Passierschein A38

Schlaf klappt natürlich überhaupt nicht. Ich tigere durch die Wohnung, gehe ins Bett und stehe wieder auf, unzählige Male. Der Zitronenkater hebt nur kurz den Kopf, dreht sich ein wenig und schläft weiter. Selbst die Möhrchen bewegen sich keinen Zentimeter. Irgendwann bin ich mit der letzten Folge meiner Serie fertig und weiß nicht, was ich nun kucken soll. Und ich bin verzweifelt. Die Antriebslosigkeit kombiniert mit Schlaflosigkeit, die natürlich noch weniger Antrieb und noch mehr Matsch als eh schon bringt, treiben mich in den Wahnsinn. Ich rufe in der Klinik an und quatsche Pfleger Andreas voll mit all dem Chaos derzeit. Es tut gut das ganze ein wenig loszuwerden. Und zu wissen, dass die Menschen dort einfach da sind. 

Draußen wird es hell, die Vögel fangen an zu brüllen. Der Herr Kater wird wach und beschließt, dass 5 Uhr die perfekte Uhrzeit ist um durch die Bude zu rennen bis sämtliche andere Mitbewohner hellwach und aus den Federn sind. Als ich mich dann mit den Augen auf Halbmast an einer Tasse Tee festhalte und die Möhris quietschen durch ihr Zuhause flitzen, rollt sich der Herr auf meinem Schoß zusammen und schläft wieder ein. Super. 

Doch ich schaffe es endlich jemanden im Ministerium zu erwischen, der auch tatsächlich zuständig ist und erfahre, dass die Schule mir ein Zeugnis ausstellen muss. Also packe ich kurzerhand meine Sachen, schnappe die Zeugnismappe und fahre hin. Dort muss ich der Dame im Sekretariat erst drei Mal erklären, dass ich an DIESER Schule den Abschluss gemacht habe (klar, wer kennt das nicht: für ein Zeugnis fährt man einfach mal zu irgend einer Schule in der Umgebung…), dann noch drei Mal, dass ich kein Duplikate meines Abschlusszeugnisses will sondern ein Zeugnis über die Fachhochschulreife, dann wieder, dass ich an DIESER FUCKING SCHULE den Abschluss gemacht habe, um dann zu erfahren, dass ich zur Abteilungsleiterin soll, die aber erst am Donnerstag wieder Sprechstunde hat. Asterix und der Passierschein A38… 

Da ich aber eh schon an der Schule bin besuche ich noch den Koffeindealer schräg gegenüber, der mir während der Schulzeit regelmäßig das Leben mit Koffein, Futter, Süßigkeiten und lieben Worten gerettet hat. 

Die liebe fylgja ruft zufällig gerade an, als ich mich auf den Weg zurück zum Bahnhof mache und versüßt mir ein wenig die Wartezeit mit quatschen und gemeinsamem Rauchen. 

Auf dem Weg zurück nach Hause, mit völlig fertigem Kreislauf und zitternd und hundemüde, bin ich dann so vertieft darin zu lesen, dass ich völlig an meiner Haltestelle vorbei fahre und fast im Nachbarbundesland lande. Also aussteigen und auf den Zug zurück warten. Dabei will ich einfach nur noch ins Bett, mir ist unglaublich kalt und ich bin unglaublich fertig. Eigentlich sollte ich versuchen wach zu bleiben, aber das schaffe ich beim besten Willen nicht. Also müssen wenigstens ein paar Stunden Schlaf sein, dann stehe ich auf und koche mir was zu mampfen, suche noch die Unterlagen, die ich für den Termin beim Psychiater morgen brauche, versorge die Tierchen und bespaße den Kater und kippe wieder ins Bett und kann hoffentlich dann die Nacht durchschlafen. Langsam aber sicher hab ich völlig die Nase voll. 

Bedarf und Schlaflosigkeit 

Am Montag war ich einfach nur kaputt. Müde, erledigt, kurz vor der Selbstverletzung. Mein Körper wollte mir keinen Schlaf gönnen. So sehr ich es versucht habe. Also habe ich mich in die Küche gestellt. Spargel und Kartoffeln und Soße gemacht und gegessen. Und danach habe ich mir zum ersten Mal seit langem Bedarf eingeworfen und bin einfach wieder unter meinen Decken verschwunden. 

18 Stunden habe ich geschlafen. Ich habe ein wenig Ordnung gemacht, habe gegessen und war mit N. kurz einkaufen und bin dann abends wieder ins Bett gekippt.

