Wortlos. 

Weil ich es momentan einfach nicht schaffe, weil es sich so scheiße anfühlt, weil da so viel Chaos ist, weil mir tatsächlich einfach die Worte fehlen, hier einfach ein Auszug aus einer Mail, die ich an die liebe Traumagruppentherapeutin geschrieben habe… 

[…] 

Nach 7 Tagen bin ich am Freitag wieder heim gekommen. Eigentlich relativ guter Dinge. Stabiler, nicht mehr akut suizidal. Und dann brach sich meine Mutter vorgestern den Fuß. 

Und nun sitze ich heulend auf meinem Sofa, überfordert mit mir und der Welt. Ich komme mit meiner eigenen Wohnung momentan nicht auf einen grünen Zweig, sobald ich ein Ende halbwegs ordentlich habe ist es am Anfang wieder ein Chaos und ich schaffe es nicht dagegen anzukommen. Und dann ist da meine Mutter, die alleine kaum etwas schafft momentan, die nicht mal einkaufen kann und der Garten, der Pflege braucht. Es überfordert mich, gnadenlos. Meine eigenen Baustellen und dann dazu noch meine Mutter und alles dort. Meine Schwester arbeitet und steht kurz vorm Kolloquium, sie tut schon was sie kann nach der Arbeit, aber alles andere bleibt an mir hängen. 

Ich würde mich so gerne in die Sicherheit der Selbstverletzung flüchten, darin meinen Halt finden in der ganzen haltlosen Situation, ich verliere einfach wieder den Boden unter den Füßen, den ich mir in der Klinik so mühsam zurückerobert habe und es macht mich wahnsinnig. Es scheint momentan so endlos, eine Aneinanderreihung von Scheiße an Chaos an Scheiße mit viel zu kurzen Pausen dazwischen um mal Luft zu holen. So gerne würde ich einen Teil davon wegschneiden um irgendwie zu funktionieren, irgendwie klar zu kommen, einfach nur, damit ich nicht untergehe. Ich denke darüber nach stattdessen in die Sorglosigkeit aus Drogennebel zu verschwinden, mich einfach aus der Welt zu beamen, Hauptsache es irgendwie aushalten. Das aktuelle Chaos und die ganze Traumascheiße und die Vergangenheit. 

Und gleichzeitig schreit in mir drin alles, weil ich so gerne etwas positives schreiben würde, weil ich den ganzen Text nun zum vierten Mal tippe und es sich so miserabel anfühlt zuzugeben, dass ich gerade einfach nicht mehr kann und die Gedanken an Destruktivität so viel Raum einnehmen. Ich schaffe es nicht mal mehr zu bloggen aktuell, weil es sich anfühlt wie versagt zu haben, dass er gerade ist wie es ist. 

Sorry für den langen Text, aber ich glaube es ist gut, dass es mal raus ist. Und ich schicke es nun einfach ab, bevor ich alles wieder lösche und stattdessen ein „ach, es läuft ganz okay“ schreibe. 

[…] 

Alles auf Anfang, die Welt ist wieder Scheibe. 

Gestern saß ich irgendwann in der Therapie und saß doch nicht mehr da. Ich war nicht mehr wirklich anwesend, konnte den Worten meiner Therapeutin nicht mehr folgen. 

Zuvor hatten wir über Sonntag gesprochen. Über das Gespräch mit der Freundin meiner Mutter. Und mitten in der Therapie trifft mich die Erkenntnis, dass es nun also doch wahr ist. Dass dieser Teil in mir, der immer noch versuchte zu leugnen, dass es passiert ist, der hoffte, dass ich es mir nur einbilde, keine Grundlage mehr hat. Es gibt Menschen, die es vermutet haben. Schon immer. Meine ehemalige Therapeutin hatte die Vermutung schon vor 14 Jahren. Meine jetzige Therapeutin auch schon seit über 6 Jahren. Ich habe mich vehement dagegen gewehrt. Bis dann die Erinnerungen kamen. Und dennoch war die ganze Zeit der Teil im mir, der sich sicher war, dass es nicht sein kann. Und nun gibt es da Menschen, die von damals erzählen. Meine Tante, die mir berichtet, dass es auch Thema im Sorgerechtsstreit war. Und nun die Freundin meiner Mutter, die von ihren damaligen Vermutungen erzählt. Es nimmt mir die Grundlage weiterhin daran zu zweifeln. Es nimmt mir die Grundlage die Flashbacks als Einbildung abzutun, für die Körpererinnerungen andere Gründe zu suchen, für den Hass gegen mich und all diese Dinge. Und mit dieser Grundlage verschwindet der Boden unter meinen Füßen. 

Meine Therapeutin bleibt mit mir sitzen. Legt mir eine Decke um, während ich zittere und verkrampfe und nicht mehr da bin. Sie bleibt mit mir sitzen, bis ich wieder denken, reagieren, handeln kann. „Ich bin froh, dass ich Ihren Lebensvertrag hier habe.“ sagt sie kurz bevor ich gehe. 

Die Fahrt ist verschwommen und lückenhaft. Ich schaffe es nicht, die Tränen zurück zu halten und es ist mir auch egal. Ich bemerke die Menschen um mich rum kaum, habe Mühe auf die Haltestellen zu achten. 

Zuhause will ich den AvD der Klinik anrufen. Ich kann nicht mehr dafür garantieren, dass ich die Verantwortung für den Lebensvertrag nicht noch tragen kann. Doch meine Leitung ist tot. Mein Handy hat kaum noch Guthaben, doch ich kann es nicht aufladen, da der Server nicht erreichbar ist. Gestern Abend habe ich dann gelesen, dass dieses Problem wohl seit Tagen besteht beim Handyanbieter. 

Also rufe ich mit dem wenigen Guthaben an. Hänge in der Warteschleife, erreiche keinen. Dann ist das Guthaben leer. 

N. fährt los, um mir einen Aufladebon zu bringen. Kurz bevor es an der Türe klingelt, geht das Telefon wieder und ich habe die Therapeutin am Telefon, die für mich zuständig war bei meinem letzten Aufenthalt. Ich erzähle ihr was los ist und sie sagt, dass ich direkt vorbeikommen soll. Also packe ich ein paar Dinge, versuche gegen die Gedanken im Kopf anzukommen, die mir entgegenbrüllen, dass Klinik bedeutet versagt zu haben, dass ich doch lieber einfach schneiden soll oder mir einfach was antun. 

N. bringt mich bis auf die Station, wo Schwester Angelika mich begrüßt. Zusammen mit dem AvD verschwinden wir im Büro des Arztes und führen das Aufnahmegespräch. Ich erzähle kurz was passiert ist. Erzähle kurz von der Zeit seit meinem letzten Aufenthalt. Die Ärztin sagt, dass ich richtig gehandelt habe. Auch Schwester Angelika sagt das. Doch es fühlt sich einfach nur beschissen an, es fühlt sich nach Versagen an. 

Ich bekomme Bedarf. Verschwinde im Zimmer und gehe nur zum Rauchen ab und an mal vor die Zimmertüre in den Raucherraum. 

Abends sagt mir auch Schwester Laura nochmal, dass ich richtig gehandelt habe. Dass es kein Versagen ist. Dass es gerade so anders ist als früher, dass ich ganz anders hier her komme. Freiwillig, bevor was passiert. „Das hatten wir auch schon ganz anders, mit Krankenwagen und Polizei.“ erinnert sie mich. 

Auch Pfleger Thorsten und Pfleger Andreas erinnern mich am nächsten Morgen daran, dass es kein Versagen ist. 

Mit Pfleger Kai rede ich am Abend, weil plötzlich wieder alles einstürzt und mich umhaut. Ich weiß nicht, ob ich die Kontrolle behalten kann, ob ich es schaffe mich zu melden. Wir vereinbaren, dass ich auf Station bleibe. Er sagt mir, dass es derzeit eine ganz andere Situation ist als früher. Ganz andere Voraussetzungen. Er versorgt mich mit Bedarf und Finalgon. 

Schwester Sabine kommt in den Nachtdienst und setzt sich für eine Weile zu mir aufs Bett. Wir reden, sie fragt wie sie mich unterstützen können. Und ich muss lächeln, denn mit ihr habe ich früher viele Dinge besprochen und erarbeitet auf Grundlage der dbt, mit ihr und Schwester Nathalie. Nun sitze ich hier, nach der dbt, und schreibe freiwillig VAs und diary cards, während die beiden mich früher damit quälten. 

