Nie zurück, nur nach vorne gehen

Diesen Blumenstrauß bekam ich vor zwei Jahren und 4 Tagen von meiner besten Freundin. Nein, sie hat damals nicht schon früher zum Geburtstag gratuliert. Wobei? Eigentlich ja schon.

3 Jahre sind vergangen seit dem Suizidversuch. 3 Jahre und 4 Tage. Vor 3 Jahren und 4 Tagen lag ich auf der Intensivstation und wollte so sehr endlich ’ne Zigarette rauchen nach den merkwürdigen Stunden, die seit meinem Aufwachen zwischen Kabeln und Schläuchen vergangen waren.

Ein „ich bin froh, dass du lebst“ – Blumenstrauß.

Letzte Woche war ich kurz auf der Station. Denn die Verlängerung meines Lebensvertrags rückt langsam aber sicher näher und ich überlege schon, wer als Zeuge unterschreiben darf. Und zu meinem Glück ist auch genau die Person, die ich treffen wollte, im Dienst. Schwester Nathalie beantwortet meine Frage mit einem „Gerne“, fragt wie das Studium ist, wie es so läuft. Ich erzähle, dass es nur noch ungefähr 1,5 Monate sind bis zum 2. Jahr ohne Selbstverletzung.

„Hätten Sie das gedacht?“ Ich schüttel den Kopf und muss lächeln. „Frau Zitrone, ich kriege Gänsehaut!“ meint sie und schiebt „Es ist schön zu sehen, dass das was wir hier auf Station tun auch mal Früchte trägt!“ hinterher. Ihr bestelle bei Pfleger Arschkeks noch 682 Smileys to go und gehe zum ersten Mal seit langem wieder zur Achtsamkeit.

Es ist gut momentan. Da ist wieder Zeit für mich, Zeit für zwischenmenschlichen Kram wie mal Kaffee trinken, Zeit einfach daheim krank im Bett zu hängen (wobei ich das krank auch gerne los wäre), Zeit das Katerkind nach dem Aufwachen ausgiebig zu bekuscheln. Eigentlich sollte da auch Zeit zum lernen sein, doch in meinem aktuellen Fieberkopf ist dafür kein Platz.

Und trotzdem ist es manchmal einfach gar nicht gut. Trotzdem ist da manchmal kein Platz mehr in meinem Kopf vor lauter Suizidgedanken und Selbstverletzungsdruck. Aber vielleicht ist das okay. Vielleicht ist es okay, dass auch diese Dinge ihren Platz brauchen, immer noch und immer wieder. So oft sehe ich, wie viel sich in den letzten Jahren getan hat und sehe in solchen Momenten dann doch nur das negative, nämlich dass der Druck immer noch kommt, die Gedanken immer noch manchmal tagelang meinen Kopf beschäftigen. Und trotzdem ist es so viel besser, schon allein die Tatsache, dass der Druck nicht zu Selbstverletzung wird und die Suizidgedanken nicht zu einer Impulshandlung.

29 Jahre Leben. Und 3 Jahre Leben. Irgendwie wirklich eine Art doppelter Geburtstag.

Niemand kann mir diktieren, wohin es für mich geht
Niemand über den Wolken und niemand der hier unten lebt

Ich wollte nie wie all die Ander’n sein
Ich weiß besser, was ich will
Das entscheide ich allein
Wer ich bin und was mit mir passieren wird, entscheide ich alleine
Lass Brücken brennen und Herzen glühen
Nie zurück, nur nach vorne gehen

Mein Start in die neue Woche war ziemlich bescheiden. Kurz vor 4 Uhr wache ich auf, schweißgebadet. Ich muss mich erstmal umziehen und kann dann nicht mehr schlafen. Das einzig gute daran: ich war rechtzeitig wach um in die Klinik zu fahren. 

Der Therapeut drückt mir morgens einen neuen Plan in die Hand, für 16 Uhr hat er mir noch ein Einzel eingetragen. Hmpf. Ich bin eigentlich viel zu müde, um überhaupt die Augen offen zu halten, dann noch bis mindestens 17 Uhr und dann noch heim fahren… Bäh. Doch irgendwie funktioniert es und als ich endlich daheim ankomme bin ich zu wach um zu schlafen. Prima. 

In Einzel haben wir eine Lebenslinie gemacht. Was waren die gravierenden Zeitpunkt, die mich und mein Leben beeinflusst haben? Eigentlich ist es eine Aneinanderreihung von traumatischen Erlebnissen. Die Scheidung meiner Eltern, der Umzug nach BaWü, der Wechsel der Tagesmutter, die erste Selbstverletzung, der Beginn der Therapie, die Inobhutnahme, Suizidversuche, Klinkaufenthalte, der Wegzug in Richtung meiner Hauptstadt, der Absturz vor 2 Jahren, Suizidversuch, Klinkaufenthalte. Und irgendwo dazwischen die ganze Gewalt. Der Therapeut atmet danach erstmal tief durch. Ich tue es ihm gleich. „Wie haben Sie das überlebt?“ fragt er mich und ich frage es mich auch. Er fragt nach Strategien, Haltepunkten. Da ist ganz klar die Selbstverletzung, die jahrelang Halt gab und mich weiter leben ließ. Da ist meine ehemalige Therapeutin und als ich so geballt sehe, was alles passiert ist, wird mir wieder einmal klar wie viel sie getan hat für mich, wie sehr sie mich unterstützt und getragen hat durch die Jahre. Und da ist meine Schwester. Und ich beginne zu weinen, denn wieder einmal überflutet mich die Traurigkeit, dass ich erst in den letzten 8 Jahren so intensiv in ihrem Leben bin, dass mir so viele Momente mit ihr fehlen. Und dann die Wut. „Ich hasse ihn mehr dafür, dass er mir all diese Möglichkeiten genommen hat meine Schwester aufwachsen zu sehen, als für die Dinge, die er mir sonst angetan hat.“ sage ich dem Therapeuten, als er fragt, was gerade passiert. Und es ist so. Und im Rückblick hasse ich ihn auch dafür, dass er damals versuchte mir einzureden, dass meine Mutter nun ein neues Kind hat. Doch das hat nichts daran geändert, dass ich dieses kleine Wesen von Anfang an mehr geliebt habe als alles andere auf der Welt. 

Bevor er mich gehen lässt fragt er, wie es mir geht. Und seltsamerweise ist es okay. Es ist zum ersten Mal okay über all diese Dinge zu reden, sogar in so geballter Form. Es war anstrengend, ich bin völlig erledigt, aber es war okay. 

Die Nacht auf Dienstag ist wieder zu kurz. Ich schlafe erst gegen 2 Uhr ein, werde kurz nach 6 zum ersten Mal vom Wecker angepiepst, quäle mich um 7 endlich unter den Decken hervor, mache mich fertig und auf den Weg zur Klinik. 

Ich habe zum ersten Mal Traumagruppe. Die Therapeutin ist sehr nett und beruhigt, als sie erfährt, dass ich gerade erst die DBT gemacht habe und es meistens hinkriege schwere Situationen zu händeln. Wir sind eine kleine Gruppe, nur 4 Leute und ich halte mich zurück und beobachte, während der Zusammenhang zwischen der aktuellen Situation und den Kriegserlebnissen eines Mitpatienten aufgedröselt werden. Ich fühle mich relativ wohl und sicher dort und ich denke, dass ich sicherlich dort auch in der Lage sein werde von meinen Dingen zu berichten. 

Die letzte Nacht habe ich immerhin 7 Stunden geschlafen. Nach zwei Stunden in der Klinik mache ich mich auch schon wieder auf den Rückweg, mehr steht nicht auf meinem Plan. 

Es ist ein schwerer Tag heute für mich. Vor 2 Jahren fühlte ich mich an diesem Tag einfach nur furchtbar, noch furchtbarer als in den Tagen zuvor. Und in der Nacht griff ich dann zu Alkohol und Tabletten. Ich wollte sterben. Ich erinnere mich nur noch verschwommen an Polizei und Krankenwagen und Notarzt und Intensivstation. Aber umso deutlicher sind die Gefühle präsent. Die tiefe Schwärze in mir, die Hoffnungslosigkeit, der Wunsch es nur noch zu beenden. 

