Bewegen statt erstarren

Zivilcourage an sich ist ja ’n feines Ding. Schwierig wird es, wenn es zu Retraumatisierung führt und man später zitternd und heulend auf dem Badezimmerboden sitzt und immer wieder mit der Kloschüssel kuschelt.

Eigentlich ist alles gut. Es ist Dienstag und man hat schon Wochenende, freut sich auf die Wärme der Wohnung und das Katerkind. Vor dem Bahnhof stehen zwei Personen, ein Mann und eine junge Frau. Er hält sie fest, bedrängt sie, sie ruft immer wieder „Lass mich los!“. Sie geht, er folgt ihr. Weniger später Schreie vom Parkplatz. Menschen laufen vorbei, kucken doof, tun nichts. Man geht in die Richtung, zückt schon mal das Telefon… Und hat einfach Angst als Frau einzuschreiten und es kommt natürlich auch niemand mehr vorbei, man will aber auch nicht zurück gehen um jemanden zu holen, da ja etwas passieren könnte. Also ruft man die Polizei, erklärt, beschreibt die Personen, wartet. Letztendlich tauchen die Beamten auf und man ist erstmal erleichtert.

Und zuhause kommt der mental breakdown. Man, in diesem Fall ich, sitzt heulend und zitternd da und kann die aktuellen Bilder nicht mehr von den Bildern der Vergangenheit trennen, alles verschwimmt zu einem Einheitsbrei und was bleibt sind die Schreie der jungen Frau, die sich mit meinen Schreien der Vergangenheit mischen. Ich bin plötzlich wieder 12 Jahre jünger und habe Angst um mein Leben, mein Herz rast in der Vergangenheit und in der Gegenwart, ich zittere im Hier und Jetzt und in der Vergangenheit, die Bilder der vorbeilaufenden Menschen aus der Gegenwart vermischen sich mit den Fragen der Polizisten aus der Vergangenheit, warum denn niemand etwas getan hat.

Flashback folgt auf Flashback und in den kurzen Momenten dazwischen gelingt es mir nicht aktiv etwas dagegen zu tun. Also vergeht Flashback um Flashback und Vergangenheit und Gegenwart geben sich in meinem Badezimmer die Klinke in die Hand, während ich versuche zurück zu finden ins Hier und Jetzt, in die Realität, in mein Badezimmer zu meinem Badezimmerboden und meiner Kloschüssel, in die ich meinen Mageninhalt befördere, weg von alten Erinnerungen und Bildern und Worten, die eigentlich 12 Jahre zurück liegen.

Eigentlich war es nie Thema. Natürlich war jener Abend vor fast 12 Jahren oft Thema, jener Abend, an dem ich in Obhut genommen wurde, seit dem es ein davor und danach gibt. Doch er war nie Thema als schwere Situation, als traumatisierendes Erlebnis an sich. Es gab die Dinge davor, ja. Aber wenn Momente und Situationen Thema waren, in denen ich traumatisiert wurde, dann spielte dieser Abend nie eine Rolle. Weder in meinem Bewusstsein, noch in dem der professionellen Helfer an meiner Seite. Natürlich erlebte ich die Inobhutnahme auch als sehr verstörend und ein Stück weit vielleicht traumatisierend und auch die Menschen, die in der Hinsicht mit mir gearbeitet haben. Aber eher als Prozess, als Schock der Normalität der Wirklichkeit, die mich traf, kannte ich doch nur das Leben davor, so völlig jenseits von Normalität. Als einzelner Abend – Nein. Ich glaube wirklich es war nie ein Thema.

Doch nun sitze ich hier (mittlerweile auf dem Wohnzimmerboden und immer noch nicht gänzlich in der Realität), versuche mich an die Wirklichkeit zu klammern und an Worte, versuche dem Schrecken in mir Raum zu machen, indem ich Worte zu Sätzen formuliere, versuche durch Schreiben und damit real machen der Dinge einen Weg zu finden dieser Sinnesflut Einhalt zu gebieten und dem Gefühl, dass ich nichts sagen darf, dass ich nicht existent sein darf, etwas entgegen zu setzen.

Der Teil von mir, der sich völlig in der Gegenwart befindet, der sich seit Jahren mit PTBS beschäftigt und auch fachlich einiges Wissen hat, brüllt in meinem Kopf „Bist du eigentlich blöde?!“. Denn ja, wie wahrscheinlich ist es denn bitte, dass man in einer Situation, in der man Todesangst hat, nicht traumatisiert wird? Todesangst, wirkliche Panik davor zu sterben, plötzlich mit der Endlichkeit des eigenen Daseins konfrontiert werden, wie geht man da völlig unbeschadet raus? Wenn jemand vor einem steht und sagt „Ich bring dich um.“ und man weiß mit völliger Sicherheit, dass es keine dahergesagte Floskel, sondern bitterer Ernst ist. „Ja, bist du eigentlich blöde?“ brüllt es weiterhin fröhlich in meinem Kopf.

Die Stunden danach waren und sind immer noch unwirklich. Die Zigarette im Auto mit Frau G., der Mitarbeiterin des Jugendamts. Interessanterweise kann ich mich an ihren Namen erinnern, weiß aber nicht mehr, wie die Mitarbeiterin hieß, die dann in den Jahren danach für mich zuständig war.

Der Morgen danach, als ich mit Frau B. im Lehrerzimmer sitze und ihr davon erzähle und erkläre, warum ich die nächsten Tage nicht in die Schule kommen werde. Die Ankunft bei der Notpflegefamilie, die ganzen Eindrücke, der rote Kater, der dort abends in „meinem“ Bett bei mir schläft. Alles verschwimmt zu einem diffusen Eindruckswattebausch, nicht wirklich greifbar, nicht zu entwirren. Was deutlich ist, sowohl damals als auch im Hier und Jetzt, ist die Angst. Wie ein schwarzer Dämon, der sich in mir ausbreitet und wächst, der seine eiskalten Klauen um mich legt, der mich mit einer Kälte durchdringt, die keine Wärme der Welt vertreiben kann, der mich im Hier und Jetzt Zittern und Hyperventilieren und Schreien lässt. Da ist kein Schmerz, keine Traurigkeit, keine Wut, sondern nur allumfassende Angst.

Und mit dem Wissen von heute erkenne ich, dass es damals Angst war, die mich so oft fast sterben ließ, in dem Zeitraum von 14 bis zur Inobhutnahme. Ich weiß schon lange, dass es damals Panikattacken waren, die mich eiskalt trafen, doch brachte ich diesen Namen der Sache nie mit diesem Gefühl in Verbindung, welches gerade so in mir tobt. Auch wenn ich rational wusste, dass es Panikattacken sind, nicht zuletzt weil meine Therapeutin (ja, auch Psychiaterin) mir damals Medikamente gegen Panikattacken verschrieb. Und ich habe das Aufhören der Panikattacken nie in Verbindung mit der Inobhutnahme gebracht. „Ja bist du blöde?“ brüllt es wieder.

Und wirklich, genau diese Dinge werden mir bewusst während ich sie schreibe, während ich Buchstaben zu Worten zu Sätzen forme. Ich lasse es Realität werden, indem ich schwarz auf weiß festhalte, was passiert ist. „Es ist nicht wahr, was nicht wahr sein darf.“ sagt meine Therapeutin immer. Ich lasse es wahr sein, es darf wahr sein, es darf Realität sein.

Und für so etwas bedarf es dann einfach nur der Zivilcourage. Bämm. Und schon fliegt einem wieder einmal das Leben um die Ohren.

Ich zögere noch. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Ich weiß nicht, ob es gerade so okay ist, dass ich sagen kann es ist okay. Ich weiß nicht, ob das gerade ein Moment ist für einen Anruf in der Klinik oder bei der Krisenhotline. Ich weiß nicht, ob ich lieber ausharren soll ohne mich zu bewegen, oder ob ich etwas tun soll. Und währenddessen taucht das Bild der Körpertherapeutin aus der dbt vor meinen Augen auf, wie sie mir im Einzel gegenübersteht und immer wieder „Bewegen statt erstarren!“ sagt. Also werde ich das gleich versuchen. Raus aus dieser Angst, raus aus der Vergangenheit.