Es fühlt sich immer noch furchtbar an hier zu sein. Aber gerade fühlt sich alles in mir einfach furchtbar an. 

Einatmen. Ausatmen. Es wird vorbei gehen. (auch wenn ich das gerade noch kaum glauben kann…)

‚Alles auf Anfang‘ klingt wie Aufbruch, doch hier bewegt sich überhaupt nichts mehr.
Manchmal tut’s gar nicht weh, manchmal ’n bisschen und manchmal sehr.

Irgendwann schließt sich der Kreis. 

Die letzten 3 Nächte habe ich wieder normal geschlafen. Einigermaßen. Zwar nicht so erholsam wie früher, aber immerhin Schlaf.  Bis dahin war es furchtbar. Mal okay, dann klappte es wieder fast gar nicht und ich schlafe dann irgendwann auch nur, weil ich so erschöpft bin. Meine diary card besteht in der letzten Woche fast nur noch aus den Zahlen 0-3 im Feld Schlaf. Wirklich gut habe ich seit zwei Wochen nicht mehr geschlafen. Eine Nacht, nach der man einfach erholt aufwacht. Ich vermisse es unglaublich und ich frage mich, wie lange mein Körper eigentlich noch mitmacht. 

Letzte Woche kam ich zumindest mit meinem Zeugnis endlich mal weiter. Ich hab es der Abteilungsleiterin für meine Ausbildung in der Schule gebracht und ihr die Situation erklärt. Sie will sich darum kümmern, dass ich endlich die Fachhochschulreife anerkannt bekomme. Man könnte nicht meinen, dass ich in einem anderen Bundesland die Schule besucht habe, es nimmt Ausmaße wie die Schulbildung eines komplett anderen Kontinents an. Mit zwei Bildungsministerien kommunizieren, bei dem das eine mir erklärt, dass die Mitarbeiter des anderen doch unfähig sind, darüber diskutieren, dass die Zeugnisse im anderen Bundesland nun mal nur eine Seite haben und keine vier wie hier, dass ich auch ohne schriftliche Prüfung einen mittleren Bildungsabschluss habe (Himmel, hätte ich mich sonst überhaupt an der Schule anmelden können?!), es ist mir wirklich auf den Keks gegangen. Nun hoffe ich einfach, dass die Abteilungsleiterin das ganze geklärt bekommt ohne weitere Dramen, denn ich mag einfach nicht mehr. 

Am Freitag war dann der Termin bei der Rentenversicherung. Tja. Ich habe noch nicht genug Zeit für die Erwerbsminderungsrente. Aber eine volle Rente ginge. Die sind doch auch bluna, wenn ich noch arbeiten/studieren/was auch immer will und sie weniger koste, dann klappt es nicht, wenn ich aber nix mehr mache, dann klappt es. Allerdings hätte ich theoretisch genug Jahre, denn da ist noch das Praktikum, dass ich für die Ausbildung gebraucht habe. Allerdings haben die (warum auch immer) keine Beiträge in die Rentenversicherung gezahlt. Obwohl sie müssten, trotz unentgeltlichem Praktikum. Sagt das SGB. Also werde ich da nun nachfragen müssen, was da schief lief. Denn mit dem Jahr könnte ich den Antrag stellen… Chaos. Da schreibt einem die Rentenversicherung, dass man einen Antrag stellen soll, man hat aber noch gar kein Recht drauf. Was ein Käse. 

Danach musste ich mich betrinken. Ich habe einen Ehemann Klassenkameraden getroffen und mir eine Ladung Cola-Weizen gegönnt, was mit Medis und in der prallen Sonne ziemlich viele Umdrehungen verursacht hat. Aber es tat auch gut einfach mal ein wenig dysfunktional zu sein ohne dabei wirklich ‚Problemverhalten‘ an den Tag zu legen. 

Gestern habe ich mich dann auf den Weg in die Hauptstadt gemacht und von dort aus noch 3 Bahnhöfe weiter zu Mama. Wobei dort nun kein Bahnhof mehr ist. Man muss über die Gleise und zwei Menschen lassen bei jedem Zug die Schranken runter und ziehen sie danach wieder hoch. Auch ein sehr undankbarer Job… 

Bei Mama traf ich dann auf ihre aktuelle/ehemalige/wieder beste Freundin. Was die zwei eigentlich miteinander für ein Problem hatten wissen sie wohl beide nicht mehr, jedenfalls haben sie nun wieder Kontakt. Sie kennt meine Mutter über ihren Ehemann, der ein guter Freund ihres damaligen Ehemannes war – meines Vaters. Schon an dem war zeigt sich, dass auch diese Freundschaft in die Brüche ging, wie fast alle, die mein Vater jemals hatte. Sie bietet mir an mich zum Bahnhof in die Hauptstadt mitzunehmen, doch da wir zu spät sind und ich eine Stunde auf die nächste Bahn warten müsste, fährt sie mich dann doch bis nach Hause. Auf dem Weg reden wir fiel. Sie war damals einer der ersten Menschen nach meinen Eltern, der mich nach der Geburt auf dem Arm hielt. Sie kennt mich also, seit ich ein winziges schreiendes Wesen war. Sie fragt nach, warum ich keinerlei Kontakt mehr zu meinem Vater habe und ich erzähle ihr die Wahrheit, nicht die halbe Geschichte, wie ich es sonst immer tue. Es fühlt sich merkwürdig an, denn es ist immer noch so neu, dass ich diese Worte ausspreche, dass ich sage, dass da mehr war als nur die Gewalt und die gefühlsmäßige Scheiße. Ihre Antwort darauf ist „Also war es doch so.“ und ich bin überrumpelt. 

Sie erzählt mir, dass es Situationen gab, die sie sowas vermuten ließen. Damals, als meine Eltern grade ihre Trennung durch hatten und ich bei ihr schlief. Und sie erzählt, dass mein Vater meine Mutter damals überredete in die Klinik zu gehen. Sie bräuchte das nun, nach dem Stress, der Trennung, der bevorstehenden Scheidung. Ob er damals schon plante sie später als verrückt darzustellen, weil sie ja in der Psychiatrie war? Ob er damals schon im Hinterkopf die Pläne hatte, mich einfach mitzunehmen und das alleinige Sorgerecht zu beantragen? Ich würde es ihm zutrauen, dass das alles eine durchdachte Sache war. Nicht aus Liebe zu mir (haha.), sondern einfach nur um sie zu treffen, zu verletzen. 

Die Erzählungen machen mich einerseits wütend und hilflos, andererseits helfen sie mir. Das Gefühl und die Gedanken, dass ich vielleicht das ganze nicht erlebt habe, sondern es ein verrücktes Hirngespinst meiner kaputten Psyche ist, sind zwar weniger als früher, dennoch habe ich sie eben. Aber solche Dinge bestätigen mir, dass meine Erinnerungen echt sind. Dass die Flashbacks wirkliche Erfahrungen waren, dass die Schmerzen, die ich so oft spüre, tatsächliche Körpererinnerungen sind, dass dieses unbeschreibliche und furchtbare Trauma Wirklichkeit ist. So sehr es schmerzte, es ist passiert. 

Die ganzen Puzzleteile, die sich seit der Traumatherapie und seit dem Zeitpunkt, an dem ich anfing darüber zu sprechen, an allen möglichen Orten finden, setzen sich zu einem Ganzen zusammen. Langsam, aber stetig. Gemeinsam mit den Puzzleteilen, die schon mein Leben lang da waren, aber sich nicht zu einem Bild zusammensetzen ließen. Langsam machen all die Gefühle, Gedanken, Erinnerungen, Flashbacks und Schmerzen, mein Verhalten und die Scham einen Sinn. Und es hilft, denn ich kann so viele unsinnige Dinge plötzlich anders sehen. Es macht auf einmal Sinn, wie damals, als die adhs-Diagnose kam. Plötzlich passt es. Und obwohl es schmerzt dieses Puzzle zusammen zu setzen, so ist es doch Teil von mir, auch wenn ich manchmal immer noch versuche es zu verdrängen. 

