Wortlos. 

Weil ich es momentan einfach nicht schaffe, weil es sich so scheiße anfühlt, weil da so viel Chaos ist, weil mir tatsächlich einfach die Worte fehlen, hier einfach ein Auszug aus einer Mail, die ich an die liebe Traumagruppentherapeutin geschrieben habe… 

[…] 

Nach 7 Tagen bin ich am Freitag wieder heim gekommen. Eigentlich relativ guter Dinge. Stabiler, nicht mehr akut suizidal. Und dann brach sich meine Mutter vorgestern den Fuß. 

Und nun sitze ich heulend auf meinem Sofa, überfordert mit mir und der Welt. Ich komme mit meiner eigenen Wohnung momentan nicht auf einen grünen Zweig, sobald ich ein Ende halbwegs ordentlich habe ist es am Anfang wieder ein Chaos und ich schaffe es nicht dagegen anzukommen. Und dann ist da meine Mutter, die alleine kaum etwas schafft momentan, die nicht mal einkaufen kann und der Garten, der Pflege braucht. Es überfordert mich, gnadenlos. Meine eigenen Baustellen und dann dazu noch meine Mutter und alles dort. Meine Schwester arbeitet und steht kurz vorm Kolloquium, sie tut schon was sie kann nach der Arbeit, aber alles andere bleibt an mir hängen. 

Ich würde mich so gerne in die Sicherheit der Selbstverletzung flüchten, darin meinen Halt finden in der ganzen haltlosen Situation, ich verliere einfach wieder den Boden unter den Füßen, den ich mir in der Klinik so mühsam zurückerobert habe und es macht mich wahnsinnig. Es scheint momentan so endlos, eine Aneinanderreihung von Scheiße an Chaos an Scheiße mit viel zu kurzen Pausen dazwischen um mal Luft zu holen. So gerne würde ich einen Teil davon wegschneiden um irgendwie zu funktionieren, irgendwie klar zu kommen, einfach nur, damit ich nicht untergehe. Ich denke darüber nach stattdessen in die Sorglosigkeit aus Drogennebel zu verschwinden, mich einfach aus der Welt zu beamen, Hauptsache es irgendwie aushalten. Das aktuelle Chaos und die ganze Traumascheiße und die Vergangenheit. 

Und gleichzeitig schreit in mir drin alles, weil ich so gerne etwas positives schreiben würde, weil ich den ganzen Text nun zum vierten Mal tippe und es sich so miserabel anfühlt zuzugeben, dass ich gerade einfach nicht mehr kann und die Gedanken an Destruktivität so viel Raum einnehmen. Ich schaffe es nicht mal mehr zu bloggen aktuell, weil es sich anfühlt wie versagt zu haben, dass er gerade ist wie es ist. 

Sorry für den langen Text, aber ich glaube es ist gut, dass es mal raus ist. Und ich schicke es nun einfach ab, bevor ich alles wieder lösche und stattdessen ein „ach, es läuft ganz okay“ schreibe. 

[…] 

Ihr müsst alles wagen, doch der Kampf wird hart. 

Gestern stiegen Selbstverletzungsdruck und Anspannung und Suizidalität irgendwann. Ich weiß nicht, ob es am Mitpatienten lag, der mich am Arm fasste und auf meine Erwiderung mich bitte nicht einfach anzufassen das selbe einfach nochmal tat oder an etwas anderem. Eigentlich hatte ich die Anspannung nach diesem Ereignis wieder runter geskillt. Hatte mir von Pfleger Arschkeks ein wenig Farbe auf die Haut bringen lassen. Mich bei Schwester Nathalie ausgekotzt und mir Eiswürfel abgeholt. 

Doch abends stieg meine innere Unruhe so immens, dass sie auch zur äußeren Unruhe wurde. Ich lief auf der Station hin und her, holte mir irgendwann Bedarf und schaffte es dann halbwegs ruhig äußerlich mit ein paar Mitpatienten auf dem Balkon zu sitzen und den Impuls mich einfach runter zu stürzen zu unterdrücken. Sonderlich viel mehr als gebrochene Knochen hätte es mir eh nicht eingebracht, von daher lasse ich solche Aktionen einfach ganz, außerdem sagt Pfleger Kai ja immer, dass man in seinem Dienst nicht vom Balkon springen darf. 😉 

