Worte zerstören mehr als Taten

In den letzten Wochen kommt es immer häufiger vor, dass plötzlich seine Worte in meinen Kopf hallen. Wenn ich durch die Stadt gehe, wenn ich im Zug unterwegs bin, wenn ich in einer Vorlesung sitze.

Ohne konkreten Trigger, sie sind einfach plötzlich da. Sie dröhnen in meinem Kopf, so unglaublich laut, wiederholen sich immer und immer wieder. Worte, die tief in mir verwurzelt sind, die durch die Jahre zu einer Gewissheit wurden, zu Wahrheit, zu Realität. Aber auch Worte, die ich aus meinen Erinnerungen verbannt habe, an Stellen, aus denen sie plötzlich hervor schießen und sich nicht mehr vergraben lassen.

Du bist nichts wert.

Aus dir wird nie etwas werden.

Du wirst nur Bäckereifachverkäuferin oder Putzfrau bei McDonalds.

Du bist eine Schlampe.

Du bist genauso gestört wie deine Mutter.

Du hast niemanden außer mir. Niemand will dich.

Wenn du weg gehst bist du ganz allein. Du hast niemanden.

Du bist Schuld, dass ich dich geschlagen habe.

XY ist so ein liebes und hübsches Mädchen. Die Eltern haben bestimmt keinen Ärger mit ihr. Nimm dir ein Beispiel.

In deinem Alter hat man keine Probleme. Ich habe wirkliche Probleme, deine sind lächerlich.

Du bist ganz schön fett.

Worte, die ich so oft gehört habe. Neben den Situationen, die mir nie wieder aus dem Kopf gehen werden.

Sommer, durch die offene Terrassentür kommen Fliegen in die Wohnung. Ich verscheuche welche. Fliegen fliegen eben immer zu Scheiße. sagt er.

Die erste Englischarbeit in der fünften Klasse. Wie er da sitzt und mich abwechselnd auslacht und beschimpft. Wie dumm kann man sein das Wort falsch zu schreiben.

Wie er reagiert, als er erfährt, dass meine Mutter wieder schwanger ist. Deine Mutter hat ein neues Kind. Sie braucht dich nicht mehr.

Als ich ein Bild für einen Malwettbewerb malen soll in der Grundschule. Dir muss doch klar sein, dass man die Striche nicht in eine Richtung macht, da sieht man ja die einzelnen Striche. Das sieht scheiße aus! Du bist zu nichts zu gebrauchen.

So viele Momente, in denen er mich mehr verletzt hat, als die körperliche Gewalt es jemals konnte. Worte, die über 14 Jahre mein Selbstbewusstsein zerfressen haben, die auch heute noch mein Bild von mir selbst bestimmen.

Mord, Selbsthass und nasse Tiere 

Projekt Massenmord, Stufe 1.

Ich habe meine Meerchen in ein Körbchen gesetzt, das Streu in die Tonne geworfen, den Kater und die Meerchen ins Schlafzimmer gesteckt, das Meerizuhause nochmal extra mit Zeug eingesprüht, alles essbare im Kühlschrank in Sicherheit gebracht und die erste Flohbombe gezündet. Ich habe mich mit meinen Tieren (und vermutlich auch einer Horde Flöhe) im Schlafzimmer niedergelassen. Zwei Stunden soll man das Zeug einwirken lassen und dann gut lüften.

Stufe 2.

Sobald ich die Türe zum Wohnzimmer öffne büchst der Herr Kater aus. Also muss er als erstes der Tiere dran glauben. Ich schnappe ihn und trage ihn ins Bad, schließe die Türe und klemme ihn mir zwischen die Beine. Immer und immer wieder muss ich ihn einfangen, er ist verständlicherweise nicht begeistert über die Prozedur. Schließlich ist er komplett eingesprüht und nass und er darf in die Küche flüchten. Dann sind die Meeris dran. Flocke lässt es relativ gelassen über sich ergehen, Caro protestiert ziemlich und Caramell schreit, als ob ich sie bei lebendigem Leib braten würde. Doch auch das ist dann geschafft und die drei dürfen in ihr frisches Zuhause. 

Stufe 3. 

Es folgt das Schlafzimmer. Ich sprühe die Matratzen nochmal extra ein und zünde dann die zweite Flohbombe. Das Schlafzimmer nicht nutzen zu können ist nicht halb so dramatisch wie das Wohnzimmer, denn so kann ich immerhin aufs Klo und der Kater hat auch mehr Platz. Und der Kühlschrank ist auch erreichbar. 

Stufe 4. 

Nun folgt der übrige Kram. Die verbliebene Wäsche bei 60° waschen, die momentan noch in Tüten verpackt hier rum steht. Und sie aufhängen und irgendwie trocken kriegen. Und aufräumen und durchputzen. Ich hoffe, dass das ganze Geflöhe nun das Zeitliche gesegnet hat. Nochmal will ich dieses ganze Drama nicht mitmachen. 

Ansonsten ist es halbwegs okay. Ich war einkaufen und habe eine Portion Sushi gefuttert, heute morgen sogar gefrühstückt. Ich war halbwegs fleißig in meiner Wohnung, habe hoffentlich mein Flohproblem gelöst. 

Und als ich auf das Datum blicke fange ich an zu heulen. Ich weine und weine und kann nicht mehr aufhören. Heute Abend, heute Nacht vor einem Jahr… Am nächsten Tag habe ich den Hundemann zusammen mit Chrissie und D. beerdigt. Mein kleiner Sunnybär, mein süßer Hundemann, ein Jahr ist nun schon vergangen und ich vermisse ihn immer noch wie am ersten Tag. Seit diesem Tag ist Chrissie nicht mehr dieselbe. Bis heute hat sie nicht verkraftet, dass er nicht mehr da ist. Und auch für mich ist es schwer, denn einerseits vermisse ich ihn furchtbar, andererseits leide ich mit Chrissie mit, weil sie einfach nicht mehr aus dem Loch kommt seither. 

