Would it matter at all

In der Traumagruppe am Freitag stürze ich ab. Die Anspannung überflutet mich wie eine riesige Welle, drückt mich unter Wasser und nimmt mir die Luft. Ich spüre den Selbstverletzungsdruck körperlich. Ich stehe auf und gehe. Finde mich an der Wand auf der Toilette wieder, mit zitternden Knien. Als ich meinen Beinen wieder halbwegs trauen kann gehe ich raus. Rauche. Skille. Die Liste runter und hoch. Die Anspannung lässt mich nicht los. Zum Ende der Gruppe betrete ich den Raum wieder, schnappe meine Sachen und warte, bis meine Mitpatienten den Raum verlassen. 

Es fällt mir unglaublich schwer Worte zu finden, auszusprechen, was in mir tobt. Genauso schwer fiel es mir den Weg zurück zur Gruppe zu gehen, anstatt einfach zu handeln. Doch in meinem Kopf taucht die DBT-Klinik auf, das Büro von Frau K., meiner Psychologin dort, und der Tisch mit dem Lebensvertrag darauf. Ich sehe ihre Unterschrift neben der von mir und der Unterschrift der Oberärztin. Höre ihre Worte. Und das bringt mich zurück, trägt mich die Stufen nach oben, hält mich, als ich mit mir und den Worten kämpfe. 

„Ich kann gerade nicht dafür garantieren, dass ich mir nichts antue.“ sage ich der Therapeutin. Sie versucht mit mir zu überlegen, was helfen könnte. Doch ich schaffe es nicht. In meinem Kopf ist kein Platz, alles in mir will nur noch aufhören zu leben. Also geht sie mit mir nach unten in die medizinische Zentrale. Verspricht mir, dass sie direkt wieder da ist und überlässt mich der Obhut einer Schwester. Von ihr kriege ich erstmal Bedarf. Dann spricht sie mit mir, fragt was los ist. Ich sage ihr, dass ich nicht mehr will. Nicht mehr kann. Sie fragt nach, wie konkret das in meinem Kopf ist. Nach meiner Antwort verschwindet sie vor die Tür, ruft auf dem Team an. Sagt, dass die Sache zu heikel ist, fragt nach einem Arzt. Die Therapeutin kommt wieder, redet mit ihr, gemeinsam versuchen sie jemanden aus der Mittagspause zu holen. Kurz darauf fragt die Schwester, ob sie mir vielleicht einen Coolpack bringen soll. Ich nicke und sitze kurz drauf am ganzen Körper zitternd vor Anspannung mit dem Coolpack in dem Zimmer, sie vor mir, die Therapeutin neben mir. Immer wieder drifte ich weg und kann mich nur mit viel Mühe in der Realität halten. 

Dann taucht der leitende Psychologe auf, der gleichzeitig auch der Supervisor des Teams ist. Er fragt, ob wir in sein Büro gehen wollen und ich nicke abermals. Ich folge ihm, die Therapeutin folgt mir. 

In seinem Büro fragt er, was los war und ist, fragt die Therapeutin. Ich berichte, sie berichtet. Er betrachtet mich und fragt, ob ich bereit wäre etwas zu probieren. Ich nicke und er räumt den Tisch frei. „Armdrücken!“ verkündet er. Ich soll meine ganze Kraft rein legen, er hält einfach dagegen. Und als ich meine Hand in seine lege und beginne zu drücken, merke ich die Wut in mir. Ich drücke und drücke und schließe die Augen, während mir die Tränen die Wangen hinunter laufen. Danach reden wir. Über das, was gerade da hoch kam. Er fragt, ob ich in etwas mehr als einer Stunde nochmal kommen werde. Ob ich die Zeit bis dahin gut überbrücken kann. Ich nicke und die Therapeutin begleitet mich bis unten zur Eingangshalle der Klinik. Auch sie fragt nochmals, ob es okay ist, ob sie mich gehen lassen kann. Ich nicke wieder und gehe erst mal eine rauchen. Dann drehe ich eine Runde, sitze eine Weile auf einem der Sofas, bringe den Coolpack zurück. Die Schwester fragt, wie es mir geht. Sie bittet mich zu kommen, wenn es nicht mehr geht. Ich nicke und zum ersten Mal kommt wieder ein ehrliches Lächeln über meine Lippen. Als sie eine Weile später Feierabend macht und an mir vorbei geht, lächelt sie mir zu und wünscht mir ein schönes Wochenende. Ich mache mich nochmal auf den Weg zum Supervisor. Wir reden kurz und er verpasst mir einen Termin für Montag, denn er will wissen, wie es mir geht. Und nimmt mir das Ehrenwort ab, dass wir uns Montag sehen. 

Ich bin benebelt vom Bedarf, erledigt von der unglaublichen Anspannung und erschöpft vom Heulen. Zuhause hänge ich rum, schlafe, kaufe ein, schlafe, esse. Aber es ist wieder aushaltbarer, erträglicher. Die Anspannung ist kaum noch spürbar (dank Medis), die Suizidgedanken lassen sich in Schach halten. 

Gestern verschlafe ich dann erst mal. Erst eine Stunde später bin ich am Treffpunkt und fahre mit einer Mitpatientin in die Stadt. Es tut gut raus zu kommen, mich abzulenken, zu bummeln und zu shoppen, auch wenn das schlechte Gewissen im Hintergrund laut brüllt, weil ich mir etwas gönne. Die Medis benebeln mich immer noch gewaltig, trotzdem kann ich zuhause nicht einschlafen. 

Und so bin ich auch heute wieder viel später wach als geplant. Gleich muss ich den Putzmodus anwerfen und hier Ordnung schaffen, denn gegen 4 kommt Mama vorbei. 

Im Gespräch mit dem Supervisor wurde eine Sache wieder relativ klar. Es geht nicht darum, dass ich nicht leben will, so generell. Es geht darum, dass ich so nicht leben will. Er hat mir die Aufgabe gegeben zu überlegen, wie dieses so aussieht und darüber nachzudenken, wie ich leben will und nicht, wie ich nicht leben will. Da muss ich mich mal dran machen, genauso an eine VA. Und ich genieße es ein wenig, dass ich die Möglichkeit und den Freiraum habe die VA zu schreiben wann ich es möchte, ohne Time-Out und den ganzen Kram. 

Und nun geht es ans produktiv sein, Ordnung schaffen, Chaos bekämpfen. 

I know I’m a mess and I wanna be someone

Someone that I like better

Can you help me forget

Don’t wanna feel like this forever, forever

What if I just pulled myself together

Would it matter at all

What if I just try not to remember

Would it matter at all

All the chances that have passed me by

Would it matter if I gave it one more try

If I left tomorrow

Would anybody care

Stuck in this sorrow

Going nowhere

„Crazy“ is, I believe, the medical term

Meistens fallen mir die Narben an meinen Armen gar nicht mehr auf. Sie gehören einfach zu mir, genau wie die Arme, auf denen sie sich befinden oder die ganzen Bänder an meinen Handgelenken. Ich beachte sie meistens nur, wenn sie anfangen zu jucken, oder der Herr Zitronenkater mir beim Spielen Kratzer an den Armen verpasst hat. Und da sich ziemlich viele Narben auf den Armen befinden ist die Wahrscheinlichkeit welche zu sehen, wenn ich Kratzer versorge, relativ groß. Ansonsten betrachte ich sie manchmal, wenn ich darauf angesprochen werde. Als wirklich „schlimm“ empfinde ich sie äußerst selten und bin völlig irritiert, wenn andere sie so sehen. Eine Mitpatientin in der DBT sagte mir irgendwann, dass sie beim Vorgespräch meine Arme gesehen hat und danach erstmal völlig schockiert und auch davon überzeugt war, dass sie die Therapie nicht braucht. Zwei Mitpatientinnen in der Reha sagten mir, dass sie meine Arme wirklich schlimm finden. Und ich stehe dann da und versteh die Welt nicht mehr, weil die „paar Kratzer“ doch nicht schlimm sind… 

Die Narben am Sprunggelenk hingegen, die ich von den 3 OPs nach dem Bruch habe, stören mich ungemein. Dabei sind sie fast verblasst und größtenteils nicht so breit wie die auf den Armen. Völlig kaputte Wahrnehmung. 

