und irgendwann wird im Vorbeigehen Schwarzweiß wieder Farbe

Und so wie es anfing hört es auch wieder auf. Plötzlich kommt da dieser Tag, an dem es besser ist. An dem das Aufstehen kein stundenlanger Kampf ist, an dem nicht direkt Selbstverletzungsdruck in meinen Kopf springt, noch bevor ich überhaupt aus dem Schlafzimmer bin, an dem nicht spätestens im Bad die ersten Suizidgedanken präsent sind.

Ich fühle mich anders. Es ist, als ob eine zähe und klebrige Masse, ähnlich wie Teer, an einem klebt und nach langer Zeit endlich beginnt an einem hinunter zu fließen. Es ist, als ob man gerade stundenlang einen schweren Gegenstand geschleppt hätte und ihn endlich abstellen kann. Ein wenig vergleichen kann ich es mit dem Gefühl vergleichen, welches ich habe, wenn ich im Flugzeug sitze und es startet. Die Schwere, die das Flugzeug und einen selbst auf dem Boden hält, verschwindet plötzlich und weicht einer unglaublichen Leichtigkeit. Oder dem Gefühl das mich durchströmt, wenn die ersten Blumenknospen aus der Erde schauen, wenn der Winter endlich dem Frühling weicht. Ja. Ungefähr so fühlt es sich an, wenn ich aus einer depressiven Phase wieder auftauche.

Rückblickend kann ich mir dann oftmals gar nicht mehr vorstellen, wie unglaublich schwer es war mich nicht zu verletzen. Wie unglaublich schwer es war weiter zu leben. Ich habe eine Ahnung davon, ein Gefühl, dass mich daran erinnert… Aber in der nächsten Phase oder Krise kann ich mir wieder nicht vorstellen, wie es jemals leichter sein konnte. Es ist besser geworden, nicht mehr ganz so aussichtslos und dunkel.

Meine erste so heftige Krise, bei der ich nicht in die Klinik musste, weil ich nicht mehr garantieren konnte mich an den Lebensvertrag zu halten. Das wird mir gerade erst beim Schreiben bewusst und ich muss lächeln. Und dann noch mehr, weil ich spüre, dass ich stolz auf mich bin, dass ich es auch schaffe stolz zu sein und das Gefühl so zu akzeptieren (und auch zu genießen!) wie es nun da ist, ohne es selbst direkt wieder klein reden zu wollen. Und dann sind es solche Dinge an denen ich sehen kann, dass ich mich weiter entwickle, dass ich auf dem richtigen Weg bin.

Und wenn ich doch grade bei dem positiven Kram bin… Ich kann länger garantieren, dass nichts passiert. Ich kann mich trotz einer 5, trotz nichts anderem im Kopf außer dem eigenen Tod, von Skill zu Skill, von Moment zu Moment hangeln, bis es wieder zu einer 4 wird, bis Atmen wieder ein wenig leichter fällt, bis da wieder ein Zentimeter weniger offene Notausgangstür möglich ist.

Gut sechs Wochen sind vergangen, seit es anfing schlechter zu werden. Vier Wochen davon war es eine ordentliche Krise. Vier Wochen hatte ich dauerhaft die Hand auf der Türklinke zum Notausgang Suizid, die Tür mal mehr, mal weniger geöffnet. Vier Wochen lang fast durchgehend Selbstverletzungsdruck. Doch es ist vorbei und wird hoffentlich nicht allzu schnell wieder so dunkel in mir.

Ein weiteres Mal gekämpft. Ein weiteres Mal eine Krise gemeistert. Ein weiteres Mal überlebt. Überlebende. Ein Wort, dass ich viel schöner und treffender finde als Opfer. Ich bin kein Opfer von Missbrauch. Ich habe Missbrauch überlebt. Ich lebe, trotz Missbrauch. Trotz allem, trotz dem ganzen Horror meiner Kindheit, trotz all dem Schmerz. Und mit alle dem.

Und die Zeit fängt wieder an
Das zu tun, was sie am besten kann
Im Vorbeigehen heilt sie meine Narben
Und ich kann nur darauf warten
Dass sie sich beeilt und irgendwann
Wird im Vorbeigehen Schwarzweiß wieder Farbe

Feels like I’m caught in the middle

Irgendwann in diesem ganzen Studiumsanfangschaos sitze ich zwischen vielen Menschen in der Aula. Der Dekan steht da und spricht, heißt uns alle willkommen. „Dass Sie hier sitzen haben Sie nicht dem Glück zu verdanken, naja, ein winzig kleines bisschen vielleicht, sondern Ihrer Leistung.“ Es gab so viele Bewerber und so wenig Plätze wie eh und je, ich sitze dort zwischen all diesen Menschen, die es geschafft haben. Und wie in einer Rückblende im Film erscheint Frau K. vor mir, die Therapeutin aus der dbt, und redet von Stolz und ich kann es kaum aushalten. Und dann Herr H. aus der Traumatherapie und wieder dieses Wort und dieses Gefühl, mit dem ich doch immer noch viel zu wenig anfangen kann. Und dann sitze ich dort und muss die Tränen zurück halten, denn ja verdammt, stolz, das bin ich.