Heute fühle ich mich immer noch ein klein wenig matschig, aber die Wirkung vom Bedarf ist nun weg und ich kann wieder geradeaus laufen ohne meine Türrahmen mitzunehmen oder über meine eigenen Füße zu fallen. 

Der kleine Zitronenkater ist nun übrigens 2 Jahre alt. Ich kann es kaum glauben, noch vor kurzem war er so ein kleines Häufchen, jetzt ist er ein großer Tiger mit Muskeln und Kraft. Ich bin so froh, dass er in meinem Leben ist. 

Morgen (bzw. heute) muss ich zur Therapie. Vielleicht spreche ich das mit dem Traum an, den Horror danach, das ganze Chaos in mir. 

Und eigentlich will ich nur schlafen, mein Körper ist unglaublich müde, doch mein Kopf ist hellwach und topfit. In nicht mal 4 Stunden klingelt mein Wecker, ich muss beim Ministerium anrufen, denn mein Fachabi muss anerkannt werden, ich muss dann los zur Therapie und ich bräuchte so dringend einfach Schlaf für den kommenden Tag. Ist natürlich klar, dass ich immer dann nicht schlafen kann, wenn ich früh raus muss. Hmpf. 

Doch wo ein König ist wird stets ein Henker sein.

Ich öffne die Augen und schaue, beleuchtet von meinem Nachtlicht, in weit aufgerissen Kateraugen, die Pupillen tief schwarz und so riesig, dass sich die Augenfarbe nicht mehr erkennen lässt. Der Zitronenkater hat seinen Schwanz aufgeplustert, die Haare entlang der Wirbelsäule stehen zu Berge und lassen ihn ein wenig sie einen Stegosaurus aussehen, er faucht mir ins Gesicht und schickt ein tiefes Grollen hinterher. Erst da wird mir bewusst, dass ich von meinem eigenen Schrei erwacht bin und dabei das Katerkind wohl ziemlich erschreckt habe. Ein Blick auf die Uhr verrät, dass ich nicht mal eine Stunde geschlafen habe. Katerkind miaut mich an, stubst mich mit seiner kleinen kalten Nase an, schiebt seinen Kopf unter meine Hand und lässt sich kraulen. Dann kämpft er einen Moment mit der Decke, bis er den Weg darunter findet und schmiegt sich dicht an meine Brust, sein Gesicht an meine Backe gedrückt. Er mauzt mir leise ins Ohr und wieder einmal bin ich so glücklich über den Fellhaufen, der mir so viel Wärme und Liebe gibt. 

Eingeschlafen bin ich gegen 3 Uhr. Nun ist es kurz nach 4, meine Nacht ist gelaufen. Mein Herzschlag beruhigt sich langsam, mein Atem wird ruhiger. Ich tippe auf den Bildschirm des Tablets und starte eine Folge „Orange is the new black“. Ich schließe die Augen, lausche den Stimmen und Geräuschen. So liege ich 3 Stunden im Bett, das Katerkind schläft mit meiner Hand auf seinem Rücken und zuckt ab und an mit den Pfoten. Dann drehe ich mich zweimal um, bis ich die Bettkante erreiche und stelle meine Füße auf den Boden. Ich weiß nicht, ob ich meinen Beinen vertrauen kann, weiß nicht, ob sie mich tragen. Mit zitternden Beinen schaffe ich es ins Bad, füttere auf dem Rückweg zum Wohnzimmer den Kater und schnappe zwei Äpfel, um sie den Meeris kleimzuschneiden. Flocke kommt wie immer angeflitzt und schnappt sich ein Stück aus meiner Hand, Caramell traut sich nicht so ganz, nimmt aber ein Stück, als ich meine Hand vorsichtig direkt vor ihre Nase halte, Caro versteckt sich ganz hinten in der Ecke und kommt erst hervor, als ich auf dem Sofa sitze. 

Irgendwann mache ich mich fertig, ziehe mich an und fahre zu meiner Ärztin. Ich bin kaputt, müde und mein Kopf dröhnt. Ich tue also heute genau das, was ich seit der dbt immer wieder aufs neue lerne und versuche: meine eigenen Grenzen achten. Ich fühle mich zu kaputt und zu labil, um heute Sport, Traumagruppe und Körpererfahrung zu machen. 

Die Ärztin ist so lieb wie immer und ich bin wieder einmal froh, dass ich bei ihr gelandet bin. Als ich mich auf den Weg zurück nach Hause mache fängt es draußen an zu schneien. 

