I’m a survivor

Ich mag das Wort „Opfer“ nicht. Spätestens seit es in den letzten Jahren unter Jugendlichen gebräuchlich wurde als Synonym für uncool, aber eigentlich schon immer. Ich muss dabei automatisch an Opfergaben denken, welche Götter besänftigen sollten.

Ich fühle mich nicht als Opfer. Für mich impliziert dieses Wort automatisch Hilflosigkeit, keine Möglichkeit zu handeln. Natürlich war es so. Natürlich war ich hilflos, hatte keine Möglichkeit mich zu wehren. Doch neben diesen Dingen habe ich eins geschafft – zu überleben. Das wiegt für mich so viel mehr. Es zeigt Stärke und Kraft, Resilienz und Lebenswillen. So viel wichtiger, denn diese Dinge kommen von mir. In die Rolle der Hilflosigkeit wurde ich gedrängt. Doch überlebt habe ich aus eigener Kraft.

Ich bin kein Missbrauchsopfer. Ich habe Missbrauch überlebt.

Nicht unbeschadet, nein. Da ist vieles zerstört worden, da gab es viele ungesunde Wege damit umzugehen. Teilweise gibt es die bis heute. Aber, trotz allem, ich lebe. Ich bin hier, ich atme, ich überlebe nicht nur, sondern lebe mein Leben und versuche jeden Tag das Beste daraus zu machen. Trotz oder gerade wegen meiner Vergangenheit.

Man bleibt nicht einfach hilflos zurück. Missbrauch weckt so viel mehr. Wut, Hass, Aggression, nicht nur passive Gefühle. Und natürlich fühle ich mich manchmal grausam, habe manchmal das Gefühl, dass ich das alles verdient habe, zerfließe in Selbstmitleid. Doch da ist so viel mehr. Die Wut und die Stärke, der Drang mein Leben zurück zu gewinnen.

Ich schweige nicht mehr. Ich rede und schreibe über die Dinge die passiert sind. Ich handle, ich kämpfe gegen die Dämonen. Ich kämpfe für mich. Ich bin kein passives Opfer mehr.

Ich habe überlebt.

I’m a survivor, I’m not gon‘ give up
I’m not gon‘ stop, I’m gon‘ work harder
I’m a survivor, I’m gonna make it
I will survive, keep on survivin‘

Worte zerstören mehr als Taten

In den letzten Wochen kommt es immer häufiger vor, dass plötzlich seine Worte in meinen Kopf hallen. Wenn ich durch die Stadt gehe, wenn ich im Zug unterwegs bin, wenn ich in einer Vorlesung sitze.

Ohne konkreten Trigger, sie sind einfach plötzlich da. Sie dröhnen in meinem Kopf, so unglaublich laut, wiederholen sich immer und immer wieder. Worte, die tief in mir verwurzelt sind, die durch die Jahre zu einer Gewissheit wurden, zu Wahrheit, zu Realität. Aber auch Worte, die ich aus meinen Erinnerungen verbannt habe, an Stellen, aus denen sie plötzlich hervor schießen und sich nicht mehr vergraben lassen.

Du bist nichts wert.

Aus dir wird nie etwas werden.

Du wirst nur Bäckereifachverkäuferin oder Putzfrau bei McDonalds.

Du bist eine Schlampe.

Du bist genauso gestört wie deine Mutter.

Du hast niemanden außer mir. Niemand will dich.

Wenn du weg gehst bist du ganz allein. Du hast niemanden.

Du bist Schuld, dass ich dich geschlagen habe.

XY ist so ein liebes und hübsches Mädchen. Die Eltern haben bestimmt keinen Ärger mit ihr. Nimm dir ein Beispiel.

In deinem Alter hat man keine Probleme. Ich habe wirkliche Probleme, deine sind lächerlich.

Du bist ganz schön fett.

Worte, die ich so oft gehört habe. Neben den Situationen, die mir nie wieder aus dem Kopf gehen werden.

Sommer, durch die offene Terrassentür kommen Fliegen in die Wohnung. Ich verscheuche welche. Fliegen fliegen eben immer zu Scheiße. sagt er.

Die erste Englischarbeit in der fünften Klasse. Wie er da sitzt und mich abwechselnd auslacht und beschimpft. Wie dumm kann man sein das Wort falsch zu schreiben.

Wie er reagiert, als er erfährt, dass meine Mutter wieder schwanger ist. Deine Mutter hat ein neues Kind. Sie braucht dich nicht mehr.

Als ich ein Bild für einen Malwettbewerb malen soll in der Grundschule. Dir muss doch klar sein, dass man die Striche nicht in eine Richtung macht, da sieht man ja die einzelnen Striche. Das sieht scheiße aus! Du bist zu nichts zu gebrauchen.

So viele Momente, in denen er mich mehr verletzt hat, als die körperliche Gewalt es jemals konnte. Worte, die über 14 Jahre mein Selbstbewusstsein zerfressen haben, die auch heute noch mein Bild von mir selbst bestimmen.

