2 Jahre.

und plötzlich sind es 730 Tage. 2 Jahre. Noch so unvorstellbar damals, heute trotzdem noch unwirklich.

Ich kann mich nicht mehr an die letzte Selbstverletzung erinnern. Ich weiß nicht mal mehr, ob ich damals überhaupt im Kopf hatte, dass es eventuell die letzte sein könnte. Ich wusste nur, dass es so nicht weiter gehen kann. Dass ich nicht will, dass es so weiter geht. Ohne Kontrolle darüber, ohne die Möglichkeit etwas zu steuern. Mit Chirurgie nach Chirurgie nach Chirurgie, ständigen Wunden und Fäden, mit einem Leben zwischen Wunden versorgen, Verband wechseln und dem Gedanken an den nächsten Schnitt.

2 Jahre. 730 Tage. Unwirklich, ja. Aber ich bin stolz. Unglaublich stolz auf jeden Tag, an dem ich gekämpft und nicht nachgegeben habe.

„Crazy“ is, I believe, the medical term

Meistens fallen mir die Narben an meinen Armen gar nicht mehr auf. Sie gehören einfach zu mir, genau wie die Arme, auf denen sie sich befinden oder die ganzen Bänder an meinen Handgelenken. Ich beachte sie meistens nur, wenn sie anfangen zu jucken, oder der Herr Zitronenkater mir beim Spielen Kratzer an den Armen verpasst hat. Und da sich ziemlich viele Narben auf den Armen befinden ist die Wahrscheinlichkeit welche zu sehen, wenn ich Kratzer versorge, relativ groß. Ansonsten betrachte ich sie manchmal, wenn ich darauf angesprochen werde. Als wirklich „schlimm“ empfinde ich sie äußerst selten und bin völlig irritiert, wenn andere sie so sehen. Eine Mitpatientin in der DBT sagte mir irgendwann, dass sie beim Vorgespräch meine Arme gesehen hat und danach erstmal völlig schockiert und auch davon überzeugt war, dass sie die Therapie nicht braucht. Zwei Mitpatientinnen in der Reha sagten mir, dass sie meine Arme wirklich schlimm finden. Und ich stehe dann da und versteh die Welt nicht mehr, weil die „paar Kratzer“ doch nicht schlimm sind… 

Die Narben am Sprunggelenk hingegen, die ich von den 3 OPs nach dem Bruch habe, stören mich ungemein. Dabei sind sie fast verblasst und größtenteils nicht so breit wie die auf den Armen. Völlig kaputte Wahrnehmung. 

Jedenfalls saß ich gestern auf dem Sofa, habe meine Armbänder betrachtet und die am linken Handgelenk nach unten geschoben. Dort finden sich Narben, die nun über 15 Jahre alt sind. Weiß, jedoch nicht so feine Linien wie die anderen Narben aus dieser Zeit. An dieser Stelle war mein „Versteck“. Durch die Armbanduhr, die ich trug, immer verdeckt. Die Stelle, die ich immer und immer wieder nutzte um mich zu verletzen, vor allem im Sommer, damit niemand es sieht. War es doch mal zu wenig Platz, dann wickelte ich mir ein Tuch ums Handgelenk, für viele einfach ein modisches Accessoire, für mich die Möglichkeit meine „Überlebenstrategie“ zu verheimlichen. 

Nur wenige Narben kann ich genau zuordnen. Die beiden am Oberarm zum Beispiel, ich erinnere mich noch an die Verletzung und an den Chirurg in der Ambulanz, der eigentlich Schönheitschirurg war und auf seinen Job in der Ambulanz, und dann auch noch auf so ’ne Irre, die sich selbst verletzt, gar keinen Bock hatte. Dementsprechend sehen die Narben auch aus. Und ich kann die „neueren“ Narben aus den letzten zwei Jahren noch von denen unterscheiden, die aus der Zeit davor stammen. Ich weiß gar nicht mehr wie lange ich frei von Selbstverletzung war. 3 Jahre? Oder 4?Niemals hätte ich gedacht, dass es wieder so abwärts gehen könnte, dass die Selbstverletzung mich nochmal so sehr einnehmen würde. 