Zwei Jahre liegt es nun zurück. Eine kurze und dennoch lange Zeit. Vieles ist seitdem anders. Vor allem besser anders. Aber dennoch gibt es die dunklen Momente. Und an solchen Tagen, besonders an diesem Tag, holt es mich ein. 

Ich denke darüber nach, dass es so knapp war. „Zehn Minuten später“ sagte der Notarzt damals. Zehn Minuten später und ich hätte es geschafft gehabt. Und ich weiß nicht, ob ich froh sein soll. Meistens bin ich es, doch heute denke ich immer wieder darüber nach, dass es dann endlich vorbei gewesen wäre. Die Gedanken begleiten mich über den Tag, drängen sich immer wieder auf, lassen mich nicht los. 

Irgendwann ziehe ich los und besuche eine Freundin in der Klinik. Und es tut auch mir gut. Pfleger Kai kennt mich seit Anfang an, er kennt all die schlimmen Momente und es tut gut nochmal darüber zu reden und auch zu sehen, wieviel seitdem anders ist. Und auch mit Pfleger Andreas rede ich, ihn kenne ich zwar noch nicht so lange wie die anderen, aber auch er hat viel mitbekommen und sagt, dass ich stolz sein kann auf mich. 

Dann läuft der Psychopeut vorbei. Er lächelte mich an, fragt wie es ist, wie es mir geht, ob ich in die Klinik gegangen bin. „Ich habe es sogar durchgezogen!“ antworte ich ihm. 

Es fühlt sich wie immer merkwürdig an. Fremd und doch vertraut. Aber wie auch bei den letzten Malen bin ich froh, dass ich diesen Rückhalt nicht mehr so intensiv benötige wie früher. Es beruhigt immer noch, dass die Klinik notfalls da ist, aber mehr auch nicht. Ich hoffe es bleibt so. 

Den Rest des Abends verbringe ich mit zocken und Katerkind kraulen. Ich habe den Tag überstanden und ich werde auch die Nacht überstehen. Es ist nicht mehr wie vor 2 Jahren. 

Morgen muss ich Zutaten besorgen für einen Kuchen. Am Samstag kommt Geburtstagsbesuch. Am Freitag werde ich mit Bibi und N. zur Feier des Tages zum Sushi-Mampfen gehen, darauf freue ich mich. Für mehr Feierei habe ich nach der Tagesklinik keine Lust mehr. 

Die letzten Tage 

Ich hätte nicht gedacht, dass ich mich irgendwann mal über Kopfschmerzen freue. Denn damit erwache ich am Sonntag morgen. Leichte Kopfschmerzen. Im Vergleich zu den Schmerzen der zwei Tage zuvor ist es eine enorme Erleichterung. Auch die Übelkeit hält sich in Grenzen. 

Und so kann ich doch ein wenig produktiv sein. Ich drucke eine Ladung diary cards aus, ich spüle mein Geschirr, ich koche mir Spaghetti Bolognese und mampfe eine Portion mit viel Käse. Zwischendurch kraule ich immer wieder das Katerkind, telefoniere mit meinem Püffchen, schaue Serie. 

Nicht mal mehr 1 ½ Wochen. Dann kommt der Tag, vor dem ich letztes Jahr echt Angst hatte. Auch dieses Jahr kriege ich ein komisches Gefühl im Bauch, wenn ich daran denke. An diesem Tag vor zwei Jahren wurde ich auf der Intensivstation wieder wach. Ich erinnere mich nur noch verschwommen an die Ergebnisse davor. An den RTW, an die Polizei, an den Notarzt der kam und an seine Worte, an die magischen zehn Minuten, die mich davor bewahrt haben nun nicht mehr da zu sein. Ich erinnere mich an meine Mutter neben meinem Bett. Und am deutlichsten an Schwester Nathalie und Schwester Sabine in der Klinik, an ihre Worte. 

Als es in der DBT um meine Behandlungsziele ging, da war eins für mich klar. Ich will nicht mehr an diesen Punkt. Ich will das nicht nochmal durchleben. Und die Suizidalität wurde dann auch zum obersten Therapieziel. Ich hätte nicht gedacht, dass ich da so viel ändern kann. Als es am Anfang darum ging, die Notausgangstür zu schließen, da dachte ich mir nur „jaja, is klar“. Mir war schon klar, dass ich daran arbeiten muss, ich wollte diese Türe auch schließen, aber das sich wirklich so viel daran ändern kann… Niemals hätte ich das geglaubt. Tja. Wie bei so vielen Dingen. 

Klar ist die Türe nie komplett zu. An manchen Tagen stehe ich mit der Klinke in der Hand da und werfe einen Blick durch den Spalt. Aber mehr passiert nicht. Die Türe öffnet sich nicht so weit, dass ich durchpassen würde. Ich stehe auch nicht mehr ständig daneben um raus zu springen und zu flüchten. Und so oft vergesse ich, dass es diese Option überhaupt gibt. 

Es macht vieles leichter. Ich merke, wieviel Kraft es mich immer gekostet hat diese Gedanken an Suizid auszuhalten, wieviel Kraft mich diese ständig offene Tür gekostet hat. Nun ist klar, dass es keine Option ist. Nicht mehr. Auch wenn die Gedanken da sind, auch wenn sie extrem werden, ich habe einen Lebensvertrag, ich habe klare Handlungsabfolgen bei hoher Suizidalität. Ich habe ein großes Stück mehr Sicherheit im Umgang mit mir in solchen Situationen. 

Gestern war ich zum ersten Mal wieder bei meiner Therapeutin. Ich habe ihr von der Klinik erzählt, von den Dingen, die seitdem anders sind, habe ihr den Lebensvertrag zum unterschreiben gegeben. Sie sagt mir, dass man mir ansieht, dass es besser ist, dass ich entspannter wirke, dass es nicht mehr so aussieht, als würde ich ständig mit aller Kraft gegen die Dinge in mir kämpfen. 

Ich erzähle ihr auch von dem Treffen mit meiner Kinder- und Jugendtherapeutin. Dass dieses Treffen einige Dinge geändert hat. Dass ihre Worte mir geholfen haben zu akzeptieren, dass die Dinge Wirklichkeit waren. Zu wissen, dass ihr bereits vor fast 14 Jahren klar war, was in mir tobt, hat es ein Stück weit mehr Realität werden lassen und mir geholfen es anzunehmen. Und es hat mir gezeigt, wie sehr sie damals an meiner Seite stand, wie viel sie mich unterstützt und mir geholfen hat und auch geschützt. 

Meine Therapiestunden sind aufgebraucht. Ich kann nur noch alle 4 Wochen kommen. „Aber es gibt ja immer Ausnahmen von der Regel.“ sagt sie zu mir. Im Notfall wird sie da sein, das weiß ich. Wenn es brennt, dann wird sie mich unterstützen und mir helfen. 

Morgen bin ich mit M. verabredet, wir werden wohl unser übliches Programm machen, die Zweier-Bordi-Gang on Tour. Und am Donnerstag wird meine Reha starten. Ich bin gespannt. Ich habe erstmal einen Berg Fragen für dort. Wie das mit den Medis laufen wird, wie es mit „Urlaub“ aussieht, mit den Terminen, die ich sonst noch so habe, wie die Therapien laufen werden und, und, und. 

Und bald steht dann unweigerlich mein Geburtstag vor der Tür. Vielleicht sollte ich ihn zweimal feiern. Am Tag des Suizidversuchs und am eigentlichen Tag. Ich könnte auch einfach dann gleich 3 Tage durchfeiern. 