Ich versuche zu schlafen, doch es funktioniert nicht. Obwohl ich einfach nur müde bin, mein Kopf dröhnt und mein Körper nicht mehr will. Also krieche ich wieder aus dem Bett, N. kommt mit einer Kiste Cola und Leckereien für die Meeris vorbei. 

Danach hänge ich einfach nur kraft- und lustlos auf dem Sofa. Wandere wieder ins Bett, doch Schlaf lässt sich immer noch keiner finden. Meine Augen sind rot, als ich in den Spiegel kucke, der Rest sieht auch nicht besser aus. Trotzdem gehe ich aus der Türe und in Richtung Supermarkt, denn ich habe das Gefühl wenigstens ein paar Minuten lang sowas wie Normalität aufrecht erhalten zu müssen. Versteckt unter meiner Kapuze besorge ich ein paar Dinge, die ich brauche, und ziehe wieder nach Hause zu meinem Sofa. Dort bekuschel ich das Katerkind und merke nicht, wie die Zeit vergeht. Zeit scheint etwas sehr merkwürdiges zu sein im Moment. Einige Minuten ziehen sich bis ins Unendliche, Stunden verfliegen wie Sekunden. Ich mag mich verletzen, einfach nur weil ich weiß, dass ich danach entspannt bin und definitiv schlafen kann. Doch selbst dazu bin ich zu kraftlos. Der Gedanke das Ganze dann versorgen zu müssen, vermutlich sogar versorgen lassen zu müssen, schreckt mich ab. Es ist mir zu viel, zu anstrengend. Außerdem sind es doch nur noch einige Wochen bis zum Jahr. Und das will ich so gerne feiern, feiern mit A. und Pfleger Arschkeks stolz davon berichten und einfach stolz auf mich sein. Das mag ich nicht aufgeben. So sehr ich mich auch nach Ruhe und Schlaf und Entspannung sehne, es ist der falsche Weg. Stattdessen werde ich mir gleich einfach eine Tablette mehr als üblich zum Schlafen einwerfen und darauf zählen, dass der Schlafmangel und die Dosis mich zuverlässig weghauen. Morgen kann ich ausschlafen, ich brauche nicht aufstehen. Und dann habe ich genug Zeit in meiner Wohnung ein paar Dinge zu machen und vielleicht in die Stadt zu fahren und die Fotos entwickeln zu lassen. 

Irgend eine gesunde Mischung aus Gammeln und halbwegs produktiv sein. Weiter machen und weiter atmen. Es wird wieder bessere Tage geben. Tag für Tag, Schritt für Schritt, Skill für Skill sagt die Stimme von Schwester Nathalie in meinem Kopf. Und sie hat verdammt recht. 

Nichts bleibt mehr
Wenn ich jetzt aufgeb‘
Nichts bleibt mehr
Wenn ich diesen Weg nicht geh‘
Und nichts bleibt mehr
Wenn ich weiter vor mir flieh‘
Nichts bleibt mehr
Wenn ich diesen Kampf verlier‘

Ernsthaft Leben? Du willst mich doch echt verarschen. Fick dich, fick dich, fick dich. Gerade könnte ich wirklich gut auf dich verzichten. 

Scheißdreck. Ich will schlafen! 

Datenverlust 

Mein PC hat sich suizidiert und für einen Moment möchte ich es ihm gerne gleich tun. Meine Daten sind weg, alle Möglichkeiten des Reparierens oder Wiederherstellens habe ich erfolglos ausprobiert. 

Nun läuft ein recovery-Programm, vielleicht schaffe ich es ja wenigstens ein paar Daten noch zu retten, doch meine Hoffnung ist nicht allzu groß. Besonders die Bilder wiederherzustellen ist keine einfache Sache, ich befürchte sie sind weg. Und genau das schmerzt mich am meisten. Erst vor einer Weile habe ich die Bilder vom Handy auf den PC gepackt und mir dabei noch gedacht, dass ich bald mal eine Sicherung machen muss. Hmpf. 

Ein positives hat die ganze Sache aber. Ich habe mich aus extremer Anspannung und extremen Selbstverletzungsdruck raus geholt, auch wenn ich gedacht hätte, dass mich dieser Mist nun echt an die Grenzen meiner Möglichkeiten bringt. Es hat trotzdem funktioniert. So bescheuert es auch ist sich wegen verlorener Daten verletzen zu wollen, vor allem die Fotos sind mir einfach unglaublich wichtig und bedeuten mir viel. 