Als Schwester Sabine dann meine diary card sehen will und die 5 entdeckt und mich vor Anspannung zitternd vor sich stehen sieht, ist also erstmal wieder skillen dran. So stehe ich mit ihr am Pflegestützpunkt, skille mich durch mein Notfalltäschchen, bis ich irgendwann den Koller kriege und ins Bad gehe, meine Arme unter den Wasserhahn halte und Minute um Minute das eiskalte Wasser darüber laufen lasse. „Gehen wir ein bisschen“ sagt Sabine einige Zeit später und wir ziehen unsre Runden über die Station. Sie sagt, dass das Arbeiten mit mir ganz anders ist als früher. Dass ich gereifter wirke. Dass schon meine Reaktion auf ihr Klopfen an der Badtüre und die Tatsache, dass die Tür unverschlossen blieb zeigt, dass ich weiter bin. Früher hätte ich nicht reagiert, hätte die Türe verschlossen und anstatt zu skillen hätte ich versucht mich auf irgend eine Art und Weise zu verletzen. Bis jemand mit dem Schlüssel die Türe aufgesperrt und aus dem Bad geholt hätte. 

Vieles ist anders als früher. Und ich bin froh drum. Ich bin mir zum Beispiel auch ziemlich sicher, dass ich nicht in 4 oder 5 Wochen wieder hier sein werde, so wie es der Psychopeut indirekt in unserem Gespräch meinte. Das war sowieso größtenteils sinnfrei, denn er begann mit mir über die Dauer der stationären Krisenintervention zu diskutieren. Er wollte 5 Tage festlegen als feste Dauer für zukünftige Situationen. Ich könnte dann ja immer noch sagen, dass ich die zwei Tage mehr brauche, wenn es soweit sei. Als ich ihm erkläre, dass es so rum bisher nie funktioniert hat hier, dass es meistens entweder ein endloser Kampf war den Abstand zwischen den Intervallen wieder zu verkürzen oder es einfach verneint wurde, stimmt er mir nicht zu. Er meint ich wäre trotzig und wolle einfach nicht zustimmen, weil ich erkläre, dass mich die Vorstellung hier her zu kommen mit dem Gefühl versagt zu haben inklusive dem Wissen, dass ich eine aussichtslose Diskussion über die Länge meines Aufenthalts führen muss, definitiv größtenteils davon abhalten wird in Notsituationen zu kommen. Ich sage ihm, dass er sich ja scheinbar von seiner Meinung auch nicht abbringen lässt, woraufhin er verneint und ich überlege, ob ich die vergangenen Minuten mit jemand anderem diskutiert habe. „Na, wenn Sie Ihre Meinung also doch ändern können: ich möchte weiterhin die 7 Tage als Möglichkeit, wenn es mir früher schon besser geht, dann gehe ich früher. In diese Richtung funktioniert das nämlich besser als andersrum.“ – „Dann bleiben wir eben bei den 7 Tagen“ erwidert der Psychopeut und ich wundere mich nochmals über diese sinnfreien letzten Minuten. 

Als alles skillen und reden und laufen nichts bringt schickt mich Schwester Sabine ins Bett. „Wie viel Sicherheit brauchen Sie von uns?“ fragt sie mich und ich zucke mit den Schultern, weil ich völlig fertig und überfordert bin. „Okay. Wenn Sie nicht entscheiden können, dann entscheide ich für sie. Wir lassen die Türe auf und ich komme regelmäßig kucken.“ Ich nicke zur Bestätigung und bin froh, dass sie mir die Entscheidung abnimmt. „Ich gehe noch eine rauchen“ murmle ich. „Okay, eine Zigarette, dann ins Bett? Versuchen Sie zu schlafen, vielleicht wirkt der Bedarf bald. Und wenn was ist, dann kommen Sie. Ich verlasse mich darauf, dass Sie kommen.“ Ich würde sie am liebsten knutschen für ihre Worte und ihr Handeln an diesem Abend, doch ich bin einfach zu kaputt um auch nur zu lächeln. 

Also rauche ich, trolle mich ins Bad (unterbrochen von einem „Ist alles okay da drin?“ von Schwester Sabine) und verkrieche mich dann im Bett. Während ich mich noch ein wenig mit dem Handy ablenke, mich in meine Kuscheldecke kuschel und mein Einhorn-Kisse fest an mich drücke, schaut sie regelmäßig ins Zimmer. Und irgendwann schlafe ich dann ein, mit dem Hörbuch in den Ohren und dem Bedarf im Körper und Dankbarkeit für die Unterstützung an diesem Abend. 

Der Tag heute war okay. Abgesehen davon, dass ich wegen Bedarf ziemlich matschig bin und eigentlich Schlaf gebraucht hätte. Doch die Nacht war um kurz nach 7 vorbei, als meine Zimmernachbarin anfing zu jammern. Nach dem Frühstück klingelte dann mehrfach das Patiententelefon auf dem Flur, welches fast direkt neben meiner Zimmertüre hängt. Dann kam meine andere Mitpatientin ins Zimmer geschneit und erzählte mir tausend Dinge, also wieder kein Schlaf. Nach dem Mittagessen verkroch ich mich dann nochmal unter die Decken, doch dann schnarchte die Zimmernachbarin in den lautesten Tönen. Nach Aufstehen und Rauchen war ich gerade mit eBook fast beim einschlafen war… Klingelte ihr Telefon am Bett. 