Und nun sitze ich hier und es trennt mich nur noch etwas mehr als ein Monat von dem Jahrestag der letzten Selbstverletzungen. Fast ein Jahr. Niemals hätte ich das vor einem Jahr gedacht. Ich erinnere mich noch daran, dass Pfleger Arschkeks mir Smileys auf den Arm malte für die Tage ohne. 5 Smileys für 5 Tage. 10 Smileys für 10 Wochen. Und nun haben sich die Tage summiert und ich zähle nicht mehr in Tagen oder Wochen sondern schon in Monaten. Das war ein großer Halt in den letzten Monaten. Die Erinnerung daran, der Wunsch ihm von dem erreichten Jahr zu erzählen. Und A., mit der ich zusammen feiern will. Und einfach der Wunsch das hinter mir zu lassen, die Erkenntnis, dass ich ein Stück mehr Lebensqualität zurück möchte, die Entscheidung für den neuen Weg, meine Mädels als Unterstützung. 
Die Tage vergehen. Morgen Nachmittag beginnt schon wieder ein Wochenende, ich frage mich, wo die Woche hin ist. Den Montag habe ich größtenteils in Anspannung und Dissoziationen verbracht, den Dienstag zuhause und beim Psychiater, der Mittwoch war ziemlich kurz und heute ist auch schon fast vorbei. Die Gespräche mit dem Therapeuten und die Gruppen tun mir gut, auch das Miteinander mit ein paar tollen Mitpatientinnen. Der Therapeut sagte mir heute, dass ich eine Woche länger bleiben werde, ich finde das gut. Außerdem gab er mir die Kontaktdaten eines Therapeuten, der lange in der Klinik war und sich Traumatherapie macht, mittlerweile hat er eine eigene Praxis. Ich könnte hin, er ist allerdings nicht kassenärztlich zugelassen. Also muss ich mal bei meiner Krankenkasse nachfragen, wie es generell aussieht mit Kostenerstattung. Und dann gegebenenfalls das ganze Prozedere durchziehen und mir zumindest die 5 Probesitzungen dann anschauen. Falls es klappt und mit ihm passt, dann wäre das eine prima Sache für die 2 Jahre, die ich nun bei meiner derzeitigen Therapeutin zwangsläufig pausieren muss. 

Es ist viel und es ist anstrengend, aber es ist auch gut. Und ich freue mich unglaublich auf das Wochenende, auf Ausschlafen und länger wach bleiben. Und außerdem muss ich dringend ein paar Sachen hier machen, vor allem aufräumen und so ’nen Kram. 

I don’t like pain, but I bring it to life 

I don’t like scars but I am good with a knife 

I don’t like tears when I’m starting to cry 

And then I realize I’m destroying my life

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Alles abgesucht und niemand gesehen

Mein Besuch ist wieder weg. Auf eher spektakuläre Weise. Nachdem sie sich jeden Tag mehr Alkohol genehmigt hat und heute dann völlig durch war, habe ich den Rettungsdienst gerufen. Kurz darauf war meine Wohnung voll. Rettungsdienst, Notarzt, Polizei. Nun ist sie erst mal auf der Intensivstation mit einer ordentlichen Alkoholvergiftung, kommt danach hoffentlich in die Klinik.
Und ich bin unglaublich erledigt und auch froh, dass meine Wohnung wieder ganz mein ist. Viel Ballast ist von mir abgefallen und ich merke erst jetzt, wie sehr die letzten Tage mich dann doch geschlaucht haben. Und auch, wie sehr mich Alkohol einfach triggert, wie sehr es mich an damals erinnert, auch wenn sie weder aggressiv noch sonst was war, sondern hauptsächlich müde. Dennoch merke ich nun, wie sehr ich in den letzten Tagen gekämpft habe, um die alten Dinge unten zu halten, wie sehr sie anfingen wieder hoch zu kommen. Nun mag ich einfach nur noch schlafen. So wie gestern.
Schon die Hinfahrt zum Psychiater war so furchtbar anstrengend. Menschen, Lärm, Gerüche, all das war viel zu viel für mich und meinen Körper. Dann das Warten, fast 2 Stunden. Das Gespräch war nicht wenig anstrengend, wenn auch gut. Ich habe ihm von dem Druck erzählt, der so enorm ist in den letzten Tagen. Von den Suizidgedanken, die so dringend sind, dass ich nicht mehr weiß wohin damit. Er hat sich versichert, dass ich mich in der Klinik melde, wenn ich nicht mehr kann. Er sagt mir, sie stark ich bin, weil ich das nun schon aushalte über so viele Tage. Weil ich skille, immer und immer wieder. Er sagt, ich soll auf den Bedarf zurückgreifen, wenn die Kraft mich verlässt, ohne ein schlechtes Gewissen haben zu müssen. Er sagt es ist okay zeitweise auf solche Hilfsmittel zu vertrauen. Er sagt wieder, wie gut ich das meistere. Und wieder. Als ich die Praxis wieder verlasse, bin ich erledigt, aber ein Stück weit ist es besser. Die Rückfahrt ist noch anstrengender. Ich will mich nur noch in Luft auflösen, will weg. Es ist zu laut und zu hell und zu voll. Zuhause nehme ich Bedarf, verkrieche mich in mein Bett. Alles ist einfach nur zu viel.
Heute ist es dann zwar besser, der Supermarkt ist zwar anstrengend, aber erträglich. Die Aktion mit Rettungsdienst und Co ist dann wieder zuviel und ich sitze zitternd und fertig auf dem Sofa. Katerkind bringt mich wieder runter, macht mich mit seinem Schnurren wieder ruhiger.
Bevor es kippt habe ich nun nochmal eine halbe Tablette vom Bedarf genommen und bin ins Bett gekrochen.
Morgen kriege ich den Kugelhund, will dann mit Hund und N. spazieren gehen, dass hoffentlich schöne Wetter genießen und so ein wenig für mich sorgen damit.