Auch heute war ich relativ produktiv, ich war einkaufen, habe meine Schweinchen mit Salat und Gurke bombardiert (bei den Preisen derzeit werde ich definitiv arm), hab mit dem Katerkind gespielt, in meinem Schlafzimmer ein wenig weiter das Chaos bekämpft, habe mit der Krankenkasse telefoniert und versucht bei meinem Internetanbieter jemanden zu erreichen zwecks Kündigung bzw. Angebot für eine Verlängerung, habe mit der kleinen Hexe telefoniert und mit Puffi und mit Mama, habe meine Medikament sortiert und alle in der Schublade verstaut, damit sie nicht ständig an tausend Orten liegen, mir eine Pizza in den Ofen geschmissen und sie dann gemampft (und gleichzeitig vor dem Zitronenkater verteidigt), Wäsche sortiert und geduscht. Es war heute eine gute Mischung aus etwas tun und rumgammeln. 

Bevor ich mich mit M. treffe muss ich morgen noch beim Psychiater vorbeischauen, ich brauche MPH, ich hab ja keinen Plan wie das bei der Reha läuft, ob ich meine Medis von dort kriege oder nicht oder wie oder was. 

Ich bin immer noch erstaunt darüber, dass kein Absturz kam. Dass nicht wieder alles über mir zusammen bricht. Klar gibt es beschissene Momente, aber es sind eben Momente, kein Dauerzustand. Es erleichtert so viel. Und ich hoffe es wird so bleiben. Ich wünsche es mir so sehr. 

Verhaltensanalysen und andere Katastrophen 

Beim Blick auf den Plan für heute stelle ich fest, dass ja schon Mittwoch ist. Also bin ich nun eine Woche hier. Es kommt mir gar nicht so vor. Einerseits habe ich das Gefühl, dass ich gerade erst gestern hier ankam und überfordert auf mein Bett sank, andererseits fühlt es sich so an, als ob ich schon mehrere Wochen hier bin. 

Unsere Borderline-Gruppe hat momentan eine super harmonische Zusammensetzung. Heute kam jemand neues, damit sind wir wieder zu fünft. Ich bin gespannt auf sie und ob die Gruppe so harmonisch bleibt. Auch mit den anderen Patienten auf der Station verstehe ich mich gut. Es gibt niemanden, bei dem ich sagen würde ich kann ihn überhaupt nicht ausstehen. Klar habe ich mit manchen mehr zu tun als mit anderen, aber im Großen und Ganzen fühle ich mich hier wirklich wohl. Das Personal ist einfach nett, mein erstes Pflege-Einzel gestern war total gut und produktiv. Die Therapien machen Spaß und haben auch einen Sinn für mich. Schon alleine aus der einen Stunde Körpertherapie gestern konnte ich vieles mitnehmen. 

Heute morgen habe ich meine „Hausaufgaben“ für das nächste Einzel erledigt. Eine Verhaltensanalyse schreiben vom letzten Suizidversuch. Es ist schon erstaunlich wie schnell man Gefühle und Gedanken, die schon 1 ½ Jahre zurück liegen, plötzlich wieder so intensiv spüren kann. Ich sitze auf dem Bett und schreibe und fühle die Verzweiflung, die Angst, den Schmerz. Ich bin froh, dass ich das erledigt habe. Nun fehlt nur noch die Verhaltensanalyse von der letzten Selbstverletzung. Und an dieser Stelle will ich stolz verkünden, dass ich bereits seit 25 Wochen nicht mehr geschnitten habe! Es fühlt sich so unwirklich an, so unvorstellbar weit weg. Und gleichzeitig denke ich auch daran, dass es sich irgendwie anfühlt, als ob es erst wenige Tage her wäre. Genauso verkorkst wie das Zeitverhältnis im Bezug auf meine Aufenthaltsdauer hier. 

Am Samstag will meine Mama kommen. Einerseits freue ich mich total darauf, andererseits habe ich auch ein wenig Angst. Ich mag mit ihr nicht über die Themen reden, die mich hier her geführt haben. Nicht über Selbstverletzung und meinen Vater und sonstigen Kram. Ich will keine Diskussion führen, dass ich eigentlich gar keine Therapie brauche, dass ich keine großen Probleme habe. Ich hoffe einfach, dass es ein schöner Tag wird, dass wir viel draußen und unterwegs sein können. 

Morgen und übermorgen steht nicht allzu viel auf meinem Plan. Ich hoffe auf ein paar ruhige Stunden, in denen ich vielleicht die Möglichkeit finde zu lesen und mir selbst Gutes zu tun. 

Wer zum Teufel ist eigentlich diese Borderline und was macht sie in meinem Leben? 

Oftmals sind Leute irritiert, wenn ich ihnen von meiner Diagnose erzähle. „Wie, Zitrone? Du bist aber gar nicht so wie die ganzen Borderliner?“ 

Da stellt sich mir erst mal die Frage: was und wie  sind denn „die ganzen Borderliner“? Generell werden wir als manipulative, drogensüchtige, völlig durchgeknallte und therapeutenfressende Monster angesehen. Jedenfalls habe ich dieses Gefühl sehr oft, wenn ich Berichte schaue oder lese, wenn Menschen über Borderline reden oder wenn ich meine Diagnose nenne. Und dann gibt es diese Menschen, bei denen direkt „ach, dass sind doch die die sich ritzen!“ kommt. Und auch da könnte ich platzen. Ich werde manchmal auf meine Narben angesprochenen, meistens fällt dann relativ schnell der Satz „Du hast Borderline.“ Noch besser ist ja: „Du bist Borderline.“ Ich bin auch nicht Erkältung wenn ich krank bin oder Zahnstein wenn ich welchen habe. Möp. *Kopf meets Tischplatte*

Borderline ist ein vielschichtiges Krankheitsbild. Wenn man von insgesamt 9 Kriterien mindestens 5 erfüllt, bekommt man die Diagnose. Offiziell nennt sich das ganze dann „emotional instabile Persönlichkeitsstörung – Typ Borderline“. Der Begriff selbst entstand, als ein netter Mann psychische Störungen in die Bereiche neurotisch und psychotisch teilte und dieses Krankheitsbild einfach weder zum einen, noch zum anderen passte. Also kam die Grenze zwischen beiden als passenden Platz für die Krankheit und bekam dadurch den doch gut passenden Namen. 

Generell ist die Krankheit geprägt von Impulsivität, Instabilität bei zwischenmenschlichen Beziehungen und im Selbstbild.

Das erste Kriterium, Bemühen tatsächliches oder vermuteten Verlassenwerden zu vermeiden, nennt schon einen wichtigen Punkt: alleine sein. Dieses Gefühl ist für viele einfach unerträglich. Ich habe oftmals die Erfahrung gemacht, dass viele Borderliner sich sehr über ihre Partnerschaft definieren und eigentlich als eigenständige Person kaum existent sind. Früher hatte ich auch oft Panik davor, dass ich alleine gelassen werden. Heute ist das manchmal immer noch so. Ich habe Angst, dass meine Therapeutin plötzlich sagt, dass sie nicht mehr mit mir arbeiten will, dass Freunde sich plötzlich abwenden. Aber es ist schon deutlich besser geworden. 

Ein Muster instabiler und intensiver zwischenmenschlicher Beziehungen, das durch einen Wechsel zwischen Extremen der Idealisierung und Entwertung gekennzeichnet ist passt auch gut zum Namen ‚Borderline‘. Es gibt nur schwarz und weiß, entweder oder, und dazwischen nichts als die Grenze, die ‚Borderline‘. Generell habe ich zwar intensive, aber kaum instabile Beziehungen. Wer es mal in mein Leben geschafft hat bleibt meistens auch dort, selbst wenn der Kontakt vielleicht weniger intensiv wird, so vergesse ich diese Menschen doch nicht und habe dennoch ab und an Kontakt zu ihnen. Allerdings kenne ich durchaus diesen Wechsel zwischen schwarz und weiß, auch wenn es nicht mehr allzu oft passiert. Das beste Beispiel aus der nahen Vergangenheit ist meine Therapeutin: sie sagte etwas und ich war furchtbar angepisst, habe sämtliche Stunden abgesagt und mich 9 Monate lang nicht gemeldet. Sie war einfach nur doof, unfähig, wasweißich. Aber eben durchgehend schwarz. 

