Just don’t ask me what it was

Wie war das bei Ihnen? Wie sind Sie aufgewachsen, was hat Ihre Sprachbiografie beeinflusst? Gab es in der Familie Dinge, über die man nicht geredet hat, schwarze Löcher…“

Ich höre schon nicht mehr zu. Mich katapultiert es aus dem Seminar zurück in die Vergangenheit, zu den unzähligen Momenten in denen ich so gerne gesprochen hätte, erzählt hätte. Meine Kindheit und Jugend war gefüllt mit diesen schwarzen Löchern, über die man nicht reden durfte. Über die ich nicht reden durfte. Eigene Probleme, meine Mutter, meine Sorgen, meine Schwester, über das erste Verliebtsein, über meine Tante, über Gefühle, über meine komplette Familie mütterlicherseits und fast die komplette Familie väterlicherseits, an manchen Tagen nicht mal über das Wetter, weil er bei jedem Thema einfach nur explodierte. Eigentlich habe ich meine Kindheit und Jugend größtenteils damit verbracht schwarze Löcher zu umgehen, irgendwie einen Weg dazwischen zu finden, zu nicken, still zu sein und zu versuchen zu verstehen welches System hinter der tickenden Zeitbombe mit Zufallsgenerator steckte, die mein Vater war. Schweigen, Lügen, Belanglosigkeiten. Das ist meine Sprachbiografie. Eine Erklärung finden, warum ich nicht da war. Referatsarbeit statt dem tatsächlichen Treffen mit einer Freundin. Nachmittagsunterricht statt der tatsächlichen Therapiestunde. Kein Wort über die Telefonate mit meiner Mutter. Kein Wort über meine Oma, die im Sterben lag und die ich so gerne besucht hätte. Kein Wort über die Sehnsucht nach meiner Schwester. „An den Feiertagen soll es schneien“ statt „ich will zu meiner Familie!“

Diese Zeit des Jahres ist regelmäßig einfach schwer für mich. Auch wenn ich seit 10 Jahren die Feiertage so verbringen kann wie ich es möchte, so ist es dennoch nicht leichter geworden. Zu tief sitzen die Jahre, in denen mein Vater schon im Herbst darüber klagte, dass ich schon wieder zu meiner Mutter fahre an Weihnachten. Schon wieder. Wenn ich Glück hatte, dann alle zwei Jahre. Manchmal auch alle drei, mit der Begründung, ich hätte sie ja an Ostern gesehen. In seiner wortgewandten Art erzählte er mir wie einsam und alleine er sein würde, wie schrecklich es wäre alleine zu sein an den Feiertagen, an denen andere Menschen Zeit mit ihrer Familie verbringen. Dabei wollte ich doch nur genau das auch. Zeit mit meiner Familie, mit meiner Mutter und meiner Schwester und damals noch meiner Großtante und meinem Großonkel. Zeit mit den Menschen, die ich liebe und die mich lieben. Stattdessen konnte ich diese seltenen Momente kaum genießen, weil mein Kopf voller Schuldgefühle war.

Und auch heute noch fühle ich mich schuldig ihn alleine zu lassen. Ich weiß, dass ich ihm nichts schulde, dass ich nicht für ihn und sein verkorkstes Leben zuständig bin und auch niemals die Ansprüche als sein Lebensmittelpunkt erfüllen könnte oder möchte. Und trotzdem sind diese eingeimpften Gefühle so sehr Teil von mir, dass ich sie nicht abschütteln kann.

Jahr für Jahr für Jahr das selbe Chaos. Ich hoffe immer noch, dass es irgendwann leichter wird. Doch was sind 10 Jahre Erwachsenenleben gegen 14 Jahre prägende Kindheit und Jugend? Wie wird man solche Dinge wieder los, mit denen man aufwuchs, die so sehr Normalität waren, dass der Wahnsinn dahinter gar nicht auffiel, die so sehr die eigene Entwicklung geprägt haben?

In vielen Dingen funktioniert es. Rationalität, alles was der Kopf leisten kann, ist seltener ein Problem. Doch diese Sache mit den Gefühlen, die ist verflixt.

Und dann haut es mich mitten aus einem Seminar in die Vergangenheit. Weil diese Jahreszeit so schwer ist und Kraft kostet, weil Gefühle scheiße sind, weil ich so unglaublich schlecht schlafe in den letzten Wochen. Mir fehlen die Kraftreserven um mit den Triggern des Alltags aktuell umgehen zu können.