Dein Arzt hat gesagt es ist okay
Aber alles tut weh
Deine Freunde sagen dir es geht vorbei
Aber es geht nicht so leicht
In deiner Stadt leben über 3 Millionen
Und du bist heute Nacht unterwegs
Um zu schauen ob unter diesen 3 Millionen
Jemand ist der dich versteht
Jemand ist der dich versteht

Wer den Regenbogen will, muss den Regen in Kauf nehmen.

Ich liege auf Klinikbett und habe Druck. Ich überlege einige Minuten, ob ich ihn einfach weiter ansteigen lasse. Ob ich abwarte, die Anzeichen wahrnehme, die mir zeigen, dass es immer mehr und mehr wird. Bis es zu viel ist. Bis ich schneide. Ich liege auf dem Bett und will eigentlich genau das. Hochspannung. Und dann schneiden.
Stattdessen bewege ich mich nach einigen Minuten zum Schwesternsitz und Schwester Tina schmiert mir einen Haufen Finalgon direkt aufs Handgelenk.

Der Abend war toll. Ich habe mich mit D. in der Hauptstadt getroffen, wir waren kurz im goldenen M und sind dann los zur Konzertlocation. Kurz nach dem Einlass wurde es schon voll, spätestens bei Konzertbeginn war dann eine gewaltige Menge Menschen im Club. Die Vorband kannte ich von einigen Liedern und mag sie jetzt noch mehr. Der Hauptact war einfach toll. Im Club war es unglaublich heiß, nach kurzer Zeit war alles an mir nass. Dann noch springen und singen und hüpfen und schreien. Es tat gut und war schön. Klatschnass und erledigt bin ich schon auf dem Weg nach Hause, als K. mich fragt, ob ich vorbei kommen mag. Ich frage spontan noch N. und wir trudeln gemeinsam bei K. und S. ein. Es waren schöne Stunden dort, wir haben viel gelacht und gequatscht und getrunken.
Gegen 3 Uhr bin ich daheim, nehme meine Medis, kraule das Katerkind und kippe ins Bett. Um 7 wache ich wieder auf. Drehe mich wieder um, döse ein wenig, drehe mich nochmal um, döse wieder. Später mache ich ein wenig Ordnung. Dann beginnen die Gedanken zu kreisen. Der Abend war schön, ich stürze ab. Wie so oft. Ich schleiche um die Schublade mit den Klingen rum. Gebe den Meeris noch ein paar Stücke Gurken. Stehe wieder vor der Schublade. Öffne sie. Schließe sie wieder. Kraule den Kater. Öffne wieder die Schublade. Nehme das Päckchen in die Hand. Ich lege sie wieder weg, schließe die Schublade, mache mich fertig und gehe in die Klinik.
„Ich muss es mir ja nicht schwerer machen als es ist“ sage ich zu Pfleger Thorsten. „Da stimme ich Ihnen zu“ erwidert er.
N. besucht mich, später kriege ich doch noch eine Portion Schlaf ab. Und dann liege ich nach dem Essen eben auf dem Bett.
Mittlerweile sind 2 Stunden vergangen. An meinem Handgelenk brennt Finalgon, ich sitze im Tagesraum und schaue TV und blogge. Die Anspannung ist besser.
Ich habe meine Arme betrachtet. Mir vorgestellt, dass da noch mehr Narben sind. Noch ein wenig roter als die jetzigen. Einerseits will ich es. Ich will noch mehr Narben, noch mehr Zeichen, die mir zeigen, dass ich lebe, dass ich kämpfe. Andererseits will ich irgendwann auf meine Arme blicken können, auf weiße Narben, die nicht den Großteil meiner Haut ausmachen. Ich hänge also mal wieder zwischen zwei Gegensätzen. Zwischen gesund und krank. Zwischen Borderline und Leben. Manchmal möchte ich, dass mir jemand diese Entscheidungen abnimmt. Deswegen lag ich auch einfach nur auf dem Bett, damit die Anspannung zu groß wird und mir die Entscheidung abnimmt.
Trotzdem habe ich dann gehandelt. Weil der gesunde Teil dann doch momentan überwiegt. Und trotzdem sitze ich hier und hätte gerne einfach gewartet. Einfach geschnitten. Zwiespalt.
Ich würde gerne darüber reden. Doch ich weiß nicht, wie ich es formulieren soll. Ich weiß nicht, wie ich Worte finden soll für die Dinge, die in mir sind, für die Gedanken in meinem Kopf, für die Gefühle in mir. Vielleicht ist es auch einfach okay so. Vielleicht kommen auch noch Worte. Vielleicht ist es gerade einfach okay, dass ich eigentlich schneiden mag und es nicht tue, dass ich diese Gedanken nicht los werde. Vielleicht ist es gerade okay einfach hier zu sitzen, das Finalgon zu spüren, zu atmen. Vielleicht ist es okay einfach mal nicht okay zu sein. Und das auszuhalten ohne mich zu verletzen.

Schmerzen verlangen es gespürt zu werden.
Pain demands to be felt.

