Worte zerstören mehr als Taten

In den letzten Wochen kommt es immer häufiger vor, dass plötzlich seine Worte in meinen Kopf hallen. Wenn ich durch die Stadt gehe, wenn ich im Zug unterwegs bin, wenn ich in einer Vorlesung sitze.

Ohne konkreten Trigger, sie sind einfach plötzlich da. Sie dröhnen in meinem Kopf, so unglaublich laut, wiederholen sich immer und immer wieder. Worte, die tief in mir verwurzelt sind, die durch die Jahre zu einer Gewissheit wurden, zu Wahrheit, zu Realität. Aber auch Worte, die ich aus meinen Erinnerungen verbannt habe, an Stellen, aus denen sie plötzlich hervor schießen und sich nicht mehr vergraben lassen.

Du bist nichts wert.

Aus dir wird nie etwas werden.

Du wirst nur Bäckereifachverkäuferin oder Putzfrau bei McDonalds.

Du bist eine Schlampe.

Du bist genauso gestört wie deine Mutter.

Du hast niemanden außer mir. Niemand will dich.

Wenn du weg gehst bist du ganz allein. Du hast niemanden.

Du bist Schuld, dass ich dich geschlagen habe.

XY ist so ein liebes und hübsches Mädchen. Die Eltern haben bestimmt keinen Ärger mit ihr. Nimm dir ein Beispiel.

In deinem Alter hat man keine Probleme. Ich habe wirkliche Probleme, deine sind lächerlich.

Du bist ganz schön fett.

Worte, die ich so oft gehört habe. Neben den Situationen, die mir nie wieder aus dem Kopf gehen werden.

Sommer, durch die offene Terrassentür kommen Fliegen in die Wohnung. Ich verscheuche welche. Fliegen fliegen eben immer zu Scheiße. sagt er.

Die erste Englischarbeit in der fünften Klasse. Wie er da sitzt und mich abwechselnd auslacht und beschimpft. Wie dumm kann man sein das Wort falsch zu schreiben.

Wie er reagiert, als er erfährt, dass meine Mutter wieder schwanger ist. Deine Mutter hat ein neues Kind. Sie braucht dich nicht mehr.

Als ich ein Bild für einen Malwettbewerb malen soll in der Grundschule. Dir muss doch klar sein, dass man die Striche nicht in eine Richtung macht, da sieht man ja die einzelnen Striche. Das sieht scheiße aus! Du bist zu nichts zu gebrauchen.

So viele Momente, in denen er mich mehr verletzt hat, als die körperliche Gewalt es jemals konnte. Worte, die über 14 Jahre mein Selbstbewusstsein zerfressen haben, die auch heute noch mein Bild von mir selbst bestimmen.

Why would you do that?

That’s every suicide. Every single one. An act of terror perpetrated against everyone who’s ever known you. Everyone who’s ever loved you. The people closest to you, the ones who cherish you are the ones who suffer the most pain, the most damage. Why would you do that? Why would you do that to people who love you?

– The Blacklist

Suizidalität ist ein großes Thema momentan. In mir ist unglaublich viel Schmerz und Traurigkeit.

Manchmal frage ich mich, wo diese Traurigkeit und der Schmerz in den ganzen letzten Jahren waren. Klar, immer mal wieder da und auch intensiv da, doch aktuell trifft es mich immer wieder mit einer solchen Wucht, dass kein Raum mehr für etwas anderes bleibt.

Ich möchte schneiden, weil ich diese Gefühlswucht nicht aushalte. Weil ich es gut dosiert in kleinen Häppchen zwar schaffe, aber nicht in dieser Intensität, nicht, wenn es mich mit solcher Wucht trifft. Es erinnert mich an die Abende in meinem Kinderzimmer, an die feinen roten Linien auf meinem Arm, an die Tränen, die sich in mir aufstauen und niemals alle geweint werden können.