Und so rettet mich eine Tavor auf dem Weg nach Hause aus dem Strudel von Selbstverletzungsdruck und Suizidgedanken, füllt meinen Kopf einfach nur mit Watte und dämpft das Chaos in mir drin auf ein erträgliches Maß.

Und trotz Tavor, immer wieder zufallenden Augen und allumfassender Müdigkeit komme ich trotzdem nicht zur Ruhe.

Von mir aus könnte jetzt der Frühling beginnen.

I think it’s because I’m clumsy
I try not to talk too loud
Maybe it’s because I’m crazy
I try not to act too proud
They only hit until you cry
After that you don’t ask why
You just don’t argue anymore
You just don’t argue anymore
You just don’t argue anymore

~ Luka – Suzanne Vega

10 Jahre

Wie viele Jahre brauchen manche Verletzungen eigentlich, bis sie heilen? Heilen sie jemals? Wird es irgendwann okay sein? Fragen, die ich mir stelle, während ich schlaflos im Bett liege.

Über 10 Jahre sind vergangen, seit ich meinen Vater gesehen habe. Wenn ich mir vor Augen führe, wie lange 10 Jahre sind, dann kommt es mir unglaublich ewig vor. Dann fühlt es sich so weit weg an. Doch eigentlich kommt es mir überhaupt nicht so lange vor. Eigentlich ist es furchtbar schwer zu glauben, dass wirklich so viel Zeit vergangen sein soll.

Ich bin mehr oder weniger die meiste Zeit über „symptomfrei“. Ich verletze mich nicht, ich bin nicht akut suizidal, ich habe selten Flashback und auch momentan selten Panik. Und doch fühle ich mich in manchen Momenten unglaublich kaputt. In den Momenten, in denen ich mich mittlerweile zum Beispiel beherrschen kann. Ich denen ich weiß, dass ich in Sicherheit ist und die Vergangenheit vorbei. In den Augenblicken, in denen ich mir gern eine Klinge in den Arm stecken möchte, aber so viel Raum zwischen dem Wunsch und der Tat liegt. Ich weiß, dass ich weiter bin. Gesünder. Nicht mehr ganz so kaputt. Doch wo fängt das „Gesund-Sein“ denn an? Ist es das? Die Kontrolle nicht mehr ständig verlieren, in der Realität bleiben können, meinen Impulsen nicht nachgeben? Wird es immer so bleiben? Oder wird es besser werden, einfacher, werden die Momente in denen ich mir die Selbstverletzung herbeisehne weniger werden oder fast ganz verschwinden? Wird es besser, wenn nochmal 10 Jahre vergehen? Und bin ich gesund, wenn 20 oder 30 Jahre vergangen sein werden?

Bald hat er wieder Geburtstag. Der Tag wird kommen und gehen und vielleicht merke ich es nicht einmal. Vielleicht fällt es mir ein paar Tage später beim Blick aufs Datum auf. Doch egal wieviel Zeit vergangen ist, in mir taucht wieder der Wunsch auf mich zu melden. Und damit auch die Gedanken, dass ich ihm vielleicht Unrecht tue. Dass mein Kopf doch nur wirres Zeug produziert und meine Gefühle seltsamen Kram machen. Dass alles vielleicht doch nicht so schlimm war. Ich versuche mich in die Gedanken zu flüchten, die mir jahrelang das Überleben ermöglicht haben. Es ist nicht wahr was nicht wahr sein darf. sagte meine Therapeutin immer. Ich versuche die Schuld bei mir zu finden. Versuche sein Verhalten und seine Taten mit meinen Fehlern zu erklären. Vielleicht bin ich doch einfach nur verrückt und schlecht und undankbar.

Doch in mir sitzt der Teil, der dabei den Kopf schüttelt. Ich weiß, dass ich nur versuche zu überleben, indem ich diese Dinge denke. Ich weiß, dass ich nur so überlebt habe. Eigentlich wusste ich es schon immer, doch ich habe es so tief vergraben, dass Jahre vergehen mussten, bis ich es schaffe all die Erinnerungen zuzulassen.

Und ich weiß, dass es okay ist. Dass es okay ist mich nicht zu melden, diese Schutzmauer um mich zu ziehen, ihn nicht in meinem Leben haben zu wollen. Und trotzdem tut es weh, weil ich mir einen Vater wünsche, der da ist. Der stolz auf mich ist, der mir zur Seite steht und mich unterstützt, der die Dinge tut, die ein Vater tun sollte.

Ich weiß nicht, ob es jemals aufhören wird wehzutun. Ob ich mich jemals nicht auch gleichzeitig furchtbar fühlen werde, weil ich meine Grenzen schütze. 10 Jahre sind dafür scheinbar nicht genug Zeit.