Egal wo wir stehen, wohin wir gehen

Als ich um halb 4 aus einem Albtraum hochschrecke ist meine Nacht quasi gelaufen. Ich versuche nochmal einzuschlafen, aber kurz später wird es draußen laut, weil die Lebensmittel für den Tag geliefert werden, die Küche beginnt das Frühstück vorzubereiten und das dann zu Geriatrie und Altenheim gefahren wird.
Um 5 fängt die ausländische Dame aus meinem Anfangszimmer an laut zu werden. Um halb 6 kann ich dann endlich rauchen gehen, sitze im Tagesraum und lese um meine Zimmernachbarin nicht zu stören und gehe um kurz vor 7 dann wieder ins Zimmer. Ich bin gerade dabei wegzudämmern, als Pfleger Arschkeks mit einem „Guten Morgen!“ ins Zimmer kommt. Nach dem Frühstück gehe ich unter die Dusche und die Anspannung sinkt ein wenig. Bis ich eine Nachricht von meiner Nachbarin bekomme, die meine Fellnasen füttert. Sie hat es (wie frage ich mich immer noch…) geschafft meinen Schlüssel innen stecken zu lassen, ich komme also nicht mehr in meine Wohnung, da ich nicht aufsperren kann wenn da ein Schlüssel steckt. Also gehe ich genervt nach Hause und breche meine Tür auf, kraule den Zitronenkater eine Weile und rede mit den Meeris, hänge meiner Nachbarin den Schlüssel wieder in ihre Wohnung und laufe zurück zur Klinik.
Die Anspannung bleibt. Ich komme nicht runter. Skills. Ein wenig Besserung, direkt wieder oben. Visite. Anspannung bei 100. Ich kann nicht mehr. Nur noch schneiden in meinem Kopf. Pfleger Arschkeks sagt, ich soll kommen für neue Eiswürfel, er wäre gleich vorne. Ich will nur noch schneiden. Er sagt, dass man merkt, dass ich viel besser damit umgehen kann. Der Psychopeut lobt mich, dass ich so kämpfe. Die Visite geht raus. Ich gehe zu Pfleger Arschkeks. Er lenkt mich ab, malt mir einen Smiley auf den Arm.

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Die Anspannung wird nicht weniger. Der Psychopeut kommt. Er nimmt mich mit ins Schwesternzimmer, setzt sich dort mit mir hin. Ich denke nur ach scheiße. Nun kann ich ja nicht schneiden. Der lässt mich hier ja nicht einfach raus. Und auch wenn er mal kurz weg ist, dann rennen hier noch drei andere Leute rum. Scheiße. Ich will doch nur schneiden.
Ich kämpfe mittlerweile seit über einer Stunde. Meine Kraft ist weg. Ich will nicht mehr und kann nicht mehr. Will nur noch aufgeben. Nochmal Eiswürfel. Hand, Ellenbeuge, Nacken. Kai hält mir irgendwann die Ammoniakampulle unter die Nase, ich merke, dass ich weg war. Nochmal Eis. „Es geht vorbei“ sagt der Psychopeut immer wieder. „Sie machen das toll“. Nochmal Ammoniak. Nochmal Eis. Wieder und wieder und wieder. Mir wird übel vom Ammoniak. Doch langsam, ganz ganz langsam, merke ich, dass es besser wird. In Minischritten. Die Anspannung sinkt auf 95. Ich kann wieder ein wenig besser atmen. 90. Ich höre auf zu zittern. Bei 85 fragt der Psychopeut, ob er mir das ganze wieder in die Hand geben kann. Ich sage ihm, dass ich es versuchen will. Er sagt, ich soll noch ein wenig hier sitzen bleiben, bis es geht. Ich sitze also weiter da, mit Eiswürfeln, immer noch dem stechenden Geruch in der Nase. Bei knapp über 70 stehe ich auf, sage Bescheid, dass ich eine Runde um den See gehe, stopfen mir die Kopfhörer in die Ohren und drehe die Musik auf und gehe einfach. 17 Eiswürfel, 2 Finalgonverbände und eine Ammoniakampulle später kann ich also endlich wieder atmen und die Anspannung fällt. Und ich bin unendlich erledigt, unendlich müde.
Der Psychopeut kommt kurz vorbei und fragt wie es ist. Ich sage ihm, dass ich bei 50 bin und einfach nur noch müde bin. Er lobt mich, sagt mir nochmal, dass ich daran denken soll, dass es immer vorbei geht.
Ich rolle mich ins Bett, schaue 2 Folgen Eureka und schlafe dann ein.
Bibi besucht mich und ich bin ein wenig neben der Spur. Es war so unglaublich anstrengend, ich bin so erledigt. Eigentlich will ich dann am liebsten wieder ins Bett krabbeln, da ruft meine Mutter mich an. Ob ich wüsste, wo meine Schwester steckt. Sie sei aus dem Haus mit den Worten „Ich bringe mich um“ nach einem Streit. Ich kriege die Krise. N. schreibt mir, ich will eigentlich runter gehen und wir wollen uns treffen, doch ich rufe zuerst den Freund meiner Schwester an, erzähle ihm kurz was los ist, bitte ihn um eine Nachricht wenn er was weiß. Dann Eiswürfel. Dann gehe ich runter und N. muss erst mal mit mir um den See. Ich bin so angespannt. Oben gehe ich kurz zur Ärztin (der knuffigen), weil ich das Gefühl habe durchzudrehen. Reden hilft, ihre Rationalität auch. Nochmal Finalgon. Ich quatschen mit N., schaue zwischendurch immer wieder aufs Handy. Das Handy meiner Schwester ist immer noch aus. Es gibt Abendessen, irgendwann meldet sie sich endlich. Die Anspannung wird weniger.
N. verabschiedet sich, ich sitze im Zimmer und quatsche mit meiner Zimmernachbarin, schaue Fußball und liege nun im Bett. Es war ein heftiger Tag. 18 Mal Eis, 3 Mal Finalgon, 1 Mal Ammoniak, 10,73 gelaufene Kilometer und Stunden voller Anspannung. Ich hätte nicht daran geglaubt, dass ich diesen Tag ohne Selbstverletzung überstehe. Nun bin ich stolz auf mich selbst, fühle mich okay und werde mich einfach ins Bett kuscheln und schlafen. Mein Knie schmerzt enorm, die Anspannung hat mich so unruhig gemacht, dass es ohne laufen einfach nicht ging. Und fast 11 Kilometer waren dann heute einfach zuviel für ein kaputtes Knie.

