Skills

„Duuuuuu? Zitrone? Was sind eigentlich Skills?“ wurde ich in letzter Zeit oft gefragt. Und ich glaube, dass ich darüber tatsächlich noch nie einen ganzen Beitrag geschrieben habe, also ist es vielleicht mal an der Zeit dafür.

Ein Skill ist übersetzt eine Fähigkeit. Die Zocker kennen den Begriff sicherlich, denn auch viele Spiele erfordern gewisse Skills und man gewinnt mit dem Spielfortschritts immer mehr hinzu und kann vorhandene Skills verbessern.

Im Zusammenhang mit Borderline ist ein Skill eine Möglichkeit besser mit bestimmten Situationen klar zu kommen, meistens geht es um die Regulierung von Anspannung und Emotionen. Wichtig dabei ist, dass ein Skill kurzfristig hilft und langfristig nicht schadet. Selbstverletzung hilft beispielsweise kurzfristig, schadet aber langfristig, ist also kein Skill. Skills nutzt eigentlich jeder Mensch. Ob es nun ein entspannendes Bad nach einem stressigen Tag, eine Tasse Kaffee um besser in den Tag zu starten oder mit der besten Freundin quatschen ist. Jeder Mensch tut Dinge, damit es ihm besser geht, er sich besser fühlt, und das oftmals völlig unbewusst.

Mit Problemen bei der Emotionsregulation oder Impulsivität müssen solche Dinge aber bewusst eingesetzt werden und grade solche Dinge, die einem gut tun, müssen Borderliner oft erstmal lernen. Was also bei „normalen“ Menschen größtenteils automatisch und unbewusst abläuft, ist für Menschen mit Borderline ein harter Kampf.

Die Möglichkeiten an Skills sind quasi unbegrenzt und dabei nicht auf Dinge beschränkt. Weil es sonst den Rahmen sprengen würde beziehe ich mich hier hauptsächlich auf die Skills zur Anspannungsregulation und auf meine eigenen Erfahrungen. Eine Liste mit Skills findet man dank Internet heutzutage sehr einfach, da muss ich nicht eine weitere hinzufügen.

Im Bereich der unteren Anspannung muss ich eigentlich wenig tun. Da geht es hauptsächlich darum dieses Level zu halten, also alles zu tun, was mir auch gut tut. Lesen, mit Freunden etwas unternehmen, die Tierchen bekuscheln, all solche Dinge.

Wenn die Anspannung steigt geht es gezielter darum sie zu regulieren oder mich abzulenken. Ablenken funktioniert mit den verschiedensten Mitteln und Wegen. Serien, Puzzle, lesen, basteln, chatten, telefonieren, die Palette kann man endlos fortsetzen. Um die Anspannung in diesem Bereich zu halten oder sogar runter zu bekommen hilft es mir meinen Akupressurball zu „kneten“, raus zu gehen, mir Musik auf die Ohren zu knallen oder auch herauszufinden, was gerade eigentlich los ist. In der dbt habe ich gelernt beispielsweise ein Gefühlsprotokoll zu schreiben, um die Gefühle einzuordnen und zu entscheiden, wie ich gerade handeln sollte.

Interessant wird es im Bereich der hohen oder extrem hohen Anspannung. Bei hoher Anspannung helfen mir meistens nur starke Reize. Heiß oder kalt duschen, Eiswürfel, Finalgon. Im extrem hohen Bereich kann ich selbst nicht mehr klar denken und habe daher eine „Skillskette“, die automatisch abläuft mittlerweile. An erster Stelle steht der diving skill. To dive heißt übersetzt tauchen und quasi genau das tut man auch, allerdings nur mit dem Kopf. Am besten in richtig kaltes Wasser. Das ganze löst eine Körperreaktion aus, die automatisch die Anspannung runter fährt, den Tauchreflex. Der Körper fährt alle nicht unbedingt lebenswichtigen Tätigkeiten runter, denn man ist ja unter Wasser und könnte sterben, wenn man nun den Sauerstoff für so langweilige und sinnlose Dinge wie Anspannung vertut. Einfach aber effektiv.

Da man leider nicht jederzeit ein Waschbecken oder eine Plastikwanne mit Wasser dabei hat habe ich unterwegs Ammoniak dabei. Einmal unter die Nase und man hat eigentlich ganz andere Probleme als die Anspannung und kriegt es im besten Fall hin wieder denken und handeln zu können.

Im Anschluss folgt bei mir laute Musik auf die Ohren und raus. Eine Runde drehen, ein paar Mal um den Blog, bewegen, runter kommen. Meistens bin ich dann so weit unten, dass ich entweder rauskriegen kann was gerade nun los ist oder das skillen eben weiter geht. Zum Beispiel mit Finalgon, eine Salbe, die heiß wird und mir quasi irgendwie den Schmerz ersetzt, den die Selbstverletzung sonst brachte.

So sieht der Idealfall aus. Natürlich ist nicht in jeder Situation alles möglich, aber mit der Zeit lernt man sich anzupassen und zu variieren. Und genau so gibt es Situationen, in denen skillen völlig sinnlos ist bei mir, beispielsweise weil gerade akute Suizidalität im Vordergrund ist oder ich weiß, dass ich die Anspannung nicht runter regulieren kann. Im Ernstfall ist dann Bedarfsmedikamentation angesagt, wenn ich mich ausknocke habe ich auch keine Anspannung.

In meiner Skillstasche finden sich Skills für alle möglichen Situationen und Fälle. Igel- und Akupressurbälle, intelligente Knete und sonstiger Kram um die Hände zu beschäftigen, Sudoku und Rätsel zur Ablenkung, aber auch Kärtchen mit Sprüchen von Schwester Nathalie, Lavendel weil der Geruch mir gut tut und mich beruhigt, Tigerbalm, extrem saure Bonbons…

Mittlerweile nutze ich oft auch Skills, die nicht an Sachen gebunden sind. Zum Beispiel die zwischenmenschlichen Fertigkeiten, wie um etwas bitten, zum Beispiel einen Freund vorbei zu kommen oder anzurufen oder auch ein kurzfristiger Termin bei der Therapeutin.

