Braucht man eigentlich das was man vergessen kann

Ich bin erledigt. Ich war bis 3 Uhr wach, dann fiel mir ein, dass ich meine Medis vergessen habe. Um 3 Uhr nehmen wenn man um 9 Uhr spätestens aufstehen muss ist dann auch sinnfrei. Also habe ich relativ unruhig geschlafen und eher vor mich hin gedöst. Das Katerkind schlief an meinen Rücken gekuschelt bis ich aufstand und ließ sich auch nicht von meiner Unruhe stören.
Dennoch bin ich relativ fit. Ich war in der Achtsamkeit, obwohl ich wenig Lust hatte, und es tat wie fast immer ziemlich gut. Danach bin ich kurz auf der Station vorbei und habe einem Freund dort eine Ladung von meinem Kuchen mitgebracht. Pfleger Arschkeks hatte Dienst und sagte mir, dass er sich sehr über meine Karte gefreut hat.
Nun bin ich wieder Zuhause und werde ein wenig auf meinem Sofa hängen, dann die Überreste der Feier gestern mal etwas beseitigen und meine neue schicke Lampe aufhängen. Eine Freundin will vorbei schauen, später kommen noch K. und ihre Freundin, weil sie es gestern nicht geschafft haben. Ansonsten werde ich heute nur rum hängen, nicht viel tun und mich von gestern erholen. So viele Menschen auf einmal strengen mich immer noch an, auch wenn es wirklich schön war.
Am Samstag werde ich den Herrn V aufsammeln in der Hauptstadt und mit hier her nehmen, Chrissie wird eventuell vorbei schauen. Sonst habe ich nicht wirklich etwas geplant, werde mir einfach erstmal viel Gutes tun und mir Zeit für mich nehmen und meine Tierchen.
Morgen werde ich in der Klinik anrufen und einen Termin für die Aufnahme machen für in zwei Wochen. Die werde ich so wie es aktuell aussieht noch schaffen. Statt mittwochs werde ich dienstags gehen, da ich an dem Dienstag darauf auf ein Konzert gehe, für das Schwesterherzchen und Schwesterherzchens Freund mir eine Karte geschenkt haben. Ich freue mich schon.
Katerkind schlummert friedlich auf meinem Schoß, es läuft Dr. House. Ich fühle mich erledigt, aber gut.
Die Gedanken an meinen Vater sind immer noch da, aber ich kann sie etwas mehr von außen betrachten und akzeptieren, dass sie da sind. Am Tag ist es meistens gut auszuhalten, die Abende und Nächte sind schwerer. Aber auch die werde ich schaffen.
Heute morgen beim Aufwachen hatte ich das unglaubliche Bedürfnis mich zu verletzen. Zu schneiden, meine Haut bluten zu sehen, den feinen Schmerz zu spüren, der da und doch nicht da ist. Dieses Gefühl war so stark, dass ich im ersten Moment einfach nachgeben wollte, einfach ins Bad gehen und eine Klinge suchen und sie in die Haut drücken. Dann kam der Rest an Gefühlen, der Kopf ging an, mein Verstand hat eingesetzt. Es wird nicht mit ein paar Schnitten getan sein. Dadurch wird der Wunsch danach zwar für eine Weile verschwinden, aber die Dinge, die dahinter liegen, werden nicht verschwinden. Und so sehr ich es mir auch wünsche, so sehr ich die Schmerzen vermisse und die Linien auf meinem Arm, gerade schaffe ich es noch mich davon abzuhalten.
In der Achtsamkeit habe ich meinen Arm betrachtet, die Narben darauf, die tiefe Furchen bilden, wenn ich den Arm drehe und die Haut sich spannt. Ich habe daran gedacht, wie er vor 13 Monaten noch aussah. Ohne diese Narben. Und ich weiß dann nie, ob ich mich hassen soll oder nicht. Es bringt nichts, das weiß ich. Davon werden die Narben nicht verschwinden.
Also einatmen, ausatmen. Radikale Akzeptanz. Es ist nun eben so und wird nicht anders werden, nur weil ich es will oder mich selbst hasse.
Und nun werde ich meinen Tag weiter gestalten, positiv denken und atmen. Minute für Minute.

Hinter der Maske gibt’s wenig zu atmen
Und ohne sie zu viel zu sehen
Hinter der Masken gibt’s viel zu verraten
Das würden die Leute nicht verstehen

Du bist frei.