Jedenfalls saß ich gestern auf dem Sofa, habe meine Armbänder betrachtet und die am linken Handgelenk nach unten geschoben. Dort finden sich Narben, die nun über 15 Jahre alt sind. Weiß, jedoch nicht so feine Linien wie die anderen Narben aus dieser Zeit. An dieser Stelle war mein „Versteck“. Durch die Armbanduhr, die ich trug, immer verdeckt. Die Stelle, die ich immer und immer wieder nutzte um mich zu verletzen, vor allem im Sommer, damit niemand es sieht. War es doch mal zu wenig Platz, dann wickelte ich mir ein Tuch ums Handgelenk, für viele einfach ein modisches Accessoire, für mich die Möglichkeit meine „Überlebenstrategie“ zu verheimlichen. 

Nur wenige Narben kann ich genau zuordnen. Die beiden am Oberarm zum Beispiel, ich erinnere mich noch an die Verletzung und an den Chirurg in der Ambulanz, der eigentlich Schönheitschirurg war und auf seinen Job in der Ambulanz, und dann auch noch auf so ’ne Irre, die sich selbst verletzt, gar keinen Bock hatte. Dementsprechend sehen die Narben auch aus. Und ich kann die „neueren“ Narben aus den letzten zwei Jahren noch von denen unterscheiden, die aus der Zeit davor stammen. Ich weiß gar nicht mehr wie lange ich frei von Selbstverletzung war. 3 Jahre? Oder 4?Niemals hätte ich gedacht, dass es wieder so abwärts gehen könnte, dass die Selbstverletzung mich nochmal so sehr einnehmen würde. 

Und nun sitze ich hier und es trennt mich nur noch etwas mehr als ein Monat von dem Jahrestag der letzten Selbstverletzungen. Fast ein Jahr. Niemals hätte ich das vor einem Jahr gedacht. Ich erinnere mich noch daran, dass Pfleger Arschkeks mir Smileys auf den Arm malte für die Tage ohne. 5 Smileys für 5 Tage. 10 Smileys für 10 Wochen. Und nun haben sich die Tage summiert und ich zähle nicht mehr in Tagen oder Wochen sondern schon in Monaten. Das war ein großer Halt in den letzten Monaten. Die Erinnerung daran, der Wunsch ihm von dem erreichten Jahr zu erzählen. Und A., mit der ich zusammen feiern will. Und einfach der Wunsch das hinter mir zu lassen, die Erkenntnis, dass ich ein Stück mehr Lebensqualität zurück möchte, die Entscheidung für den neuen Weg, meine Mädels als Unterstützung. 
Die Tage vergehen. Morgen Nachmittag beginnt schon wieder ein Wochenende, ich frage mich, wo die Woche hin ist. Den Montag habe ich größtenteils in Anspannung und Dissoziationen verbracht, den Dienstag zuhause und beim Psychiater, der Mittwoch war ziemlich kurz und heute ist auch schon fast vorbei. Die Gespräche mit dem Therapeuten und die Gruppen tun mir gut, auch das Miteinander mit ein paar tollen Mitpatientinnen. Der Therapeut sagte mir heute, dass ich eine Woche länger bleiben werde, ich finde das gut. Außerdem gab er mir die Kontaktdaten eines Therapeuten, der lange in der Klinik war und sich Traumatherapie macht, mittlerweile hat er eine eigene Praxis. Ich könnte hin, er ist allerdings nicht kassenärztlich zugelassen. Also muss ich mal bei meiner Krankenkasse nachfragen, wie es generell aussieht mit Kostenerstattung. Und dann gegebenenfalls das ganze Prozedere durchziehen und mir zumindest die 5 Probesitzungen dann anschauen. Falls es klappt und mit ihm passt, dann wäre das eine prima Sache für die 2 Jahre, die ich nun bei meiner derzeitigen Therapeutin zwangsläufig pausieren muss. 

Es ist viel und es ist anstrengend, aber es ist auch gut. Und ich freue mich unglaublich auf das Wochenende, auf Ausschlafen und länger wach bleiben. Und außerdem muss ich dringend ein paar Sachen hier machen, vor allem aufräumen und so ’nen Kram. 

I don’t like pain, but I bring it to life 

I don’t like scars but I am good with a knife 

I don’t like tears when I’m starting to cry 

And then I realize I’m destroying my life

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Doch wo ein König ist wird stets ein Henker sein.

Ich öffne die Augen und schaue, beleuchtet von meinem Nachtlicht, in weit aufgerissen Kateraugen, die Pupillen tief schwarz und so riesig, dass sich die Augenfarbe nicht mehr erkennen lässt. Der Zitronenkater hat seinen Schwanz aufgeplustert, die Haare entlang der Wirbelsäule stehen zu Berge und lassen ihn ein wenig sie einen Stegosaurus aussehen, er faucht mir ins Gesicht und schickt ein tiefes Grollen hinterher. Erst da wird mir bewusst, dass ich von meinem eigenen Schrei erwacht bin und dabei das Katerkind wohl ziemlich erschreckt habe. Ein Blick auf die Uhr verrät, dass ich nicht mal eine Stunde geschlafen habe. Katerkind miaut mich an, stubst mich mit seiner kleinen kalten Nase an, schiebt seinen Kopf unter meine Hand und lässt sich kraulen. Dann kämpft er einen Moment mit der Decke, bis er den Weg darunter findet und schmiegt sich dicht an meine Brust, sein Gesicht an meine Backe gedrückt. Er mauzt mir leise ins Ohr und wieder einmal bin ich so glücklich über den Fellhaufen, der mir so viel Wärme und Liebe gibt. 

Eingeschlafen bin ich gegen 3 Uhr. Nun ist es kurz nach 4, meine Nacht ist gelaufen. Mein Herzschlag beruhigt sich langsam, mein Atem wird ruhiger. Ich tippe auf den Bildschirm des Tablets und starte eine Folge „Orange is the new black“. Ich schließe die Augen, lausche den Stimmen und Geräuschen. So liege ich 3 Stunden im Bett, das Katerkind schläft mit meiner Hand auf seinem Rücken und zuckt ab und an mit den Pfoten. Dann drehe ich mich zweimal um, bis ich die Bettkante erreiche und stelle meine Füße auf den Boden. Ich weiß nicht, ob ich meinen Beinen vertrauen kann, weiß nicht, ob sie mich tragen. Mit zitternden Beinen schaffe ich es ins Bad, füttere auf dem Rückweg zum Wohnzimmer den Kater und schnappe zwei Äpfel, um sie den Meeris kleimzuschneiden. Flocke kommt wie immer angeflitzt und schnappt sich ein Stück aus meiner Hand, Caramell traut sich nicht so ganz, nimmt aber ein Stück, als ich meine Hand vorsichtig direkt vor ihre Nase halte, Caro versteckt sich ganz hinten in der Ecke und kommt erst hervor, als ich auf dem Sofa sitze. 

Irgendwann mache ich mich fertig, ziehe mich an und fahre zu meiner Ärztin. Ich bin kaputt, müde und mein Kopf dröhnt. Ich tue also heute genau das, was ich seit der dbt immer wieder aufs neue lerne und versuche: meine eigenen Grenzen achten. Ich fühle mich zu kaputt und zu labil, um heute Sport, Traumagruppe und Körpererfahrung zu machen. 

Die Ärztin ist so lieb wie immer und ich bin wieder einmal froh, dass ich bei ihr gelandet bin. Als ich mich auf den Weg zurück nach Hause mache fängt es draußen an zu schneien. 

Ich versuche zu schlafen, doch es funktioniert nicht. Obwohl ich einfach nur müde bin, mein Kopf dröhnt und mein Körper nicht mehr will. Also krieche ich wieder aus dem Bett, N. kommt mit einer Kiste Cola und Leckereien für die Meeris vorbei. 