Auch vorbeugende Dinge sind Skills. Regelmäßig essen, genug schlafen, genug trinken, sich ausreichend bewegen.

Einen Skill zu erklären ist also ein endloses Thema. Und „den Skill“ gibt es nicht, denn jeder muss für sich selbst herausfinden, was einem hilft. So kann ich beispielsweise mit allem was über den Geschmackssinn geht nichts anfangen, außer mit sauren Bonbons. Es hilft mir persönlich auch nicht mir rote Striche auf den Arm zu malen um quasi etwas sichtbares zu haben. Die Erfahrungen anderer Menschen helfen mir sehr und haben mir auch schon sehr geholfen, aber seine eigenen Skills muss jeder selbst finden.

Wichtig ist dabei nur auch zu sehen, dass es nicht nur um den Hochspannungsbereich geht. Denn eigentlich ist es in den anderen Bereichen viel wichtiger, um langfristig überhaupt nicht mehr in die Hochspannung zu kommen.

Skills muss man ausprobieren und üben. Und zwar nicht erst wenn die Anspannung hoch ist, sondern im normalen Bereich. Die Feuerwehr übt ja schließlich auch nicht erst wenn’s brennt.

Der Therapeut wollte, dass ich meine DBT-Unterlagen mitbringe, also knalle ich ihm gestern einen dicken Ordner auf den Tisch. Er ist beeindruckt, denn er kennt zwar das DBT-Konzept aus einer anderen Klinik, aber so detailliert und so intensiv machen sie es dort nicht. „Nun verstehe ich, warum sie da nicht hin wollten.“ meint er schmunzelnd. Wir besprechen die Dinge, die ich immer noch einsetze und die mir helfen. Und das sind ganz schön viele, eigentlich dachte ich mir in den letzten Tagen, dass ich mal mehr der Inhalte wieder nutzen sollte. 

Er fragt nach den traumatischen Erlebnissen. Welche davon am meisten präsent sind, welche am stärksten immer wieder hoch kommen. Bis zur nächsten Stunde soll ich die Situationen mit einer Überschrift benennen, wie in der Zeitung. Vielleicht hätte ich fragen sollen, ob er nun Bild-Schlagzeilen oder Zeit-Überschriften meint.

Ich unterhalte mich nach der Stabilisierungsgruppe noch mit zwei Mitpatientinnen. Beide sind auch in der Traumagruppe und außerdem auch in meinem Team. Ich mag sie und von den wenigen Dingen, die ich bisher erfahren habe, kann ich ahnen, dass wir ähnliche Dinge mit uns herumschleppen. 

Viel steht gestern nicht auf meinem Plan, ich habe in der Zwischenzeit 3 Stunden frei. Die Zeit nutze ich um einen Teil des Fragebogens auszufüllen, den ich bekommen habe. Zwischendurch muss ich Mama anrufen, denn ich weiß beim besten Willen nicht, wann ich anfing zu laufen (mit 9 Monaten, ich hatte es wohl eilig!) oder zu sprechen (mein erstes Wort beglückte mit 10 Monaten die Welt, seitdem habe ich nicht mehr aufgehört). Die anderen Fragen sind teilweise leicht (welche Probleme haben sie derzeit, wo haben sie gearbeitet, welche Schulen haben sie besucht) und schwer (nennen Sie typische Eigenschaften Ihrer Eltern, wie war die Atmosphäre im Haushalt der Eltern, während sie aufwuchsen, welche Werte wurden Ihnen vermittelt) zu beantworten. Vor allem die Eigenschaften und die Werte machen mir zu schaffen. Alle Werte, die ich von meinem Vater gelernt habe, habe ich entweder sehr schmerzhaft gelernt oder entwickelt, weil er ein Negativbeispiel war. Schöne Scheiße. Mit diesen Fragen werde ich mich wohl noch ein wenig länger auseinandersetzen müssen um sie zu beantworten. 

In der Stabilisierungsgruppe bin ich teilweise kurz davor einer Mitpatientin meinen Ball an den Kopf zu werfen. Sämtliche Skills und Fertigkeiten, die sie nutzt, nennt sie auf dem Hintergrund der Selbstschädigung. Sie nutzt dies und jenes, aber solange bis sie davon Schaden davon trägt. Ich nehme dem Therapeuten die Worte vorne weg, als ich die Definition von Skills nenne. Als sie dann noch erwähnt, dass sie ein Meerschweinchen hat, da mag ich platzen. EIN! Das arme Tierchen. Ich verstehe nicht, wie man sowas tun kann, wie man Tiere, die eigentlich in Gruppen leben, alleine halten kann. 

Als ich heute morgen aufwache steht der Zitronenkater auf meiner Brust und seine Nase berührt meine. Ich blicke direkt in seine Augen und er miaut mich begeistert an, weil ich wach bin und es nun wohl Futter gibt. Nachdem meine Tierchen versorgt sind, setze ich mich erstmal auf mein Sofa. Neben ein Päckchen, dass gestern ankam. Erst da fällt mir ein, welcher Tag heute ist. 

Kurz darauf sitze ich lächelnd auf dem Sofa, Konfetti um mich herum, das Katerkind jagt Luftschlangen durch die Wohnung. Die liebe Fylgja hat es wieder mal geschafft mich zum lächeln zu bringen und zu grinsen wie eine Honigkuchenzitrone. 

Den Weg zur Klinik versüßt mir nun das neue Album der Broilers, eine richtig feine Sache, wenn eine der Lieblingsbands am Geburtstag ein neues Album veröffentlicht. 

Heute habe ich ganz schön viel geleistet. Den Rest meiner Sachen gepackt, ein wenig Ordnung geschaffen, den Müll und den gelben Sack entsorgt, I. in der Klinik besucht, weil wir uns vermutlich ’ne ganze Weile nicht mehr sehen werden, da ihr nächster Aufenthalt in meinen dbt-Zeitraum fällt, Katerfutter und Meerizeug gerichtet, Katerklos und Katernäpfe geputzt, meinen Kindle mit Büchern bestückt, Hörbucher runter geladen… Wäre ich doch nur jeden Tag so produktiv. Um 4 kam Mama mich dann aufsammeln. 