Stolz, weil ich hier sitze, zwischen Kommilitonen, die sich teilweise mehrfach hier beworben haben, teilweise mehrfach woanders. Und stolz, weil ich eben hier sitze, immer noch atme und lebe und weil ich wieder atme und lebe nach den fast 3 Jahren, die hinter mir liegen.

Stolz fühlt sich immer noch neu und fremd an. Merkwürdig und trotzdem nicht mehr ganz so furchtbar, manchmal sogar fast gut.

In meiner Nase ist der Geruch von feuchtem Laub und Spätsommer oder auch schon Herbst, als ich im Dunkeln zum Bus laufe. Vor einem Jahr lag dieser Geruch abends um mich, wenn ich auf der Bank vor der Klapse saß und eine Zigarette rauchte. Damals schien ein Jahr so endlos weit weg. So weit voraus denken, planen wie es weitergeht, sogar unterschreiben, dass ich dann (und sogar noch ein paar Monate länger) immer noch lebe… Und nun frage ich mich, wie so oft in der letzten Zeit, wo dieses Jahr hin ist, vorhin die Tage und Wochen und Monate verschwunden sind.

Und dann sitze ich wenige Momente später auf dem Boden in meinem Bad und heule. Weil ich nicht mitkomme, weil ich da stehe in diesem Leben, das nun weder Scherbenhaufen noch okay noch eine Mischung aus beidem ist, weil es doch irgendwie okay ist und ich stehe da und will laut schreien, will schreien, dass ich nicht gesund bin, dass da in mir immer noch ein Scherbenhaufen ist, dass ich das so nicht kann und das doch so auch nicht funktioniert und dass ich so doch nicht studieren kann und leben und alles. Ich will schreien und zusammenbrechen und krank sein, oder eben gesund, und nicht diese wirre Mischung daraus, die weder was Halbes noch was Ganzes ist. Wann will ich einfach wieder zurück in die Sicherheit aus Zusammenbruch und Selbstverletzung und Suizidgedanken, weil das so gewohnt ist, so sicher.

Und so sitze ich da auf dem Boden in meinem Bad und blicke direkt auf den Badschrank, weiß genau, dass sich dort in dieser mittleren Schublade Rasierklingen befinden und weiß auch genau, dass ich sie nicht benutzen werde, so sehr ich es auch will.

Vielleicht muss ich mich mit diesem seltsamen Zwischending abfinden. Vermutlich bleibt mir wenig anderes übrig. Eine Kranke auf dem Weg zum Gesundsein. Eine Gesunde mit Krankheit irgendwo. Ich, zwischen hier und dort. Vielleicht wird es nie nur das eine oder das andere geben. Vielleicht kann ich irgendwann sagen, dass ich gesund bin. Vielleicht bin ich irgendwann mehr gesund als krank. Ich weiß es nicht, ich weiß nicht was die Zukunft bringt. Ich weiß nur, dass sie kommen wird. Und vielleicht werde ich auch weiterhin in der Mitte bleiben, zwischen den Extremen, zwischen Schwarz und Weiß. Wenn, dann aber nicht grau, sondern bunt.

But if you look at me closely
You will see it in my eyes
This girl will always find
Her way

1 Jahr 

Dieses Bild entstand, als ich anfing aufzuhören. Einer der ersten Smileys, die Pfleger Arschkeks mir damals auf den Arm malte. 

Und heute habe ich es tatsächlich geschafft, ich habe mich ein Jahr lang nicht verletzt. Verdammte 365 Tage, 52 Wochen, 12 Monate. 

Viel mehr gibt es heute nicht zu sagen. Außer: ich bin verdammt scheiße stolz! 

Wofür es sich zu leben lohnt

Ich sitze auf der Bank vor der Klinik, atme ein und aus und blicke auf den großen Baum vor meiner Nase. So oft saß ich an dieser Stelle während der dbt, in sämtlichen Gefühlslagen und Anspannungszustände. 

So sitze ich da, mit Zigarette und Energy, atme ein und aus und denke an den Moment, als ich zum ersten Mal dort saß, vor dem Vorgespräch, angespannt, panisch, kurz davor die Flucht zu ergreifen. 