Die Selbstverletzung fehlt. Sie fehlt mir so unglaublich und gerade in den Momenten, in denen ich mit der Panik kämpfe, mag ich sie nur aus mir raus schneiden. Alles andere wird so klein, wenn meine Welt auf mein hämmerndes Herz in meiner Brust zusammen schrumpft, wenn da nichts mehr ist als die Angst, der rasende Puls, die Kälte und das Zittern. Dann ist es plötzlich so egal, dass es bald zwei Jahre ohne Schneiden sind, dann ist egal, dass ich es eigentlich nicht mehr will, dann ist egal, dass es letztendlich nur eine kurze Erlösung bringt. Dann will ich einfach nur, dass es aufhört, und der Preis ist dabei egal.

Und dann kommen noch die anderen Dinge dazu. Mein Untermieter, der seit 10 Stunden eigentlich nicht mehr mein Untermieter ist. Der sich aber nicht dazu herablässt, seinen Kram hier abzuholen, der gestapelt in der Küche steht. Der mir also auch meinen Schlüssel noch nicht wieder gebracht hat. Zwischen dessen Sachen ich beim rausräumen noch mehr leere Blister Medikinet entdecke, eins mit dem Aufkleber aus der Klinikzeit. In der Klinik war ich zuletzt letzten Sommer, also muss er sich schon damals an meinen Medikamenten bedient haben. Wut, unglaubliche Wut und Enttäuschung und das Gefühl hintergangen worden zu sein. Gefühle, die sich potenzieren, aufschaukeln und schließlich in Selbsthass umschlagen, weil man doch nicht wütend sein darf, keine Gefühle haben, nicht existieren, nicht aufmucken. Glaubenssätze. Heimatfilm.

Schwester Nathalie rettet mir vorgestern mal wieder den Hintern, als ich nur noch eskalieren möchte, als alles in mir schreit und ich vor Anspannung nicht mehr denken kann. Ich bin unglaublich froh, dass sie Dienst hat und ich sie am Telefon habe. Sie sagt mir, dass es das richtige Gefühl ist. Dass ich wütend sein darf. Und enttäuscht und verletzt. Aber vor allem auch wütend. Dass es da hin gehört, absolut passt, absolut angemessen ist. Während dem Reden kommen die Tränen und die Anspannung weicht, wird erträglicher, aushaltbarer. Ich kotze mich aus, lasse meine Wut raus, meine Tränen, das ganze Chaos. „708 Tage Frau Zitrone!“ sagt sie immer wieder und ich muss lächeln.

Wir reden noch kurz übers Studium. Darüber, dass ich mir gerade mein Leben aufbaue, in dem solche Menschen einfach keinen Platz mehr haben. Und wir verabreden uns für Ende März, wenn sie aus dem Urlaub zurück ist, denn dann kann ich ihr den Lebensvertrag vorbei bringen und stolz sagen, dass es tatsächlich 2 Jahre ohne Selbstverletzung sind.

Viel Chaos momentan. Doch immer und immer wieder und weiter kämpfen und es schaffen. Mit jedem Moment, der eigentlich unaushaltbar schien, ein Stück mehr wachsen.

Es passt nicht. Es passt einfach hinten und vorne nicht. Ich sitze hier, innerlich so furchtbar kaputt und zerstört, doch meine Arme sind heil. Ich ertrage es kaum, denn ich kann diese beiden Dinge nicht miteinander in Einklang bringen. Ich kann es kaum aushalten, dass das Innere und das Äußere nicht zusammen passen.

Der Schmerz, der gerade in mir steckt, passt da überhaupt nicht rein. Da ist so viel Schmerz auf so wenig Raum. Und er ist nicht greifbar. Nicht sichtbar. Wunden sind das. Ich kann sie sehen und irgendwann auch spüren, ich kann sehen, dass da etwas kaputt ist. Und ich verstehe nicht, wie da so viel Schmerz sein kann in mir ohne heraus zu brechen. Ich warte darauf, dass sich mein Brustkorb öffnet und Welle um Welle hinausströmt, weil so viel kaputt sein doch einfach nicht in mich passen kann.

Innen und außen passt einfach nicht. So gar nicht.

Schon lange habe ich mich nicht mehr so zerfetzt gefühlt. So zerstört und instabil und voller Chaos. Die Klausuren treiben mich in den Wahnsinn, weil da einerseits immer noch diese allgegenwärtige Panik ist, die mich einfach umhaut und auch nicht davor Halt macht, dass ich lernen muss und Klausuren schreiben. Andererseits habe ich das Gefühl, dass alles aus meinem Kopf wieder raus fällt, als würde ich versuchen Wasser mit einem Sieb aufzufangen.