Dunkel

Es ist schwer. Atmen. Aufstehen. Einkaufen. Essen. Alles. Das Leben an sich.

Ich kriege nichts hin. Außer den nötigsten Dingen. Mich in den Supermarkt schleppen, damit meine Tiere etwas zu essen haben. Einmal am Tag wenigstens halbwegs irgendwas essen. Alles andere bleibt liegen. Die Wohnung, die zu regelnden Dinge, ich. Ich mag mich selbst nicht, weil ich es schon den zweiten Tag nicht schaffe zu duschen, aber es geht einfach nicht. Allein die Vorstellung ins Bad zu gehen, auszuziehen, unter die Dusche stellen… All das scheint so unüberwindbar anstrengend. Ich würde mir gern was gutes tun. Mit einem tollen Shampoo duschen, mir die Nägel lackieren… Doch die Kraft fehlt. Alles ist anstrengend, so sehr, als würde ich mich nicht durch Luft, sondern durch eine zähe klebrige Masse bewegen.

Ich weiß, dass gerade das Drumrum wichtig ist um nicht völlig zu versinken. Raus gehen, Essen, mich um mich kümmern, mir gutes tun… Doch nur daran zu denken ist schon unglaublich anstrengend und kräftezehrend.

Es wird Mittag und Abend und Nacht. Ich kriege viel zu wenig hin, würde so gerne viel mehr leisten. Stattdessen schreibe ich ein wenig an meinem Exposé (zu wenig…), bis mich der Medikinet-Rebound zu sehr umtreibt und ich mich nicht mehr konzentrieren kann.

Es wird Mitternacht und es wird 4 Uhr. Vogelzwitschern ist zu hören und hin und wieder ein Auto, die Welt um mich herum erwacht, während ich noch keine einzige Minute geschlafen habe. Der Zitronenkater schaut mich aus verschlafenen Augen an, streckt sich und rollt sich auf meinem Schoß wieder zusammen. Sein Gewicht ist beruhigend, genau wie sein Schnurren. Seine Wärme schafft es zu den verletzen Winkeln meiner Selbst vorzudringen, die gerade so sehr bröckeln und auseinander fallen.

Der Schmerz wird von Tag zu Tag größer. Die kleine Zitrone in mir brüllt mit jedem Tag lauter, schreit mir ihren Schmerz in die Ohren und zerbricht mit jedem Moment ein wenig mehr. Und ich schaffe es nicht diesem Schmerz etwas entgegen zu setzen, schaffe es nicht mich selbst aufzufangen. Seit diesem Abend am Bahnhof wird es schlimmer und schlimmer und ich brauche so dringend einen Ort, an dem ich das alles lassen kann… Und habe doch gleichzeitig eine solche Angst davor. Angst, dass alle Dämme brechen, wenn ich auch nur ein Wort davon ausspreche, wie es derzeit in mir aussieht. Ich habe Angst, dass es sich dann nicht mehr aufhalten lässt, dass Welle um Welle von Schmerz mich umspülen, gefolgt von Angst, von Wut, von Trauer, von dieser unglaublichen Verzweiflung, die in mir wütet.

Und obwohl ich die Gefühle meiner Kindheit und Jugend so weit von mir weg geschoben habe, dass mir meistens komplett der Zugang dazu fehlt, so weiß ich gerade doch genau, dass es sich anfühlt wie damals. Nach Außen stark, im Inneren so furchtbar kaputt und zerstört, ohne Halt und Sicherheit, völlig ausgeliefert. Die Gefühle gerade sind genau die Gefühle von damals. Damals habe ich mich in die Sicherheit der Selbstverletzung und den Halt der Suizidgedanken geflüchtet. Heute fehlt das Schneiden. Was bleibt ist die Sicherheit, dass ich es beenden kann wenn ich will. Könnte, wenn ich wollte. Und so sehr es auch Sicherheit gibt, so sehr macht es mir auch Angst, denn ich habe das Gefühl, dass mit jedem Tag ein kleines Stückchen weniger zwischen „ich könnte“ und „ich werde“ liegt.

And I’m too young for this

Es ist anstrengend momentan. Es schwankt von gut zu okay zu furchtbar zu okay zu gut. Ständig. Ich weiß nicht, seit wann genau ich eigentlich chronisch suizidal bin, aber es sind definitiv schon über 10 Jahre… Doch so häufig wie momentan hat es mich schon lange nicht mehr umgeworfen. Vielleicht, weil das Ende des Lebensvertrags vor der Tür steht, weil ich mich mit der Verlängerung auseinander setzen muss. Der Termin mit Schwester Nathalie steht, bis dahin wird der neue Lebensvertrag fertig sein. Ich überlege noch, wen ich sonst als Zeuge unterschreiben lasse. Meine Therapeutin fällt weg, denn sie ist nun nicht mehr meine Therapeutin. Und das stimmt mich traurig, denn gerade fehlt es mir so sehr einen Platz für das Chaos in meinem Kopf zu haben. Einen Platz für die Angst und die Dämonen der Vergangenheit, für die Erinnerungen und die Flashbacks und diese verdammten Suizidgedanken.