She keeps on running from this crazy life

„Das einzige was Sie dort finden können ist sich selbst.“ erwidert die Therapeutin auf meine Ängste bezüglich der DBT. „Genau das ist ja das Schlimme!“ antworte ich ihr. 

Die Stunde ist gut. Und tut gut. Auch wenn sie hart ist und schmerzt und ich da sitze und mir die Tränen über das Gesicht laufen. „So wie heute habe ich Sie noch nie erlebt. Sie haben hier noch nie so betroffen darüber geredet, Sie waren noch nie so sehr bei sich und Ihren Gefühlen.“ meint sie gegen Ende. Ich muss lächeln, denn es fühlte sich zum ersten Mal auch okay an Worte für die Dinge in mir zu finden. Es war okay über damals zu reden, über das absurde gespaltene Verhalten meines Vaters, über meine Schuldgefühle, über die Angst, die immer noch da ist. 

„Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ benennt meine Therapeutin die verschiedenen Seiten meines Vaters. Und genau so ist es auch. Er konnte sich so plötzlich verwandeln, von einem Moment auf den anderen. Ich erzähle ihr von den Schuldgefühlen die ich habe, wenn ich von den schlimmen Dingen schreibe und nicht auch die guten erwähne. Von den Schuldgefühlen, weil ich ausspreche und aufschreibe was geschehen ist. „Es ist nicht wahr was nicht wahr sein darf… Schreiben Sie! Reden Sie! Hören Sie damit nicht auf.“ Ich erzähle ihr von der Wut auf die ganzen Menschen. Auf die Nachbarn, auf Lehrer, auf Erzieherinnen aus dem Kindergarten und vor allem auf das Jugendamt. Weil alle weg geschaut haben. Niemand kann mir erzählen, dass da nichts aufgefallen ist. Blaue Flecken, blaue Augen, Prellungen… Das Jugendamt wusste Bescheid und tat nichts. Sowohl ich als auch meine damalige Tagesmutter haben von Schlägen berichtet – gehandelt wurde nicht. Es ist nicht wahr was nicht wahr sein darf. 

Es tut gut zu reden, zu erzählen, zu weinen. „Ja, es war schlimm was Sie erlebt haben.“ sagt sie. Und es tut so unglaublich gut gehört zu werden, jemanden da sitzen zu haben der mir glaubt und mich ernst nimmt und mein Leid ein klein wenig mitträgt. Und mir erlaubt nicht okay zu sein, mir erlaubt dass ich mich furchtbar fühlen darf, dass ich weinen und schreien darf wegen den Dingen, die geschehen sind. Und dass ich das alles auch darf ohne sichtbare Zeichen des Schmerzes auf meiner Haut. 

„Ich war ja immer skeptisch wegen der Klinik. Ob Ihnen das wirklich gut tut. Das wissen Sie ja. Aber die haben sicherlich dazu beigetragen, dass Sie nun so hier sitzen und reden können.“ meinte die Therapeutin noch. „Ja. Die haben viel dazu beigetragen. Normalerweise wäre ich nun hier raus, in den nächsten Drogeriemarkt und mit den Klingen dann heim weil ich nur noch schneiden will. Ich will zwar auch grade am liebsten schneiden, aber ich weiß, dass ich da nun raus gehen kann ohne Klingen zu kaufen.“ Sie lächelt. Und ich lächle. 

Silent cries
Every night
This Pain don’t ever leave her life
Daddy’s home
So she tries to hide
She calls for Mom
But never a reply