Mit der Identitätsstörung (ausgeprägte und andauernde Instabilität des Selbstbildes oder der Selbstwahrnehmung) habe ich oft zu kämpfen. Manchmal mag ich mich, manchmal finde ich mich furchtbar, aber generell ist mein Bild von mir selbst eher negativ geprägt. Wenn ich etwas gut mache, so sehe ich dennoch überall Fehler, meiner Wahrnehmung nach mache ich alles falsch, was man falsch machen kann. Unter diesen Punkt fällt auch die leidige Frage „Wer bin ich eigentlich überhaupt? Oder was bin ich?“. Vielleicht gründet darin auch der statistisch häufige Abbruch von Schulen und Ausbildungen oder der Wechsel von Jobs. Wenn man auf der Suche nach sich selbst ist fällt es einem schwer sich für den Rest des Lebens auf eine bestimmte Richtung festzulegen.  Borderlinern wird auch Instabilität im Hinblick auf die sexuelle Orientierung nachgesagt. Oft bekomme ich zu hören, dass meine Orientierung ja auf der Grundlage von Borderline entstanden wäre, ich ja eigentlich gar nicht wüsste was ich will. Stimmt aber nicht. Als ob ich nicht wüsste welches Geschlecht ich mag oder das jeden Tag neu entscheiden würde… 

Bei Impulsivität in mindestens zwei potenziell selbstschädigenden Bereichen (keine Selbstverletzung oder suizidale Handlungen)  kann ich auch laut „Hier!“ rufen. Ob ich nun dazu neige Geld auszugeben, gelegentlich mal irgendwelche Substanzen zu missbrauchen, Essanfälle mit anschließender Kotzeinlage hinlege oder einfach handle ohne nachzudenken: Impulsivität ist bei mir definitiv vorhanden und manchmal auch echt eine verhängnisvolle Angelegenheit. Man sollte doch generell erst nachdenken und nicht direkt aussprechen, was man im Kopf hat… 

Wiederholte suizidale Handlungen, Selbstmordandeutungen/-drohungen oder selbsrverletzendes Verhalten… Ähm. Ja. Wer mich kennt und meinen Blog liest, der weiß, dass ich mich selbst verletze. Oder habe. Oder verletzen werde. So genau kann man das nun nicht sagen. Fakt ist, dass ich mit elf Jahren begonnen habe mir in die eigene Haut zu schneiden, dass ich während dieser Zeit auch immer wieder lange Phasen von sogar mehreren Jahren ohne Schneiden hatte und nach über einem Jahr der extremen Selbstverletzung nun seit über 5 Monaten wieder frei vom Schneiden bin. Zum selbstverletzenden Verhalten zählt aber nicht nur das Schneiden, es kann auch Verbrennen, Schlagen gegen irgendwas, Haare ausreißen, beißen, Kratzen , Einnahme schädlicher Substanzen sein und so weiter und so fort. Ich habe generell eigentlich immer „nur“ geschnitten, wobei gelegentlich auch Verbrennungen und Kratzen dazu kam, ab und an auch mal irgendwo so lange dagegen hauen bis man blaue Flecken hat. Die Selbstverletzung hat den einfachen Grund den Druck in sich selbst abbauen zu wollen und sich selbst wieder zu spüren. Funktioniert, allerdings nur kurzfristig und eben nicht konstruktiv (leider). Unter diesem Kriterium kann man auch anführen, dass man eben mal einen Berg Tabletten futtert, nicht um sich umzubringen, aber mit dem Wissen, dass es eigentlich passieren könnte. Und eben eine klare suizidale Handlung. Mein letzter Suizidversuch war Anfang 2015 und endete in der Psychiatrie, mit einem Zwischenhalt auf der Intensivstation. Keine schöne Erfahrung und etwas, das mich bisher auch davon abhielt es nochmal zu tun, wenn gerade alles dunkel und schwarz ist. Ich mag nicht wieder überall Schläuche haben, keine Kontrolle mehr über mich und 3 Wochen nicht von der Station zu dürfen war auch nicht gerade toll. 

Affektive Instabilität infolge einer ausgeprägten Reaktivität der Stimmung klingt furchtbar kompliziert, bedeutet aber kurz und knapp nichts anderes als Stimmungsschwankungen. Die Stimmung kann durchaus innerhalb von Sekunden kippen, egal in welche Richtung und auch absolut ohne ersichtlichen Grund. Im Gegensatz zu einer Manie oder Depression dauern diese Zustände meistens nur ein paar Stunden, selten länger als ein paar Tage. Ich habe zusätzlich zur BPS-Diagnose auch noch eine diagnostizierte Depression, also dann durchaus auch mal längere depressive Phasen. Ein Leben auf der Achterbahn ist fuchtbar anstrengend, sowohl für das Umfeld als auch für einen Selbst. Es ist zum kotzen, wenn man von der guten Laune plötzlich ins Bodenlose fällt und eigentlich nichts dagegen tun kann. Seit ich Medikamente nehme sind diese Berg- und Talfahrten nicht mehr so extrem ausgeprägt, es wurden ihnen quasi die Spitzen genommen. Dennoch erlebe ich diese Schwankungen immer noch, habe immer noch meine Probleme damit und gehe mir oftmals damit gewaltig selbst auf die Nerven. 

Das chronische Gefühl von Leere empfinde ich persönlich oftmals als das schlimmste Kriterium. Besonders wenn man gerade dabei ist mit der Selbstverletzung aufzuhören. Plätzchen (was machen Plätzchen nun hier? Die sind zwar lecker, aber hier gehört ein plötzlich hin. Also nochmal.) Plötzlich ist da nichts mehr, kein Gefühl, nur Leere und Leere und Leere. Man fühlt sich wie taub, innerlich erfroren, nicht mehr lebendig. Ich weiß mittlerweile, dass es eigentlich ein Schutzmechanismus ist. Wenn man den Schmerz nicht mehr aushält scheint es wohl einfacher zu sein nichts mehr zu spüren. Oft habe ich das auch in Situation, in denen einfach ein großer Gefühlshaufen auf mich zudonnert mit dem ich nicht klar komme, also habe ich statt 237 Gefühlen gleichzeitig einfach gar keins mehr. Diese chronische Leere versuchen viele mit der Selbstverletzung zu füllen. Wieder etwas spüren, sich selbst spüren, spüren, dass man noch lebt. Denn lebendig fühlen ist gar nicht so einfach, wenn in einem gar nichts ist. 

Unangemessene, heftige Wut oder Schwierigkeiten, die Wut zu kontrollieren habe ich nur selten. Ich bin kein Mensch, der zu Prügelei und körperlicher Gewalt neigt. Manchmal bringt mich aber etwas so sehr auf die Palme, dass ich mich fühle als würde ich platzen. Dann werfe ich auch mal was durch die Gegend, haue auf Gegenstände ein. Oder verletze mich selbst um den Druck zu regulieren. 