Nun bin ich fast genauso lange wieder zuhause wie ich in der Klinik war. Fast 14 Wochen sind seit meiner Entlassung vergangen und es fühlt sich nach so viel mehr an. 7 Monate sind vergangen seit dem Beginn der dbt, 7 Monate, in denen so vieles passiert ist, sich so viel bewegt hat. Und auch in der Zeit danach hat sich so viel getan. Es ist teilweise für mich immer noch nicht nachvollziehen, dass sich in so kurzer Zeit soviel ändern kann und ich frage mich oft, ob da nicht doch irgendwann wieder der große Knall kommt und mich zurück wirft. Ich wage es kaum dem Frieden zu trauen, weil es so ungewohnt ist so zu leben. Ohne die 24/7 an Anspannung, ohne ständigen Selbstverletzungsdruck, ohne ständige Suizidgedanken. 

Ich sitze auf der Bank, lächle und bin tatsächlich einfach nur stolz. Ohne das Gefühl direkt wieder wegschieben zu wollen, ohne direkt Gründe zu suchen, die mir zeigen, dass ich noch so viel an mir arbeiten muss. Ich sitze einfach nur da und bin stolz auf mich, auf die vergangenen Wochen zuhause, auf die Traumatherapie, auf die dbt, auf die ganzen Jahre, die ich nun schon kämpfe und nicht aufgebe. Einfach stolz auf mich. 

Es fühlt sich merkwürdig an auf die Station zu gehen, die 14 Wochen meine Heimat war. Es fühlt sich merkwürdig an dort zu sein, auf den so bekannten Knopf im Aufzug zu drücken, die so bekannte Tür zu öffnen. Fremd und doch gleichzeitig so vertraut. 

Seit ich am Samstag hier ankam genieße ich jede Sekunde. Ich genieße die Zeit mit A., ich genieße die Momente alleine, die Zeit mit der lieben Mira, die Zeit mit Puffi und die Zeit, die C., A., Puffi und ich auf der Geschlossenen und dort im Garten verbringen. Ich genieße jeden Augenblick mit den tollen Menschen um mich rum und in dieser Stadt, die für mich ein Stück Freiheit bedeutet, weil hier der Weg in ein neues Leben seinen Anfang fand. 

Ich genieße es einfach zu lachen und verrückt zu sein und zu atmen und zu leben. Und es ist so unglaublich schön, dass ich das kann, dass ich weiter gekämpft habe für solche Momente. Denn genau diese Momente sind es, für die ich leben möchte. 

Well, we dreamed our lifes and lived our dreams

Mit gemischten Gefühlen gehe ich heute morgen aus den Haus. Mein letzter Kliniktag liegt vor mir. Ein letztes Mal Frühtreff, ein letztes Mal Massage, ein letztes Einzel. 

Nach der Massage bin ich gerade auf dem Weg zum Rauchen, als das laute Geräusch eines Hubschraubers mich aufblicken lässt. Ich erkenne den Schriftzug an der Seite mit dem Namen und der Nummer und mir wird flau im Magen. Es ist eben jener Hubschrauber, der vor einigen Jahren vor meinen Augen landete und wieder abhob. Ich war damals noch in der Ausbildung, gerade im Praktikum, es war Ferien, wir waren mit den drei jüngsten Kids, 3 Geschwistern, der Wohngruppe auf einem Besuch bei einer Kollegin im Rahmen der Ferienzeit. Die jüngste stolperte und fiel rückwärts ins Feuer der Grillstelle. Für mich war das damals richtig heftig, denn meine Kollegen waren ein wenig überfordert, ich wählte den Notruf und lotste den Krankenwagen zum Haus, versuchte währenddessen noch die beiden Brüder der Kleinen nicht aus den Augen zu lassen und sie abzulenken. Wir besuchten den Piloten, während der Notarzt die Kleine versorgte, ließen uns den Hubschrauber zeigen, winkten ihm beim Abheben nach. Der Kleinen geht es übrigens gut, sie hatte Glück im Unglück. 

Und dann landet er da heute und ich rieche den Rauch und verbrannte Haare, höre die Schreie. Prima. Also versuche ich mich abzulenken, telefoniere kurz mit der kleinen Hexe, verziehe mich hinters Haus, um dem Anblick des Hubschraubers zu entgehen. Dann mache ich mich auf den Weg zu meinem letzten Einzel. 