Und ich bin froh, dass ich ein paar tolle Menschen in meinem Leben habe, die diesen schmerzvollen Weg mit mir gehen. Die an meiner Seite sind und mich stützen und mir Kraft geben. 

Noch bin ich ein wenig neben der Spur aufgrund des neuen Wissens von gestern. Ich brauche Zeit, um es sacken zu lassen, um es zu verarbeiten und einzuordnen. Und ich bin froh, dass diese Woche Therapie ist, denn ich brauche einen Ort, an dem ich das teilen und sortieren kann. Und ich muss bei dem Gedanken schmerzlich lächeln, denn vor ein paar Jahren saß ich der Therapeutin noch gegenüber und bin fast ausgeflippt, als sie fragte, ob da mehr gewesen sein könnte damals. Tja. So ändern sich die Dinge… 

Und nichts hält dich auf
Nichts bringt dich zum stehen,
Denn du bist hier,
um bis ans Ende zu gehen
Kein Weg ist zu lang,
Kein Weg ist zu weit,
Denn du glaubst an jeden Schritt,
weil du weißt
irgendwann schließt sich der Kreis
irgendwann schließt sich der Kreis

Albträume ohne Albträume 

Ich wache auf und bin nass. Alles an mir klebt. Das Shirt, die Bettdecke, die Unterwäsche. Ich schäle mich aus den Klamotten und schlüpfe in neue und tapse mit unsicheren Schritten und zitternden Knien in die Küche, füttere das Katerkind, dann ins Wohnzimmer um die Meeris zu versorgen und sinke dann aufs Sofa. Einen kurzen Moment später sprinte ich ins Bad und schaffe es gerade noch rechtzeitig, bevor mein Magen sich seines Inhaltes entledigt. Ich sinke auf die kalten Fliesen. Zu zittrig um aufzustehen, zu sehr neben der Spur für alles. 

Ich habe von meinem Vater geträumt. Und von D. Es war kein Albtraum im eigentlichen Sinn, trotzdem lässt die Nacht mich entkräftet, durchnässt und kotzend zurück. In meinem Kopf entsteht der Wunsch nach Selbstverletzung, ich weiß, dass im Badschrank Klingen sind, doch selbst die wenigen Zentimeter bis dorthin schaffe ich nicht, schaffe es nicht aufzustehen, schaffe es nicht mich zu bewegen, sitze einfach nur zitternd auf dem Boden. Das Katerkind kommt und miaut mich an, versucht sich zwischen meine Arme zu quetschen, die ich um meine Knie geschlungen habe, reibt sich schnurrend an mir und beginnt mich zu putzen. 

Mein Körper schreit nach Selbstverletzung. Alternativ nach einer Dusche. Doch ich habe keine Kraft, ich kann mich kaum auf den Beinen halten und so gerne ich nun das Wasser auf mir spüren würde, so gerne ich die Fetzen der Nacht von mir waschen würde, ich schaffe es nicht. Später vielleicht. Vielleicht nachdem ich mich verletze habe, vielleicht geht es mir danach endlich besser. 

Irgendwann schaffe ich es gegen die Schwerkraft anzukommen. Schaffe es von Türrahmen zu Tisch zu Türrahmen zu Regal zu Türrahmen zu Bett. Ich müsste auch das Bett frisch beziehen. Und ich müsste was essen, müsste kochen, müsste produktiv sein, müsste duschen, müsste dies und das, mich verletzen, duschen, duschen und nochmal duschen, doch nichts geht. Ich habe meinen zitternden Körper kaum unter Kontrolle. Also falle ich einfach wieder ins Bett, rolle mich auf der Bettseite zusammen, die ich eigentlich nicht benutze, wickel mich in eine frische Decke und dann noch in die frische Kuscheldecke, atme, zittere, sehne mich so sehr nach einer Klinge auf der Haut. 

Vielleicht kann ich schlafen. Vielleicht kann ich meinem durchdrehenden Körper noch ein wenig Ruhe geben, vielleicht ist es danach besser. Vielleicht hört das Chaos im Kopf dann auf, vielleicht ist es dann einfach besser in ein paar Stunden. 

I wanna scream till the words dry out

„Können Sie es vorlesen?“ fragt der Therapeut am Donnerstag, als ich das Blatt aus meinem Beutel angel. Ich schüttel heftig den Kopf. „Darf ich es dann vorlesen?“ „Wenn es unbedingt sein muss…“ antworte ich ihm und schiebe ein „Ich glaube es ist okay.“ hinterher. 

Und so beginnt er die Worte zu lesen, die mich gleichzeitig etliche Jahre zurück und viele Kilometer weit weg tragen. Ich bin wieder dort und ich bin wieder das kleine Mädchen. Und gleichzeitig sitze ich im Büro des Therapeuten und bin erwachsen. Den Ball in meiner Hand drücke ich so fest, dass es schmerzt. Der Therapeut macht immer wieder Pausen, fragt wie es mir geht, ob es noch geht. 

Als er die letzten Worte liest und aufblickt bin ich gerade dabei möglichst ruhig und tief zu atmen, weil ich das Gefühl habe zu ersticken und krame in meinem Skillsbeutel nach einem sauren Bonbon um mich einerseits in der Realität zu halten und andererseits den Geschmack in meinem Mund zu vertreiben. Mir laufen die Tränen. 

Wir fangen an die Gefühle aufzudröseln. Die Flipchart muss herhalten und der Kreis auf dem weißen Papier füllt sich mit Gefühlen und Gedanken. Ein kurzes Lächeln blitzt über mein Gesicht, denn ich muss an meine Therapeutin in Freiburg denken, sie wäre begeistert von den ganzen Gefühlen, die ich so klar sehen und benennen kann mittlerweile. 

Da sind Wut und Angst und Ekel und Scham. Und natürlich Schuld und Selbsthass. Und während die Gedanken dazu ihren Platz finden, während all diese alten Glaubenssätze aus meinem Kopf aufs Papier kommen, ändert sich etwas an der Verteilung der Gefühle. Die Wut nimmt mehr Raum ein. Denn da ist das völlig rationale und professionelle Hirn der Erwachsenen in ihrer Berufsrolle, die sich vorstellt dieses Kind vor sich sitzen zu haben. Und so finden auch andere Sätze ihren Platz auf dem Papier. Die gesunden Sätze, die Sätze, die sagen, dass es vorbei ist, dass Kinder niemals die Schuld tragen, dass ich wütend sein darf. Diese rationale Betrachtungsweise ändert mittlerweile doch auch ein wenig die Gefühle. Sie ermöglicht es mir wütend zu sein und es zu akzeptieren. Sie lindert die Angst, denn es ist vorbei. Die Scham bleibt, denn es ist passiert und ich schäme mich dafür. Die Schuld lässt sich auch nur wenig beeindrucken, denn das Gefühl ist so fest mit meinem Ich verwurzelt, dass es sich nur zögerlich und in winzigen Schritten ändern lässt. Der Selbsthass bleibt, aber wird leichter auszuhalten. 

Und so sitze ich am Ende der Stunde da und bin erstmal erledigt. Es war anstrengend und schmerzhaft und ich bin wieder mal froh, dass ich dem Impuls zu schneiden nicht nachgeben kann, da ich aufgehört habe immer eine Klinge dabei zu haben. 

Doch so schrecklich es auch manchmal ist, ich merke immer wieder, dass es mir gut tut und hilft. Es wird leichter zu sprechen. Leichter zu schreiben. Und leichter die richtigen Dinge zu fühlen, die Gefühle zuzulassen, die da hin passen und nicht den ganzen anderen Kram. Es ist erstaunlich, ich hätte nicht gedacht, dass diese paar Stunden Therapie während der Reha da irgendwas verändern können. 