Und nun bin ich hoffentlich so müde, dass ich einfach nur noch bald einschlafe. Morgen geht es heim. Mir wird der sichere Rahmen fehlen, denn zuhause weiter kämpfen ist einfach schwerer als in einer sicheren Umgebung mit ständigem Ansprechpartner, aber es ist nun auch wieder an der Zeit den sicheren Rahmen zu verlassen und weiter meinen neuen Weg zu gehen und ich denke, dass ich dafür auch wieder ausreichend „unsuizidal“ und stabil genug bin. Es wird Zeit wieder heim zu gehen. Und ich freue mich schon so unglaublich auf mein Katerkind, auf sein Schnurren und sein Fell und sein Miauen und seine Nähe. Und auf die Wutzis, das Quietschen und Mampfen und Rascheln. Und auf meine Wohnung, mein Bett, meine Freiheit. 

Du musst so schnell sein wie wildes Wasser.
Du musst so stark sein wie ein Taifun.
Du musst so heiß sein wie Höllenfeuer –
geheimnisvoll zugleich, so wie der Mond! 

Alles auf Anfang, die Welt ist wieder Scheibe. 

Gestern saß ich irgendwann in der Therapie und saß doch nicht mehr da. Ich war nicht mehr wirklich anwesend, konnte den Worten meiner Therapeutin nicht mehr folgen. 

Zuvor hatten wir über Sonntag gesprochen. Über das Gespräch mit der Freundin meiner Mutter. Und mitten in der Therapie trifft mich die Erkenntnis, dass es nun also doch wahr ist. Dass dieser Teil in mir, der immer noch versuchte zu leugnen, dass es passiert ist, der hoffte, dass ich es mir nur einbilde, keine Grundlage mehr hat. Es gibt Menschen, die es vermutet haben. Schon immer. Meine ehemalige Therapeutin hatte die Vermutung schon vor 14 Jahren. Meine jetzige Therapeutin auch schon seit über 6 Jahren. Ich habe mich vehement dagegen gewehrt. Bis dann die Erinnerungen kamen. Und dennoch war die ganze Zeit der Teil im mir, der sich sicher war, dass es nicht sein kann. Und nun gibt es da Menschen, die von damals erzählen. Meine Tante, die mir berichtet, dass es auch Thema im Sorgerechtsstreit war. Und nun die Freundin meiner Mutter, die von ihren damaligen Vermutungen erzählt. Es nimmt mir die Grundlage weiterhin daran zu zweifeln. Es nimmt mir die Grundlage die Flashbacks als Einbildung abzutun, für die Körpererinnerungen andere Gründe zu suchen, für den Hass gegen mich und all diese Dinge. Und mit dieser Grundlage verschwindet der Boden unter meinen Füßen. 

Meine Therapeutin bleibt mit mir sitzen. Legt mir eine Decke um, während ich zittere und verkrampfe und nicht mehr da bin. Sie bleibt mit mir sitzen, bis ich wieder denken, reagieren, handeln kann. „Ich bin froh, dass ich Ihren Lebensvertrag hier habe.“ sagt sie kurz bevor ich gehe. 

Die Fahrt ist verschwommen und lückenhaft. Ich schaffe es nicht, die Tränen zurück zu halten und es ist mir auch egal. Ich bemerke die Menschen um mich rum kaum, habe Mühe auf die Haltestellen zu achten. 

Zuhause will ich den AvD der Klinik anrufen. Ich kann nicht mehr dafür garantieren, dass ich die Verantwortung für den Lebensvertrag nicht noch tragen kann. Doch meine Leitung ist tot. Mein Handy hat kaum noch Guthaben, doch ich kann es nicht aufladen, da der Server nicht erreichbar ist. Gestern Abend habe ich dann gelesen, dass dieses Problem wohl seit Tagen besteht beim Handyanbieter. 

Also rufe ich mit dem wenigen Guthaben an. Hänge in der Warteschleife, erreiche keinen. Dann ist das Guthaben leer. 

N. fährt los, um mir einen Aufladebon zu bringen. Kurz bevor es an der Türe klingelt, geht das Telefon wieder und ich habe die Therapeutin am Telefon, die für mich zuständig war bei meinem letzten Aufenthalt. Ich erzähle ihr was los ist und sie sagt, dass ich direkt vorbeikommen soll. Also packe ich ein paar Dinge, versuche gegen die Gedanken im Kopf anzukommen, die mir entgegenbrüllen, dass Klinik bedeutet versagt zu haben, dass ich doch lieber einfach schneiden soll oder mir einfach was antun. 