Ich berichte kurz von dem Hubschrauber und von damals. Dann gehen wir die Formalitäten durch. Den Kurzbrief, den Entlassungsbericht. Anschließend reden wir noch ein wenig. Über die dbt, ich erzähle von unserer Bordi-Truppe und einem Ereignis vor ein paar Tagen, das damit zusammen hängt. Er sagt mir, dass ich große Fähigkeiten habe in vielen Bereichen. Ich frage ihn nach seiner Klinikmailadresse und verspreche ihm mal zu schreiben, wenn ich einen Anfall von Stolz habe. Und zum Abschied kriege ich ein Blatt der Flipchart. Nachdem er bei einem Einzel so völlig begeistert groß „Stolz“ quer über die Seite schrieb, weil ich sagte, dass ich doch ein wenig stolz auf mich bin. Und so ziert nun ein großes Blatt meine Wand über dem Bett, direkt neben den Fotos von Freiburg, dem Lebensvertrag und dem Zertifikat der dbt. 

Mehr Künstlerisches könne er nicht bieten, aber das interessiert mich wenig, denn ich freue mich ungemein. 

Es fällt mir schwer ein letztes Mal das Büro zu verlassen. Ich konnte mit dem Therapeuten wirklich gut arbeiten und es ist schade, dass die Zeit so begrenzt war. Auf der anderen Seite habe ich die Wochen so gut wie möglich genutzt und habe auch das Gefühl, dass es erst einmal genug ist. 

Ich erledige noch den Bürokratiekram mit der Entlassungsbescheinigung und beginne dann mich zu verabschieden. Ich habe viele Leute kennen gelernt und zu einigen wird der Kontakt sicherlich auch weiterhin bestehen. 

Auf dem Weg nach Hause begleiten mich ein Lächeln auf den Lippen, die Sonne, Fury in the Slaughterhouse mit „Won’t forget these days“ und Stolz. Nicht nur als zusammengefaltetes Papier im Beutel, sondern auch im Kopf und im Gefühl. 

Und so finden nun also sieben intensive, anstrengende, kraftraubende, aber auch positive und bewegende Wochen ein Ende. Ich konnte für mich selbst einiges erreichen und lernen. Ein weiteres Stückchen Weg liegt hinter mir. Und: ja, ich bin stolz. 

Nun geht es also weiter. Morgen steht erstmal das Arbeitsamt auf dem Plan, juhu, ich könnte hüpfen vor Freude. Am Wochenende geht es wohl in die dbt-Stadt. Ein wenig Lieblingsmenschen und abschalten. Und zwischendurch vielleicht immer wieder ein wenig stolz sein. 

Won’t forget these days
And I never thought I would
Won’t forget these days

Vorbei 

Es ist vorbei. Ich wage es kaum diese Worte zu tippen, aus Angst, dass es vielleicht doch nicht vorbei ist. 

Der unglaubliche Selbstverletzungsdruck ist verschwunden. Das merke ich auf dem Weg von der Klinik zum Bus, während die Sonne mir ins Gesicht scheint und meine Jacke an meinem Beutel baumelt. Und es ist so unglaublich erleichternd, dass ich am liebsten laut jubeln würde. 

Die Gedanken und das körperliche Gefühl des Drucks haben mich nun eine Woche begleitet und es fühlt sich merkwürdig an, wenn es weniger wird. Es ist immer noch Selbstverletzungsdruck da, aber zum ersten Mal seit einer Woche schreibe ich heute eine 3 auf die diary card und keine 4 oder 5. Es fällt so vieles plötzlich von mir ab. 

Und, verdammt, ich bin stolz. Ich bin stolz auf mich, dass ich nicht aufgegeben habe, obwohl ich mehr als einmal so kurz davor war. Ja, ich bin wirklich stolz. 

Ich hoffe nun einfach, dass es erstmal reicht, dass es erstmal genug war. Ich brauche eine Pause, muss durchatmen, Kraft tanken. 

Morgen werde ich statt zur Klinik zu meinem Drogendealer fahren. Ich brauche mal wieder Medis und einen neuen Krankenschein und auch ein wenig einfach ihn und die Gewissheit, dass er einfach da ist. 

Und am Mittwoch werde ich dann meine Schlüssel in der Klinik abgegeben, mich von meinen Mitpatienten verabschieden, ein letztes Mal die Massage genießen und dann mein letztes Einzel haben. Es schmerzt ein wenig, denn manche Menschen werden mir fehlen, die Traumagruppe wird mir fehlen (inklusive Therapeutin), die Massage, die Gespräche mit dem Therapeuten. Doch ich freue mich auch, denn es ist ein weiteres Stückchen Weg, das ich hinter mich gebracht habe, ein klein wenig weniger Anstrengung in der nächsten Zeit, ein wenig Durchatmen. Mal sehen was die Zeit so bringen wird.  

Geiler Scheiß! 

301 Tage. 43 Wochen. 

Vor noch einem Jahr unvorstellbar. Und auch heute noch unwirklich und ein riesen „Wow!“. Und Stolz. Ja, verdammt, ich bin stolz darauf! Holy shit!