Doch wo ein König ist wird stets ein Henker sein.

Nach einer sehr kurzen und unruhigen Nacht habe ich es tatsächlich geschafft heute morgen um kurz nach 6 aus dem Bett, um halb 7 aus der Klinik und um 7 aus meiner Haustüre zu purzeln.
Die gestrige Nachricht hielt mich noch lange wach, um kurz vor 23 Uhr schrieb ich noch A. aus dem Zimmer nebenan und wir gönnten uns eine letzte Zigarette, bevor der Raucherraum geschlossen wurde. Auch sie trieb die Nachricht um, montags war J. noch auf der Station. Aus einer anderen Klinik, in der sie danach landete, war sie abhängig und wurde dann dort auf der Besuchertoilette gefunden. Die Reanimierungsmaßnahmen waren erfolglos.
Ich wurde oft wach in der Nacht, drehte mich hin und her und schlief wieder ein.
Nach zwei Zigaretten heute morgen bin ich dann einmal durchs Bad, habe mich angezogen und am Schwesternsitz geklopft. Pfleger Thorsten schaute mich irritiert an, es wusste mal wieder keiner, dass ich so früh weg muss und einen Termin beim Psychiater habe. Kommunikation ist alles…
Für heute steht noch auf dem Plan, dass ich meinen Vermieter anrufe, sobald es möglich ist, die Frau aus der Klinik für die DBT versuche zu erreichen, wieder in die Klinik zurück gehe und dort meine Therapien mache, ich muss mit dem Psychopeut meine Verhaltensanalyse besprechen… Es ist mir jetzt schon wieder alles zuviel. Aber Augen zu und durch, auch so ein voller Tag geht vorbei und heute Abend habe ich hoffentlich einiges erreicht.

Nichts bleibt mehr
Wenn ich jetzt aufgeb‘
Nichts bleibt mehr
Wenn ich diesen Weg nicht geh‘
Und nichts bleibt mehr
Wenn ich weiter vor mir flieh‘
Nichts bleibt mehr
Wenn ich diesen Kampf verlier‘

The drum beats out of time

Der Sonntag:

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Ein Feiertagssonntag im Hause Zitrone. Sofa, bequeme Hose, Katerkind.
Sonderlich viel mehr wird es heute auch nicht werden, denn ich bin müde und motivationslos.

In der letzten Nacht habe ich irgendwann nach 1 die Nummer der Klinik in mein Telefon getippt und hatte Schwester Tina am anderen Ende. Ich erzähle ihr, wie schwer es derzeit ist. „Aktuell geschnitten?“ fragt sie. „Nee.“ antworte ich und sie ist begeistert. „Das sind dann nun doch schon 3 Wochen…“ meint sie und ich erwidere „Fast acht…“. Darüber ist sie noch mehr begeistert. Sie erwähnt wieder die Zeiten, in denen sowas quasi noch undenkbar schien. Sagt mir, dass ich mir das vor Augen halten soll. „Ich will das so gerne einfach beenden. Ich bin so müde vom skillen und kämpfen und durchhalten.“ Sie meint, dass seit dem letzten Suizidversuch doch nun auch schon einige Zeit vergangen ist. „Letztes Jahr Februar. Sie können den Schnitt doch nun nicht kaputt machen!“ Sie sagt, ich soll durchhalten. Weiter machen. Kämpfen. Dass es besser werden wird, dass es doch schon besser ist. Sie sagt, dass ich das schaffen werde. Und es tut gut das zu hören, auch wenn es dauert bis es von meinem Kopf auch im Gefühl ankommt.
Als ich irgendwann nach 3 Uhr endlich völlig übermüdet einschlafe, träume ich wirre Sachen. An eklige Käfer kann ich mich noch erinnern, die immer wieder aus dem Staubsauger raus krabbeln. Um kurz vor 10 werde ich wach und fühle mich nach diesen Stunden weder erholt noch sonst was.
Vor ein paar Tagen schrieb ich meiner ersten Therapeutin eine Mail. Mittlerweile hat unser Mailwechsel eine schöne Regelmäßigkeit von 3 bis 4 Mal im Jahr, sie freut sich über meine Mails und ich mich über ihre. Ich schrieb ihr, dass ich manchmal diese „Leichtigkeit“ der früheren Selbstverletzung vermisse. Damals hatte es gefühlt Milliarden weniger Konsequenzen als jetzt. Ein paar Schnitte, Ärmel drüber, fertig. Interessiert hat es nicht wirklich jemanden, ich selbst war mir größtenteils auch herzlich egal. Die einzigen Konsequenzen waren quasi gelegentliche Wut auf mich selber (die man dann ja wunderbar mit ein paar Schnitten kompensieren konnte) und ein wenig mehr aufpassen, dass es nicht auffällt (da ich ja eh konsequent mit langen Ärmeln durch die Gegend gelaufen bin auch kein so großes Problem). Und nun? Zuerst kommt da vor allem, dass die Schnitte sich verändert haben. Was früher nur oberflächlich war ist mittlerweile oftmals tief und klaffend. Ergo muss ich die Wunden versorgen lassen, meistens sogar nähen. Daraus folgt dann um Wunden kümmern, später Fäden ziehen lassen, neue heftige Narben. Mit langen Ärmeln rumlaufen, was früher keinen interessierte oder als pubertäre Phase abgetan wurde, fällt mittlerweile auf. Freunden, der Familie, Bekannten. Früher habe ich alleine gekämpft, heute sind da Menschen, die sich mit mir über die geschaffen Tage freuen, stolz sind. Und mit mir leiden, wenn ich doch wieder einen Rückfall habe. Und auch ich bin anders. Ich kenne Strategien um mit der Anspannung anders umzugehen, gehe sorgsamer mit mir selbst um, versuche mich selbst nicht mehr zu hassen. In der Anspannung sind da die Gedanken, die sich um die Konsequenzen und das drumherum drehen, Gedanken, die es früher nicht gab.
Und weil ich bisher den ganzen Tag nur faul in der Gegend rum hing (was trotz dem Nichtstun unglaublich gut tat) tue ich mir nun bewusst etwas Gutes. Ich werde versuchen meinen Patenonkel zu erreichen, mit dem ich schon seit Ewigkeiten nicht mehr geredet habe.