Why is everything so heavy?

Manchmal geht es einfach abwärts. Dieses manchmal passiert häufiger zu bestimmten Daten, in bestimmten Situationen, zu manchen Zeiten.

Ich kann momentan relativ klar sagen was die Krise ausgelöst hat. Das Studium ist stressig, die Wohnsituation anstrengend, es geht auf Weihnachten zu und ich habe drei Nächte quasi gar nicht geschlafen. Und schon stehe ich da, mitten in einer Krise.

Dass Krisen nicht immer etwas schlechtes sind lerne ich momentan. Auch im Studium. Eine Krise ist immer begleitet von einem Umbruch und damit auch einem Neuanfang. Es ist immer auch eine Chance und rückblickend kann ich das von jeder Krise meines Lebens sagen, dass immer auch Positives daraus entstand. Ob neue Bewältigungsmechanismen, neue Denkanstöße oder auch einfach nur das Gefühl eine Krise bewältig zu haben.

In einer Krise sehe ich diese Dinge natürlich nicht. Dann sehe ich nur das Versagen, sehe nur die Dunkelheit. Es gibt kein Davor und Danach. Es gibt nur den Moment, in dem nichts anderes mehr Platz im Kopf hat als die Gedanken an Selbstverletzung und daran das alles doch einfach hinzuwerfen.

Die Weihnachtszeit triggert. Sie triggert alte Erinnerungen an die Weihnachtszeit bei meinen Vater und die Feiertage, an denen ich bei meiner Mutter war. Bei meinem Vater vermisste ich sie furchtbar. Doch sobald ich zu ihr wollte erzählte er mir, wie schlimm es ist an Weihnachten alleine zu sein. Oder rief mich an Weihnachten dort an und sagte, dass er so gerne mit mir zusammen feiern würde und er sich schon freut wenn ich wieder bei ihm feiern werde. Zerrissen zwischen der Liebe und Sehnsucht zu meiner Mutter und den Schuldgefühlen gegenüber meinem Vater.

Die Weihnachtszeit triggert auch den Wunsch nach einer intakten Familie. Ich habe Sehnsucht nach den schönen Momente, nach einem Vater, mit dem ich reden kann und lachen und schöne Dinge erleben. Und damit kommen die Gedanken, dass ich ihm vielleicht Unrecht tue. Dass er vielleicht nicht dran Schuld ist an all diesen Dingen, dass es meine Schuld war. Dass ich einfach damals ein krankes Kind war so wie ich heute eine kranke junge Frau war. Dass ich es verdient hab geschlagen zu werden, verdient habe so behandelt zu werden, dass ich selbst mit meiner Art und meinem Verhalten Schuld trage an dem Missbrauch. Oder doch vielleicht so krank bin, dass ich mir sowas einbilde.

Am Montag bin ich in die Krisenwohnung meiner Krisenbetreuung gegangen. Es ist besser, irgendwie, und doch irgendwie auch in jeder Hinsicht schlimmer. Ich habe schon lange nicht mehr über einen solchen Zeitraum hinweg so einen Selbstverletzungsdruck gehabt, gepaart mit solchen Suizidgedanken. Heute bin ich nach Hause. Es tut gut wieder hier zu sein und tut doch gar nicht gut hier zu sein. Es ist schwerer jemanden zu kontaktieren als einfach nur an der Tür nebenan zu klopfen. Es ist noch schwerer das nun zu tun und zuzugeben, dass ich es nicht schaffe. Es ist ein Rückschritt. Ein Versagen. Ich habe zugesichert mich zu melden bevor ich mich verletze oder mir etwas antue. Antun, okay. Es existiert immer noch der Lebensvertrag. Doch auch zuzusichern das zu tun vor einer Selbstverletzung war unheimlich schwer. Wie soll ich es dann schaffen dort anzurufen, „nur“ weil ich das Gefühl habe gleich zu sterben vor Schmerz und Druck und Scham und Schuldgefühlen. Weil ich Angst habe, dass ich es nicht schaffe mich zu melden und weil ich Angst habe dass ich in die Klinik soll, weil ich das gerade so gar nicht möchte, weil das gerade so gar nichts helfen würde?

Es ist so schwer das gerade auszuhalten.

I keep dragging around what’s bringing me down
If I just let go, I’d be set free
Holding on
Why is everything so heavy?

this is where the healing begins

Es ist 3.23 Uhr, als ich leise die Wohnungstür aufschließe und die Wohnung betrete. Ich schlüpfe ins Schlafzimmer meiner Mutter, drücke ihr einen Kuss auf die Wange und sage leise „ich bin daheim“.

Wie gerne hätte ich solche Erinnerungen an meine Jugend. Tatsächlich habe ich bis zur Volljährigkeit nur zwei Mal gefeiert. Kein einziges Mal betrat ich danach die Wohnung und sagte diese Worte zu meiner Mutter. Stattdessen bin ich seit 10 Jahren volljährig und sage diese Worte zum ersten Mal, nachdem ich vom Feiern heimkomme.

Es macht mich traurig, dass ich solche Erlebnisse in meiner Jugend verpasst habe. Zum einen das Feiern, zum anderen heim zu kommen und zu wissen, dass meine Mutter zwar schläft, aber erst in den beruhigten Tiefschlaf fallen wird, wenn ich wirklich zuhause bin.

Auf der anderen Seite ist es schön. Ich habe es jetzt. Lange war es schwierig für mich hier zu sein, hier zu schlafen. Doch seit ich meiner Mutter erzählt habe, was damals alles passiert ist, seit sie Details kennt und seit ich bei ihr weinen kann, weil ich nicht den Vater habe, den ich mir so sehr wünsche, seitdem fühlt es sich so viel besser an hier zu sein. Es ist ein Stück Geborgenheit und Heimkommen. Mehr als früher, mehr als jemals seit meiner Kindheit, als meine Mutter nur Zuflucht für den Moment war und ich jeden Moment in mich aufgesaugt habe um die nächsten Monate zu überstehen.

Auch wenn es so viele Jahre zu spät kommt, nun ist es da. Und es heilt ein klein wenig die tiefen Wunden der ganzen Jahre.

So vieles ist immer noch in Bewegung, auch wenn mein altes Leben nun schon so viele Jahre und Kilometer weit weg liegt. Doch in manchen Momenten spüre ich die Heilung, die nun passiert. Ein Stück ganz werden, ein Stück Klebestreifen, dass die kaputten Teile wieder zusammenhält.

So you thought you had to keep this up
All the work that you do
So we think that you’re good
And you can’t believe it’s not enough
All the walls you built up
Are just glass on the outside

So let ‚em fall down
There’s freedom waiting in the sound
When you let your walls fall to the ground
We’re here now

This is where the healing begins, oh
This is where the healing starts
When you come to where you’re broken within
The light meets the dark

Medikamente und so.

Man landet in der Klinik, wenn man was anstellt. Versucht sich umzubringen. Sich extrem selbst verletzt. Aber man kann auch dort landen, wenn man nichts tut.

Die letzte Woche war anstrengend. Termine, erkältet, Stress, Schlafprobleme. Und was passiert? Die Zitrone vergisst ihre Medikamente.

Am Freitag ging es mir seltsam. Ich hab es auf die Erkältung geschoben, war in der Hauptstadt und wieder heim. Alles war wattig, die Welt hat gewackelt und unterwegs wollte ich plötzlich nur noch heulen, mir die Arme aufschneiden, mir was antun.

Ich rief in der Klinik an, sprach mit der Ärztin. Entzug sagt sie. Ich soll vorbei kommen sagt sie, sie gibt mir die Medis in geringer Dosierung, damit ich wieder hoch dosieren kann. Ein paar Stunden später ging nichts mehr. Also tippe ich auf mein Telefon, rede mit Pfleger Kai, dann mit dem Arzt vom Dienst und bin wenig später wieder da, stehe auf dem Flur und bekomme ein Zimmer.