Dinge, die man so tut, wenn man Geburtstag hat.
Aufwachen und erstmal ’ne Menge Nachrichten lesen und lächeln und dabei den Zitronenkater kraulen. Kuchen backen und dabei Teig naschen. Weitere Nachrichten bekommen und lächeln. Das Geschirr spülen. Ein wenig auf dem Sofa hängen und House schauen. Sich fertig machen und einkaufen gehen. Lächeln. Das Sofa von Hundehaaren befreien. Die Wohnungstüre aufstehen lassen, weil das Katerkind im Flur spazieren geht. Die Salatmonster füttern. Nachrichten lesen und lächeln. Die Wohnung fegen. House schauen. Lächeln. Alle Psychomedis in der Wohnung zusammensuchen und vor der Mutter verstecken. Kuchen naschen. Katerkind kraulen. Kuchen naschen. Besuch bekommen. Tee trinken. Reden. Lachen. Sekt trinken. Über Geschenke freuen. Noch mehr Besuch kriegen. Über noch mehr Geschenke freuen. Kuchen essen. Noch mehr Kuchen essen. Noch mehr Sekt trinken. Reden. Lachen. Glücklich sein. Nochmal Kuchen essen. Katerkind bespaßen. Schwester knuddeln. Glücklich sein. Geschenk zusammenbauen. Lachen. Reden. Gäste irgendwann verabschieden.
Und dann heulend auf dem Sofa sitzen irgendwann, weil es einfach mal wieder so ein Tag ist, an dem ich mir meinen Vater wünsche. Meinen Vater, so wie er in den schönen Momenten war, die wir hatten. Und dann noch mehr weinen, weil ich ihn so sehr für die anderen Momente hasse. Und für die schönen, weil er mir damit gezeigt hat, wie anders er auch sein kann. Und heulen, weil man einfach gerne einen Vater hätte der da ist und sich kümmert und einfach hinter einem steht und nicht solche Dinge getan hat. Einen Vater, der kommt und mit einem anstößt und sich mit einem freut und lacht und einen umarmt, keinen Vater der trinkt und prügelt und einen fertig macht und sonstiges. Und sich dann selbst hassen, weil man mit diesem Gefühlschaos nicht klar kommt. Und heulen und Druck haben und schneiden wollen. Stattdessen rufe ich in der Klinik an. Erzähle Schwester Nathalie von dem Chaos in meinem Kopf, von Berlin, von heute und den letzten Tagen. Und kriege Lob. Weil eben „erst“ ein Jahr zwischen damals und heute liegt. „Einfach so mal nach Berlin fahren, das wäre vor einem Jahr doch noch undenkbar gewesen. Abgesehen davon, dass Sie da auf der Intensivstation lagen…“ Ja. So vieles war vor einem Jahr noch undenkbar. Zum Beispiel hier zu sitzen und über den Missbrauch zu reden und zu heulen. Anstatt im Bad zu sitzen und mir die Arme aufzuschneiden. Sie sagt, ich muss mich nicht dafür hassen, dass ich ihn eben doch mag und gerne einen Vater hatte. Dass ich diese Gedanken akzeptieren soll. Radikale Akzeptanz (ich hasse es!). Aber sie hat Recht und es hilft, dass zu hören. Dass diese Gedanken eben auch okay sind, dass sie auch da sein und ihren Platz haben dürfen. Dass es okay ist und ich okay bin und nicht völlig irre, weil ich ihn trotz allem als Vater liebe. Und auch nochmal zu hören, dass eine Kontaktaufnahme derzeit absolut nicht gut wäre. Ich weiß es, rational gesehen, selber. Trotzdem habe ich so oft das Bedürfnis danach, das Bedürfnis nach ihm, das Gefühl, dass ich es ihm dann doch irgendwie schulde. Es tut gut das alles zu hören und zu reden und nochmal von außen gesagt zu bekommen, wie viel sich in diesem einen Jahr doch getan hat. Klar bin ich trotzdem immer noch instabil und habe teilweise wochenlang nur furchtbare Tage, aber es ist eine enorme Entwicklung gewesen in dieser Zeit. Lob, eine Sache, die ich mittlerweile annehmen kann und die es auch schafft wirklich bei mir anzukommen und nicht irgendwo kleben zu bleiben und von Selbstvorwürfen und Selbsthass zerfressen zu werden. Zwar auch nicht immer, aber viel öfter als zuvor. Auch eine Entwicklung. Und obwohl ich furchtbare Angst davor habe, dass wieder beschissene Tage voller Selbsthass und Suizidgedanken kommen werden, weiß ich doch, dass ich ein Stück des Weges zum Gesundwerden geschafft habe. Und das mir das niemand nehmen kann, auch ich selbst nicht, selbst wenn ich mich wieder verletzen sollte oder sonst was. Und auch wenn ich das in den Momenten dann nicht sehen kann, so ist dieses Gefühl in den guten Momenten da. Und das alleine tut schon unglaublich gut. Sollen Sie nur kommen, die scheiß Momente. Auch die schaffe ich. Ich hab schon so viel geschafft.
„Denken Sie dran, radikale Akzeptanz. Und an meine Zettel.“ sagt Nathalie, und ich verdrehe schon wieder die Augen, weil ich radikale Akzeptanz nicht mehr hören kann. Nach dem Auflegen krabbelt der Zitronenkater verschlafen und mit Käsekuchenbauch auf meinen Schoß und ich sitze da und schaue auf die Zettel an meiner Wand. Schritt für Schritt. Tag für Tag. Chakka. Der Tag war gut und bleibt auch gut. Du bist frei. Und ich muss lächeln und es ist einer der wenigen Momente, in denen ich mich wirklich frei fühle und in denen ich auch wirklich das Gefühl habe, dass ich das alles schaffen kann. Trotz meiner Vergangenheit, trotz Borderline, trotz Selbstverletzung und Suizidgedanken. Ich werde diesen Weg weiter gehen. Schritt für Schritt und Tag für Tag.

Pfleger Arschkeks* mag Harry Potter nicht. Die Hexe will Kekse in Besenform. Cookie schläft friedlich auf dem Handtuch. Zitronenkater liegt in seinem Körbchen vom Kratzbaum und schaut mich aus halb offenen Augen an. Und ich, ja ich bin wach.
Ich habe Flashbacks. Fiese Flashbacks, die Schmerzen machen. Im Unterleib und da unten rum. Schmerzen, die eigentlich gar nicht da sind. Aber irgendwie doch. Und die Schmerzen machen Flashbacks. Und die Flashbacks Schmerzen und die Schmerzen… Ja. Ihr wisst schon. Und so rufe ich zitternd in der Klinik an mit unglaublicher Anspannung und lege wieder auf mit weniger Anspannung. „Ich mag keine Katzen“ sagte der Pfleger. „Sie sind ja auch nicht Alf“ erwidere ich. „Sie fangen ja an mich zu verarschen, dann ist es doch schon besser.“ Ich muss zwischendurch lächeln und lachen. Das Gespräch holt mich mehr runter, als alle Skills davor. Vielleicht war das eben der Skill, den ich gebraucht habe.
„Ich will, dass mein Name geändert wird“ meint der Pfleger, als ich sage, dass ich ja noch bloggen kann als Skill. Er meint, ich wäre nicht sonderlich kreativ bei der Decknamensfindung (wie denn auch nach Mitternacht und mit Flashbacks). „Ich kann Ihnen ja so schöne Spitznamen geben wie meinem Kater“ – „Welche denn?“ – „Arschkeks zum Beispiel.“ – „Pfleger Arschkeks ist okay. Aber nur für den Blog. Nicht bei den stationären Aufenthalten, das spricht sich sonst rum!“ Und so gibt es neben einer Hexe mit zwei Besen nun eben auch einen Arschkeks auf der Station. Und ich grinse und werde nun grinsend ins Bett gehen, Harry Potter als Hörbuch wieder anmachen, mich in die Kuscheldecke wickeln und an was schönes denken. An Kekse zum Beispiel. Ohne Arsch. Wobei Kekse toll sind, egal ob mit oder ohne.