Das letzte Kriterium, vorübergehende, durch Belastung ausgelöste paranoide Vorstellungen oder schwere dissoziative Symptome, erlebe ich zum Glück nur noch selten. Paranoide Vorstellungen hatte ich generell noch nie, außer man zählt die unglaubliche Angst, dass mein Vater plötzlich vor der Tür steht, dazu. Dissoziation kenne ich allerdings gut. Dissoziation ist generell eine Abspaltung oder das Trennen von Gedächtnisinhalten. Jeder Mensch kennt solche Momente, auch wenn sie da natürlich noch nicht in dem sinne ‚krankhaft‘ sind. Man ist beispielsweise in etwas so vertieft, dass man alles um einen rum ausblendet und die Zeit vergisst. Sportler können zum Beispiel während einem Marathon die Schmerzen komplett ausblenden, wie in einer Art von Trance. Man sitzt in der Schule und starrt aus dem Fenster und kann sich nachher nicht mehr an den Unterricht erinnern. All das sind Alltagsphänomene der Dissoziation. Krankhaft wird es, wenn ein Traumaopfer sich beispielsweise nicht mehr an das Erlebte erinnern kann, wenn man das Gefühl hat über sich zu schweben oder neben sich zu stehen, wenn etwas passiert,  wenn man plötzlich einen seiner Sinne verliert, sich nicht mehr bewegen kann… Dissoziation ist vielfältig und tritt häufig in traumatisierenden Situationen auf. Mir fehlen beispielsweise sehr viele Erinnerungen an meine Kindheit. Meine Psyche hat sie einfach abgespalten und irgendwo vergraben, da sie nicht damit umgehen konnte. In triggernden Situationen kommen sie manchmal plötzlich hervor, genau wie solche Situationen  auch Dissoziation auslösen können. Oftmals passiert mir das in der Therapie: wir reden über ein belastendes Thema und ich bin plötzlich weg, nicht mehr in meinem Körper, kann nicht mehr agieren und meiner Therapeutin nicht mehr folgen. Manchmal passiert es mir auch während Flashbacks, dann habe ich dann auch oft das Gefühl nicht mehr zu meinem Körper zu gehören. In solchen Situationen entstanden oftmals tiefe Verletzungen, da ich keinerlei Kontrolle über mich hatte. Ich stand wie ein Zuschauer neben mir, betrachtete mich dabei wie ich mir die Klinge in den Arm rammte und konnte nicht handeln. Erst das Blut und der Schmerz haben mich ruckartig wieder in meinen Körper katapultiert.

Wenn man sich nun diese ganzen Kriterien anschaut und bedenkt, dass nur 5 davon nötig sind um eine Borderline-Diagnose zu erfüllen, dann kann man sich schon denken, dass die Störung sehr vielfältig ist. Nicht jeder Borderliner verletzt sich. Genauso wenig wie jeder, der sich selbst verletzt, Borderline hat, denn dazu gehören dann noch mindestens 4 andere Kriterien. Es gibt also wohl keinen ‚typischen Borderliner‘. Die Krankheit ist vielschichtig und unterschiedlich und leider wird oftmals von den negativen Eigenschaften auf die Allgemeinheit geschlossen. Das führt dazu, dass sie Krankheit generell ein sehr negatives Bild hat und auch viele Professionelle es ablehnen mit Borderlinern zu arbeiten, denn bringt ja eh nichts, die wollen gar nicht gesund werden, die sind manipulativ und unzuverlässig, blablablubb.

In einem Interview sagte ein Betroffener einmal etwas, dass ich wirklich sehr treffend finde und mit dem man Borderline auch ganz gut erklären kann: man erlebt Gefühle einfach nicht wie jeder Mensch, sondern tausendfach stärker. Das ist wie der Unterschied zwischen dem Strom aus der Steckdose und einer Hochspannungsleitung. Und ich fühle mich oft wie eine Hochspannungsleitung. 

Wie Borderline nun entsteht ist wie bei so vielem ein Fischen im Trüben. Mittlerweile ist die Wissenschaft sich einig, dass mehrere Faktoren gegeben sein müssen. Laut Studien kann davon ausgegangen werden, dass ca. 40% erblich bedingt ist. Allerdings fanden sich bisher weder Gene noch Genorte. Auch ist die Krankheit durch Umwelteinflüsse bedingt (Nein, keine verschmutzen Flüsse und verpestete Luft). Beispielsweise Elternverhalten, Vernachlässigung oder eben ein traumatisches Erlebnis. 

Generell gilt Borderline als ‚unheilbare Krankheit‘. Das liegt vor allem daran, dass eine Persönlichkeitsstörung eben da ist und bleibt. Man kann allerdings lernen mit der Krankheit zu leben und man kann auch durchaus irgendwann beispielsweise nur noch 3 oder 4 Kriterien erfüllen, sodass man die Diagnose nicht mehr erhalten würde. 

Da die BPS zu den Persönlichkeitsstörungen zählt wird sie generell erst ab 18 diagnostiziert, da vorher die Persönlichkeit noch nicht ausgereift ist (ist sie meiner Meinung zwar auch nicht plötzlich, weil man nun eben 18 wird, aber egal). Mittlerweile gibt es aber auch schon vorher die Verdachtsdiagnose bzw. die Diagnose als „Borderline im Adoleszenzalter“. 

Gesicherte Zahlen, wie viele Menschen nun an Borderline erkrankt sind, gibt es nicht. Je nach Statistik schwanken die Wette zwischen werten von 0,2 bis sogar 15%, wobei die meisten Werte bei ca. 1% der Weltbevölkerung liegen. Die Suizidrate liegt mit 10% ziemlich hoch, jeder zehnte Borderliner beendet also sein Leben. Es wird davon ausgegangen, dass 75% der BPS-Betroffenen einen Suizidversuch unternehmen. 

Viel Theoretisches. Um auf die Eingangsfrage zurück zu kommen: ja, ich habe Borderline. Ich bin deswegen aber kein therapeutenfressendes, egoistisches und unberechenbares Ungetüm, sondern ein Mensch. Und ganz klar bin ich nicht Borderline, sonder ein Mensch mit einer Diagnose. Punkt. 

Doch Scheiße passiert eben doch in Sekunden 

Aus dem „Vielleicht haben Sie ja auch nur Rückenschmerzen.“ des Arztes vom Notdienst ist nun eine Nierenbeckenentzündung geworden. Meine Hausärztin verzichtet darauf mir auch noch auf die zweite Niere zu drücken, nachdem ich bei der ersten schon kurz davor war ihr gegen das Schienbein zu treten vor Schmerz. Sie schüttelt nur den Kopf über den Notdienstarzt, verschreibt mir ein Antibiotikum, schaut mich böse an und meint „Machen Sie nie wieder so einen Überdosiskram!“, freut sich mit mit mir, als ich von Freiburg berichte und entlässt mich mit einem neuen Termin für nächste Woche. Also werde ich in den nächsten Tagen viel Zeit im Bett verbringen, abgesehen von der Abschlussfeier meiner Schwester morgen und dem Altstadtfest am Wochenende. Denn es tut sowieso jede Bewegung weh, Unterwegssein ist eine Qual und ich versuche mich möglichst wenig zu bewegen, auch wenn die Schmerzen trotzdem immer da sind. 

In der Nacht kam ich wieder nicht an. Ich lag wach bis gegen 3, ruhe- und rastlos. Nächste Woche habe ich einen Termin bei meinem Psychiater und werde das mal ansprechen, falls es sich nicht bessert. Ich dachte eigentlich es wäre vorbei nach dem Termin beim Arzt vom Amt, weil ich dachte das treibt mich so um. Den Termin habe ich gestern aber hinter mich gebracht. Eigentlich war es nicht mal halb so schlimm wie befürchtet. Ein paar allgemeine Fragen beantworten („Welchen Schulabschluss haben Sie? Hauptschule?“-„Ähm… Fachhochschulreife und abgeschlossene Berufsausbildung…“ und ein darauf folgender sehr irritierter Blick. Psychisch krank gleich doof oder wie?), dann eine kurze Untersuchung („Ich sage Ihnen gleich, ich kriege vermutlich die Krise wenn wir das nun so machen“ und dann eine verkürzte Untersuchung, bei der ich angezogen bleiben darf) und dann die Feststellung, dass ich ja noch in Behandlung bin und die definitiv Vorrang hat und ich war schon wieder aus der Tür. Gut, also werde ich in den nächsten Tagen wohl einen Reha- bzw. Rentenantrag stellen müssen. Bis dann eine Entscheidung gefallen ist bekomme ich auf jeden Fall mein alg1. 