Conmigo nada es fácil

Ordnung machen kann eine türkische Angelegenheit sein. Während ich mein Regal im Schlafzimmer aufräume und darüber nachdenke, dass ich eigentlich dringend ein weiteres Bücherregal brauche, fällt mir der Brief meines Vaters in die Hände. Der Brief, den er mir damals geschrieben hat, vor nun zehn Jahren. Nachdem er im Jugendamt völlig ausgerastet ist, rumgebrüllt hat, als ich sagte, dass ich nicht zurückkommen werde.
Ich weiß nicht, warum ich den Brief über all die Jahre aufgehoben habe. Vielleicht, weil er der einzige Beweis dafür ist, dass er etwas falsch gemacht hat, der einzige Beweis der zeigt, dass er sich dessen auch mal bewusst war. Vielleicht weil es das einzige ist das mir beweist, dass er sich entschuldigt hat. Vielleicht weil ich ihm den Brief irgendwann mal unter die Nase halten will, ihm zeigen will, was er damals geschrieben hat.
Nach dem Brief ist es noch okay. Ich mache weiter, räume ein wenig hier und dort und beginne schließlich die Schubladen unter dem Schreibtisch auszumisten. Und dann knallt es einfach enorm ins Gefühl. Die Schublade mit Dingen, die er mir mal geschickt hat. Kleinigkeiten, hier und dort bei einer Veranstaltung oder einem Fest erhalten. Und es haut so gewaltig rein, weil es an die schönen Momente erinnert, an die gemeinsamen Erlebnisse. Und ich sitze auf meinem Schreibtischstuhl und beginne zu weinen, kann es nicht halten und möchte es eigentlich auch gar nicht. Ich sehne mich danach meinen Schmerz in Medikamenten zu ertränken, bis da nur noch Watte ist statt Gefühl. Und noch mehr möchte ich mir den Schmerz aus dem Körper schneiden, möchte ihn mit dem Blut aus mir raus schwemmen.
Noch ein paar Stunden zuvor war ich in der Klinik, um der mittlerweile nüchternen Sofanutzerin ein paar Sachen zu bringen, und habe stolz erzählt, dass es nun bald 7 Wochen ohne Selbstverletzung sind, habe von Schwester Laura und Pfleger Jan Lob dafür bekommen, habe mich seit langem einfach gut damit gefühlt mich so lange nicht verletzt zu haben. Und dann war da plötzlich nichts anders mehr als der Wunsch mich zu verletzen.
Der Abend endete dann mit Medis im Bett.
Gestern überfiel mich dann mal wieder einer dieser „ich muss umräumen“ – Anfälle. Und natürlich habe ich sowas immer an einem Tag, der eigentlich voll ist, an dem eigentlich kein Platz dafür ist. Trotzdem habe ich es dann angefangen, war zwischendurch schnell einkaufen, habe der Mama der Alkoholleiche geholfen die Sachen ans Auto zu schleppen, damit meine Wohnung wieder kofferlos ist, habe meinen Kleiderschrank leer gemacht und auseinander genommen (zumindest die zwei Teile von einander getrennt, damit ich ihn schieben konnte), den Kater aus dem Schrank gepflückt, den Schrank durchs Schlafzimmer geschoben, den Kater vom Schrank gepflückt, den Schrank wieder zusammengesetzt, den Kater aus dem Schrank gepflückt, den Schrank wieder eingeräumt, den Kater aus den Klamotten gepflückt. Dann das Bett verschoben, dabei den Kater unterm Bett raus geangelt, den Schreibtisch an eine andere Stelle gepackt, wo der Kater dann erst mal schlief. Nun sieht es zwar noch gewaltig chaotisch aus, aber wenn ich Ordnung geschaffen habe, dann kann ich damit leben. Mir gefällt es, wie es nun steht, ich kann mein Bett wieder von beiden Seiten begehen (vorher stand eine Seite an der Wand), habe haufenweise Dekoideen und brauche dringend ein Bücherregal.
Dann habe ich für mich und N. gekocht, später kam Bibi und wir waren mit dem Hund spazieren bis zum Fluss und wieder zurück.
Zuhause saßen wir vor der Tür, haben uns über meinen russischen betrunkenen Nachbarn amüsiert, der sich zu uns setzte, und jetzt nicht mehr nur mich, sondern auch Bibi liebt.
Chrissie kam ihren Hund wieder abholen und nun haben Kater und ich die Wohnung wieder für uns. Abgesehen von den 4 Möhrennasen, aber die rennen einem ja nicht ständig zwischen die Beine.
Der Zitronenkater hat mein Bett in der Nacht dann mit Waffelkrümeln bestückt. Fressen im Bett ist natürlich am tollsten, besonders wenn ich eigentlich schlafen will.
Den Mittag habe ich erst bei Mama und dann mit ihr und Schwesterherz im Garten in der Sonne verbracht. Es tat gut einfach in der Sonne zu liegen, den SWR3-Podcast „Die größten Hits und ihre Geschichten“ zu hören und sonst nichts zu tun.
Morgen steht dringend Kleiderschrank aufräumen auf dem Plan, den nach dem aus- und wieder einräumen finde ich gar nichts mehr, es ist ein einziges Chaos. Und ich muss dann auch ein wenig weiter im Schlafzimmer aufräumen, generell mal durch die Wohnung wischen und das Bad putzen. Am Dienstag will ich mit meiner Schwester für Ihre Französischprüfung lernen (ich kann es noch gar nicht glauben, dass sie schon so weit ist und in 4 Tagen ihre Fachabiturprüfungen anfangen), mittwochs steht Therapie auf dem Plan, Donnerstag ist Achtsamkeit. Meiner Meinung nach schon wieder viel zu viel für die wenigen Tage, aber es wird schon funktionieren. Momentan kämpfe ich enorm mit Reizüberflutung, alles ist unglaublich anstrengend und stresst mich. Das macht alles, vom einkaufen bis zum Therapietermin, einfach ziemlich schwer.