Es kann so schnell kippen momentan. Vor allem, weil die Panik mich immer wieder so plötzlich anspringt. Zum Beispiel am Donnerstag in der Achtsamkeit, wo der Butterpfirsichkeks mich danach zum Glück nach draußen und im Anschluss auf die Station begleitet hat, bevor wir zusammen in die Stadt gezogen sind und die Panik irgendwann endlich nachließ.

Die Panik macht es so schwer momentan, weil die Angst vor der Angst mich blockiert. Ich traue mich so viel weniger hinaus, weniger in die Hauptstadt, weniger unter Menschen, weil ich Angst habe, dass ich Angst kriege. Es funktioniert mit Menschen, die davon wissen. Dann kann ich ein wenig los lassen, weil ich weiß, dass ich im Notfall nix erklären muss.

Am Freitag hätte ich eigentlich einen Termin bei meinem Psychiater gehabt. Endlich. Ihm endlich erzählen von dem was passiert ist, von der wiedergekehrten Panik, von der Angst vor der Angst, den Schlafproblemen derzeit und der Suizidalität… Vorhin hat er abgesagt. Die Praxis ist zu, das komplette Team krank. Meine Welt stürzt mal wieder zusammen, weil ich mich so sehr an diesem Termin festgehalten habe. Weil ein neuer Termin vermutlich auch wieder erst in mehreren Wochen sein wird… Weil es noch mehr Wochen und noch mehr Wochen werden, bevor ich mit diesem Chaos endlich irgendwo hin kann.

Das alles lähmt mich derzeit so sehr, dass ich kaum die Dinge geregelt kriege, die ich tun will.

Aufräumen zum Beispiel. Seit gestern ist meine Wohnung endlich wieder meine Wohnung. Mein ehemaliger Untermieter hat seinen Scheiß endlich abgeholt und ich staune jedes Mal, wenn ich in die Küche gehe, wie groß sie plötzlich wieder ist, wie viel Boden ich habe. Es fühlt sich unglaublich gut an wieder mein Reich zu haben, ganz für mich alleine.

Und gleichzeitig fühle ich mich schlecht, weil ich gerne mehr tun würde. Mir mein Reich endlich wieder aneignen, aufräumen, Ordnung schaffen, meine sicheren vier Wände zurückerobern. Oder mein Exposé schreiben. Oder mehr Freunde treffen. Oder oder oder. Die Ansprüche an mich selbst kollidieren wieder völlig mit den Dingen, die ich gerade zu leisten vermag.

Ich finde mich selbst unglaublich anstrengend. Weil es so sehr schwankt, weil ich aktuell viel rumjammer, weil ich mich selbst als Belastung empfinde. Weil ich übervorsichtig bin, was ich anderen Menschen anvertraue, aus Angst, dass ich zuviel bin. Weil Ablehnung gerade nicht zu ertragen wäre. Weil die kleine Zitrone in mir gerade so unglaublich verletzt ist, so unglaublich ängstlich und traurig und alleine. Weil ich mir so sehr wünsche, dass mir jemand sagt, dass ich okay bin so, dass ich okay sein darf, dass es okay ist zu leben und Gefühle zu haben und dass ich reden darf, schreiben darf, dass es okay ist nicht mehr zu schweigen.

Weil gerade alles so sehr wankt. Weil es meine Grundfesten erschüttert, mir das Fundament wegbröckelt, weil der alte Schmerz alles unterspült.

Die alten Stürme werfen mich hin und her, wie ein kleines Boot auf hoher See. Ohne Halt, ohne sicheren Hafen.

~ Look, five deep cuts on my arm
Where you touched, hands are razorblades
Five bleeding wounds, always fresh
Bleed out life ‚til it’s gone

And I’m too young for this
Slowly I am faiting as my innocence
Leaves me and I’m aching
As I start to die, a painful death
A slow decay, because you raped my soul today ~