Danach war ich kurz in der Klinik, habe Unterlagen für die Sozialarbeiterin abgegeben, I. besucht und Pfleger Jan vom Temin  berichtet, denn er wollte gerne wissen wie es lief, nachdem ich ihn vor ein paar Tagen damit im Nachtdienst vollgejammert hatte. Auf meine Erzählung hin und meine Aussage „also ich bin scheinbar nicht arbeitsfähig“ musste er lachen und erwiderte „wie, echt nicht? Was ein Wunder.“ und ich musste mit ihm lachen. Schwester Laura quittierte meine Erzählungen von den Nierenschmerzen mit einem „Noch ein Grund so eine Scheiße nicht mehr zu machen.“, in Bezug auf den Suizidversuch letztes Jahr. Und es trifft mich härter als gewollt, denn es zeigt mir wieder, was ich mir und meinem Körper damit eigentlich angetan habe. In dem Moment habe ich natürlich nicht an solche Dinge  gedacht. Eigentlich habe ich überhaupt nicht an das Danach gedacht, denn das sollte es ja nicht mehr geben, aber an die Folgen, die es haben könnte körperlich, da denkt man absolut gar nicht. Schwester Sabine brachte mich erst darauf, nachdem sie mich ordentlich zurechtgestutzt hatte, dass es auch hätte ganz anders enden können. Und auch wenn die Folgen nun natürlich nicht ganz so gravierend sind, so denke ich zum ersten Mal darüber nach. Klar weiß ich seit damals, dass meine Nieren ein wenig im Eimer sind und meine Blutwerte nie ganz okay waren. Aber so wirklich Gedanken habe ich mir nie großartig gemacht. Bis jetzt eben, denn die erneute Entzündung zeigt wie sehr meine Nieren eigentlich geschädigt sind. Wenn ich Pech habe, dann darf ich mich nun öfters damit rumschlagen. 

Und nun kippe ich einfach nur noch ins Bett und versuche zu schlafen. Eigentlich sollte das nach dem wenigen Schlaf letzte Nacht und mit einem Antibiotikum-Tramadol-Seroquel-Mix ganz gut klappen. 

So viele Jahre, so viele Stunden 
Doch Scheiße passiert eben doch in Sekunden

So viele Jahre, so viele Stunden 
Zu wenig Zeit, für zu viele Wunden

Wir sind Drachen und wir steigen im Gegenwind.

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Der Abend war okay. Ich saß irgendwann mit dem Tatort auf dem Sofa und hatte das schnurrende und später schlafende Katerkind auf dem Bauch. Im Schlaf hat er Mäuse gejagt oder Bäume erklommen, ich muss immer lächeln wenn sich seine Pfoten und der Schwanz bewegen oder dann ein Ruck durch den ganzen Körper geht. Und ich muss lächeln, weil er mir so sehr vertraut, dass er auf mir in Tiefschlaf verfällt und träumt und sich sicher ist, dass ihm nichts passiert. Wenn ich an seine Vorgeschichte denke und die Dinge, die er in seinem jungen Alter schon erleben musste, dann ist es für mich immer noch ein Wunder, dass er sich so sehr auf einen Menschen einlassen kann.
Seit gestern ist eine seiner Pfoten blau, weil er natürlich wie immer viel zu neugierig war. Als ich meine Haarspitzen wieder bunt gemacht habe musste er natürlich ins Waschbecken hüpfen und durch die Farbe laufen. So brachte er mich gestern mehrere Stunden lang immer wieder zum lachen, denn es sieht einfach nur lustig aus.
Vorsorglich habe ich gestern dann ein wenig mehr meiner Abendmedis genommen und bin auf dem Sofa langsam immer müder geworden und schließlich ins Bett geplumst. Dort habe ich es gerade noch so geschafft mir mein Hörbuch anzumachen, bevor ich keine Kraft mehr hatte die Augen aufzuhalten und habe mich in meine Decken gekuschelt, den Zitronenkater auf mir. Und dann bin ich auch relativ schnell eingeschlafen. Die Träume waren ein wenig wirr und gegen 4 Uhr wurde ich wach, weil mein Vater durch meine Träume lief. Auch ohne ihn waren die Träume anstrengend, ich habe von der Klinik geträumt, von einigen Schwestern und dem Versuch, immer wieder an Klingen zu kommen und mich zu verletzen. Und trotz Medikamenten wache ich um kurz nach 8 dann wieder von alleine auf und bewege mich aus dem Bett und unter die Dusche. Ich bin mal wieder klatschnass geschwitzt, was nach Träumen von meinem Vater oft vorkommt. Also wander ich unter die Dusche und mein Bettzeug in die Waschmaschine. Ich überlege ob und was ich frühstücken soll, habe aber weder große Lust noch Appetit dazu und schnappe mir einfach nur eine Banane und falle auf mein Sofa. Von dort will ich eigentlich gar nicht mehr aufstehen und schon gar nicht in die kalte und graue Welt vor meinen Fenstern. Am liebsten würde ich wieder in mein Bett krabbeln und mir die Decke über den Kopf ziehen, was leider ja nicht geht. Ich muss mich anziehen und los in die Hauptstadt, muss zum Psychiater und einkaufen, muss heute noch Kuchen backen und Geschirr spülen und Chrissie kommt mit dem Hundemädchen. Und weil Katerkind beginnt mit viel Enthusiasmus und Milchtritt auf meinem Magen meine Banane wieder aus mir heraus zu befördern, stehe ich also auf bevor sie meinen Körper wieder verlässt und ziehe mich an. Dabei muss ich daran denken, dass ich morgen besser etwas mit langen Ärmeln anziehe, zumindest solange Mama da ist. Auf Diskussion und erschrocken-vorwurfsvolle Blicke habe ich an meinem Geburtstag definitiv noch weniger Lust als an sonstigen Tagen.
Letztes Jahr um diese Zeit lag ich noch auf der Intensivstation und habe gejammert, weil ich unbedingt rauchen wollte aber natürlich nicht durfte und konnte, habe mich auch davon abgesehen richtig furchtbar gefühlt mit Herzrasen und Übelkeit und immer noch bedöppelt von der Überdosis Tabletten. Und sonst waren um diese Zeit im Jahr die Hunde oft bei mir und K., weil Chrissie mit ihrem Freund in den USA war. Facebook zeigt mir in den letzten Tagen bei den Erinnerungen immer wieder Bilder von den zweien und ich schwanke jedes Mal zwischen lächeln und losheulen. Ich bin gespannt wie es heute wird mit Chrissie.
Mein Psychiater war wie immer einfach toll. Wir haben auch über meine momentan eher weniger vorhandene Therapie geredet und er hat mir ein wenig geholfen, bei der Entscheidung, wie es weitergehen soll. Vermutlich werde ich der Therapeutin schreiben und um einen Termin bitten, um mit ihr zu reden. Ich will die Dinge, die in unserer letzten Sitzung geschehen sind, besprechen und schauen, ob wir die paar letzten verbliebenen Stunden nicht noch etwas auf die Reihe kriegen. Und während ich das schreibe habe ich ihr eine SMS gesendet und nach einem Termin gefragt und auch direkt erwähnt, dass ich über die Stunde im September reden möchte. Ich habe Bammel davor, aber ich glaube ich kriege das hin. Vielleicht mal nicht beleidigter Borderliner spielen sondern mich konstruktiv den Dingen stellen.
Und nun werde ich gleich mal schauen was ich essen soll heute und ob ich mich noch an den Kuchen mache oder das auf morgen verschiebe. Auf jeden Fall muss ich meine Wohnung noch hundesicher machen, also alles schokoladige außer Reichweite bringen (zum Glück findet der Zitronenkater Schokolade gar nicht toll, sonst hätte ich ein Problem…) und auch das Katerfutter außer Reichweite bringen.
Und währenddessen schaue ich „und täglich grüßt das Murmeltier“ (denn der 2. Februar ist Murmeltiertag! Also auch der Tag in dem Bill Murray im Film festhängt.) und trinke Tee. Dieser Tag ist definitiv besser als der 2. Februar im letzten Jahr.