Gute  Nacht Welt.

(*Name von der Redaktion geändert)

Ich spüre diese Kraft, sie ist ein Teil von mir. 

Bei um- und aufräumen findet man ja oft alle möglichen Dinge. Mir ist mein Tagebuch in die Hände gefallen. Direkt am Anfang steht groß „ich will nicht mehr“. Das war am 6.12.2002. Ich war 13. Zu der Zeit habe ich mich schon fast 2 Jahre selbst verletzt. Ich schreibe von meinem Vater. Das ich ihn doch liebe. Der Eintrag endet mit „aber er mich…?“.
Ich schreibe davon, dass ich aufhören will mich zu verletzen. Schreibe, dass ich es wieder getan habe. Schreibe, dass ich eine Woche ohne geschafft habe. Schreibe von mehrmals täglich verletzt. Ich schreibe über meinen ersten Liebeskummer, über Freundschaft. Über meinen Vater. Immer und immer wieder sind Worte verwischt, weil ich beim schreiben geweint habe. Ich schreibe, dass ich nicht mehr leben will, schreibe davon, dass ich keine Kraft habe etwas zu tun, dass ich dem Unterricht nicht mehr folgen kann, dass ich nicht schlafen kann. Und immer und immer wieder von Selbstverletzung und Suizidgedanken. Ich schreibe davon, dass ich eine Therapie machen will, mein Vater aber dagegen ist. Ich schreibe von Terminen beim Jugendamt, davon, dass ich da raus will, mich aber nicht traue. Davon, dass ich heimlich beginne zur Therapie zu gehen. Schreibe von der inneren Leere, die mich quält, vom Schneiden, dass diese Leere wenigstens eine Weile vergehen lässt. Schreibe davon, dass das schneiden immer schlimmer wird. Dass ich nicht mal mehr ein paar Stunden ohne aushalte, sondern mich während den Schulstunden auf der Toilette selbst verletze, um den Tag durchzustehen. Da war ich 16. Ab da ist jeder Eintrag voller Suizidgedanken, voller Schneidedruck, voller Schmerz. Im Mai 2006 stehen dann da ganz groß die erlösende Worte: „Der Beginn eines neuen Lebens.“ Was ich schreibe verändert sich. Ich schreibe von der Schwierigkeit bei meinem Vater raus zu sein und damit klar zu kommen. Dass ich trotz allem, was geschehen ist, darunter leide ihn alleine zu lassen. Dann kommt die Zwangseinweisung. Ein paar Wochen später dann die freiwillige stationäre Therapie. Ich schreibe von der Angst vor der neuen Pflegefamilie, von den Einschränkungen und von dem Tag, an dem ich endlich von der Station darf ohne Begleitung vom Personal.
Dann kommt die Zeit, in der alles doch irgendwie schwerer wird. Zwei Zwangseinweisungen, die ersten Wunden, die genäht werden müssen. Ständige psychosomatische Krankheit und Fehlen dadurch in der Schule. Die nächste Zwangseinweisungen, 3 Wochen auf der geschlossenen. Der Auszug in eine eigene Wohnung. Und dann der totale Zusammenbruch ein Jahr vor dem Abi, weil ich immer und immer wieder vertröstet werde in Tübingen bei der DBT, weil letztendlich klar wird, dass es sich so weit verschiebt, dass ich mein Abitur nicht mehr schreiben werden kann, weil einfach alles zusammenbricht. Mein Tagebuch endet 2009 damit, dass ich ungeplant alle Zelte in BaWü abbreche, mich von keinem verabschiede, meine Sachen packe, meine Meeris schnappe und zurückkehre in meine Heimat.
Damals habe ich dann angefangen zu bloggen.
Es ist merkwürdig diese Dinge zu lesen. Es fühlt sich an, als ob es ein ganz anderes Leben wäre, dass da beschrieben ist, und doch weiß ich immer noch, wie ich in meinem Bett saß, so oft heulend, und diese Worte geschrieben habe. Ich erinnere mich an die ersten Schnitte, damals mit dem Teppichmesser, dann an die Schnitte mit dem Skalpell aus dem Badezimmerschrank und letztendlich daran, dass ich mit zitternden Händen und voller Panik zum ersten Mal Rasierklingen gekauft habe. Ich erinnere mich an den Schmerz und die Verzweiflung, wenn mein Vater mich wieder beschimpft und geschlagen hatte, an die Erleichterung, die das schneiden brachte und an das Gefühl, dass ich selber Schuld sei an allem, was er mir antut. Ich erinnere mich an die Angst, als mein Klassenlehrer anrief und meinem Vater sagte, dass er ihm rät mich bei einer Therapeutin vorzustellen. An die Erleichterung, als ich endlich einen Ort hatte, an dem ich alles erzählen konnte und eine Person, die mir glaubt. An die Wut auf meinen Vater, als er sagte, dass ich da nicht mehr hin darf. Denn die Therapeutin hatte es durchschaut. Hatte ihn durchschaut, hatte erkannt, dass nicht ich verrückt bin und Dinge erfinde, sondern dass er mich wirklich so behandelt und ich schwer traumatisiert bin. Ich erinnere mich an die Angst, als ich das erste Mal ohne sein Wissen zu ihr fuhr und erzählte, dass wir in diesen Stunden Mittagsschule haben. Und an die unglaubliche Erleichterung und den Halt, den mir diese Stunden gaben.
Und (und das finde ich eine unglaubliche Entwicklung, denn es war so lange unvorstellbar) ich werde wütend und sauer. Nicht auf mich, sondern auf ihn, für all die Dinge, die er getan hat. Auch wenn ab und zu immer noch in meinem Kopf ist, dass ich selbst Schuld dran sei, so weiß ich heute, dass es nichts auf der Welt gibt, dass Gewalt gegen Kinder rechtfertigt, ich weiß, dass er eine Straftat damit begangen hat (eine? Haha.), dass er nicht im Recht war mit seinen Worten und Taten. Manchmal schmerzt es noch, dass da kein Kontakt mehr ist. Manchmal denke ich, dass ich ihm dieses oder jenes gerne erzählen würde. Manchmal bin ich traurig, weil ich mir einen Vater wünsche, der für mich da ist, mich unterstützt und mir doch wenigstens einmal in meinem Leben sagt, dass er stolz auf mich ist. Und dann kommen die ganzen Erinnerungen und ich bin froh, dass ich ein neues Leben habe, dass ich ein selbstbestimmtes Leben habe ohne ihn darin. So schwer es manchmal fällt, aber ich brauche diesen Abstand, denn sonst lebe ich in ständiger Angst vor ihm und vor dem was er als nächstes tut oder sagt. Ich will ihn nicht in meinem Leben, solange er nicht ehrlich bereut. Und er hat sich so oft entschuldigt und am nächsten Tag dann wieder zugeschlagen, dass ich ihm nie wieder glauben kann, wenn er sowas sagt. Ich will ihn nicht sehen und nichts von ihm hören, will endlich frei sein und frei leben können. Und irgendwann will ich auch frei sein von den Worten, die bis heute so tief in mir festsitzen. Frei sein von „du bist nichts wert“, von „du kannst nichts und wirst nie was erreichen“, von „du faules Stück“, „du fette Schlampe“ und „du wirst nicht mal Putzfrau werden können“. Frei von den ganzen Sätzen, die bis heute in meinem Kopf schwirren, die es mir bis heute schwer machen stolz auf mich zu sein oder mir Gutes zu tun. Und frei von der Angst vor ihm. Ich will frei sein von allem, dass mit ihm in Zusammenhang steht und ich werde das auch schaffen. Chakka! Schritt für Schritt und Tag für Tag. Ich weiß, dass ich die Kraft dazu habe. Und jetzt werde ich mir Gutes tun.
Graadselääds! 🙂