Gestern war ich um kurz vor Mitternacht endlich zuhause, hundemüde und erledigt. Ich habe meine Tierchen gefüttert und das Katerkind noch eine Weile gekrault und bin dann ins Bett gekippt. Und dort war ich plötzlich wach. Super, denn mein Hirn war trotzdem einfach nicht mehr funktionsfähig und auch mein Körper wollte nicht mehr wirklich. Also lag ich bis 4 Uhr noch wach, bevor ich endlich einschlief. 

Und wegen dem wenigen Schlaf der letzten Tage, meiner miesen Laune wegen meinem PC und einer Verabredung morgen früh hab ich mir nun meine Medis eingeworfen und mich ins Bett verkrochen. Außerdem friere ich, trotz genügend Essen heute. Also gibt es nun Kuscheldecke und Kuschelkater und Wärmflasche und Serie. 

Und morgen ist ein neuer Tag. 

Ich schlafe gestern erst gegen 3 Uhr ein. Mit Suizidgedanken und Selbstverletzungsdruck. Als ich heute morgen die Augen öffnen, ist es zwar nicht mehr ganz so schlimm, aber auch alles andere als gut. 

Als es an der Tür klingelt, schrillen die Alarmglocken in mir synchron mit. Mein Großonkel steht im Flur, prima. 

Ich weiß nicht, was anstrengender ist. Seine Fragen nach meinem Vater oder meinen Narben, die Tatsache, dass er ständig absichtlich meinen Kater erschreckt, sein Meckern über Moslems oder die andere ganze Grütze, die er von sich gibt. Nach gefühlt endlos langen Stunden, mindestens 5 Gefühlsprotokollen im Kopf, einem Haufen möglicher Mordmethoden und tonnenweise ablenken und skillen verlässt er endlich wieder die Wohnung. Uff. Durchatmen. 

Danach ist es unspektakulär. Wir essen, irgendwann packe ich meinen Kram und Mama bringt mich nach Hause. Als sie nach der obligatorischen Zigarette dann meine Wohnung verlässt, sinke ich erschöpft auf mein Sofa. Die letzten 3 Tage haben an meinen Kräften gezehrt. Die kurzen Nächte (vor 2 Uhr habe ich nie geschlafen), die vielen Geräusche, die Erinnerungen und Gedanken und dann zu allem Übel heute noch mein Großonkel… Es war anstrengend. Wenn auch nicht ganz so furchtbar wie sonst. Wobei auch mein Umgang und meine Einstellung anders sind seit der dbt. 

Jedenfalls war ich unglaublich froh endlichendlichendlich wieder in meinen eigenen vier Wänden zu sein. Ohne Menschen. Und so habe ich den Rest meines Tages auf dem Sofa verbracht. Mit AoE, TV, Katerkind und skypen mit L. und F., anschließen bin ich einfach nur ins Bett gekippt. Und dort liege ich nun seit einer ganzen Weile und komme nicht zur Ruhe. In meinem Kopf reiht sich ein mögliches Selbstverletzungsszenario an das nächste. Mir fehlt es so, so unglaublich sehr. Manchmal wünsche ich mir ein „richtiges“ letztes Mal. Noch einmal verletzen, als Abschluss, so richtig viel und schlimm. Aber es ist totaler Quark. Es ist einfach nichts, bei dem man einen Abschied feiern kann, ein letztes Mal, und schon gar nicht so. Es wäre eher ein Anfang als ein Ende. Und ich weiß auch, dass ich nie ganz ohne Selbstverletzung sein werde, denn sie wird mich immer begleiten, auch wenn es vielleicht irgendwann nur noch die Narben und ein gelegentlicher Gedanke daran sein werden. Ich weiß, dass es jederzeit wieder passieren kann, auch wenn ich es nicht hoffe und nicht möchte. Aber es macht auch so viel Angst zu wissen, dass es vielleicht nie mehr passieren wird. Und, ja, es tut weh. Denn ich lasse damit (mal wieder) etwas los, das so lange Teil von mir war, mehr als mein halbes Leben schneide ich schon. Es tut weh, genauso weh wie etwas anderes loszulassen, das einen so lange begleitet hat. Und ich versuche nicht allzu sehr über das alles nachzudenken, auch wenn es mir in diesen sentimentalen Tagen mit Weihnachten und Silvester vor der Türe um einiges schwerer fällt als es sonst eh schon ist. 

Morgen werde ich erstmal ausschlafen. Und dann irgendwann in den Supermarkt purzeln und ein paar Kleinigkeiten für die nächsten Tage einkaufen. Und ich muss anfangen meine Wohnung besuchs- und silvestertauglich zu machen. Also: aufräumen! 

Es weihnachtet. (mehr oder minder) 

Gestern war ein absoluter Tag für in die Tonne. 

