Verstand & Gefühl 

Kaum schreibe ich hier, dass ich in den letzten Nächten immerhin schlafen konnte, da bin ich wieder eine ganze Nacht wach. Also habe ich mir vorgestern morgen gegen halb 6 nochmal eine Portion Medis eingeworfen und konnte dann auch endlich schlafen, fast 8 Stunden wurden es. Der verbleibende Rest des Tages war dann aber dementsprechend ein wenig Banane. Ich habe mit N. zusammen gekocht und gegessen und bin zuhause aufs Sofa und später dann ins Bett geplumst. Einschlafen dauerte, klappte dann aber, dafür war ich um halb 5 wieder wach. Herrlich. 

Als ich vorgestern vor der Tür saß und auf N. wartete, fiel mein Blick auf meine Arme. Generell fallen mir die Narben nicht mehr so sehr auf. Sie sind eben da und gehören dazu. Doch in diesem Moment sah ich sie bewusst und fühlte mich gewaltig hin und her gerissen zwischen „sieht ja irgendwie schon schlimm aus“ und „ich will mehr“. 

Es ist manchmal so verwirrend, was in meinen Kopf vorgeht. Rational weiß ich, dass es Irrsinn ist. Dass mehr Narben nichts bringen werden, denn für diesen Teil in mir wird es nie genug sein. Ich werde immer mehr wollen, egal wie viele es sind. Und trotzdem ist da dieser Wunsch. Mein Inneres nach außen kehren. Diese innerliche Zerstörung sichtbar machen. Den Schmerz in mir. Die seelischen Wunden. 

Und neben diesen Gedanken ist da einfach die Sehnsucht danach, die mich immer und immer wieder packt. Es ist leichter damit umzugehen mittlerweile. Ich kenne Skills, ich habe genug Wege um damit umzugehen. Meistens zumindest. Die Momente der extremen Anspannung, die Momente, in denen ich mir nicht vorstellen konnte noch eine einzige Minute ohne Selbstverletzung zu überleben, sind seltener geworden. Ich schaffe es diese Gedanken, wenn das Drumrum relativ stabil ist, zu bemerken und einfach da sein zu lassen, aber es treibt mich nicht enorm um. Aber trotzdem kommt die Sehnsucht danach hoch. So ein Mal, das wäre doch okay. Einfach nur, um es wieder mal zu spüren. Doch mein Verstand weiß, dass das nicht klappt. Ein Mal…. Dabei wird es nicht bleiben. Und der Verstand hat aktuell noch mehr Macht als der dysfunktionale Teil. 

Während diesen Gedanken spüre ich die Hitze der Sonne auf meiner Haut und denke daran, dass bald Juni ist. Es wird Sommer. Dann sind es nur noch zwei Monate bis der Tag kommt, an dem ich im letzten Jahr zum letzten Mal „meine“ Station verließ als Patientin. Voller Angst vor der vor mir liegenden dbt und erleichtern, dass ich danach weiterhin in Intervallen auf „meine“ Station kommen kann. Das es ganz anders kommen wird als geplant, daran habe ich damals keinen einzigen Gedanken verschwendet, denn es war für mich absolut unvorstellbar. In den Tagen zuvor trieb mich die Angst um, dass der Chefarzt mir die „Erlaubnis“ nicht geben wird weiterhin zu kommen. Die Angst, dass ich ohne diese Sicherheit auskommen muss, die Panik vor einem Leben ohne diesen Rückhalt… Ich war ein Haufen gespannter Nerven und Panik. 

Nun sind es fast 10 Monate ohne einen Aufenthalt dort… Und immer noch ein solches kleines Wunder, dass ich es immer noch kaum fassen kann. Ich habe so viel erreicht in der dbt, so vieles gelernt, dann so vieles erreicht in der Traumatherapie… 

Wenn es August wird und der Tag kommt, dann werde ich einen Brief an die Hexe mit zwei Besen schreiben, an sie und das Team der Station. Und ich werde stolz auf mich sein, weil das so unvorstellbare eingetreten ist. 
Meinen Therapietermin heute habe ich verschlafen. Als ich die Augen öffne ist es 3 Minuten vor 11. Um 11 wäre der Termin gewesen. Zumindest bin ich dann innerhalb von Sekunden hellwach. Meinen Wecker habe ich einfach ausgeschaltet im Halbschlaf. Yeah. Ich fange an mich zu ärgern über mich selbst, doch lasse es dann schnell wieder. Radikale Akzeptanz. Verschlafen ist verschlafen, egal wie sehr ich mich ärgere. 

Für morgen habe ich einen Ersatztermin bekommen. Ich stelle mir definitiv noch 3 Wecker mehr. Aber es trifft sich ganz gut, denn als ich heute in der Apotheke Medis abholen war, hatte ich plötzlich eine 100er Packung unretardiertes MPH in der Hand, statt die 30er Packung mit retardiertem. Damit hätte ich entweder ’ne Menge Geld oder schön eine Runde btm-Missbrauch veranstalten können, aber nein, ich bin ja vernünftig. So ’ne Scheiße. Also trage ich das falsche Rezept morgen zurück zum Psychiater und lasse mir ein neues (und diesmal richtiges) ausstellen. 

Aufgeben. 

Ich mag aufgeben. Ich will einfach so gerne alles hinschmeißen. 

Am Donnerstag wollte der Supervisor, dass ich ihm und dem Therapeuten die Hand drauf gebe, dass ich am Freitag wieder komme. Heil. Und im Hinterkopf war direkt der Gedanke „Jo. Passt. Aber darüber hinaus, pf!“ Nicht wegen dem Therapeuten, sondern weil der Supervisor mich so angekotzt hat. 

Danach saß ich unten auf dem Sofa. Wütend, angespannt, erledigt. Der Therapeut kam nochmal vorbei. Er streckte mir die Hand hin, hielt meine bis ich ihm in die Augen sah. „Bis Montag.“ sagte er. Und ich erwiderte „Bis Montag.“ während ich ihn anblicke und weiß, dass ich das halten werde, denn dieses unausgesprochene Versprechen ist etwas anderes als die Worte zuvor im Büro des Supervisors. 

Und dennoch. Ich will gerade einfach alles hinwerfen. Es ist mehr als ein „ich will“, denn es gibt einen Plan, es gibt eine Lösung für meine Tiere. 