Ich geh‘ nie mehr zurück, das ist Vergangenheit.

Ich bin frei, endlich frei, 
und ich fühl‘ mich wie neugeboren. 
Ich bin frei, endlich frei, 
was es war, ist jetzt vorbei. 

and feels like she’s alone here in hell

Auf Station ist es momentan unglaublich unruhig. Das trägt nicht gerade dazu bei, dass meine Anspannung in einem niedrigen Bereich bleibt.
Ich hatte heute lieben Besuch und das tat auch unglaublich gut. Ein wenig Ablenkung, mal was anderes sehen und hören, auf andere Gedanken kommen.

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Ansonsten versuche ich mich daran festzuhalten. Einfach weiter machen. Tag für Tag, Minute für Minute, Schritt für Schritt und Skill für Skill. Es geht weiter, es geht immer weiter.

Ich muss viel an meinen Vater denken. Manchmal auch an die schönen Momente, und dann denke ich mir, dass ich ihm vielleicht Unrecht tue. Dass er sich vielleicht doch bemüht hat, mir eine schöne Kindheit zu bieten. Und ja, das hat er auch tatsächlich. Nur gab es da diese vielen anderen Momente, in denen es nicht so war. Ich denen ihm meine Gefühle, meine Bedürfnisse, mein Wohl völlig egal waren. Und die überwiegen leider. Vielleicht schaffe ich es irgendwann, die schönen Momente und all das Schlimme gemeinsam zu sehen, als Ganzes. Und nicht nur entweder die schönen Momente, bei deren Erinnerung ich am liebsten direkt bei ihm anrufen und den Kontakt zu ihm suchen würde, oder die schlechten, in denen ich ihn so sehr hasse. Vielleicht kann ich irgendwann sagen, dass es Momente gab, die doch okay waren. Aber ich weiß nicht, ob ich das wirklich will. Mir fehlen so viele Erinnerungen aus meiner Kindheit und Jugend, an viele Dinge erinnere ich mich nur bruchstückhaft. Manchmal wüsste ich gerne, was hinter dieser Leere steckt, welche Momente und Augenblicke. Und manchmal bin ich mir relativ sicher, dass ich es niemals wissen will.
Und genau so, wie ich an viele Momente mit meinem Vater denken muss, denke ich an die wenigen Momente mit meiner Mutter und meiner Schwester.
Es gab da ein Weihnachten, da kam ich bei meiner Mutter an und sobald mein Vater das Haus verlassen hatte habe ich mich an sie geklammert und nur geweint. Ich habe gesagt, dass ich nie wieder zurück will zu ihm, nie wieder von ihr weg.
Oder der Sommer, in dem ich noch Ferien hatte und meine Schwester schon wieder zur Schule musste. Sie war damals vielleicht 7 oder 8, ich also 12 oder 13. Ich habe sie von der Schule abgeholt, meine Mama musste arbeiten. Wir haben uns Zuhause Rührei gemacht, ihre Hausaufgaben erledigt und dann gespielt oder sind gemeinsam auf den Spielplatz oder unseren Großonkel in seinem Geschäft besuchen gegangen.
Oder der Sommer, in dem meine Schwester schon Ferien hatte und ich noch zur Schule musste, und sie mich das erste und einzige Mal in meinem „Zuhause“ besuchte. Ich nahm sie die letzten paar Schultage mit in meine Schule, zeigte ihr die Welt, in der ich lebte. Es war schön sie bei mir zu haben. Bis heute lachen wir über manche Momente, zum Beispiel als mein Klassenkamerad auf dem Schulfest so betrunken war, dass er ihr, die huckepack auf meinem Rücken hing, statt der Hand den Fuß schüttelte.
Wenn ich mit anderen Menschen zusammen sitze und die Sprache auf Erlebnisse in der Kindheit kommt, dann haben viele meiner Erinnerungen einen üblen Beigeschmack. Wenn ich ansetzte zu erzählen „Ich war mit meinem Vater…“ oder etwas ähnliches, dann zieht sich mein Magen immer zusammen. Die schönen Momente kriegen einen dunklen Schatten, der oftmals alles Schöne einfach erstickt. Das macht mich meistens traurig und ich mag gar nicht mehr weiter erzählen, höre lieber zu und lächle, damit ich nicht anfange zu heulen wenn andere von diesen vielen tollen Momenten und dem guten Verhältnis zu ihren Eltern erzählen. Ich frage mich, ob das irgendwann besser wird. Meinen Vater hat seine Kindheit lange beeinflusst, vermutlich tut sie das immer noch. Wie oft erzählte er davon, dass sein Vater gewalttätig wurde, ihn verprügelte und schlug und behandelte wie Dreck. Und ich saß dann da, strich über die blauen Flecken von seinen Schlägen, die unter meiner Kleidung verborgen waren oder über die Schnitte unter meinen Ärmeln, die ich mich abends weinend im Bett auf meinen Armen zugefügt habe, weil er mich so sehr beleidigt und beschimpft hatte. Ich saß da und versuchte diese Gegensätze irgendwie miteinander in Einklang zu bringen, die Logik dahinter zu finden. Aber das funktionierte einfach nicht. Und so versuchte ich es einfach als Baustein in die verkorkste Welt meiner Kindheit und Jugend einzubauen, versuchte noch mehr keinen falschen Schritt, keine falsche Bewegung zu machen und kein falsches Wort zu sagen, versuchte noch mehr alles zu tun, damit weder Schläge noch verletzende Worte kamen. Natürlich erfolglos. Nach den ganzen Jahren, in denen er mir jedesmal einen Grund nannte, warum er dies oder jenes getan hatte, einen Grund, der mir die Schuld gab, nach diesen ganzen Jahren glaubte ich wirklich daran, dass es meine Schuld war, dass ich nicht okay bin, dass ich nur Fehler mache. Und so versuchte ich noch mehr das Richtige zu tun. Heute weiß ich, dass es kein Richtig gab. Dass es egal war, denn je nach Stimmung waren Dinge, die vor einer Woche noch richtig waren, plötzlich falsch.
Ich weiß nicht, wann ich begriffen habe, dass mein Leben und mein Zuhause nicht normal sind. Vielleicht, als mein Lehrer mir mal einen Bericht in die Hand drückte, in dem zu lesen war, dass andere Menschen sich auch selbst verletzen. Dass ich nicht der einzige Mensch auf Erden bin, und dass die Gründe oftmals in einer Traumatisierung liegen. Oder als Freunde mir erzählten, dass der Vater/die Mutter sie noch nie geschlagen hatte. Oder als wir in der Schule irgendwann mal von Kinderrechten redeten. Bis dahin war ich mir sicher, dass alle Kinder geschlagen werden, war mir sicher, dass Kinder Eigentum ihrer Eltern sind und tun müssen, was diese sagen, und wenn die etwas falsch machen, dann müssen sie bestraft werden. Für mich war das damals ein ziemlicher Schock. Auch wenn ich irgendwo in mir drin immer ahnte, dass die Dinge, die mein Vater tat, nicht in Ordnung waren, so habe ich diese Gedanken doch immer wieder verdrängt.
Verkorkste Welt. Meine Kindheit und Jugend war wohl einfach zu wirr, als dass ich hätte gesund aufwachsen können. Und doch kriege ich oft gesagt, dass ich trotz diesem Wirrwarr und den Traumatisierungen erstaunlich „gesund“ bin, doch erstaunlich viel hinbekommen hätte. Ich kann das oftmals nicht sehen und würdigen, denn es war „normal“ Zuhause, dass ich etwas leisten muss, Dinge schaffen muss, um wenigstens manchmal ein klein wenig Anerkennung zu bekommen. Deswegen tut es mir auch heute so unglaublich gut, wenn ich für etwas gelobt werde, dass ich geschafft habe. Zum Beispiel hier vom Personal, wenn ich Momente voller hoher Anspannung schaffe ohne mich zu verletzen. Oder von Freunden, weil ich produktiv war und viel erledigt bekommen habe. Oder von Mama, die mir sagt, wie schön ich meine Wohnung eingerichtet habe. Oder, oder, oder. Auch wenn es mir oft schwer fällt das anzunehmen und ähnlich zu sehen, so tut es doch immer wieder gut. Und nun werde ich mich ins Bett kuscheln und versuchen zu schlafen.