Und, vor allem, triggert es alte Erfahrungen. Worte in meinem Kopf, die so tief sitzen, dass selbst 12 Jahre nichts ändern konnten. Du kannst nichts. Du wirst nie etwas erreichen. Die anderen sind viel besser. Alle schreiben bessere Noten. Du bist dumm. Aus dir wird nichts werden, außer Putzfrau.

Es sitzt so tief in mir, dass ich nicht dagegen ankomme. Selbst nicht mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung, einer guten noch dazu, nicht mit einem Schlussabschluss, der mich nun zum Studium befähigt, nicht mit all den Dingen, die ich bisher erreicht habe.

Gerade fühle ich mich angesichts des Lebens einfach überfordert. Unfähig. Wie soll ich jemals normal leben? Normal mit all diesen Dingen umgehen?

Meine Mutter hat mir heute morgen einen Apfel aufgeschnitten. Mein Vater hat mir extra meine Lieblingssorte Gummibärchen gekauft. Worte, die ich heute morgen vor der Klausur höre. Worte, die mich so unglaublich treffen. So sehr wünsche ich mir in diesen Krisenzeiten wenigstens eine normale Familie, die mich unterstützt, die mich ermutigt, die mir sagt, dass ich das schaffen kann, die an mich glaubt. Ein normales Leben, ein normales Aufwachsen in einem normalen Elternhaus. Wie gerne wäre ich heute einfach heim gekommen, hätte mich von meiner Mutter und meinem Vater drücken lassen, weil die erste Klausur hinter mir liegt, mich hingesetzt und gelernt. Stattdessen kämpfe ich darum mich nicht zu verletzen. Kämpfe darum weiter zu atmen, weiter zu leben.

Schmerz. Nichts als Tränen und Schmerz.

Ich hätte gerade so gerne jemanden hier, der mich einfach nur in den Arm nimmt.

Und jede Antwort fällt so schwer, zieht uns tiefer rein ins Meer

Es ist eine seltsame Zeit momentan. Zwischen Lernen und Panik und Kaffee trinken. Einerseits habe ich mir so immer das Erwachsensein vorgestellt. Wenn ich Menschen sah, die mit Freunden im Café saßen, dann war das immer ein Ziel für mich. Irgendwann auch mal mit Freunden da sitzen und Kaffee trinken und reden und lachen. Das tue ich momentan viel und ausgiebig mit D., Kaffee trinken und manchmal wie verrückt (haha, sind wir ja) lachen, manchmal über ernste Themen reden, aber vor allem einfach Zeit genießen.

Und gleichzeitig existiert das Chaos. Das Chaos in meinem Leben und in meinem Kopf. Und die Angst. Die Angst vor der Angst und die Angst vor der Angst vor der Angst. Deswegen sitze ich auch heute morgen ziemlich müde in der Ambulanz der Klinik bei der Ärztin, die letzte Woche AvD war, als ich abends in die Klinik kam. Sie schickt mich auf die Station und von dort gehe ich mit ein paar Tavor in der Tasche. Für den Notfall. Wenn alles andere nichts bringt, wenn die Angst mir wieder den Hals zuschnürt und ich mir sicher bin, dass ich sterben werde. Vielleicht lindert es die Angst vor der Angst, dass ich nun weiß da ist etwas für den absoluten Notfall. Auch wenn ich mir gerade wirklich Watte im Kopf wünsche, so lasse ich doch die Finger davon. Ich kenne mich und das letzte was ich jetzt brauchen kann ist ’ne Medikamentenabhängigkeit. Und es gibt auch Sicherheit angesichts der Klausuren vor mir, bei denen ich erfahrungsgemäß sowieso Panik haben werde. Und eine Panikattacke wegen Klausurpaniksymptomen will ich nun wirklich nicht haben.

