen Selbstverletzungsdruck raus geholt, auch wenn ich gedacht hätte, dass mich dieser Mist nun echt an die Grenzen meiner Möglichkeiten bringt. Es hat trotzdem funktioniert. So bescheuert es auch ist sich wegen verlorener Daten verletzen zu wollen, vor allem die Fotos sind mir einfach unglaublich wichtig und bedeuten mir viel. 

Gestern war ich um kurz vor Mitternacht endlich zuhause, hundemüde und erledigt. Ich habe meine Tierchen gefüttert und das Katerkind noch eine Weile gekrault und bin dann ins Bett gekippt. Und dort war ich plötzlich wach. Super, denn mein Hirn war trotzdem einfach nicht mehr funktionsfähig und auch mein Körper wollte nicht mehr wirklich. Also lag ich bis 4 Uhr noch wach, bevor ich endlich einschlief. 

Und wegen dem wenigen Schlaf der letzten Tage, meiner miesen Laune wegen meinem PC und einer Verabredung morgen früh hab ich mir nun meine Medis eingeworfen und mich ins Bett verkrochen. Außerdem friere ich, trotz genügend Essen heute. Also gibt es nun Kuscheldecke und Kuschelkater und Wärmflasche und Serie. 

Und morgen ist ein neuer Tag. 

Ich schlafe gestern erst gegen 3 Uhr ein. Mit Suizidgedanken und Selbstverletzungsdruck. Als ich heute morgen die Augen öffnen, ist es zwar nicht mehr ganz so schlimm, aber auch alles andere als gut. 

Als es an der Tür klingelt, schrillen die Alarmglocken in mir synchron mit. Mein Großonkel steht im Flur, prima. 

Ich weiß nicht, was anstrengender ist. Seine Fragen nach meinem Vater oder meinen Narben, die Tatsache, dass er ständig absichtlich meinen Kater erschreckt, sein Meckern über Moslems oder die andere ganze Grütze, die er von sich gibt. Nach gefühlt endlos langen Stunden, mindestens 5 Gefühlsprotokollen im Kopf, einem Haufen möglicher Mordmethoden und tonnenweise ablenken und skillen verlässt er endlich wieder die Wohnung. Uff. Durchatmen. 

Danach ist es unspektakulär. Wir essen, irgendwann packe ich meinen Kram und Mama bringt mich nach Hause. Als sie nach der obligatorischen Zigarette dann meine Wohnung verlässt, sinke ich erschöpft auf mein Sofa. Die letzten 3 Tage haben an meinen Kräften gezehrt. Die kurzen Nächte (vor 2 Uhr habe ich nie geschlafen), die vielen Geräusche, die Erinnerungen und Gedanken und dann zu allem Übel heute noch mein Großonkel… Es war anstrengend. Wenn auch nicht ganz so furchtbar wie sonst. Wobei auch mein Umgang und meine Einstellung anders sind seit der dbt. 

Jedenfalls war ich unglaublich froh endlichendlichendlich wieder in meinen eigenen vier Wänden zu sein. Ohne Menschen. Und so habe ich den Rest meines Tages auf dem Sofa verbracht. Mit AoE, TV, Katerkind und skypen mit L. und F., anschließen bin ich einfach nur ins Bett gekippt. Und dort liege ich nun seit einer ganzen Weile und komme nicht zur Ruhe. In meinem Kopf reiht sich ein mögliches Selbstverletzungsszenario an das nächste. Mir fehlt es so, so unglaublich sehr. Manchmal wünsche ich mir ein „richtiges“ letztes Mal. Noch einmal verletzen, als Abschluss, so richtig viel und schlimm. Aber es ist totaler Quark. Es ist einfach nichts, bei dem man einen Abschied feiern kann, ein letztes Mal, und schon gar nicht so. Es wäre eher ein Anfang als ein Ende. Und ich weiß auch, dass ich nie ganz ohne Selbstverletzung sein werde, denn sie wird mich immer begleiten, auch wenn es vielleicht irgendwann nur noch die Narben und ein gelegentlicher Gedanke daran sein werden. Ich weiß, dass es jederzeit wieder passieren kann, auch wenn ich es nicht hoffe und nicht möchte. Aber es macht auch so viel Angst zu wissen, dass es vielleicht nie mehr passieren wird. Und, ja, es tut weh. Denn ich lasse damit (mal wieder) etwas los, das so lange Teil von mir war, mehr als mein halbes Leben schneide ich schon. Es tut weh, genauso weh wie etwas anderes loszulassen, das einen so lange begleitet hat. Und ich versuche nicht allzu sehr über das alles nachzudenken, auch wenn es mir in diesen sentimentalen Tagen mit Weihnachten und Silvester vor der Türe um einiges schwerer fällt als es sonst eh schon ist. 