Meine Tiere. Da kann ich nicht mehr weiter denken. Die Schweinchen, klar, sie kennen mich und sind an mich gewöhnt, aber sie kämen auch ohne mich zurecht. Doch der Zitronenkater, dieses bekloppte Fellbündel, das so sehr an mir hängt… Wenn er sich irgendwo hin quetscht, egal wie wenig Platz da ist, nur um dicht an mir zu liegen. Wenn er alle paar Stunden nach Hause kommt vom draußen umherziehen, sich an mir reibt und kurz kraulen lässt und dann wieder verschwindet, als ob er nur nachschauen mag, ob ich noch da bin und auf ihn warte. Wenn er sich auf mir zusammen rollt und lieber in Kauf nimmt geweckt zu werden, wenn ich mich bewege, als irgendwo ohne mich in Ruhe zu schlafen. Wenn ich eine Weile nicht da war und er sich auf den Boden schmeißt, an mir reibt, mich ableckt und schnurrt wie ein Irrer… Nein. Ich kann ihn nicht alleine lassen. Und ich kann auch das unausgesprochene Versprechen nicht brechen und ich kann auch nicht übergehen, dass an meiner Wand ein Blatt mit Worten hängt, dass für mich mehr ist als nur ein Blatt mit Worten. Und ich kann auch nicht übergehen, dass ich der Traumagruppentherapeutin gesagt habe, dass der Lebensvertrag existiert und steht. Und dann ärgere ich mich wieder über meine Psychologin in der DBT, denn sie wusste genau, dass ich irgendwann so hier sitzen werde und mich diese Worte halten, dieses Versprechen mir gegenüber, bezeugt von ihr und der Oberärztin und meiner ambulanten Thera. Und ich sehe ihr Gesicht vor mir, als ich ihr damals schon sagte, dass ich mich irgendwann ärgern werde. Und ich muss lächeln. Denn diese Gedanken machen es gerade ein wenig leichter, weil ich weiß, dass ich nicht aufgeben kann. Egal wie sehr ich es möchte. 

Stattdessen werde ich der Psychologin gleich eine Mail schreiben. Sie sagte, dass ich ihr schreiben kann, wenn ich mich ärgere und dass sie sich darüber freuen wird. Und dann werde ich meine Medis nehmen, mich ins Bett kuscheln und die Wärme des Zitronenkaters auf mir genießen. Am Montag werde ich den Therapeuten wieder sehen. In zehn Tagen werde ich der Traumagruppentherapeutin schreiben, dass ich es geschafft habe. Und Pfleger Arschkeks wird eine Postkarte von mir bekommen. Ich werde wieder einen Termin bei meiner Therapeutin haben, einen der letzten. Es wird Frühling werden und Sommer und Herbst und Winter und wieder Frühling und ich werde weiterhin kämpfen und atmen und leben. Denn Aufgeben ist keine Option. Manchmal leider. Manchmal zum Glück. 

Das leidige Thema Druck. 

Ich habe immer noch unglaublichen Selbstverletzungsdruck. In der Stabigruppe gestern steigt die Anspannung ohne ersichtlichen Grund und ich dissoziiere vor mich hin. Der Therapeut geht mit mir nach der Stunde raus, wir reden. Ich sage ihm, dass ich nicht weiß, woher ich die Kraft noch nehmen soll. Dass ich nicht weiß, wie ich es momentan schaffe weiter zu machen. Er fragt, ob es okay ist zum Supervisor zu gehen. Ich frage zurück, ob ich denn eine Wahl habe. Die habe ich nicht, also sitzen wir ein wenig später beim Supervisor und ich möchte ihn nach kurzer Zeit am liebsten umbringen. Er fragt immer wieder, woher gerade der Druck und die Suizidgedanken kommen. Ich erkläre ihm immer wieder, dass ich es nicht weiß. Und auch immer wieder, dass der Druck und die Gedanken da sind, unabhängig von der Anspannung. Immer und immer wieder und ich will ihm irgendwann einfach nur noch ins Gesicht springen. Er lässt mich ziehen, mit dem Versprechen heute nochmal zu ihm zu kommen. Heil und lebendig. 

Zuhause muss ich mich erstmal abregen. Ich schimpfe und fluche laut vor mich hin. Kraule dann das Katerkind uns Flöckchen und bleibe eine Weile bei den Meeris stehen und beobachte, wie Caro und Caramell zuerst versuchen sich in Luft aufzulösen aufgrund meiner Anwesenheit und dann doch beschließen, dass ich sie wohl nicht fresse und sich raus trauen. Ich esse was, gammel eine Weile vorm PC und stöbere dann durch meine Bilder, denn die Therapeutin der Traumagruppe fragte, ob ich das tun mag, mir schöne Momente raussuchen, am besten mit Bildern. Schöne Momente habe ich mir schon einige aufgeschrieben, nun kucke ich, was ich so an Fotos habe, die ich mir auch aufs Handy packen und so immer dabei haben kann. Und so hänge ich in Erinnerungen, während ich Fotos von Irland kucke, von der DBT-Zeit, von Hamburg und Berlin und von den Meeris und Chrissies halbem Zoo und Kreta und all den Jahren, die sich auf meiner externen Festplatte tummeln. Ich finde auch Bilder von den letzten Selbstverletzungen, von genähten Wunden und blicke auf meine Arme, auf die mittlerweile immer mehr verblassenden Narben. Und ich finde ein Bild von einem Smiley, den Pfleger Arschkeks mir vor fast einem Jahr auf den Arm malte, damals, als ich noch nicht daran glauben konnte, dass ich es länger schaffe als ein paar Wochen. Und nun sitze ich hier und es trennen mich nur noch 11 Tage vom vollen Jahr. Und ich will es schaffen, denn ich will mit A. feiern, ich will Pfleger Arschkeks stolz davon berichten, ich will es einfach schaffen. Für mich. 

Der Therapeut hat mich verdonnert heute nochmal zur Therapeutin der Traumagruppe zu gehen wegen einem Gespräch, denn er ist freitags nicht da. Für mich absolut okay, denn ich mag sie. Und bei ihr hatte ich auch von Anfang an das Gefühl ich kann reden und muss nicht aufpassen, was ich sage. Genau wie beim Therapeuten. Also spreche ich sie nach dem Frühtreff an und sage ihr auch, dass ich nur zur Traumagruppe komme um mich zu verabschieden, denn es wäre meine letzte Stunde und ich mag mich vorm Wochenende nun in der aktuellen Situation mit Druck und Suizidgedanken wirklich nicht konfrontieren. 

