Der Schädel schmerzt, your heart is beating.

Mir laufen sie Tränen über das Gesicht, während ich die Meerivilla sauber mache. Ich weine und weine, denn nun ist nichts mehr da von Flocke.

Eine Woche ist vergangen seit ich sie fand. Entspannt auf der Seite liegend, die Augen halb geöffnet, wie so oft, wenn sie vor sich hin döste. Doch dieses eine Mal wacht sie nicht auf, als ich sie anstupse. Der Schmerz wurde zu einem ersticken Schrei, während ich sie an mich drücke, auf dem Boden zusammen sinke und weine, weine, weine. Bis ihr Fell nass ist von meinen Tränen. Wie so oft. Nur leckt sie mir diesmal nicht die Feuchtigkeit von den Wangen, beißt mir nicht auffordernd in den Finger.

Ich habe sie begraben, oben am Waldrand. Mich von ihr verabschiedet und sie auf ihren Weg über die Regenbogenbrücke geschickt. So viele Jahre war sie an meiner Seite, seit dem Tag, an dem sie auf die Welt kam. Sie war die letzte von Rainis Kindern, das letzte übrig gebliebene Schweinchen, dass jahrelange an meiner Seite war.

Nun ist es leerer in der Schweinevilla. Caro und Caramell sind in dem einen Jahr das sie nun bei mir leben zwar zutraulicher geworden, aber immer noch schreckhaft und nicht so lebendig wie Flocke es war. Doch seit ein paar Tagen beginnen auch sie morgens lauthals zu quietschen, wenn ich aufstehe oder kommen nach vorne gerannt, wenn ich zur Haustür rein komme.

Es wird wieder ein Schweinchen hier einziehen. Eins oder mehrere, mal sehen. Vielleicht bald, vielleicht auch erst nach dem (hoffentlich bald funktionierenden) Umzug. Es wird wieder lauter werden in der Schweinevilla und Flocke hat ihren Platz bekommen in meinem Fotorahmen. Den Platz in meinem Herzen wird sie immer behalten.

Das Katerkind ist verwirrt über meine Trauer und mein Weinen. Vor einer Woche und auch heute. Er schmiegt sich an mich und beißt mir sanft in die Arme, klettert auf meinen Schoß und schiebt seinen Kopf unter meine Hand, damit ich ihn kraule. Er gibt mir so viel Wärme und Liebe, dass mein kleines trauriges Herz manchmal überlaufen möchte vor Zuneigung zu ihm. Ich bin so unendlich froh ihn in meinem Leben zu haben, hoffentlich noch viele viele Jahre lang.

Um mich rum dreht die Welt sich weiter, während ich aktuell manchmal das Gefühl habe, dass mein Leben still steht. Es ist so viel derzeit und es fordert so viel Kraft. Die Ämtersachen, die Angst vor dem Neubeginn, der Alltag. Ich sehne mich nach der Selbstverletzung, vermisse die Zeit, in der sie da war und Halt und Kraft gab, mir half solche Phasen durchzustehen. Mir fehlt das positive daran, denn es war nicht immer schlecht, sonst hätte ich mich nicht so viele Jahre verletzt. Und mir fehlt es auch, dass diese Leichtigkeit nicht mehr da ist, mit der ich früher zur Klinge greifen konnte, denn da ist so viel negatives mittlerweile, dass die Selbstverletzung mir nie wieder so helfen würde und könnte wie früher.

Und trotzdem wünsche ich mir, dass es passiert. Ich wünsche mir einen Moment der Unachtsamkeit, einen Moment des Kontrollverlusts, einfach, weil ich mich so sehr nach der Erleichterung sehne.

Und trotzdem mache ich weiter. Skill für Skill, Tag für Tag. Ich halte durch und kämpfe und Schwester Nathalie zog vorhin ihren imaginären Hut, als ich ihr von dem derzeitigen Chaos berichte.

Auch diese Phase wird wieder vorbei gehen. Es wird wieder besser werden, denn das habe ich gelernt aus den ganzen schlimmen Phasen. Es geht vorbei. Immer. Auch wenn es sich nicht so anfühlt und alles in mir nach aufgeben schreit.

Doch statt mir selbst zu schaden sorge ich für mich so gut es geht. Ich vergrabe mich unter der Kuscheldecke, schalte netflix an und genieße die Wärme des Katerkinds, das friedlich auf mir schlummert, den Bauch voller Maus und Futter.

Und das ist ernst gemeint: Es geht bis zum Ende weiter!
Keinen kümmerts was, aber es hält was es verspricht.