N. bringt mich bis auf die Station, wo Schwester Angelika mich begrüßt. Zusammen mit dem AvD verschwinden wir im Büro des Arztes und führen das Aufnahmegespräch. Ich erzähle kurz was passiert ist. Erzähle kurz von der Zeit seit meinem letzten Aufenthalt. Die Ärztin sagt, dass ich richtig gehandelt habe. Auch Schwester Angelika sagt das. Doch es fühlt sich einfach nur beschissen an, es fühlt sich nach Versagen an. 

Ich bekomme Bedarf. Verschwinde im Zimmer und gehe nur zum Rauchen ab und an mal vor die Zimmertüre in den Raucherraum. 

Abends sagt mir auch Schwester Laura nochmal, dass ich richtig gehandelt habe. Dass es kein Versagen ist. Dass es gerade so anders ist als früher, dass ich ganz anders hier her komme. Freiwillig, bevor was passiert. „Das hatten wir auch schon ganz anders, mit Krankenwagen und Polizei.“ erinnert sie mich. 

Auch Pfleger Thorsten und Pfleger Andreas erinnern mich am nächsten Morgen daran, dass es kein Versagen ist. 

Mit Pfleger Kai rede ich am Abend, weil plötzlich wieder alles einstürzt und mich umhaut. Ich weiß nicht, ob ich die Kontrolle behalten kann, ob ich es schaffe mich zu melden. Wir vereinbaren, dass ich auf Station bleibe. Er sagt mir, dass es derzeit eine ganz andere Situation ist als früher. Ganz andere Voraussetzungen. Er versorgt mich mit Bedarf und Finalgon. 

Schwester Sabine kommt in den Nachtdienst und setzt sich für eine Weile zu mir aufs Bett. Wir reden, sie fragt wie sie mich unterstützen können. Und ich muss lächeln, denn mit ihr habe ich früher viele Dinge besprochen und erarbeitet auf Grundlage der dbt, mit ihr und Schwester Nathalie. Nun sitze ich hier, nach der dbt, und schreibe freiwillig VAs und diary cards, während die beiden mich früher damit quälten. 

Es fühlt sich immer noch furchtbar an hier zu sein. Aber gerade fühlt sich alles in mir einfach furchtbar an. 

Einatmen. Ausatmen. Es wird vorbei gehen. (auch wenn ich das gerade noch kaum glauben kann…)

‚Alles auf Anfang‘ klingt wie Aufbruch, doch hier bewegt sich überhaupt nichts mehr.
Manchmal tut’s gar nicht weh, manchmal ’n bisschen und manchmal sehr.

Die Tage zuhause

Das Aufwachen am Dienstag war zuerst ziemlich merkwürdig. Die Augen öffnen und alleine sein. Daraufhin musste ich mich erstmal in meine Decken wickeln und versuchen der Traurigkeit nicht allzu viel Raum zu geben. Ich habe einfach versucht an die schönen gemeinsamen Momente zu denken und daran, dass die Mädels trotz der Entfernung da sind. Der Rest des Tages lief dann erstaunlich gut. Ich habe ein wenig Ordnung gemacht, meine Tiere bekuschelt, die natürlich vor lauter Sehnsucht (ich war ja auch mindestens 3 Jahre weg!) ganz anhänglich waren (selbst die Möhrennasen), hab Serie geschaut und ein wenig telefoniert. 

Und dann scrolle ich mich durch Facebook und sehe einen Post, der meinen Puls in die Höhe schießen lässt und meinen Blutdruck in den Keller befördert. Ein Bekannter aus der Reha schreibt, dass er sich umbringen will. Ohne zu denken suche ich die Nummer der Polizeidienststelle und tippe sie ins Telefon. Dem Menschen am anderen Ende erkläre ich die Situation, gebe die Infos weiter, die ich habe. Das Posting ist erst wenige Minuten alt und ich hoffe, dass schnell genug gehandelt wird. Schnell ist auch die Polizei des Nachbarlandes informiert, was mir der Polizist einige Stunden später mitteilt. Er wird gesucht. Hier und in seinem Heimatland. 

Mich bringt das ganze aus dem Konzept. Ich verstehe Suizidalität, viel zu gut vermutlich. Etwas, das ich nicht verstehe, ist die Tatsache da einen Haufen Menschen mit rein zu ziehen. So überschlagen sich unter seinem Post die Kommentare, Menschen die suchen und sich Sorgen machen und hoffen und nachfragen. In 4 verschiedenen Sprachen (wobei ich Lëtzebuergesch echt nicht als Sprache ernst nehmen kann…) erscheinen die Kommentare im Minutentakt und ich bin völlig überfordert mit der Welt. Ich kann nicht viel mehr tun, also versuche ich auf mich zu achten und gehe einkaufen. Gefühlt 7 Meter stehe ich neben mir, kann kaum klar denken und schaffe es trotzdem irgendwie zum Supermarkt und zurück, koche mir Spargel (und verteidige ihn vor dem Katerkind) und ertränke ihn dann in viel Hollondaise. Facebook weiß immer noch nichts neues, also kippe ich mit einer doppelten Dosis Medis einfach ins Bett. 