Morgen werde ich erstmal ausschlafen. Und dann irgendwann in den Supermarkt purzeln und ein paar Kleinigkeiten für die nächsten Tage einkaufen. Und ich muss anfangen meine Wohnung besuchs- und silvestertauglich zu machen. Also: aufräumen! 

Es weihnachtet. (mehr oder minder) 

Gestern war ein absoluter Tag für in die Tonne. 

In der Nacht wache ich kurz vor halb 3 auf und schieße aus dem Bett. Eins der Schweine zwitschert und das ist generell kein gutes Zeichen. Normalerweise machen sie das bei Stress oder Krankheit. Doch beim Blick ins Meerizuhause schauen mich nur 6 Augen an, der Übeltäter ist leise und lässt sich auch nicht ausmachen. Soweit ich es feststellen kann geht es allen gut und ich muss erst mal eine rauchen, um mich von dem Schrecken zu erholen. Und dann bin ich wach. Pendel zwischen Sofa und Bett hin und her, gefolgt vom Zitronenkater. Erst kurz vor 9 finde ich endlich ein wenig Schlaf, um 10 weckt mich meine Blase, auf der der Kater grade rumtrampelt. 

Und dementsprechend fertig bin ich den ganzen Tag und hänge rum. Ich will so viel machen, doch ich schaffe es nicht. Mein Kopf schmerzt, meine Augen tun weh, mein ganzer Körper schreit nach Schlaf. Doch der lässt sich einfach nicht finden. Also quäle ich mich durch den Tag. Schaffe es irgendwann wenigstens mal Nudeln ins heiße Wasser zu kippen und mir  eine Soße zu kochen. Während mein Essen auf dem Herd steht, räume ich ein wenig in meiner Wohnung rum. Sortiere die Post der letzten 3 Monate, trage die 5 kg Heu mal zu den Schweinen, räume die Dinge, die ich beim Heimkommen einfach auf dem Küchentisch gestapelt habe, an ihren Platz. Und dann esse ich erst mal. Das erste mal was anständiges seit über 30 Stunden – genau das fällt mir dabei ein. Ohne Hungergefühl wird das also wohl wirklich zur Herausforderung. Irgendwie muss ich dafür wohl einen Plan entwickeln. Vorher war es ja schon sicher, wenn man nicht mehr in der Lage ist den Hunger zu spüren, dann wird das Ganze doch etwas problematisch. 

Abends beginnt der Selbsthass. Weil ich nicht die Dinge erledigt habe, die ich erledigen wollte. Weil ich mich nach der Nacht mit nicht mal 3 Stunden Schlaf einfach nur miserabel fühle. Weil es mich ankotzt, dass ich das Essen so völlig vergesse. Weil es sich anfühlt, als ob ich den Weg meiner Fortschritte grade rückwärts zurückpurzel. 

Und mitten drin beschließe ich es zu lassen. Ich will aufhören mich selbst zu zerpflücken. Also koche ich mir noch eine Tasse Tee und verziehe mich ins Bett. Es ist zwar noch nicht mal 7, aber das ist mir egal. 

Heute morgen wache ich kurz nach 6 auf. Ich stehe auf, füttere meine Schweinchen und den Zitronenkater, trinke einen Kaffee und trolle mich nochmal für 2 Stunden ins Bett. Beim zweiten Aufstehen fühle ich mich endlich wieder halbwegs in Ordnung. Ich wusel ein wenig in der Wohnung rum, kehre (mal wieder) Heu und Streu zusammen, telefoniere mit Puffpuff und mit meiner Mama, fange an Geschenke einzupacken, kraule das Katerkind. N. kommt kurz vorbei und hüpfe danach unter die Dusche, ziehe mich an und mache mich auf den Weg in die Hauptstadt. Eigentlich wollte ich absagen, habe ständig hin und her überlegt und dann beschlossen doch zu fahren. Schließlich habe ich meine Schwester schon lange nicht mehr gesehen und noch länger nichts mit ihr alleine unternommen. Und wenn nicht für sie, für wenn soll ich mich dann aus dem Haus bewegen?

Und es war die richtige Entscheidung. Es ist schön mit ihr unterwegs zu sein, mit ihr zu quatschen und zuerst den einen Glühweinstand, dann den Crêpestand und dann den nächsten Glühweinstand zu überfallen, im Supermarkt nach Alkohol für Weihnachten zu stöbern und einfach durch die Straßen zu laufen. Und noch schöner ist es, dass nun sie mal spendiert, ich muss mal nicht die große Schwester sein, denn der Zwerg ist nun tatsächlich schon so groß und verdient ihr eigenes Geld. Es ist merkwürdig, denn seit ich mit ihr unterwegs bin (da war sie ungefähr 8) habe ich immer bezahlt, wenn wir gemeinsam etwas getrunken oder gegessen haben. 14 Jahre später genieße ich es nun, dass wir beide erwachsen sind. Zumindest meistens. 