Stattdessen ziehe ich zum Supervisor, mit unendlich viel Begeisterung – nämlich gar keiner. Er vertröstet mich auf später, also nutze ich die Zeit und ziehe mit einer Mitpatientin in Richtung Sonne. 

Die Sonne tut unglaublich gut, am liebsten würde ich stundenlang auf der Bank liegen und die Wärme genießen, doch ich muss zum Supervisor. Dem sage ich dann auch, dass er mich gestern unglaublich auf die Palme gebracht hat, erkläre ihm nochmal, dass ich nicht weiß, woher der Druck und die Gedanken momentan kommen, dass ich natürlich gestern angespannt war (auch dank ihm), der Druck und die Gedanken aber auch unabhängig davon da sind. Er fragt noch, wie ich rückblickend die Traumagruppe sehe (na immer noch gut) und warum ich mit dem Therapeuten gut klar komme (weil es eben so ist?! Weil er gut ist und empathisch und mich nicht tausend mal das gleiche fragt und damit auf die Palme bringt?!). 

Nach dem Essen gehe ich zur Entspannung und in die Körpererfahrung und dann zum Gespräch zur Traumagruppentherapeutin. Wir kucken schöne Momente, es tut gut nochmal auszusprechen, dass ich es schaffen will ohne Selbstverletzung, dass ich mit A. feiern mag, dass ich mich mit einem Tattoo beschenken will, dass diese elf verdammten Tage nun doch wohl noch zu schaffen sind. Dann verabschieden wir uns, denn ich werde sie nicht mehr sehen bis zu meiner Entlassung. Es ist schade, denn ich mochte sie und konnte auch mit ihr gut reden und die zwei Gespräche bei ihr haben mir auch geholfen. 

Danach fahre ich erledigt nach Hause, eine Mitpatientin nimmt mich netterweise mit. Doch ich bin auch ein wenig zuversichtlicher, dass ich es schaffen kann, dass ich das Wochenende überstehe und vielleicht tatsächlich auch diese elf Tage. Und wenn ich es nur tue, um der Traumagruppentherapeutin dann eine Mail zu schreiben und voller Stolz sagen zu können, dass ich es geschafft habe. Wenn momentan schon nicht für mich, dann dafür. Und so dann doch für mich. 

I wanna scream till the words dry out

„Können Sie es vorlesen?“ fragt der Therapeut am Donnerstag, als ich das Blatt aus meinem Beutel angel. Ich schüttel heftig den Kopf. „Darf ich es dann vorlesen?“ „Wenn es unbedingt sein muss…“ antworte ich ihm und schiebe ein „Ich glaube es ist okay.“ hinterher. 

Und so beginnt er die Worte zu lesen, die mich gleichzeitig etliche Jahre zurück und viele Kilometer weit weg tragen. Ich bin wieder dort und ich bin wieder das kleine Mädchen. Und gleichzeitig sitze ich im Büro des Therapeuten und bin erwachsen. Den Ball in meiner Hand drücke ich so fest, dass es schmerzt. Der Therapeut macht immer wieder Pausen, fragt wie es mir geht, ob es noch geht. 

Als er die letzten Worte liest und aufblickt bin ich gerade dabei möglichst ruhig und tief zu atmen, weil ich das Gefühl habe zu ersticken und krame in meinem Skillsbeutel nach einem sauren Bonbon um mich einerseits in der Realität zu halten und andererseits den Geschmack in meinem Mund zu vertreiben. Mir laufen die Tränen. 

Wir fangen an die Gefühle aufzudröseln. Die Flipchart muss herhalten und der Kreis auf dem weißen Papier füllt sich mit Gefühlen und Gedanken. Ein kurzes Lächeln blitzt über mein Gesicht, denn ich muss an meine Therapeutin in Freiburg denken, sie wäre begeistert von den ganzen Gefühlen, die ich so klar sehen und benennen kann mittlerweile. 

Da sind Wut und Angst und Ekel und Scham. Und natürlich Schuld und Selbsthass. Und während die Gedanken dazu ihren Platz finden, während all diese alten Glaubenssätze aus meinem Kopf aufs Papier kommen, ändert sich etwas an der Verteilung der Gefühle. Die Wut nimmt mehr Raum ein. Denn da ist das völlig rationale und professionelle Hirn der Erwachsenen in ihrer Berufsrolle, die sich vorstellt dieses Kind vor sich sitzen zu haben. Und so finden auch andere Sätze ihren Platz auf dem Papier. Die gesunden Sätze, die Sätze, die sagen, dass es vorbei ist, dass Kinder niemals die Schuld tragen, dass ich wütend sein darf. Diese rationale Betrachtungsweise ändert mittlerweile doch auch ein wenig die Gefühle. Sie ermöglicht es mir wütend zu sein und es zu akzeptieren. Sie lindert die Angst, denn es ist vorbei. Die Scham bleibt, denn es ist passiert und ich schäme mich dafür. Die Schuld lässt sich auch nur wenig beeindrucken, denn das Gefühl ist so fest mit meinem Ich verwurzelt, dass es sich nur zögerlich und in winzigen Schritten ändern lässt. Der Selbsthass bleibt, aber wird leichter auszuhalten. 

Und so sitze ich am Ende der Stunde da und bin erstmal erledigt. Es war anstrengend und schmerzhaft und ich bin wieder mal froh, dass ich dem Impuls zu schneiden nicht nachgeben kann, da ich aufgehört habe immer eine Klinge dabei zu haben. 

Doch so schrecklich es auch manchmal ist, ich merke immer wieder, dass es mir gut tut und hilft. Es wird leichter zu sprechen. Leichter zu schreiben. Und leichter die richtigen Dinge zu fühlen, die Gefühle zuzulassen, die da hin passen und nicht den ganzen anderen Kram. Es ist erstaunlich, ich hätte nicht gedacht, dass diese paar Stunden Therapie während der Reha da irgendwas verändern können. 