Und dort bleibe ich auch fast den ganzen Mittwoch. Mein Körper ist unendlich müde, mein Magen spielt völlig verrückt und es gibt immer noch keine Neuigkeiten von der Suche. Ich schlafe, schaue Serie, stehe zwischendurch kurz auf und schlafe wieder. Und dann gibt es endlich die erlösende Nachricht: er wurde gefunden, lebend, und ist nun im Krankenhaus auf der Intensivstation. Über 24 Stunden haben sie gesucht und ich atme erstmal auf, drehe mich nochmals um und schlafe dann weiter. 

Gegen 5 Uhr gestern morgen beginnt der Zitronenkater mit dem Galoppieren. Von der Fensterbank über mich drüber, durchs Wohnzimmer, in der Küche über die Schränke und das Ganze wieder zurück. Nach mindestens 13 neuen blauen Flecken und 1,5 Stunden Galoppieren bewege ich mich dann eben aus dem Bett, füttere die ganzen Monster und verfluche die Energie, die das Katerkind hat. Ich nutze den Morgen und tapse zum Supermarkt, angel dort ein Bündel grünen Spargel und einen Energydrink und ziehe zurück in meine Wohnung, wo das Katerkind nun friedlich schlummert. Na danke, ich bin nun wach, da kann der Herr ja weiter pennen. Ich nutze die Uhrzeit und mache ein wenig Ordnung. Im Kampf gegen das Chaos komme ich nur langsam voran, viel zu langsam meiner Meinung nach, aber ich weiß, dass es eben nicht anders geht. Also in kleinen Schritten. Irgendwann koche ich, esse, verbringe den Abend dann mit dem Katerkind auf dem Schoß. 

Auch heute steht noch ein wenig Kampf dem Chaos an. Nur noch mein Schlafzimmer ist ziemlich durcheinander, im Rest der Wohnung sind es kleinere Baustellen. Und selbst im Schlafzimmer ist es eigentlich nicht so schlimm, ich müsste nur meine ganzen Unterlagen mal auf einen Stapel packen und die Bettwäsche, die der Kater aus dem Schrank geräumt hat, wieder dort rein packen. Immerhin habe ich schon einen kleinen Großeinkauf gemeinsam mit M. gemacht. 

Und ganz heimlich, still und leise habe ich die 400 Tage ohne Selbstverletzung erreicht, ohne es wirklich zu merken. 
Und abschließend:

Eine Kerze für E. 

Ich bin mir sicher, dass du mit A. nun Wiedersehen feierst. Danke, dass ich dich kennen lernen durfte und du mich damals so selbstverständlich an der Seite von K. akzeptiert hast. 

depressiv 1.2

Gerade merke ich mal wieder, wie labil dieses Konstrukt ‚Stabilität‘ eigentlich ist. In der Nacht auf Donnerstag fand ich keinen Schlaf. Erst am Mittag konnte ich für ein paar Stunden die Augen schließen und in Träume versinken. Und dementsprechend fertig war ich dann auch. Tag-Nacht-Rhythmus völlig im Eimer, Anspannung, Druck, Suizidgedanken, das volle Programm. Und obwohl ich dank Medis mittlerweile wieder einigermaßen ’normal‘ ins Bett gehe und aufstehe, so bin ich seitdem einfach noch kaputter als zuvor. 

In der letzten Nächten kämpfe ich mit mir, ob ich zum Telefon greifen soll, ob ich in der Klinik anrufe, ob ich ein wenig Erleichterung suchen soll von dem Chaos in mir. Doch ich tue es nicht. Zu sehr fühlt es sich nach Rückschritt an, zu sehr schmerzt der Gedanke Worte zu sprechen, die ich vor so langer Zeit so oft gesprochen habe. Ich weiß, rational, dass es Unsinn ist. Dass ‚gesund werden‘ keine gradlinige Sache ist. Dass es im Moment so ganz anders ist als früher, denn ich habe mich nicht verletzt und der Gedanke ans Aufgeben ist zwar im Kopf, aber ist absolut keine Option. Und dennoch… Es fühlt sich so sehr nach Rückschritt an. Doch zu sehr sind diese Gedanken und Gefühle in mir verwurzelt. Und für einen kleinen Moment blicke ich die Kiste mit den Tabletten an und denke mir, dass es doch vielleicht besser wäre still und leise aufzugeben, als diesen Rückschritt einzugestehen. In meinem Kopf ist so viel Grütze in diesen dunklen Momenten. 