Vielleicht ist heute wieder einer dieser Wendepunkte. Ich fange an zu weinen, als ich mit der Angst zusammengerollt im Bett liege. Ich weine um mich, um den Schmerz in mir, um den Horror der Nacht, in der ich in Obhut genommen wurde. Ich weine zum ersten Mal nur wegen diesem Abend und dem was er in mir auslöst. Nicht wegen dem davor oder dem dahinter, sondern einzig und allein wegen diesem Abend. Ich weine mit dem verängstigten Mädchen von damals, dass nicht versteht was geschieht, dass nicht in Einklang bringen kann, wie dieser Mensch vor mir, der mir soviel bedeutet, den ich so sehr liebe, mit dieser Kälte in den Augen vor mir stehen kann und mir sagt, dass er mich umbringen wird. Ich weine, weil bisher kein Platz war für die Traurigkeit und den Schmerz. Zusammengerollt auf meinem Bett, während dem Lernen für die Klausuren, auf dem Weg ins Bad, in der Küche, im Wohnzimmer. Immer und immer wieder kann ich die Tränen nicht zurück halten, weil der Schmerz einfach so endlos ist. Ich weine, weil ich derzeit so gerne einfach nur Platz und Raum fürs Lernen haben würde, weil es mich gerade so kaputt macht, weil die Angst zurück ist. Ich weine, weil ich nicht weiß wohin mit all diesen Gefühlen, weil ich nicht weiß, wie ich nach all diesen Jahren nun damit umgehen soll, weil es mich nun einholt. Ich weine aus so vielen Gründen und habe das Gefühl, dass es nie enden wird. Dass in mir ein endloses Meer aus Schmerz und Angst und Traurigkeit ist, welches niemals ausgeweint sein wird.

Ich weine, weil mir so sehr eine glückliche Kindheit fehlt. Weil ich so gerne einfach normal aufgewachsen wäre. Weil ich mich statt mit Klausurthemen mit Angst rumschlage.

Ich weine, weil ich so gerne einfach nicht mehr stark sein würde. Weil ich immer stark sein musste, seit ich denken kann. Weil ich keine Gefühle zeigen durfte, mich nicht angreifbar machen, niemals Schwäche zeigen. Loslassen ging nur über die Selbstverletzung. Schmerzen spüren, weinen, wütend sein, all das ging nur übers Schneiden. Und so gerne würde ich gerade diesen Weg gehen. Würde all das raus lassen durch Wunden in meiner Haut. Genau so gerne würde ich aufgeben, würde all dem Gefühlschaos so gerne ein Ende setzen, aufhören zu existieren. Würde so gerne aufgeben, einfach mal nicht stark sein müssen. Aufgeben und gehen, endlich gehen. Weil es mich immer wieder einholt, immer wieder umwirft. Weil es ein so endloser Kampf zu sein scheint. Weil ich immer und immer wieder falle. Wieder. Und wieder. Und wieder.

Wo kommen all die Zweifel her
Die uns ins Herz geschlichen sind
Und uns in letzter Zeit so in Frage stellen
Sollen wir fliehen oder kämpfen
Geht es dir da so wie mir
Dass man manchmal einfach nicht mehr weiß wofür

Auf der anderen Seite der Regenbogenbrücke 

Heute Mittag habe ich meine Cookie beerdigt. Nun ist mein kleines Keksschweinchen also auf der anderen Seite der Regenbogenbrücke. 

Ich bin den ganzen Tag den Tränen nahe, sitze zwischendurch immer wieder da und heule. N. hat sie mit mir gemeinsam beerdigt, Chrissie kam vorbei und hat mich abgelenkt, das Katerkind schaut mich verständnislos an wenn ich beginne zu schluchzen und reibt sich miauend an mir. Es ist kein guter Tag, ich bin unendlich traurig und einfach erledigt und angefüllt mit Kummer, mein Kopf schmerzt und meine Augen brennen. Es ist ein Tag um sich zu verkriechen, sich eine Höhle im Bett zu bauen, die einen vor allem Schlimmen und Bösen abschirmt und beschützt. Und genau das mache ich nun auch. Ich krabbel zwischen meine Decken, baue mir eine sichere Zuflucht, befülle sie mit Kuscheltieren, mache mir Dr. House an und versuche einfach trotz all dem Schmerz ein wenig Gutes zu finden, dass mir hilft. Weit weg von allen Rasierklingen dieser Welt. 