Tja. Und kurz nachdem ich hier ankam begannen Kopfschmerzen unnd Druck. Ich habe meinen Arm betrachtet und habe plötzlich so enorm den Wunsch dort eine tiefe Wunde zu haben, am besten noch mehrere, tief und schlimm und genäht. Ich versuche die Gedanken zu vertreiben. Versuche mich zu beherrschen um nicht einfach irgendwas zu schnappen um mich zu verletzen. Immerhin fliege ich morgen in den Urlaub. Daran halte ich mich fest. Atme ein und aus, skille, versuche einfach durchzuhalten. Um 4 Uhr morgen früh klingelt der Wecker. Ich bin in Mamas Bett geknabbert, habe mir eine Serie angemacht, meine Medis genommen. Ich hoffe einfach, dass es morgen besser sein wird, dass der Urlaub viel Entspannung bringt. 

Urlaubsgedanken 

Ich werde wach, kurz nach 7, und hin tatsächlich auch wach. Nichts hat mich geweckt, kein Katerkind und kein Lärm, ich bin einfach wach weil ich wach bin. Ein seltenes Phänomen. Vielleicht liegt es an der neuen Dosis der Medis. Und während ich noch im Bett liege muss ich dran denken, dass ich in 3 Tagen um diese Uhrzeit auf dem Weg in den Urlaub bin. In einem ICE irgendwo in Deutschland, bepackt mit T-Shirts, kurzen Hosen und Bikini, auf dem Weg in die Sonne. Der Wetterbericht verkündet über 30° und ich sehne mich so sehr nach der Sonne, nach dem Meer, nach Sand unter meinen Füßen und Salz auf meiner Haut. Ich freue mich heute zum ersten Mal so richtig, dass es bald los geht. Die Vorfreude ist endlich da. Ich versuche mir keine Gedanken über die Dinge zu machen, die mich angesichts des Urlaubs belasten. Mein Geld wird zum Beispiel erst heute überwiesen. Kommt es noch rechtzeitig, damit ich es in Deutschland abheben kann? Wie wird meine Mutter auf die Narben an den Oberschenkeln reagieren? Wie kriege ich es hin meine Medikamente zu nehmen, ohne dass sie es merkt? Wie wird es, sie zehn Tage um mich zu haben? Es bringt nichts mir derzeit Gedanken darum zu machen, ich kann diese Dinge hier und jetzt nicht lösen. 

Morgen will ich mich mit M. treffen. Und wie immer, wenn wir verabredet sind, muss ich im Vorfeld über unsere Freundschaft nachdenken. Wir haben uns in „meinem“ Forum kennen gelernt und waren lange befreundet. Dann kam die Liebe und am Ende unserer Beziehung war genau das hinüber, was ich eigentlich nicht verlieren wollte: unsere Freundschaft. Lange herrschte komplette Funkstille, seit ein paar Jahren ist der Kontakt sporadisch. Manchmal fehlt mir die Zeit, in der wir stundenlang telefoniert oder geschrieben haben, sie als Mensch fehlt mir. Aber so ist es nun mal und ich bin froh, dass es mit K. anders ist. 

Da der ganze Tag noch vor mir liegt beschließe ich produktiv zu sein. Ich ziehe los zum Supermarkt um mir etwas zu trinken zu holen und dann weiter in die Stadt meine Kontaktlinsen abholen. Von dort aus in den Stadtgarten, wo ich mich mit einem Buch in die Sonne setze, ab und an ein Pokemon fange, Menschen beobachte und den Morgen genieße. An mir ziehen Schüler vorbei, das Handy in der Hand. Eine Gruppe Männer im Anzug, die ihre Pause scheinbar nutzen um Pokemon zu jagen. Mein Highlight ist ein Herr um die 60, der mit seinem Hund durch den Stadtgarten spaziert. Er kommt auf mich zu und fragt, ob ich ihm helfen könne. Bei der Jagd nach Pokemon hatte er aus Versehen den Flugmodus seines Handys angeschaltet und weiß nicht, wie er den wieder ausstellen kann. Ich helfe ihm und er freut sich, dass er nun weiter auf die Suche gehen kann. Wir reden noch kurz und er erzählt, dass sein Hund sicherlich bald verzweifelt, weil er ständig spazieren geht. Ich finde es extrem toll, dass auch die ältere Generation Spaß daran findet. Man mag ja sagen was man will und von dem Spiel halten was man will, aber es bringt einen Haufen Leute dazu sich vor die Türe zu bewegen. Das ist doch schonmal etwas. Mir macht es Spaß, denn ich komme raus, schwelge in Erinnerungen an meine Kindheit, in der ich mit dem Gameboy durch die Gegend zog, Arenen eroberte und Pokemon fing.

Zuhause esse ich und bin dann wieder antriebslos. Trotzdem kriege ich es irgendwie hin zumindest meine Meeris umzutopfen und ein wenig weiter aufzuräumen und fange an zu packen. So wichtige Dinge wie Schmerztabletten und Migränemedis, Mückenspray und Fenistil. Ich überlege, was ich an Skills mitnehmen soll. Auf jeden Fall werde ich mir ein paar Gummis einpacken. Morgen muss ich mir mal noch ein paar Bücher auf den Kindle packen, ich will nicht den ganzen Koffer mit Büchern vollstopfen. Ansonsten habe ich ja Sonne und Strand und Meer um mich abzulenken. Und Schwesterherz und Lieblingsschwager. Es wird schon werden. Ich sollte mich freuen und mir keinen Kopf um „was wäre wenn“ machen, auch wenn es sicher sinnvoll ist mir über Skills Gedanken zu machen. 