Und ich glaub daran, dass es besser ist, wenn ich es fühlen kann, 
für diesen einen Augenblick sind alle meine Zweifel weg, 
weil es echt ist. 

Denn manchmal frag‘ ich mich: Wer bin ich hier, Was mach‘ ich hier, Und wofür?

Heute morgen beim Aufstehen knickte mir mein linkes Bein einfach weg. Nach ein paar vorsichtigen Schritten war mir klar, dass mein Knie mal wieder spinnt. Die Probleme habe ich schon immer, weil das Gelenk und die Gelenkpfanne nicht genau ineinander passen. Schlimm wurde es in der Pubertät, da habe ich mir regelmäßig die Kniescheibe irgendwo hin geschoben, wo sie nicht hin gehört und bin manchmal ewig die Treppen hoch und runter, um sie wieder an ihren Platz zu bekommen. Nachdem ich mir das linke Sprunggelenk gebrochen habe war es längere Zeit gut, da ich das linke Bein drei Monate nicht wirklich belasten durfte. In letzter Zeit tut es öfter mal wieder weh, das habe ich besonders nach meinen Touren durch Berlin, Hannover und Hamburg gemerkt. Und eben heute, also habe ich meine Bandage wieder ausgepackt. Ich mag das nicht, aber damit kann ich wenigstens ohne allzu große Schmerzen laufen.
Nachdem ich den Morgen in aller Ruhe mit Tee und Buch und Katerkind verbracht habe bin ich vorhin zur Klinik gelaufen um R. einen Besuch abzustatten, bevor er am Montag für längere Zeit in eine weiter entfernte Klinik geht. Auf dem Rückweg war ich kurz noch im Supermarkt, nun bin ich zuhause, werde mir gleich etwas zu essen machen und später mein Bad umdekorieren, Pflanzen dafür war ich schon gestern besorgen. Meine Fliesen sind grünlich, meine Fußmatten orange und ich will es ein wenig asiatisch angehaucht machen, mit Bambus und sowas.
Katerkind ist draußen unterwegs, ich hoffe er kommt auch heute nochmal zurück und diesmal ohne Zeckengeschenke.
Ansonsten geht es mir heute gut. Ich habe das erste Mal seit langem überhaupt gar kein Bedürfnis mich zu verletzen, sonst war es zumindest unterschwellig immer vorhanden. Vielleicht komme ich nach nun 6 Wochen ohne tiefer zu schneiden (und fast 3 Wochen ganz ohne) wieder in die Phase, in der es eine Weile leichter ist. Ich hoffe es bleibt ein paar Tage so erträglich, ich habe keine Lust auf kämpfen und skillen und durchhalten.
Gestern Abend war es eine Zeit lang kritisch, dieses übliche abstürzen nach einem guten Tag. Also lag ich im Bett und habe mir immer wieder gesagt, dass es okay ist. Der Tag war gut und er bleibt auch gut. Einatmen und ausatmen. Der Tag war gut und er bleibt auch gut. Der Tag war gut und er bleibt auch gut. Der Tag war gut und er bleibt auch gut. Immer und immer wieder, bis die Worte in meinem Kopf von alleine abliefern, bis ich müde wurde und mich in meinen Decken vergraben habe und irgendwann einschlief mit den Worten im Kopf.
Ich blicke auf meine Arme und kann zum ersten Mal seit langem sagen, dass ich es schlimm finde, wie sie aussehen. Ich habe die Tage Bilder durchgeschaut. Bilder von vor 2 Jahren, auf denen keine dicken roten Linien zu sehen sind und die einzigen sichtbaren Narben sich blass und weiß auf meiner Haut abzeichnen, aber auch nur wenn man weiß wo sie sind. Ich habe mir Bilder von alten Verletzungen angeschaut (ja, davon habe ich Bilder, weil es mir manchmal hilft sie zu sehen um zu wissen, was ich mir nun eigentlich nicht antun mag), bei denen um die frischen Schnitte nicht überall Narben zu sehen sind.
Und heute saß ich in der Sonne und sehe die hunderte von feinen Linien, die sich auf meinen Unterarmen tummeln, die ganzen Narben, die man nur sieht, wenn man genau schaut. Narben, die teilweise nun 16 Jahre alt sind, damals noch von feinen Wunden, die nicht in die Tiefe gingen.
Vor ein paar Jahren habe ich mit dem Linchen aus Quatsch mal alle sichtbaren Narben nachgemalt. Es war schon damals erschreckend, heute will ich es erst gar nicht mehr tun. Ich wünsche mir, dass diese Gedanken mal dann da sind, wenn ich so enormen Druck habe, dass ich denke es zerreißt mich. Dass diese Gedanken dann auch im Kopf sind und mich davon abhalten. Und ich bin mir sicher, dass es irgendwann kommen wird, dass irgendwann auch klare Gedanken möglich sind, wenn meine ganze Welt sich nur noch um die Rasierklinge dreht.