Und weil ich doch ein wenig stolz auf mich bin, weil ich mir gerne was gönnen möchte und weil mein Handy auf dem morgendlichen Weg zur Klinik drei Mal Suizid beging, stöbere ich ein wenig auf der Seite meines Festnetzanbieters herum, denn ich habe die Möglichkeit mir dort ein Handy zu finanzieren und weniger als eigentlich zu bezahlen, da ich bestehender Kunde bin. Und als bekennender HTC-Liebhaber hüpfe ich anschließend fast vor Begeisterung, denn das neue Smartphone ist verfügbar. Also telefoniere ich kurz mit dem Festnetzanbieter, wie es aussieht mit Konditionen („Naja, eigentlich würde ich ja meinen Vertrag kündigen, ich habe ja schon mit ihrem Kollegen gesprochen wegen Angeboten, ich bin da noch soooooo unsicher, neues Handy, hmmmm, ich weiß ja nicht… „) und mache dann erstmal ein paar Leute wahnsinnig, weil ich nicht weiß ob ich das wirklich tun soll. Schließlich drücke ich doch auf den Button, bekomme kurz darauf eine Mail mit der Bestätigung und habe also ein neues Handy. Und sofort macht sich das schlechte Gewissen breit. Denn der Gesamtpreis ist einfach so viel Geld! Über die Finanzierung und mit dem Bonus als Kunde ist es eigentlich nicht viel, aber zusammen… Wusa! Ich hadere noch eine Weile mit mir, bis ich angedroht bekomme, dass mir jemand gleich mal auf den Hinterkopf schlägt. Dann ist es halbwegs okay und ich warte sehnsüchtig auf eine Mail, dass das Paket unterwegs ist. Die kam gestern und heute morgen aktualisiere ich zuallererst den Status und hoffe, dass es wirklich heute kommt. 

Und dann klingelt es und ich hüpfe begeistert zur Tür, freue mich, die Postbotin freut sich mit mir und kurze Zeit später packe ich mein neues Handy aus. Ein Träumchen! Da ich beim gleichen Hersteller bin gibt es nicht viel Umgewöhnen. Also installiere ich Apps, richte ein, mache dies und das. Und ich freue mich, denn ich habe mir was gegönnt und da mein altes Handy langsam wirklich nicht mehr das tut, was ich von ihm möchte, ist es noch nicht mal nur Luxus. 

Wenn ich unterwegs bin, dann höre ich eigentlich immer Musik. Streaming ist eine feine Sache, man kann quasi fast alles überall hören. Ich nutze gerne diverse Playlists, da kann man immer wieder Sachen neu oder wieder entdecken. So ging es mir am Freitag mit einem Lied, dass ich eigentlich kenne, aber eigentlich noch nie so sonderlich genau auf den Text geachtet habe. Anders am Freitag auf dem Weg zur Klinik. Und so läuft das Lied auf dem Rückweg hoch und runter, in Originalversion und verschiedenen anderen Versionen. Und es trifft momentan so unglaublich gut zu. 

You’ve got the words to change a nation
But you’re biting your tongue
You’ve spent a life time stuck in silence
Afraid you’ll say something wrong

Worte waren schon immer ein Halt für mich. Ob früher in Büchern oder heute auch beim Schreiben. Und so oft Schweige ich. Aus Angst. 

You’ve got a heart as loud as lions
So why let your voice be tamed?
Baby we’re a little different
There’s no need to be ashamed
You’ve got the light to fight the shadows
So stop hiding it away

There’s no need to be ashamed. Das sage ich mir momentan ständig und das sagen die Fachmenschen und die Mitmenschen. Die letzte Person, die sich schämen sollte, bin ich! 

I wanna sing, I wanna shout
I wanna scream till the words dry out
So put it in all of the papers
I’m not afraid
They can read all about it
Read all about it 

Und genau so fühle ich mich derzeit oftmals. Ich will nicht mehr schweigen, ich will es rausschreien, all die schlimmen Dinge und all den Schmerz, ich will brüllen bis meine Stimme versagt, bis all die Worte aus mir raus sind, bis es okay ist. 

Und ja, mittlerweile kann es auch öffentlich hier stehen (wenn auch fast komplett anonym, abgesehen von den Leuten, die mich privat kennen und den Blog lesen.) I’m not afraid. They can read all about it. Ich habe keine Angst mehr zu schreiben. Keine Angst mehr die Worte zu formulieren. Ich weiß, dass ich nicht daran sterbe. Es bringt mich nicht um in Worte zu fassen was geschehen ist. Und ich habe keine Angst mehr dies über diesen Weg zu tun. Denn ich will auch anderen die Angst nehmen, ich will auch andere ermutigen ihr Schweigen zu brechen. Ich will anderen geben, was mir so lange fehlte: das Gefühl nicht alleine zu sein. Und den Mut, dass es leichter werden kann damit zu leben. 

I wanna sing, I wanna shout
I wanna scream till the words dry out
So put it in all of the papers
I’m not afraid
They can read all about it
Read all about it 

Wir stecken alle in der Scheiße (jeder halt auf seine Weise)

„Das einzige was Sie dort finden können ist sich selbst.“ sagt die Therapeutin nochmal. „Und das kann niemals negativ sein.“ hängt sie an. 

Ich habe meine letzte Therapiestunde für dieses Jahr. Für dieses Jahr. Es fühlt sich merkwürdig an das zu sagen und zu schreiben. Vor allem da noch August ist.Es ist merkwürdig geplante Vorhaben mit einem ’nächstes Jahr‘  zu kommentieren. 

Und so erlebe ich momentan viele ‚letzten Male‘ für dieses Jahr. Das letzte Mal in die Praxis des Psychiaters gehen. Ich sage ihm, dass sich das ganze so merkwürdig anfühlt. Dass ’nächstes Jahr‘ so weit weg scheint. Er grinst und meint „Dann sehen wir uns also nächstes Jahr Frau Zitrone!“. Er wünscht mir alles Gute für die Zeit. Freut sich für mich. 

Auch die Therapeutin wünscht mir eine gute Zeit. Nette Zimmernachbarn. „Sie können mir ja mal schreiben wenn sie möchten“. 

Aufbruch. Weitergehen. Alles fühlt sich momentan danach an. Bald werden zu den ganzen letzten Malen viele erste Male kommen. Die Übernachtung ist gebucht. Die Einweisung liegt hier. Ich habe alles geregelt, was ich vorher noch regeln musste. Aufbruch. Weitergehen. 