„Warum haben Sie die Tabletten denn abgesetzt?!“ fragt mich der Pfleger. Ich möchte platzen, denn die Ärztin hat es so an ihn weiter gegeben. Ich wiederhole also mal wieder, dass es wirklich ein Versehen war, Unachtsamkeit und Verpeiltheit und definitiv keine Absicht. Ich bin froh um meine aktuelle (Naja, nun nicht mehr so aktuelle) Stabilität. Absichtlich würde ich sie nicht riskieren.

Heute morgen bin ich wieder aus der Kliniktüre spaziert. Körperlich ist es deutlich besser. Psychisch auch. Ich merke zwar, dass ich momentan nicht so stabil bin wie „im Normalzustand“, aber ich bin nicht mehr akut suizidal und will mir auch nicht mehr die nächste Rasierklinge in den Arm rammen.

Gestern Abend flog mir meine Psyche gewaltig um die Ohren. Ausgelöst hat das ganze die Tatsache, dass eine ehemalige Zimmernachbarin kam und in mein Zimmer sollte. Es ist schon gut 2 Jahre her, seit ich mit ihr im Zimmer lag, doch es hat mir gereicht damals. Sie wusch sich nicht. Eigentlich schon genug. Aber nein, sie befriedigte sich auch jede Nacht selbst.

Gestern triggerte mich das Ganze dann so extrem, dass ich weg war. Eine gute Stunde meinte Pfleger Kai später. Wirklich zu mir kam ich irgendwann auf dem Boden des Bads. Ich weiß noch, dass ich aufs Klo musste und plötzlich das Waschbecken auf mich zu kam. Bei der Landung auf dem Boden habe ich den Hocker umgeschmissen und dieses Geräusch rief Kai auf den Plan. Dann gerieten wir erst mal aneinander, weil es bei mir ankam, als ob er mir unterstelle, dass ich das absichtlich mache. Im Nachhinein haben wir es geklärt. Inklusive einem „Sie Arschloch!“ von mir, dass ich mit einem „nehmen Sie mir das nun nicht übel“ angekündigt hatte.

Später im Bett wird mir bewusst, warum es mich so getriggert hat. In der Therapie wird immer mehr klar, wie viel eigentlich Missbrauch war, wie viel Grenzüberschreitung. Auch so viele Dinge, die für mich irgendwie noch okay waren, weil nicht aktiv. Beispielsweise wenn eine Selbstbefriedigung stattfand. Und die Mitpatientin triggert die Erinnerung an ihr damaliges Verhalten und die Erinnerungen triggern die Erinnerungen an die Kindheit, an eben solche Situationen.

Und so föhnt es mich eben gestern weg. Völlig. Ich schlafe irgendwann ein, mit brennendem Arm von der Finalgon, mit Kopfschmerzen und dem Gefühl einen Marathon gelaufen zu sein.

Dementsprechend matschig bin ich heute morgen auf aufgewachsen und dennoch guter Dinge aus der Tür hinaus und Richtung nach Hause.

Doch nun liege ich hier. Schlaflos. Mein Kopf ist voller fieser Gedanken und Erinnerungen. Mein Körper schmerzt und es sind keine aktuellen Schmerzen, sondern Erinnerungen an damals. Mein Kopf weiß das. Dennoch triggern die Schmerzen ohne Ende.

Ich will schlafen. Dazu bleiben mir noch ungefähr 3 Stunden. Ich will einfach nur in den Schlaf fliehen und die Schmerzen und die Bilder für ein paar Momente los sein…

Denn der Weg ist lang

Musik. Wie oft habe ich schon darüber geschrieben… In der letzten Zeit habe ich meine Angewohnheit mit Liedtexten zu bloggen etwas vernachlässigt. Vorsatz für das neue Jahr: öfter mal wieder tun. 

Mein erstes Konzert habe ich mit ungefähr 4 Jahren besucht. Auf den Schultern meines Vaters. Die Liedtexte konnte ich fast alle mitsingen, sehr zur Belustigung der umstehenden Menschen. 

Vielleicht hat sich schon damals gezeigt, dass mein Gehirn irgendwann zu 80% von Lyrics eingenommen sein wird. Manchmal ist es furchtbar, Lieder, die ich ewig nicht mehr gehört habe, sind in irgendwelchen Gehirnwindungen eingebrannt. 

Und um den Bogen von meinem allerersten Konzert zu der Gegenwart zu ziehen: für eben jenen Künstler habe ich vorhin Tickets bestellt. 

Klaus Lage. 

Meine Sympathie für seine Musik beruht definitiv auf den Musikvorlieben meiner Eltern. Denn „1000 mal berührt“ und auch Schimanski gehören in ihre Zeit und so auch Klaus Lage. Seine CDs aus der früheren Zeit kenne ich von vorne bis hinten auswendig. Inklusive Text. 

An dem Tag, an dem meine Uroma beerdigt wurde, lief seine CD auf der Rückfahrt. Ich weiß es noch ganz genau. An diesem Tag fuhren wir von BaWü in meine Hauptstadt. Ich bettelte, dass ich meine Mama sehen darf. Als ich vor der Tür stand, klingelte und sie öffnete, wusste ich genau, dass etwas nicht stimmte. Und so war es. Meine andere Uroma war gestorben. So war dies ein trauriger Tag für mich. Ich verlor meine beiden ältesten Verwandten innerhalb kurzer Zeit. Auf dem Rückweg, es war schon dunkel, blickte ich aus dem Autofenster, sah die Sterne, und Klaus Lage lief. 

Solche Momente brennen sich ins Hirn und kommen immer wieder hoch. Mittlerweile schmerzt es nicht mehr so sehr, auch wenn ich meine beiden Uromas oftmals sehr vermisse. 

Musik war schon immer ein Teil in meinem Leben. Ob bei den Autofahrten als Kind, wenn ich laut Lieder mitsang, später um die Gedanken in meinem Kopf zu übertönen, bei Konzerten und Festivals, in schönen und in schlechten Momenten. Mit Musik kann ich mich selbst unglaublich beeinflussen. Ob ich bei Ska-P durch die Wohnung tanze, mit den Broilers um die Wette brülle oder dem Soundtrack vom Herrn der Ringe auf dem Bett liege und nur atme. 

Viele Lieder meide ich. Oder höre sie nur in bestimmten Situationen. So gibt es Lieder, die mich an jeden Liebeskummer meines Lebens erinnern, Lieder, die mit verschiedenen Situationen zusammen hängen, Lieder, die in schweren Zeiten in meinen Ohren dröhnten. 

Ich freue mich, wenn ein neues Album erscheint, manchmal sehne ich den Tag herbei und bin unglaublich neugierig. Ich singe bei meinen liebsten Künstlern laut auf Konzerten mit, ich bin traurig, wenn sich eine Band auflöst, die ich gerne mag. Und in der letzten Zeit trauere ich um tolle Künstler, die sterben. 

Meine Mama sagte vorhin am Telefon zu mir, dass man ja nicht wisse, wie lange man noch die Gelegenheit hat, einen Künstler zu sehen. Und bei vielen der Helden meiner Kindheit und Jugend trifft das zu, einige sind schon gestorben. Was von ihnen bleibt ist die Musik. 

Ja. Musik. Musik und Bücher, ohne könnte ich nicht leben. 

Oftmals habe ich beim Schreiben von etwas plötzlich den Songtext aufgeschrieben, weil ich währenddessen Musik gehört habe. In der Schule hat es mich oft gerettet, dass ich stundenlang Texte von allen möglichen Liedern auf den Block gekritzelt habe, um mich in der Realität zu halten, um mich abzulenken. Es gibt Texte, die sind so sehr Teil meines Lebens geworden, Lieder, die mir viel bedeuten. Sei es nun „ganz egal ob ich Blut schwitz, bittere Tränen wein, alles erträglich, es muss nur immer Musik da sein“ aus 33rpm ist oder „tell everybody I’m on my way and I’m loving every step I take“ von Bärenbrüder, „du bist zu weit um umzudrehen“ von Rosenstolz. Oder wenn Jennifer Rostock in meine Ohren brüllt oder Nicholas Müller mich mit seiner Stimme und seinen Texten einnimmt. 

