Medikamente und so.

Man landet in der Klinik, wenn man was anstellt. Versucht sich umzubringen. Sich extrem selbst verletzt. Aber man kann auch dort landen, wenn man nichts tut.

Die letzte Woche war anstrengend. Termine, erkältet, Stress, Schlafprobleme. Und was passiert? Die Zitrone vergisst ihre Medikamente.

Am Freitag ging es mir seltsam. Ich hab es auf die Erkältung geschoben, war in der Hauptstadt und wieder heim. Alles war wattig, die Welt hat gewackelt und unterwegs wollte ich plötzlich nur noch heulen, mir die Arme aufschneiden, mir was antun.

Ich rief in der Klinik an, sprach mit der Ärztin. Entzug sagt sie. Ich soll vorbei kommen sagt sie, sie gibt mir die Medis in geringer Dosierung, damit ich wieder hoch dosieren kann. Ein paar Stunden später ging nichts mehr. Also tippe ich auf mein Telefon, rede mit Pfleger Kai, dann mit dem Arzt vom Dienst und bin wenig später wieder da, stehe auf dem Flur und bekomme ein Zimmer.

„Warum haben Sie die Tabletten denn abgesetzt?!“ fragt mich der Pfleger. Ich möchte platzen, denn die Ärztin hat es so an ihn weiter gegeben. Ich wiederhole also mal wieder, dass es wirklich ein Versehen war, Unachtsamkeit und Verpeiltheit und definitiv keine Absicht. Ich bin froh um meine aktuelle (Naja, nun nicht mehr so aktuelle) Stabilität. Absichtlich würde ich sie nicht riskieren.

Heute morgen bin ich wieder aus der Kliniktüre spaziert. Körperlich ist es deutlich besser. Psychisch auch. Ich merke zwar, dass ich momentan nicht so stabil bin wie „im Normalzustand“, aber ich bin nicht mehr akut suizidal und will mir auch nicht mehr die nächste Rasierklinge in den Arm rammen.

Gestern Abend flog mir meine Psyche gewaltig um die Ohren. Ausgelöst hat das ganze die Tatsache, dass eine ehemalige Zimmernachbarin kam und in mein Zimmer sollte. Es ist schon gut 2 Jahre her, seit ich mit ihr im Zimmer lag, doch es hat mir gereicht damals. Sie wusch sich nicht. Eigentlich schon genug. Aber nein, sie befriedigte sich auch jede Nacht selbst.

Gestern triggerte mich das Ganze dann so extrem, dass ich weg war. Eine gute Stunde meinte Pfleger Kai später. Wirklich zu mir kam ich irgendwann auf dem Boden des Bads. Ich weiß noch, dass ich aufs Klo musste und plötzlich das Waschbecken auf mich zu kam. Bei der Landung auf dem Boden habe ich den Hocker umgeschmissen und dieses Geräusch rief Kai auf den Plan. Dann gerieten wir erst mal aneinander, weil es bei mir ankam, als ob er mir unterstelle, dass ich das absichtlich mache. Im Nachhinein haben wir es geklärt. Inklusive einem „Sie Arschloch!“ von mir, dass ich mit einem „nehmen Sie mir das nun nicht übel“ angekündigt hatte.

Später im Bett wird mir bewusst, warum es mich so getriggert hat. In der Therapie wird immer mehr klar, wie viel eigentlich Missbrauch war, wie viel Grenzüberschreitung. Auch so viele Dinge, die für mich irgendwie noch okay waren, weil nicht aktiv. Beispielsweise wenn eine Selbstbefriedigung stattfand. Und die Mitpatientin triggert die Erinnerung an ihr damaliges Verhalten und die Erinnerungen triggern die Erinnerungen an die Kindheit, an eben solche Situationen.

Und so föhnt es mich eben gestern weg. Völlig. Ich schlafe irgendwann ein, mit brennendem Arm von der Finalgon, mit Kopfschmerzen und dem Gefühl einen Marathon gelaufen zu sein.

Dementsprechend matschig bin ich heute morgen auf aufgewachsen und dennoch guter Dinge aus der Tür hinaus und Richtung nach Hause.

Doch nun liege ich hier. Schlaflos. Mein Kopf ist voller fieser Gedanken und Erinnerungen. Mein Körper schmerzt und es sind keine aktuellen Schmerzen, sondern Erinnerungen an damals. Mein Kopf weiß das. Dennoch triggern die Schmerzen ohne Ende.

Ich will schlafen. Dazu bleiben mir noch ungefähr 3 Stunden. Ich will einfach nur in den Schlaf fliehen und die Schmerzen und die Bilder für ein paar Momente los sein…

Albträume ohne Albträume 

Ich wache auf und bin nass. Alles an mir klebt. Das Shirt, die Bettdecke, die Unterwäsche. Ich schäle mich aus den Klamotten und schlüpfe in neue und tapse mit unsicheren Schritten und zitternden Knien in die Küche, füttere das Katerkind, dann ins Wohnzimmer um die Meeris zu versorgen und sinke dann aufs Sofa. Einen kurzen Moment später sprinte ich ins Bad und schaffe es gerade noch rechtzeitig, bevor mein Magen sich seines Inhaltes entledigt. Ich sinke auf die kalten Fliesen. Zu zittrig um aufzustehen, zu sehr neben der Spur für alles. 

Ich habe von meinem Vater geträumt. Und von D. Es war kein Albtraum im eigentlichen Sinn, trotzdem lässt die Nacht mich entkräftet, durchnässt und kotzend zurück. In meinem Kopf entsteht der Wunsch nach Selbstverletzung, ich weiß, dass im Badschrank Klingen sind, doch selbst die wenigen Zentimeter bis dorthin schaffe ich nicht, schaffe es nicht aufzustehen, schaffe es nicht mich zu bewegen, sitze einfach nur zitternd auf dem Boden. Das Katerkind kommt und miaut mich an, versucht sich zwischen meine Arme zu quetschen, die ich um meine Knie geschlungen habe, reibt sich schnurrend an mir und beginnt mich zu putzen. 

Mein Körper schreit nach Selbstverletzung. Alternativ nach einer Dusche. Doch ich habe keine Kraft, ich kann mich kaum auf den Beinen halten und so gerne ich nun das Wasser auf mir spüren würde, so gerne ich die Fetzen der Nacht von mir waschen würde, ich schaffe es nicht. Später vielleicht. Vielleicht nachdem ich mich verletze habe, vielleicht geht es mir danach endlich besser. 

Irgendwann schaffe ich es gegen die Schwerkraft anzukommen. Schaffe es von Türrahmen zu Tisch zu Türrahmen zu Regal zu Türrahmen zu Bett. Ich müsste auch das Bett frisch beziehen. Und ich müsste was essen, müsste kochen, müsste produktiv sein, müsste duschen, müsste dies und das, mich verletzen, duschen, duschen und nochmal duschen, doch nichts geht. Ich habe meinen zitternden Körper kaum unter Kontrolle. Also falle ich einfach wieder ins Bett, rolle mich auf der Bettseite zusammen, die ich eigentlich nicht benutze, wickel mich in eine frische Decke und dann noch in die frische Kuscheldecke, atme, zittere, sehne mich so sehr nach einer Klinge auf der Haut. 

Vielleicht kann ich schlafen. Vielleicht kann ich meinem durchdrehenden Körper noch ein wenig Ruhe geben, vielleicht ist es danach besser. Vielleicht hört das Chaos im Kopf dann auf, vielleicht ist es dann einfach besser in ein paar Stunden.