Es sind nur noch ein paar Tage, bis ich meine Sachen erneut packe und in die dbt-Stadt fahre. Ich kann es immer noch kaum glauben, dass wir wirklich unsre ‚Gang‘ zusammen gekriegt haben und wir aus allen möglichen Ecken dort hin fahren und uns sehen. Ich freue mich unheimlich auf meine Mädels, freue mich darauf F., meine Nachbarin aus der Klinik, wirklich wieder drücken zu können, denn ich hab sie seit der Entlassung nicht mehr gesehen, genauso wie M., und natürlich die anderen, die ich zwar zwischendurch gesehen habe, aber genauso schmerzlich vermisse. Ich höre jetzt schon das Quietschen, wenn wir uns sehen und freuen und in die Arme fallen. 

Der Gedanke ans Wochenende lässt mich momentan durchhalten. Die Feiertage haben mich viel Kraft gekostet, außerdem habe ich seit Sonntag mörderische Kopfschmerzen und beginnende Anzeichen einer Erkältung. Ich hoffe, dass sie sich im Beginn wieder verflüchtigt. Denn zusätzlich zur kaputten Psyche kann ich einen völlig streikenden Körper gerade wirklich nicht brauchen, es reicht schon, dass er sowieso ziemlich im Eimer ist gerade. 

Es ist so anstrengend jeden einzelnen Tag zu kämpfen. Ich hoffe Tag für Tag, dass es besser wird, einfacher, heller. Vielleicht hilft das Wochenende, ein wenig woanders sein, wunderbare Menschen um mich rum haben, raus aus dem Alltag. Und bis dahin gibt es eben soviel Selbstfürsorge wie ich gerade hinkriege, ohne in Selbsthass zu versinken. 

depressiv 1.1

Vor der Türe noch lächelnd die Nachbarin grüßen und ein paar Worte wechseln. Hinter der Haustüre dann heulend auf den Boden sinken. Nach außen versuche ich den Schein zu wahren. Versuche so gut es geht das Bild aufrecht zu erhalten, dass die meisten Menschen von mir haben. Versuche mir nicht anmerken zu lassen, wie es gerade eigentlich in mir aussieht. Nur wenigen Menschen gegenüber bin ich ehrlich. Ein paar Freunde wissen es, die Pflegemenschen auf „meiner“ Station kriegen eine ehrliche Antwort, wenn sie fragen. Und die Anonymität des Internets lässt mich die Maske absetzen. Doch sonst versuche ich ein anderer Mensch zu sein als ich gerade eigentlich bin. 

Nur wenige kennen diese Dunkelheit momentan. Die Heftigkeit, mit der es mich gerade mal wieder umhaut und mir den Boden unter den Füßen wegzieht. 

Alles ist so ein Kampf derzeit, ein solcher Kraftakt. Selbst einfach nur zu atmen fällt so unglaublich schwer und ich sehne mich nach einer Klinge, die meine Haut zerteilt, die diese Leere füllt, die mich lebendig werden lässt. In meinem Kopf spielen die Gedanken verrückt, es geht um endgültige Auswege und Schlussstriche, die ich nicht nur auf meinen Armen ziehe. 

Es ist so schwer derzeit und ich weiß eigentlich nicht, wie ich das schaffen soll. Wie ich durchhalten soll, bis es endlich wieder besser wird. Und mit jedem Tag stapeln sich mehr und mehr Dinge, die ich erledigen sollte, die ich tun muss, die ich immer mehr vor mir her schiebe. 

Seit heute merke ich auch die körperlichen Folgen, die diese ganzen Tage haben. Ich merke, dass mein Körper dringend anständige und regelmäßige Nahrungszufuhr braucht. Doch ich schaffe es nicht, ich kriege es nicht hin. Wie gerne würde ich gerade flüchten, irgendwo hin in Sicherheit, und wenn diese Sicherheit die Klinik bedeutet. Aber es wäre ein Rückschritt, ein Versagen, ein weiteres Zeichen, dass ich es nicht schaffe. 

Noch einen Tag. Und noch einen. Und noch einen. Bis es wieder heller wird, bis ich nicht mehr nur noch überleben muss. Weiter, einfach weiter. 

Tinte. 

In den letzten Tagen klappt es wieder aktiver zu sein. Auch wenn die Antriebslosigkeit mich oft noch lähmt, ich kriege einige Dinge mittlerweile doch wieder auf die Reihe, schlafe und esse wieder halbwegs normal und gewinne in kleinen Schritten die Macht über das Chaos in meinen vier Wänden. 