Ach, ich könnte stundenlang über Musik und Texte schreiben. Ich muss öfter mal die Musik aufdrehen. Und öfter mal zu Konzerten gehen. Und zu Festivals. Schließlich habe ich noch ein wenig (wenn auch nicht mehr allzu viel) Platz für Bändchen an meinen Handgelenken. 

Nun werde ich aber, natürlich untermalt von Musik, ein wenig in meiner Wohnung rumwuseln. Kurz einkaufen muss ich noch, vor allem Grünzeug für die Quietschies (ist dieser Scheiß so teuer im Winter! Ich geh noch bankrott an Futter für meine Viecher!). N. will später vorbei kommen. Heute Abend will ich mal wieder lange mit meiner kleinen Hexe telefonieren. Und am Wochenende muss ich wohl zu Mama, ihr Handy (bzw mein altes Handy) unterstützt nun kein WhatsApp mehr und ich muss mal schauen, ob ich mit einem custom rom ein neueres Android draufspielen kann. 

Mir geht es gut. Vieles ist anstrengend, aber es funktioniert zuhause größtenteils wirklich gut. Ich hätte das nicht gedacht und ich bin immer wieder aufs neue erstaunt, wieviel sich in diesen 14 Wochen DBT geändert hat. Vieles zeigt sich nun erst im Alltag, vieles wird sich erst in den nächsten Monaten zeigen, es wird sich zeigen, ob auch langfristig etwas anders ist, ob ich im Alltag bestehen kann mit den Anforderungen einer Arbeit oder eines Studiums. Aber ich bin guter Dinge. Ich lebe. Ich bin vom Überleben zum Leben gewechselt, das Verhältnis der Tage hat sich gedreht. Die Tage, an denen ich früher um jeden Atemzug kämpfen musste sind so viel seltener, die Tage an denen ich einfach lebe und genieße und klar komme sind so viel mehr. Es ist schön das zu spüren. So unglaublich schön. 

Und der Weg ist lang
und der Aufstieg schwer
seit ich auf diesen Weg kam
ist schon so lange her
ja, der Weg ist lang
und er windet sich sehr
und dem Glück das begann,
schau ich hinterher.

Freiheit kann man nicht eingrenzen, Freiheit muss man ausatmen.

Einige erinnern sich bestimmt noch an damals. Die Zeit, in der man mit einer Kassette im Fach vor dem Radio saß, den Finger über dem Aufnahmeknopf schwebend. Warten, warten, warten, bis das lang ersehnte Lied endlich kommt. Und dann quatsche der Radiomoderator zwischen rein! Daran muss ich gerade denken, als ich Musik von Youtube ziehe, um N. eine CD zu brennen. 

Damals. Ja, ich kenne noch den Zusammenhang von Stiften und Kassetten. Ich weiß auch, wie man eine Telefonzelle benutzt. Ich erinnere mich noch an das Geräusch, wenn das Modem sich ins Internet wählte. Ich habe Disketten benutzt, Briefe geschrieben, die Festnetznummern meiner Freunde auswendig gewusst, für Referate in der Bibliothek Bücher gewälzt. Ich erinnere mich an nur 3 Fernsehprogramme, an Schreibmaschinen und an das Gefühl, zum ersten Mal Google zu benutzen, zum ersten Mal eine SMS zu schreiben, zum ersten Mal einen mp3-Player in der Hand zu halten. 

Viele Erinnerungen aus meiner Kindheit fehlen mir. Die Erinnerungen, die ich habe, sind größtenteils schmerzhaft. Aber es gab da auch diese schönen Momente. 

Ich erinnere mich noch genau, wie ich damals in der Bibliothek der Schule saß, aufgeregt, nervös, immer über die Schulter blickend, ob jemand sieht was ich am PC mache. Mein Deutschlehrer hatte mich beiseite genommen. Mich gebeten in der Mittagspause eine Runde mit ihm zu gehen. Ich war 14, es störte ihn nicht, dass ich beim Laufen eine Zigarette rauchte, er gab mir sogar Feuer. Seine Frau, meine Sportlehrerin, hatte mich eine Weile zuvor im Unterricht am Handgelenk gepackt und meinen Ärmel hoch geschoben. Die frischen Wunden und die Narben gesehen. Er erzählte mir, dass sie einen Bericht gesehen hatten. Über Selbstverletzung. Er gab mir einen Zettel mit einer Internetseite. Und nun saß ich da, nervös, und tippte die Buchstaben in die Adresszeile des Browsers. Und las. Und wusste nicht, was ich fühlen soll. Da waren Menschen, so viele Menschen, die fühlten wie ich. Die sich selbst verletzten. Ich war kein Alien. Bis zu diesem Zeitpunkt war ich mir sicher, dass es, wenn überhaupt, nur wenige Menschen auf der Welt gab, die sowas machen. Mehrere Monate später meldete ich mich auf dieser Seite an. Und bin bis heute dort Mitglied. „Mein“ Forum. Bis heute gibt es mir oft Halt. Einige der wichtigsten Menschen in meinem Leben habe ich dort kennen gelernt. Es gibt Freundschaften, die seit Jahren bestehen, über Distanz und Krisen hinweg. 

Wenn ich versuche mich an schöne Erlebnisse meiner Kindheit zu erinnern, dann sind sie immer irgendwie getrübt. Auf Anhieb fällt mir nichts ein, dass einfach nur positiv war. 

Da ist zum Beispiel die Klassenfahrt nach Frankreich. Marseille, Avignon, Saintes-Maries-de-la-Mer. Es war eine schöne Zeit. Obwohl meine Lehrerin im Vorfeld Bedenken hatte, denn sie wusste von der Selbstverletzung, von den Suizidgedanken. Doch sie ließ sich auf ein Gespräch mit meiner Therapeutin ein und war anschließend beruhigt. Mit der Absprache, dass ich während dieser Zeit nichts anstelle, konnte sie leben. Wir hatten viel Spaß. Ein Klassenkamerad betrank sich dermaßen, dass unsere Referendarin ihn mit Klamotten unter die Dusche setzte und ihm den Finger in den Hals steckte. Ein Lehrer trank etwas viel Wein und torkelte abends an uns vorbei, während wir Shisha rauchten an der Rhone, gegenüber der Pont d’Avignon. „Was rauchen Sie da? Ist da was drin? Dann wird das sofort konsumiert! Äh. Konsumiert! Nein. Konfisziert!“. Als ich in einem Café einen Café au lait bestellte, fragte die Bedienung auf Deutsch „Mit Milch?“ und wir fielen fast lachend von den Stühlen. Es war eine schöne Zeit. Doch es war alles getrübt von dem Wissen, dass ich zurück muss. Zurück zu meinem Vater. Und je mehr Tage vergingen, je mehr Spaß wir hatten, desto dunkler und trauriger wurde es in mit. Ich erlebte zum ersten Mal eine schöne Zeit, als Teenager mit Freunden, hatte Spaß, war weit weg vom Einfluss meines Vaters. Ich sah zum ersten Mal, wie ein Leben sein kann, wie die Leben meiner meisten Mitschüler auch zuhause waren. Es war genauso schmerzhaft wie es schön war. 

Meine erste große Liebe. P. war in meiner Klasse. Und obwohl ich wusste, dass ich Mädels toll fand und mich zu ihnen hingezogen fühlte, so mochte ich ihn auch, war verknallt, wusste noch nicht wirklich viel über Homosexualität und noch weniger über meine eigenen Neigungen. Wir verstanden uns, ich wollte Zeit mit ihm verbringen und machte irgendwann den ersten Schritt. Die erste große Liebe vergisst man nicht, so heißt es immer. Und so ist es auch. Und obwohl das Ende schmerzhaft war, so war es doch schön. Beim ersten Liebeskummer denkt wohl jeder, dass man daran stirbt. Doch die Erinnerungen daran, an die Beziehung, sind aus anderen Gründen schmerzhaft und getrübt. Mein Vater verbot mir diese Beziehung. Verbot mir den Kontakt außerhalb der Schule. Besuche, Anrufe. Und so zerbrach die Beziehung. 