Und mit jedem Tag nimmt die Panik zu. Nun sind es nicht mehr Wochen, es sind nur noch Tage. Es rückt näher und näher und ich mag eigentlich nur noch in eine Höhle kriechen und nicht mehr raus kommen. In manchen Momenten möchte ich eine Mail dort hin schicken, sagen, dass ich den Termin nicht wahrnehmen werde. Einfach nur, weil die Angst mich so sehr lähmt, umklammert und gefangen hält. 

Die Therapeutin fragt, welche Erwartungen und Ziele ich habe. Ich sage ihr, dass ich dieses letzte Schlupfloch, diese kleine Hintertür gerne schließen würde. Dieses „wenn alles scheiße ist kann ich mich immer noch umbringen“. Sie fragt mich wieso ich das gerne möchte. Ich erkläre es ihr und am Ende nenne ich eigentlich den wichtigsten Punkt. „Damit würde ich ihm eine Macht einräumen, die er in meinem Leben nicht haben darf. Die er nie hätte haben dürfen und nie wieder haben darf. Diese Macht über mich und auch über meinen Körper, wenn ich mich verletze.“ Denn trotz der vielen Kilometer ist er manchmal doch ständig da und hat dieselbe Macht über mich wie damals. Und ich habe verstanden, dass die ganzen Kilometer daran nichts ändern werden, auch wenn ich am liebsten mehrere Kontinente zwischen uns wissen würde. 

Es sind so viele kleine und große Dinge, die ich erreichen möchte. Weitergehen. Ich weiß, dass ich mit mehr Kompetenz und Stärke zurückkehren werde. Was ich sonst noch mitnehme, dass wird die Zeit zeigen. 

Nur noch Tage. Aufbruch. Weitergehen. 

Ich werde versuchen die Tage hier mit viel positivem zu füllen. Mit viel Katerkind und Meeris und Freunden und Momenten, die mir gut tun. Die mich von der Angst ablenken. 

Gestern zogen zwei kleine Meerchen bei mir ein. 

Ein kleines Rosettenmeeri und ein Schopfschweinchen. Einen wirklichen Namen haben sie noch nicht, auch wenn ich bei dem einen zu ‚Caramell‘ tendiere (wegen der Farbe), bei dem anderen zu ‚Karo‘ oder such ‚Caro‘, weil es auf dem Rücken aussieht wie ein Karomuster, an der Stelle an der die Farben sich abwechseln. Sie sind noch ein wenig ängstlich (kein Wunder, gestern zogen sie erst vom Besitzer in den Laden und dann zu mir), außerdem sitzt da ein großes Monster im Meerizuhause und versucht vor lauter Begeisterung mit allen Meeris gleichzeitig zu spielen. Das Katerkind findet das neue Leben in der Bude äußerst interessant, die Nacht hat er bei den Schweinen verbracht und versucht immer wieder mit ihnen Fangen zu spielen. Vermutlich wird er bald merken, dass auch die neuen Meeris nicht dafür zu begeistern sind. 

Mein alter Herr ist ganz happy vor lauter Glück, heute morgen lag er zwischen den zwei Kleinen und schlief selig. Gestern habe ich noch mit K. darüber gesprochen, dass er wohl alles überlebt. Bisher sind es zwei seiner Partnerinnen und zwei der Kinder, er ist wirklich auf dem besten Weg ein uralter Senior zu werden. 

Morgen wird meine Schwester kommen und wir werden uns voneinander verabschieden. Ich weiß nicht, ob ich die bis Weihnachten nochmal zu sehen kriege, wenn sie nicht auf der Arbeit ist hat sie ständig etwas vor, ist mit ihrem Freund oder Freunden unterwegs, fährt zu ihrem Vater oder treibt sich sonst wo rum. Es ist manchmal immer noch schwer für mich zu sehen, wie schnell sie doch groß und erwachsen wurde. Vor allem da mein Vater mir die Chance geraubt hat mehr an ihrem Leben teilzuhaben. Wirklich konstant da bin ich für sie erst seit 8 Jahren. Und da war sie schon mitten in der Pubertät und auf dem Weg zum erwachsen werden. 

Noch 4 Nächte werde ich in meinem eigenen Bett verbringen. 4 Mal werde ich unter meine Decken krabbeln und aufstehen. Die Zeit vergeht viel zu schnell… 

Was deine Schmerzen schlimmer macht,
Das hast du dir selbst beigebracht.
Es gibt kein Maß für jemand sein,
Doch für Verständnis und für Zeit.
Und für den Rest Gerechtigkeit.

She keeps on running from this crazy life

„Das einzige was Sie dort finden können ist sich selbst.“ erwidert die Therapeutin auf meine Ängste bezüglich der DBT. „Genau das ist ja das Schlimme!“ antworte ich ihr. 

Die Stunde ist gut. Und tut gut. Auch wenn sie hart ist und schmerzt und ich da sitze und mir die Tränen über das Gesicht laufen. „So wie heute habe ich Sie noch nie erlebt. Sie haben hier noch nie so betroffen darüber geredet, Sie waren noch nie so sehr bei sich und Ihren Gefühlen.“ meint sie gegen Ende. Ich muss lächeln, denn es fühlte sich zum ersten Mal auch okay an Worte für die Dinge in mir zu finden. Es war okay über damals zu reden, über das absurde gespaltene Verhalten meines Vaters, über meine Schuldgefühle, über die Angst, die immer noch da ist. 

„Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ benennt meine Therapeutin die verschiedenen Seiten meines Vaters. Und genau so ist es auch. Er konnte sich so plötzlich verwandeln, von einem Moment auf den anderen. Ich erzähle ihr von den Schuldgefühlen die ich habe, wenn ich von den schlimmen Dingen schreibe und nicht auch die guten erwähne. Von den Schuldgefühlen, weil ich ausspreche und aufschreibe was geschehen ist. „Es ist nicht wahr was nicht wahr sein darf… Schreiben Sie! Reden Sie! Hören Sie damit nicht auf.“ Ich erzähle ihr von der Wut auf die ganzen Menschen. Auf die Nachbarn, auf Lehrer, auf Erzieherinnen aus dem Kindergarten und vor allem auf das Jugendamt. Weil alle weg geschaut haben. Niemand kann mir erzählen, dass da nichts aufgefallen ist. Blaue Flecken, blaue Augen, Prellungen… Das Jugendamt wusste Bescheid und tat nichts. Sowohl ich als auch meine damalige Tagesmutter haben von Schlägen berichtet – gehandelt wurde nicht. Es ist nicht wahr was nicht wahr sein darf. 