Und weil ich doch ein wenig stolz auf mich bin, weil ich mir gerne was gönnen möchte und weil mein Handy auf dem morgendlichen Weg zur Klinik drei Mal Suizid beging, stöbere ich ein wenig auf der Seite meines Festnetzanbieters herum, denn ich habe die Möglichkeit mir dort ein Handy zu finanzieren und weniger als eigentlich zu bezahlen, da ich bestehender Kunde bin. Und als bekennender HTC-Liebhaber hüpfe ich anschließend fast vor Begeisterung, denn das neue Smartphone ist verfügbar. Also telefoniere ich kurz mit dem Festnetzanbieter, wie es aussieht mit Konditionen („Naja, eigentlich würde ich ja meinen Vertrag kündigen, ich habe ja schon mit ihrem Kollegen gesprochen wegen Angeboten, ich bin da noch soooooo unsicher, neues Handy, hmmmm, ich weiß ja nicht… „) und mache dann erstmal ein paar Leute wahnsinnig, weil ich nicht weiß ob ich das wirklich tun soll. Schließlich drücke ich doch auf den Button, bekomme kurz darauf eine Mail mit der Bestätigung und habe also ein neues Handy. Und sofort macht sich das schlechte Gewissen breit. Denn der Gesamtpreis ist einfach so viel Geld! Über die Finanzierung und mit dem Bonus als Kunde ist es eigentlich nicht viel, aber zusammen… Wusa! Ich hadere noch eine Weile mit mir, bis ich angedroht bekomme, dass mir jemand gleich mal auf den Hinterkopf schlägt. Dann ist es halbwegs okay und ich warte sehnsüchtig auf eine Mail, dass das Paket unterwegs ist. Die kam gestern und heute morgen aktualisiere ich zuallererst den Status und hoffe, dass es wirklich heute kommt. 

Und dann klingelt es und ich hüpfe begeistert zur Tür, freue mich, die Postbotin freut sich mit mir und kurze Zeit später packe ich mein neues Handy aus. Ein Träumchen! Da ich beim gleichen Hersteller bin gibt es nicht viel Umgewöhnen. Also installiere ich Apps, richte ein, mache dies und das. Und ich freue mich, denn ich habe mir was gegönnt und da mein altes Handy langsam wirklich nicht mehr das tut, was ich von ihm möchte, ist es noch nicht mal nur Luxus. 

Wenn ich unterwegs bin, dann höre ich eigentlich immer Musik. Streaming ist eine feine Sache, man kann quasi fast alles überall hören. Ich nutze gerne diverse Playlists, da kann man immer wieder Sachen neu oder wieder entdecken. So ging es mir am Freitag mit einem Lied, dass ich eigentlich kenne, aber eigentlich noch nie so sonderlich genau auf den Text geachtet habe. Anders am Freitag auf dem Weg zur Klinik. Und so läuft das Lied auf dem Rückweg hoch und runter, in Originalversion und verschiedenen anderen Versionen. Und es trifft momentan so unglaublich gut zu. 

You’ve got the words to change a nation
But you’re biting your tongue
You’ve spent a life time stuck in silence
Afraid you’ll say something wrong

Worte waren schon immer ein Halt für mich. Ob früher in Büchern oder heute auch beim Schreiben. Und so oft Schweige ich. Aus Angst. 

You’ve got a heart as loud as lions
So why let your voice be tamed?
Baby we’re a little different
There’s no need to be ashamed
You’ve got the light to fight the shadows
So stop hiding it away

There’s no need to be ashamed. Das sage ich mir momentan ständig und das sagen die Fachmenschen und die Mitmenschen. Die letzte Person, die sich schämen sollte, bin ich! 

I wanna sing, I wanna shout
I wanna scream till the words dry out
So put it in all of the papers
I’m not afraid
They can read all about it
Read all about it 

Und genau so fühle ich mich derzeit oftmals. Ich will nicht mehr schweigen, ich will es rausschreien, all die schlimmen Dinge und all den Schmerz, ich will brüllen bis meine Stimme versagt, bis all die Worte aus mir raus sind, bis es okay ist. 

Und ja, mittlerweile kann es auch öffentlich hier stehen (wenn auch fast komplett anonym, abgesehen von den Leuten, die mich privat kennen und den Blog lesen.) I’m not afraid. They can read all about it. Ich habe keine Angst mehr zu schreiben. Keine Angst mehr die Worte zu formulieren. Ich weiß, dass ich nicht daran sterbe. Es bringt mich nicht um in Worte zu fassen was geschehen ist. Und ich habe keine Angst mehr dies über diesen Weg zu tun. Denn ich will auch anderen die Angst nehmen, ich will auch andere ermutigen ihr Schweigen zu brechen. Ich will anderen geben, was mir so lange fehlte: das Gefühl nicht alleine zu sein. Und den Mut, dass es leichter werden kann damit zu leben. 

I wanna sing, I wanna shout
I wanna scream till the words dry out
So put it in all of the papers
I’m not afraid
They can read all about it
Read all about it 

Auf dem Heimweg von der Klinik überflutet mich das unglaubliche Bedürfnis mir etwas Gutes zu tun. Das kommt völlig überraschend und ich brauche auch eine Weile, bis mir klar wird, was das grade ist. Es kommt selten vor, dass dieser Gedanke nicht bewusst in meinem Kopf entstehen in Richtung „ich muss/müsste mir mal was Gutes tun“ sondern als ein Bedürfnis auftaucht wie Durst oder Schlaf. Und ich weiß auch, dass es wirklich nötig ist, wenn dieses Bedürfnis so durchschießt durch die Wand aus Glaubenssätzen, die mir sagen, dass ich das nicht darf, dass es nicht okay und schon gar nicht gut sein darf. Also nehme ich es ernst und verschwinde, nach Telefonat mit der kleinen Hexe und Meeris ausmisten, im Bad. Fast eine Stunde verbringe ich unter der heißen Dusche und lasse das Wasser über mich laufen, genieße das Gefühl und stelle mir vor, dass all der Schmutz und der Ekel und die Scham von mir herunter fließen und im Abfluss verschwinden. Ich gönne mir die Zeit, gönne mir eine Haarkur und genieße den Duft von Duschzeug, Shampoo und allem, creme mich danach in aller Ruhe ein und schlüpfe in bequeme Hose und Lieblingspulli. Dann kuschel ich viel und lange mit dem Kater, füttere ihn und die Meeris, schmeiße mir Camembert in den Ofen, weil ich total Lust darauf habe, esse in Ruhe und liege nun eingekuschelt im Bett. Mich selbst ernst nehmen und mir viel Gutes tun, vor Freiburg quasi undenkbar ohne danach komplett durchzudrehen und mich zu verletzen. 

Zwischendurch suche ich nach der Datei, die ich vor einigen Jahren geschrieben und nie wieder geöffnet habe. Als die erste Erinnerung hochkam, die erste klare Erinnerung mit Bildern und Geräuschen und Gerüchen und dem Wissen, wer dieser Mensch ist, musste ich das aufschreiben, denn mir war klar, dass ich es lange, vielleicht auch niemals, aussprechen werden kann, was genau da passiert ist. Außerdem wollte ich dieses absolut Unfassbare einfach aus mir raus haben. Ich habe es damals mit in die Therapie genommen, meiner Therapeutin gegeben, ich wollte es nur weg haben, dieses böse Blatt Papier voller böser Worte, ich konnte es auch nicht vorlesen oder mir nochmal von ihr anhören. Ich wollte eigentlich nur von ihr hören, dass es Einbildung ist, ein völliger Blödsinn meines Hirns, doch den Gefallen tat sie mir damals nicht. 

Heute ist es die erste Erinnerung von vielen, die aus den Tiefen meines Ichs aufgetaucht ist. Heute weiß ich, dass diese Erinnerung real ist, auch wenn ich sie mir oft weg wünsche und sie viel lieber als Krankenhaus Phantasie meines Kopfes sehen würde. 

Ich will die Worte nicht lesen, als ich die Datei öffne, doch mein Blick fällt automatisch auf sie. Und mir fällt auf, dass ich vieles nicht benennen kann, weil ich die Worte in diesem Kontext einfach nicht finde. Es sind Worte, die zwar existieren in meinem Sprachgebrauch, die ich auch benutze, doch ich schaffe es nicht, wenn ich mich an diese Situation erinnere. Sie scheinen wie ausgebrannt, wie schwarze Stellen in meinem Gehirn, als ob ich wieder das kleine Mädchen wäre, dass diese Worte damals noch nicht kannte. Selbst ohne Dissoziation und Flashback, mit voller Realität um mich herum und als Erwachsene, bin ich sprachlich gesehen in diesem Moment das kleine Mädchen und kann nicht aussprechen, was es eigentlich ist. Ich kann umschreiben, kann sagen das da etwas ist, aber ich kann es nicht benennen. Nicht mit diesem Kontext. Und es macht mich ziemlich wahnsinnig, wo Worte doch genau das sonst ermöglichen beim Schreiben, Dinge zu benennen, die ich nicht aussprechen kann. Wo Worte so oft mein Halt waren und sind, mir Realität geben und ausdrücken, was ich kaum auszudrücken vermag. 