Die erste wirklich freie und schöne Zeit erlebte ich mit 17 in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Auch wenn in meinem Leben drumrum damals alles im Chaos war, die Inobhutnahme erst einen Monat vergangen, die Zukunft ungewiss, so war ich doch endlich frei von meinem Vater. Auch wenn es schmerzhaft war, weil ich mich schuldig fühlte, weil die Suizidgedanken mich umklammert hielten, weil vieles in mir einfach dunkel war, so hatte ich doch unglaublich schöne Momente, fühlte mich sicher. Und ich wusste, dass ich niemals zurück gehen werde. 

Bald ist es elf Jahre her. Elf Jahre sind dann vergangen seit jener Nacht, in der die Polizei und das Jugendamt da waren. Ich erinnere mich noch, wie ich mit Frau G. in ihrem Auto saß. „Ich brauche eine Zigarette!“ sagte ich heulend und sie bot mir eine an. So saßen wir schweigend in ihrem Auto, beide rauchen, nur unterbrochen von meinem Schniefen. Sie fuhr mich in dieser Nacht zu meinem besten Freund. Am nächsten Tag kam ich zu meiner Notpflegefamilie. Saß heulend bei meiner Lehrerin Frau B. im Lehrerzimmer meiner Schule und erzählte, was passiert war. Wusste nicht, wie es weiter gehen soll. Wusste nicht wohin mit mir und meinen Gefühlen. 

Elf Jahre. So viel Zeit. Manchmal fühlt es sich an, als ob seitdem nur wenig anders geworden ist. Und doch… Es liegen Welten zwischen damals und jetzt. Ich bin frei. Vielleicht muss ich mir das viel öfter sagen. 

Seitdem sind da viel mehr Erinnerungen. Es sind nur noch wenige Löcher in meinem Kopf. Und die Erinnerungen sind nicht mehr durch und durch getrübt von der Dunkelheit, die mich zuhause erwartete während so vieler Jahre. 

Vor kurzem bin ich durch Zufall über ein paar Sätze gestolpert, die mich nachdenklich machten. Es ging um das leidige Thema aufräumen und Ordnung halten. Die Person erzählte, dass ihre Mutter immer alle Schränke ausräumte in ihrem Zimmer aus Wut und sie dann aufräumen musste und es ihr deshalb so schwer fällt. Beim Lesen tauchten Bilder in meinem Kopf auf. Die kleine Zitrone, weinend, inmitten von Dingen, während der wütende Vater Schubladen rausriss und auf dem Boden ausschüttete. Mit Drohungen, Beschimpfungen. Bis x Zeit, dass alles wieder in Ordnung zu bringen. Und ich beginne zu weinen, denn ich fühle den Schmerz des Kindes von damals. Und ich weine über diese „neuen“ alten Erinnerungen. Die ADHS-Diagnose erklärte einige Dinge. Und diese Erinnerungen erklären wohl den Rest. Mein Vater hatte immer schon eine Art der Ordnung und Sauberkeit, die mich als Kind wahnsinnig machte. Ein wenig von meinem eigenen Chaos im Zimmer war eine Rebellion dagegen. Und ich merke, dass all diese Dinge, die Rebellion, die ADHS bedingten Sachen und die Erinnerungen an das Aufräumen müssen mich bis heute beeinflussen. 

Solche Dinge bringen mich immer wieder zu der Frage, ob ich froh bin um die Dinge, an die ich mich nicht erinnere, oder nicht. So vieles wird auf einmal klarer und verständlicher, wenn solche Erinnerungen kommen, so schmerzhaft sie auch sind. Meine Kindheit und Jugend besteht aus mehr weißen Flächen und dunklen Löchern als aus Erinnerungen und ich weiß nicht, ob ich wirklich wissen will, was dort eigentlich schlummert. Aber letztendlich ist es auch keine Entscheidung, die ich bewusst treffen kann, denn ich kann nicht steuern ob und was plötzlich wieder auftaucht. 

Gleich werde ich mal Klamotten zusammen suchen und in die Maschine schmeißen. Wegen ansonsten nackt in die DBT-Stadt fahren und so. Und dann hüpfe ich in Kleider und fahre in die Stadt. Treffe mich mit N. und statte der neu eingerichteten Bücherei mal einen Besuch ab. Vielleicht hole ich mir einen Ausweis, je nach Angebot dort, mal sehen. Auf dem Weg zum Bus gehe ich bei der Post vorbei und bringe die Briefe weg. Später will ich hier noch ein wenig weiter Ordnung machen. Anfangen ein paar Dinge zu packen für meine Fahrt. Meine Medikamentenbox wieder bestücken. Leben. Atmen. Frei sein. 

Freiheit bedeutet sein wie ich bin, Freiheit heißt für mich Fehler machen wie’n Kind.
Und wenn’s sein muss, fall ich halt hin.
Doch ich steh wieder auf, Freiheit heißt zöger nicht, sondern lauf
Wenn du weißt was du willst, dann tu es, wenn nicht dann tust du es auch
Freiheit bedeutet frei sprechen, frei machen, frei bleiben
Mauern die, die Angst vom Versagen errichtet einreißen, Mut haben
Freiheit bedeutet auch zu enttäuschen, sich selbst zu erfüllen
anstatt die Erwartungen von anderen Leuten

dass man manchmal einfach nicht mehr weiß wofür

Gestern stürzte das so labile Konstrukt meiner Selbst einfach in sich zusammen. Schon seit nun einem ganzen Haufen von Tagen kämpfe ich, atme, kämpfe, halte aus, skille, atme, kämpfe, skille. Ich bin nicht mehr sicher, woher ich eigentlich die Kraft dafür nehme. 

Gestern dann brach einfach alles zusammen. Die Schwester reichte mir das Tablett bei der Essensausgabe mit den Worten „Da haben Sie immerhin schonmal Ihr Essen, dann können Sie nicht mehr so viel reden.“ Ich stand einfach nur da, perplex, getroffen, kurz vorm Tablett-trifft-Schwester. Ich habe versucht mich zusammen zu reißen, nicht zu eskalieren. „Danke, nun habe ich Anspannung.“ erwiderte ich. Was dann kam war für mich so unerwartet und heftig, dass ich immer noch nicht weiß wie ich es geschafft habe ohne jemanden zu töten. „Die hatten Sie ja vorher eh schon.“ 

Bämm. 

Ich bin gegangen. Raus, schnurstracks, bevor ich eskaliere, im Impuls darauf etwas sage, handgreiflich werde. Ich konnte nur noch daran denken mich zu verletzen. Tief. Viel. 

Zum Glück kam eine Mitpatientin mir nach. Wir setzten uns auf eine Bank, redeten, schwiegen. Ich versuchte mich soweit zu beruhigen, dass ich nochmal auf die Station gehen und skillen konnte, ohne dass ich ausflippe. Habe das dann getan. Ging raus, einfach raus und bewegen, telefonierte mit der kleinen Hexe, rauchte, atmete. 

Wieder auf Station vergrub ich mich erstmal im Klo, weil ich sonst nirgends in Ruhe heulen konnte. Die Schwester kam, klopfte, meinte, dass ich gerne kommen kann wenn ich soweit bin. 

Ich krabbelte einfach erst mal ins Bett. Decke über den Kopf. Bis sie neben mir stand, mit mir redete, mich bat mit ins Stationszimmer zu kommen. 

Sie entschuldigte sich. Ich sagte ihr, dass sie genau die Punkte getroffen hat, die so tief sitzen in mir, genau die Sätze sagte, die ich immer zu hören bekam, die Gefühle auslöste, die meine ganze Kindheit und Jugend bestimmten. 