Am Abend mache ich nicht mehr viel. Zum ersten Mal, seit meiner Entlassung aus der Klinik, schalte ich meinen Fernseher an. Es ist merkwürdig, denn ohne die Medikinet habe ich immer das Geräusch des Fernsehers gebraucht, während ich irgendetwas getan habe. Sonst hat mich jedes Geräusch abgelenkt, jedes Poltern im Treppenhaus, jedes hupende Auto, jedes Quietschen der Meeris. Nun kann ich tatsächlich auch mal ’ne Stunde dasitzen und etwas tun, ohne dass etwas nebenbei laufen muss, ohne dass ich ständig etwas anderes tun muss. 

Morgen ist Heiligabend. Ich bin nicht wirklich in Weihnachtsstimmung. Vielleicht auch, weil die letzten 3 Monate so schnell vergangen sind. Weil ich kurz davor noch mit Salz in den Haaren am Strand lag. Aber ich freue mich. Zum ersten Mal seit vielen Jahren. Vielleicht auch, weil ich zum ersten Mal seit Jahren das Gefühl habe, dass ich es schaffen kann, dass es gut werden kann. Und das liegt zum großen Teil an dem Gespräch über die Weihnachtsplanung mit Frau K., meiner Psychologin aus der Klinik. Die Tatsache, dass sie mir am Ende sagte, dass ich die Planung und Skills und alles quasi alleine gemacht habe. Das gibt mir viel Mut und Kraft. 

Und nach Weihnachten wird das Jahr unaufhaltsam zuende gehen. Im Forum läuft schon eine meiner liebsten Traditionen, der Jahresrückblick. Mal sehen wann ich meinen schreiben werde. Und in welcher Form, ob öffentlich oder nur für mich, ob hier oder im Forum oder beides. 

Morgen muss ich noch die restlichen Geschenke einpacken, meine und Katerkinds Sachen packen (und natürlich auch das Katerkind), die Schweine für 3 Tage versorgen und dann geht es über die Feiertage zur Familie. 

Katergeschenke & Nachtgedanken 

Ich mag Geschenke. Vor allem Kleinigkeiten, die von Herzen kommen, die eine Bedeutung haben. Manchmal bekommt man Geschenke, die einem einfach nur pure Liebe vermitteln. 

Gestern brachte mir das Katerkind erst eine Maus, dann eine kleine Schlange. Hach. <3 Es ist schon etwas besonderes, wenn man sowas vor die Füße gespuckt bekommt, begleitet von stolzem Miauen und großen Augen, die einen anschauen. Auch wenn ich es ganz klar bevorzuge, wenn er hier mit Plüschmäusen durch die Gegend rennt, so werde ich ihm doch nicht den Spaß am Jagen nehmen. Vor allem wird er mal ein wenig seiner überschüssigen Energie los und schläft wie ein Steinchen. 

Dafür konnte ich in der Nacht nicht wirklich schlafen. Um halb 4 meldete sich meine Blase und danach fand ich keine Ruhe mehr im Bett. In manchen Monaten schlafe ich nur bei wirklichem Vollmond schlecht, in anderen wiederum habe ich das Gefühl, dass ich schon 5 Tage vorher schlecht schlafe und auch die 5 Tage danach. Hinzu kamen dann noch Unterleibschmerzen des Todes. Also habe ich einen Großteil der Nacht mit Heizkissen auf dem Bauch (und Kater auf dem Heizkissen) im Bett verbracht, mit Dr. House und lesen und einfach nur daliegen. Manche Stunde verging quälend langsam, andere hingegen waren von einem Moment auf den anderen verflogen. 

Mein Tag war trotz dem wenigen Schlaf eigentlich echt gut. Ich war mit M. in der Hauptstadt, wir haben unser übliches Shisha-Rauchen genossen und geredet über alles mögliche. 

Daheim hänge ich durch. Ich fühle mich körperlich einfach nur furchtbar. Auf den Film, den ich sehen wollte, kann ich mich nicht konzentrieren. Mein Kopf schmerzt, meine Augen brennen, mein ganzer Körper fühlt sich müde an und schmerzt. Trotzdem kann ich nicht einschlafen, ich komme nicht zur Ruhe. Trotz Dipi. Also habe ich gerade noch eine genommen, ich will einfach nur noch schlafen. Tief und lange, ohne schlechte Träume, ohne nach wenigen Stunden wieder aufzuwachen…