Drifting like a feather

Ich frage mich seit irgendwann in der letzten Nacht, wie ich eigentlich jahrelang mit einem schmerzenden Arm klar kam. Und zwar genau seit dem Zeitpunkt, zu dem ich in der Nacht aufgewacht bin, weil es eben weh tat. Der Schmerz unterscheidet sich nur wenig von dem Schmerz frischer Schnitte. Die Schrift tut überhaupt nicht weh, dafür die farbigen Schattierungen umso mehr. Teilweise genieße ich den Schmerz auch, denn – ja verdammte scheiße – es hat mir gefehlt. Aber auf der anderen Seite stört es mich auch. Beim schlafen, beim Einkaufen und dabei den Arm ausstrecken um nach etwas zu greifen, beim einfach-nur-da-sitzen, bei irgendwie fast allem. Vielleicht ist das wieder ein Punkt, der mir zeigt, dass ich weiter bin. 

Draußen schien gestern wieder mal die Sonne. Es war schön und warm und ich war auch vor der Türe und einkaufen (Applaus!) und in der Reha+Nachsorge (nochmal Applaus!). 

Der Rückweg wurde dann allerdings zur Herausforderung. Als ich aus dem Bus steige,  um dort die Straßenseite zu wechseln und auf der anderen Seite auf den Anschlussbus zu warten, fanden meine Knie an zu zittern und ich weiß nicht, ob meine Beine mich tragen werden. Im Anschlussbus wird mir schlecht. Der Fahrer fährt wie ein Idiot, jemand stinkt und mein Kreislauf sackt immer mehr in den Keller. Den Weg von der Haltestelle nach Hause lege ich wie in Trance zurück, bemüht einfach weiter zu atmen und einen Fuß vor den anderen zu setzen. 

Daheim muss ich mich an der Arbeitsplatte festhalten, während ich eine Dose öffne, einen Teil in den Teller schaufel und diesen dann in die Mikrowelle schiebe. Ich muss essen, unbedingt, sofort. Und beim besten Willen fällt mir nicht ein, wann ich zum letzten Mal „richtig“ gegessen habe. 

Ich habe dann den Rest des Abends auch in der Horizontalen verbracht. Mit Katerkind und Tee und Carcassonne auf dem Handy. 

Heute geht es meinem Kreislauf wieder besser. Ich werde wach, als das Katerkind anfängt mit meinen Füßen zu kämpfen und tobe mit ihm noch ein wenig im Bett, ständig auf der Hut, dass er meinem rechten Arm nicht zu nahe kommt. 

Die Sonne mag heute leider nicht so anwesend sein wie gestern, es sind fast 10 Grad weniger und ich werde wohl mit etwas langärmligen vor die Türe müssen später. Hmpf. Mein Tattoo findet frische Luft sicherlich besser als Stoff. 

Und ich hatte auch schon fast vergessen, wie nervig Wundpflege sein kann. Aber das ganze ist ja für eine gute Sache, auch wenn es derzeit aussieht wie ein schimmliger bunter Bluterguss. 

Ich bin unglaublich froh, dass ich nachher ein Date mit meinem Psychiater habe. Es gibt so vieles, das gerade einfach so furchtbar verkehrt läuft. Und kaum habe ich diesen Satz getippt merke ich, dass ich schon wieder mitten in Selbsthass und Perfektionismus stecke. Denn es gibt noch mehr Dinge, die trotz allem einfach funktionieren, teilweise sogar gut funktionieren. 

Mir bleiben noch 2 ½ Stunden, bevor ich aus der Haustür fallen und in Richtung Hauptstadt ziehen muss. Und ich versuche es zu nutzen, dass ich heute nicht ganz so furchtbar antriebslos bin und werde versuchen ein wenig produktiv zu sein. Beginnend mit Wundversorgung am schimmelnden Bluterguss. 

She lives in the clouds and talks to the birds.
Hopeless little one, she’s not like the other girls I know.

Tinte. 

In den letzten Tagen klappt es wieder aktiver zu sein. Auch wenn die Antriebslosigkeit mich oft noch lähmt, ich kriege einige Dinge mittlerweile doch wieder auf die Reihe, schlafe und esse wieder halbwegs normal und gewinne in kleinen Schritten die Macht über das Chaos in meinen vier Wänden. 