Mach’s gut meine kleine Keksi. Erzähl den anderen Schweinchen, dass ich meinen Weg immer noch tapfer weiter gehe und es noch dauert, bis ich auch auf die andere Seite komme. Erzähl ihnen von Struppi und Flocke und Lilly, von dem bekloppten Kater und von der Zeit, die du bei mir hattest. Und sag ihnen, dass ich sie niemals vergesse, genau wie ich dich niemals vergessen werde. Ich denke an dich und werde immer einen Platz in meinem Herzen für dich haben. 

Bis wir uns wiedersehen… 

I’m so tired of being here

Ich fühle mich seltsam. Da und doch nicht da. Lebendig und gleichzeitig tot. Wie eine leere Hülle, die handelt, während ich gefühlt kilometerweit weg bin.
Ich habe aufgeräumt. Gekehrt. Die Pfandflaschen in die Tasche geworfen. Das Geschirr in die Spüle geräumt. Die Katerklos sauber gemacht. Und dann im Supermarkt Salat für die Meeris gekauft und im Drogeriemarkt neues Putzzeug, meine Schwester am Bahnhof aufgelesen und mit ihr Französisch gelernt. Wir haben gelacht und gelernt und Skip-Bo gespielt und Schokolade gegessen. Es war schön, doch ich war auch da nicht wirklich anwesend, nicht wirklich bei mir.
Heute Abend habe ich es geschafft mal halbwegs anständig etwas zu essen. Zum ersten Mal seit Sonntag, als ich bei Mama Mittagessen war.
Ich fühle mich furchtbar. Ich fühle mich nicht in meinem Körper und doch fühle ich ihn. Fühle seine Hände auf mir, fühle mich eklig und dreckig. Fühle Schmerzen, fühle Taubheit. Ich will jede Stelle zerschneiden, die ich erreichen kann, um jede seiner Berührungen wegzuschneiden.
Es ist einer dieser Tage, an denen ich fühle, wie sehr ein Leben durch sowas zerbrechen kann. Ich fühle mich kaputt, benutzt, dreckig, zersprungen in tausend Stücke. Es liegt nun so viele Jahre zurück, so viele. Und doch ist es so aktuell gerade, doch fühlt es sich so furchtbar an, doch… Doch bin ich gerade einfach furchtbar kaputt.
Und ich denke darüber nach wie es sein wird in ein paar Jahren. Ob nochmal zehn und nochmal zehn Jahre etwas ändern werden. Lebenslänglich heißt es oft. Ein Opfer erhält lebenslänglich. Und dann bin ich mir sicher, dass ich das nicht will. Dass ich nicht mein Leben damit verbringen möchte, dass ich nicht so weiter leben möchte. Keinen einzigen Moment länger, keinen einzigen Atemzug. Ich will nicht weiter so kaputt sein, mich so benutzt fühlen, so beschmutzt, so zerstört. Ich will das Ganze nicht. Dieses Leben. Nicht so.

These wounds won’t seem to heal
This pain is just too real
There’s just too much that time cannot erase