She stands up straight
and takes some air
it’s just another bad day

And then she screams out loud
You’ve made a mess of your life
You won’t make a mess of mine

Hello, I’m still here 

Und wie so oft: nach einem guten Tag wird es abends furchtbar. Irgendwas hat dazu dann auch noch getriggert, seitdem jagen die Flashbacks sich gegenseitig.
Bilder in meinem Kopf, von ihm, von D., von so vielen Situationen. Immer wieder die Szenen, als ich noch so klein war, als ich gar nicht verstand was da passiert. Und Jahre später dann D., der in genau diese Kerbe reinschlug.
Ich habe Bauchschmerzen. Mir ist übel. Ich zitter und ich habe solch einen Druck. Ich schaue meine Arme an, streiche über die Haut und die Narben, stelle mir den süßen Schmerz vor und das Blut. Ich will schneiden, so unglaublich gerne.
Ich habe in der Klinik angerufen. Trotz Bedarf komme ich nicht runter. Nathalie sagt, dass ich weiter skillen soll. Einfach weiter machen, bis die Dipi mich umhauen. Pflaster. Finalgon. Eiswürfel. Gummiband. Und wieder und wieder und wieder.
Fünf Wochen habe ich durchgehalten. Ich weiß, dass die Gedanken daran seltener werden, je länger ich es ohne schaffe. Aber der Weg erscheint mir so unendlich weit. Jeder Tag ist ein Kampf. In Momenten wie diesen ist jede einzelne Minute ein Kampf. Der Tag war gut und bleibt auch gut. Das klebt an meiner Wand. Ich versuche es mir immer wieder zu sagen. Versuche den Erinnerungen keinen Platz zu geben. Atme ein und atme aus, atme gegen die Übelkeit, gegen den Wunsch alles auszukotzen. Auch wenn ich weiß, dass da nichts mehr von ihm in mir ist, seit Jahren nicht mehr. Trotzdem fühle ich mich furchtbar, fühle mich grausam, will kotzen und schneiden, damit es endlich aufhört und sich weniger furchtbar anfühlt. Selbst nach den ganzen Jahren hauen mich die körperlichen Symptome um. Weil es sich so oft anfühlt, als ob es gerade erst passiert ist. Weil da diese unglaublichen Schmerzen sind, die eigentlich gar nicht da sind. Weil da diese Übelkeit ist, dieser Würgereiz, dieses Gefühl an und in mir. Ich will das alles weg schneiden. So lange schneiden, bis diese Gefühle aufhören. Bis diese Gedanken aufhören. Bis da nur noch Blut ist und Erleichterung.
Und wie immer frage ich mich, wie man einem kleinen Kind sowas antun kann. Wie man überhaupt einem Menschen sowas antun kann.
Ich will schneiden. Einfach nur schneiden. Tief und viel und noch viel tiefer und noch viel mehr. Und trotzdem sitze ich hier mit Pflaster, Finalgon, Gummi und Eiswürfeln und versuche genau das nicht zu tun.
Ich bin die einzige, die mir so wehtun darf. Ich kann es kontrollieren, kann mir selbst den Schmerz zufügen, kann das innere Chaos so besiegen. Das waren so lange meine Gedanken, dass sind sie immer noch. Doch letztendlich gebe ich ihm damit wieder Macht über mich.
Bald sind es 16 Jahre seit ich begonnen habe mich zu verletzen. 16 Jahre, die sich so oft um Rasierklingen, verstecken von Wunden und Narben, den nächsten Schnitt, um all diese Dinge gedreht haben. Ich kann doch nicht ewig so weiter machen. Nicht ewig so gegen mich selber kämpfen.
Vielleicht ist eine Traumatherapie wirklich sinnvoll. Vielleicht werde ich das angehen, nach der DBT. Vielleicht macht es das besser, erträglicher, leichter, was auch immer.
Skillen. Einatmen, ausatmen. Der Tag war gut und bleibt auch gut.

Playground school bell rings again 
Rain clouds come to play again 
Has no one told you she’s not breathing? 
Hello I’m your mind giving you someone to talk to

Du bist des Wahnsinns eifrigster Verwalter

Meine Mutter erzählte mir gestern, dass sie sich vor einer Weile mit meinem Vater getroffen hat. Er war hier in der Nähe, auf einer Veranstaltung. Und ich wette, dass er nicht ohne Hintergedanken her kam. Mit der Hoffnung doch noch von meiner Mutter zu erfahren wo ich nun wohne. Und ich möchte auch nicht ausschließen, dass er zu meiner alten Adresse gefahren ist. Er weiß ja nicht, ob ich da noch wohne oder nicht. Dass er 250 km durch die Gegend fährt, nur für eine Veranstaltung, mit dem Wissen, dass ich irgendwo in der Nähe bin, und nicht versucht mich zu treffen, dass kann ich mir absolut nicht vorstellen.
Es macht Angst, weil ich eigentlich immer davon ausging, dass die Entfernung groß genug ist um einfach mal hier aufzutauchen. Andererseits macht es mich unglaublich wütend, weil meine Mutter es einfach nicht schafft sich von ihm zu distanzieren, es nicht schafft hinter mir zu stehen in der Hinsicht, es nicht sehen und hören will, was damals lief.
Ich bin froh, dass ich es erst jetzt weiß und nicht zu dem Zeitpunkt als er hier war, ich hätte mich vermutlich miserabel gefühlt und wäre vor lauter Angst durchgedreht.

Mein Kopf fühlt sich furchtbar voll und furchtbar leer gleichzeitig an. Heute ist wieder so ein Tag, an dem ich mich einfach nur vergraben mag, mich furchtbar fühle, am liebsten die ganze Welt aussperren will.
Auf der anderen Seite habe ich Lust dazu meine Wohnung aufzuräumen, die Küchenschränke einzuräumen und meine neue Küche zu bewundern, habe Lust zu kochen und raus zu gehen und zu malen. Es ist ganz schön wirr alles. Vielleicht wird es besser, wenn ich den Schock überwunden habe, dass er hier war. Vielleicht, vielleicht, vielleicht. Mir fehlt Sicherheit. Sicher sein, sicher fühlen.