Es tut gut zu reden, zu erzählen, zu weinen. „Ja, es war schlimm was Sie erlebt haben.“ sagt sie. Und es tut so unglaublich gut gehört zu werden, jemanden da sitzen zu haben der mir glaubt und mich ernst nimmt und mein Leid ein klein wenig mitträgt. Und mir erlaubt nicht okay zu sein, mir erlaubt dass ich mich furchtbar fühlen darf, dass ich weinen und schreien darf wegen den Dingen, die geschehen sind. Und dass ich das alles auch darf ohne sichtbare Zeichen des Schmerzes auf meiner Haut. 

„Ich war ja immer skeptisch wegen der Klinik. Ob Ihnen das wirklich gut tut. Das wissen Sie ja. Aber die haben sicherlich dazu beigetragen, dass Sie nun so hier sitzen und reden können.“ meinte die Therapeutin noch. „Ja. Die haben viel dazu beigetragen. Normalerweise wäre ich nun hier raus, in den nächsten Drogeriemarkt und mit den Klingen dann heim weil ich nur noch schneiden will. Ich will zwar auch grade am liebsten schneiden, aber ich weiß, dass ich da nun raus gehen kann ohne Klingen zu kaufen.“ Sie lächelt. Und ich lächle. 

Silent cries
Every night
This Pain don’t ever leave her life
Daddy’s home
So she tries to hide
She calls for Mom
But never a reply

It’s so different in my head

Als ich die Augen öffne ist es halb 9. Und ich erlebe wieder dieses seltsame Phänomen, dass ich einfach wach bin und nicht noch völlig in Watte und Müdigkeit gefangen. Tabletten reduzieren kann durchaus positiv sein. 

Das Katerkind liegt ausgestreckt auf dem Rücken und schläft selig neben meiner Schlafbanane. Als ich ihn kraule gähnt er müde, tapst auf meinen Bauch und rollt sich dort nochmal zusammen um weiter zu schlafen und gekrault zu werden. Ich gönne ihm noch ein paar Minuten Glückseligkeit, bevor ich aufstehe. 

Und dann hänge ich wieder durch. Ich schaffe es nicht mich zu motivieren, habe keine Kraft etwas zu tun und die Stunden verfliegen, während ich dasitze und den Zahlen auf meiner Uhr zusehe. Eigentlich will ich wieder ins Bett, denn ich bin wieder müde und mag mich vor der Welt vergraben… Doch ich hüpfe in meine Klamotten, schnappe Leergut, Geldbeutel und Schlüssel und tapse zum Supermarkt. Und bevor ich zuhause wieder in meine Starre verfalle werfe ich alles aus dem Kühlschrank, was nicht mehr gut ist, bevor ich ihn einräume und laufe mit dem Wäschekorb durch die Wohnung, um die Klamotten einzusammeln, die auf dem Boden rumfliegen. Es landet einfach alles in der Waschmaschine, ohne Rücksicht auf Farbe und Sauberkeit. 

Zwischendurch versinke ich immer wieder in Dunkelheit und auf meinem Sofa. Aber ich schaffe es die Minuten nicht zu Stunden werden zu lassen. Stattdessen schaffe ich, was ich seit langem nicht geschafft habe. Einen Anfang zu finden in dem Chaos meiner Wohnung. Ich schaffe es mein Sofa wieder zum Sofa umzufunktionieren, nicht mehr als Ablageplatz zu nutzen. Ich räume die Ecke unter den Meeris auf, kehre Heu zusammen, schnappe mir die Möhrenbande und betreibe bei ihnen Pedi- und Maniküre. Ich bringe den Müll raus, putze eines der Katerklos und werde dann vom Besuch einer Freundin vom Aufräumen abgelenkt, gönne mir eine Pause mit Kaffee und Kuchen und quatschen und rauchen. Danach schläft das Katerkind so süß auf dem Sofa, dass ich ihn einfach nur betrachte und kraule. 

Während mein Essen auf dem Herd steht, räume ich in der Küche vor mich hin. Das saubere Geschirr in den Schrank, eine Ladung frisches Rindfleisch in den Kater, das Besteck in die Schublade und das Gemüse in den Kühlschrank. Und ein wenig rumliegendes Zeug in den Mülleimer. 

Ich muss an die Therapie gestern denken. „Probieren Sie mal Meditation!“ meint die Therapeutin, als ich ihr von meiner letzten Drogenaktion erzähle. „Das bringt Sie auch in andere Bewusstseinszustände.“ Ich schaue sie skeptisch an und muss dann lachen, weil sie mir sonst immer erzählt, dass ich viel zu viel sonst wo bin als in mir selbst. Ich glaube, dass es mir weniger darum geht irgendwo anders rumzuschweben als um die Tatsache mir selbst irgendwie zu schaden. Eine Alternative zu finden für die Selbstverletzung. Wenn auch nicht bewusst. Aber das Problem der Symptomverschiebung ist bekannt und ich bin nicht die einzige, die mit sowas zu kämpfen hat. Manchmal bin ich froh, dass die Erfahrungen mit meinem Vater Alkohol zu einem schweren Thema gemacht haben, denn das verhindert zum Glück die Ambitionen mich öfter furchtbar zu betrinken, um das Chaos in mir zu betäuben. Den Rest werde ich auch noch hinkriegen. Vielleicht schaffe ich es irgendwann ja tatsächlich ohne sonderlich große dysfunktionale Verhaltensweisen mein Leben auf die Reihe zu kriegen. Manchmal fühle ich mich aber einfach so verloren in meinem Leben, so verloren in der Welt, dass nur Selbstschädigung mich irgendwie wieder zurück holt, mir einen Halt gibt in diesem Treiben durch die Leere. Einfach nur mich selbst wieder spüren, wieder in mir sein, wieder bei mir sein. Wieder leben. Und leider habe ich noch immer nichts gefunden, dass da so gut und so schnell und so sicherlich hilft wie schneiden… 

Am Abend hat N. noch vorbeigeschaut, wir haben den Kater bespaßt und nun sind sowohl Kater als auch ich müde vom Tag. So produktiv war ich schon lange nicht mehr und es fühlt sich gut an mit diesem Gefühl ins Bett zu gehen. Vielleicht gibt es mir auch die Motivation und Energie morgen weiter zu machen. 