Surf auf dem Scheitelpunkt des Lichts

Mein Tag beginnt schon wunderbar. Und zwar mit einem Stapel Unterlagen vom Arbeitsamt. Die Hälfte davon hab ich in Briefumschläge gesteckt und bringe sie nachher zur Post. Sie gehen raus an die Krankenkasse und meine letzten zwei Arbeitgeber.
Dann kam der Formularkram. Und ich sitze da und frage mich, warum ich das schon wieder beantworten soll. Schließlich habe ich genau diese Fragen auf dem Amt beantwortet. Aber ich mache es trotzdem, auch wenn ich viel lieber mit Edding ein großes „fickt euch doch!“ quer über die Seiten schreiben würde. Wenn einer von denen mich sehen könnte, während ich diesen Rotz ausfülle… Niemand würde mehr bezweifeln, dass ich derzeit nicht in der Lage bin zu arbeiten. Es bringt mich an den Rand des Wahnsinns, ich tobe und schimpfe und werfe irgendwann den Kugelschreiber quer durchs Wohnzimmer, wo Katerkind ihn anspringt und erlegt.
Und ich sitze so angespannt auf dem Sofa, dass ich gar nicht weiß wohin mit mir und erstmal eine rauchen muss, das Katerkind (inklusive Kugelschreiber) kraule, durchatme und versuche mir zu sagen, dass diese Formular mich jetzt nicht völlig aus der Bahn werfen sollten.
Um runter zu kommen werfe ich mich auf mein Bett, höre Hörbuch und versuche mich darauf zu konzentrieren.
Ich erledige ein paar Dinge, kriege einiges geregelt, N. kommt zu Besuch und wir kochen und schauen Film und quatschen.
Und abends wird es dann wieder chaotisch in mir. Wie so oft habe ich das Gefühl, dass ich schneiden muss, damit anerkannt wird, dass ich „krank“ bin. Bis auf die Narben ist da nichts, dass das Chaos in meinem Inneren mach Außen trägt. Die Narben sind nicht mehr so furchtbar rot, sie werden älter und in winzigen Schritten auch blasser. Einerseits möchte ich das. Ich will, dass sie blasser werden, nicht mehr so auffällig sind, dass sie irgendwann zur Vergangenheit gehören. Und doch will ich, dass sie sichtbar bleiben. Als Zeichen, dass eben nicht alles okay ist. Und die Gedanken werden immer extremer und extremer und ich muss an letzte Woche denken, als ich netterweise beim Amt gesagt kriege, dass es ja gar nicht so schlimm sein kann ohne frische Wunden.
Ich wähle die Nummer der Klinik und habe Pfleger Arschkeks dran. Er meint, dass ich doch so wunderbar bockig sein kann und gerade bei so einem Spruch doch denken soll „Jetzt erst recht nicht.“. Und er hat eigentlich recht. Ich selbst muss mir nicht beweisen, dass es schlimm ist. Ich weiß es ja rein theoretisch auch so. Und jemand anderem durch Schneiden beweisen, dass es doch eben scheiße schwer und anstrengend und furchtbar ist macht einfach keinen Sinn. Pfleger Arschkeks sagt, dass es ja auch deutlich andere Zeiten gab. Erinnert mich nochmal daran, dass ich eine super Entwicklung durchgemacht habe, lobt mich, sagt, dass ich stolz sein soll. Ich erzähle ihm von dem Gefühl des Schneidens, dass mir so sehr fehlt. Da ist dann eigentlich kein Druck, sondern einfach nur der Wunsch danach. Er sagt es wird leichter werden. Nicht jetzt, nicht gleich, aber irgendwann. Dass ich durchhalten soll. Ich erzähle, dass ich gerne in den Urlaub fahren will, ohne frische Wunden ins Meer will. Er sagt, dass er mir beim nächsten Aufenthalt wieder Smileys auf den Arm malt und dass die mich jetzt auch schon heimsuchen werden, falls ich schneide. Ich muss lachen. Als ich auflege fühle ich mich ein wenig besser. Ich werde es mal versuchen mit dieser „jetzt erst recht nicht“-Einstellung. Und da muss ich daran denken, wie so viele Fachmenschen immer wieder sagten, dass mein Vater es nicht wert ist mein Leben zu zerstören. Vielleicht hilft das auch. Ein wenig“ du kriegst mich nicht kaputt, trotz allem was du getan hast werde ich es schaffen“. Es ist so verdammt unfair und zum kotzen, aber es wird nicht anders werden, wenn ich mich hinsetze und nichts tue und mich selbst bemitleide. Ab und an brauche ich das, aber auf Dauer kann ich das nicht, ich will weiter kommen, weiter machen, vorwärts gehen.
Vielleicht finde ich irgendwann etwas anderes, dass mir das Gefühl des Schneidens ersetzen kann. Kein ähnliches Gefühl, sondern ein ganz anderes, positives, konstruktives, dass an diese Stelle treten kann. Etwas, dass die Stelle einnimmt und bleibt und das Gefühl vielleicht irgendwann in Vergessenheit geraten lässt. Manchmal konnte das Reisen, das Unterwegssein, einen Teil dieser Stelle einnehmen. Vielleicht brauche ich auch mehrere Dinge um diese Stelle zu füllen. Vielleicht mache ich mir in den nächsten Tagen mal Gedanken darüber.
Nun werde ich mich ins Bett verkrümeln. Mit Katerkind und Hörbuch. Zur Ruhe kommen, runter kommen, versuchen die drängenden Gedanken an Selbstverletzung auszuhalten und im Schlaf ein wenig loszulassen.
Übrigens habe ich der Ärztin in Freiburg nochmals geschrieben und nachgefragt wegen einem Termin. Sie ist nun einige Tage in Urlaub, wird mir aber danach recht zeitnah einen Termin fürs Vorgespräch geben. Es geht weiter, es geht voran. Ich gehe weiter.

Es gibt viel zu verlieren, Du kannst nur gewinnen
Genug ist zuwenig – oder es wird so wie es war
Stillstand ist der Tod, geh voran, bleibt alles anders
Der erste Stein fehlt in der Mauer
Der Durchbruch ist nah

Because you raped my soul today

In den letzten Tagen fiel es mir schwer etwas zu schreiben. Mein Kopf ist voller Gefühle, Erinnerungen und wirrer Gedanken, die keinerlei Sinn ergeben und mir entgleiten, sobald ich versuche sie zu fassen.
Draußen ist es kalt und nass und grau. Und meine Stimmung passt sich an. Ich will endlich den Frühling, für mehr als nur ein paar Tage. Ich habe genug von Schnee und Kälte und Nässe. Ich will endgültig meine Heizung ausstellen und erst Ende des Jahres wieder anschalten, ich will das Katerkind raus lassen können (momentan erfriere dann entweder ich bei offenem Fenster oder der Kater weigert sich auch nur eine Pfote raus zu setzen, weil es nass ist).