In der Nacht wache ich kurz vor halb 3 auf und schieße aus dem Bett. Eins der Schweine zwitschert und das ist generell kein gutes Zeichen. Normalerweise machen sie das bei Stress oder Krankheit. Doch beim Blick ins Meerizuhause schauen mich nur 6 Augen an, der Übeltäter ist leise und lässt sich auch nicht ausmachen. Soweit ich es feststellen kann geht es allen gut und ich muss erst mal eine rauchen, um mich von dem Schrecken zu erholen. Und dann bin ich wach. Pendel zwischen Sofa und Bett hin und her, gefolgt vom Zitronenkater. Erst kurz vor 9 finde ich endlich ein wenig Schlaf, um 10 weckt mich meine Blase, auf der der Kater grade rumtrampelt. 

Und dementsprechend fertig bin ich den ganzen Tag und hänge rum. Ich will so viel machen, doch ich schaffe es nicht. Mein Kopf schmerzt, meine Augen tun weh, mein ganzer Körper schreit nach Schlaf. Doch der lässt sich einfach nicht finden. Also quäle ich mich durch den Tag. Schaffe es irgendwann wenigstens mal Nudeln ins heiße Wasser zu kippen und mir  eine Soße zu kochen. Während mein Essen auf dem Herd steht, räume ich ein wenig in meiner Wohnung rum. Sortiere die Post der letzten 3 Monate, trage die 5 kg Heu mal zu den Schweinen, räume die Dinge, die ich beim Heimkommen einfach auf dem Küchentisch gestapelt habe, an ihren Platz. Und dann esse ich erst mal. Das erste mal was anständiges seit über 30 Stunden – genau das fällt mir dabei ein. Ohne Hungergefühl wird das also wohl wirklich zur Herausforderung. Irgendwie muss ich dafür wohl einen Plan entwickeln. Vorher war es ja schon sicher, wenn man nicht mehr in der Lage ist den Hunger zu spüren, dann wird das Ganze doch etwas problematisch. 

Abends beginnt der Selbsthass. Weil ich nicht die Dinge erledigt habe, die ich erledigen wollte. Weil ich mich nach der Nacht mit nicht mal 3 Stunden Schlaf einfach nur miserabel fühle. Weil es mich ankotzt, dass ich das Essen so völlig vergesse. Weil es sich anfühlt, als ob ich den Weg meiner Fortschritte grade rückwärts zurückpurzel. 

Und mitten drin beschließe ich es zu lassen. Ich will aufhören mich selbst zu zerpflücken. Also koche ich mir noch eine Tasse Tee und verziehe mich ins Bett. Es ist zwar noch nicht mal 7, aber das ist mir egal. 

Heute morgen wache ich kurz nach 6 auf. Ich stehe auf, füttere meine Schweinchen und den Zitronenkater, trinke einen Kaffee und trolle mich nochmal für 2 Stunden ins Bett. Beim zweiten Aufstehen fühle ich mich endlich wieder halbwegs in Ordnung. Ich wusel ein wenig in der Wohnung rum, kehre (mal wieder) Heu und Streu zusammen, telefoniere mit Puffpuff und mit meiner Mama, fange an Geschenke einzupacken, kraule das Katerkind. N. kommt kurz vorbei und hüpfe danach unter die Dusche, ziehe mich an und mache mich auf den Weg in die Hauptstadt. Eigentlich wollte ich absagen, habe ständig hin und her überlegt und dann beschlossen doch zu fahren. Schließlich habe ich meine Schwester schon lange nicht mehr gesehen und noch länger nichts mit ihr alleine unternommen. Und wenn nicht für sie, für wenn soll ich mich dann aus dem Haus bewegen?

Und es war die richtige Entscheidung. Es ist schön mit ihr unterwegs zu sein, mit ihr zu quatschen und zuerst den einen Glühweinstand, dann den Crêpestand und dann den nächsten Glühweinstand zu überfallen, im Supermarkt nach Alkohol für Weihnachten zu stöbern und einfach durch die Straßen zu laufen. Und noch schöner ist es, dass nun sie mal spendiert, ich muss mal nicht die große Schwester sein, denn der Zwerg ist nun tatsächlich schon so groß und verdient ihr eigenes Geld. Es ist merkwürdig, denn seit ich mit ihr unterwegs bin (da war sie ungefähr 8) habe ich immer bezahlt, wenn wir gemeinsam etwas getrunken oder gegessen haben. 14 Jahre später genieße ich es nun, dass wir beide erwachsen sind. Zumindest meistens. 