Ya sabrás la situación
Aquí todo está peor
Pero al menos aún respiro

Und bauen Träume aus dem nichts

Vatertag. Überall werde ich daran erinnert. Im TV, über die social media – Seiten, draußen von den Menschen, die mit Wagen durch die Gegend ziehen. Ich habe heute morgen einen Spruch gelesen, der das ganze relativ treffend beschreibt.

Schade, dass so viele Männer scheinbar nicht wissen, dass zum Vatersein mehr gehört als einmal erfolgreich gefickt zu haben.

Ich habe keinen Moment darüber nachgedacht mich bei ihm zu melden. Natürlich habe ich an ihn gedacht, aber nicht daran das Telefon in die Hand zu nehmen. Trotz allem schmerzt es, weil ich so gerne einfach nun einen Menschen in meinem Leben hätte, der weiß, was zum Vatersein gehört. Der da ist, egal was in meinem Leben passiert, der mich unterstützt. Eine Sehnsucht, die mich oft quält. Auch nach all den Jahren fällt es unglaublich schwer zu akzeptieren, dass es nie so sein wird.

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Unter meiner Bettdecke schläft der Kugelhund die Erschöpfung vom Spaziergang aus. Katerkind hat sich auf dem Schrank versteckt und beäugt uns kritisch. Vorhin schlich er vorsichtig durch die Wohnung. Er weiß immer noch nicht so genau, was er mit dem Hund anfangen soll. Ich hoffe, dass er seinen Posten bald verlässt und nicht mehr irgendwo ein Versteck sucht, immerhin ist der Kugelhund nun einige Tage hier. Nun muss ich also morgens, mittags und abends vor die Türe. Egal wie es mir geht.
Mit N. war ich heute eine große Hundrunde spazieren. Es war schön raus zu kommen und die Sonne zu genießen und zu laufen, auch wenn Sprunggelenk und Knie bei bergauf und bergab dann doch ein wenig gemeckert haben. Als ich vorhin nochmal ein paar Minuten mit der Kugel draußen war, hab ich mir direkt mal 3 Mückenstiche eingefangen. Nun beginnt wieder die Zeit, in der die blutsaugenden Bestien über mich her fallen und ich ständig irgendwo juckende rote Beulen hängen habe.
Morgen will ich einkaufen gehen und in meinem Schlafzimmer Ordnung machen. Das Regal mit Unterlagen und sonstigem Kram quillt bald über, außerdem will ich mein Bett frisch beziehen. Und mit dem Hund raus und die Sonne genießen.

Aber was wenn alles gut geht
Was wenn jeder Plan gelingt
Was ist wenn wir feiern können
Weil jetzt endlich alles stimmt
Und was wenn wir ganz oben stehen
Und dabei bleiben wer wir sind
Was wenn alles gut geht

Und wenn ich auch laufe durch’s finstere Tal

In Stuttgart ist die lange Nacht der Museen. Und ich werde traurig. Denn ich war immer mit meinem Vater dort. Damals. Es scheint so lange her. Das waren welche von den guten Momenten, meistens. Nächte, die interessant und spannend waren, die schön waren. Und ich habe das Bedürfnis ihn anzurufen. Weil ich mich an die gute Seite in ihm erinnere, weil wir dann schöne Momente hatten. Ich kann das nicht in Einklang bringen mit seiner anderen Seite. Kann nicht klar kriegen, dass eine Person so völlig verschieden sein kann. Kann diese zwei Gesichter nicht miteinander in Verbindung bringen. Wenn ich an die guten Momente denke, dann vermisse ich ihn, will anrufen, will mit ihm telefoniert. Dann kommt die Erinnerung an die anderen Momente. Und dann hasse ich ihn. Und dann hasse ich mich, weil ich das Gefühl habe ihn nicht hassen zu dürfen. Chaos im Kopf. Bäh.