Danach hänge ich einfach nur kraft- und lustlos auf dem Sofa. Wandere wieder ins Bett, doch Schlaf lässt sich immer noch keiner finden. Meine Augen sind rot, als ich in den Spiegel kucke, der Rest sieht auch nicht besser aus. Trotzdem gehe ich aus der Türe und in Richtung Supermarkt, denn ich habe das Gefühl wenigstens ein paar Minuten lang sowas wie Normalität aufrecht erhalten zu müssen. Versteckt unter meiner Kapuze besorge ich ein paar Dinge, die ich brauche, und ziehe wieder nach Hause zu meinem Sofa. Dort bekuschel ich das Katerkind und merke nicht, wie die Zeit vergeht. Zeit scheint etwas sehr merkwürdiges zu sein im Moment. Einige Minuten ziehen sich bis ins Unendliche, Stunden verfliegen wie Sekunden. Ich mag mich verletzen, einfach nur weil ich weiß, dass ich danach entspannt bin und definitiv schlafen kann. Doch selbst dazu bin ich zu kraftlos. Der Gedanke das Ganze dann versorgen zu müssen, vermutlich sogar versorgen lassen zu müssen, schreckt mich ab. Es ist mir zu viel, zu anstrengend. Außerdem sind es doch nur noch einige Wochen bis zum Jahr. Und das will ich so gerne feiern, feiern mit A. und Pfleger Arschkeks stolz davon berichten und einfach stolz auf mich sein. Das mag ich nicht aufgeben. So sehr ich mich auch nach Ruhe und Schlaf und Entspannung sehne, es ist der falsche Weg. Stattdessen werde ich mir gleich einfach eine Tablette mehr als üblich zum Schlafen einwerfen und darauf zählen, dass der Schlafmangel und die Dosis mich zuverlässig weghauen. Morgen kann ich ausschlafen, ich brauche nicht aufstehen. Und dann habe ich genug Zeit in meiner Wohnung ein paar Dinge zu machen und vielleicht in die Stadt zu fahren und die Fotos entwickeln zu lassen. 

Irgend eine gesunde Mischung aus Gammeln und halbwegs produktiv sein. Weiter machen und weiter atmen. Es wird wieder bessere Tage geben. Tag für Tag, Schritt für Schritt, Skill für Skill sagt die Stimme von Schwester Nathalie in meinem Kopf. Und sie hat verdammt recht. 

Nichts bleibt mehr
Wenn ich jetzt aufgeb‘
Nichts bleibt mehr
Wenn ich diesen Weg nicht geh‘
Und nichts bleibt mehr
Wenn ich weiter vor mir flieh‘
Nichts bleibt mehr
Wenn ich diesen Kampf verlier‘

Just try 

Ich habe verschlafen. Verdammte Scheiße! Beeilen, Hektik, schnell alles erledigen. Die Kids sind ja ganz alleine… Moment? Kids? 

Ich wache auf und stelle fest, dass ich keineswegs verschlafen habe. Auch wenn das Katerkind das anders sieht, denn von ihm aus hätte ich schon vor 4 Stunden zum Frühstück antreten können. 

Ich quäle mich aus dem Bett. Heute fällt es mir enorm schwer. Gleichzeitig bin ich verwundert, dass ich es nun schon seit zwei Wochen schaffe morgens aufzustehen, obwohl ich der absolute Morgenmuffel bin und mein Rhythmus eher einer Eule entspricht als einem Vögelchen. Faszinierend, aber dran gewöhnen werde ich mich nie. 

Gestern war ich echt produktiv. Ich habe einen Haufen Kartoffelsuppe eingefroren, denn wenn ich schonmal dabei bin Suppengrün zu putzen und Kartoffeln zu schälen, dann mache ich auch eine große Ladung. Ich habe den Kater viel bespaßt, den Meeris zugeschaut, war einkaufen und habe meinen Haaren endlich wieder Farbe in Spitzen verpasst. Und dann mit Tee auf dem Sofa gegammelt und gezockt, einfach mir etwas Gutes tun und abschalten. Und davor eben noch Klinik. 

Grade eben habe ich mal in den Spiegel geschaut und mich vom Panda wieder in einen Menschen verwandelt. Im Einzel haben wir eine Traumalandschaft gemacht. Die Dinge, die belastend waren am Zeitstrahl mit nach oben hin der „Belastung“ die es war und ist. Teilweise mit Gefühlen und eben auch die Dinge, die Halt gaben. Natürlich musste ich heulen, deswegen auch der Pandalook. 

Bei den Dingen, die Halt gaben, steht auch die Selbstverletzung. Und genau das ändert sich in den letzten Jahren in meinem Umgang damit. Viele Jahre war es ein Feind, den es zu bekämpfen galt. Teilweise ist es das auch heute noch. Aber eigentlich ist es eben auch ein Halt gewesen in all den Jahren. Ich hätte es ohne nicht geschafft. Ich hätte keine Möglichkeit gehabt diesen Schmerz auszuhalten. 17 Jahre lang begleitet mich die Selbstverletzung nun schon und vielleicht ist sie eher ein guter Freund, der zwar da ist aber in den Hintergrund rückt, als ein Feind. 

Seit der DBT sind die Momente, in denen ich das Gefühl habe wahnsinnig zu werden, wenn ich mich nicht direkt verletze, viel seltener geworden. Ich merke die Anspannung früher und habe noch ein paar Möglichkeiten mehr damit umzugehen. Und auch meine Einstellung ist anders geworden. Ich versuche nicht mehr mit aller Macht dagegen zu kämpfen, sondern es einfach auszuhalten, die Momente zu überbrücken, bis es wieder besser wird. Leider klappt es nicht immer und in letzter Zeit merke ich, dass die Suizidalität direkt auf der Matte steht, wenn der Druck zu lange da ist. Aber da steht der Lebensvertrag als Bremse zwischen mir und der Handlung. So vieles ist anders geworden in diesen 14 Wochen. 

Jedenfalls merke ich mit jedem Gespräch mehr, dass ich wirklich nicht daran sterbe, wenn ich die Dinge ausspreche. Es tut zwar weh, aber es befreit auch. Und D., der immer sagte, er bringt mich um wenn ich den Mund aufmache, ist so weit weg, dass die Angst mich nur noch selten packt. 

„Warum messen Sie sich selbst mit einem anderen Maßstab als alle anderen?“ fragte die Psychologin in der DBT irgendwann. Und das ist auch eine Sache, die ich seitdem lerne, mich selbst zu validieren, an mir kein anderes Maß anzulegen als an anderen Menschen. Ich darf weinen, ich darf mich scheiße fühlen, es darf wehtun. Die alten Glaubenssätze spuken immer wieder im Kopf, doch sie haben keine so große Kraft mehr über mich. Ich darf atmen und leben. Ich darf mich schlecht fühlen und ich darf Gefühle haben, ich darf eine eigenständige Person sein. Ich darf. Mir selbst etwas erlauben, etwas gönnen, gut zu mir sein, es ist immer wieder eine neue Erfahrung. 

Heute habe ich mich tatsächlich mal zum Mittagessen getraut. Die ganze Woche habe ich mich irgendwie darum gedrückt, zu viele Menschen, zu laut, bäh. Aber heute meldet sich auch der Magen zu Wort und ich habe versucht die Menschen und den Raum auszublenden und trotz allem achtsam zu essen. 

Zuhause will ich mal die Liste aus der DBT in die Hand nehmen, die wir jeden Abend ausfüllen sollten. Unterschiedliche Skills und Übungen, ob wir sie gemacht haben und wie es half. Ich überlege, ob ich es irgendwie in die diary card integrieren kann oder sonst so, dass ich öfter mal darüber nachdenke was ich gemacht habe und welche Dinge ich öfter anwenden sollte. Vieles läuft automatisch, aber einiges auch noch nicht. Und für morgen habe ich mir fest vorgenommen endlich die restlichen Fotos auszudrucken, damit meine „Therapiewand“ endlich einen Anfang finden kann. Die Fotos von uns werden dort einen Platz finden, außerdem der Lebensvertrag und das Zertifikat über die abgeschlossene dbt. Ich würde noch gerne das Bild mit dem Monster am Wegesrand dazu hängen und den Spruch von Herrn E., den er mir ausgedruckt hat. Und vielleicht noch ein paar der Dinge, die mich nach Hause begleitet haben, mal sehen. Das Ganze wird seinen Platz über meinem Bett finden, es ist zu persönlich um quasi „öffentlich“ in meinem Wohnzimmer zu hängen. 