Verdammter Mist. 

Jedenfalls liegt das Blatt nun ausgedruckt da, denn der Therapeut wollte wissen, welche Situation mich am Wochenende da so herrlich als Flashback begrüßte. Ich bin gespannt auf die Stunde morgen und ich weiß, dass es alles andere als leicht werden wird. 

und die Folgen der Konfrontation… 

Trotz meiner völligen Erschöpfung schaffe ich es etwas kleines zu kochen und zu essen. Seitdem ist mir zwar unglaublich übel, aber mein Magen protestiert nicht mehr lautstark. Warum muss dieses verdammte Essen nur mit dem Mund gemacht werden? Heute war das absolut triggernd, aber was soll man machen…

Und dann… Tja. Dann liege ich im Bett und habe Angst. Angst vor der Nacht, Angst zu träumen, Angst mit Flashbacks aufzuwachen, Angst vor der Dunkelheit, Angst die Augen zu schließen, Angst die Kontrolle zu verlieren. 

Ich rolle mich an der äußersten Bettkante zusammen, die Wand im Rücken, den Blick zur Tür. Meine Haustüre habe ich 2 Mal abgesperrt und noch 2 Mal kontrolliert, ob auch wirklich zu ist. Mein Nachtlicht brennt, ich kann die Nacht nicht in völliger Dunkelheit verbringen. Mein Katerkind hat sich an meinen Füßen zusammen gerollt. Auf dem Tablet läuft eine Krimiserie. Damit der eigene Horror im Kopf nicht mehr so laut ist. 

Ich denke daran, dass es irgendwann leichter werden wird. Dass es irgendwann einfacher wird damit zu leben. Trotzdem zu atmen. Doch gerade ist das schwer zu glauben. Ich sehne mich nach der Erleichterung der Schnitte und der Ruhe, die die Selbstverletzung im Kopf hinterlässt. Doch ich werde den Kampf ein weiteres Mal gewinnen, denn heute werde ich nicht nachgeben. Ich werde nicht nachgeben, weil ich einen weiteren Schritt gegen das Schweigen und gegen diese Macht in meinem Leben gegangen bin. Ich werde mich nicht verletzen, weil ich kämpfe gesund zu werden. Es gibt genügend Gründe zu schneiden, aber diese Schritte werden kein Grund dafür sein, egal wie laut es in mir schreit. Ich habe heute einen weiteren Kampf gewonnen, eine weitere Schlacht geschlagen, gegen meinen Vater, gegen die Vergangenheit, gegen das Schweigen. Und dieser heutige Kampf wird gewonnen bleiben. 

Und trotzdem fühlt es sich furchtbar an. Und trotzdem möchte ich alles hinwerfen und aufgeben und schreien und mich zerschneiden. 

Was für ein Scheiß. 

Konfrontation

In der Traumagruppe der Klinik gibt es die Möglichkeit, sich gezielt mit dem Trauma/den Traumata auseinander zu setzen. Beispielsweise in Form einer Lebenslinie. Ich habe vor einer Weile angemerkt, dass ich das gerne mal machen würde. Freitags ist immer doof, denn am Wochenende ist da eben nicht der Therapeut da, der notfalls auffangen kann. Heute wollte eine andere Therapeutin die Gruppe übernehmen, deswegen wollte ich sie mir erstmal anschauen, bevor ich dort einen Seelen-Striptease hinlege. 

Doch direkt nach dem Frühtreff läuft mir die Therapeutin, die bisher die Gruppe geleitet hat, über den Weg und sagt, dass sie heute die Gruppe nochmal übernimmt. 

Also mache ich mich darauf gefasst, dass ich mich in geballter Wucht mit meinem Leben auseinander setzen werde. Dass eine liebe Mitpatientin heute geht verbessert meine Anspannung nicht wirklich, doch wir nutzen die Zeit und trinken noch zusammen etwas in der Cafeteria. 

Mit jedem Moment in der Traumagruppe nimmt meine Anspannung zu. Die Eingangsrunde, in der jeder kurz sagt wie es ihm geht und wo die Anspannung steht, die Neuen sich kurz vorstellen und die Therapeutin ihnen kurz ein paar Dinge erklärt, dauert heute viel zu lange. Ich werde unruhiger und unruhiger, habe das Gefühl die Anspannung kaum noch auszuhalten, drücke die Spitzen des Akupressurballs fest in meine Haut. 

Dann darf ich beginnen. Zuerst mit dem wirren Geflecht aus Familie, aus Erklärungen, wieso ich bei meinem Vater aufgewachsen bin. Und dann mit meinem Leben. Jahr um Jahr arbeiten wir uns nach vorne. In rot stehen da die Ereignisse, die so unglaublich schwer waren, die Therapeutin fragt immer wieder nach den Auswirkungen und malt Pfeile. Und auch wenn es „nur“ bis zu meinem 17. Lebensjahr wirklich grausam war, so steht da doch unglaublich viel. Und dazwischen auch einige Dinge in grün, Dinge, die mir geholfen haben. Einerseits die Selbstverletzung, die natürlich nicht die beste Lösung, aber damals eine sinnvolle war. Die Therapie, die mir dann damals Halt gab. Meine Schwester, die trotz der Distanz immer so viel Halt und Wärme für mich bedeutet hat. Und letztendlich der große Knall, die Inobhutnahme. Zwischendurch suche ich immer wieder nach Worten. Die Tränen laufen mir die Wangen hinunter und ich versuche nicht, diese Gefühle zu unterdrücken. Dann atme ich erstmal durch. Das Blatt an der Flipchart ist voll. Die wichtigsten Dinge stehen da, und auch wenn wir nicht in die Tiefe gehen, so ist es doch anstrengend und schmerzhaft. Es ist immer noch unglaublich schwer all diese Dinge in Zusammenhang mit meinem Vater zu nennen. Es ist schwer auszusprechen, dass da so viel war, das nicht hätte sein dürfen. Der sexuelle Missbrauch. Die körperliche Gewalt. Das ständige Abwerten und Kleinhalten und mir einreden, dass ich doch nie etwas schaffen werde, dass ich unnütz und unfähig bin, dass ich doch keine Probleme habe, dass ich selbst Schuld sei, wenn er mich verprügelt. Es tut weh diese Gesamtheit zu sehen, diese Hilflosigkeit, dieses Ausgeliefertsein. Und doch ist es nicht nur schmerzhaft, nicht nur furchtbar. Denn es gibt da auch diese Momente, in denen ich mich gewehrt habe. Zwar nicht direkt, aber dennoch. Ich bin hinter seinem Rücken zur Therapie gegangen. Und ich bin damals weg. Und ich habe die räumliche Distanz zwischen uns gebracht. Und ich habe den Kontakt abgebrochen. 

Danach dürfen meine Mitpatienten etwas dazu sagen. Ich entspanne mich langsam, denn es ist raus. Der Horror ist ausgesprochen, formuliert, aufgeschrieben. Meine Mitpatienten sind betroffen. Erstaunt, dass hinter der Fassade eine solche Geschichte steckt. Sie geben mir viel Positives mit, viele liebe Worte. Und die Therapeutin sagt, dass man manchmal denkt, dass ich doch klar komme und keinen Raum brauche, denn ich kann viel und weiß viel und kann damit überspielen, wie verletzlich ich hinter dieser Mauer doch bin. Und sie sagt, dass sie auch meine Wut gesehen hat. An dem Tag, als die Traumagruppe so triggerte und ich so am Boden war. Als der Moment kam, in dem aus der Anspannung und Hilflosigkeit die Wut auf meinen Vater wurde und ich diese Wut beim Armdrücken mit dem Supervisor auch endlich körperlich spüren konnte und durfte. 