Am Abend mache ich nicht mehr viel. Zum ersten Mal, seit meiner Entlassung aus der Klinik, schalte ich meinen Fernseher an. Es ist merkwürdig, denn ohne die Medikinet habe ich immer das Geräusch des Fernsehers gebraucht, während ich irgendetwas getan habe. Sonst hat mich jedes Geräusch abgelenkt, jedes Poltern im Treppenhaus, jedes hupende Auto, jedes Quietschen der Meeris. Nun kann ich tatsächlich auch mal ’ne Stunde dasitzen und etwas tun, ohne dass etwas nebenbei laufen muss, ohne dass ich ständig etwas anderes tun muss. 

Morgen ist Heiligabend. Ich bin nicht wirklich in Weihnachtsstimmung. Vielleicht auch, weil die letzten 3 Monate so schnell vergangen sind. Weil ich kurz davor noch mit Salz in den Haaren am Strand lag. Aber ich freue mich. Zum ersten Mal seit vielen Jahren. Vielleicht auch, weil ich zum ersten Mal seit Jahren das Gefühl habe, dass ich es schaffen kann, dass es gut werden kann. Und das liegt zum großen Teil an dem Gespräch über die Weihnachtsplanung mit Frau K., meiner Psychologin aus der Klinik. Die Tatsache, dass sie mir am Ende sagte, dass ich die Planung und Skills und alles quasi alleine gemacht habe. Das gibt mir viel Mut und Kraft. 

Und nach Weihnachten wird das Jahr unaufhaltsam zuende gehen. Im Forum läuft schon eine meiner liebsten Traditionen, der Jahresrückblick. Mal sehen wann ich meinen schreiben werde. Und in welcher Form, ob öffentlich oder nur für mich, ob hier oder im Forum oder beides. 

Morgen muss ich noch die restlichen Geschenke einpacken, meine und Katerkinds Sachen packen (und natürlich auch das Katerkind), die Schweine für 3 Tage versorgen und dann geht es über die Feiertage zur Familie. 

Katergeschenke & Nachtgedanken 

Ich mag Geschenke. Vor allem Kleinigkeiten, die von Herzen kommen, die eine Bedeutung haben. Manchmal bekommt man Geschenke, die einem einfach nur pure Liebe vermitteln. 

Gestern brachte mir das Katerkind erst eine Maus, dann eine kleine Schlange. Hach. <3 Es ist schon etwas besonderes, wenn man sowas vor die Füße gespuckt bekommt, begleitet von stolzem Miauen und großen Augen, die einen anschauen. Auch wenn ich es ganz klar bevorzuge, wenn er hier mit Plüschmäusen durch die Gegend rennt, so werde ich ihm doch nicht den Spaß am Jagen nehmen. Vor allem wird er mal ein wenig seiner überschüssigen Energie los und schläft wie ein Steinchen. 

Dafür konnte ich in der Nacht nicht wirklich schlafen. Um halb 4 meldete sich meine Blase und danach fand ich keine Ruhe mehr im Bett. In manchen Monaten schlafe ich nur bei wirklichem Vollmond schlecht, in anderen wiederum habe ich das Gefühl, dass ich schon 5 Tage vorher schlecht schlafe und auch die 5 Tage danach. Hinzu kamen dann noch Unterleibschmerzen des Todes. Also habe ich einen Großteil der Nacht mit Heizkissen auf dem Bauch (und Kater auf dem Heizkissen) im Bett verbracht, mit Dr. House und lesen und einfach nur daliegen. Manche Stunde verging quälend langsam, andere hingegen waren von einem Moment auf den anderen verflogen. 

Mein Tag war trotz dem wenigen Schlaf eigentlich echt gut. Ich war mit M. in der Hauptstadt, wir haben unser übliches Shisha-Rauchen genossen und geredet über alles mögliche. 

Daheim hänge ich durch. Ich fühle mich körperlich einfach nur furchtbar. Auf den Film, den ich sehen wollte, kann ich mich nicht konzentrieren. Mein Kopf schmerzt, meine Augen brennen, mein ganzer Körper fühlt sich müde an und schmerzt. Trotzdem kann ich nicht einschlafen, ich komme nicht zur Ruhe. Trotz Dipi. Also habe ich gerade noch eine genommen, ich will einfach nur noch schlafen. Tief und lange, ohne schlechte Träume, ohne nach wenigen Stunden wieder aufzuwachen… 

Every street light a reminder

Es ist bald halb 5 und ich liege immer noch wach. Ich komme einfach nicht zur Ruhe, drehe mich von einer Seite auf die andere, probiere es mit Hörbuch und Serie und ohne alles, aber nichts scheint mich zum schlafen zu bringen. Dabei bin ich unglaublich müde, meine Augen fallen ständig zu, aber es reicht nicht um im Schlaf anzukommen. 