Die Therapie heute war anstrengend. Altbekanntes Thema, altbekannte Gefühle. Danach war es gar nicht gut. N. hat mich am Bahnhof aufgelesen, wir waren bei mir, haben Filme geschaut, Pizza gegessen. Es tat gut und alles war okay. Und nun stürzt es wieder ein. Und als wäre es nicht schon schwer genug, was tue ich? Ich schaue mir Bilder und Videos von Selberverletzung an. Kann den Schmerz fühlen, wenn ich die Schnitte sehe, kann die Erleichterung spüren. Und der Druck in mir wird schlimmer und schlimmer. Bis ich es dann schaffe den noch funktionierenden Teil meines Hirns zu nutzen, ist die Anspannung schon gewaltig oben. Und eigentlich mag ich gar nicht skillen. Eigentlich will ich, dass es passiert. Will eine Rechtfertigung für die Verletzung, Anspannung war einfach zu hoch. Und doch stehe ich auf, suche die Finalgon, suche den Akupressurball, wickel mir das Gummi ums Handgelenk und schnappe mir zwei Eiswürfel. Damit habe ich es nun immerhin geschafft die Anspannung auf dem gleichen Level zu halten, habe es auf die Reihe bekommen meine Medis zu holen und ins Bett zu gehen, unterwegs noch in eine Pinnwandnadel zu treten, die Katerkind ins Wohnzimmer geschleppt hat. Nun hoffe ich einfach, dass die Anspannung wenigstens auf dem gleichen Niveau bleibt, bis meine Medis ihre Wirkung tun und ich einfach zu müde werde um wieder aus dem Bett zu kriechen und mich zu verletzen. Ich habe die Worte vom Psychopeut im Ohr, der immer und immer wieder sagt, dass es vorbei geht, dass ich das ganze gut mache. Ich versuche mich darauf zu konzentrieren, versuche im hier und jetzt zu bleiben und einfach zu atmen und es auszuhalten.
Für morgen steht dann wohl einfach ganz viel Gutes tun auf dem Plan. Ein Haufen Selbstfürsorge, mich um mich kümmern. Um mich und die kleine Zitrone in mir.
Ich hasse solche Tage. Tage, an denen es einfach schon von Anfang an doof ist und die Therapie einfach furchtbar anstrengend und selbst schöne Momente es nicht bessern. Da hilft dann vielleicht wirklich einfach nur noch so lange durchhalten, bis die Medis wirken und hoffen, dass die Müdigkeit einen dann ausknockt.

Look
Five deep cuts
On my arm
Where you touched
Hands are razorblades

And supergirls don’t hide

Gestern war Chefarztvisite. Ich möchte davor schon kotzen, weil ich es hasse.
Doch dann ist es eigentlich ganz okay. „Ihre Arme sehen zwar schlimmer aus, aber man merkt, da ist mehr Spiel. In der Mimik. In den Gefühlen. Im Vergleich zu noch vor einem halben Jahr. “ Ich lächle. Wir reden über Skills, der Psychopeut lobt mich wieder.“ Na dann lohnt sich das ganze hier ja“ meint der Chefarzt zum Schluss.
Vor der Visite hatte ich Achtsamkeit. Ich kämpfe bei der Meditation noch mit mir, komme beim Qigong dann ein weniger mehr bei mir an und beim Bodyscan bin ich irgendwann so tiefenentspannt, dass ich mich einfach nur noch von der Stimme des Therapeuten tragen lasse, während wir nach und nach durch den Körper wandern. Später am Tag kriege ich dann doch wieder Druck, mag eigentlich nur schneiden.
„Nicht in meinem Dienst!“ meint Pfleger Kai. Ich schleppe mich mit Eiswürfeln, Finalgon, spazieren und jammern durch den Nachmittag und Abend. Dann kann ich nicht einschlafen. Irgendwann gegen kurz vor 1 klappt es dann doch, mit brennenden Armen vom Finalgon und je einem Eiswürfel in der Hand.
Der Tag heute war relativ entspannt. Ich habe viel gehäkelt und anschließend Schwester Nathalie die fertige Eule geschenkt, die ich ihr beim letzten Aufenthalt versprochen habe. Natürlich inklusive zwei Besen.
Nachmittags macht sie mit ein paar Menschen und mir eine Gesprächsrunde. Es ist interessant, es geht um Angst und Panik. Mit Panikattacken hatte ich zu tun, bis ich bei meinem Vater auszog und noch ein paar Monate danach. Dann war es größtenteils gut, nur zeitweise überkommt es mich. Bei Menschenmassen, im Zug oder Bus. Dann verabschiedet sich relativ schnell auf mein Kreislauf und ich bin einfach weg. Ich bin froh, dass ich nicht mehr mit dieser ständigen Panik lebe, gegen die ich damals auch 2 Jahre lang Medikamente nahm. Wenn ich angespannt bin, dann kommt es natürlich deutlich häufiger vor, dass mich bestimmte Situationen ängstigen und Panik machen. Dann ist irgendwo hin fahren oder einkaufen gehen quasi unmöglich. Aber die meiste Zeit über kriege ich es doch ganz gut unter Kontrolle. Als eine Mitpatientin von einem Überfall erzählte steigt die Spannung rapide an. Sie fällt aber genauso schnell wieder ab, da die Atmosphäre im Raum einfach nichts beängstigendes hat, da Nathalie auf der einen Seite und meine Zimmernachbarin auf der anderen Seite sitzt.
Als ich vor die Tür gehe, um meine Hausärztin anzurufen, sehe ich A. Und direkt bin ich wieder angespannt, weil ich mich über das Kindergartenverhalten aufrege. Mit Nathalie gehe ich dann um den See. „Also Frau Zitrone, Sie haben was besseres verdient!“ meint sie und ich muss lächeln. Laufend und redend und mit Eiswürfel in der Hand sinkt die Anspannung dann wieder. Blödsinn reden und auch sinnvolle Dinge, laufen während die Sonne scheint, einfach eine Weile Aas Chaos im Kopf vergessen. Es hilft und ich gehe deutlich entspannter wieder auf die Station und es macht mir später auch nichts aus, dass A. ewig vor der Klinik steht und mit jemandem redet, während ich nochmals versuche meine Hausärztin zu erreichen und auf N. warte. Der Rest des Abends verläuft ruhig. Ich quatschen mit Pfleger Arschkeks und Schwester Sonja, gemeinsam mit einer Mitpatientin. Pfleger Arschkeks verpasst mir auf jedem Arm einen Smiley, natürlich darf ich nicht schneiden, sonst werden die traurig und suchen mich nachts heim. Er wünscht mir alles Gute für die Zeit bis zum nächsten Aufnahmetermin und meint, dass ich ja zu seinem Kinoabend kommen kann, wenn ich mag.
Und so liege ich nun im Klinikbett, meine letzte Nacht für diesen Aufenthalt. Es war diesmal gut, ich habe einiges gelernt und kann vieles mitnehmen, es tat gut ein wenig Auszeit zu haben und Unterstützung zu bekommen. Mitte bin ich 4 Wochen ohne schneiden und ich mag so gerne zum nächsten Aufenthalt kommen und sagen, dass ich es geschafft habe mich nicht zu verletzen.