Wer immer auf dem Boden bleibt, hat nichts was Ihn nach vorne treibt.
Dreh dich um, dreh dich in den Sturm
Stell dich quer, lass sie spür’n dass wir am Leben sind.
Dreh dich um, dreh dich in den Sturm
Wir sind Drachen und wir steigen im Gegenwind.
Lass los, lass los, lass los was dich nicht los lässt

für jeden Makel einen Nagel in die Haut gekrallt

Gestern Abend hat alles skillen und Ablenken nicht mehr geholfen, es war klar, dass ich zumindest den Schmerz brauche, wenn ich schon nicht schneiden kann/darf/will/soll/wasauchimmer. Also zentimeterdick die extra starke Finalgon auf den Arm geschmiert, Verband drum und ab ins Bett. Dort habe ich mich unter 3 Decken vergraben, mir House angemacht und bin dann dabei irgendwann eingeschlafen. In der Nacht musste ich den Verband ab machen und meinen Arm unter den Decken raus und aus dem Bett strecken, weil es so brannte. Und so bin ich dann wieder eingeschlafen, zwischendurch immer mal wieder kurz wach geworden, wenn ich den Arm nochmal unter die Decken gezogen hatte und die Wärme dort wieder zu brennendem Arm geführt hatte, und hab den Arm dann wieder aus dem Bett gestreckt. So habe ich dann durchgehalten bis heute morgen, bin irgendwann aus dem Bett gekrabbelt und habe meine Vierbeiner versorgt, meinen Arm ein wenig eingecremt und mich mit Frühstück, Tee und ein paar weiteren Folgen House aufs Sofa verkrümelt.
Nun hüpfe ich gleich in Schuhe und Jacke und vor die Türe und werde im schwedischen Labyrinth vor dem Hotdogstand nach einem kleinen Teppich schauen. Und vielleicht finde ich ein verstellbares Backblech. Mein Satellitenkabel läuft ja aus dem Schlafzimmer ins Wohnzimmer, im Schlafzimmer habe ich es schön ordentlich an der Wand verlegt, aber ich habe keine Lust die Fußleiste zwischen Schlaf- und Wohnzimmer abzuschrauben und zu kucken, ob ich das Kabel da irgendwie reingefummelt kriege. Also schmeiße ich einfach einen Teppich drüber, vorausgesetzt ich finde einen schönen. Ich wollte eh schon länger einen haben, und da ich die Türe zwischen Wohn- und Schlafzimmer nur sehr selten schließe, stört er da auch nicht. Vielleicht verhindert das auch den Streuaustausch zwischen den Zimmern ein wenig. Ein Backblech brauche ich, weil mein Ofen etwas kleiner ist als ein normaler. Scheinbar gab es  dort mal solche zum zusammenschieben, ich werde mal schauen. Und sicherlich finde ich auch noch ein wenig Dekokleinkram, ohne kommt man aus diesem Laden ja fast nie raus.
Zuhause räume ich ein wenig mein Wohnzimmer auf, nachdem Katerkind gestern meinen Laptop mit drauf liegendem Papierkram von Sofa gefegt hat, sieht es dort ein wenig chaotisch aus. Dann muss ich mal in meinen Gefrierschrank schauen und kucken, was ich aus dem und den sonst vorhandenen Zutaten denn zu essen zaubern könnte. Da wird sich bestimmt etwas finden lassen. Später hüpfe ich unter die Dusche, mache meine Haarspitzen endlich wieder bunt und kuschel mich im Bademantel auf mein Sofa mit leckerem Tee, werde ja nach Uhrzeit entweder ein wenig Zelda spielen (und damit das Katerkind bespaßen, denn er versucht immer die Handschlaufe der Wii-Fernbedienung zu fressen) oder mit Strickzeug (was das Katerkind definitiv auch bespaßt) den Tatort von gestern schauen.
Ich werde mir ein paar Kerzen anmachen und es mir in meinen 4 Wänden gemütlich machen, versuchen mich abzulenken und einfach weiter atmen und den Abend rum kriegen. Schritt für Schritt, Minute für Minute.
Morgen früh muss ich zu meinem Psychiater, danach ein paar Sachen einkaufen und Zuhause dann die Meeris frisch machen und einen Kuchen backen. Chrissie wird vorbei kommen und wir werden hoffentlich eine schöne Zeit miteinander verbringen, auch wenn es sicherlich auch traurig werden wird, da es der erste Besuch ohne meinen Hundemann ist. Ich vermisse ihn immer noch unglaublich.
Dieser Abend wird auch vorbei gehen. Ich werde ihn überstehen, ohne destruktiv zu sein. Ich werde nicht schneiden oder anderen Mist machen, ich werde für mich sorgen und mir Gutes tun. Ich kann das. Minute für Minute, Schritt für Schritt. Chakka!

Wer hat die Wahrheit überschminkt, überspielt, überhaupt!
Wer hat dir die Freiheit geraubt?
Die Jahre im Gefängnis, am Ende die Erkenntnis
egal wie laut du schreist, die Wände bleiben taub!

Ich habe viel erlebt in dieser ganzen Zeit 

Gerade zeigte mir mein Handy in den Benachrichtigungen das Wetter an. 1. Februar. Mir wird schlecht.
Die ganze Zeit habe ich gedacht, dass es nicht allzu schlimm werden wird. Immerhin war es ja nicht sooooo furchtbar. Und nun kommt es doch. Die Erinnerung an die Verzweiflung, an den Schmerz, an die Angst, an die Leere. Vor 364 Tagen und ein paar Stunden später als nun habe ich aufgegeben. Einfach aufgegeben. Da war einfach nichts mehr, dass mich gehalten hat, nichts mehr, dass mir Kraft gab weiter zu machen. Als ich auf der Intensivstation lag dachte ich, dass es ja nicht schlimmer werden kann. Doch die Tage danach wurden noch schlimmer. Meine Schwester zu sehen mit den Angst in den Augen, mit der Traurigkeit. Und das Gefühl in mir, dass selbst sie nicht mehr Grund genug war für mich weiterzuleben. Meine beste Freundin zu sehen, die in der Nacht die Polizei rief. Zu hören, wie viel Angst sie hatte und wie oft sie sich überlegt hat, was passiert wäre, wenn sie nicht wach gewesen wäre in jener Nacht.
Auch Schwester Sabine und Schwester Nathalie zu begegnen war schlimm, denn sie hatten in jener Nacht Dienst und ich habe zuvor noch angerufen, weil es so furchtbar war.
Das Chaos in den Tagen danach war schlimm. Der Kampf in mir, zwischen leben wollen und sterben wollen, zwischen kämpfen und aufgeben, zwischen hell und dunkel.
Seitdem ist viel geschehen. Zwischen damals und heute liegt nun fast genau ein Jahr, es liegen viele miserable, aber auch viele wunderbare Momente dazwischen, viele Kämpfe, viel Entwicklung.
Und dennoch habe ich unglaubliche Angst, weil da gefühlsmäßig einfach kein Jahr ist, weil die Gefühle so dermaßen rein knallen, weil ich mich so hilflos fühle. Ich habe Angst vor dem Moment, an dem ich die Kontrolle verliere. Ich habe Angst, dass es wieder so weit kommt. Den heutigen Abend werde ich definitiv schaffen. Und morgen werde ich mir wohl ein paar Gedanken machen, wie ich die nächste Nacht überstehe. Ich weiß, dass ich in der Klinik anrufen kann. Ich weiß, dass ich auch den Psychopeuten anrufen kann. Ich habe Bedarfsmedikamente. Ich habe mein Katerkind und meine Meeris. Ich werde mir morgen einen Plan machen, wie ich den Abend verbringe, wie ich ihn mir möglichst schön mache und mir möglichst viel Gutes tun kann, ohne dass es schief geht. Ich hätte wirklich nicht gedacht, dass es so schwer wird. Aber ich weiß, dass ich auch das schaffen kann. Zwar nicht einfach so mal eben, aber ich kann es schaffen, dass ich nicht wieder am gleichen Punkt ankomme, dass ich nicht wieder aufgebe. Ich kann das. Ich kann das. Ich kann das. Obwohl ich riesige Angst habe. Ich kann das. Chakka!