Außerdem steht aufräumen für das Wochenende auf dem Programm, irgendwas leckeres kochen, ich will den Strickkram suchen, damit ich die Sachen auch mal mit in die Klinik nehmen kann. 

Im Großen und Ganzen ist es derzeit echt okay. Ich schwanke zwar ab und an auch in die Tiefe, aber es ist aushaltbar und ich kann mich doch relativ gut selbst auffangen mittlerweile. Der Selbstverletzungsdruck begleitet mich zwar doch unterschwellig etwas mehr als sonst, aber er lässt sich aushalten und auch unterschwellig halten, bis auf einige Momente, in denen der Druck und die Anspannung doch so extrem werden, dass ich kämpfen muss. 

Vielleicht schreibe ich demnächst mal was über Skills. Die sind zurzeit ein großes Thema in meinem Alltag und vielleicht lernt jemand ja noch was dazu. Außerdem hilft das Schreiben mir auch enorm dabei mir manche Sachen selbst nochmal bewusst zu machen. 

It’s not enough to survive
You’re not living if you don’t feel alive.
Just try
You’re not gonna loose your will to fly

Es ist zu früh. Ich fühle mich zerschlagen. Mein Kopf schmerzt. Das tut er nun den dritten Tag in Folge und ich glaube ich werde krank. 

Schon bevor ich los fahre weiß ich, dass ich heute nicht den ganzen Tag aushalten werde. Ich werde bleiben bis zur letzten Blutzuckermessung und dann PMR und Körpererfahrung sausen lassen. Morgen und Donnerstag sieht mein Plan zum Glück etwas leerer aus und ich habe bis dahin hoffentlich auch wieder mehr Kraft und weniger Kopfschmerzen. 

Nach dem Frühtreff spreche ich die Co-Therapeutin an und sage ihr, dass ich das heute nicht schaffe. Ich sage ihr, dass ich nach der Blutzuckermessung gehen werde und sie lächelt mich an und wünscht mir, dass es morgen besser sein wird. 

Ich habe endlich etwas gegessen. Vor der Messung durfte ich ja nicht. Nun bin ich gespannt, was mein Blutzucker so mitteilen wird. Bei der Blutabnahme zu Beginn hier war der Wert leicht erhöht, vermutlich habe ich zu spät noch irgendwas gegessen, jedenfalls war hier erstmal Drama. Genauso interessant fand die Oberärztin aber auch den Drogentest. Erstmal war sie verwirrt über die Anordnung (der Arzt war der Meinung, dass „vor ungefähr einem Jahr mal gekifft“ sicherlich einen regelmäßigen Drogenkonsum bedeutet) und dann noch verwirrter darüber, dass er negativ ausfiel. Einen Arzt, der sich über einem negativen Drogentest beschwert, habe ich zuvor auch noch nicht erlebt. Aber es ist verständlich, denn eigentlich müsste der Test auf Amphetamine positiv sein, ich nehme immerhin Methylphenidat. Naja. 

Nun hänge ich im Eingangsbereich auf dem Sofa. Ich fühle mich wie ein Schluck Wasser in der Kurve. Einzig positiv: ich bin zu Matsch für Anspannung. 

Ich warte auf den Beginn der Bewegungsgruppe. Aber auch nur, damit ich mich abmelden kann. Warum die Gruppe für draußen bei mir auf dem Plan steht verstehe ich absolut nicht, ich habe von Anfang an gesagt, dass ich bei unebenem Gelände Probleme habe mit dem Sprunggelenk, bei den Temperaturen erst recht. Draußen rumzujoggen ist also das letzte was ich machen werde, erst recht an einem solchen Tag wie heute. 

Stattdessen werde ich in aller Ruhe nach Hause fahren. Mich eine Weile im Bett verkrümeln, ein wenig schlafen, Kraft tanken. Dann Gemüse schnibbeln und Kartoffeln schälen und Kartoffelsuppe kochen. Den Kater ein wenig bespaßen, bekuscheln. Vielleicht das Außengehege der Schweinenasen in der Wohnung aufbauen und ihnen ein wenig Auslauf gönnen. Und dem Kater vermutlich ein wenig Spaß. 

Gutes tun. Heute ganz viel. Ich brauche es so sehr, Selbstfürsorge, auf mich achten. An solchen Tagen sehne ich mich unglaublich danach einfach nochmal Kind zu sein, mich im Bett verkriechen zu können, mir von Mama Kamillentee bringen zu lassen, Geschichten auf Kassette zu hören und mir von ihr etwas vorlesen zu lassen. Das sind die einzigen positiven Erinnerungen, die ich an Kranksein als Kind habe, die Momente, in denen ich bei ihr war. Bei meinem Vater musste ich immer zur Schule, egal wie es mir ging. Nur eine Sache ist mir positiv im Gedächtnis hängen geblieben, als ich einmal völlig fertig abends im Bett lag und mich fühlte als würde ich sterben, brachte er mir eine CD-Sammlung mit Kindergeschichten vom Einkaufen mit. Für mich war das wie Weihnachten und Ostern und Geburtstag gleichzeitig. 

In den letzten Tagen denke ich oft darüber nach, dass ich doch auch mal die positiven Erinnerungen aufschreiben müsste. Doch da ist so wenig, dass nicht von irgendwas getrübt ist. 

Mein Vater hatte die Angewohnheit sich mittags hinzulegen am Wochenende. Diese Stunden waren für mich als Kind immer qualvoll, weil ich mich so beschäftigen musste, dass er nicht aufwacht. Raus gehen fiel deswegen auch oft flach, denn das war zu laut. Und in den ersten Jahren hatte ich noch nicht mal ein eigenes Zimmer. 

Also flüchtete ich mich in meine Phantasiewelt. Spielte Geschichten nach, stundenlang, begleitet von Kassetten und den Geschichten. 

Später waren diese Stunden für mich eine Erlösung. Ich musste nicht aufpassen, nicht auf der Hut sein. Ich las stundenlang, später schlich ich leise ins Wohnzimmer und holte das Telefon, telefonierte heimlich mit meiner Mama oder mit meiner Therapeutin, wenn ich die Welt gerade nicht aushielt. 

In einer Stunde habe ich Traumagruppe. Dann Essen, ein wenig warten, Blutzuckermessung, ab nach Hause. Es zieht sich, aber es ist absehbar und es macht es mir leichter, dass ich nicht so lange aushalten muss heute, mich nicht quälen muss. 

Leicht neben der Spur und abgefucked

Mit dem Therapeuten fülle ich heute die Flipchart. Oben die aktuellen Symptome, in der Mitte die Dinge, die im allgemeinen zu den Symptomen führen (so nette Dinge wie Grenzüberschreitungen, Gewalt in allen Formen oder Invalidierung) und unten gewisse Persönlichkeitszüge, die ich eben habe und andere Hintergründe. Und letztendlich steht da mein Vater, mehrmals umkreist, davon führen Pfeile nach oben und von dort noch weiter bis zu den Symptomen. Und ich will am liebsten das Blatt zerreißen, will nicht, dass es da steht, so schwarz auf weiß (bzw. rot auf weiß). Prinzipiell ist mir das ja oftmals klar. Fast alles basiert mehr oder weniger auf all den Dingen, die ich jahrelang erlebt habe. Aber es so geballt vor mir zu sehen ist unglaublich schwer. Währenddessen kommen immer wieder Situationen in meinen Kopf. 

Er sucht die Fernbedienung. Findet sie nicht. Fragt mich. Sucht weiter. Fragt mich wieder. Und wieder. Bis ich schließlich erwidere, dass ich sie ja wohl nicht gefressen habe. Kaum sind die Worte raus weiß ich auch schon, dass das ein Fehler war. Er fragt nach, was ich da grade gesagt habe. Ich entschuldige mich. Er fragt wieder nach, steht auf, baut sich vor mir auf, droht mir. Ich soll wiederholen, was ich da grade gesagt habe. Ich wiederhole es und er packt mich und schlägt zu. Wieder und wieder. Ich sei so undankbar, so frech. Er würde schließlich so viel für mich opfern. Am liebsten würde ich ihm ins Gesicht brüllen. Würde ihm an den Kopf werfen, dass er gar nichts für mich tut, außer dafür zu sorgen, dass ich Essen, Trinken, Kleidung und ein Bett habe. Dass ich doch gar nicht bei ihm sein will. Doch ich beiße mir auf die Zunge. Kämpfe gegen die Tränen. Blende die Welt um mich aus, versinke in der Dunkelheit. Bis es vorbei ist und ich gehen darf. Bis er mich ins Bett schickt. Natürlich ohne Abendessen. Ich soll es ja nicht wagen wieder aufzutauchen. Ich gebe mir die Schuld. Schließlich war ich frech. Undankbar. Habe es verdient, habe die Worte und die Schläge verdient. In meinem Zimmer gibt mir die Klinge halt. Der Schmerz, der keiner ist. Und das Blut. Ich rolle mich im Bett ein. Ich wünsche mir so sehr, dass ich nie wieder aufwache. 