Sei ruhig. Du bist nicht wichtig. Du darfst nicht reden, nichts sagen. Wie es dir geht ist egal. Sei unsichtbar. Fall nicht auf. Schweige. Wenn es dir schlecht geht, dann ist es dein Problem. Deine Schuld. Du bist falsch, nicht die anderen. 

Und nun muss ich damit klar kommen. Ich saß gestern da und heulte und sie verstand relativ schnell, dass ich ihre Entschuldigung nicht annehmen kann. Und dass ich mich nur noch verletzen will. Verletzen und sterben. Verschwinden. Mich auflösen. Daraufhin rief sie den AvD. Mehr als eine Stunde lang durfte ich auf ihn warten. In der Zeit nicht von Station. Warten und sitzen und sitzen und warten. Der Therapievertrag steht, daran bestand für mich kein Zweifel. Heute morgen kam dann der nächste AvD, abklären wie es gerade ist, ob ich wieder halbwegs okay bin. Naja. Die Suizidalität ist nicht mehr bei 5, aber eine 4 ist nicht besser. Ich mag verschwinden und nicht mehr existieren. Ich kämpfe unglaublich mit den alten Gedanken und Gefühlen in mir. Da ist sehr viel Selbsthass. Das Gefühl keine Unterstützung verdient zu haben. Die Gedanken, dass es mir nicht besser gehen darf. Wozu denn auch? Ich bin doch egal. Und ich fühle mich wie innerlich blockiert. Ich schaffe es nicht mehr hinzugehen und zu sagen, dass es scheiße ist. Es war schon vorher schwer, aber nun funktioniert es irgendwie gar nicht mehr und ich komme nicht dagegen an. Ich schaffe es einfach nicht. Denn wozu auch? Ich bin doch egal. 

Wohin gehen Gedanken, wenn man sie verliert?
Wie klingt ein Lied, wenn es niemand hört?
Muss man für alles irgendwann bezahlen?
Muss bei jedem Sieg auch immer ein Verlierer sein?

Hier geht’s zum Rest des Lebens

Endlich finde ich die Zeit und Kraft zu schreiben von den letzten Tagen, es ist so vieles passiert, dass ich schon das Gefühl hatte bald zu platzen. 

Zuerst mal der Samstag. Im Vorfeld war da sehr viel Angst und Unsicherheit. Auch in Bezug auf Frau S., denn immerhin habe ich sie 8 Jahre nicht gesehen. Und eben die Angst vor der Fahrt, die Angst vor der Nähe und vor alten Gefühlen. 

Die Hinfahrt verlief dann doch ganz okay. Die Angst und Nervosität ließ sich ganz gut aushalten, ich habe viel Emotionssurfing probiert und mich viel abgelenkt. Als ich dann durch den Landkreis fuhr, als die Autokennzeichen plötzlich das so bekannte Kürzel zeigten, da wurde mir für einen Moment schon anders, aber es ging. Und es war gut einen Umweg zu fahren, dem Ort nicht ganz nah zu kommen. Und es war auch ein wenig Wehmut dabei, als ich dann wirklich den Rand des Schwarzwalds erreicht hatte, als es immer weiter hinein ging und einmal quer durch. Immerhin habe ich dort so viele Jahre gelebt und auch wenn es für mich nie wirklich Heimat war, so war es doch ein Stück Zuhause. Als ich dann zum letzten Teil meiner Reise kam, als die Orte vertraut wurden und die Dinge vor den Fenstern, da stieg die Nervosität unglaublich. Ich habe dann dort angekommen noch mit der kleinen Hexe telefoniert, war in dem Supermarkt, der immer noch dort steht wo er früher war und saß dann auf einer der Bänke, auf der ich auch früher saß. 

Und dann kam Frau S. und es fühlte sich nach wenigen Minuten wieder unglaublich vertraut und gut an. Wir haben viel geredet, ich habe viel erzählt. Von jetzt und wie es mir geht, von damals und von der Zeit zwischen damals und jetzt. Und ich habe auch über den Missbrauch geredet, zum ersten Mal völlig offen mit einem Menschen, über meine Gefühle, über die Angst die es immer noch macht, über die Zerrissenheit zwischen Wut und Liebe, über die Scham, über all den Kram der damit zusammenhängt. Und sie sagt wieder, dass es ihr schon damals eigentlich klar war, dass ich aber auf ihre Nachfragen hin so geblockt habe, dass sie merkte es ist gerade einfach besser so. „Es hätte ja auch niemand auffangen können“ sagt sie und sie hat Recht. Damals war ich so sehr am Kämpfen, so sehr am Überleben, dass dafür kein Platz gewesen ist, dass ich es einfach auch nicht überlebt hätte. Und ich bin froh und dankbar, dass sie mich damals so geschützt hat. Wir laufen lange durch die Natur, reden, reden,  reden. Sie zeigt mir ihre neuen Praxisräume, ich zeige ihr Bilder von meinen Tieren. Ich erzähle von meiner Schwester, Frau S. meint „Ja, sie war dir damals schon unglaublich wichtig.“ und ich nicke und lächle. Sie findet es toll, dass ich meine Ausbildung abgeschlossen habe, einen Schulabschluss habe, in meinem Beruf gearbeitet habe. Trotz allem. Wir sitzen im Café und trinken und essen und reden und reden. Sie findet es schön, dass ich meinen Humor nicht verloren habe, ich finde es schön, dass sie meinen Humor immer noch versteht.

Nach fast 6 Stunden begleitet sie mich noch zum Zug und winkt mir. Wir haben beschlossen, dass bis zum nächsten Treffen keine 8 Jahre mehr vergehen werden.

Die Rückfahrt hat mich dann doch noch ein wenig gestresst, denn es ist Wasen. Betrunkene Menschen in Massen, die sich alle in einen Zug quetschen… es stresst mich einfach. Aber dank Musik und Augen zu hat es irgendwie funktioniert und ich bin mit einer tiefen Zufriedenheit wieder in der Klinik angekommen. Zum einen, weil es so unglaublich gut tat Frau S. zu sehen und zu reden, zum anderen, weil ich es geschafft – und zwar gut geschafft – habe dort hin zu fahren.

Der Sonntag war dann ein wenig anstrengend. Wir wollten in den Tierpark fahren und haben das auch gemacht, trotz Regen. Aber irgendwann war es einfach nur noch kalt und nass und bäh und ich habe auch die Erschöpfung von Samstag deutlich gemerkt. Zurück in der Klinik brauchte ich erst mal eine heiße Dusche und eine Mütze Schlaf. Trotzdem war es schön dort und wir hatten eine gute Zeit, abgesehen vom Regen und der Kälte.
Heute ging es dann in der Einzeltherapie los mit dem großen bösen Thema „Gefühle“… Frau Psychologin erklärte mir wie angemessene Gefühle in einer Situation durch die Glaubenssätze zu Gefühlen werden, die einfach nicht mehr passen. So wie es oft im Vorfeld einer Selbstverletzung kippt und ich von etwas angemessenem wie Ärger zu Selbsthass schwanke, oder auch teilweise von Freude ins andere Extrem kippe. In meinem Kopf läuft automatisch so viel ab, dass mir das ganze oft passiert. 

Ich bin nicht in Ordnung. Ich bin falsch. Meine Gefühle sind falsch. Ich darf keine Gefühle haben. Ich darf keine Meinung haben. Ich bin Schuld. Ich habe es verdient. All das sind Dinge, die so tief in mir verwurzelt sind, dass ich ihnen kaum etwas entgegensetzen kann. Dass ich automatisch so handle, so denke, so fühle. Doch ich habe momentan das Gefühl, dass ich auf einem guten Weg bin um auch da etwas zu ändern.

Es geht voran und es geht weiter. Manchmal tut es weh und mag ich aufgeben. Doch es geht weiter. Und manchmal kann ich auch akzeptieren, dass es nun okay ist. Dass hier und jetzt der richtige Zeitpunkt ist um weiter zu gehen. Es ist okay, dass manche Dinge nun erst kommen und nun erst Platz und Raum finden um da zu sein. Es hätte ja auch niemand auffangen können. Hier und jetzt ist es okay auch mal nicht okay zu sein. Zeit zu brauchen. Es ist okay zu stolpern und hinzufallen. Aber es ist auch okay wieder aufzustehen und weitet zu machen. 