Der Montag:
Ich bin ungefähr so produktiv wie ein Toastbrot. Vom Bett aufs Sofa und zurück ins Bett. Immerhin habe ich mich mal wieder für einige Zeit an den Herd gestellt und gekocht. Kochen tut gut und anständig essen schadet mir sicherlich auch nicht. Ansonsten ganz viel Kater bespaßen, TV und abends dann zusammen mit N. den Tatort schauen.

Der Dienstag:
Bisher bin ich eindeutig produktiver als ein Toastbrot. Ich war kurz einkaufen (und 3 Minuten, nachdem ich den Laden verlassen habe, schreit mein Handy, dass der Kontowecker geklingelt hat. Super Timing.), habe eine Ladung Wäsche in die Maschine geworfen und begonnen in meinem Schlafzimmer weiter Ordnung zu schaffen. Die Betonung liegt eindeutig auf „begonnen“. Denn begonnen habe ich heute bestimmt schon 5 Mal, habe aber ziemlich schnell auch mit dem beginnen wieder aufgehört. Es ist furchtbar. Meine Motivation ist absolut nicht in Sichtweite, dabei will ich eigentlich, aber ich schaffe es einfach nicht mich aufzuraffen. Es ist zum durchdrehen. Ich mag schneiden. Dabei frage ich mich nach dem Grund. Weil ich einfach nichts hinbekomme heute? Weil ich mir damit selbst auf die Nerven falle? Weil ich statt ständig konstruktiv einfach so gerne destruktiv wäre? Während ich mir noch selbst auf den Keks gehe klingelt mein Telefon. Die kleine Hexe bringt mich auf andere Gedanken und mit ihr am Ohr bin ich dann tatsächlich produktiver als vorher, räume meine zwei Kramkisten komplett leer und werfe einige Dinge weg.
N. kommt vorbei und wir laufen gemeinsam zum Supermarkt, bergen dann einen Geocache und nehmen den Weg über die Felder zurück in Richtung nach Hause. Mit der kleinen Hexe wieder am Telefon schaue ich dann eine Doku. „Papa hat sich erschossen“ ist der Name der Doku und gleichzeitig auch des Buches, das die junge Frau nach dem Suizid ihres Vaters geschrieben hat. Und wie so oft sitze ich da und fühle mich hin und her gerissen zwischen der Sicht desjenigen, der diesen Weg wählt und der Sicht der Hinterbliebenen. Ich bin selber auch auf eine Art und Weise „Hinterbliebene“, habe Familienmitglieder und Freunde und Bekannte so verloren. Und ich verstehe als selbst „Überlebende“ die Gedanken und den letztendlichen Entschluss, der einen zum Suizidversuch bringt. Es ist und bleibt ein schweres Thema.
Danach kommt eine Doku über das Leben nach einem Suizidversuch. Ich drücke die Aufnahmetaste, schalte den Fernseher aus und verziehe mich in mein Bett. Für heute habe ich genug vom Tag und auch von Suizid.