Der Tag war schön. Ich war mit einer Bekannten in der Hauptstadt, wir saßen in der Sonne und danach im Kino. „Raum“ handelt von einer Frau, die mit 17 entführt und in einen Raum gesperrt wird. 7 Jahre später schafft sie es mit Hilfe ihres 5jährigen Sohnes zu entkommen und mit ihm einen Platz in der Welt zu finden. Sehr bewegender Film, sehr toll gespielt.
Es war ein schöner Mittag und Abend und tat sehr gut. 🙂

Am Donnerstag war ich mit meiner Mutter nach einer Waschmaschine schauen. Wenn ich Glück habe wird sie nächste Woche geliefert und die alte wird mitgenommen. Hoffentlich, denn ich kann ja nicht waschen. Und muss auch sonst irgendwie den Kliniktermin verschieben.
Und vielleicht ist auch nächste Woche mein Handy endlich fertig.
Ansonsten war ich in den letzten Tagen nicht sonderlich produktiv, abgesehen von einkaufen und Krankenkasse entnervt fragen, was schon wieder mit meinem Geld schief lief. In der Nacht auf Freitag lag ich wach bis 5 und kam dann auf letztendlich knapp 90 Minuten Schlaf, bevor ich in die Klinik tapste und mich von I. verabschiedete für die nächsten 3 Monate bis sie wieder kommt. Sie wohnt nicht in Deutschland, sie einfach so besuchen fällt also aus.
Morgen werde ich mich auf den Weg zu Mama und Schwesterherz und Lieblingsschwager in spe machen und mit ihnen zusammen in den Zirkus gehen, das hat Mama sich gewünscht. Ich würde lieber zuhause bleiben und mich vor der Welt verstecken, aber vermutlich ist raus kommen besser. Auch wenn ich seit Ostern genug Mama hatte für die nächsten paar Wochen. Oder Monate.
Und nun werde ich aufräumen. Gegen das Chaos im Kopf. Oftmals hilft das, vielleicht habe ich ja Glück. Denn ich mag nicht heute noch heulend und mit einer Klinge im Bad sitzen, dafür war der Tag zu schön.
Der Tag war gut und er bleibt auch gut. Schritt für Schritt und Skill für Skill.

Zuhause ist die Welt noch in Ordnung
Hier ist mein Unterschlupf im Krieg

Familienwahnsinn

Familie. Anstrengend. Schon mit meiner Mutter alleine komme ich oftmals an meine Grenzen. Als mein Großonkel dann noch auftaucht möchte ich am Liebsten fliehen. Er muss immer stundenlang alle möglichen Familiendinge diskutieren. Das ist neben anstrengend auch teilweise einfach triggernd, da er von meinem Vater anfängt, da er alte Geschichten erzählt. Und weil er mich manchmal an meinen Vater erinnert, auch wenn zwischen ihnen keine Verwandtschaft besteht.
Er redet und redet und redet. Irgendwann zwischendurch schwenkt er um zu der aktuellen Lage in Deutschland. „Ich bin ja kein Nazi, aber…“. Da ist der Punkt erreicht, an dem ich mich auf das Sofa verziehen, mich meinem Kindle widme, ein wenig spiele und versuche mich abzulenken. Ich möchte nach Hause. In meine Sicherheit, zu meinem Katerkind und meinen Meerchen. Ich mag mich verletzen. Ich bin einfach an meinen Grenzen angelangt.
Aber natürlich bleibt es nicht dabei. Irgendwann ziehe ich meine Weste aus, weil ich das Gefühl habe mich in einer Sauna zu befinden. Und natürlich zieht das einen Rattenschwanz hinter sich her. Am Ende davon sitze ich heulend in der Küche, den Kopf voller Erinnerungen an meinen Vater. Meine Mutter versteht nicht, warum ich mir das selbst antue und ich versuche schon gar nicht mehr mich irgendwie zu erklären. Vielleicht schaffe ich es irgendwann ihr klar zu machen, dass sie es einfach akzeptieren soll, weil alles andere mich wahnsinnig macht.
Und nun liege ich im Bett. Fühle mich leer und müde und ausgelaugt. Ich weiß, warum ich so Familienkram nicht mag.
Lang und breit erklärt mir meine Mutter, dass ich verzeihen muss. Dass Fachmenschen in Sachen Psychiatrie einfach niemals helfen können, sondern alles noch schlimmer machen. Ich denke an meine erste Therapeutin, an meine aktuelle, an meinen Psychiater, den Psychopeut aus der Klinik, an das Pflegepersonal. Und schüttel in Gedanken den Kopf. Und dann beginnt in meinem Kopf „Der Tag war gut und er bleibt auch gut.“ immer und immer wieder abzulaufen. Es war schön, bevor es anstrengend wurde, und ich möchte es auch so ausklingen lassen. Also liege ich im Bett, versuche die Gedanken aus meinem Kopf zu vertreiben, atme vor mich hin. Und merke dabei, dass mein Knie weh tut, mit dem ich heute morgen irgendwo dagegen stieß. Und dann muss ich an Pfleger Arschkeks denken, weil er sich immer so köstlich amüsiert, wenn ich über Schmerzen jammer. Morgen nachmittag werde ich wieder in mein kleines Reich fahren. Werde deb Zitronenkater bekuscheln und die Meeris kraulen, werde auf meinem Sofa sitzen und in meinem Bett schlafen. Ich freue mich darauf, auf die kurze Auszeit, bevor der Familienwahnsinn wieder beginnt. Am Montag ist es vorbei. Dann kann ich erst einmal durchatmen und zur Ruhe kommen.
Der Tag war gut und er bleibt auch gut. Und ich werde es hinkriegen mich nicht zu verletzen. Schritt für Schritt und Skill für Skill, bis ich endlich einschlafe.