Conmigo nada es fácil

Ordnung machen kann eine türkische Angelegenheit sein. Während ich mein Regal im Schlafzimmer aufräume und darüber nachdenke, dass ich eigentlich dringend ein weiteres Bücherregal brauche, fällt mir der Brief meines Vaters in die Hände. Der Brief, den er mir damals geschrieben hat, vor nun zehn Jahren. Nachdem er im Jugendamt völlig ausgerastet ist, rumgebrüllt hat, als ich sagte, dass ich nicht zurückkommen werde.
Ich weiß nicht, warum ich den Brief über all die Jahre aufgehoben habe. Vielleicht, weil er der einzige Beweis dafür ist, dass er etwas falsch gemacht hat, der einzige Beweis der zeigt, dass er sich dessen auch mal bewusst war. Vielleicht weil es das einzige ist das mir beweist, dass er sich entschuldigt hat. Vielleicht weil ich ihm den Brief irgendwann mal unter die Nase halten will, ihm zeigen will, was er damals geschrieben hat.
Nach dem Brief ist es noch okay. Ich mache weiter, räume ein wenig hier und dort und beginne schließlich die Schubladen unter dem Schreibtisch auszumisten. Und dann knallt es einfach enorm ins Gefühl. Die Schublade mit Dingen, die er mir mal geschickt hat. Kleinigkeiten, hier und dort bei einer Veranstaltung oder einem Fest erhalten. Und es haut so gewaltig rein, weil es an die schönen Momente erinnert, an die gemeinsamen Erlebnisse. Und ich sitze auf meinem Schreibtischstuhl und beginne zu weinen, kann es nicht halten und möchte es eigentlich auch gar nicht. Ich sehne mich danach meinen Schmerz in Medikamenten zu ertränken, bis da nur noch Watte ist statt Gefühl. Und noch mehr möchte ich mir den Schmerz aus dem Körper schneiden, möchte ihn mit dem Blut aus mir raus schwemmen.
Noch ein paar Stunden zuvor war ich in der Klinik, um der mittlerweile nüchternen Sofanutzerin ein paar Sachen zu bringen, und habe stolz erzählt, dass es nun bald 7 Wochen ohne Selbstverletzung sind, habe von Schwester Laura und Pfleger Jan Lob dafür bekommen, habe mich seit langem einfach gut damit gefühlt mich so lange nicht verletzt zu haben. Und dann war da plötzlich nichts anders mehr als der Wunsch mich zu verletzen.
Der Abend endete dann mit Medis im Bett.
Gestern überfiel mich dann mal wieder einer dieser „ich muss umräumen“ – Anfälle. Und natürlich habe ich sowas immer an einem Tag, der eigentlich voll ist, an dem eigentlich kein Platz dafür ist. Trotzdem habe ich es dann angefangen, war zwischendurch schnell einkaufen, habe der Mama der Alkoholleiche geholfen die Sachen ans Auto zu schleppen, damit meine Wohnung wieder kofferlos ist, habe meinen Kleiderschrank leer gemacht und auseinander genommen (zumindest die zwei Teile von einander getrennt, damit ich ihn schieben konnte), den Kater aus dem Schrank gepflückt, den Schrank durchs Schlafzimmer geschoben, den Kater vom Schrank gepflückt, den Schrank wieder zusammengesetzt, den Kater aus dem Schrank gepflückt, den Schrank wieder eingeräumt, den Kater aus den Klamotten gepflückt. Dann das Bett verschoben, dabei den Kater unterm Bett raus geangelt, den Schreibtisch an eine andere Stelle gepackt, wo der Kater dann erst mal schlief. Nun sieht es zwar noch gewaltig chaotisch aus, aber wenn ich Ordnung geschaffen habe, dann kann ich damit leben. Mir gefällt es, wie es nun steht, ich kann mein Bett wieder von beiden Seiten begehen (vorher stand eine Seite an der Wand), habe haufenweise Dekoideen und brauche dringend ein Bücherregal.
Dann habe ich für mich und N. gekocht, später kam Bibi und wir waren mit dem Hund spazieren bis zum Fluss und wieder zurück.
Zuhause saßen wir vor der Tür, haben uns über meinen russischen betrunkenen Nachbarn amüsiert, der sich zu uns setzte, und jetzt nicht mehr nur mich, sondern auch Bibi liebt.
Chrissie kam ihren Hund wieder abholen und nun haben Kater und ich die Wohnung wieder für uns. Abgesehen von den 4 Möhrennasen, aber die rennen einem ja nicht ständig zwischen die Beine.
Der Zitronenkater hat mein Bett in der Nacht dann mit Waffelkrümeln bestückt. Fressen im Bett ist natürlich am tollsten, besonders wenn ich eigentlich schlafen will.
Den Mittag habe ich erst bei Mama und dann mit ihr und Schwesterherz im Garten in der Sonne verbracht. Es tat gut einfach in der Sonne zu liegen, den SWR3-Podcast „Die größten Hits und ihre Geschichten“ zu hören und sonst nichts zu tun.
Morgen steht dringend Kleiderschrank aufräumen auf dem Plan, den nach dem aus- und wieder einräumen finde ich gar nichts mehr, es ist ein einziges Chaos. Und ich muss dann auch ein wenig weiter im Schlafzimmer aufräumen, generell mal durch die Wohnung wischen und das Bad putzen. Am Dienstag will ich mit meiner Schwester für Ihre Französischprüfung lernen (ich kann es noch gar nicht glauben, dass sie schon so weit ist und in 4 Tagen ihre Fachabiturprüfungen anfangen), mittwochs steht Therapie auf dem Plan, Donnerstag ist Achtsamkeit. Meiner Meinung nach schon wieder viel zu viel für die wenigen Tage, aber es wird schon funktionieren. Momentan kämpfe ich enorm mit Reizüberflutung, alles ist unglaublich anstrengend und stresst mich. Das macht alles, vom einkaufen bis zum Therapietermin, einfach ziemlich schwer.