‚Cause tonight I’m feeling like an astronaut
Sending S.O.S from this tiny box
And I lost all signal when I lifted up
Now I’m stuck out here and the world forgot

Therapie & Chaos

„Sie sehen gut aus“ meint meine Therapeutin zu mir. „Zufriedener.“ Und sie hat Recht. Nach dem anfänglichen Schock über die Zusage für Freiburg ist zwar die Angst noch nicht verflogen, aber es ist eine gewisse Erleichterung zu wissen, dass es nun weiter geht. Unser Termin geht nicht sonderlich in die Tiefe. Es geht mehr um die Ereignisse der letzten Wochen, um die Zukunft und darum, wie es mit der Therapie nun weiter geht. Ich werde vor Freiburg nochmals hin gehen und auch danach, dann laufen die Stunden aus und ich habe erst mal zwei Jahre Sperre. Ich habe überlegt mir eine andere ambulante Therapie zu suchen, mich dann allerdings dagegen entschieden. Die Wartezeiten sind überall lang und bis ich Vertrauen zu jemand neuem gefasst habe, sind vermutlich auch schon zwei Jahre vergangen. Ich werde also erst mal abwarten, wie es dann aussieht. Ob ich eine Therapie noch brauche, ob die Therapieform dann noch die richtige ist. Und dann entscheiden ob ich wieder zu ihr zurückkehre oder mich anderweitig umschaue.

Ich habe es heute genossen durch meine Hauptstadt zu laufen. Ich war zuerst bei der Bank mein Kleingeld mal einzahlen, danach wollte ich zum örtlichen ÖPNV-Unternehmen. Dort angekommen verkündet ein Schild den Umzug, direkt in die Straße neben der Bank. Also den Weg wieder zurück. Das Ergebnis des Besuchs ist positiv, ich kann mit einer Bescheinigung über meinen Aufenthalt meine Fahrkarte für die Dauer meiner Therapie pausieren. Danach habe ich mich auf den Weg gemacht die neue Praxis meiner Therapeutin zu suchen. Ich mag die Straße, in der sie nun ist. Sie ist gewaltig lang, beginnt am Markt und beherbergt viele Szene-Lokale und -Kneipen. Die Praxis ist im ersten Stock eines Hauses und es fällt mir erst mal schwer mich in den neuen Räumen zu orientieren, nachdem ich nun seit so vielen Jahren das Wartezimmer und den Hauptraum gewohnt war. Ihre Einrichtungsart ist jedoch gleich geblieben und ich erkenne viele Dinge aus der alten Praxis wieder.

Bevor ich mich von der Hauptstadt wieder auf den Weg nach Hause mache, treffe ich mich noch kurz mit Mama. Sie hat so viel Salat im Garten, dass sie nicht weiß wohin damit. Also profitieren meine Meeris nun davon. Schon ein paar Stunden zuvor habe ich am Telefon erwähnt, dass ich einen Termin für Freiburg habe. Sie hat erstaunlich gelassen darauf reagiert. Nur beim Treffen meint sie besorgt, dass ich hoffentlich nicht als anderer Mensch zurück kommen werde. Als ob ich in der Therapie komplett auf den Kopf gestellt, auseinander genommen und neu zusammen gesetzt werden würde. Klar, in einer gewissen Art wohl schon, nur wird es ja nichts an meiner grundsätzlichen Art und meinem Sein ändern.

Zuhause würde ich am allerliebsten explodieren. Denn meine Wohnung artet langsam wirklich in etwas messi-mäßiges aus. Und ich bin wütend auf mich, weil ich es einfach nicht hin kriege Ordnung zu machen. Ich beginne und räume eine Ecke auf. Das nutzt allerdings verhältnismäßig wenig und ich muss wohl einfach einen kompletten Tag einlegen, an dem ich von vorne bis hinten alles aufräume. Und schon mag ich mich wieder unter der Decke verstecken, weil es mich überfordert. Maaaaaaaah!

 