Then she’d laugh
The night time into day
Pushing her fear further long

And then she’d say, “It’s okay
I got lost on the way
But I’m a supergirl
And supergirls don’t cry”

The sun will come out, wait and see 

Nach der Achtsamkeit fühle ich mich merkwürdig. Ich bin nicht in meinem Körper, stehe irgendwo neben mir, habe Druck. Schwester Nathalie fragt, ob alles in Ordnung ist. Ich schüttel den Kopf.
Wir gehen gemeinsam um den See. Reden, auch viel Blödsinn. Es wird langsam besser, es tut gut zu laufen und zu reden und zu lachen. „Schon allein deswegen dürfen Sie sich nichts antun. Ich brauche Sie doch zum Blödsinn reden und spazieren. Und Sie mich zum spazieren und Blödsinn anhören. Coexistenz. Oder, das wäre es doch.“ Ich bejahe das ganze und sie streckt mir die Hand hin. Ich gebe ihr meine. „Das ist doch mal eine gute Idee für einen Nonduizidvertrag. Wir laufen weiter um den See. Ich erzähle von A. und von Ostern, von gestern. Sie lobt mich, weil ich nicht geschnitten habe. Die Hexe mit den zwei Besen bringt mich also wieder runter, als wir nach einigen Runden wieder oben ankommen geht es mir besser. Die italienische ältere Dame schimpft vor sich hin, Nathalie meint nur „meine Zukunft…“ und ich lache. „Sie verstehen es. Ich sage doch, Coexistenz.“ Ich fühle mich wieder besser, deutlich. Es tut gut einfach draußen zu sein und die Sonne zu spüren und zu reden und zu gehen.
Mittags bin ich einfach nur müde und falle für 3 Stunden einfach ins Bett und schlafe. Ich will nicht mehr wach werden, mein ganzer Körper schreit nur nach Schlaf. Irgendwann kriege ich es doch hin mich aus dem Bett zu bewegen, gehe in den Supermarkt und schenke mir ein Eis, telefoniere mit J. und kriege Besuch von Bibi.
Den Rest des Tages verbringe ich mit der Nase im Buch. Erst draußen, dann am Ende des Flurs mit den Füßen auf der Fensterbank, während das Licht durch das große Fenster fällt und es draußen langsam dunkel wird.
Ich muss daran denken, wie ich vor über einem Jahr hier saß auf dieser Fensterbank. Im Februar, während es draußen kalt und grau war und in mir nicht besser aussah. Die Suizidgedanken hielten noch lange an nach dem Suizidversuch damals und ich hatte das Gefühl, dass sie gar kein Ende mehr finden werden. Manchmal scheint es so weit weg zu sein dieses damals. Manchmal scheint es auch noch viel zu nah. Faktisch liegen 14 Monate zwischen heute und damals. Und doch eine ganze Welt. Heute sitze ich am Fenster und lese, meine Gedanken kreisen um das Buch und um mein Leben, um Momente und Gefühle. Damals war da nur Dunkelheit und Leere und Anspannung und Selbstverletzung. Ich schneide viel weniger. Die letzten heftigen Suizidgedanken sind eine Weile her. Ich kriege den Großteil meines Alltags auf die Reihe. Und so viele andere kleine winzige Dinge, die sich zu einem Haufen an Veränderung auftürmen. Es ist enorm, was sich in einer solchen Zeit alles verändern kann.
In der Achtsamkeit ging es heute auch um Wünsche. Gesund sein. Das kam mir direkt als erstes in den Kopf.
Ich weiß, dass ich mit einer Krankheit lebe, die immer da sein wird. Ich weiß, dass mich immer wieder Bilder verfolgen werden. Ich weiß, dass es immer wieder dunkle Momente geben wird. Aber ich weiß auch, dass ich es schaffen kann mit dem allem zu leben. Ich kann es schaffen mich nicht zu verletzen, auch wenn es immer wieder als Möglichkeit im Kopf auftauchen wird. Ich kann mit diesen dunklen Momenten umgehen, ohne mir etwas anzutun. Ich kann es schaffen trotz allem zu leben. Oder gerade wegen allem. Und mit allem. Und irgendwie bin ich ja schon dabei.
In letzter Zeit schreibe ich viele positive Dinge. Manchmal habe ich Angst, dass es nur eine Phase ist, dass es bald wieder abwärts geht. Habe Angst davor, dass es sich immer weiter und weiter und weiter um einen Punkt dreht, mit Aufs und Abs und ich nicht weiter komme. Aber vielleicht versuche ich es einfach zu genießen, dass es gerade so ist. Dass viele Dinge in Bewegung sind, vieles anders wird. Einfach genießen, dass das Leben gerade im Großen und Ganzen einfach okay und gut ist. Ohne Angst vor dem Morgen. Ohne Angst vor dem was kommt und vor dem, was hinter mir liegt. Ohne Angst vor der Krankheit. Einfach nur leben. Leben und atmen und atmen und leben. Und wirklich leben, nicht überleben. Denn das sind einfach zwei unterschiedliche Dinge.