Bald gibt es dann auch die Belohnung für mein Jahr ohne Selbstverletzung. Der Termin für die Tinte unter die Haut steht, ich bin schon furchtbar aufgeregt und würde am liebsten direkt loslegen. Ich freue mich wahnsinnig darauf. Andererseits stimmt es mich ein wenig traurig, denn seit die Idee des Tattoos in meinem Kopf ist war klar, dass ich auch ein Semikolon dabei haben möchte. Ich fand die Idee hinter dem project semicolon von Anfang an toll. Umso trauriger ist es, dass die Gründerin der Idee und letztendlich auch der Organisation vor einigen Tagen starb – durch Suizid. Es ist schade, denn sie hat so vielen Menschen dadurch Halt und Mut gegeben, auch mir. 

Ab nächster Woche werde ich wieder in die Reha-Klinik fahren, zur Nachsorge. Zweimal die Woche findet eine Gruppe statt, ich bin gespannt was mich dort erwartet. Vielleicht habe ich ja irgendwann auch mal Zeit noch beim Therapeuten vorbei zu schauen. 

Und so vergehen die Tage und ich bin erstaunt, dass ich so wenig Selbstverletzungsdruck und Suizidgedanken habe. Es ist, bis auf sie Antriebslosigkeit, ziemlich stabil in den letzten Tagen und ich bin froh, dass ich mich von mir selbst erholen kann. Vor der dbt gab es solche Zeiten kaum, vor allem nicht über mehrere Tage. Doch an Selbstverletzung habe ich nun wirklich nicht mehr gedacht und es ist erstaunlich, wie wenig es mir aktuell fehlt. Und da heute sowieso nichts im TV läuft und ich auch ziemlich erledigt bin, werde ich jetzt mit Buch ins Bett wandern und noch ein wenig lesen, denn das habe ich in letzter Zeit viel zu wenig getan. 

Möp. 

Ich fühle mich leer. Ich habe wieder Selbstverletzungsdruck. Und Suizidgedanken. 

Ich habe Angst, dass ich auf dem besten Weg bin wieder in einer depressiven Phase zu landen. Ich habe Angst davor, doch ich schaffe es auch nicht etwas dagegen zu tun. 

Ich habe es immerhin geschafft mich anzuziehen und einzukaufen. 5 Stunden habe ich nach dem Aufstehen gebraucht bis dahin. Dann habe ich tatsächlich noch was gekocht und gegessen. Und das war’s dann auch schon wieder mit produktiv sein. 

Viel zu wenig für meine Ansprüche. Doch ich kann es nicht ändern. Alles schimpfen und toben und wütend auf mich sein bringt nichts. Ich schaffe es nicht irgendwas zu tun. 

Es ist nun der zweite Tag in Folge. Ich versuche mich nicht im Selbsthass zu verlieren, versuche es einfach zu akzeptieren, versuche die Gefühle einfach da sein zu lassen. Versuche einfach zu atmen. 

Morgen wird es besser. Das sage ich mir immer und immer wieder, versuche mich daran festzuhalten, versuche mich damit durch die Stunden zu retten. Ich versuche den Berg an Dingen, der vor mir liegt, einfach zu vergessen, weil ich sonst vermutlich die totale Krise kriege. 

Einatmen, ausatmen, einatmen, ausatmen. Minute für Minute, Skill für Skill. Einfach weiter machen. 

Aufgeben. 

Ich mag aufgeben. Ich will einfach so gerne alles hinschmeißen. 

Am Donnerstag wollte der Supervisor, dass ich ihm und dem Therapeuten die Hand drauf gebe, dass ich am Freitag wieder komme. Heil. Und im Hinterkopf war direkt der Gedanke „Jo. Passt. Aber darüber hinaus, pf!“ Nicht wegen dem Therapeuten, sondern weil der Supervisor mich so angekotzt hat. 

Danach saß ich unten auf dem Sofa. Wütend, angespannt, erledigt. Der Therapeut kam nochmal vorbei. Er streckte mir die Hand hin, hielt meine bis ich ihm in die Augen sah. „Bis Montag.“ sagte er. Und ich erwiderte „Bis Montag.“ während ich ihn anblicke und weiß, dass ich das halten werde, denn dieses unausgesprochene Versprechen ist etwas anderes als die Worte zuvor im Büro des Supervisors. 

Und dennoch. Ich will gerade einfach alles hinwerfen. Es ist mehr als ein „ich will“, denn es gibt einen Plan, es gibt eine Lösung für meine Tiere. 