Die Stunde tat gut. Unglaublich gut, denn mit jedem Mal geballte Kindheit und Jugend wird mir klarer, woher die ganzen Gefühle kommen und es wird mir klarer, dass ich wütend sein darf. Dass ich ihn auch hassen darf. Und die Therapeutin sagt noch etwas sehr wichtiges. Dass es auch in Ordnung ist, wenn beide Seiten existieren. Die Wut und der Hass, aber auch die Seite die ihn liebt, weil es auch positive Momente gab und er nunmal mein Vater ist. Es ist okay und es darf beides sein. Wichtig ist nur, dass ich auch beides zulassen kann. Und dass ich mich selbst schütze, wie beispielsweise mit dem Kontaktabbruch. Und für mich ist es auch so wichtig diese Wut zu integrieren, denn bisher konnte und durfte ich das nicht und es ging letztendlich immer gegen mich selbst. Ob in Form von Selbstverletzung oder in extremen Suizidgedanken oder sogar – versuchen. Ich darf wütend sein. Ich darf es. 

Nach der Stunde bin ich erschöpft. Die extreme Anspannung macht sich bemerkbar. Der Abschied von der lieben Mitpatientin schmerzt und es ist so schön sie einfach nochmal fest zu drücken und ihr nachzuwinken. Essen gehen kann ich nicht. Stattdessen sitze ich draußen und rauche erstmal, sammel dann meinen Kram für die Tiefenentspannung. Danach bin ich noch erschöpfter und unglaublich müde und froh, dass wir in der Körpererfahrung viel liegen. Und die Dinge, die wir da tun, helfen mir in meinen Körper zurück zu finden, der irgendwann während der Traumagruppe den Kontakt zum Rest von mir beendet hat. Ich bin danach zwar nicht weniger müde und erschöpft (eher im Gegenteil), doch ich spüre mich wieder und habe wieder das Vertrauen in meine Beine, dass sie mich tragen ohne unter mir wegzuknicken. 

Mein letzter Tagespunkt ist die Massage. Bei der ersten Berührung der Hände spannt sich mein Körper an, meine Muskeln verkrampfen und ich brauche einen Moment um wieder in die Wirklichkeit zu kommen, mich wieder zurück in den Raum zu holen und raus aus den Erinnerungen, die mich überfluten. Ich fange wieder an mich zu entspannen, während ich im Kopf all die Dinge durchgehe, die nun anders sind. Ich bin erwachsen. Es ist ein Mann, der mir nichts tun wird. Ich bin hier in Sicherheit. Es ist 2017. Alles ist gut. Es ist nicht damals, es ist nicht mein Vater. Und dann schießt plötzlich eine Erinnerung in mein Bewusstsein, die lange vergraben war: die Berührung am Po. Bis ich damals aus der Wohnung raus kam und seit ich denken kann, war diese Berührung da. Er hat mir immer an den Po gefasst wenn ich neben ihm stand, beim Geschirr spülen, beim vorbeigehen, bei so vielen Gelegenheiten zuhause. Ich mochte das nie, habe ihm das auch immer wieder gesagt. Doch meistens war die Antwort darauf „Du bist mein Kind, du bist mein Eigentum, ich kann tun was ich will.“ ergänzt von einem „das ist doch gar nicht schlimm.“ Und rückblickend wird mir klar, dass auch das eine Form von sexuellem Übergriff ist, dass da nicht nur der Missbrauch in der frühen Kindheit war, sondern diese Berührungen immer weiter gingen, auch wenn der Zwang ihn zu befriedigen, ob nun oral oder durch anfassen oder durch wirklichen Sex, aufgehört haben. 

Ich denke an die Worte der Körpertherapeutin in der dbt. „Massage ist eine Wertschätzung.“ Und als genau das versuche ich die Massage dann anzunehmen, als es mir gelingt die Hände auf meinem Körper auch dem Menschen zuzuordnen, der gerade neben mir steht. „Es ist okay“ antworte ich auf die Frage, ob alles gut ist oder er aufhören soll und ich entspanne mich vollends und genieße das Kneten und Rumgedrücke und merke, wie er die richtigen Punkte findet und ein paar meiner Wirbel wieder an die Stellen wandern, an denen sie eigentlich sein sollten. 

Nun sitze ich zuhause. Völlig erschöpft und müde, aber entspannt. Mein Katerkind liegt auf meinem Schoß und hält ein Schläfchen und ich genieße die Wärme, die er ausstrahlt. Ich würde gerne einfach nur ins Bett kippen, doch dann bin ich entweder mitten in der Nacht wieder wach oder morgen müde von zuviel Schlaf. Außerdem muss ich noch etwas essen, denn mein Magen protestiert lautstark. Und es gibt auch noch ein paar Chaosstellen in meiner Wohnung, die nach Beseitigung schreien. 

Ich werde also noch was tun. Aber in meinem Tempo, mit viel Gutem für mich zwischendurch, denn ich finde, dass ich das nach dem Tag absolut verdient habe. Und heute kann ich das auch fühlen, kann mich absolut okay finden, kann die Erschöpfung akzeptieren und die anderen Gefühle, die dieser Tag in mir geweckt hat, aber ich kann auch die Dinge sehen, die positiv sind und ich kann akzeptieren, dass es heute eben ist wie es ist. Und wenn das schon mal funktioniert, dann sollte ich das definitiv wertschätzen. 

Die dunkle Nacht wird mal vergeh’n.

Ich träume vom Ertrinken. Ich kriege keine Luft. Um mich rum ist nur Wasser. Dann wache ich auf und wache doch nicht wirklich auf. Das Bild verändert sich. Es wird dunkler, verwischter. Ich kriege wieder kaum Luft, denn in meinem Mund ist etwas und ich muss kämpfen mich nicht zu übergeben. Ich höre seine Stimme, höre, dass ich mich nicht so anstellen soll, höre, dass das doch schön ist. Ich finde es ganz und gar nicht schön. Aber das kann ich ja nicht sagen, denn ich habe etwas im Mund und ich darf es auch nicht sagen, weil ich sonst wieder Schläge kriege. Mir ist so übel, so unglaublich übel, und ich ringe um jedes winzige bisschen Sauerstoff zwischen den Tränen und Schluchzern. Ich verstehe nicht, was da passiert, ich weiß nur, dass ich es nicht will. Ich kämpfe um die Luft dort in diesem Raum und gleichzeitig in meinem Schlafzimmer. Es gibt mich dort und es gibt mich hier, in der Realität und für einen kurzen Augenblick erkenne ich den Flashback und schaffe es zu handeln. Stechender Geruch reißt mich zurück in die Realität, in der ich zitternd und nach Luft schnappend auf meinem Bett sitze, das Fläschchen Ammoniak in der Hand. Kurze Zeit später hänge ich über meiner Kloschüssel und versuche den Geschmack und das Gefühl der Erinnerung aus mir raus zu befördern. 

Eine Weile und sämtliche Anti-Disso-Skills später sitze ich erschöpft auf dem Sofa und lasse mich von der Wärme und dem Schnurren des Katers in der Realität halten. Ich hasse diese Flashbacks, die mich direkt nach dem Aufwachen überfallen, in dem kurzen Moment, in dem ich noch nicht wirklich wach bin und die Kontrolle wieder habe. So einen Start in den Tag hasse ich, denn die Bilder verschwimmen nur langsam und beeinflussen mich noch mehrere Stunden. 

Die Erinnerungen an diese Situation waren das erste konkrete, das damals kam. Die Dinge davor waren wirr, ohne Gesicht oder Stimme. Diese Erinnerungen riss mir damals den Boden unter den Füßen weg und ich sprach lange nicht darüber, kann bis heute nicht darüber sprechen. Ich schrieb es damals auf, gab es meiner Therapeutin. Denn das Schreiben fällt bis heute deutlich leichter. Es gibt kein direktes Gegenüber, ich tippe nur Buchstaben hinaus in die Welt, kann nebenbei Pausen machen und kann dann und dort schreiben, wenn und wo ich mich sicher fühle. 

Ich denke an die ersten zaghaften Versuche meiner Therapeutin an dieses Thema ran zu kommen. Meine Reaktionen, mein Abblocken, mein vehementes Leugnen einer Möglichkeit, dass diese Dinge Realität sein könnten. Denn die Bilder bis dahin waren genauso eindeutig wie uneindeutig. Es hätte jeder gewesen sein können, es hätte doch auch einfach nur irgendwas anderes sein können. Heute weiß ich, dass es schon damals eindeutig war. Es ist nicht wahr was nicht wahr sein darf. sagt meine Therapeutin immer. Ich denke an damals, ich denke an die Worte von Frau S., meiner Kinder- und Jugendtherapeutin.