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Ich will den Sommer durchhalten. Will ohne Verband und lange Ärmel die Sonne genießen. Und ich will es noch länger schaffen. Weiter und weiter und irgendwann wieder das Jahr voll haben, dann die 2, dann die 3. Will, dass es wieder einfacher wird, dass die Momente, in denen ich mich verletzen will, wieder weniger werden. Schritt für Schritt. Skill für Skill. Tag für Tag.

Man kann sicher nicht behaupten
Dass es besser wär, wenn es anders wird
Aber anders muss es werden
Wenn es gut werden soll

Wie ein Rastloser, der seinen Platz sucht 

Es ist 4.29 Uhr und in sitze wach auf meinem Sofa. In den letzten Stunden habe ich mich nur noch von einer Seite auf die andere gedreht und den Zitronenkater gekrault. Also bin ich letztendlich aufgestanden, da ich eh früh raus muss, um zu meiner Ärztin zu fahren. Und wie so oft, wenn ich dann so früh wach bin, könnte ich vermutlich nun ins Bett gehen und endlos schlafen, was zuvor nicht ging. Dem Katerkind ist es egal, dass ich wach bin. Nachdem er fein säuberlich meine Tablettenschachtel ausgeräumt hat, indem er ein Blister nach dem anderen daraus hervorzog und aufs Sofa legte, liegt er nun auf meinem dicken Sofakissen uns träumt weiter seine Katerträume.
Ich überlege, ob ich nicht schon so hier losfahren soll, dass ich um 8 in der Hauptstadt bin um noch in ein Geschäft zu gehen, da fällt mir ein, dass die meisten Geschäfte erst um 10 öffnen. Außerdem will ich gegen nachmittag nochmal in die Stadt, weil ich meine Arbeit aus dem Anerkennungsjahr besuchen will. Aber da werde ich wohl eh nochmals los ziehen, da ich zur Ärztin auf jeden Fall heute vormittag muss. Vielleicht kann ich dazwischen ja noch ein wenig schlafen.
Gestern war ich gegen 2 Uhr endlich mal eingeschlafen, dann wieder wach von 6 bis 9. Um kurz nach halb 11 klingelt meine Nachbarin und fragt, ob ich ein Päckchen Bratensoße habe. Am liebsten hätte ich ihr erklärt, dass man Bratensoße verdammt noch mal auch selber machen kann, war aber einfach zu müde. Aber da war ich dann wach und als ich endlich wieder auf dem Sofa eingedöst war klingelte ihr Sohn und fragte, ob ich ihm Zigaretten kaufen gehen kann. Da war ich dann wirklich sauer, und nachdem ich meine Tür wieder zugeknallt hatte, fiel ich wütend auf mein Sofa und beschloss den Versuch aufzugeben etwas mehr als 6 Stunden Schlaf zu bekommen. Nachmittags bin ich dann irgendwann nochmal eingeschlafen, weil ich einfach so müde war. Und heute ging es einigermaßen, fast 6 Stunden am Stück sind dann doch echt mal ganz in Ordnung. Und wenn ich nicht ständig davon träumen würde mich auf alle möglichen und unmöglichen Arten zu verletzen, dann wäre es vielleicht auch erholsam.
Das Doofe ist einfach, dass ich meine Medis nach dieser kurzen Zeit noch nicht ausgeschlafen habe und dann ziemlich zombielike durch die Gegend laufe. Mein Hirn fühlt sich an wie ein Haufen Matsch, mein Körper tut nicht was ich von ihm möchte.
Morgen kriege ich wohl für eine Nacht den kleinen Kugelhund, das wird ein Spaß. Sie hat Angst vor quasi allem, auch vor dem Katerkind, und bellt ihn deswegen dann an, was er nicht so toll findet und das Weite sucht. Mal sehen, was das gibt.
Und nun schaue ich mal, wie ich die nächsten Stunden noch verbringe, bevor ich mich dann müde und verschlafen auf den Weg in die Hauptstadt mache.