Ya sabrás la situación
Aquí todo está peor
Pero al menos aún respiro

Wer den Regenbogen will, muss den Regen in Kauf nehmen.

Ich liege auf Klinikbett und habe Druck. Ich überlege einige Minuten, ob ich ihn einfach weiter ansteigen lasse. Ob ich abwarte, die Anzeichen wahrnehme, die mir zeigen, dass es immer mehr und mehr wird. Bis es zu viel ist. Bis ich schneide. Ich liege auf dem Bett und will eigentlich genau das. Hochspannung. Und dann schneiden.
Stattdessen bewege ich mich nach einigen Minuten zum Schwesternsitz und Schwester Tina schmiert mir einen Haufen Finalgon direkt aufs Handgelenk.

Der Abend war toll. Ich habe mich mit D. in der Hauptstadt getroffen, wir waren kurz im goldenen M und sind dann los zur Konzertlocation. Kurz nach dem Einlass wurde es schon voll, spätestens bei Konzertbeginn war dann eine gewaltige Menge Menschen im Club. Die Vorband kannte ich von einigen Liedern und mag sie jetzt noch mehr. Der Hauptact war einfach toll. Im Club war es unglaublich heiß, nach kurzer Zeit war alles an mir nass. Dann noch springen und singen und hüpfen und schreien. Es tat gut und war schön. Klatschnass und erledigt bin ich schon auf dem Weg nach Hause, als K. mich fragt, ob ich vorbei kommen mag. Ich frage spontan noch N. und wir trudeln gemeinsam bei K. und S. ein. Es waren schöne Stunden dort, wir haben viel gelacht und gequatscht und getrunken.
Gegen 3 Uhr bin ich daheim, nehme meine Medis, kraule das Katerkind und kippe ins Bett. Um 7 wache ich wieder auf. Drehe mich wieder um, döse ein wenig, drehe mich nochmal um, döse wieder. Später mache ich ein wenig Ordnung. Dann beginnen die Gedanken zu kreisen. Der Abend war schön, ich stürze ab. Wie so oft. Ich schleiche um die Schublade mit den Klingen rum. Gebe den Meeris noch ein paar Stücke Gurken. Stehe wieder vor der Schublade. Öffne sie. Schließe sie wieder. Kraule den Kater. Öffne wieder die Schublade. Nehme das Päckchen in die Hand. Ich lege sie wieder weg, schließe die Schublade, mache mich fertig und gehe in die Klinik.
„Ich muss es mir ja nicht schwerer machen als es ist“ sage ich zu Pfleger Thorsten. „Da stimme ich Ihnen zu“ erwidert er.
N. besucht mich, später kriege ich doch noch eine Portion Schlaf ab. Und dann liege ich nach dem Essen eben auf dem Bett.
Mittlerweile sind 2 Stunden vergangen. An meinem Handgelenk brennt Finalgon, ich sitze im Tagesraum und schaue TV und blogge. Die Anspannung ist besser.
Ich habe meine Arme betrachtet. Mir vorgestellt, dass da noch mehr Narben sind. Noch ein wenig roter als die jetzigen. Einerseits will ich es. Ich will noch mehr Narben, noch mehr Zeichen, die mir zeigen, dass ich lebe, dass ich kämpfe. Andererseits will ich irgendwann auf meine Arme blicken können, auf weiße Narben, die nicht den Großteil meiner Haut ausmachen. Ich hänge also mal wieder zwischen zwei Gegensätzen. Zwischen gesund und krank. Zwischen Borderline und Leben. Manchmal möchte ich, dass mir jemand diese Entscheidungen abnimmt. Deswegen lag ich auch einfach nur auf dem Bett, damit die Anspannung zu groß wird und mir die Entscheidung abnimmt.
Trotzdem habe ich dann gehandelt. Weil der gesunde Teil dann doch momentan überwiegt. Und trotzdem sitze ich hier und hätte gerne einfach gewartet. Einfach geschnitten. Zwiespalt.
Ich würde gerne darüber reden. Doch ich weiß nicht, wie ich es formulieren soll. Ich weiß nicht, wie ich Worte finden soll für die Dinge, die in mir sind, für die Gedanken in meinem Kopf, für die Gefühle in mir. Vielleicht ist es auch einfach okay so. Vielleicht kommen auch noch Worte. Vielleicht ist es gerade einfach okay, dass ich eigentlich schneiden mag und es nicht tue, dass ich diese Gedanken nicht los werde. Vielleicht ist es gerade okay einfach hier zu sitzen, das Finalgon zu spüren, zu atmen. Vielleicht ist es okay einfach mal nicht okay zu sein. Und das auszuhalten ohne mich zu verletzen.