 Liebe S.,

es war genauso als Du bei mir warst. Ich hatte ebenso das Gefühl, dass da mehr gewesen sein muß und Du warst damals fest der Meinung, dass in Richtung sexueller Mißbrauch bezogen auf Deinen Vater nichts war.

Nachdem ich im Oktober bei ihr war, lange und viel mit ihr geredet habe, fällt es ein wenig leichter darüber zu sprechen. Denn sie hat dem Teil in mir, der so vehement gegen ein mögliches Wahrsein dieser Dinge kämpft, den Wind aus den Segeln genommen. Ihre Worte, die mir bestätigten, dass für sie vor 14 Jahren schon klar war, dass ein Missbrauch stattgefunden haben muss. Ihre Klarheit in Bezug darauf, ihre Fähigkeit mir zu sagen, dass ich nicht solche Flashbacks hätte, wenn sie nicht stimmen würden. Sie hat mir ein Stück mehr geholfen auf dem Weg zu akzeptieren, dass diese Dinge Realität sind. Meine Therapeutin versucht das seit Jahren, doch es war nochmal anders es von jemandem zu hören, der mich auf eine andere Art und Weise kennt, der mich länger kennt, der mit mir nicht den Weg durch die qualvollen Erinnerungen gegangen ist. 

Und so sehr es heute noch Momente gibt, an denen ich nicht wahrhaben will, dass diese Dinge wirklich geschehen sind, so sehr kämpfe ich sich dafür, dass sie wahr sein dürfen, wahr sind. Ich versuche ihnen Raum zu geben, versuche nicht zu schweigen. Es gibt zuviel Schweigen, es gab in meinem Leben zuviel Schweigen. Und plötzlich machen so viele Kleinigkeiten einen Sinn. Plötzlich erklären sich die Körperflashbacks, die Übelkeit und die Schmerzen. Plötzlich erklärt sich die Angst vor dem Ersticken und der Ekel vor Dingen in meinem Mund. Plötzlich erklären sich diese ganzen Zeichen, die ich so lange nicht wahrhaben wollte. 

Vielleicht gehört es dazu, dass man immer wieder zweifelt, ob diese Dinge wirklich passiert sind. Vielleicht wird es niemals aufhören. Aber vielleicht werden der Ekel und die Scham auch weniger und es darf irgendwann wirklich wahr sein, was eigentlich nicht wahr sein darf. 

So oft wünsche ich mir, dass das Leugnen und Schweigen aufhört. Dass ich darüber reden kann. Vor allem mit meiner Mutter. 

Ich verfolge nicht das Ziel, meinem Erzeuger zu schaden. Ich will ihn sein Leben leben lassen, will ihn nicht anschuldigen, anklagen. Es hätte für mich keinen Sinn. Und ich will es auch nicht und schweige deswegen oft noch, denn mir ist klar welche Konsequenzen solche Dinge mit sich ziehen. Und trotz all der Dinge liebe ich ihn und kann das nicht ändern. Manchmal hasse ich mich dafür, dass ich ihn nicht einfach nur hassen kann. Und manchmal ist es okay wie es ist. Vielleicht wird es leichter das Schweigen zu brechen, wenn er nicht mehr da ist. Denn dann muss ich nicht fürchten, dass ich ihm doch irgendwie schade und bin vielleicht die Angst los, die mich immer noch umtreibt, die Angst vor der brutalen Gewalt, vor den Schlägen, vor dem eingesperrt werden, vor dem völlig ausgeliefert sein. Ich will keine Rache. Ich will einfach nur darüber sprechen können, will damit leben lernen. Und dieser Weg führt nicht durch Schweigen. Ich will gesund werden und ein Leben führen, in dem diese Dinge zwar passiert sind, aber mich nicht mehr ständig heimsuchen. Ich will bestimmen können, wann und wie ich mich damit auseinander setze und nicht morgens um 6 aus der Realität gerissen werden und das kleine Mädchen sein und erleben und spüren, was ich damals erlebte und spürte. 

Ich blicke auf meine Arme. Blicke auf 17 Jahre Narben, 17 Jahre Kampf gegen mich. Vielleicht findet auch das ein Ende, wenn das Schweigen enden darf, wenn ich aussprechen darf, was in mir tobt, wenn ich nicht mehr nur mich hassen darf, sondern auch den Menschen, der mir so wehgetan hat. 

Gestern habe ich vielleicht einen weiteren Schritt gemacht weg vom Schweigen. Ich habe mit meiner Tante telefoniert. Bestimmt 3/4 des Gesprächs habe ich nur geheult, denn es fällt so schwer zu erklären, dass man einfach nicht in der Lage war den Kontakt zu halten, dass der Alltag sämtliche Kraft gefressen hat. Und es fällt noch schwerer zu äußern, wohin diese Kraft ging, dass die Erinnerungen und das Aushalten der Erinnerungen an den Missbrauch einfach alles aufgesaugt haben. Es fällt schwer auszusprechen, dass da mehr war als die körperliche und die seelische Gewalt. Und am liebsten würde ich leugnen, dass diese Dinge Realität sind, denn das ist so viel leichter und um so vieles weniger schmerzhaft. Und so furchtbar es gestern auch war diese Dinge auszusprechen, so befreiend war es auch. Und sie ging auch nicht direkt in eine Verteidigung und ein Um-sich-schlagen wie meine Mutter. Meine Therapeutin wird wohl ein kleines Freudentänzchen hinlegen, wenn ich ihr erzähle, dass ich es endlich geschafft habe, dass der Wunsch, der in der Therapie seit so vielen Jahren besteht, nun Realität wurde. 

Mein Katerkind miaut mich kläglich an, weil ich nun schon wieder auf dem Sofa sitze und heule. In den letzten Wochen heule ich so viel, dass ich manchmal denke die ganzen Tränen der letzten Jahre bahnen sich nun einen Weg. Tränen, die ich sonst nur rot weinen konnte, die nur Ausdruck in den Schnitten auf meinen Armen fanden. 

Es ist kein leichter Weg, den ich gerade gehe. Manchmal möchte ich mich einfach an den Wegesrand setzen und mich weigern weiter zu gehen, manchmal möchte ich den ganzen Weg zurück rennen bis zum Anfang und eine neue Abzweigung finden. Doch es würde nichts daran ändern, die Dinge, die ich auf dem Weg gesehen und erlebt habe, wären dennoch da. 

Heute habe ich, vor allem nach dem furchtbaren Aufwachen, ein extremes Bedürfnis nach Einigeln und Sicherheit. Nach einer Rückzugsmöglichkeit, nach Ruhe. Und genau deswegen werde ich mich in mein Schlafzimmer verziehen, den sicheren Ort meiner Wohnung und dort endlich die Dinge umsetzen, die ich die ganze Zeit schon tun will. Die Fotos an die Wand, die Dinge, die mir in der DBT Halt und Kraft gaben, mein Bett von dem Gewühl der Nacht befreien und die Bettwäsche (mal wieder) in die Maschine stopfen, denn sie ist (mal wieder) komplett nass vom Schwitzen der Angst und Panik, meinen DBT-Kram wieder ordnen, den ich in den letzten Tagen quer in der Wohnung verteilt habe, meine diary cards einheften… An funktionalen Möglichkeiten meinen Tag weiter zu führen mangelt es nicht. Nur noch ein wenig an der Kraft, denn die hängt noch kotzend mit mir über der Kloschüssel. 

Ich weiß noch gar nicht, was mein morgigen Kliniktag bringen wird, außer den sowieso konstanten Dingen wie Arbeitstherapie und Stabigruppe. Mein Plan war am Freitag noch nicht im Fach, also lasse ich mich überraschen. Und vielleicht komme ich auch morgen nicht völlig erledigt nach Hause, das wäre ein weiteres Ziel und ein weiterer Schritt auf dem Weg, der mir zeigt, dass es nun wieder einfacher und leichter wird. 

Wenn Du jetzt aufgibst,
wirst Du’s nie versteh’n.
Du bist zu weit,
um umzudreh’n.

Vor Dir der Berg,
Du glaubst Du schaffst es nicht.
Doch Dreh Dich um
und sieh,
wie weit Du bist.
Im Tal der Tränen liegt auch Gold.
Komm, lass es zu,
dass Du es holst.