– my glorious

Trigger

Dinge, die man nicht braucht, auch nicht, wenn es grade okay ist, weil die letzte Klausur geschrieben ist: Freundin der Mutter. Und zwar eben jene, deren Mann mit meinem Vater befreundet war, eben jene, die vor einer Weile auf meine Erzählung, warum ich keinen Kontakt mehr zu meinem Vater habe mit einem „Also war es doch so.“ reagiert hat. Nein, ich kann es nicht brauchen. Es ist okay, wenn ich drüber rede mittlerweile, ja, meistens zumindest. Aber dann tu ich das, weil es für mich okay ist und ich es kann und will. Und ich möchte das weder mit meiner Mutter ausdiskutieren, noch mit der Freundin meiner Mutter. Denn ich habe immer noch zu verdauen, dass es wohl so offensichtlich war, dass da ein Missbrauch stattfindet und einfach nicht gehandelt wurde. Und bitte auch nicht gerade jetzt, wenn es gerade eh so wackelig ist. Und ich will auch nicht hören, dass ich die Augen meines Vaters habe, dass ich ihm ähnlich sehe, dass dies und das und jenes. Grenzen setzen ist in dieser Familie wirklich ein Ding der Unmöglichkeit. Da wird einfach fröhlich drüber hinweg getrampelt. Und das triggert. Ungemein. Vielleicht noch mehr als das Thema an sich. Meine Grenze, mein persönlicher Schutzbereich, bis hierhin und nicht weiter. Es fällt schwer genug das zu äußern, mir das Recht raus zu nehmen eigene Bedürfnisse zu haben, ich kämpfe schon unglaublich mit dem, was dabei in meinem Kopf passiert. Nein, ich will mit meiner Mutter nicht darüber reden. Generell nicht, gerade schon mal gar nicht, und in der Konstellation gleich dreimal nicht. Nicht, weil ich es nicht mit ihr thematisieren will. Sondern weil ich es nicht kann und weil sie es nicht kann. Weil sie Dinge fragt, sie ich überhaupt keinem Menschen gegenüber in Worte fassen kann, weil sie bohrt und fragt, dann anfängt von der Ehe zu erzählen (haaaallllooooo, ging es hier nicht um mich?) und letztendlich dann sämtliche Verdrängungsmechanismen auffährt, von „aber ist doch vorbei“ bis zu „so schlimm kann es nicht gewesen sein“. Doch, verdammt noch mal, das war es. Es war so schlimm, dass ich mit 11 anfing mich zu verletzen, mit 13 zum ersten Mal sterben wollte, mir gewünscht habe einfach nie wieder aufzuwachen. Es. War. Schlimm. Was bitte kann man an 14 Jahren psychischer und physischer Gewalt und an sexuellem Missbrauch denn „nicht so schlimm“ finden?

Ich weiß, dass sie damit nur sich selbst schützt. Doch das macht es in keiner Art und Weise besser für mich. Es verletzt, es tut weh, es triggert.

Wieder einer dieser Momente, in denen ich mir eine normale Familie wünsche.

Es passt nicht. Es passt einfach hinten und vorne nicht. Ich sitze hier, innerlich so furchtbar kaputt und zerstört, doch meine Arme sind heil. Ich ertrage es kaum, denn ich kann diese beiden Dinge nicht miteinander in Einklang bringen. Ich kann es kaum aushalten, dass das Innere und das Äußere nicht zusammen passen.

Der Schmerz, der gerade in mir steckt, passt da überhaupt nicht rein. Da ist so viel Schmerz auf so wenig Raum. Und er ist nicht greifbar. Nicht sichtbar. Wunden sind das. Ich kann sie sehen und irgendwann auch spüren, ich kann sehen, dass da etwas kaputt ist. Und ich verstehe nicht, wie da so viel Schmerz sein kann in mir ohne heraus zu brechen. Ich warte darauf, dass sich mein Brustkorb öffnet und Welle um Welle hinausströmt, weil so viel kaputt sein doch einfach nicht in mich passen kann.

Innen und außen passt einfach nicht. So gar nicht.

Schon lange habe ich mich nicht mehr so zerfetzt gefühlt. So zerstört und instabil und voller Chaos. Die Klausuren treiben mich in den Wahnsinn, weil da einerseits immer noch diese allgegenwärtige Panik ist, die mich einfach umhaut und auch nicht davor Halt macht, dass ich lernen muss und Klausuren schreiben. Andererseits habe ich das Gefühl, dass alles aus meinem Kopf wieder raus fällt, als würde ich versuchen Wasser mit einem Sieb aufzufangen.

Und, vor allem, triggert es alte Erfahrungen. Worte in meinem Kopf, die so tief sitzen, dass selbst 12 Jahre nichts ändern konnten. Du kannst nichts. Du wirst nie etwas erreichen. Die anderen sind viel besser. Alle schreiben bessere Noten. Du bist dumm. Aus dir wird nichts werden, außer Putzfrau.

Es sitzt so tief in mir, dass ich nicht dagegen ankomme. Selbst nicht mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung, einer guten noch dazu, nicht mit einem Schlussabschluss, der mich nun zum Studium befähigt, nicht mit all den Dingen, die ich bisher erreicht habe.

Gerade fühle ich mich angesichts des Lebens einfach überfordert. Unfähig. Wie soll ich jemals normal leben? Normal mit all diesen Dingen umgehen?

Meine Mutter hat mir heute morgen einen Apfel aufgeschnitten. Mein Vater hat mir extra meine Lieblingssorte Gummibärchen gekauft. Worte, die ich heute morgen vor der Klausur höre. Worte, die mich so unglaublich treffen. So sehr wünsche ich mir in diesen Krisenzeiten wenigstens eine normale Familie, die mich unterstützt, die mich ermutigt, die mir sagt, dass ich das schaffen kann, die an mich glaubt. Ein normales Leben, ein normales Aufwachsen in einem normalen Elternhaus. Wie gerne wäre ich heute einfach heim gekommen, hätte mich von meiner Mutter und meinem Vater drücken lassen, weil die erste Klausur hinter mir liegt, mich hingesetzt und gelernt. Stattdessen kämpfe ich darum mich nicht zu verletzen. Kämpfe darum weiter zu atmen, weiter zu leben.