Bald gibt es dann auch die Belohnung für mein Jahr ohne Selbstverletzung. Der Termin für die Tinte unter die Haut steht, ich bin schon furchtbar aufgeregt und würde am liebsten direkt loslegen. Ich freue mich wahnsinnig darauf. Andererseits stimmt es mich ein wenig traurig, denn seit die Idee des Tattoos in meinem Kopf ist war klar, dass ich auch ein Semikolon dabei haben möchte. Ich fand die Idee hinter dem project semicolon von Anfang an toll. Umso trauriger ist es, dass die Gründerin der Idee und letztendlich auch der Organisation vor einigen Tagen starb – durch Suizid. Es ist schade, denn sie hat so vielen Menschen dadurch Halt und Mut gegeben, auch mir. 

Ab nächster Woche werde ich wieder in die Reha-Klinik fahren, zur Nachsorge. Zweimal die Woche findet eine Gruppe statt, ich bin gespannt was mich dort erwartet. Vielleicht habe ich ja irgendwann auch mal Zeit noch beim Therapeuten vorbei zu schauen. 

Und so vergehen die Tage und ich bin erstaunt, dass ich so wenig Selbstverletzungsdruck und Suizidgedanken habe. Es ist, bis auf sie Antriebslosigkeit, ziemlich stabil in den letzten Tagen und ich bin froh, dass ich mich von mir selbst erholen kann. Vor der dbt gab es solche Zeiten kaum, vor allem nicht über mehrere Tage. Doch an Selbstverletzung habe ich nun wirklich nicht mehr gedacht und es ist erstaunlich, wie wenig es mir aktuell fehlt. Und da heute sowieso nichts im TV läuft und ich auch ziemlich erledigt bin, werde ich jetzt mit Buch ins Bett wandern und noch ein wenig lesen, denn das habe ich in letzter Zeit viel zu wenig getan. 

Klinik, besondere Medis und Smiley 

Beim Aufstehen war es heute morgen tatsächlich besser. Ich war ein wenig produktiv, habe angefangen in der Küche aufzuräumen, den Zitronenkater rausgeschmissen und mir Tee gekocht. Bis die leichten Kopfschmerzen sich zu einer ausgewachsenen Migräne entwickelten und mich ins Bett zwangen. Prima. 

Der Zitronenkater kam immer wieder mal rein und hat geschaut, ob ich noch da bin. Nach maunzen und gekrault werden zog er dann wieder nach draußen, bis er eine Weile später erneut in die Wohnung sprang, sich hechelnd einige Minuten ausruhte und nach dem obligatorischen Mauzen und Kraulen wieder verschwand. 

Letztendlich kam er dann klebend und nach Tanne duftend wieder, panierte sich einmal kurz selbst im Meerschweinchenstreu und musste vor lauter Erschöpfung erstmal schlafen. 

Die Migräne ist dank Medis dann doch irgendwann einigermaßen verflogen. Und da ich eh Richtung Supermarkt musste und die Sonne so schön schien und ich nach dem ganzen Durchgängen ein wenig Menschenbedarf hatte, bin ich einfach in der Klinik vorbei getappt. Es tat gut dort auf dem Balkon zu sitzen, die Sonne auf der Haut zu spüren, mit den Patienten zu quatschen und Latte zu trinken. 

Und zu meiner Freude traf ich Pfleger Arschkeks dort an, der mir erstmal erzählte, wie sehr er sich über die Post von mir gefreut hat. Ich bekam sogar eine Dosis Abendmedis dort. 😉 

Es tut auch gut mit ihm und Pfleger Jan zu reden, Blödsinn zu quatschen, zu lachen. Und es ist schön von Pfleger Arschkeks mal wieder einen Smiley verpasst zu kriegen. 

Ich bin froh, dass diese gelegentlichen Besuche mir reichen um ein wenig Halt zu finden. Dass es reicht einfach vorbei zu schauen und ein wenig zu reden. Ich hätte nie gedacht, dass ich es wirklich schaffe ohne den regelmäßigen Aufenthalt dort, ohne die Sicherheit. Doch es reicht momentan zu wissen, dass sie da sind im Notfall, dass ich anrufen kann und kommen kann, wenn es gar nicht mehr geht. 

Ich bin ein wenig zuversichtlicher, dass die depressiven Tage nun hoffentlich vorbei sind. Dass ich wieder ein wenig mehr Kraft habe zum weiter machen und produktiv sein. 

Und am Donnerstag hab ich ein Date mit dem Tintenmensch. Ich trage meine Idee dann hin, erkläre ihm was ich gerne mag und zeige ihm die Stelle wegen den Narben. Und dann hab ich vielleicht ganz bald ein neues Tattoo. <3