Ein Leben wie ein Gemälde, kaputt und verschmiert

Gestern

Stundenlang drehe ich mich im Bett hin und her. Ich döse kurz ein und bin einige Minuten später wach. Und das Ganze wieder von vorn. 

Ich fühle mich zerschlagen, Matsch, müde und habe Schmerzen. Ich will nichts mehr als einfach schlafen. 

Nein. Das stimmt nicht. Ich will mich verletzen. Ich glaube es ist zum ersten Mal seit der dbt wieder so schlimm. Ich habe das Gefühl nur noch aus Unterarmen zu bestehen, all mein Denken und Fühlen bündelt sich dort. Ich sehne mich so sehr danach die Klinge anzusetzen. Sehne mich nach dem Gefühl der Erleichterung, nach der Entspannung, nach dem feinen Schmerz, der eigentlich gar kein Schmerz ist. Ich fühle mich innerlich so verletzt, dass ich diese äußere Unversehrtheit kaum ertragen kann. 

Ich achte zu wenig auf mich in den letzten Tagen. Bin erledigt nach dem Klinikalltag. Und noch nicht mal so sehr von den Themen, sondern vom Drumrum. Die Lautstärke, die Menschen, die Fahrt. Ich frage mich, wie ich jahrelang fast jeden Tag von morgens bis mindestens nachmittags weg sein konnte, wie ich arbeiten konnte, wie ich mein Leben halbwegs auf die Reihe gekriegt habe. 

Und so sitze ich kurz nach 3 auf meinem Sofa. Mit dem Katerkind auf dem Schoß, mit enormem Selbstverletzungsdruck und mit Suizidgedanken. Ich frage mich, warum dieser Lebensvertrag mich noch hält. Eigentlich ist es nur ein Stück Papier. Und doch ist er auch mehr. Doch ich weiß nicht, woher ich die Kraft nehmen soll. Wenn ich doch noch nicht mal in meine eigene Haut schneiden kann. Es fehlt mir, es fehlt mir so sehr. Elf Monate kämpfen und funktional sein und ich habe langsam echt keinen Bock mehr darauf. Es kotzt mich an, es kotzt mich einfach nur noch an und ich will alles hinschmeißen. 

Eigentlich müsste ich Verhaltensanalyse an Verhaltensanalyse hängen. Doch ich weiß wo es hängt, weiß, dass ich mich viel um Selbsthass drehe und viel um das Wirrwarr in mir, dem ich keinen Ausdruck verleihen kann, verleihen darf. Da war und ist seit gefühlt immer die Selbstverletzung als Ventil, Ausgang und Lösung, als Überlebensstrategie, als rettender Halt. 

Ich spüre die Wärme des Katerkinds auf meinen Beinen, spüre sein Schnurren. Ich höre das Heu rascheln und ein gelegentliches Quietschen von einer der Schweinenasen. Ich kann nicht aufgeben. Ich darf nicht aufgeben. Was soll denn aus meinen Fellhaufen werden? Doch es fällt so schwer, so unglaublich schwer. Und ich weiß nicht, wie ich das anders durchstehen soll, als mit Selbstverletzung. 

Manchmal wünsche ich mir die Tage zurück, an denen die Erinnerungen so weit weg waren. Ich sehne mich danach, dass alles „doch gar nicht so schlimm“ war. Nach dem Verdrängen und Runterspielen und Kleinhalten. Doch es funktioniert nicht mehr. Im Endeffekt habe ich jahrelange Hölle hinter mir, Trauma an Trauma an Trauma an Trauma gereiht, habe jahrelang nur darum gekämpft die nächsten Stunden zu überleben, jahrelang nur von einem Schnitt zum nächsten gelebt. 

Ich weiß, dass es erstmal beschissen wird, bevor es besser wird. Nur hilft mir das gerade nur wenig weiter. Wie viel lieber hätte ich einfach nur einen gebrochenen Knochen. Gips drum und in spätestens 3 Monaten ist es wieder okay.

Und genauso wie ich mich nach der Zeit sehne, in der die Erinnerungen vergraben waren, so sehne ich mich nach der Zeit, in denen die Selbstverletzung noch einfacher war. Noch halbwegs harmlos, ohne den Rattenschwanz von Notaufnahme und versorgen lassen und beim Hausarzt zur Kontrolle antanzen. Ohne die Narben, die ich nun kaum noch verbergen kann. Ohne das schlechte Gewissen, weil ich es lassen will. Ohne zugeben zu müssen, dass es passiert ist. Da war einfach nur der Schnitt und die Erleichterung. Niemanden hat es interessiert, ich wollte nicht aufhören, perfekt.  

Doch es ist so vieles anders mittlerweile. Es ist nicht mehr so einfach wie früher, nicht mehr so egal. Ich bin mir nicht mehr so egal. Ich bin anderen Menschen nicht mehr so egal. Ich bin weiter. Und manchmal kotzt mich das echt an. 

Der Therapeut macht den Tag dann doch noch etwas besser. Wir sprechen über den Dienstag, darüber, dass ich von etwas total getriggert wurde. Genau wie freitags in der Traumagruppe. Wir sprechen über die Gefühle dabei. Die direkt danach, die, die dann kamen, die, die danach dann auftauchten. Das Chaos aus Wut und Scham und Angst und Selbsthass. Es tut weh, aber es tut auch gut. 

Nach der schlaflosen Nacht und dem anstrengenden Tag kippe ich zuhause zuerst aufs Sofa und dann ins Bett. Es dauert zwar lange bis ich einschlafen kann, aber ich schlafe wenigstens mal. 

Heute 

Mein Tag beginnt relativ früh und relativ gut. Ich bin zwar nicht sonderlich motiviert, aber es ist okay. Viel bietet mein Plan heute nicht, aber trotzdem ist der Kliniktag erst um 15 Uhr vorbei. Da ich nicht nach Hause komme (verdammter Fasching, verdammter Umzug!) und noch warten muss, bis die Busse wieder fahren, verbringe ich noch ein wenig Zeit bei einer lieben Mitpatientin auf dem Zimmer mit quatschen und Cappuccino. Und auf dem Heimweg merke ich, dass ich zum ersten Mal nicht völlig erledigt bin, nicht völlig kraftlos. 

Ich muss an meine Tante denken. So lange habe ich keinen Kontakt mehr zu ihr gehabt, wie zu so vielen anderen Menschen. Es schmerzt, doch mit jeder weiteren Woche, mit jedem weiteren Monat, mit jedem weiteren Jahr fällt es schwerer sich zu erklären. Wie soll ich formulieren, dass ich neben Trauma (wieder)entdecken, Ausbildung und irgendwie noch klar kommen einfach keine Kraft hatte. Wie soll ich erklären, was mich da so umgehauen hat? Wie soll ich sowas der Familie erklären, wie soll ich sowas gegenüber einem Menschen äußern, der mit ihm aufgewachsen ist? Auch wenn da seit Jahren kein Kontakt mehr besteht (welch ein Wunder…), so ist es eben doch unsere Familie. Ich habe Angst vor der Reaktion. Angst, dass mir nicht geglaubt wird. Angst, dass an ihn weiter getragen wird, dass ich darüber spreche. So viel Angst ist da immer und immer wieder. 

Ich habe ihr eine SMS geschrieben. Ihr gesagt, dass ich gerne mal in Ruhe mit ihr reden würde. Ihr gesagt, dass es mir leid tut, dass ich so lange nichts von mir hab hören lassen, dass ich gerne erklären mag wieso. Ich bin nervös. Warte auf eine Antwort. Habe Angst vor einer Ablehnung. Oder vor keiner Antwort. Ich male mir die schlimmsten Szenarien aus. 

Ich versuche nicht schreiend im Kreis zu rennen. Nicht durchzudrehen. Stattdessen werde ich meine heute tatsächlich vorhandene Energie nutzen und endlich mal wieder etwas kochen. Und ein wenig aufräumen. Und mein Bett frisch beziehen. 

Wir sind vom Leben gezeichnet
In den buntesten Farben
Und wir tragen sie mit Stolz
Unsere Wunden und Narben
Wir sind vom Leben gezeichnet
Mit Dreck und mit Schmutz
Doch es glänzt wie Perlmut
Wir sind so schön kaputt