Lying in my bed I hear the clock tick, 
And think of you 
Caught up in circles confusion 
Is nothing new 
Flashback warm nights 
Almost left behind 
Suitcases of memories, 
Time after

Geh lieber durch die Wand als immer durch die Tür

Um kurz vor 3 wache ich auf und möchte der Uhr nicht glauben. Ich muss aufs Klo und krabbel schnell wieder ins Bett, in dem der Zitronenkater nach einem müden Blick einfach weiter schläft. Und genau das kann ich nicht mehr. Ich liege wach, höre Hörbuch, drehe mich von der linken Seite auf den Rücken und auf die rechte Seite und wieder zurück. Irgendwann nehme ich das Handy und klicke mich durch das Internet, lese interessante, banale und witzige Dinge, bin furchtbar müde, kann aber einfach nicht einschlafen. Kurz nach 5 stehe ich auf, was auch nur wieder mit einem müden Zitronenkater Block quittiert wird, koche mir einen Tee und rauche eine Zigarette, tapse wieder ins Bett, kuschel mich in die Decke und wickel mich um meine Schlafbanane, mache wieder das Hörbuch an und schließe die Augen. Nach einer Stunde beendet der Sleep-Timer das Hörbuch, ich will aber die Augen nicht öffnen um es wieder anzustellen. Also liege ich weiter im Bett, den warmen Zitronenkater an meinen Bauch gekuschelt, und höre den Vögeln zu, die den Tag begrüßen und merke, wie es vor meinen geschlossenen Augenlidern immer heller wird. Der Nachbar von ganz oben links verlässt das Haus und ich weiß, dass es nun kurz vor 7 ist. Kurz darauf ist es endlich still in mir und um mich und ich schlafe wieder.
Das Katerkind schwankt. Er läuft wirr in der Gegend rum, maut jämmerlich und kann sich dabei kaum auf den Beinen halten. Ich bin bei Menschen, die ich nicht kenne, die furchtbar betrunken sind und unter Drogen stehen. Sie fanden es lustig dem Kater auch welche zu geben und ich will nur noch schnell in die Tierklinik. Unterwegs hört sein kleines Herz auf zu schlagen und das warme und weiche Fell wird langsam kalt…
Ich schrecke auf und brauche einen Moment, um die Geräusche zu sortieren. Mein Wecker klingelt, die Meeris knabbern an was und ein warmes und weiches Fellknäuel liegt schnurrend auf meiner Brust und schaut mich mit goldbraunen Augen an. Ich merke, dass ich die Luft angehalten habe, atme ein und aus und vergrabe mein Gesicht im Zitronenkaterfell, atme seinen Geruch, spüre seine Wärme und langsam vergeht der Schreck des Traumes. Ich brauche einige Zeit um im Leben anzukommen und den Schlaf abzuschütteln. Ich kraule den warmen Fellhaufen, spüre die Sonnenstrahlen auf meiner Haut und kriege einen Schreck, weil die Uhr unaufhaltsam Richtung elf läuft und ich in die Achtsamkeit muss. Zähneputzen und Anziehen funktioniert zeitgleich, schnell noch das Gesicht unter den Wasserhahn gesteckt, die Haare gekämmt, die Tiere gefüttert und raus. Draußen ist es schön. Die Sonne scheint und ich muss automatisch einfach lächeln. Ich laufe zur Klinik, treffe davor S. und wir drücken uns, T. läuft mir mit gepackten Koffern und Mann über den Weg und wir verabreden, dass wir uns bald mal auf einen Kaffee treffen.
Die Achtsamkeit tut gut. Ankommen im hier und jetzt. Beim Yoga knackt mein Rücken zwei Mal gewaltig und die Wirbel sind wieder an den dazugehörigen Orten. Ich atme, lebe, atme, bin da, im jetzt und hier, in meinem Körper, in der Gegenwart. Die Gedanken kommen und ich lasse sie einfach, sehe ihnen dabei zu wie sie kommen und gehen und sich abwechseln, lasse die Gefühle kommen und gehen und atme und fühle das erste Mal seit langem wieder die Bedeutung hinter „Ich bin nicht das Gefühl, ich habe ein Gefühl.“