Ich spüre diese Kraft, sie ist ein Teil von mir. 

Bei um- und aufräumen findet man ja oft alle möglichen Dinge. Mir ist mein Tagebuch in die Hände gefallen. Direkt am Anfang steht groß „ich will nicht mehr“. Das war am 6.12.2002. Ich war 13. Zu der Zeit habe ich mich schon fast 2 Jahre selbst verletzt. Ich schreibe von meinem Vater. Das ich ihn doch liebe. Der Eintrag endet mit „aber er mich…?“.
Ich schreibe davon, dass ich aufhören will mich zu verletzen. Schreibe, dass ich es wieder getan habe. Schreibe, dass ich eine Woche ohne geschafft habe. Schreibe von mehrmals täglich verletzt. Ich schreibe über meinen ersten Liebeskummer, über Freundschaft. Über meinen Vater. Immer und immer wieder sind Worte verwischt, weil ich beim schreiben geweint habe. Ich schreibe, dass ich nicht mehr leben will, schreibe davon, dass ich keine Kraft habe etwas zu tun, dass ich dem Unterricht nicht mehr folgen kann, dass ich nicht schlafen kann. Und immer und immer wieder von Selbstverletzung und Suizidgedanken. Ich schreibe davon, dass ich eine Therapie machen will, mein Vater aber dagegen ist. Ich schreibe von Terminen beim Jugendamt, davon, dass ich da raus will, mich aber nicht traue. Davon, dass ich heimlich beginne zur Therapie zu gehen. Schreibe von der inneren Leere, die mich quält, vom Schneiden, dass diese Leere wenigstens eine Weile vergehen lässt. Schreibe davon, dass das schneiden immer schlimmer wird. Dass ich nicht mal mehr ein paar Stunden ohne aushalte, sondern mich während den Schulstunden auf der Toilette selbst verletze, um den Tag durchzustehen. Da war ich 16. Ab da ist jeder Eintrag voller Suizidgedanken, voller Schneidedruck, voller Schmerz. Im Mai 2006 stehen dann da ganz groß die erlösende Worte: „Der Beginn eines neuen Lebens.“ Was ich schreibe verändert sich. Ich schreibe von der Schwierigkeit bei meinem Vater raus zu sein und damit klar zu kommen. Dass ich trotz allem, was geschehen ist, darunter leide ihn alleine zu lassen. Dann kommt die Zwangseinweisung. Ein paar Wochen später dann die freiwillige stationäre Therapie. Ich schreibe von der Angst vor der neuen Pflegefamilie, von den Einschränkungen und von dem Tag, an dem ich endlich von der Station darf ohne Begleitung vom Personal.
Dann kommt die Zeit, in der alles doch irgendwie schwerer wird. Zwei Zwangseinweisungen, die ersten Wunden, die genäht werden müssen. Ständige psychosomatische Krankheit und Fehlen dadurch in der Schule. Die nächste Zwangseinweisungen, 3 Wochen auf der geschlossenen. Der Auszug in eine eigene Wohnung. Und dann der totale Zusammenbruch ein Jahr vor dem Abi, weil ich immer und immer wieder vertröstet werde in Tübingen bei der DBT, weil letztendlich klar wird, dass es sich so weit verschiebt, dass ich mein Abitur nicht mehr schreiben werden kann, weil einfach alles zusammenbricht. Mein Tagebuch endet 2009 damit, dass ich ungeplant alle Zelte in BaWü abbreche, mich von keinem verabschiede, meine Sachen packe, meine Meeris schnappe und zurückkehre in meine Heimat.
Damals habe ich dann angefangen zu bloggen.