Mein Psychiater hat mich heute ziemlich aus der Bahn geworfen. Es ging um das große Thema um sich selbst kümmern, für sich selbst sorgen. Er fragte, was das momentan vorherrschende Gefühl ist und was ich in meinem Job tun würde mit einem Kind, dass vor mir sitzt und sich so fühlt. Und warum ich das dann nicht mit mir selbst tun kann. Das kleine Zitrönchen an der Hand nehmen, ihr sagen, dass die große, starke, erwachsene Zitrone für sie da ist, auf sie aufpasst. Dinge tun, die dem kleinen Zitrönchen gut tun, auf es acht geben, für mich sorgen.
Und damit hat er an einem Punkt gekratzt, der mich irgendwie furchtbar traurig gemacht hat, furchtbar wütend, furchtbar alles. Ich wollte nur noch heim und weinen, mich vor der Welt verstecken. Dann kamen Anspannung und Suizidgedanken. Daheim bin ich erst mal eine Weile völlig neben mir durch die Gegend gewankt, habe irgendwann Bedarf genommen und mich ins Bett verkrümelt. Nun bin ich aufgewacht aus einem Traum von meinem Vater, versuche irgendwie in der Realität anzukommen, sitze auf meinem Sofa mit Katerkind und kucke den Meerchen zu.
Gleich will ich wieder ins Bett, immerhin ist es bald halb 3 nachts, und nachts wach sein endet in letzter Zeit meistens nicht gut. Ich hoffe, dass ich noch ein paar Stunden Schlaf finde, ohne fiese Träume, ohne verwirrt aufzuwachen.

Falls das mit dem Schlafen nicht funktioniert werde ich wohl mal schauen, was ich dem kleinen Zitrönchen Gutes tun kann. Nicht erwachsen sein müssen, nicht funktionieren müssen. Einfach nur Kind sein und Kind sein dürfen.

Und wann bringst du mich nach Hause
Egal wie weit
Egal was immer das auch heißt

Fuck you, fuck you, fuck you.