Heute habe ich versucht den Moment zu genießen, ohne an das Danach und einen möglichen Absturz zu denken. Und es hat sogar relativ gut funktioniert. Ich war mit N. spazieren, wir haben Maisblätter die Meeris geklaut auf dem Maisfeld, Löwenzahn gepflückt und frische Brombeeren vom Strauch genascht. Es tat gut draußen zu sein und den Wind auf der Haut zu spüren, den Moment zu leben und einfach nur okay zu sein. 

Für morgen bin ich mit dem Herrn V zum Minigolf verabredet in der Hauptstadt. Ich freue mich immer, wenn er hier her kommt wegen lilu, denn eigentlich wohnt er eine Ecke weit weg. Beide kenne ich schon Jahre aus dem Forum, es ist schön, dass einige Kontakte seit Jahren bestehen. Also steht morgen auch etwas schönes an. 

Ansonsten war ich heute ein wenig produktiv zuhause, habe hauptsächlich dem Kater hinterher gekehrt, habe mein Bett (schon wieder) umgestellt, Wäsche gewaschen und aufgehängt und die trockene Wäsche weggeräumt, ich war einkaufen und hab meine Tierchen verwöhnt. Langsam aber sicher sieht meine Wohnung wieder aus wie eine Wohnung, auch wenn ich so gerne so viel mehr tun würde. Aber ich habe immer noch Probleme mich aufzuraffen, auch wenn es nicht mehr ganz so schlimm ist. Das sind die Momente, in denen ich mir selbst furchtbar auf den Keks gehe. Ich denke mir immer, dass es ja nicht so schwer sein kann einfach den Hintern hoch zu kriegen, aber das kann es leider. Depressive Phasen sind zum kotzen. Manchmal hätte ich zum Ausgleich gerne eine Manie, wäre gerne voller Energie und würde so viele Dinge gerne erledigen. Aber ich habe höchstens mal ein paar manische Minuten, ansonsten tendiere ich eher in die depressive Richtung. 

Ich hoffe ich finde bald noch ein wenig Schlaf. Ich brauche Ruhe und mein Körper braucht Ruhe, mein Kopf schmerzt und meine Augen brennen. Bald wird es draußen hell, die Vögel werden anfangen zu zwitschern, die Menschen beginnen wach zu werden. Oftmals kann ich dann einschlafen, weil die Nacht vergangen ist, weil die Dunkelheit und die Stille verschwindet, weil die Angst vom der Helligkeit vertrieben wird. 

Nächte waren schon immer schwer. Oftmals lag ich wach und weinte, lag wach und verletzte mich, saß in irgendwelchen Notaufnahmen rum oder versuchte einfach nur weiter zu atmen. Nachts ist niemand da, es kann so viel passieren. Mit der Dunkelheit verschwinden die Menschen, die einem Schutz und Sicherheit bieten könnten. Und mit dem Abend und jeder weiteren Stunde stieg sein Alkoholpegel und damit seine Unberechenbarkeit. Vieles sind Ängste aus meiner Kindheit, die mich bis heute verfolgen, die so tief sitzen, dass ich sie nicht los werden kann. Dazu kamen dann irgendwann die Schlafprobleme, Nächte voller Qual weil ich so dringend Schlaf gebraucht hätte für die Schule, für den Tag, Kraft um weiter zu machen und durchzuhalten. Spätestens seitdem sind Nächte häufig meine Feinde, auch wenn es ab und an Nächte gibt, in denen ich die Stille genieße, die Leere, die Dunkelheit. Am schönsten sind Sommernächte, wenn es draußen warm genug ist um einfach irgendwo zu sitzen, durch die Gegend zu ziehen, das Fenster aufzulassen. Und am tollsten sind Nächte sowieso am Meer, mit dem Rauschen im Hintergrund und den Füßen im Sand. 