Er steht vor mir. „Was ist in der Küche passiert?!“ fragt er mich und ich schaue ihn verwirrt an. Ich habe keine Ahnung wovon er redet. Er kommt auf mich zu, wütend, aggressiv. Er drückt mich aufs Sofa, kniet sich auf mich, schlägt zu. „Gib es endlich zu!“ sagt er immer wieder. Ich schreie, weine, schluchze, ich weiß nicht wovon er redet. Er schlägt zu, wieder und wieder. „Dir ist etwas runter gefallen, davon sind die Fliesen kaputt gegangen!“ brüllt er. In meinem Kopf taucht das Klirren der letzten Nacht auf. Ich bin aufgewacht irgendwann, erschrocken, höre nur sein Fluchen aus der Küche und traue mich aus Angst vor ihm nicht aufzustehen. „Sag es endlich!“ brüllt er und schlägt wieder und wieder zu. „Ich war das nicht.“ schreie ich schluchzend. Es interessiert ihn nicht. Er prügelt auf mich ein, weiter und weiter, bis ich letztendlich etwas gestehe, das ich gar nicht getan habe, nur damit es aufhört. 

Wie jeden Abend sitzen wir im Wohnzimmer und ich muss mir seine „Probleme“ von der Arbeit anhören. Irgendwann rutscht mir raus, dass auch ich Probleme habe. „Aha. Was sollen das für Probleme sein?“ fragt er abwertend. Ich erzähle zögernd von dem Mobbing in der Schule. Davon, dass ich in der Garde immer der Außenseiter bin und behandelt werde wie ein kleines Kind, nicht zuletzt auch, weil er mich überall hin begleitet, die anderen dürfen schon alleine fahren. Er beginnt zu lachen. „Das nennst du Probleme?! Na warte mal ab bis du richtige Probleme hast.“ sagt er. Abends schreibe ich in mein Tagebuch. Ich schreibe, dass ich doch einfach nur geliebt werden will und jemanden möchte, dem ich wichtig bin, jemanden, der für mich da ist. Ich schreibe von Selbstverletzung. Von Suizidgedanken. Es ist Dezember 2002. Ich bin 13 Jahre alt. 

Ich weiß nicht mehr, was im Vorfeld passiert ist. Vermutlich eine ähnliche Situation wie immer. Irgendetwas passt ihm nicht. Irgendetwas habe ich wieder „falsch“ gemacht. Ich sitze auf meinem Bett und schreibe mit zitternden Händen und laufender Nase einen Brief. Ich schreibe, dass es mir so leid tut. Dass ich mich bessern werde. Dass ich ein gutes Kind sein werde. Ich entschuldige mich für irgendwelche Dinge. Ich suche die Schuld für die Schläge bei mir. Schließlich ist es meine Schuld, er sagt es ja immer. Also muss es stimmen. Die anderen Kinder erleben sowas nicht. Also muss mit mir etwas falsch sein. Ich schreibe unter Tränen Wort um Wort um Wort, bitte und bettle um seine Liebe, seine Gnade. 

Mein Vater sitzt heulend vor mir. Erzählt mir von seiner Kindheit, von den Schlägen. Er sagt, dass er seinem eigenen Kind sowas niemals antun würde. Ich sitze da und weiß nicht mehr, was ich denken soll. Was ich fühlen soll. Bin ich verrückt? Ist er verrückt? Wie kann er sowas sagen? Was bitte macht er mit mir? Wie passt das alles zusammen? Mein Weltbild passt nicht mehr. Ich kriege diese Aussage nicht in mein Leben integriert, verstehe absolut nicht, was eigentlich gerade passiert. 

Mai 2006. Das letzte Erlebnis. Ich komme nach Hause, müde von der Schule. Es ist Abend. Er empfängt mich und ich weiß direkt, dass etwas nicht stimmt. Ich spüre es, sehe es ihm an. Ich bin auf der Hut, noch wachsamer als sonst. An die genauen Ereignisse erinnere ich mich kaum noch. Jedenfalls hat er einen Brief gefunden. Von mir an meine Therapeutin. Gefunden. Klar. Er hat meine Sachen durchsucht. Damit weiß er auf einen Schlag alles. Er weiß von der Selbstverletzung, von der Therapie, davon, dass meine Tante meine Vertraute ist. Er brüllt, tobt. Holt aus, zerrt mich vom Sofa. Zum ersten Mal in meinem Leben wehre ich mich. Trete nach ihm, solange, bis er mich loslässt. „Verschwinde!“ brüllt er und ich suche Zuflucht in meinem Zimmer. Erst dann wird meine Erinnerung wieder klarer. Er kommt irgendwann rein. Brüllt, tobt. Ich solle mich auf was gefasst machen. Er würde noch seine Schwester anrufen. „Und dann schlag ich dich tot!“. Bei diesen Worten schaltet alles aus. Die Liebe zu ihm, die Angst ihn zu verlassen (schließlich hat er immer wieder gesagt, dass er sich umbringen würde wenn ich ihn jemals alleine lasse), in mir geht es nur noch ums pure Überleben. Ich fliehe. Zur Türe raus, zu den Nachbarn. Angst, Sturmklingeln, nackte Angst. Als sie endlich öffnen bin ich erleichtert. Flehe sie an die Türe nicht zu öffnen wenn er klingelt. Währenddessen läuft im Hintergrund etwas an, was mir vermutlich mein Leben rettete. Meine Tante informiert panisch meine Therapeutin, meine Therapeutin ruft den Notdienst des Jugendamts und die Polizei. Ich verlasse den Haushalt meines Vaters und werde nie wieder zurückkehren um dort zu leben. 

Erinnerungen. Nur ein paar Situationen, die mich bis heute beeinflussen, die bis heute in meinem Hirn verankert sind. Dazu kommt das jahrelange ‚auf der Hut sein‘. Der Schmerz über die Distanz zwischen meiner Schwester, meiner Mutter und mir. Der Schmerz über ein Leben ohne leben. Und die Situationen, die immer noch so unglaublich schwer greifbar sind, für die mir bis heute oftmals die Worte fehlen, weil es damals dafür einfach keine Worte gab. 

Lange habe ich nicht mehr eine solche Anspannung gespürt wie heute. Vor dem Gespräch aus verschiedenen Gründen und bei dem Termin danach. Lange bin ich nicht mehr heulend hinter meiner Haustüre zusammen gebrochen. Und lange habe ich keine Worte mehr gefunden für die Bilder in meinem Kopf, für den Schmerz in mir. Und lange war ich nicht mehr so nah davor dieses ganze Leben hinzuschmeißen. 

Und hier steh‘ ich
Leicht neben der Spur und abgefucked
Dem Kopf gehts nicht so gut
Der Rest ist fast intakt


Der Therapeut wollte, dass ich meine DBT-Unterlagen mitbringe, also knalle ich ihm gestern einen dicken Ordner auf den Tisch. Er ist beeindruckt, denn er kennt zwar das DBT-Konzept aus einer anderen Klinik, aber so detailliert und so intensiv machen sie es dort nicht. „Nun verstehe ich, warum sie da nicht hin wollten.“ meint er schmunzelnd. Wir besprechen die Dinge, die ich immer noch einsetze und die mir helfen. Und das sind ganz schön viele, eigentlich dachte ich mir in den letzten Tagen, dass ich mal mehr der Inhalte wieder nutzen sollte. 