Oftmals sagte meine Therapeutin „Schreiben Sie ihm“. Ein Brief, der nicht abgeschickt wird, keine Struktur braucht, eine Möglichkeit das Chaos, die Wut und den Schmerz loszuwerden. Oft habe ich angefangen, es aber nie zur einem Ende gebracht.
Es gibt so vieles, dass ich gerne schreiben würde. So viele Dinge, die in meinem Kopf und meinen Gefühlen sind, für die aber einfach die Worte fehlen. Es gibt so viele Augenblicke, so viele Momente, an die ich mich noch erinnern kann.
Mit 13/14 Jahren hatte ich meinen ersten Freund. P. ging mit mir in die selbe Klasse, er saß im Unterricht an dem Tisch neben mir. Wir haben oft Briefchen geschrieben über den langweiligen Unterricht, sogar eine Geheimsprache entwickelt.
Irgendwann gestand ich ihm meine Liebe und er mir seine. Ich war furchtbar verliebt damals, furchtbar glücklich. Er war bei mir zu Besuch, ich bei ihm. Lange habe ich gekämpft, dass er zu mir kommen darf. Eines Abends lagen wir zusammen in meinem Bett. Ich ohne Tshirt, er auch. Als du es gesehen hast bist du ruhig geblieben, bis P. weg war. Danach kam das Donnerwetter, die Schläge. Ich habe geheult, stundenlang. Als P. später anrief wie jeden Abend hast du ihm verboten jemals wieder zu kommen, jemals wieder anzurufen, und ich durfte auch nicht mehr zu ihm.
So endete unsere Beziehung dann auch bald. Weg gelassen hast du mich eh nie, auf keine Feiern und Feste. Und ohne telefonieren, ohne gegenseitige Besuche, tja. Somit hattest du meine erste Beziehung zerstört, meine erste große Liebe. Oft lese ich irgendwo, dass man die erste Liebe nie vergisst. Meine Erinnerungen daran sind aber geprägt i. von deinen Schlägen, von deiner Gewalt und deiner Wut.
Dann war da dieses eine Mal, bei dem du die Fernbedienung  gesucht hast. Du fragtest immer und immer wieder, wo ICH sie denn hingemacht hätte. Als ich irgendwann antwortete, dass ich sie ja wohl nicht gefressen habe, bist du ausgeflippt, wie so oft. Schläge, bis ich irgendwann behauptete, dass ich sie hatte aber nicht mehr weiß wo sie ist. Du hast oft auf mich eingeschlagen, bis ich irgendwas zugab, dass ich eigentlich gar nicht getan hatte. Letztendlich tauchte die verdammte Fernbedienung unter deinem Stapel auf dem Schreibtisch auf. Natürlich hatte ich sie da hingelegt, nicht du. Deine Fehler hast du so gut wie nie eingestanden.
Irgendwann, ich war noch im Kindergarten, hast du mir ein blaues Auge geschlagen. Warum weiß ich nicht mehr. Aber ich erinnere mich so gut daran, weil du damals wolltest, dass ich lüge. Ich sollte erzählen, dass der Gurt im Auto kaputt sei und ich beim bremsen gegen den Vordersitz geknallt bin. Es ging eine lange Zeit so, dass ich diese Lüge erzählen musste, denn immer wieder fragte jemand nach, ob der Gurt repariert sei.
Ich weiß nicht wie viele Male du mir erzählt hast, dass ich nichts wert sei. Eine Schlampe, eine doofe Kuh, nichts würde ich jemals schaffen, außer Putzfrau zu werden. Du hast mich immer mit I. verglichen, einer Klassenkameradin. Sie war ja so hübsch und klug und sowieso bestimmt eine viel bessere Tochter als ich. I. ging relativ früh mit schlechten Noten vom Gymnasium ab, hat soweit ich weiß bis heute keinen Schulabschluss und keine anständige Ausbildung. Aber trotz allem war sie immer besser, hübscher, klüger, toller. Wie sehr sowas einem Kind wehtut, dass war dir völlig egal.
Brachte ich eine 3 nach Hause war direkt klar, dass aus mir nichts wird. Dass ich dumm bin, nichts kann. War es eine 2, dann hätte es ja besser sein können. Und bei einer 1 hieß es, dass andere das auch schaffen, das wäre keine Leistung. Ich konnte also tun was ich wollte.
Wie oft hast du mich in mein Zimmer geschickt. Ohne Mittag- oder Abendessen.
Essen war für dich sowieso wichtig. Dass ich bestimmte Sachen nie mochte war dir dabei egal. Dass der Geschmack mich zum würgen und erbrechen brachte auch. Ich musste es dennoch essen. Wollte ich etwas nicht, so war das für dich der direkte Beweis, dass ich ein undankbares Stück Dreck bin. Wollte ich keinen Nachschlag, dann war es natürlich nicht lecker und ich also direkt wieder undankbar.