Nightswimming,
remembering that night
September’s coming soon
I’m pining for the moon
And what if there were two
Side by side in orbit around the fairest sun?
The bright tide forever drawn
Could not describe nightswimming

Doch Scheiße passiert eben doch in Sekunden 

Aus dem „Vielleicht haben Sie ja auch nur Rückenschmerzen.“ des Arztes vom Notdienst ist nun eine Nierenbeckenentzündung geworden. Meine Hausärztin verzichtet darauf mir auch noch auf die zweite Niere zu drücken, nachdem ich bei der ersten schon kurz davor war ihr gegen das Schienbein zu treten vor Schmerz. Sie schüttelt nur den Kopf über den Notdienstarzt, verschreibt mir ein Antibiotikum, schaut mich böse an und meint „Machen Sie nie wieder so einen Überdosiskram!“, freut sich mit mit mir, als ich von Freiburg berichte und entlässt mich mit einem neuen Termin für nächste Woche. Also werde ich in den nächsten Tagen viel Zeit im Bett verbringen, abgesehen von der Abschlussfeier meiner Schwester morgen und dem Altstadtfest am Wochenende. Denn es tut sowieso jede Bewegung weh, Unterwegssein ist eine Qual und ich versuche mich möglichst wenig zu bewegen, auch wenn die Schmerzen trotzdem immer da sind. 

In der Nacht kam ich wieder nicht an. Ich lag wach bis gegen 3, ruhe- und rastlos. Nächste Woche habe ich einen Termin bei meinem Psychiater und werde das mal ansprechen, falls es sich nicht bessert. Ich dachte eigentlich es wäre vorbei nach dem Termin beim Arzt vom Amt, weil ich dachte das treibt mich so um. Den Termin habe ich gestern aber hinter mich gebracht. Eigentlich war es nicht mal halb so schlimm wie befürchtet. Ein paar allgemeine Fragen beantworten („Welchen Schulabschluss haben Sie? Hauptschule?“-„Ähm… Fachhochschulreife und abgeschlossene Berufsausbildung…“ und ein darauf folgender sehr irritierter Blick. Psychisch krank gleich doof oder wie?), dann eine kurze Untersuchung („Ich sage Ihnen gleich, ich kriege vermutlich die Krise wenn wir das nun so machen“ und dann eine verkürzte Untersuchung, bei der ich angezogen bleiben darf) und dann die Feststellung, dass ich ja noch in Behandlung bin und die definitiv Vorrang hat und ich war schon wieder aus der Tür. Gut, also werde ich in den nächsten Tagen wohl einen Reha- bzw. Rentenantrag stellen müssen. Bis dann eine Entscheidung gefallen ist bekomme ich auf jeden Fall mein alg1. 

Danach war ich kurz in der Klinik, habe Unterlagen für die Sozialarbeiterin abgegeben, I. besucht und Pfleger Jan vom Temin  berichtet, denn er wollte gerne wissen wie es lief, nachdem ich ihn vor ein paar Tagen damit im Nachtdienst vollgejammert hatte. Auf meine Erzählung hin und meine Aussage „also ich bin scheinbar nicht arbeitsfähig“ musste er lachen und erwiderte „wie, echt nicht? Was ein Wunder.“ und ich musste mit ihm lachen. Schwester Laura quittierte meine Erzählungen von den Nierenschmerzen mit einem „Noch ein Grund so eine Scheiße nicht mehr zu machen.“, in Bezug auf den Suizidversuch letztes Jahr. Und es trifft mich härter als gewollt, denn es zeigt mir wieder, was ich mir und meinem Körper damit eigentlich angetan habe. In dem Moment habe ich natürlich nicht an solche Dinge  gedacht. Eigentlich habe ich überhaupt nicht an das Danach gedacht, denn das sollte es ja nicht mehr geben, aber an die Folgen, die es haben könnte körperlich, da denkt man absolut gar nicht. Schwester Sabine brachte mich erst darauf, nachdem sie mich ordentlich zurechtgestutzt hatte, dass es auch hätte ganz anders enden können. Und auch wenn die Folgen nun natürlich nicht ganz so gravierend sind, so denke ich zum ersten Mal darüber nach. Klar weiß ich seit damals, dass meine Nieren ein wenig im Eimer sind und meine Blutwerte nie ganz okay waren. Aber so wirklich Gedanken habe ich mir nie großartig gemacht. Bis jetzt eben, denn die erneute Entzündung zeigt wie sehr meine Nieren eigentlich geschädigt sind. Wenn ich Pech habe, dann darf ich mich nun öfters damit rumschlagen. 

Und nun kippe ich einfach nur noch ins Bett und versuche zu schlafen. Eigentlich sollte das nach dem wenigen Schlaf letzte Nacht und mit einem Antibiotikum-Tramadol-Seroquel-Mix ganz gut klappen. 

So viele Jahre, so viele Stunden 
Doch Scheiße passiert eben doch in Sekunden

So viele Jahre, so viele Stunden 
Zu wenig Zeit, für zu viele Wunden