Überleben allein ist unzureichend.

So tell ‘em all I’m on my way 
New friends and new places to see 
And to sleep under the stars 
Who could ask for more 
With the moon keeping watch over me

Egal wo wir stehen, wohin wir gehen

Als ich um halb 4 aus einem Albtraum hochschrecke ist meine Nacht quasi gelaufen. Ich versuche nochmal einzuschlafen, aber kurz später wird es draußen laut, weil die Lebensmittel für den Tag geliefert werden, die Küche beginnt das Frühstück vorzubereiten und das dann zu Geriatrie und Altenheim gefahren wird.
Um 5 fängt die ausländische Dame aus meinem Anfangszimmer an laut zu werden. Um halb 6 kann ich dann endlich rauchen gehen, sitze im Tagesraum und lese um meine Zimmernachbarin nicht zu stören und gehe um kurz vor 7 dann wieder ins Zimmer. Ich bin gerade dabei wegzudämmern, als Pfleger Arschkeks mit einem „Guten Morgen!“ ins Zimmer kommt. Nach dem Frühstück gehe ich unter die Dusche und die Anspannung sinkt ein wenig. Bis ich eine Nachricht von meiner Nachbarin bekomme, die meine Fellnasen füttert. Sie hat es (wie frage ich mich immer noch…) geschafft meinen Schlüssel innen stecken zu lassen, ich komme also nicht mehr in meine Wohnung, da ich nicht aufsperren kann wenn da ein Schlüssel steckt. Also gehe ich genervt nach Hause und breche meine Tür auf, kraule den Zitronenkater eine Weile und rede mit den Meeris, hänge meiner Nachbarin den Schlüssel wieder in ihre Wohnung und laufe zurück zur Klinik.
Die Anspannung bleibt. Ich komme nicht runter. Skills. Ein wenig Besserung, direkt wieder oben. Visite. Anspannung bei 100. Ich kann nicht mehr. Nur noch schneiden in meinem Kopf. Pfleger Arschkeks sagt, ich soll kommen für neue Eiswürfel, er wäre gleich vorne. Ich will nur noch schneiden. Er sagt, dass man merkt, dass ich viel besser damit umgehen kann. Der Psychopeut lobt mich, dass ich so kämpfe. Die Visite geht raus. Ich gehe zu Pfleger Arschkeks. Er lenkt mich ab, malt mir einen Smiley auf den Arm.

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Die Anspannung wird nicht weniger. Der Psychopeut kommt. Er nimmt mich mit ins Schwesternzimmer, setzt sich dort mit mir hin. Ich denke nur ach scheiße. Nun kann ich ja nicht schneiden. Der lässt mich hier ja nicht einfach raus. Und auch wenn er mal kurz weg ist, dann rennen hier noch drei andere Leute rum. Scheiße. Ich will doch nur schneiden.
Ich kämpfe mittlerweile seit über einer Stunde. Meine Kraft ist weg. Ich will nicht mehr und kann nicht mehr. Will nur noch aufgeben. Nochmal Eiswürfel. Hand, Ellenbeuge, Nacken. Kai hält mir irgendwann die Ammoniakampulle unter die Nase, ich merke, dass ich weg war. Nochmal Eis. „Es geht vorbei“ sagt der Psychopeut immer wieder. „Sie machen das toll“. Nochmal Ammoniak. Nochmal Eis. Wieder und wieder und wieder. Mir wird übel vom Ammoniak. Doch langsam, ganz ganz langsam, merke ich, dass es besser wird. In Minischritten. Die Anspannung sinkt auf 95. Ich kann wieder ein wenig besser atmen. 90. Ich höre auf zu zittern. Bei 85 fragt der Psychopeut, ob er mir das ganze wieder in die Hand geben kann. Ich sage ihm, dass ich es versuchen will. Er sagt, ich soll noch ein wenig hier sitzen bleiben, bis es geht. Ich sitze also weiter da, mit Eiswürfeln, immer noch dem stechenden Geruch in der Nase. Bei knapp über 70 stehe ich auf, sage Bescheid, dass ich eine Runde um den See gehe, stopfen mir die Kopfhörer in die Ohren und drehe die Musik auf und gehe einfach. 17 Eiswürfel, 2 Finalgonverbände und eine Ammoniakampulle später kann ich also endlich wieder atmen und die Anspannung fällt. Und ich bin unendlich erledigt, unendlich müde.
Der Psychopeut kommt kurz vorbei und fragt wie es ist. Ich sage ihm, dass ich bei 50 bin und einfach nur noch müde bin. Er lobt mich, sagt mir nochmal, dass ich daran denken soll, dass es immer vorbei geht.
Ich rolle mich ins Bett, schaue 2 Folgen Eureka und schlafe dann ein.
Bibi besucht mich und ich bin ein wenig neben der Spur. Es war so unglaublich anstrengend, ich bin so erledigt. Eigentlich will ich dann am liebsten wieder ins Bett krabbeln, da ruft meine Mutter mich an. Ob ich wüsste, wo meine Schwester steckt. Sie sei aus dem Haus mit den Worten „Ich bringe mich um“ nach einem Streit. Ich kriege die Krise. N. schreibt mir, ich will eigentlich runter gehen und wir wollen uns treffen, doch ich rufe zuerst den Freund meiner Schwester an, erzähle ihm kurz was los ist, bitte ihn um eine Nachricht wenn er was weiß. Dann Eiswürfel. Dann gehe ich runter und N. muss erst mal mit mir um den See. Ich bin so angespannt. Oben gehe ich kurz zur Ärztin (der knuffigen), weil ich das Gefühl habe durchzudrehen. Reden hilft, ihre Rationalität auch. Nochmal Finalgon. Ich quatschen mit N., schaue zwischendurch immer wieder aufs Handy. Das Handy meiner Schwester ist immer noch aus. Es gibt Abendessen, irgendwann meldet sie sich endlich. Die Anspannung wird weniger.
N. verabschiedet sich, ich sitze im Zimmer und quatsche mit meiner Zimmernachbarin, schaue Fußball und liege nun im Bett. Es war ein heftiger Tag. 18 Mal Eis, 3 Mal Finalgon, 1 Mal Ammoniak, 10,73 gelaufene Kilometer und Stunden voller Anspannung. Ich hätte nicht daran geglaubt, dass ich diesen Tag ohne Selbstverletzung überstehe. Nun bin ich stolz auf mich selbst, fühle mich okay und werde mich einfach ins Bett kuscheln und schlafen. Mein Knie schmerzt enorm, die Anspannung hat mich so unruhig gemacht, dass es ohne laufen einfach nicht ging. Und fast 11 Kilometer waren dann heute einfach zuviel für ein kaputtes Knie.