Nach der Achtsamkeit steige ich die Stufen empor zu „meiner“ Station und setze mich zu I., rede mit ihr, während sie ihr Mittagessen verputzt und gehe dann mit ihr gemeinsam raus in die Sonne auf drei, vier Zigaretten. Ich sitze auf der Bank, um mich rum grün und Blüten und Vogelzwitschern, spüre die Sonne im Gesicht und auf meinen nackten Armen. Ich betrachte sie und wundere mich, dass ich die letzten Tage überstanden habe, ohne mich zu verletzen und muss dann lächeln, weil ich doch ein klein wenig stolz darauf bin. Also sitzen wir rauchend und redend in der Sonne, diskutieren, wer vom Personal am süßesten ist, müssen dann beide beim Gedanken lachen, ständig einen Fachmenschen um uns zu haben. Sie meint, dass eine der Ärztinnen ganz süß sei und ich nicke. Sie meint die knuffige von der Station unten drunter. Sie sagt mir, dass ich eine so hübsche junge Frau bin und ich werde rot. Ich mag I. gerne, aber sie wäre absolut nicht mein Typ. Wir reden noch eine Weile bevor sich unsere Wege vor der Zufahrt zur Pforte trennen und sie nach links auf die Klinik zusteuert und ich den rechten Weg nehme um das Klinikgelände zu verlassen. Ich tapse zum Supermarkt und einmal hindurch und komme mit Zitronen, Avocado und dem Stern bewaffnet wieder raus um mich auf den Weg nach Hause zu machen. Unterwegs treffe ich meine Nachbarin und eine Bekannte, die ein paar Ecken weiter wohnt, wir gehen ein Stück gemeinsam und reden über meine Fahrt nach Berlin und nach Hannover und nach Hamburg.
Daheim setze ich mich auf die Mauer vor der Türe, packe den Stern aus und lese in der Sonne die Titelstory. Es geht um den Flug 4U9525, Hinterbliebene erzählen und es gibt einen kurzen Text über die Krankheit des Piloten. Und wie vor fast einem Jahr kann ich immer noch nicht nachvollziehen, wie man so viele Menschen bei einem Suizid töten kann.  Ich frage mich oft, ob man den Begriff Suizid überhaupt verwenden kann dabei. Erweiterter Suizid klingt genauso falsch. Fachmenschen reden von einem Homozid-Suizid, was die Auslöschung vieler Menschenleben impliziert. Ich denke oft, dass Mord doch ziemlich treffend ist. Aber wie auch immer man es nennen mag, es ist ein Horror für die Hinterbliebenen, für all die Menschen, die jemanden dabei verloren. Ich schreibe hier oft davon, dass ich die Beweggründe hinter einer Selbsttötung verstehen kann, ich stand mehr als einmal selbst an diesem Punkt. Auch wenn ich generell denke, dass man so wenig Menschen wie möglich da mit involvieren sollte, so kann ich es doch verstehen, wenn es aus einer Kurzschlussreaktion geschieht. Manche Menschen kann man nicht ausschließen, Angehörige und Freunde und Bekannte leiden immer darunter, genau wie Rettungsdienst, Polizei und alle anderen Menschen, die bei sowas hinzugezogen werden. Wenn man an einem solchen Punkt angekommen ist, an dem es scheinbar keinen anderen Ausweg mehr gibt, dann verstehe ich auch, dass man dem Impuls nachgibt sich vor einen Zug zu werfen, wenn diese Möglichkeit gerade gegeben ist. Etwas, dass ich nicht verstehen kann ist, wie man bewusst und geplant trotz Krankenschein in ein Flugzeug steigt mit weiteren 149 Menschen an Bord, um es gegen einen Felsen zu steuern. Da weigern sich bei mir sämtliche Gehirnzellen auch nur einen Funken Verständnis aufzubringen. Wir leben in einer Welt und einer Region dieser, die es uns ermöglicht größtenteils freibestimmt zu tun und zu lassen wonach uns ist. Ich bin der Meinung, dass jeder Mensch mit seinem Leben anfangen kann was er mag. Ich stehe oft der Einweisung in eine Klinik wegen Suizidalität kritisch gegenüber, denn es schränkt die Freiheit und Selbstbestimmung eines Menschen ein, auf der anderen Seite weiß ich aber auch, dass es in ausweglosen Situationen eine Hilfe sein kann, wenn man daran gehindert wird das eigene Leben vorzeitig zu beenden. Jeder, der für sich selbst entschieden hat, dass er nicht mehr leben will, kann das meiner Meinung nach gerne zuende bringen. Aber mit sich selbst. Selbstmord. Der Mord am eigenen Ich, an einem selbst und an keinem anderen.
Und ich sitze kopfschüttelnd in der Sonne und denke mir, wie so oft, dass es Dinge auf dieser Welt gibt, die ich nicht verstehen kann und auch nicht will.
Ich schließe meine Wohnungstüre auf und werde vom Katerkind umgerannt, der erst mal durch das Treppenhaus flitzt und überall schnuppert. Ich kraule ihn, als er wieder in die Küche kommt, kippe den Meeris noch ein wenig Futter in die Näpfe und sitze seitdem auf dem Sofa, schlafendes Katerkind zusammengerollt auf meinem Schoß, und schreibe. Gleich werde ich mich aufmachen in die Hauptstadt zur Therapie. Ich wollte noch ein paar Dinge machen, wenn ich schon mal dort bin, habe es aber vergessen. Momentan vergesse ich ständig Dinge, weswegen mir meine Hand beispielsweise als Notizzettel dient.

