10 Jahre

Wie viele Jahre brauchen manche Verletzungen eigentlich, bis sie heilen? Heilen sie jemals? Wird es irgendwann okay sein? Fragen, die ich mir stelle, während ich schlaflos im Bett liege.

Über 10 Jahre sind vergangen, seit ich meinen Vater gesehen habe. Wenn ich mir vor Augen führe, wie lange 10 Jahre sind, dann kommt es mir unglaublich ewig vor. Dann fühlt es sich so weit weg an. Doch eigentlich kommt es mir überhaupt nicht so lange vor. Eigentlich ist es furchtbar schwer zu glauben, dass wirklich so viel Zeit vergangen sein soll.

Ich bin mehr oder weniger die meiste Zeit über „symptomfrei“. Ich verletze mich nicht, ich bin nicht akut suizidal, ich habe selten Flashback und auch momentan selten Panik. Und doch fühle ich mich in manchen Momenten unglaublich kaputt. In den Momenten, in denen ich mich mittlerweile zum Beispiel beherrschen kann. Ich denen ich weiß, dass ich in Sicherheit ist und die Vergangenheit vorbei. In den Augenblicken, in denen ich mir gern eine Klinge in den Arm stecken möchte, aber so viel Raum zwischen dem Wunsch und der Tat liegt. Ich weiß, dass ich weiter bin. Gesünder. Nicht mehr ganz so kaputt. Doch wo fängt das „Gesund-Sein“ denn an? Ist es das? Die Kontrolle nicht mehr ständig verlieren, in der Realität bleiben können, meinen Impulsen nicht nachgeben? Wird es immer so bleiben? Oder wird es besser werden, einfacher, werden die Momente in denen ich mir die Selbstverletzung herbeisehne weniger werden oder fast ganz verschwinden? Wird es besser, wenn nochmal 10 Jahre vergehen? Und bin ich gesund, wenn 20 oder 30 Jahre vergangen sein werden?

Bald hat er wieder Geburtstag. Der Tag wird kommen und gehen und vielleicht merke ich es nicht einmal. Vielleicht fällt es mir ein paar Tage später beim Blick aufs Datum auf. Doch egal wieviel Zeit vergangen ist, in mir taucht wieder der Wunsch auf mich zu melden. Und damit auch die Gedanken, dass ich ihm vielleicht Unrecht tue. Dass mein Kopf doch nur wirres Zeug produziert und meine Gefühle seltsamen Kram machen. Dass alles vielleicht doch nicht so schlimm war. Ich versuche mich in die Gedanken zu flüchten, die mir jahrelang das Überleben ermöglicht haben. Es ist nicht wahr was nicht wahr sein darf. sagte meine Therapeutin immer. Ich versuche die Schuld bei mir zu finden. Versuche sein Verhalten und seine Taten mit meinen Fehlern zu erklären. Vielleicht bin ich doch einfach nur verrückt und schlecht und undankbar.

Doch in mir sitzt der Teil, der dabei den Kopf schüttelt. Ich weiß, dass ich nur versuche zu überleben, indem ich diese Dinge denke. Ich weiß, dass ich nur so überlebt habe. Eigentlich wusste ich es schon immer, doch ich habe es so tief vergraben, dass Jahre vergehen mussten, bis ich es schaffe all die Erinnerungen zuzulassen.

Und ich weiß, dass es okay ist. Dass es okay ist mich nicht zu melden, diese Schutzmauer um mich zu ziehen, ihn nicht in meinem Leben haben zu wollen. Und trotzdem tut es weh, weil ich mir einen Vater wünsche, der da ist. Der stolz auf mich ist, der mir zur Seite steht und mich unterstützt, der die Dinge tut, die ein Vater tun sollte.

Ich weiß nicht, ob es jemals aufhören wird wehzutun. Ob ich mich jemals nicht auch gleichzeitig furchtbar fühlen werde, weil ich meine Grenzen schütze. 10 Jahre sind dafür scheinbar nicht genug Zeit.

Worte zerstören mehr als Taten

In den letzten Wochen kommt es immer häufiger vor, dass plötzlich seine Worte in meinen Kopf hallen. Wenn ich durch die Stadt gehe, wenn ich im Zug unterwegs bin, wenn ich in einer Vorlesung sitze.

Ohne konkreten Trigger, sie sind einfach plötzlich da. Sie dröhnen in meinem Kopf, so unglaublich laut, wiederholen sich immer und immer wieder. Worte, die tief in mir verwurzelt sind, die durch die Jahre zu einer Gewissheit wurden, zu Wahrheit, zu Realität. Aber auch Worte, die ich aus meinen Erinnerungen verbannt habe, an Stellen, aus denen sie plötzlich hervor schießen und sich nicht mehr vergraben lassen.