Er fragt nach den traumatischen Erlebnissen. Welche davon am meisten präsent sind, welche am stärksten immer wieder hoch kommen. Bis zur nächsten Stunde soll ich die Situationen mit einer Überschrift benennen, wie in der Zeitung. Vielleicht hätte ich fragen sollen, ob er nun Bild-Schlagzeilen oder Zeit-Überschriften meint.

Ich unterhalte mich nach der Stabilisierungsgruppe noch mit zwei Mitpatientinnen. Beide sind auch in der Traumagruppe und außerdem auch in meinem Team. Ich mag sie und von den wenigen Dingen, die ich bisher erfahren habe, kann ich ahnen, dass wir ähnliche Dinge mit uns herumschleppen. 

Viel steht gestern nicht auf meinem Plan, ich habe in der Zwischenzeit 3 Stunden frei. Die Zeit nutze ich um einen Teil des Fragebogens auszufüllen, den ich bekommen habe. Zwischendurch muss ich Mama anrufen, denn ich weiß beim besten Willen nicht, wann ich anfing zu laufen (mit 9 Monaten, ich hatte es wohl eilig!) oder zu sprechen (mein erstes Wort beglückte mit 10 Monaten die Welt, seitdem habe ich nicht mehr aufgehört). Die anderen Fragen sind teilweise leicht (welche Probleme haben sie derzeit, wo haben sie gearbeitet, welche Schulen haben sie besucht) und schwer (nennen Sie typische Eigenschaften Ihrer Eltern, wie war die Atmosphäre im Haushalt der Eltern, während sie aufwuchsen, welche Werte wurden Ihnen vermittelt) zu beantworten. Vor allem die Eigenschaften und die Werte machen mir zu schaffen. Alle Werte, die ich von meinem Vater gelernt habe, habe ich entweder sehr schmerzhaft gelernt oder entwickelt, weil er ein Negativbeispiel war. Schöne Scheiße. Mit diesen Fragen werde ich mich wohl noch ein wenig länger auseinandersetzen müssen um sie zu beantworten. 

In der Stabilisierungsgruppe bin ich teilweise kurz davor einer Mitpatientin meinen Ball an den Kopf zu werfen. Sämtliche Skills und Fertigkeiten, die sie nutzt, nennt sie auf dem Hintergrund der Selbstschädigung. Sie nutzt dies und jenes, aber solange bis sie davon Schaden davon trägt. Ich nehme dem Therapeuten die Worte vorne weg, als ich die Definition von Skills nenne. Als sie dann noch erwähnt, dass sie ein Meerschweinchen hat, da mag ich platzen. EIN! Das arme Tierchen. Ich verstehe nicht, wie man sowas tun kann, wie man Tiere, die eigentlich in Gruppen leben, alleine halten kann. 

Als ich heute morgen aufwache steht der Zitronenkater auf meiner Brust und seine Nase berührt meine. Ich blicke direkt in seine Augen und er miaut mich begeistert an, weil ich wach bin und es nun wohl Futter gibt. Nachdem meine Tierchen versorgt sind, setze ich mich erstmal auf mein Sofa. Neben ein Päckchen, dass gestern ankam. Erst da fällt mir ein, welcher Tag heute ist. 

Kurz darauf sitze ich lächelnd auf dem Sofa, Konfetti um mich herum, das Katerkind jagt Luftschlangen durch die Wohnung. Die liebe Fylgja hat es wieder mal geschafft mich zum lächeln zu bringen und zu grinsen wie eine Honigkuchenzitrone. 

Den Weg zur Klinik versüßt mir nun das neue Album der Broilers, eine richtig feine Sache, wenn eine der Lieblingsbands am Geburtstag ein neues Album veröffentlicht. 

Freiheit kann man nicht eingrenzen, Freiheit muss man ausatmen.

Einige erinnern sich bestimmt noch an damals. Die Zeit, in der man mit einer Kassette im Fach vor dem Radio saß, den Finger über dem Aufnahmeknopf schwebend. Warten, warten, warten, bis das lang ersehnte Lied endlich kommt. Und dann quatsche der Radiomoderator zwischen rein! Daran muss ich gerade denken, als ich Musik von Youtube ziehe, um N. eine CD zu brennen. 

Damals. Ja, ich kenne noch den Zusammenhang von Stiften und Kassetten. Ich weiß auch, wie man eine Telefonzelle benutzt. Ich erinnere mich noch an das Geräusch, wenn das Modem sich ins Internet wählte. Ich habe Disketten benutzt, Briefe geschrieben, die Festnetznummern meiner Freunde auswendig gewusst, für Referate in der Bibliothek Bücher gewälzt. Ich erinnere mich an nur 3 Fernsehprogramme, an Schreibmaschinen und an das Gefühl, zum ersten Mal Google zu benutzen, zum ersten Mal eine SMS zu schreiben, zum ersten Mal einen mp3-Player in der Hand zu halten. 

Viele Erinnerungen aus meiner Kindheit fehlen mir. Die Erinnerungen, die ich habe, sind größtenteils schmerzhaft. Aber es gab da auch diese schönen Momente. 

Ich erinnere mich noch genau, wie ich damals in der Bibliothek der Schule saß, aufgeregt, nervös, immer über die Schulter blickend, ob jemand sieht was ich am PC mache. Mein Deutschlehrer hatte mich beiseite genommen. Mich gebeten in der Mittagspause eine Runde mit ihm zu gehen. Ich war 14, es störte ihn nicht, dass ich beim Laufen eine Zigarette rauchte, er gab mir sogar Feuer. Seine Frau, meine Sportlehrerin, hatte mich eine Weile zuvor im Unterricht am Handgelenk gepackt und meinen Ärmel hoch geschoben. Die frischen Wunden und die Narben gesehen. Er erzählte mir, dass sie einen Bericht gesehen hatten. Über Selbstverletzung. Er gab mir einen Zettel mit einer Internetseite. Und nun saß ich da, nervös, und tippte die Buchstaben in die Adresszeile des Browsers. Und las. Und wusste nicht, was ich fühlen soll. Da waren Menschen, so viele Menschen, die fühlten wie ich. Die sich selbst verletzten. Ich war kein Alien. Bis zu diesem Zeitpunkt war ich mir sicher, dass es, wenn überhaupt, nur wenige Menschen auf der Welt gab, die sowas machen. Mehrere Monate später meldete ich mich auf dieser Seite an. Und bin bis heute dort Mitglied. „Mein“ Forum. Bis heute gibt es mir oft Halt. Einige der wichtigsten Menschen in meinem Leben habe ich dort kennen gelernt. Es gibt Freundschaften, die seit Jahren bestehen, über Distanz und Krisen hinweg. 

Wenn ich versuche mich an schöne Erlebnisse meiner Kindheit zu erinnern, dann sind sie immer irgendwie getrübt. Auf Anhieb fällt mir nichts ein, dass einfach nur positiv war. 

Da ist zum Beispiel die Klassenfahrt nach Frankreich. Marseille, Avignon, Saintes-Maries-de-la-Mer. Es war eine schöne Zeit. Obwohl meine Lehrerin im Vorfeld Bedenken hatte, denn sie wusste von der Selbstverletzung, von den Suizidgedanken. Doch sie ließ sich auf ein Gespräch mit meiner Therapeutin ein und war anschließend beruhigt. Mit der Absprache, dass ich während dieser Zeit nichts anstelle, konnte sie leben. Wir hatten viel Spaß. Ein Klassenkamerad betrank sich dermaßen, dass unsere Referendarin ihn mit Klamotten unter die Dusche setzte und ihm den Finger in den Hals steckte. Ein Lehrer trank etwas viel Wein und torkelte abends an uns vorbei, während wir Shisha rauchten an der Rhone, gegenüber der Pont d’Avignon. „Was rauchen Sie da? Ist da was drin? Dann wird das sofort konsumiert! Äh. Konsumiert! Nein. Konfisziert!“. Als ich in einem Café einen Café au lait bestellte, fragte die Bedienung auf Deutsch „Mit Milch?“ und wir fielen fast lachend von den Stühlen. Es war eine schöne Zeit. Doch es war alles getrübt von dem Wissen, dass ich zurück muss. Zurück zu meinem Vater. Und je mehr Tage vergingen, je mehr Spaß wir hatten, desto dunkler und trauriger wurde es in mit. Ich erlebte zum ersten Mal eine schöne Zeit, als Teenager mit Freunden, hatte Spaß, war weit weg vom Einfluss meines Vaters. Ich sah zum ersten Mal, wie ein Leben sein kann, wie die Leben meiner meisten Mitschüler auch zuhause waren. Es war genauso schmerzhaft wie es schön war. 