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Meine Hand kann ich wenigstens nirgends liegen lassen, wenn mein Kopf schon zum Sieb mutiert.
Ich fahre mit ein paar konkreten Dingen im Kopf zur Therapie, die ich hoffentlich nicht unterwegs wieder vergesse, mit guter Laune und Sonnenschein. Sobald die Tage wieder länger werden und die Sonne die Kraft hat alles zu erwärmen geht es mir auch besser. Es hebt meine Stimmung und ist einfach eines der besten Antidepressiva.
Morgen muss ich ein paar Dinge erledigen, Anrufe tätigen, die Wutzis sauber machen und ein wenig Haushaltskram und treffe mich abends dann mit Bibi zum Sushi futtern. Samstagmorgen fahre ich zu Mama und mit ihr Garten kucken, irgendwann am WE wollen K. und S. vorbei kommen und wir wollen Die Minions schauen. Montag muss ich zur Ärztin, durch die Stadt für Teile von Mamas Geburtstagsgeschenk, Freitag und vermutlich das komplette Ostern werde ich mich im Hotel Mama einquartieren. Vermutlich werde ich aber am Samstag nach Hause fahren und sonntags wieder kommen, 4 Tage am Stück sind mir dann doch ein wenig zu viel und ich versuche da auf meine eigenen Grenzen zu achten, denn vier Tage durchgehende Kraftanstrengung bringen mich auch nicht weiter. Zum Glück kann ich immer noch sagen, dass ich nach meinen Tierchen kucken muss.

Fütter Deine Angst
denn sie wird niemals satt
verschwende Deine Wut
Dein Leben schreit danach
Balsam für die Seele
ist die Ruhe für den Sturm
erliege der Versuchung
denn sie gibt Dir Kraft
Fütter Deine Angst

I lost the keys to the prison that I built around myself

Der Tag begann ziemlich bescheiden, mit Flashbacks, alten Erinnerungsfetzen und ekligem Gefühl.
Trotzdem habe ich es irgendwann hingekriegt aus diesem Matsch raus zu kommen, Haushalt zu machen, Geschirr zu spülen, zu kochen, zu essen. Für einen so beschissenen Tag war ich also wirklich sehr produktiv.

Und dann fängt es an draußen dunkel zu werden und es kippt. Ich habe Druck. Ich fühle mich eklig. Und ich habe Suizidgedanken. Es ist nicht einfach nur in meinem Kopf, dass ich nicht mehr mag. Meine Gedanken kreisen um die Tabletten, die ich hier habe. Sie kreisen darum, dass es genug sein könnten, um es diesmal zu schaffen. Und sie kreisen um meine Fellknäuele. Und dann mache ich mir Vorwürfe, dass sie mich nicht davon abhalten können sowas zu denken. Und dann fühle ich mich noch beschissener. Wie sehr bräuchte ich nun jemanden, der einfach da ist. Der sich meine verqueren Gedanken anhört.
Aber ich sitze hier alleine mit diesen Gedanken im Kopf, die von Minute zu Minute mehr Raum einnehmen. Ich überlege zu schneiden, weil sich damit die Gedanken meistens für eine Weile in Schach halten lassen. Aber ich weiß, dass ich es aktuell nicht kontrollieren könnte. Der letzte Schnitt, der nicht kontrollierbar war, war einfach so unglaublich tief, dass ich Angst habe mir etwas wichtiges durchzuschneiden. Und ich glaube es wäre mir dann danach egal, wie sehr es blutet. Ich will das nicht riskieren. Und dabei will ich es doch so sehr.
Ich hasse solche Momente. Momente, in denen ich mir selbst nicht mehr genug vertrauen kann um zu sagen, dass ich es heute nicht tue. Wenn einem das Vertrauen in einen selbst so flöten geht, dann fühlt sich alles gleich noch mehr beschissen an.
Ich habe Bedarf genommen. Schon vor Stunden. Und es ändert nichts. Nichts an den Gedanken in meinem Kopf, nichts an dem eklig-fühlen, nichts an meinem inneren Chaos.