Schmerz. Nichts als Tränen und Schmerz.

Ich hätte gerade so gerne jemanden hier, der mich einfach nur in den Arm nimmt.

Und jede Antwort fällt so schwer, zieht uns tiefer rein ins Meer

Es ist eine seltsame Zeit momentan. Zwischen Lernen und Panik und Kaffee trinken. Einerseits habe ich mir so immer das Erwachsensein vorgestellt. Wenn ich Menschen sah, die mit Freunden im Café saßen, dann war das immer ein Ziel für mich. Irgendwann auch mal mit Freunden da sitzen und Kaffee trinken und reden und lachen. Das tue ich momentan viel und ausgiebig mit D., Kaffee trinken und manchmal wie verrückt (haha, sind wir ja) lachen, manchmal über ernste Themen reden, aber vor allem einfach Zeit genießen.

Und gleichzeitig existiert das Chaos. Das Chaos in meinem Leben und in meinem Kopf. Und die Angst. Die Angst vor der Angst und die Angst vor der Angst vor der Angst. Deswegen sitze ich auch heute morgen ziemlich müde in der Ambulanz der Klinik bei der Ärztin, die letzte Woche AvD war, als ich abends in die Klinik kam. Sie schickt mich auf die Station und von dort gehe ich mit ein paar Tavor in der Tasche. Für den Notfall. Wenn alles andere nichts bringt, wenn die Angst mir wieder den Hals zuschnürt und ich mir sicher bin, dass ich sterben werde. Vielleicht lindert es die Angst vor der Angst, dass ich nun weiß da ist etwas für den absoluten Notfall. Auch wenn ich mir gerade wirklich Watte im Kopf wünsche, so lasse ich doch die Finger davon. Ich kenne mich und das letzte was ich jetzt brauchen kann ist ’ne Medikamentenabhängigkeit. Und es gibt auch Sicherheit angesichts der Klausuren vor mir, bei denen ich erfahrungsgemäß sowieso Panik haben werde. Und eine Panikattacke wegen Klausurpaniksymptomen will ich nun wirklich nicht haben.

Vielleicht ist heute wieder einer dieser Wendepunkte. Ich fange an zu weinen, als ich mit der Angst zusammengerollt im Bett liege. Ich weine um mich, um den Schmerz in mir, um den Horror der Nacht, in der ich in Obhut genommen wurde. Ich weine zum ersten Mal nur wegen diesem Abend und dem was er in mir auslöst. Nicht wegen dem davor oder dem dahinter, sondern einzig und allein wegen diesem Abend. Ich weine mit dem verängstigten Mädchen von damals, dass nicht versteht was geschieht, dass nicht in Einklang bringen kann, wie dieser Mensch vor mir, der mir soviel bedeutet, den ich so sehr liebe, mit dieser Kälte in den Augen vor mir stehen kann und mir sagt, dass er mich umbringen wird. Ich weine, weil bisher kein Platz war für die Traurigkeit und den Schmerz. Zusammengerollt auf meinem Bett, während dem Lernen für die Klausuren, auf dem Weg ins Bad, in der Küche, im Wohnzimmer. Immer und immer wieder kann ich die Tränen nicht zurück halten, weil der Schmerz einfach so endlos ist. Ich weine, weil ich derzeit so gerne einfach nur Platz und Raum fürs Lernen haben würde, weil es mich gerade so kaputt macht, weil die Angst zurück ist. Ich weine, weil ich nicht weiß wohin mit all diesen Gefühlen, weil ich nicht weiß, wie ich nach all diesen Jahren nun damit umgehen soll, weil es mich nun einholt. Ich weine aus so vielen Gründen und habe das Gefühl, dass es nie enden wird. Dass in mir ein endloses Meer aus Schmerz und Angst und Traurigkeit ist, welches niemals ausgeweint sein wird.

Ich weine, weil mir so sehr eine glückliche Kindheit fehlt. Weil ich so gerne einfach normal aufgewachsen wäre. Weil ich mich statt mit Klausurthemen mit Angst rumschlage.

Ich weine, weil ich so gerne einfach nicht mehr stark sein würde. Weil ich immer stark sein musste, seit ich denken kann. Weil ich keine Gefühle zeigen durfte, mich nicht angreifbar machen, niemals Schwäche zeigen. Loslassen ging nur über die Selbstverletzung. Schmerzen spüren, weinen, wütend sein, all das ging nur übers Schneiden. Und so gerne würde ich gerade diesen Weg gehen. Würde all das raus lassen durch Wunden in meiner Haut. Genau so gerne würde ich aufgeben, würde all dem Gefühlschaos so gerne ein Ende setzen, aufhören zu existieren. Würde so gerne aufgeben, einfach mal nicht stark sein müssen. Aufgeben und gehen, endlich gehen. Weil es mich immer wieder einholt, immer wieder umwirft. Weil es ein so endloser Kampf zu sein scheint. Weil ich immer und immer wieder falle. Wieder. Und wieder. Und wieder.