When you come to where you’re broken within 

Als ich wach werde, aufs Handy blicke und dann fluchend aus dem Bett schieße, bleiben mir noch genau 9 Minuten bis zur Abfahrt meines Busses. Wie so oft habe ich es einfach nicht geschafft wach zu werden, als der Wecker klingelte. Am Abend habe ich lange gebraucht einzuschlafen und wurde nachts klatschnass wach und musste mich erstmal umziehen. Und während ich schimpfend und fluchend über meine Müdigkeit, die verdammten Nebenwirkungen der Medikamente und die Uhrzeit durch die Wohnung hetze, schaut der Zitronenkater mich verwundert aus seinen großen Augen an und miaut verwirrt.
Auf dem Weg zur Therapie wird mir mal wieder übel. Aus dem Bett schießen und zum Bus hetzen und Menschen und der Gedanke an die Therapie bringen sowohl meinen Kreislauf, als auch meine Psyche an ihre Grenzen.
Die Therapiestunde ist gut. Gut und furchtbar anstrengend. Wir kommen auf das Thema Schuld und Scham und die Therapeutin meint, dass ich keinen Grund habe mich zu schämen für die Dinge, die passiert sind. Genauso wenig wie für die Narben, die ich auf meinem Körper trage. Dass es eine verdrehte Sichtweise ist, dass die Opfer sich schämen. Weil die Tat an sich so unglaublich ist. Und da sich ja sonst niemand dafür schämt, erst recht nicht die Täter, tut man es eben selbst.
Irgendwann fange ich an zu weinen, verstecke mich in meiner Weste und meinem Schal, weil mir so unglaublich kalt wird. „Ich finde Sie sehr mutig“ meint die Therapeutin irgendwann. „Wissen Sie, was ich an Ihnen so mutig finde? Sie kämpfen für Ihre Gesundheit und werden nicht einfach selbst zum Arschloch.“
Das Thema hatten wir schon öfter. In Bezug auf meinen Vater, der anstatt etwas zu verarbeiten oder an sich zu arbeiten einfach selbst zum Arschloch wird. Oder so viele Leute, die sich hinsetzen und nichts tun oder irgendwelche Dinge tun und anschließend sagen, dass sie nichts dafür könnten, sie hätten immerhin eine schlimme Kindheit gehabt.
Ihre Worte tun mir gut. Gerade im Moment, weil ich wieder so sehr kämpfe.
Ich erzähle ihr von dem Termin beim Amt, dass es für mich so furchtbar war. Sie meint, dass das wieder so eine Situation ist, die mich in die Opferrolle drängt. Und wieder so etwas verdrehtes, weil ich mich dafür rechtfertigen muss, dass ich kaputt bin.
Als ich die Praxis wieder verlasse fühle ich mich furchtbar. Alles momentan strengt so sehr an. Der Kampf gegen die Vergangenheit und der Kampf mit mir selber, das Drumherum aus Amt und kümmern und Haushalt und Terminen und Erledigungen.
Ich gehe einkaufen und mache mich auf den Heimweg und mag mich eigentlich nur vergraben. Doch das funktioniert nicht. Ich bin zwar unglaublich müde, unglaublich Matsch und zerschlagen und am Ende, aber ich kann einfach nicht ruhig bleiben. Außerdem friere ich furchtbar. Innerlich.
Also sitze ich später vor meiner Haustür in der Sonne. Versuche die Wärme der Sonnenstrahlen bis in mein Inneres dringen zu lassen, genieße die beiden wunderschönen riesigen Rosenbüsche neben mir mit den tollen roten und gelben Rosen, schaue dem Verkehr auf der Straße zu und versuche irgendwie den Horror in meinem Inneren für eine Weile zu vergessen. Ich würde mir so gerne irgendwo eine Höhle graben, tief in die Erde mit dem Eingang zur Sonne und mich dort verstecken, bis ich das Gefühl habe es ist wieder okay.
Bibi kam vorbei und wir haben vor der Türe gesessen, gequatscht und die Sonne genossen. Danach nimmt sie mich mit bis in die Stadt, ich besorge mir einen Besen (in meiner Wohnung liegt überall Laminat, nur im Bad habe ich Fliesen. Ich habe dafür extra einen „Kehrwischmop“), eine kleine Schaufel und eine Hacke. Ich will ein wenig im Vorgarten rumbuddeln und ein paar Sachen einsäen und Unkraut beseitigen und kehren. In der Erde rumwühlen tut einfach gut.
Mit N. treffe ich mich noch auf einen Kaffee, später sitzen wir zusammen vor dem TV, schauen einen Film und einen Teil Stern TV. Es ist endlich wieder besser, ich fühle mich nicht mehr so furchtbar wie noch am Morgen und Mittag. Zum Glück.
Ich hoffe meine Nacht wird ruhiger. Und trockener. Ich brauche dringend einfach mal eine erholsame Nacht ohne schlechte Träume und Aufwachen.

Afraid to let your secrets out 
Everything that you hide 
Can come crashing through the door now 
But too scared to face all your fear 
So you hide but you find 
That the shame won’t disappear 

Because you raped my soul today

In den letzten Tagen fiel es mir schwer etwas zu schreiben. Mein Kopf ist voller Gefühle, Erinnerungen und wirrer Gedanken, die keinerlei Sinn ergeben und mir entgleiten, sobald ich versuche sie zu fassen.
Draußen ist es kalt und nass und grau. Und meine Stimmung passt sich an. Ich will endlich den Frühling, für mehr als nur ein paar Tage. Ich habe genug von Schnee und Kälte und Nässe. Ich will endgültig meine Heizung ausstellen und erst Ende des Jahres wieder anschalten, ich will das Katerkind raus lassen können (momentan erfriere dann entweder ich bei offenem Fenster oder der Kater weigert sich auch nur eine Pfote raus zu setzen, weil es nass ist).

Die Therapie heute war anstrengend. Altbekanntes Thema, altbekannte Gefühle. Danach war es gar nicht gut. N. hat mich am Bahnhof aufgelesen, wir waren bei mir, haben Filme geschaut, Pizza gegessen. Es tat gut und alles war okay. Und nun stürzt es wieder ein. Und als wäre es nicht schon schwer genug, was tue ich? Ich schaue mir Bilder und Videos von Selberverletzung an. Kann den Schmerz fühlen, wenn ich die Schnitte sehe, kann die Erleichterung spüren. Und der Druck in mir wird schlimmer und schlimmer. Bis ich es dann schaffe den noch funktionierenden Teil meines Hirns zu nutzen, ist die Anspannung schon gewaltig oben. Und eigentlich mag ich gar nicht skillen. Eigentlich will ich, dass es passiert. Will eine Rechtfertigung für die Verletzung, Anspannung war einfach zu hoch. Und doch stehe ich auf, suche die Finalgon, suche den Akupressurball, wickel mir das Gummi ums Handgelenk und schnappe mir zwei Eiswürfel. Damit habe ich es nun immerhin geschafft die Anspannung auf dem gleichen Level zu halten, habe es auf die Reihe bekommen meine Medis zu holen und ins Bett zu gehen, unterwegs noch in eine Pinnwandnadel zu treten, die Katerkind ins Wohnzimmer geschleppt hat. Nun hoffe ich einfach, dass die Anspannung wenigstens auf dem gleichen Niveau bleibt, bis meine Medis ihre Wirkung tun und ich einfach zu müde werde um wieder aus dem Bett zu kriechen und mich zu verletzen. Ich habe die Worte vom Psychopeut im Ohr, der immer und immer wieder sagt, dass es vorbei geht, dass ich das ganze gut mache. Ich versuche mich darauf zu konzentrieren, versuche im hier und jetzt zu bleiben und einfach zu atmen und es auszuhalten.
Für morgen steht dann wohl einfach ganz viel Gutes tun auf dem Plan. Ein Haufen Selbstfürsorge, mich um mich kümmern. Um mich und die kleine Zitrone in mir.
Ich hasse solche Tage. Tage, an denen es einfach schon von Anfang an doof ist und die Therapie einfach furchtbar anstrengend und selbst schöne Momente es nicht bessern. Da hilft dann vielleicht wirklich einfach nur noch so lange durchhalten, bis die Medis wirken und hoffen, dass die Müdigkeit einen dann ausknockt.

Look
Five deep cuts
On my arm
Where you touched
Hands are razorblades