Nur weil’s so scheint, als hätt‘ man endlos breite Schultern
Heißt das längst nicht, dass man alles tragen kann

Above all else, we choose to stay. We choose to fight the darkness and the sadness, to fight the questions and the lies and the myth of all that’s missing. We choose to stay, because we are stories still going. Because there is still some time for things to turn around, time for surprises and for change. We stay because no one else can play our part.

Life is worth living.

We’ll see you tomorrow.

#wspd2015

Und ich denke an alle, die zu früh gegangen sind.
Meine Cousine.
Mein Pflegebruder.
Meine Mitpatientin.
Meine Freundin.
Meine Bekannte aus dem Forum.
Und an all die anderen, die es nicht geschafft haben ihre Geschichte weiter zu leben.

There is still some time. No one else can play your part. We’ll see you tomorrow.

There is still some time.

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Diese Worte hat Jamie Tworkowski (der Gründer von twloha) vor einem Jahr geschrieben, als er vom Suizid von Robin Williams erfuhr.
Ich habe sie seitdem oft gelesen, oft Halt daran gefunden. Und auch heute lese ich sie, atme tief durch und versuche weiter zu machen.
Der Tag war schön. Nach der Therapie bin ich kurz bei meinem Psychiater vorbei, weil Chrissie einen Termin hatte und ich sie drücken wollte. Daraus wurde dann mit ihr warten und dann doch noch zu ihr. Und es war so Balsam für die Seele. Die Hunde, Hasen kuscheln, Hühner mit Regenwürmern füttern, auf dem Hof nach Mikesch suchen und dabei Pferde und Ponys und Esel streicheln. Und Chrissie drücken.
Daheim habe ich noch eine Weile vor der Tür gesessen, das langsame Abkühlen der Luft genossen. Und dann bin ich auf dem Sofa eingeschlafen, gerade wieder wach geworden und in mein Bett getapst.
Langsam aber sicher bahnen sich fiese Hals- und Kopfschmerzen an, ich hab schon die letzten Tage gemerkt, dass ich anfange zu kränkeln. Hoffentlich ist es morgen besser.
Und nun hoffe ich, dass ich in dieser Nacht vor 5 Uhr einschlafen kann, zur Ruhe komme und meine Gedanken für ein paar Stunden aufhören mich zu quälen.

If you feel too much, there’s still a place for you here.

If you feel too much, don’t go.

If this world is too painful, stop and rest.

It’s okay to stop and rest.

If you need a break, it’s okay to say you need a break.

This life – it’s not a contest, not a race, not a performance, not a thing that you win.

It’s okay to slow down.

You are here for more than grades, more than a job, more than a promotion, more than keeping up, more than getting by.

This life is not about status or opinion or appearance.

You don’t have to fake it.

You do not have to fake it.

Other people feel this way too.

If your heart is broken, it’s okay to say your heart is broken.

If you feel stuck, it’s okay to say you feel stuck.

If you can’t let go, it’s okay to say you can’t let go.

You are not alone in these places.

Other people feel how you feel.

You are more than just your pain. You are more than wounds, more than drugs, more than death and silence.

There is still some time to be surprised.

There is still some time to ask for help.

There is still some time to start again.

There is still some time for love to find you.

It’s not too late.

You’re not alone.

It’s okay – whatever you need and however long it takes – it’s okay.

It’s okay.

If you feel too much, there’s still a place for you here.

If you feel too much, don’t go.

There is still some time.

doch du hast nur eine Chance.

In Belgien haben Ärzte einer jungen Frau die „Erlaubnis“ zur Sterbehilfe gegeben. Sie ist 24 und hat seit ihrer Kindheit Suizidgedanken.
Und ich weiß nicht, ob ich das okay oder scheiße finden soll. Generell bin ich ja der Meinung, dass jeder Mensch das Recht haben sollte über sein Leben zu bestimmen.
Allerdings bin ich (sowohl als „Hinterbliebene“ als auch als selbst suizidal) auch der Meinung, dass es gut und richtig ist, dass man erstmal Hilfe bekommt. Zumindest manchmal, wenn ich nicht gerade völlig suizidal in der Klinik sitze und wütend auf die ganze Welt werde, weil ich die Möglichkeit zu gehen nicht habe.
Besser Hilfe beim Sterben als ein Suizidversuch, der missglückt und sie im Rollstuhl, blind oder sonstwas hinterlässt.
Aber dennoch ist ein Suizid eine ganz eigene Entscheidung und sollte dann doch auch selbst vollzogen werden.
Schweres Thema. Und eigentlich auch gar nichts für mich im Moment. Nicht nach gestern, und generell lieber sowieso nicht. Aber es beschäftigt mich gerade dennoch.