Meine erste große Liebe. P. war in meiner Klasse. Und obwohl ich wusste, dass ich Mädels toll fand und mich zu ihnen hingezogen fühlte, so mochte ich ihn auch, war verknallt, wusste noch nicht wirklich viel über Homosexualität und noch weniger über meine eigenen Neigungen. Wir verstanden uns, ich wollte Zeit mit ihm verbringen und machte irgendwann den ersten Schritt. Die erste große Liebe vergisst man nicht, so heißt es immer. Und so ist es auch. Und obwohl das Ende schmerzhaft war, so war es doch schön. Beim ersten Liebeskummer denkt wohl jeder, dass man daran stirbt. Doch die Erinnerungen daran, an die Beziehung, sind aus anderen Gründen schmerzhaft und getrübt. Mein Vater verbot mir diese Beziehung. Verbot mir den Kontakt außerhalb der Schule. Besuche, Anrufe. Und so zerbrach die Beziehung. 

Die erste wirklich freie und schöne Zeit erlebte ich mit 17 in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Auch wenn in meinem Leben drumrum damals alles im Chaos war, die Inobhutnahme erst einen Monat vergangen, die Zukunft ungewiss, so war ich doch endlich frei von meinem Vater. Auch wenn es schmerzhaft war, weil ich mich schuldig fühlte, weil die Suizidgedanken mich umklammert hielten, weil vieles in mir einfach dunkel war, so hatte ich doch unglaublich schöne Momente, fühlte mich sicher. Und ich wusste, dass ich niemals zurück gehen werde. 

Bald ist es elf Jahre her. Elf Jahre sind dann vergangen seit jener Nacht, in der die Polizei und das Jugendamt da waren. Ich erinnere mich noch, wie ich mit Frau G. in ihrem Auto saß. „Ich brauche eine Zigarette!“ sagte ich heulend und sie bot mir eine an. So saßen wir schweigend in ihrem Auto, beide rauchen, nur unterbrochen von meinem Schniefen. Sie fuhr mich in dieser Nacht zu meinem besten Freund. Am nächsten Tag kam ich zu meiner Notpflegefamilie. Saß heulend bei meiner Lehrerin Frau B. im Lehrerzimmer meiner Schule und erzählte, was passiert war. Wusste nicht, wie es weiter gehen soll. Wusste nicht wohin mit mir und meinen Gefühlen. 

Elf Jahre. So viel Zeit. Manchmal fühlt es sich an, als ob seitdem nur wenig anders geworden ist. Und doch… Es liegen Welten zwischen damals und jetzt. Ich bin frei. Vielleicht muss ich mir das viel öfter sagen. 

Seitdem sind da viel mehr Erinnerungen. Es sind nur noch wenige Löcher in meinem Kopf. Und die Erinnerungen sind nicht mehr durch und durch getrübt von der Dunkelheit, die mich zuhause erwartete während so vieler Jahre. 

Vor kurzem bin ich durch Zufall über ein paar Sätze gestolpert, die mich nachdenklich machten. Es ging um das leidige Thema aufräumen und Ordnung halten. Die Person erzählte, dass ihre Mutter immer alle Schränke ausräumte in ihrem Zimmer aus Wut und sie dann aufräumen musste und es ihr deshalb so schwer fällt. Beim Lesen tauchten Bilder in meinem Kopf auf. Die kleine Zitrone, weinend, inmitten von Dingen, während der wütende Vater Schubladen rausriss und auf dem Boden ausschüttete. Mit Drohungen, Beschimpfungen. Bis x Zeit, dass alles wieder in Ordnung zu bringen. Und ich beginne zu weinen, denn ich fühle den Schmerz des Kindes von damals. Und ich weine über diese „neuen“ alten Erinnerungen. Die ADHS-Diagnose erklärte einige Dinge. Und diese Erinnerungen erklären wohl den Rest. Mein Vater hatte immer schon eine Art der Ordnung und Sauberkeit, die mich als Kind wahnsinnig machte. Ein wenig von meinem eigenen Chaos im Zimmer war eine Rebellion dagegen. Und ich merke, dass all diese Dinge, die Rebellion, die ADHS bedingten Sachen und die Erinnerungen an das Aufräumen müssen mich bis heute beeinflussen. 

Solche Dinge bringen mich immer wieder zu der Frage, ob ich froh bin um die Dinge, an die ich mich nicht erinnere, oder nicht. So vieles wird auf einmal klarer und verständlicher, wenn solche Erinnerungen kommen, so schmerzhaft sie auch sind. Meine Kindheit und Jugend besteht aus mehr weißen Flächen und dunklen Löchern als aus Erinnerungen und ich weiß nicht, ob ich wirklich wissen will, was dort eigentlich schlummert. Aber letztendlich ist es auch keine Entscheidung, die ich bewusst treffen kann, denn ich kann nicht steuern ob und was plötzlich wieder auftaucht. 

Gleich werde ich mal Klamotten zusammen suchen und in die Maschine schmeißen. Wegen ansonsten nackt in die DBT-Stadt fahren und so. Und dann hüpfe ich in Kleider und fahre in die Stadt. Treffe mich mit N. und statte der neu eingerichteten Bücherei mal einen Besuch ab. Vielleicht hole ich mir einen Ausweis, je nach Angebot dort, mal sehen. Auf dem Weg zum Bus gehe ich bei der Post vorbei und bringe die Briefe weg. Später will ich hier noch ein wenig weiter Ordnung machen. Anfangen ein paar Dinge zu packen für meine Fahrt. Meine Medikamentenbox wieder bestücken. Leben. Atmen. Frei sein. 

Freiheit bedeutet sein wie ich bin, Freiheit heißt für mich Fehler machen wie’n Kind.
Und wenn’s sein muss, fall ich halt hin.
Doch ich steh wieder auf, Freiheit heißt zöger nicht, sondern lauf
Wenn du weißt was du willst, dann tu es, wenn nicht dann tust du es auch
Freiheit bedeutet frei sprechen, frei machen, frei bleiben
Mauern die, die Angst vom Versagen errichtet einreißen, Mut haben
Freiheit bedeutet auch zu enttäuschen, sich selbst zu erfüllen
anstatt die Erwartungen von anderen Leuten

All my windows still are broken but I’m standing on my feet

Ich lese meine Beiträge von letztem Jahr um diese Zeit. Und ich muss lächeln, denn es ist einiges anders. Und manches doch gleich. 

Vor einem Jahr kam ich grade aus einem Klinikintervall. War körperlich krank, antriebslos und habe stundenlang gegen Anspannung gekämpft. 

Die Angst, die die Weihnachtszeit mit sich bringt, ist immer noch da. Wieder. Wie jedes Jahr. Und ich denke an die Arbeit hier mit Glaubenssätzen. „Was hat sich seitdem geändert?“ wird dort gefragt. Die Zeiten, in denen ich Angst vor Weihnachten hatte und diese Angst auch berechtigt war, sind vorbei. Ich kann selbst entscheiden, wo ich mein Weihnachten verbringe. Ich kann frei zu meiner Mutter und meiner Schwester fahren, ich muss danach nicht zurück zu meinem Vater. Ich muss nicht darum betteln fahren zu dürfen, muss keine Angst haben, dass er plötzlich anders entscheidet und mich doch nicht fahren lässt. Was bleibt ist mein schlechtes Gewissen. Ich lasse ihn alleine. Ganz alleine an einem solchen Tag. Die Gefühle kann ich nicht ändern, sie sind da. Aber ich kann sie abschwächen. Realitätsüberprüfung. Lasse ich ihn wirklich im Stich? Nein. Ich bin gegangen um mich selbst zu schützen und ich schütze mich weiterhin, indem ich keinen Kontakt zu ihm habe. Ich tue das richtige, ich sorge für mich, ich achte auf meine Bedürfnisse. Er hat das nie getan und ich habe das Recht mich zu entscheiden und auch dementsprechend zu handeln. Trotzdem hat die Weihnachtszeit einfach einen bitteren Nachgeschmack. 