Schmerzen verlangen es gespürt zu werden.
Pain demands to be felt.

Ich muss schreiben, denn ich habe das Gefühl ich laufe über vor lauter Gefühlen. Schreiben hilft, schreiben half schon immer.
Ich klettere auf den Stuhl und hole meine Medikamentenkiste vom Schrank. Einen Moment denke ich daran, dass ich alles beenden könnte, dass es so einfach wäre. Dann schiebe ich den Gedanken beiseite und befülle meine Medikamentenbox für eine Woche, kletter auf den Stuhl und schiebe die Kiste wieder in die hinterste Ecke des Schranks.
Dann hole ich die andere, kleinere Kiste mit Medikamenten aus meinem Wohnzimmerregal. Ich nehme zwei Schmerztabletten, weil mein Kopf hämmert. Ich überlege kurz, ob ich noch eines der Zäpfchen nehmen sollte, die ich bei starken Schmerzen oder Migräne nutze. Dann denke ich daran, dass ich eigentlich nicht so viele Medikamente nehmen sollte und lege die Medikamentenschachtel wieder in die Kiste.
Ich versuche mich abzulenken. Trotz hämmerndem Kopf mache ich meine Meeris frisch.
Ich friere. Ich habe alle Heizungen aufgedreht, ich friere trotzdem.
Ich schalte den Laptop an. Mache mir walking dead an.
Ich habe Hunger, aber mir fehlt die Kraft zu kochen. Und beim Gedanken an Essen wird mir übel.
Ablenken. Ich werde gleich die Katzenklos sauber machen und dann den Müll raus tragen. Dann will ich mal meine Wohnzimmermöbel ausmessen, denn ich mag hier etwas verändern, mag die Möbel umstellen. Mal sehen ob es realisierbar ist. Einfach weiter machen. Die Zeit rum kriegen, bis Chrissie sich meldet. Mich ablenken.

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Ich trage Sunnys allererstes Halsband um mein Handgelenk. Bis der Schmerz etwas weniger wird, bis das Chaos in meinem Kopf sich legt. Bis ich mir sicher bin, dass ich es schaffe nicht mehr gegen den Schmerz anschneiden zu wollen. Danach wird es seinen Platz wieder um den Hals des Kuschelmeeris bekommen, dass Chrissie mir geschenkt hat und mich dort für den Rest meines Lebens begleiten.
Ablenken. Weiter atmen. Minute für Minute. Schritt für Schritt.
Ich kann das und ich werde es schaffen.
Und morgen werde ich nach der Achtsamkeit auf Station gehen und Schwester Nathalie erzählen, dass ich es geschafft habe nicht zu schneiden, obwohl der Wunsch danach so groß ist und der Druck mich fast wahnsinnig macht.