Es ist merkwürdig diese Dinge zu lesen. Es fühlt sich an, als ob es ein ganz anderes Leben wäre, dass da beschrieben ist, und doch weiß ich immer noch, wie ich in meinem Bett saß, so oft heulend, und diese Worte geschrieben habe. Ich erinnere mich an die ersten Schnitte, damals mit dem Teppichmesser, dann an die Schnitte mit dem Skalpell aus dem Badezimmerschrank und letztendlich daran, dass ich mit zitternden Händen und voller Panik zum ersten Mal Rasierklingen gekauft habe. Ich erinnere mich an den Schmerz und die Verzweiflung, wenn mein Vater mich wieder beschimpft und geschlagen hatte, an die Erleichterung, die das schneiden brachte und an das Gefühl, dass ich selber Schuld sei an allem, was er mir antut. Ich erinnere mich an die Angst, als mein Klassenlehrer anrief und meinem Vater sagte, dass er ihm rät mich bei einer Therapeutin vorzustellen. An die Erleichterung, als ich endlich einen Ort hatte, an dem ich alles erzählen konnte und eine Person, die mir glaubt. An die Wut auf meinen Vater, als er sagte, dass ich da nicht mehr hin darf. Denn die Therapeutin hatte es durchschaut. Hatte ihn durchschaut, hatte erkannt, dass nicht ich verrückt bin und Dinge erfinde, sondern dass er mich wirklich so behandelt und ich schwer traumatisiert bin. Ich erinnere mich an die Angst, als ich das erste Mal ohne sein Wissen zu ihr fuhr und erzählte, dass wir in diesen Stunden Mittagsschule haben. Und an die unglaubliche Erleichterung und den Halt, den mir diese Stunden gaben.
Und (und das finde ich eine unglaubliche Entwicklung, denn es war so lange unvorstellbar) ich werde wütend und sauer. Nicht auf mich, sondern auf ihn, für all die Dinge, die er getan hat. Auch wenn ab und zu immer noch in meinem Kopf ist, dass ich selbst Schuld dran sei, so weiß ich heute, dass es nichts auf der Welt gibt, dass Gewalt gegen Kinder rechtfertigt, ich weiß, dass er eine Straftat damit begangen hat (eine? Haha.), dass er nicht im Recht war mit seinen Worten und Taten. Manchmal schmerzt es noch, dass da kein Kontakt mehr ist. Manchmal denke ich, dass ich ihm dieses oder jenes gerne erzählen würde. Manchmal bin ich traurig, weil ich mir einen Vater wünsche, der für mich da ist, mich unterstützt und mir doch wenigstens einmal in meinem Leben sagt, dass er stolz auf mich ist. Und dann kommen die ganzen Erinnerungen und ich bin froh, dass ich ein neues Leben habe, dass ich ein selbstbestimmtes Leben habe ohne ihn darin. So schwer es manchmal fällt, aber ich brauche diesen Abstand, denn sonst lebe ich in ständiger Angst vor ihm und vor dem was er als nächstes tut oder sagt. Ich will ihn nicht in meinem Leben, solange er nicht ehrlich bereut. Und er hat sich so oft entschuldigt und am nächsten Tag dann wieder zugeschlagen, dass ich ihm nie wieder glauben kann, wenn er sowas sagt. Ich will ihn nicht sehen und nichts von ihm hören, will endlich frei sein und frei leben können. Und irgendwann will ich auch frei sein von den Worten, die bis heute so tief in mir festsitzen. Frei sein von „du bist nichts wert“, von „du kannst nichts und wirst nie was erreichen“, von „du faules Stück“, „du fette Schlampe“ und „du wirst nicht mal Putzfrau werden können“. Frei von den ganzen Sätzen, die bis heute in meinem Kopf schwirren, die es mir bis heute schwer machen stolz auf mich zu sein oder mir Gutes zu tun. Und frei von der Angst vor ihm. Ich will frei sein von allem, dass mit ihm in Zusammenhang steht und ich werde das auch schaffen. Chakka! Schritt für Schritt und Tag für Tag. Ich weiß, dass ich die Kraft dazu habe. Und jetzt werde ich mir Gutes tun.
Graadselääds! 🙂

Ich geh‘ nie mehr zurück, das ist Vergangenheit.

Ich bin frei, endlich frei, 
und ich fühl‘ mich wie neugeboren. 
Ich bin frei, endlich frei, 
was es war, ist jetzt vorbei.