Ich bin der Typ, der nach den guten Zeiten schürft
Und wenn ich merk, dass meine Jugend Falten wirft
Such ich mein Yukon, wo die Reise einst begann
Und hier fang ich, hier fang ich an
Hier geht’s zum Rest des Lebens
Und danach such ich eben
Und ich grab, so tief ich kann

To be on the edge of breaking down 

Ich hatte gestern einen langen Beitrag geschrieben. Über die Frage der Schuld und das wirre Konstrukt meiner Realität in der Kindheit. Und dann war der Beitrag verschwunden und ich zu müde und sauer, um nochmals zu schreiben. 

Gestern hörte ich während dem Aufräumen das bekannte Geräusch der Landung des Katers auf dem Küchenboden. Er kam zurück von einer Tour draußen. Und dann fiepste es in meiner Küche. Ich entdeckte ein mausförmiges Etwas, dass durch meine Küche flitzte. Katerkind sprang hinterher und spuckte mir das piepsende Ding vor die Füße, während er mich mit großen erwartungsvollen Augen anschaute. Nachdem ich ihn gelobt und gekrault hatte, setze er dem wieder weggerannten Mäuschen nochmal nach um es wieder zu fangen, rannte damit durch die Wohnung und spuckte es mir wieder vor die Füße. Das Mäuschen war, sehr zu meiner Erleichterung, nicht mehr am Leben. Ich hätte es nicht über mich gebracht zuzusehen, wie er hinter dem panische Tierchen her jagt und mit ihm spielt. Dem stolze Kater waren die nicht mehr vorhandenen Vitalzeichen seiner Beute egal, er hüpfte und rannte begeistert durch die Wohnung, spielte mit seiner Beute und holte sich regelmäßig meine Bewunderungsbekundungen ab. 

Nachdem die Maus jedoch mehrere Male in meiner Bodenvase landete, an meinem Ohr vorüber flog und fast unter meinen Sofa verschwand war es mir dann doch zu blöd. In einem unbeobachteten Moment verschwand die Beute. Gefressen hätte er sie eh nicht, es war nämlich eine Spitzmaus. Den Rest des Tages verbrachte der Herr dann mit schlafen. Sein Ausflug und seine Jagd müssen wirklich anstrengend gewesen sein. 

Und ich? Tja. Es ist nicht schön in den letzten Tagen. Ich kann nicht wirklich sagen was eigentlich los ist. Vor allem ist da eben nichts. Und davon ganz viel. Eine allumfassende Leere, die mich taub werden lässt, wie erstarrt. Ich sehne mich so sehr nach Schnitten in meine Haut, nach Blut und Schmerz. Danach mich lebendig zu fühlen, mich zu spüren, wieder zu leben. Seit fast 21 Wochen habe ich mich nicht mehr verletzt. Und mit jeder Sekunde steigt das Verlangen, die Sehnsucht. 

Die Momente, die nicht von leerer Schwärze erfüllt sind, sind voller Hass und Wut und Traurigkeit und Schmerz. Hass und Wut gegen meinen Vater, aber auch gegen mich selbst. Ich stecke, wie so oft, in dem Dilemma ‚was er getan hat vs. er ist doch mein Vater‘. Und dann kommen Wut und Hass auf mich selbst, weil mein Kopf weiß, dass ich ihm nichts schuldig bin, aber die Gefühle so ganz anders sind. Weil ich das Gefühl habe, dass ich ihn im Sicht lasse. Dass ich ihn verrate, wenn ich ausspreche wie meine Kindheit war. Dass ich ihm Unrecht tue, wenn ich von den negativen Dingen berichte und die positiven für mich behalte. Mein Kopf weiß, dass mein Selbstschutz vorgeht. Dass es okay ist die Dinge zu benennen, die ich erlebt habe. Dass auch die positiven Momente nicht ändern können, dass es so viel mehr schlimme Erlebnisse gab. 

Oft sind das in meinen Kopf zwei völlig unterschiedliche Personen. Der Mensch, mit dem ich auf Konzerten war, auf Burgen und an Sehenswürdigkeiten, auf Festen und Veranstaltungen. Und der Mensch, der zuhause trank, mich schlug, kontrollierte, beschimpft. Es ist schwer diese zwei komplett unterschiedlichen Seiten in Einklang miteinander zu bringen. Und ich vermisse den Menschen, mit dem ich diese schönen Erlebnisse hatte. Ich vermisse ihn so sehr. Doch es gibt ihn nicht ohne die andere Seite. Nicht ohne meine Erinnerungen. Nicht ohne die Bilder, die direkt in meinem Kopf auftauchen. Nicht ohne die Angst und die Panik und die Tränen. Das zu akzeptieren fällt mir schwer, denn eigentlich wünsche ich mir nichts mehr als einen Vater, der da ist, mit dem ich reden kann und schöne Dinge erleben. 

Und so schwanke ich zwischen nichts fühlen und zu viel Gefühl, schwanke zwischen Rationalität und Herzschmerz, zwischen Hass und Liebe. Die schönen Momente der letzten Tage sind zwar da, aber sie schaffen es nicht mich für lange Zeit aus meinem Wirrwarr zu befreien. Ich versuche einfach weiter zu machen. Durchzuhalten. Einzuatmen und auszuatmen. Moment für Moment. Skill für Skill. Tag für Tag. Bis Freiburg. 

Do you ever feel like breaking down? 
Do you ever feel out of place? 
Like somehow you just don’t belong 
And no one understands you?

Do you ever want to run away? 
Do you lock yourself in your room? 
With the radio on turned up so loud 
That no one hears you screaming? 