Und so habe ich bis heute Probleme mit dem Essen. Oftmals ist es ein totales Chaos, manchmal esse ich bis mir schlecht wird und übergebe mich, manchmal esse ich tagelang kaum etwas. Essen war „Zuhause“ gleichbedeutend mit Liebe. Böses Kind, kein Essen. Gutes Kind, Essen. Kein Nachschlag, böses Kind, kein Essen. Nachschlag, gutes Kind, also gibt es Essen. Deine verquere Welt ist so tief in mir verwurzelt, dass es mir selbst nach fast 10 Jahren Freiheit ohne dich noch schwer fällt aus diesen Mustern auszubrechen.
Du hast dich immer beschwert, dass ich viel zu wenig helfe. Meine Wäsche durfte ich nicht selbst waschen, das könnte ich schließlich nicht. Habe ich gekocht oder gebacken meintest du immer, dass man nun die Küche renovieren müsste. Habe ich geputzt, war es natürlich nicht sauber, weil ich das nicht richtig mache. Deinen unterschwelligen Putzzwang habe ich immer schon mit Chaos im eigenen Zimmer bekämpft. Und bis heute finde ich pure Ordnung furchtbar, denn bei dir war das immer gleichbedeutend mit steril und „bloß nichts anfassen“.
Und dann gibt es noch diese unzähligen Momente, in denen du mir an den Po gefasst hast, drüber gestreichelt hast, selbst als ich schon ein Teenie war. Ich habe so oft gesagt ich mag das nicht, ich will das nicht. Aber für dich war ich dein Eigentum, schließlich hast du dazu beigetragen, dass ich auf der Welt bin und mich groß gezogen, also darfst du auch tun was du willst. Und das war mehr als nur den Po anfassen.
Wenn irgendwas nicht so lief wie du es wolltest, meistens nachdem du mich verprügelt hattest und ich unerklärlicherweise weinte, hast du mir immer gedroht mich zu meiner Mutter zu schicken. Denn ich sei ja genauso bekloppt, gestört, unfähig, doof. Diese Liste lässt sich beliebig lange fortsetzen.
Für mich war das die Drohung schlechthin, denn du hast mir jahrelang eingeredet, dass die psychisch gestört ist und nicht in der Lage ein Kind aufzuziehen. Und deine Manipulation hat auch bewirkt, dass ich dir geglaubt habe, dass sie mich überhaupt nicht liebt.
Und was auch immer zog war die Drohung, dass du dich umbringst wenn ich nicht mehr bei dir lebe. Denn schließlich würdest du mich über alles lieben, ich wäre das Beste auf der Welt, das einzig wichtige. So hast du mich aber nie behandelt.
Also habe ich immer gesagt, dass ich mich bessere (dabei habe ich nie was getan, was deine Gewalt rechtfertigen würde), gebettelt bei dir bleiben zu dürfen.
Hättest du deine Drohungen doch bloß wahr gemacht. Mein Leben wäre anders verlaufen, ich wäre jetzt vielleicht nicht ganz so kaputt wie ich es eben bin.
3 Jahre lang ging ich in Therapie bevor die Freiheit kam, 3 Jahre lang sagte mir meine Therapeutin immer und immer wieder, dass ich da raus muss. Aber meine Angst war einfach zu groß. Die Angst vor deiner Reaktion, wenn das Jugendamt ein Gespräch mit dir sucht, die Angst vor dir, wenn wir danach wieder alleine sind und du wieder wütend wirst.
Mein Körper ist voller Narben. Verlorene Kämpfe, die ich bis heute gegen mich führe. Ich bin kaputt. Du hast mir meine Kindheit und meine Jugend genommen und zerstört. Ich musste immer auf der Hut sein vor deiner verqueren Welt, in der die Dinge, die gestern noch richtig waren, im heute zu unberechenbaren Ausbrüchen führten.
Ja. Es gab auch schöne Momente. Aber was bringen schöne Momente in einer Kindheit und Jugend voller Angst und Gewalt. Jeder Schlag, jede psychische Gewalt, hat 100 schöne Momente zerstört und kann selbst durch 1000 schöne Momente nicht mehr ausgewogen werden.
Statt einem liebevollen Zuhause habe ich bei dir nur Unberechenbarkeit, Gewalt, Kontrolle, Beleidigungen und Angst gefunden. Jahrelang war das mein Alltag.
Unzählige Kämpfe. Unzählige Narben. Aber den Kampf um meine Freiheit habe ich gewonnen. Den Kampf um ein Leben ohne dich darin, zumindest nicht mehr physisch. Ich habe um ein Leben ohne dich gekämpft und es gefunden. Ein Leben jenseits deiner Vorstellungen und deiner Kontrolle.
Für dich habe ich nur noch ein großes „Fuck you“. Für all den Schmerz, die Angst, die Trauer und Wut, die du in mein Leben gebracht hast. Und für all die Momente, in denen ich bis heute kämpfe, um dich und das Geschehene nicht mein Leben bestimmen zu lassen.
Fuck you!

Do you really enjoy living a life that’s so hateful?
‚Cause there’s a hole where your soul should be
You’re losing control of it and it’s really distasteful
Fuck you
Fuck you very, very much
‚Cause we hate what you do
And we hate your whole crew
So please don’t stay in touch
Fuck you
Fuck you very, very much