Du bist nichts wert.

Aus dir wird nie etwas werden.

Du wirst nur Bäckereifachverkäuferin oder Putzfrau bei McDonalds.

Du bist eine Schlampe.

Du bist genauso gestört wie deine Mutter.

Du hast niemanden außer mir. Niemand will dich.

Wenn du weg gehst bist du ganz allein. Du hast niemanden.

Du bist Schuld, dass ich dich geschlagen habe.

XY ist so ein liebes und hübsches Mädchen. Die Eltern haben bestimmt keinen Ärger mit ihr. Nimm dir ein Beispiel.

In deinem Alter hat man keine Probleme. Ich habe wirkliche Probleme, deine sind lächerlich.

Du bist ganz schön fett.

Worte, die ich so oft gehört habe. Neben den Situationen, die mir nie wieder aus dem Kopf gehen werden.

Sommer, durch die offene Terrassentür kommen Fliegen in die Wohnung. Ich verscheuche welche. Fliegen fliegen eben immer zu Scheiße. sagt er.

Die erste Englischarbeit in der fünften Klasse. Wie er da sitzt und mich abwechselnd auslacht und beschimpft. Wie dumm kann man sein das Wort falsch zu schreiben.

Wie er reagiert, als er erfährt, dass meine Mutter wieder schwanger ist. Deine Mutter hat ein neues Kind. Sie braucht dich nicht mehr.

Als ich ein Bild für einen Malwettbewerb malen soll in der Grundschule. Dir muss doch klar sein, dass man die Striche nicht in eine Richtung macht, da sieht man ja die einzelnen Striche. Das sieht scheiße aus! Du bist zu nichts zu gebrauchen.

So viele Momente, in denen er mich mehr verletzt hat, als die körperliche Gewalt es jemals konnte. Worte, die über 14 Jahre mein Selbstbewusstsein zerfressen haben, die auch heute noch mein Bild von mir selbst bestimmen.

Und jede Antwort fällt so schwer, zieht uns tiefer rein ins Meer

Es ist eine seltsame Zeit momentan. Zwischen Lernen und Panik und Kaffee trinken. Einerseits habe ich mir so immer das Erwachsensein vorgestellt. Wenn ich Menschen sah, die mit Freunden im Café saßen, dann war das immer ein Ziel für mich. Irgendwann auch mal mit Freunden da sitzen und Kaffee trinken und reden und lachen. Das tue ich momentan viel und ausgiebig mit D., Kaffee trinken und manchmal wie verrückt (haha, sind wir ja) lachen, manchmal über ernste Themen reden, aber vor allem einfach Zeit genießen.

Und gleichzeitig existiert das Chaos. Das Chaos in meinem Leben und in meinem Kopf. Und die Angst. Die Angst vor der Angst und die Angst vor der Angst vor der Angst. Deswegen sitze ich auch heute morgen ziemlich müde in der Ambulanz der Klinik bei der Ärztin, die letzte Woche AvD war, als ich abends in die Klinik kam. Sie schickt mich auf die Station und von dort gehe ich mit ein paar Tavor in der Tasche. Für den Notfall. Wenn alles andere nichts bringt, wenn die Angst mir wieder den Hals zuschnürt und ich mir sicher bin, dass ich sterben werde. Vielleicht lindert es die Angst vor der Angst, dass ich nun weiß da ist etwas für den absoluten Notfall. Auch wenn ich mir gerade wirklich Watte im Kopf wünsche, so lasse ich doch die Finger davon. Ich kenne mich und das letzte was ich jetzt brauchen kann ist ’ne Medikamentenabhängigkeit. Und es gibt auch Sicherheit angesichts der Klausuren vor mir, bei denen ich erfahrungsgemäß sowieso Panik haben werde. Und eine Panikattacke wegen Klausurpaniksymptomen will ich nun wirklich nicht haben.