Heute weiß ich was ich will 
Das ist mehr als ein Gefühl 
Es ist viel zu früh zu gehen 
Ich hab so vieles nicht gesehen

2015. Ein Rückblick.

In „meinem“ Forum gibt es seit Jahren die Tradition des Jahresrückblicks. Ich habe diese Tradition liebgewonnen, habe eigentlich jedes Jahr einen Jahresrückblick geschrieben, manchmal im Forum, manchmal im Blog, manchmal nur für mich.
Lange habe ich überlegt, ob ich einen für dieses Jahr schreiben möchte. Vor Silvester war es mir zu heikel, weil es ja doch ein wenig von melancholisch werden hat. Doch nun habe ich Lust darauf, mag zurückblicken und schreiben.

Was hast du in diesem Jahr gelernt? Woran bist du gewachsen?
Das Wichtigste, was ich gelernt habe, lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Es geht immer weiter.
Ich habe viel über mich selbst gelernt. Viele Grundlagen, um mit mir und der Selbstverletzung und den Suizidgedanken umzugehen. Ich habe gelernt, dass es Menschen gibt, denen ich vertrauen kann und die mich so akzeptieren, wie ich bin. Ich habe gelernt offener durchs Leben zu gehen, mich auf fremde Situationen eher einzulassen. Ein wenig auch mehr auf mich stolz zu sein und auf mich zu achten. Und auch mir Gutes zu tun.

Womit hast du angefangen?
Damit mir Hilfe zu suchen, die Weichen zu stellen für eine DBT. Damit, alleine zu leben und mein Leben alleine zu gestalten. Ich habe angefangen, aktiv etwas gegen die Dämonen der Vergangenheit zu tun und mich nicht mehr nur davor zu verstecken. Damit, mir Gutes zu tun, egal wie schwer es fällt.

Worauf bist du stolz?
Ich bin stolz darauf, dass ich es geschafft habe mir Hilfe zu suchen und diesen Weg auch gehe, so schwer es manchmal ist. Ich bin stolz auf die Entwicklung, die ich im letzten Jahr gemacht habe. Ich bin stolz auf jeden Moment ohne Selbstverletzung, auf jeden Moment, der nicht von der Vergangenheit bestimmt wurde. Stolz auf jede Minute, die ich völlig unter Hochspannung ausgehalten habe. Stolz darauf, dass ich jeden Tag aufs neue atme und lebe.

Womit aufgehört/abgeschlossen?
Mit vielen Freundschaften habe ich abgeschlossen, weil ich eingesehen habe, dass es manchmal an der Zeit ist alleine weiter zu gehen. Ich habe aufgehört mich selbst zu vernachlässigen bei dem Versuch möglichst normal zu sein und zu funktionieren. Abgeschlossen mit der Beziehung und dem dazugehörigen Liebeskummer, der sich noch durch das Jahr zog. Und endgültig damit aufgehört, meine Vergangenheit nicht akzeptieren zu wollen, denn es ändert nichts daran, dass es geschehen ist.

Schönster Moment des Jahres?
Einen schönsten Moment gab es nicht, eher mehrere kleine, für mich aber unglaublich schöne Momente.
Der Einzug in meine vier Wände. Als das kleine Fellbündel bei mir einzog. Neue Menschen kennen lernen und in meinem Leben haben. „Alte“ Menschen wieder in meinem Leben haben. Und noch so viele mehr…

Schlimmster Moment? (Und evtl. Erkenntnisse daraus?)
Der 2. Februar, als ich voller Schläuche und Kabel auf der Intensivstation vollends zu mir kam. Der Moment, in dem die Erinnerungen an die Stunden davor wieder kamen, an das, was ich getan habe. Meine Schwester danach zu sehen, ihre Augen voller Angst und Sorge. Chrissie danach zu sehen, zu hören welche Angst sie in dieser Nacht um mich hatte. Schwester Nathalie und Schwester Sabine danach zu sehen, die in dieser Nacht Dienst hatten und mich zu erklären.
Die Erkenntnis daraus ist, dass ich an diesen Punkt nicht mehr kommen möchte. Dass ich nie wieder so sehr die Kontrolle über mich verlieren will, nie wieder in eine Situation kommen mag, in der ich völlig der Kontrolle anderer unterworfen bin. Und auch die Erkenntnis, dass ich wahnsinnig verständnisvolle Menschen um mich habe. Meine Schwester, die mir verzeiht, Chrissie, die einfach nur froh ist, und Nathalie und Sabine, die mir zwar mehrmals eindringlich erzählen, was hätte schief gehen können, mir aber keine Vorwürfe machen.

Wem sagst du danke – und wofür?
Chrissie. Wie eigentlich in jedem Jahr. Du bist und bleibst die beste beste Freundin, die man sich vorstellen kann. Danke für all diese Momente mit dir. Danke für diese eine Nacht. Danke für ein weiteres Jahr mit dir an meiner Seite.
Kat. Danke, dass wir immer noch Kontakt haben und normal miteinander umgehen können, danke für viele lustige Momente, danke, dass du immer noch ein Teil meines Lebens bist.
Meiner Schwester. Dafür, dass sie einfach da ist, dass sie mich nach dieser Nacht im Februar so oft besuchen kam. Für ihr Verständnis, dass ich unserer Mutter nicht alles erzählen möchte. Für ihr stillschweigendes Mitwissen über neue Narben und Klinikaufenthalte. Für die unerschütterliche Liebe zwischen uns.
J. dafür, dass du ein weiteres Jahr da warst, mir liebe Worte und manchmal auch Arschtritte geschickt hast, für Tee und Filmabende und Besuche und einfach dafür, dass du du bist.
Lili. Für unzählige Stunden am Telefon, fürs Dasein in schönen und schlechten Momenten, dafür, dass unsere Freundschaft auch nach langer Zeit der Stille immer noch so wunderbar und tief ist.
M. fürs shishen und essen gehen und trinken und Borderline-Witze machen und für die ganzen schönen Treffen im letzten Jahr.
J. & K. für die letzten Wochen und die Momente, dafür, dass ihr da seid und es sich anfühlt, als ob wir uns schon Jahre kennen würden.
Dem ganzen Team der Station , dafür, dass sie immer an mich glauben, auch wenn ich es manchmal nicht tue. Für Telefonate mitten in der Nacht, fürs mich in Hochspannung aushalten und mit mir gemeinsam durchhalten, für viele lustige Momente und viele Tiefs, dafür, dass sie Tag für Tag (und manchmal auch Nacht für Nacht) so viel mehr machen als nur einen Job, sondern mit so viel Verständnis, Geduld und Spaß da sind, auch wenn es manchmal richtig turbulent und anstrengend ist auf Station. (Das dürfen Sie auch gerne weitergeben Nathalie. 😉 )
Und sonst allen Menschen, die mich im letzten Jahr unterstützt und begleitet haben, hier im Blog liebe Worte hinterlassen haben oder mir aufmunternde Nachrichten schickten. Danke.

Was bringt 2016/ Was wünschst du dir für 2016?
Weitergehen. Ein Stück mehr in meinem Leben ankommen. Ein Stück gesunder werden. Kämpfen, atmen, weitermachen, weniger selbst verletzen. Tag für Tag, Schritt für Schritt.

Unvergessenswertes?
Der Sommer im Garten, mit Meeris und Katerkind.
Die erste Nacht in meiner Wohnung.
Einige Teedates.
Die Telefonate mit Lili.
Der Besuch vom kleinen Bruder.
Die Frankfurter Buchmesse mit P.
Das erste Mal den Zitronenkater sehen und mich sofort verlieben.
Nevas Besuche.
Und noch so viele Momente mehr…

 

Insgesamt gesehen war 2015 ein sehr turbulentes Jahr, ein Jahr mit vielen Tiefpunkten, aber auch wunderbaren Momenten, die mir gezeigt haben wie lebenswert das alles ist. Ich war ganz unten und bin da wieder raus gekommen, habe vieles erreicht und bin nun an einem Punkt, der vor genau einem Jahr noch unvorstellbar gewesen wäre.
Es geht weiter. Auch wenn ich manchmal zweifle und falle und aufgeben mag. Es geht weiter. Es geht immer weiter. Schritt für Schritt und Tag für Tag.