Und ich glaube auch, dass ich deutlich stabiler bin als noch vor einem Jahr. Nein. Ich weiß es. Ich fühle mich handlungsfähiger, nicht mehr so furchtbar mir selbst ausgeliefert. 

Und anders als letztes Jahr gibt es nun Pläne, Möglichkeiten, Hoffnung. Auch wenn noch einige Zeit vergehen wird bis zu einem möglichen Studium, so ist es doch ein Haltepunkt, ein Licht am Horizont, ein Ziel. Bis dahin werde ich von Zwischenziel zu Zwischenziel wandern, als erstes steht die Reha an. 

Trotz allem habe ich Angst. Angst, dass ich zuhause wieder in ein Loch falle. Dass ich es nicht schaffe. Dass Depression mich lähmt und Suizidgedanken mich wieder fesseln. Doch ich versuche so gut es geht für diese Fälle noch hier einen Plan zu entwickeln. 

Morgen will meine Psychologin mit mir den Lebensvertrag angehen. Ich habe im letzten Einzel angesprochen, dass ich einen Plan brauche für solche Momente wie Donnerstag, für eine 5 auf der diary card, für Momente in denen ich nicht einsehe, dass ich grade was tun muss, weil der Selbsthass überwiegt und ich es gerne bis zum Extrem treiben will. Und sie meinte, dass wir das ja super auch in den Lebensvertrag schreiben können. Möp. Ich weiß jetzt schon, dass ich mich sicherlich einige Male verfluchen werde dafür, dass ich ihr das gesagt habe. „Schreiben Sie mir dann doch mal ’ne Mail!“ meint sie dazu und lächelt. Ich weiß, dass ich mich so selbst kriegen kann, mich selbst austricksen. Ich mache keine halben Sachen. Und auch das weiß meine Psychologin und lächelt noch mehr, als ich mich genau darüber aufrege. Wenn ich etwas zusichere, dann halte ich mich daran. So hat schon Frau S. mich vor über 10 Jahren immer und immer wieder gekriegt und mich lebend von einem Termin zum anderen gezogen. So hat Schwester Nathalie mich schon oft gekriegt, auch andere vom Pflegepersonal. Und so kriegen sie mich hier auch immer, das haben sie mittlerweile gemerkt. Der Therapievertrag hält mich, wenn sonst nichts mehr hält. Und so sehr ich mich manchmal darüber ärgere, so sehr bin in anderen Momenten froh darüber, denn es ist mein eigenes persönliches Rettungsnetz, meine Notbremse. 

Also wird wohl etwas ähnliches, was hier bei einer 5 auf der diary card anläuft, in Zukunft auch zuhause anlaufen. Kann ich garantieren, dass ich es schaffe weiter zu leben? Wenn nein wird wohl die Klinik folgen, wenn ja dann eine VA und dementsprechend handeln. Ohne wenn und aber. Und ich hoffe, dass es mir helfen wird. Mich halten wird. Und das wird es vermutlich auch tun. 

Irgendwo wollen wir wohl noch die Gefühlsprotokolle unterkriegen. Damit auch das irgendwo steht, damit ich mich auch daran halte, wenn es nötig wird. 

Und ich werde auch die diary cards weiter führen (müssen), denn es steht in meinen Zielen für das nächste Jahr. Und diese Ziele werden Voraussetzung sein für eine eventuelle Wiederaufnahme als „Wiederkommer“ für 8 Wochen in frühstens einem Jahr. Diese Chance möchte ich eigentlich gerne nutzen, bis dahin schauen wie es ist und an was es noch hapert, bei welchen Dingen ich noch Unterstützung brauche. 

Vielen orientiert sich derzeit auf die Zukunft. Das ist neu für mich, denn so lange ging es nun ums Überleben, darum Tag um Tag um Tag irgendwie zu überstehen. Einen Monat zu planen, manchmal auch nur eine Woche, war kaum möglich. Und zu überlegen was in 3 Monaten, in 6 Monaten oder sogar in einem Jahr sein wird – ein Unding. Ich wusste ja noch nicht mal, ob ich leben will. Und wenn ja, dann wie ich das überhaupt schaffen soll. Ob ich leben will frage ich mich manchmal immer noch. Es gibt diese Momente durchaus und es wird sie wohl immer wieder geben. Doch sie sind weniger geworden und die Tage, an denen ich nur wenig oder manchmal sogar gar nicht an Suizid denke, werden immer mehr. Und vermutlich werde ich diese Frage selten definitiv beantworten können. Doch ich glaube ich kann es, mit Unterstützung, soweit schaffen, dass ich die Beantwortung dieser Frage auf die guten Tage verschiebe und an den schlechten einfach weiter mache. So gut es eben geht, vielleicht manchmal einfach nur mit weiteratmen und weiteratmen und von Minute zu Minute hangeln. Aber ich glaube ich baue mir gerade und in den kommenden 2 Wochen genug Wege um es zu schaffen und ziehe Mauern um Schlupflöcher und Notausgänge. Und vielleicht ist genau das wichtig. Nicht unbedingt die Tür zum Suizid komplett zu schließen (zumindest derzeit), sondern genug Hindernisse einzubauen um die Türe soweit zu öffnen, dass ich durchschlüpfen kann. 

Um die Frage nach dem Leben derzeit zu beantworten: ja. Ja, ich will leben. Ich will atmen und lachen und weiter machen und die schönen Momente genießen und die schlechten so unbeschadet wie möglich überleben. Ich will weiter gehen und weiter machen und gesünder werden und nach und nach immer mehr und mehr Tage ohne Suizidalität und Selbstverletzungsdruck haben. 

Ja. Ich will leben. 

You can take everything I have
You can break everything I am
Like I’m made of glass
Like I’m made of paper
Go on and try to tear me down
I will be rising from the ground
Like a skyscraper
Like a skyscraper

Walking over glass

Ich kämpfe. Wieder. Immer noch. Gegen den Drang mich selbst zu verletzen, gegen den Drang alles hinzuwerfen, gegen den Drang auch mein Leben wegzuwerfen. 

Seit gestern ist es extrem. Ich habe Selbstverletzungsdruck, ich habe Suizidgedanken. Ich fühle mich müde, erledigt und Matsch, ich fühle mich kraftlos und angeschlagen. Ich kämpfe mit vielen alten Glaubenssätzen. „Sie hängen wohl im Heimatfilm?“ fragt Herr N. heute. Ich rede lange mit ihm. Heute fühle ich mich ein wenig weniger kraftlos als gestern. Gestern ging nichts mehr, außer irgendwann Bedarf. 

Wir reden und ich beginne drüber nachzudenken ein Gefühlsprotokoll zu schreiben. So ganz kriege ich nämlich nicht klar, was gerade abläuft in mir. Das tue ich dann auch irgendwann und es wird klar, dass sich ganz viel gerade um Selbstverachtung dreht. Ich habe das Gefühl ich bin nichts wert, ich bestehe nur aus negativen Dingen, ich habe keine Lebensberechtigung, ich muss mich verletzen. Was darauf folgt ist klar: entgegengesetzt handeln. Mir Gutes tun, mir sagen, dass es nicht so ist, mich auf andere Dinge konzentrieren. Und tatsächlich wird es besser. Ich bekomme ein wenig Abstand rein, kriege klar, dass gerade Heimatfilm anstatt Tagesschau läuft, kriege es hin anders zu handeln als mein Gefühl es mir vorschlägt. Und dann stehe ich ein paar Stunden später wieder im Pflegestützpunkt und lächle ein wenig und habe einen erstaunen Herrn N. da sitzen, der begeistert ist und meint, dass das ganze doch eine Belohnung wert wäre. Und ich denke es wird auch in Richtung „Gutes tun“ gehen, denn das brauche ich gerade sehr. Auch wenn es sich falsch und merkwürdig anfühlt, weil die Gefühle etwas völlig anderes vorschlagen. Aber genau das ist trotzdem der richtige Weg. 

I rise up to the sky
You threw me down but
I’m gonna fly