Ich schau hoch und seh‘ wieder dieselbe Seite vom Mond 
das gleiche bleiche Gesicht, das wie gewohnt über uns thront 

Und wir tanzen den Weltuntergang

Es gibt einige Dinge auf die ich Körperteile verwetten könnte, dass sie so passieren. Zum Beispiel kommen Pakete grundsätzlich dann, wenn ich nicht zuhause bin oder gerade etwas mache, bei dem ich wann erst nach ’ner Minute die Tür öffnen kann.
Gerade war ich dabei meinen Arm zu verarzten und neu zu verbinden, alten Verband und Kompressen grade abgefummelt, Desinfektionszeug in der Hand… Und es klingelt. Nun mit blutverschmiertem Arm mit Wunden die Türe öffnen oder schnell etwas langärmliges überziehen? Zum Glück war die Postfrau neu und brauchte einige Zeit um mit ihrem Scanner und dem Paket klar zu kommen, also war sie noch da nachdem ich schnell ein langärmliges Kleidungsstück vom Wäscheständer geangelt und mir übergezogen hatte. Und nun hätte ich ja total Lust meinen neuen Reciever zu programmieren, zu schauen wie das mit dem Aufnehmen funktioniert und all den Kram. Stattdessen muss ich gleich meinen Arm fertig einpacken, mich anziehen, schminken und die Haare kämmen und vor die Tür fallen und Richtung Mama fahren.
Katerkind wird am Donnerstagmorgen entmannt und kriegt seinen Chip. Zwölf Stunden davor darf er das letzte Mal fressen. Er wird wohl jämmerlich verhungern bis dahin, die arme kleine Fressmaschine. Ich muss schauen wie ich das mache, theoretisch muss ich den Meeris dann ihr Futter ja auch wegnehmen, zumindest Heu und alles an Frischfutter, da mampft er ja immer mit. Und ich bin gespannt, ob und wie ich ihn in die Transportbox kriege und wie ich dann danach aussehe.
Morgen muss ich mich dringend um den Termin beim Psychiater kümmern, denn der ist an einem Tag, an dem ich ca. 550 km weit von der Hauptstadt entfernt sein werde, denn: die „Zitrone fährt weg“ – Tour geht in die zweite Runde. Diesmal stehen Hannover und Hamburg auf dem Plan.
Mal sehen, wie sich das regeln lässt mir Krankenschein und Termin und so.
Für mein Klinik-Kopf-Krankenschwester-Problem habe ich eine Lösung gefunden, mit der es mir hoffentlich besser gehen wird als derzeit, das zeigt sich dann am Donnerstag.
Ich muss auch mal schauen, wann ich wo schlafen werde in der Zeit, die ich weg bin. Ob ich eine Nacht in Hamburg bleibe oder nur einen Tagestrip daraus mache, wen ich wann treffe, ach, ich freue mich einfach.
Die Wunden an meinem Oberschenkel sehen gar nicht gut aus. Ich habe sie nochmal mit antiseptischer Salbe eingeschmiert, wenn es bis Ende der Woche nicht besser ist muss ich damit wohl zu meiner Ärztin. Mittlerweile produzieren nämlich einige Wunden unschöne Flüssigkeiten, die eindeutig auf eine Entzündung hinweisen.
Das wird lustig heute, mit entzündeten Wunden, frischen Wunden und genähten Wunden auf ein Konzert. Aber selbst mit gebrochenem Sprunggelenk bin ich zu den Hosen gefahren und bei Jennifer Rostock gewesen. Was man für Musik nicht alles so tut. ❤
Mal sehen, ob ich demnächst noch zu Bosse gehe und das Jupiter Jones Konzert auch noch besuche. Ich muss viel mehr Dinge tun, die meiner Seele gut tun. Reisen. Musik. Bücher. All diese Sachen brauche ich einfach, damit das Chaos erträglich ist, damit die Löcher in mir vielleicht kleiner werden und irgendwann nur noch Narben bleiben.
Leben. Atmen. Weitermachen. Auch wenn mir gerade absolut gar nicht danach ist und ich die ganze Scheiße am liebsten hinwerfen würde.

