Schwarz und Weiß.

Gestern zeigt mir timehop ein Foto meines Plans vom ersten Semester. Ein Wischen weiter taucht der Therapieplan aus der dbt auf, genau ein Jahr älter als der Plan vom ersten Semester. Krasser könnte der Unterschied wohl kaum sein. Und irgendwie ist es absurd, dass zwischen diesen zwei Bildern wirklich nur ein Jahr liegt und schon wieder ein Jahr vergangen ist. Seit einem Jahr bin ich nicht mehr „hauptberuflich krank“. Noch vor 2 Jahren habe ich mitten in der dbt gesteckt, voller Zweifel und zwar mit dem Wunsch etwas zu tun, wieder in irgend einer Art und Weise nicht mehr krank zu sein. Doch dass ich schon im Jahr drauf in Vorlesungen sitzen werde, fast täglich aus dem Haus gehe, mein Leben (meist) auf die Reihe kriege, das war nicht vorstellbar.

Es zeigt mir, dass ich viel geschafft habe in dieser Zeit. Ich habe mich nun über 2 ½ Jahre nicht verletzt, habe seit über einem Jahr keine stationäre Krisenintervention mehr gebraucht, ich nehme weniger Medis, ich studiere im dritten Semester.

Auf der anderen Seite fühlt es sich besonders heute nicht so an. Es fühlt sich nach Versagen und Hoffnungslosigkeit an. Seit zwei Tagen habe ich wieder Vorlesungen und Seminare und bin jetzt schon so genervt, dass ich gefühlt 3 Wochen Freizeit brauche. Ich bin dauerhaft angespannt (zwar anders als früher, aus Anspannung folgt nicht mehr direkt Selbstverletzungsdruck, aber dennoch ist sie da). Ich habe das Gefühl bei dem nächsten doofen Kommentar von Kommilitonen, bei der nächsten unsinnigen Regelung eines Dozenten, bei der nächsten Mail, das dies und das und jenes ausfällt oder verschoben wird, einfach zu explodieren. Es strengt an, weil ich permanent dabei bin nicht die Beherrschung zu verlieren. Und ich weiß noch nicht mal wieso. Ich weiß nicht was mich derzeit auf ein so hohes Level bringt.

Vielleicht ist es das Gefühl aktuell zu versagen. Meine Wohnung ist ein Chaos, nicht zuletzt weil der Abbau meines alten Kleiderschrank und der Aufbau des neuen einfach Chaos im Schlafzimmer hinterlassen haben und es auch vorher nicht ordentlich war. Ich habe das Gefühl gegenüber meiner Freundin zu versagen, weil sie dann spült oder die Wäsche macht, bevor ich nach Hause komme. Weil ich ihr so gern einfach ein ordentliches und hübsches Zuhause geben würde, aber mir die Kraft fehlt aktuell etwas zu tun. Vielleicht weil meine Erwartungen an mich selbst einfach zu hoch sind. Weil ich gerne einfach gesund wäre, wie so viele meiner Kommilitonen einfach studieren und danach nach Hause kommen, den Haushalt erledigen und Zeit mit dem Partner verbringen. Weil die Antriebslosigkeit und die Nachwirkungen der Erkältung und das daraus resultierende Chaos zeigt, dass ich eben nicht gesund bin. Dass ich zwar das Studieren hin kriege, aber das Drumherum aktuell nicht. Weil es eben nichts gibt zwischen schwarz und weiß, zwischen gesund und krank, zwischen „ich kann das alles“ und „ich kann nix“.

Es ist ein grausames Gefühl, dieses Festhängen zwischen dem Wissen, dass ich so viel erreicht habe und stolz sein kann und dem Gefühl völlig zu versagen.

Mord, Selbsthass und nasse Tiere 

Projekt Massenmord, Stufe 1.