Und ich glaub daran, dass es besser ist, wenn ich es fühlen kann, 
für diesen einen Augenblick sind alle meine Zweifel weg, 
weil es echt ist. 

Denn du musst weitergehen

Als mein Wecker klingelt will ich nicht aufstehen. Mir fällt auch erst gar nicht ein, warum ich mir den Wecker gestellt habe. Nach dem vierten klingeln schalte ich ihn dann endgültig aus und mir fällt ein, dass ich heute in die Klinik gehe. Also quäle ich mich ein paar Minuten später aus dem Bett und wanke in mein Bad. Dann in die Küche zum Wasserkocher, zu den Meeris und dann zum Kater, dann zurück zum Wasserkocher. Anschließend sitze ich mit schnurrendem Katerkind auf dem Schoß und einer Tasse Tee auf dem Sofa und versuche wach zu werden. Irgendwann beginne ich meine Tasche zu packen, schiebe den Zitronenkater immer wieder von der Tasche runter und mache mich letztendlich fertig und laufe in die Klinik.
Dort kriege ich erst mal eine kleine Krise. Überwachungszimmer mit 2 weiteren Frauen, eine kenne ich schon, weil sie länger da ist, die andere kann kein deutsch und ruft den ganzen Tag irgendwelche Dinge. Im ersten Moment will ich einfach nur nach Hause. Dann atme ich kurz durch und beschließe, es wenigstens bis morgen früh zu versuchen und dann zu entscheiden.
Das Aufnahmegespräch beim Psychopeut macht Druck. Schon aus der Untersuchung von der Ärztin (die knuffige) komme ich ein wenig angespannt, da ich sie zwar kenne und auch ganz gerne mag, aber immer Probleme damit habe von jemandem angefasst zu werden, der mehr oder minder fremd ist.
Beim Psychopeut kommt dann der letzte Aufenthalt, mein Vater, die Flashbacks und Ostern auf den Tisch und es triggert enorm. Als ich raus komme brauche ich Eiswürfel, dringend. Noch lieber eine Klinge. Der Psychopeut bekommt mit, wie ich nach Eiswürfeln frage und will sehen, wie ich sie einsetze. Ich diskutiere kurz mit ihm, dass es mir mehr hilft den Eiswürfel in die Ellenbeuge zu drücken als in der Hand fest zu halten. Wir einigen uns schließlich auf je einen Eiswürfel in Ellenbeuge und Hand. Er fragt zwischendurch immer wieder, wie die Anspannung ist. Sagt, dass ich das gut mache. Wir probieren noch zusätzlich Finalgon, was natürlich erst viel später anfängt zu brennen. Er fragt, ob einen Eiswürfel in den Mund nehmen eine Möglichkeit wäre und ich erkläre ihm das Problem mit etwas im Mund und die Anspannung steigt wieder. Als sie langsam wieder sinkt habe ich plötzlich einen Lollie im Gesicht. Tina hält ihn mir unter die Nase. „Für später, weil du so tapfer bist.“ Ich muss anfangen zu lächeln und die Anspannung sinkt mit einem Schlag ab. Der Psychopeut fragt, was nun helfen würde, ich sage ihm, dass ich ein wenig raus gehe. „Sicher? Aber nicht, dass Sie da dann schneiden?“ Quatsch, erwidere ich und mache mich auf den Weg nach draußen in den Regen. Nach zwei Runden kehre ich zurück auf Station, ziehe mir was trockenes an und trinke einen Latte Macchiatto, während ich die Nase ins Buch stecke. Der Psychopeut fragt nochmal kurz, wie es nun ist, und ich sage ihm, dass die Anspannung unter 30 ist. Er lobt mich und sagt, dass ich beim nächsten Mal wieder zu ihm kommen soll, dann quält er mich nochmal ein wenig. Ich sage zu ihm, dass ich dann wohl erst wieder am Wochenende Druck kriege, wenn er nicht da ist.
Später sitze ich mit Tina auf dem Balkon. Es kam ein ungeplanter männlicher Neuzugang, also wäre es möglich umzuschieben. Ich helfe ihr und bin so kurz darauf mit einem jüngeren Mädel im Zimmer, was mir deutlich lieber ist. Die Männer und Frauen schieben wir dann noch durch die Gegend, bis das Chaos aus Betten und Nachttischen vom Flur verschwunden und in die jeweiligen Zimmer verschwunden ist. Pfleger Kai eilt uns noch zur Hilfe. Dann bin ich zufrieden in meinem neuen Zimmer.
Bibi kommt vorbei und ich mache noch einen Abstecher zum Supermarkt.
Nun sitze ich draußen auf der Bank und genieße die letzten Momente an der Luft, bevor die Tür zugeht.

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Die Luft ist noch feucht vom Regen, die Vögel zwitschern und die Sonne geht langsam unter. Ich mag diese Tage am Anfang des Frühlings, wenn alles wieder zum Leben erwacht. Und auch ich fühle mich dann oft so. Wie nach einem langen Winterschlaf. Endlich verschwindet die Dunkelheit und die Kälte und es geht mir automatisch ein wenig besser.

Ich werd versuchen einmal ehrlich zu sein.
Ich kenn weder die Lösung,
Noch kenn ich mir hier aus.
Ich kann versuchen ein paar Sätze zu finden,
Doch die werden nichts heilen und die helfen hier nicht raus.
Und ganz ehrlich hier geht’s einfach mal um Dich.
Jetzt krall Dich nicht fest, an allem, was Du nicht weißt.
An allem, was du so gern wüsstest.
Denn wen sollst Du schon fragen und hier schließt sich der Kreis.