Der Tag war ganz in Ordnung heute. Abgesehen davon, dass ich wegen Bedarf ewig schlief und erst zur Visite wach wurde.
Schwesterherz zu sehen tat gut.
Zugfahren war weniger gut, denn dabei komme ich oft ins nachdenken. Ich musste an die KiJu denken, an die gemeinsame Zeit.

Es tut so furchtbar weh zu wissen, dass du weg bist… Und ich bin so furchtbar wütend.  Und gleichzeitig verstehe ich dich so gut und will dir nur noch folgen…

Was war der letzte Tritt
zum allerletzten Schritt
hat dich der Todesrausch verführt?
Dass du die Antwort schuldig bleibst
und so die Trauer nie vertreibst
ist rücksichtslos und tut genau den Falschen,
die dich brauchten, weh.
Zu spät, um dir zu zeigen, was du hier versäumst
wie man hofft und träumt.

Es war ein Stück vom Himmel, dass es dich gibt…

Es gibt Tage, die lassen einen einfach sprachlos zurück. Im Kopf ist nichts als Leere, die Gefühle schwanken zwischen völligem Chaos und absolutem nix.
So ein Tag war gestern.
Gegen nachmittag bekam ich die Nachricht, dass eine Freundin sich das Leben genommen hat. Wir kannten uns aus der KiJu, hatten seit einiger Zeit wieder viel Kontakt. Dazwischen in den Jahren auch immer wieder, aus den Augen verloren haben wir uns nie.
Ich wollte zu ihr fahren diesen Sommer. Wir wollten uns endlich mal wieder sehen.
Nun ist sie weg. Und ich sitze hier und fühle nichts als Chaos. Und ich frage nach dem warum. Sie hat nichts gesagt, nichts angedeutet. Die letzten Tage war sie fröhlich, freute sich auf den Sommer.
Damals in der KiJu waren wir unzertrennlich. Haben geheult, als sie entlassen wurde und ich noch blieb.
Ich erinner mich noch so gut daran, als wir uns damals in Stuttgart trafen. Wir saßen in ihrer Wg, haben gemeinsam gelacht und gekocht und einfach nur die gemeinsame Zeit genossen.
Es tut mir leid, dass ich mich in den letzten Jahren so rar gemacht habe. Momentan versuche ich das zu kitten, bei so vielen Menschen. Und du warst die erste davon, warst überhaupt nicht böse, unsere Freundschaft ging einfach weiter als ob keine Zeit dazwischen gelegen hätte.
Vor ein paar Tagen habe ich die Postkarten gefunden, die wir uns immer geschickt haben. Die, die man selbst gestalten konnte.
Du fehlst. Du fehlst so unglaublich. Ich kann es überhaupt noch nicht fassen, dass du nicht mehr da sein sollst…

Die Schwestern waren wundervoll gestern. Haben mich getröstet, mir die Haare aus dem Gesicht gestrichen, meinen Arm verarztet und bei mir gesessen, bis die Tränen aufhörten und die Medis begannen zu wirken.
Pascal hatte gestern seinen letzten Tag hier auf der Station, leider. „Ich weiß, wenn Sie könnten würden Sie es anders machen.“ sagte er beim Verbandswechsel. Und er glaubt daran, dass ich das schaffen werde mithilfe der dbt. Das tat gut.

Schwesterherz hat heute Geburtstag. Nach dem Mittagessen werde ich mich auf den Weg machen nach Hause, Geschenk einpacken und Torte verstauen, dann zu ihr fahren. Sie ist ein Lichtblick heute, ich freue mich auf sie, in dem ganzen Chaos tut die Liebe zu ihr einfach nur gut.

Und trotzdem sind meine Gedanken immer wieder bei dir…

Ich gehe nicht weg
Hab‘ meine Frist verlängert
Neue Zeitreise
Offene Welt
Habe dich sicher
In meiner Seele
Ich trage dich bei mir
Bis der Vorhang fällt
Ich trag dich bei mir
Bis der Vorhang fällt

Cupido, fick dich hart!