Wo kommen all die Zweifel her
Die uns ins Herz geschlichen sind
Und uns in letzter Zeit so in Frage stellen
Sollen wir fliehen oder kämpfen
Geht es dir da so wie mir
Dass man manchmal einfach nicht mehr weiß wofür

Panik

Craving deluxe. Ein solches verdammtes Verlangen. Ich kann mir verdammt gut vorstellen wie es sich anfühlt von einer Substanz abhängig zu sein, ein solch unglaubliches verdammtes Verlangen nach etwas zu haben. Auch wenn es bei mir substanzunabhängig ist, auch wenn mich nicht das Verlangen nach Heroin oder Tavor oder Tilidin treibt. Ich sehne mich nach dem Gefühl des Schneidens. So unglaublich, dass es körperlich spürbar ist, dass ich das Gefühl habe den Schmerz nicht mehr aushalten zu können, dass ich überempfindlich jeden Millimeter meiner unverletzten Haut fühle und plötzlich bestehe ich aus nichts anderem mehr als diesen Stellen, die so unglaublich präsent sind, die zu brennen scheinen. Ich löse mich auf in Verlangen und Haut und Haut und Verlangen.

—— einige Zeit Pause ——

Während dieser Zeit merke ich, dass eine Panikattacke wie eine Welle von hinten anrollt und mich unter sich zu begraben droht. Und es ist gut, dass ich es merke, denn so kann ich handeln, kann unter der beginnenden Panik hinweg tauchen und mich so vor der Welle retten.

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Wenn die Anspannungssymptome Panik auslösen, wenn sich plötzlich alles einengt auf immer kleiner werdendem Raum… So viele Jahre sind vergangen, seit ich eines Abends meine damalige Therapeutin anrief, weil ich gerade stundenlang durch den Regen gelaufen war und nicht wusste was mit mir passiert und dann auf dem Küchenboden meiner Tante die erste richtige Panikattacke meines Lebens hatte. So lange war die Angst nicht mehr mein täglicher Begleiter. Nun verfolgt sie mich wieder, in jedem Augenblick sprungbereit um mich anzugreifen.

Seit jenem Abend. Seit dem Abend, den ich schreiend und heulend und kotzend auf dem Badezimmerboden verbracht, zum ersten Mal seit langem mit Panikattacken.

Seit dem Abend, an dem Erinnerungen kamen, die ich gut 12 Jahre beiseite geschoben hatte. Erinnerungen an einen Abend voller Angst. Seit dem Abend, an dem ich wieder die Todesangst von damals spürte. Ich hab alles verbuddelt und so getan, als wäre es nichts dramatisches. Bis es mir um die Ohren fliegt. Bis es mir genau so um die Ohren fliegt wie die Missbrauchserinnerungen damals. Damals fingen die Flashbacks und Dissoziationen wieder an. Jetzt sind die Panikattacke wieder da.

Ich weiß immer noch nicht was ich tun soll. Mit jenem Abend hier am Bahnhof in der Realität und jenem Abend der Inobhutnahme damals. Was ich tun soll mit dem, dass es ausgelöst hat. Was ich tun soll mit den Gefühlen und Gedanken und Erinnerungen. Was ich tun soll mit dem Schmerz. Und der Angst. Und der Anspannung.

Wohin mit dem Selbstverletzungsdruck und der Suizidalität? Nochmal steh ich das nicht durch, nochmal so ’ne Krise schaffe ich einfach nicht. Nicht jetzt. Nicht so dermaßen instabil.

Ich mag aufgeben.

Bewegen statt erstarren

Zivilcourage an sich ist ja ’n feines Ding. Schwierig wird es, wenn es zu Retraumatisierung führt und man später zitternd und heulend auf dem Badezimmerboden sitzt und immer wieder mit der Kloschüssel kuschelt.

Eigentlich ist alles gut. Es ist Dienstag und man hat schon Wochenende, freut sich auf die Wärme der Wohnung und das Katerkind. Vor dem Bahnhof stehen zwei Personen, ein Mann und eine junge Frau. Er hält sie fest, bedrängt sie, sie ruft immer wieder „Lass mich los!“. Sie geht, er folgt ihr. Weniger später Schreie vom Parkplatz. Menschen laufen vorbei, kucken doof, tun nichts. Man geht in die Richtung, zückt schon mal das Telefon… Und hat einfach Angst als Frau einzuschreiten und es kommt natürlich auch niemand mehr vorbei, man will aber auch nicht zurück gehen um jemanden zu holen, da ja etwas passieren könnte. Also ruft man die Polizei, erklärt, beschreibt die Personen, wartet. Letztendlich tauchen die Beamten auf und man ist erstmal erleichtert.