Meine Tiere. Da kann ich nicht mehr weiter denken. Die Schweinchen, klar, sie kennen mich und sind an mich gewöhnt, aber sie kämen auch ohne mich zurecht. Doch der Zitronenkater, dieses bekloppte Fellbündel, das so sehr an mir hängt… Wenn er sich irgendwo hin quetscht, egal wie wenig Platz da ist, nur um dicht an mir zu liegen. Wenn er alle paar Stunden nach Hause kommt vom draußen umherziehen, sich an mir reibt und kurz kraulen lässt und dann wieder verschwindet, als ob er nur nachschauen mag, ob ich noch da bin und auf ihn warte. Wenn er sich auf mir zusammen rollt und lieber in Kauf nimmt geweckt zu werden, wenn ich mich bewege, als irgendwo ohne mich in Ruhe zu schlafen. Wenn ich eine Weile nicht da war und er sich auf den Boden schmeißt, an mir reibt, mich ableckt und schnurrt wie ein Irrer… Nein. Ich kann ihn nicht alleine lassen. Und ich kann auch das unausgesprochene Versprechen nicht brechen und ich kann auch nicht übergehen, dass an meiner Wand ein Blatt mit Worten hängt, dass für mich mehr ist als nur ein Blatt mit Worten. Und ich kann auch nicht übergehen, dass ich der Traumagruppentherapeutin gesagt habe, dass der Lebensvertrag existiert und steht. Und dann ärgere ich mich wieder über meine Psychologin in der DBT, denn sie wusste genau, dass ich irgendwann so hier sitzen werde und mich diese Worte halten, dieses Versprechen mir gegenüber, bezeugt von ihr und der Oberärztin und meiner ambulanten Thera. Und ich sehe ihr Gesicht vor mir, als ich ihr damals schon sagte, dass ich mich irgendwann ärgern werde. Und ich muss lächeln. Denn diese Gedanken machen es gerade ein wenig leichter, weil ich weiß, dass ich nicht aufgeben kann. Egal wie sehr ich es möchte. 

Stattdessen werde ich der Psychologin gleich eine Mail schreiben. Sie sagte, dass ich ihr schreiben kann, wenn ich mich ärgere und dass sie sich darüber freuen wird. Und dann werde ich meine Medis nehmen, mich ins Bett kuscheln und die Wärme des Zitronenkaters auf mir genießen. Am Montag werde ich den Therapeuten wieder sehen. In zehn Tagen werde ich der Traumagruppentherapeutin schreiben, dass ich es geschafft habe. Und Pfleger Arschkeks wird eine Postkarte von mir bekommen. Ich werde wieder einen Termin bei meiner Therapeutin haben, einen der letzten. Es wird Frühling werden und Sommer und Herbst und Winter und wieder Frühling und ich werde weiterhin kämpfen und atmen und leben. Denn Aufgeben ist keine Option. Manchmal leider. Manchmal zum Glück. 

Weiter machen

Meine Wohnung sieht aus wie ein Schlachtfeld par excellence. Meine Kraft in den letzten Tagen ging völlig drauf für atmen und durchhalten. Doch das will ich heute ändern, denn ich fühle mich nicht mehr wohl. Und ich brauche vielleicht ein wenig äußere Ordnung gegen das innere Chaos. Und außerdem will ich meinen Kopf beschäftigen, damit ich nicht an Selbstverletzung denken muss. 

Also werde ich gleich erstmal meine Tasche schnappen und zum Supermarkt ziehen. Seit nun 6 Wochen habe ich kein Geld mehr bekommen, die Rentenversicherung lässt sich Zeit. Also kratze ich die letzten Reste zusammen, denn ich sollte was essen und die Meeris und der Herr Kater sowieso. Bevor meine Tierchen hungern ernähre ich mich lieber nur von Nudeln ohne Soße. 

Und dann ist die Frage aller Fragen: wo fange ich an? Vermutlich ist das Wohnzimmer am sinnvollsten, der Mittelpunkt meines Lebens hier. Und von dort ausgehend dann in beide Richtungen. Mit Hörbuch oder Serie. Ich muss es endlich in Angriff nehmen. 

Draußen beginnt der Frühling. Wie sehr habe ich die Sonne vermisst, wie sehr hat mir die Wärme gefehlt. Von mir aus kann es direkt so in den Sommer übergehen. 

Und nun lege ich los, starte in den Tag, beschäftige mich, atme weiter, halte weiter aus. Bis ich wieder lebe und nicht mehr nur überlebe, bis es endlich wieder einfacher wird. Bis ich nicht mehr nur das Gefühl habe aus Traumafolgen zu bestehen, sondern wieder ein freier und atmender Mensch bin. Der andere Weg wäre wieder zu schweigen, wieder zu verdrängen. Doch das möchte ich nicht. Ich will nicht mehr schweigen. Ich will leben, damit leben. Laut und nicht lautlos.