This. Is. Worth. Fighting for.

Seit gestern nehme ich wieder meine „normale“ Dosis Medis. Und bisher ist es in Ordnung. Die Übelkeit ist nicht mehr oder weniger geworden, sie hält sich nun seit 1 ½ Wochen auf einem konstanten Level. Es strengt an, weil Übelkeit immer noch triggert, aber ich habe in den letzten Tagen gelernt halbwegs damit umzugehen, weil ich weiß, dass die Medis grade dieses Chaos veranstalten. Ich schlafe trotz allem gut, in der Nacht bei Muddi und in den Nächten bei A. und auch in den zwei Nächten bisher zuhause. Zwar viel, aber gut, daheim ab und an mal unterbrochen durch ein paar Sekunden aufwachen, weil das Katerkind über mich tapst oder mir laut ins Ohr schnurrt.

Und ich wache auch tatsächlich morgens auf wenn ich muss, zwar knatschig und zerknautscht und muffig, aber ich wache auf. So bin ich am Montag schon vor 8 Uhr unterwegs zur Klinik um mich von I. zu verabschieden, die nicht in Deutschland lebt und nur alle 3 Monate mal hier ist wegen Klinik. Gestern bin ich schon früh unterwegs, weil meine Gefühle mich an den Rand der Explosion bringen und ich gegensteuern muss, also ziehe ich über die Felder und bringe den Schweinchen Maisblätter mit.

Und heute purzel ich auch vor 8 aus dem Bett, weil ich zur arge muss. Ich hoffe, dass ich die unzähligen Unterlagen habe (bis auf die Vermieterbescheinigung, dafür brauche ich ein Formular, dass sie mir natürlich nicht mitgegeben haben…), ich hoffe, dass ich einen netten Menschen erwische, ich hoffe, dass ich nicht weiter geschickt werde, weil ich momentan keine Arbeit suche. Und ich hoffe, dass es nicht ewig dauert, denn ich muss weiter zur Therapie in die Hauptstadt.

Ich weiß gar nicht, auf welchem Stand meine Therapeutin ist. Sie war in Urlaub und wie immer, wenn zwischen den Stunden bei ihr eine längere Pause entsteht, passiert irgendwas. Meine Welt geht unter oder ich lande mal wieder in der Klapse oder oder oder. Irgendwas passiert immer und vielleicht sollte ich ihr einfach verbieten länger als 2 Wochen weg zu sein, weil die Termine mein Rahmen sind und ohne Rahmen alles aus dem Bild kippt.

Seit so vielen Jahren gehe ich nun zu ihr und sie kennt mich manchmal besser als ich mich selber. Ich weiß nicht, ob ich ansprechen soll, dass momentan so vieles in mir danach drängt nicht in der Realität zu sein. Aber nicht, weil ich vor der Realität fliehen möchte (doch, eigentlich schon, aber das ist wieder eine andere Baustelle), sondern dass ich diese Momente genieße in denen ich dann wieder in der Realität ankomme, diese Momente in denen ich sicher weiß, dass ich da bin und existiere und lebe. Das Gegenteil von weg eben, das Gegenteil von betrunken, einfach hier und lebendig. Es ist eine Flucht in Möglichkeiten mich lebendig zu fühlen ohne Selbstverletzung. Aber nicht besser oder schlechter, sondern genau so ein Problemverhalten wie mich zu verletzen.

Ich habe mit Schwester Sabine am Telefon gesprochen, weil ich weiß, dass sie es versteht. Sie oder Nathalie. Sie war da und ich war froh darüber. Skills sagt sie. Wie bei Anspannung, wie bei Selbstverletzung, wenn der Wunsch auftaucht nicht mehr in der Realität zu sein, um sie danach nur intensiver zu spüren.

Noch habe ich es unter Kontrolle. Noch. Ich bemühe mich nicht zu fliehen wenn es grade schwierig ist, sondern nur in den guten Momenten mal ein wenig Kontrollverlust zu genießen. Denn sonst wird es ganz schnell zum Ersatz der Selbstverletzung.

Das ganze zeigt mir, dass etwas fehlt. Dass ich Dinge brauche um mich lebendig zu fühlen, mich zu spüren. In der dbt-Stadt stand ich im Regen. Nass bis auf die Unterwäsche, die dicken Tropfen auf meiner Haut, die Kälte langsam in meinem Körper. Es gibt ein Bild davon und dieses Bild fängt genau das ein, was ich unter lebendig verstehe. Dieser Moment, in dem ich einfach nur da war, atmend, lebendig, da. Einfach da.