Und zuhause kommt der mental breakdown. Man, in diesem Fall ich, sitzt heulend und zitternd da und kann die aktuellen Bilder nicht mehr von den Bildern der Vergangenheit trennen, alles verschwimmt zu einem Einheitsbrei und was bleibt sind die Schreie der jungen Frau, die sich mit meinen Schreien der Vergangenheit mischen. Ich bin plötzlich wieder 12 Jahre jünger und habe Angst um mein Leben, mein Herz rast in der Vergangenheit und in der Gegenwart, ich zittere im Hier und Jetzt und in der Vergangenheit, die Bilder der vorbeilaufenden Menschen aus der Gegenwart vermischen sich mit den Fragen der Polizisten aus der Vergangenheit, warum denn niemand etwas getan hat.

Flashback folgt auf Flashback und in den kurzen Momenten dazwischen gelingt es mir nicht aktiv etwas dagegen zu tun. Also vergeht Flashback um Flashback und Vergangenheit und Gegenwart geben sich in meinem Badezimmer die Klinke in die Hand, während ich versuche zurück zu finden ins Hier und Jetzt, in die Realität, in mein Badezimmer zu meinem Badezimmerboden und meiner Kloschüssel, in die ich meinen Mageninhalt befördere, weg von alten Erinnerungen und Bildern und Worten, die eigentlich 12 Jahre zurück liegen.

Eigentlich war es nie Thema. Natürlich war jener Abend vor fast 12 Jahren oft Thema, jener Abend, an dem ich in Obhut genommen wurde, seit dem es ein davor und danach gibt. Doch er war nie Thema als schwere Situation, als traumatisierendes Erlebnis an sich. Es gab die Dinge davor, ja. Aber wenn Momente und Situationen Thema waren, in denen ich traumatisiert wurde, dann spielte dieser Abend nie eine Rolle. Weder in meinem Bewusstsein, noch in dem der professionellen Helfer an meiner Seite. Natürlich erlebte ich die Inobhutnahme auch als sehr verstörend und ein Stück weit vielleicht traumatisierend und auch die Menschen, die in der Hinsicht mit mir gearbeitet haben. Aber eher als Prozess, als Schock der Normalität der Wirklichkeit, die mich traf, kannte ich doch nur das Leben davor, so völlig jenseits von Normalität. Als einzelner Abend – Nein. Ich glaube wirklich es war nie ein Thema.

Doch nun sitze ich hier (mittlerweile auf dem Wohnzimmerboden und immer noch nicht gänzlich in der Realität), versuche mich an die Wirklichkeit zu klammern und an Worte, versuche dem Schrecken in mir Raum zu machen, indem ich Worte zu Sätzen formuliere, versuche durch Schreiben und damit real machen der Dinge einen Weg zu finden dieser Sinnesflut Einhalt zu gebieten und dem Gefühl, dass ich nichts sagen darf, dass ich nicht existent sein darf, etwas entgegen zu setzen.

Der Teil von mir, der sich völlig in der Gegenwart befindet, der sich seit Jahren mit PTBS beschäftigt und auch fachlich einiges Wissen hat, brüllt in meinem Kopf „Bist du eigentlich blöde?!“. Denn ja, wie wahrscheinlich ist es denn bitte, dass man in einer Situation, in der man Todesangst hat, nicht traumatisiert wird? Todesangst, wirkliche Panik davor zu sterben, plötzlich mit der Endlichkeit des eigenen Daseins konfrontiert werden, wie geht man da völlig unbeschadet raus? Wenn jemand vor einem steht und sagt „Ich bring dich um.“ und man weiß mit völliger Sicherheit, dass es keine dahergesagte Floskel, sondern bitterer Ernst ist. „Ja, bist du eigentlich blöde?“ brüllt es weiterhin fröhlich in meinem Kopf.

Die Stunden danach waren und sind immer noch unwirklich. Die Zigarette im Auto mit Frau G., der Mitarbeiterin des Jugendamts. Interessanterweise kann ich mich an ihren Namen erinnern, weiß aber nicht mehr, wie die Mitarbeiterin hieß, die dann in den Jahren danach für mich zuständig war.

Der Morgen danach, als ich mit Frau B. im Lehrerzimmer sitze und ihr davon erzähle und erkläre, warum ich die nächsten Tage nicht in die Schule kommen werde. Die Ankunft bei der Notpflegefamilie, die ganzen Eindrücke, der rote Kater, der dort abends in „meinem“ Bett bei mir schläft. Alles verschwimmt zu einem diffusen Eindruckswattebausch, nicht wirklich greifbar, nicht zu entwirren. Was deutlich ist, sowohl damals als auch im Hier und Jetzt, ist die Angst. Wie ein schwarzer Dämon, der sich in mir ausbreitet und wächst, der seine eiskalten Klauen um mich legt, der mich mit einer Kälte durchdringt, die keine Wärme der Welt vertreiben kann, der mich im Hier und Jetzt Zittern und Hyperventilieren und Schreien lässt. Da ist kein Schmerz, keine Traurigkeit, keine Wut, sondern nur allumfassende Angst.