Eins hab ich gelernt, dass die Erde sich dreht
Ganz egal wer grad kommt oder geht
Und richtig und falsch müssen Zwillinge sein
Schließlich trifft man sie selten allein

Makes me that much stronger

Der Tag heute war gut und nicht gut. Von der Produktivität und Konstruktivität bin ich heute weiter gekommen. Gefühlsmäßig ist es zwischendurch ganz schön bergab gegangen.
Aber erstmal zu den guten Dingen.
In der Achtsamkeit ging es um die schönen Momente. Und die „Bohnen-Übung“. Dabei hat man ein paar Bohnen (am Besten ungekocht 😜 ) in der Hosen-/Jackentasche und immer, wenn etwas schönes passiert, dann steckt man eine davon in die Tasche auf der anderen Seite. Am Abend kann man dann die Bohnen, die gewandert sind, aus der Tasche nehmen und sieht so praktisch, was einem alles Schönes widerfahren ist. Ich finde die Idee schön. Ich habe oftmals ja das Problem, dass ich abends an meiner diary card sitze und überlege, was ich bei den positiven Ereignissen aufschreiben soll. Vielleicht probiere ich das mal aus mit den Bohnen. Außerdem möchte ich hier im Blog all die positiven Dinge, die so passieren, festhalten. Dinge, die vielleicht keinen Platz in der diary card finden, Dinge die ich auch dort aufschreibe, einfach alles an Schönem das so passiert.

Heute Mittag hatte ich ein gutes Gespräch mit dem (neuen) Psychopeuten. Es ging um Skills, um die Angst und den Druck den Weihnachten und Silvester mir machen, um neue Dinge, die wir ausprobieren wollen. Danach war es dann nur etwas schwer, weil über Weihnachten und Silvester reden ein paar Dinge getriggert hat.
Aber nach heulen und Bedarf und Skills ist es nun wieder halbwegs erträglich.

Positiv heute:
– Achtsamkeit
– zufällig meine Nachbarin getroffen
– Gespräch mit Psychopeut
– scherzen mit Schwester Nathalie
– schreiben mit dem Lieblingsösi
– extreme Anspannung aushalten ohne zu schneiden
– Bananenchips
– lesen

‚Cause if it wasn’t for all of your torture
I wouldn’t know how to be this way now
And never back down
So I wanna say thank you

Don’t let go.

Als ich gerade in der Obst- und Gemüseabteilung stand, zwischen den ganzen Karotten, dem Salat und den Kürbisse und nach einer Gurke griff, musste ich einfach anfangen zu weinen. Nun sind da nur noch 2 Fellnasen, die sich über die ganzen Leckereien freuen.
Aber ich will in den nächsten Tagen rumtelefonieren, bei Tierheimen und ähnlichem anrufen, und nach Schweinchen fragen. Nur noch drei war für mich ja schon hart, aber jetzt nur noch zwei? Die Schweinevilla ist so leer. Kein munteres Geplapper mehr, kein vielstimmiges Quietschen. Und auch Flocke und Lilly wirken irgendwie verloren, als ob sie gar nicht wüssten was nun auf einmal los ist. Ich will wieder eine ganze Schweinebande, will neuen Fellnasen ein liebevolles Zuhause voller Salat und Möhren und Wiese im Sommer geben.

Ansonsten war ich gestern und heute enorm produktiv. Ich habe endlich das Chaos nach dem Umräumen im Schlafzimmer fast vollständig beseitigt (ein paar Dinge brauchen einfach noch einen festen Platz, damit ich sie nicht jedes Mal von A nach B räume), die ganze Bude gekehrt, mal sehen ob ich nachher noch Lust habe das Geschirr zu spülen.
Etwas tun muss ich auf jeden Fall, ich muss mich aus dieser Mischung aus Trauer und alten Erinnerungen holen und ablenken.
In der Klinik war ich M. besuchen, kurz zuvor wurde sie von einem Mitpatient sexuell belästigt. An den Stellen, an denen er sie gepackt hatte, waren immer noch die Spuren davon zu sehen.
Die ganze Kompanie aus Pflegern der anderen Stationen, Ärzten und Sozialarbeitern trat an um ihn zu fixieren und ihm Medikamente zu verpassen.
Als wir im Tagesraum saßen und uns unterhielten stand er plötzlich wieder vor uns, ich bin aufgestanden und habe nach dem Personal gerufen. Und schwupps mischen sich alte Erinnerungen mit dem Bild, bringen es zum verschwimmen und lassen die Realität schwinden.
Selbst nun, Zuhause in meinen sicheren 4 Wänden, mit dem schnurrenden Fellmonster auf dem Schoß, fällt es mir schwer nicht in die Vergangenheit zu gleiten, im Hier und Jetzt zu bleiben, mir zu sagen, dass es vorbei ist und ich sicher bin.
Ich frage mich so oft, ob das jemals besser werden wird. Ob irgendwann diese ganzen Situationen, die mich an früher erinnern, leichter zu ertragen sind. Ob irgendwann nicht mehr so viele Situationen, Gerüche und Geräusche triggern.

Vielleicht mache ich mich gleich mal auf die Suche nach meiner großen Häkelnadel. Ich will eine Hängematte für meine Tonnen von Kuscheltieren häkeln, damit ich ein paar davon dort hin setzen kann und so vielleicht auch wieder ein wenig Platz im Bett habe.
Und ich bin beschäftigt, das ist gerade wohl einfach das Beste. Etwas tun, den Kopf beschäftigen, den Abend rum kriegen. Und das ganze möglichst heil.

She says, „Don’t let go 
Never give up, it’s such a wonderful life 
Don’t let go 
Never give up, it’s such a wonderful life“