Nur kann ich eben nicht ständig im Regen stehen, erstens weil das Wetter mich da im Stich lässt, zweitens würde es irgendwann wohl die Wirkung verlieren, drittens brauche ich einfach etwas zuverlässiges, etwas, dass jederzeit verfügbar ist. Oder hat jemand eine Regenwolke zum mitnehmen im Angebot?

Also geht es in den nächsten Tagen wohl darum Dinge zu finden, die mich lebendig sein lassen. Raus aus dieser Watte, in der ich gefühlt seit Wochen klebe, die meine Realität unwirklich werden lässt. Spüren, mich und das Leben. Das wird das Ziel.

You’ve had enough… But just don’t give up… Stick to your guns, You. Are. Worth. Fighting for. You know we’ve all got battle scars. Keep marching on.

Neuer Weg 

Wieder hier anzukommen fiel mir ein wenig schwer. Da sind die Haare meines Katers auf meinem Pulli und ein paar Meerihaare, ich sitze über 200 Kilometer entfernt von ihnen und habe furchtbar Sehnsucht. Aber es war dann irgendwann okay. Gestern mit D. ein wenig unterwegs zu sein war schön und hat mich abgelenkt, auch wenn ich mich seit gestern sehr zombiemäßig fühle. Ich werde (wieder krank). Vermutlich durch die Klimaanlage im Bus. Auch heute war es wieder heftig. Mittags bin ich total abgestürzt, inklusive unglaublichem Selbstverletzungsdruck, weil mein Körper nicht tut was er soll, weil alles schmerzt, weil ich genervt bin von mir und allem, weil einfach bäh. Ich habe dann zwischen Einzelgespräch und Achtsamkeit einfach geschlafen, war noch kurz einkaufen als ich wach wurde (Erkältungsbad, Schokolade, Schokolade, Schokolade und Schokolade, und ein wenig Zeug für aufs Brot, so zur Abwechslung). Nach dem Schlafen war es auf jeden Fall besser. Sowohl körperlich, als auch psychisch. 

Am Donnerstag steht meine Teamvorstellung an. Ich muss meine Kurz-VA vorstellen (Panik!) und meine Therapieziele (Panik!). Wobei ich die Kurz-VA als schlimmer empfinde. Ich kann erzählen was passiert ist, gar kein so sonderlich großes Thema. Aber meine innersten Gefühle, Gedanken und die Glaubenssätze, die mich mein Leben lang schon begleiten, vor anderen preisgeben… Vor vielen Menschen preisgeben… Vor vielen Menschen preisgeben, von denen nur ein oder zwei so weit mein Vertrauen genießen, dass ich es ihnen mehr oder weniger ohne Probleme erzählen könnte… Ich habe Panik. Ich fühle mich furchtbar bei dem Gedanken. 

Dann komme ich aber endlich in Stufe 2. Zusammen mit F., die einen Tag nach mir kam, nächste Woche folgt dann noch eine Mitpatientin, sodass wir in den meisten Gruppen dann zu fünft, in einer immerhin zu dritt sein werden. 

Ich bin froh, wenn der Donnerstagmorgen vorbei ist. Wenn ich das hinter mir habe und den Raum verlassen kann. Wenn ich nicht mehr so vielen Menschen so furchtbar intime Dinge erzählen muss. 

Heute schon meinte die Psychologin, dass ich überlegen soll was ich mir dann gönne. Und genau das ist ja ein schweres Thema. Manchmal funktioniert es. Und manchmal überhaupt nicht. Dann schaffe ich es noch nicht mal genügend zu essen und zu trinken um für mich zu sorgen. Und nun soll ich auf mich achten wegen der Erkältung, soll mir überlegen, mit was ich mich dann belohne. 

Auch gestern mit D. habe ich darüber geredet. Dass es sich merkwürdig anfühlt sich für etwas zu belohnen, dass eigentlich für den Rest der Menschheit selbstverständlich ist. Selbstfürsorge. Sich nicht verletzen. Einen Tag überleben. Es ist einfach merkwürdig und zeigt auch wieder, wie schwer es einfach ist so ein psychisches Päckchen mit sich rum zu tragen. 

Und so kämpfe ich mich nun eben grade ziemlich durch. Manchmal mag ich am liebsten in alte Verhaltensweisen und Muster zurückfallen, aber ich habe mich ja entschieden einen anderen Weg zu gehen. Einen neuen Weg.