Vor ein paar Tagen schrieb ich von dem Mann, der aus der Psychiatrie der Hauptstadt abgängig war. Gestern haben sie ihn tot gefunden. Ich wünsche ihm, dass er seinen Frieden gefunden hat. Viele hier in diesem wunderschönen Bundesland kannten ihn, wenn auch meistens nur seine Stimme. Er war Radiomoderator, wurde von den Freunden als fröhlicher Mensch beschrieben, der immer lachte und Spaß hatte. Was ihn letztendlich so weit getrieben hat kann wohl nie jemand sagen.

Gestern war ich viel unterwegs. Zu Mama, danach kurz mit Schwesterchen getroffen, später noch zur Nachbarin hoch.
Die Nacht war dafür echt sehr bescheiden, gegen 5 Uhr weckte mich der kleine Bruder voller Panik und ich hab zwei Stunden lang versucht ihn zu beruhigen, dann schlief er endlich ein. Panikattacken sind scheiße, kenn ich ja selber. Dazu war er davor noch unterwegs und nicht mehr wirklich nüchtern.

Dementsprechend Matsch war ich heute. Deswegen bin ich nun froh in meinem Bett zu sein, hoffe, dass ich schnell einschlafen kann und morgen halbwegs fit bin zur Therapie.
Ich bin froh, wenn endlich Mittwoch ist, wenn ich in die Klinik „fliehen“ kann, denn aktuell ist es wirklich reichlich bescheiden. Mit Suizidgedanken und Druck einschlafen und aufwachen und den ganzen Tag kämpfen raubt mir derzeit Kräfte die ich einfach nicht habe. Hoffentlich hört das bald wieder auf.

Und heute habe ich auch wieder eines dieser ersten Male überstanden. „Unser“ Tag, der nun nicht mehr unser Tag ist. Und es war nicht ganz so furchtbar, wie ich es mir noch vor ein paar Monaten vorgestellt habe…

Am Ende ist das was ich will
Dass du dort, wo du jetzt lebst
glücklich bist, wenn ich dich seh
Am Ende ist das was ich will
Ein neuer Mensch, der bei dir steht
Das ist okay und tut doch weh

Ein großer staubiger Haufen Altpapier

Heute Morgen bin ich viel im Forum rumgeturnt. Habe alte Beiträge gelesen, alte Threads ausgegraben.
Und ich überlege, wo ich ohne das Forum wäre. Damals war das ganze eine so große Erleichterung. Andere Menschen, die sich selbst verletzen. Ich war nicht die einzige auf dieser Welt, die auf diese völlig irren Gedanken kam.
Seit fast 11 Jahren bin ich Bestandteil dort. Damit einer der „alten Hasen“. Ab und an war ich immer eine ganze Weile nicht dort, aber ich bin immer wieder zurück gekehrt.
Ohne Forum hätte ich viele tolle Menschen nicht kennen gelernt. Hätte viele Dinge über mich nicht gelernt. Hätte viele Kämpfe alleine austragen müssen.
Und ich muss auch an diejenigen denken, die gegangen sind. In letzter Zeit viel an M., vor allem weil H. von ihr schrieb. Ich weiß noch, wie ich heulend in der Küche saß.
Und an A. muss ich denken, deren Krankheit sie aus dem Leben gerissen hat. Ich muss an den Tag in Nürnberg denken, an dem es so furchtbar regnete und sie unter der Brücke saß und so wunderschön zeichnete.
Und ich glaube fest daran, dass die beiden nun einen Platz gefunden haben, an dem es ihnen gut geht. Und dass sie von dort sehen, dass hier unten immer wieder Menschen an sie denken, sie in ihren Herzen haben und nicht vergessen.

Gestern habe ich versucht möglichst viel normale Dinge zu tun, damit es nicht komplett kippt. So habe ich zum Beispiel mein Wohnzimmer umgeräumt und werde den Fernseher später aus dem Schlafzimmer dorthin verbannen. Dass er momentan hier steht war nur eine Notlösung, weil das Kabel nicht bis ins Wohnzimmer reicht. Deswegen werde ich mich gleich in Klamotten werfen und ein Verlängerungskabel besorgen.
Alltag. Normale Dinge.
Im Traum habe ich mich gewaltig zerstückelt. Das wirkt enorm nach, macht enorm Druck.
Deswegen tut Normalität einfach gut, gibt Sicherheit und einen Rahmen, der mir Halt gibt.

Und immer wieder
Sind es dieselben Lieder
Die sich anfühlen
Als würde die Zeit stillstehen
Denn es geht nie vorüber
Dieses alte Fieber
Das immer dann hochkommt
Wenn wir zusammen sind