Und mit dem Wissen von heute erkenne ich, dass es damals Angst war, die mich so oft fast sterben ließ, in dem Zeitraum von 14 bis zur Inobhutnahme. Ich weiß schon lange, dass es damals Panikattacken waren, die mich eiskalt trafen, doch brachte ich diesen Namen der Sache nie mit diesem Gefühl in Verbindung, welches gerade so in mir tobt. Auch wenn ich rational wusste, dass es Panikattacken sind, nicht zuletzt weil meine Therapeutin (ja, auch Psychiaterin) mir damals Medikamente gegen Panikattacken verschrieb. Und ich habe das Aufhören der Panikattacken nie in Verbindung mit der Inobhutnahme gebracht. „Ja bist du blöde?“ brüllt es wieder.

Und wirklich, genau diese Dinge werden mir bewusst während ich sie schreibe, während ich Buchstaben zu Worten zu Sätzen forme. Ich lasse es Realität werden, indem ich schwarz auf weiß festhalte, was passiert ist. „Es ist nicht wahr, was nicht wahr sein darf.“ sagt meine Therapeutin immer. Ich lasse es wahr sein, es darf wahr sein, es darf Realität sein.

Und für so etwas bedarf es dann einfach nur der Zivilcourage. Bämm. Und schon fliegt einem wieder einmal das Leben um die Ohren.

Ich zögere noch. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Ich weiß nicht, ob es gerade so okay ist, dass ich sagen kann es ist okay. Ich weiß nicht, ob das gerade ein Moment ist für einen Anruf in der Klinik oder bei der Krisenhotline. Ich weiß nicht, ob ich lieber ausharren soll ohne mich zu bewegen, oder ob ich etwas tun soll. Und währenddessen taucht das Bild der Körpertherapeutin aus der dbt vor meinen Augen auf, wie sie mir im Einzel gegenübersteht und immer wieder „Bewegen statt erstarren!“ sagt. Also werde ich das gleich versuchen. Raus aus dieser Angst, raus aus der Vergangenheit.

Wortlos. 

Weil ich es momentan einfach nicht schaffe, weil es sich so scheiße anfühlt, weil da so viel Chaos ist, weil mir tatsächlich einfach die Worte fehlen, hier einfach ein Auszug aus einer Mail, die ich an die liebe Traumagruppentherapeutin geschrieben habe… 

[…] 

Nach 7 Tagen bin ich am Freitag wieder heim gekommen. Eigentlich relativ guter Dinge. Stabiler, nicht mehr akut suizidal. Und dann brach sich meine Mutter vorgestern den Fuß. 

Und nun sitze ich heulend auf meinem Sofa, überfordert mit mir und der Welt. Ich komme mit meiner eigenen Wohnung momentan nicht auf einen grünen Zweig, sobald ich ein Ende halbwegs ordentlich habe ist es am Anfang wieder ein Chaos und ich schaffe es nicht dagegen anzukommen. Und dann ist da meine Mutter, die alleine kaum etwas schafft momentan, die nicht mal einkaufen kann und der Garten, der Pflege braucht. Es überfordert mich, gnadenlos. Meine eigenen Baustellen und dann dazu noch meine Mutter und alles dort. Meine Schwester arbeitet und steht kurz vorm Kolloquium, sie tut schon was sie kann nach der Arbeit, aber alles andere bleibt an mir hängen. 

Ich würde mich so gerne in die Sicherheit der Selbstverletzung flüchten, darin meinen Halt finden in der ganzen haltlosen Situation, ich verliere einfach wieder den Boden unter den Füßen, den ich mir in der Klinik so mühsam zurückerobert habe und es macht mich wahnsinnig. Es scheint momentan so endlos, eine Aneinanderreihung von Scheiße an Chaos an Scheiße mit viel zu kurzen Pausen dazwischen um mal Luft zu holen. So gerne würde ich einen Teil davon wegschneiden um irgendwie zu funktionieren, irgendwie klar zu kommen, einfach nur, damit ich nicht untergehe. Ich denke darüber nach stattdessen in die Sorglosigkeit aus Drogennebel zu verschwinden, mich einfach aus der Welt zu beamen, Hauptsache es irgendwie aushalten. Das aktuelle Chaos und die ganze Traumascheiße und die Vergangenheit. 

Und gleichzeitig schreit in mir drin alles, weil ich so gerne etwas positives schreiben würde, weil ich den ganzen Text nun zum vierten Mal tippe und es sich so miserabel anfühlt zuzugeben, dass ich gerade einfach nicht mehr kann und die Gedanken an Destruktivität so viel Raum einnehmen. Ich schaffe es nicht mal mehr zu bloggen aktuell, weil es sich anfühlt wie versagt zu haben, dass er gerade ist wie es ist. 

Sorry für den langen Text, aber ich glaube es ist gut, dass es mal raus ist. Und ich schicke es nun einfach ab, bevor ich alles wieder lösche und stattdessen ein „ach, es läuft ganz okay“ schreibe. 

[…]