Life’s better now than it was back then

Während ich durch die Hauptstadt laufe auf dem Weg zu meinem Psychiater und in Gedanken beginne meine Sachen für die Klinik zu packen, fällt mir plötzlich auf, dass ich schon seit einiger Zeit nicht mehr ständig mit einer Klinge unterwegs bin. Quasi seitdem ich mein Handy in Reparatur gab. Denn die Klingen befanden sich grundsätzlich in der Handyhülle, die dann lange Zeit einfach zuhause lag und vor der Wiederbenutzung mal ausgeräumt wurde. Dabei fielen mir zwar die Klingen auf, aber ich räumte sie wie selbstverständlich einfach weg, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, dass ich ja eigentlich immer welche dabei habe. Das ist seltsam und neu, denn sonst war es immer ein Kampf sie auszuräumen. Schon damals vor 13 Jahren, als der Vertrauenslehrer mich fragte, ob ich sie ihm anvertraue. Dann waren da viele Momente, in denen ich es immer wieder versucht habe aber nie lange durchhielt ohne welche im Gepäck. Und diese Momente, die mich viel Überwindung kosteten, in denen ich sie J. in die Hand drückte.
In der Nacht habe ich von Selbstverletzung geträumt. Von den Klingen und dem feinen Schmerz und dem Blut. Als der Wecker zum ersten Mal klingelt fühle ich mich nicht in der Lage aufzustehen, ohne dass ich mich verletze. Also drehe ich mich nochmal um, drücke die Kuschelschildkröte, die meine erste Therapeutin mir schenkte, fest an mich und schließe die Augen. Der Zitronenkater macht es sich auf meinen Fußgelenken bequem, ich spüre die Vibration seines Schnurrens durch die Decke. Als der Wecker wieder klingelt ist es besser. Ich bleibe noch ein paar Minuten im Bett liegen, höre dem Radio zu, kraule den Zitronenkater, der mit seiner Nase in meinem Gesicht hängt und atme ein und aus. Der Gedanke an die Selbstverletzung und das Gefühl im Traum sind nicht verflogen, aber weniger intensiv und drängend.
Ich stehe auf, gehe ins Bad, gehe in die Küche und mache mir einen Tee, füttere den Kater und dann die Meeris, trinke meinen Tee, rauche, ziehe mich an und mache mich auf den Weg in die Hauptstadt.
Während ich im Wartezimmer sitze mustere ich die Menschen. Neben mir sind 12 weitere Personen da. Alle deutlich älter als ich und ich überlege, warum sie wohl hier sind. Ob es psychische Ursachen hat oder sie neurologisch in Behandlung sind. Manchmal fühle ich mich unwohl, wenn ich im Aufzug stehe und die Etage drücke, neben der das Schild auf die Praxis hinweist. Ich frage mich, was die Menschen um mich denken, die in andere Etagen unterwegs sind. Im Sommer sieht man mir an, warum ich hier aussteige. Die Narben auf meinen Armen sprechen eine deutliche Sprache. Heute sehe ich aus wie eine normale junge Frau. Chucks, Jeans, die Weste einer Band, den Beutel über der rechten Schulter, die Kopfhörer in den Ohren. Ungeschminkt und mit bad hair day und Piercings im Gesicht. Ich würde nicht auffallen unter der Masse der Menschen in der Stadt. Doch mit dem drücken des Knopfs im Aufzug gebe ich viel über mich Preis. Genau wie im Sommer. Ich gebe Preis, dass ich einen Kampf kämpfe, den man nicht sieht, der aber deutliche Spuren hinterlässt. Ich gebe Preis, dass ich Libellen mag und Tattoos.
Während ich warte, dass mein Psychiater die Überweisung, Einweisung und Rezepte unterschreibt, muss ich an das erste Mal denken, den ersten Besuch hier. Das ist einige Jahre her und ich fühlte mich furchtbar und ängstlich zwischen all diesen Menschen, nicht wissend wie der Psychiater so ist, ob ich mit ihm klar komme. Heute bin ich froh, dass ich damals diese Praxis aufgesucht habe, denn ich liebe meinen Psychiater für seine Art und sein Fachwissen und seine Kompetenz, sowohl im therapeutischen als auch im psychiatrischen und neurologischen Bereich.
Auf dem Weg zurück nach Hause mache ich einen Abstecher in den Bahnhofsdrogeriemarkt. Als ich an den Klingen vorbei laufe muss ich kurz lächeln. Oftmals brachte allein der Anblick mich völlig aus dem Konzept. Oft habe ich genau hier an dieser Stelle eine Packung aus dem Regal genommen, bin damit zur Kasse und nach Hause. Mit dem Gefühl etwas verbotenes getan zu haben.
Die ersten Male Rasierklingen kaufen haben meinen Puls in enorme Höhen getrieben. Immer noch ein paar Sachen dazu, damit es vielleicht nicht so auffällt zwischen den anderen Dingen. Nie gleichzeitig Klingen und Verbandszeug.
Irgendwann wurde es ein wenig selbstverständlicher, auch wenn ich mich oft gefragt habe, was die Verkäuferinnen sich wohl denken. Ein junges Mädel, manchmal mit Verband am Arm, meistens jedoch mit langen Ärmeln, dass Klingen, Kompressen und Verband kauft. Damals wurde wenig darüber berichtet, heute hat fast jeder mal von Selbstverletzung gehört. Und ich muss an damals denken, den Moment vor 16 Jahren, an dem ich mir zum ersten Mal bewusst in die Haut schnitt und daran, dass ich damals dachte, dass ich völlig verrückt bin, dass ich der einzige Mensch auf der Welt bin, der sowas tut. Damals hatte ich kein Internet, im Fernsehen wurde nicht darüber berichtet, das Forum gab es noch nicht. Erst 4 Jahre später stieß ich in der Schulbibliothek im Internet auf das Forum, auf Menschen, die genau das selbe taten wie ich. Und fühlte mich so unglaublich erleichtert, zum ersten Mal verstanden. Und ich überlege, ob es etwas geändert hätte damals, wenn ich gewusst hätte was ich da mache, dass es dafür einen Fachbegriff gibt und dass ich durchaus nicht der einzige Mensch war, der das macht.
Später lernte ich dann Menschen persönlich kennen, die sich auch selbst verletzten. Zwei Klassen unter mir auf dem Gymnasium war ein Mädel, dass sich auch in die Arme schnitt. In der Kinder- und Jugendpsychiatrie waren einige, die so versuchten mit ihren Gefühlen umzugehen. Mittlerweile habe ich viele wunderbare Menschen aus dem Forum getroffen, die ähnliche Kämpfe austragen. Ich weiß, dass ich eine von vielen bin. Es beruhigt einerseits, auf der anderen Seite schmerzt es, dass einfach so viele Menschen diesen Weg kennen lernen und nicht anders damit umgehen können.
Manchmal begegne ich Menschen mit eindeutigen Narben. Auf dem Weg durch die Hauptstadt, in der Bahn, auf Konzerten. Und oftmals blicken wir uns dann an und lächeln beide, weil wir wissen, dass der andere einen Krieg führt in sich.
Beim Warten auf den Zug läuft ein Mann an mir vorbei, mittleres Alter, Bierdose in der einen und Zigarette in der anderen Hand, die Haare schmierig und die Kleidung dreckig und ein übler Geruch nach Alkohol umgibt ihn. Er murmelt etwas von „diese Borderliner“ vor sich hin, als er mit einem Blick auf meine Arme, die mittlerweile sichtbar sind durch Ausziehen der Weste, an mir vorbei geht. Ich überlege, ob ich „diese Alkoholiker“ zurückmurmeln soll, lasse es dann aber und lächle einfach nur, was ihn deutlich irritiert. Auch in der Bahn und im Bus werde ich angestarrt, manche blicken nicht einmal weg, als sie bemerken, dass ich ihre Blicke bemerkt habe.
Auf dem Rückweg steige ich eine Station früher aus der Bahn, nehme den Bus zum ZOB und von dort aus weiter zum Supermarkt, der heute Fliegenschutz im Angebot hat. Fürs Schlafzimmer gibt es einen Rahmen mit stabilem Fliegennetz, damit Katerkind nicht durch das Fenster ausbüchsen kann und direkt auf der Straße steht. Das Küchenfenster kriegt ein normales Netz mit einer Ecke unbefestigt, damit Katerkind rein und raus kann.
Den Rest des Tages habe ich dann damit verbracht das Ding zusammen zu bauen. Ich bin handwerklich wirklich nicht unbegabt, aber die Anleitung hat mich schon zum Wahnsinn getrieben, das Sägen und Zusammenstecken (was mehr ein Zusammenhämmern war…) waren dann nicht wirklich besser. Nun ist das Ding aber am Fenster und hält auch Katerkind aus, meine Hände und Arme tun weh und ich bin erledigt.
Als ich das Fenster für einen winzigen Moment öffnete um zu messen, schlüpfte Katerkind an mir vorbei und war weg. Wunderbar. Genau dort, wo er nicht hin soll, direkt an der Straße, die durch eine Umleitung momentan relativ viel befahren wird. Also bin ich hinterher und habe ihn nach ein paar Minuten dann aus dem Gebüsch im Nachbarvorgarten geangelt, was er mit lautem Protest quittierte. Den ganzen Tag war das Fenster nach hinten zu Hof und Garten offen, dass fand er bei weitem nicht so spannend wie das Schlafzimmerfenster. Manchmal bringt er mich wirklich ein wenig zur Verzweiflung.
Den Rest des Abends verbringe ich nun entspannt auf dem Sofa mit TV. Es war wirklich genug für einen Tag, vor allem das blöde Netzding.
Morgen muss ich in die Apotheke und Tierfutter für 3 Tage besorgen, am Samstag werde ich dann ja Zuhause sein und abends zum Konzert fahren. Ich muss meinen Kram packen und will ein wenig Ordnung machen, bevor ich am Mittwoch weg bin. N. will am Abend vorbei schauen, ansonsten werde ich mir einfach viel Gutes tun und für mich sorgen. Das ist manchmal auch wirklich schwer genug.

If I could relive those days
I know the one thing that would never change