Ich habe meine Meerchen in ein Körbchen gesetzt, das Streu in die Tonne geworfen, den Kater und die Meerchen ins Schlafzimmer gesteckt, das Meerizuhause nochmal extra mit Zeug eingesprüht, alles essbare im Kühlschrank in Sicherheit gebracht und die erste Flohbombe gezündet. Ich habe mich mit meinen Tieren (und vermutlich auch einer Horde Flöhe) im Schlafzimmer niedergelassen. Zwei Stunden soll man das Zeug einwirken lassen und dann gut lüften.

Stufe 2.

Sobald ich die Türe zum Wohnzimmer öffne büchst der Herr Kater aus. Also muss er als erstes der Tiere dran glauben. Ich schnappe ihn und trage ihn ins Bad, schließe die Türe und klemme ihn mir zwischen die Beine. Immer und immer wieder muss ich ihn einfangen, er ist verständlicherweise nicht begeistert über die Prozedur. Schließlich ist er komplett eingesprüht und nass und er darf in die Küche flüchten. Dann sind die Meeris dran. Flocke lässt es relativ gelassen über sich ergehen, Caro protestiert ziemlich und Caramell schreit, als ob ich sie bei lebendigem Leib braten würde. Doch auch das ist dann geschafft und die drei dürfen in ihr frisches Zuhause. 

Stufe 3. 

Es folgt das Schlafzimmer. Ich sprühe die Matratzen nochmal extra ein und zünde dann die zweite Flohbombe. Das Schlafzimmer nicht nutzen zu können ist nicht halb so dramatisch wie das Wohnzimmer, denn so kann ich immerhin aufs Klo und der Kater hat auch mehr Platz. Und der Kühlschrank ist auch erreichbar. 

Stufe 4. 

Nun folgt der übrige Kram. Die verbliebene Wäsche bei 60° waschen, die momentan noch in Tüten verpackt hier rum steht. Und sie aufhängen und irgendwie trocken kriegen. Und aufräumen und durchputzen. Ich hoffe, dass das ganze Geflöhe nun das Zeitliche gesegnet hat. Nochmal will ich dieses ganze Drama nicht mitmachen. 

Ansonsten ist es halbwegs okay. Ich war einkaufen und habe eine Portion Sushi gefuttert, heute morgen sogar gefrühstückt. Ich war halbwegs fleißig in meiner Wohnung, habe hoffentlich mein Flohproblem gelöst. 

Und als ich auf das Datum blicke fange ich an zu heulen. Ich weine und weine und kann nicht mehr aufhören. Heute Abend, heute Nacht vor einem Jahr… Am nächsten Tag habe ich den Hundemann zusammen mit Chrissie und D. beerdigt. Mein kleiner Sunnybär, mein süßer Hundemann, ein Jahr ist nun schon vergangen und ich vermisse ihn immer noch wie am ersten Tag. Seit diesem Tag ist Chrissie nicht mehr dieselbe. Bis heute hat sie nicht verkraftet, dass er nicht mehr da ist. Und auch für mich ist es schwer, denn einerseits vermisse ich ihn furchtbar, andererseits leide ich mit Chrissie mit, weil sie einfach nicht mehr aus dem Loch kommt seither. 

Jeden Abend denke ich, dass ich eigentlich mehr hätte tun müssen am Tag. Produktiver sein, mehr leisten, dieses und jenes noch tun. Dann beginnt automatisch der Selbsthass. Mittlerweile schaffe ich es den Kreislauf zu zerbrechen, zumindest meistens. Ich drehe mich nicht mehr stundenlang im Kreis, von Selbsthass zu Selbsthass zu Selbsthass zu Selbstverletzungsdruck zu Suizidgedanken zu noch mehr Selbsthass zu noch mehr Suizidgedanken. Es bleibt beim Selbsthass und den Gedanken und dem Druck. Manchmal verschwindet auch alles, wenn mir klar wird, dass es nur der Selbsthass ist. 

Vielleicht schaffe ich heute Abend wenigstens noch ein paar kleine Dinge. Ein wenig aufräumen, noch etwas essen, den Kater kraulen, denn der ist immer noch ein wenig beleidigt mit mir.