Jeden Abend denke ich, dass ich eigentlich mehr hätte tun müssen am Tag. Produktiver sein, mehr leisten, dieses und jenes noch tun. Dann beginnt automatisch der Selbsthass. Mittlerweile schaffe ich es den Kreislauf zu zerbrechen, zumindest meistens. Ich drehe mich nicht mehr stundenlang im Kreis, von Selbsthass zu Selbsthass zu Selbsthass zu Selbstverletzungsdruck zu Suizidgedanken zu noch mehr Selbsthass zu noch mehr Suizidgedanken. Es bleibt beim Selbsthass und den Gedanken und dem Druck. Manchmal verschwindet auch alles, wenn mir klar wird, dass es nur der Selbsthass ist. 

Vielleicht schaffe ich heute Abend wenigstens noch ein paar kleine Dinge. Ein wenig aufräumen, noch etwas essen, den Kater kraulen, denn der ist immer noch ein wenig beleidigt mit mir. 

Hinfallen – aufstehen – Krönchen richten – weiter machen 

Ich zerpflücke mich mal wieder selbst. Weil ich heute nicht so produktiv war wie gewollt. Weil ich so viel von mir erwarte und mich das ärgert und ich mich dann ärgere, dass ich mich ärgere. Weil ich dabei bin das alles zu ändern, aber es einfach nicht von jetzt auf gleich funktioniert. 

Geduld. Kleine Schritte. Ich weiß es eigentlich und trotzdem kotzt es mich an. Seit so vielen Jahren kämpfe ich. Ich habe einfach keine Geduld mehr in manchen Momenten. „Mit dem Kopf durch die Wand. Das Gegenteil von innerer Bereitschaft.“ Die Worte meiner Bezugspflegerin hallen in meinem Kopf. 

Ich weiß es. Ich weiß, dass sich nicht alles von heute auf morgen ändert. Ich weiß es und genau deswegen ärgert es mich, dass ich trotzdem einfach nicht geduldig sein kann. Und dann ärgere ich mich wieder, weil ich mich ärgere. 

Es ist anstrengend. Ich habe Druck. Ich habe Suizidgedanken. Und ich schaffe es das ganze durch die Wut auf mich selbst und den dadurch entstehenden Selbsthass immer weiter zu steigern. Trotz Skills. Trotz Ablenkung. Ich komme nicht raus aus der Spirale. 

Irgendwann schreibe ich in unseren Chat. Puff fragt, ob wir telefonieren wollen. Das lenkt mich ab, hilft mir. Währenddessen hänge ich meine Magnetwörter, die Schwesterherz mir zu Weihnachten geschenkt hat, an den Kühlschrank, nachdem ich die beiden Türen ordentlich abgewischt habe. Danach ist es ein wenig besser. Ich versuche mir zu sagen, dass ich heute doch wenigstens einige kleine Dinge geschafft habe. Einkaufen gehen. Meinen Kühlschrank aufräumen und auswischen. Ein wenig den Küchentisch aufräumen. Durchlüften. Kleine Dinge, wenn man bedenkt was ich eigentlich alles noch tun müsste. Aber immerhin. Erfolge sehen anstatt mich selbst zu zerpflücken. 

Es ist anstrengend heute. Furchtbar anstrengend produktiv zu sein. Ich muss an die Entscheidung für den neuen Weg denken. Es ist eine Entscheidung, die man immer und immer und immer wieder treffen muss, das sagte meine Bezugspflegerin damals, als sie mit mir darüber redete. Und das spüre ich gerade deutlich. In jedem Moment muss ich mich momentan entscheiden, ob ich den alten oder den neuen Weg gehen will. Also versuche ich aufzuhören mich selbst zu zerpflücken, zu hassen. Entgegengesetzt handeln. Ganz entgegengesetzt funktioniert es bei Selbsthass nicht, aber es funktioniert eine Art Waffenstillstand mit mir selbst auszuhandeln. Zu akzeptieren, dass es gerade einfach ist wie es ist. Den Körper entspannen. Mir zumindest nicht weiter schaden. 

Also atme ich weiter ein und aus. Minute für Minute. Kraule das schlafende Katerkind. Schaue TV. Schreibe mir einen Plan für die nächsten Tage, unterteilt in kleine und machbare Häppchen. 

Große Probleme macht mir das Thema Essen. Als ob nicht genug anstrengend wäre. Aber ohne Appetit und ohne Hungergefühl fällt es einfach unglaublich schwer. Über Weihnachten ging es. Da gab es eben Essen. Zuhause wäre auch etwas zu essen da, aber ich müsste es machen. Und da ich keinen Appetit habe bin ich auch planlos, was ich mir nun machen soll. 

Also werde ich mir dafür wohl auch einen Plan machen müssen. Jeden Tag wenigstens zwei Mal essen. Kochen, denn das tut mir gut. 

Neuer Weg. Minute für Minute, Schritt für Schritt, Skill für Skill. 

Ich weiß, dass ich es schaffen kann. Auch wenn es gerade einfach so furchtbar schwer ist. Auch wenn so vieles gerade unglaublich anstrengend ist und ein Teil von mir nur nach Selbstzerstörung schreit. 

Manchmal frage ich mich wirklich, woher ich die Kraft und den Mut nehme immer wieder aufzustehen und weiter zu machen. Hoffentlich ist es morgen einfach nur besser.