Vielleicht ist heute wieder einer dieser Wendepunkte. Ich fange an zu weinen, als ich mit der Angst zusammengerollt im Bett liege. Ich weine um mich, um den Schmerz in mir, um den Horror der Nacht, in der ich in Obhut genommen wurde. Ich weine zum ersten Mal nur wegen diesem Abend und dem was er in mir auslöst. Nicht wegen dem davor oder dem dahinter, sondern einzig und allein wegen diesem Abend. Ich weine mit dem verängstigten Mädchen von damals, dass nicht versteht was geschieht, dass nicht in Einklang bringen kann, wie dieser Mensch vor mir, der mir soviel bedeutet, den ich so sehr liebe, mit dieser Kälte in den Augen vor mir stehen kann und mir sagt, dass er mich umbringen wird. Ich weine, weil bisher kein Platz war für die Traurigkeit und den Schmerz. Zusammengerollt auf meinem Bett, während dem Lernen für die Klausuren, auf dem Weg ins Bad, in der Küche, im Wohnzimmer. Immer und immer wieder kann ich die Tränen nicht zurück halten, weil der Schmerz einfach so endlos ist. Ich weine, weil ich derzeit so gerne einfach nur Platz und Raum fürs Lernen haben würde, weil es mich gerade so kaputt macht, weil die Angst zurück ist. Ich weine, weil ich nicht weiß wohin mit all diesen Gefühlen, weil ich nicht weiß, wie ich nach all diesen Jahren nun damit umgehen soll, weil es mich nun einholt. Ich weine aus so vielen Gründen und habe das Gefühl, dass es nie enden wird. Dass in mir ein endloses Meer aus Schmerz und Angst und Traurigkeit ist, welches niemals ausgeweint sein wird.

Ich weine, weil mir so sehr eine glückliche Kindheit fehlt. Weil ich so gerne einfach normal aufgewachsen wäre. Weil ich mich statt mit Klausurthemen mit Angst rumschlage.

Ich weine, weil ich so gerne einfach nicht mehr stark sein würde. Weil ich immer stark sein musste, seit ich denken kann. Weil ich keine Gefühle zeigen durfte, mich nicht angreifbar machen, niemals Schwäche zeigen. Loslassen ging nur über die Selbstverletzung. Schmerzen spüren, weinen, wütend sein, all das ging nur übers Schneiden. Und so gerne würde ich gerade diesen Weg gehen. Würde all das raus lassen durch Wunden in meiner Haut. Genau so gerne würde ich aufgeben, würde all dem Gefühlschaos so gerne ein Ende setzen, aufhören zu existieren. Würde so gerne aufgeben, einfach mal nicht stark sein müssen. Aufgeben und gehen, endlich gehen. Weil es mich immer wieder einholt, immer wieder umwirft. Weil es ein so endloser Kampf zu sein scheint. Weil ich immer und immer wieder falle. Wieder. Und wieder. Und wieder.

Wo kommen all die Zweifel her
Die uns ins Herz geschlichen sind
Und uns in letzter Zeit so in Frage stellen
Sollen wir fliehen oder kämpfen
Geht es dir da so wie mir
Dass man manchmal einfach nicht mehr weiß wofür

Angst

Manchmal möchte ich meinen Körper und meine Gefühle gerne anbrüllen, möchte darauf einschlagen und toben und sie irgendwie dazu bringen die rationalen Dinge in meinem Kopf doch bitte zu verstehen.

Zum Beispiel, dass ich nicht sterben werde. Nicht plötzlich abends aus heiterem Himmel auf meiner Couch. Doch genau das behaupten Körper und Gefühle. Ich werde sterben. Sofort.

Eine weitere Welle der Panik flutet über mich, ebbt ab, doch bevor sie richtig abflachen kann türmt sich wieder eine Welle auf und flutet über mich, reißt mich mit, nimmt mir die Luft, bringt mein Herz zum Rasen, meinen Verstand an den Rand des Wahnsinns, bevor es langsam wieder nachlässt und dann die Angst vor der Angst wieder in einer neuen Welle endet. So vergeht Welle um Welle und ich sitze ein wenig später mit der Ärztin von Dienst in der Psychiatrie im Arztzimmer auf Station. Zitternd und bebend und mit Herzrasen, während auch sie mir sagt, dass ich nicht sterben werde und ich zum ersten Mal seit Jahren wieder Tavor nehme, weil mir gerade ziemlich egal ist was passiert, Hauptsache diese Panik hört auf.

Tina fragt, ob ich sagen kann, was für eine Angst es ist. „Todesangst“ ist das einzige, dass ich heraus bekomme, und ich bin wieder 17 und bange um mein Leben. Mein Kopf weiß, dass ich nicht sterben werde. Der Rest von mir weiß es anscheinend nicht. Und so sitze ich kurz darauf auf der Station, zitternd und mit dem Igelball in der Hand, während eine Mitpatientin versucht mich abzulenken und mir von diesem und jenem erzählt, Schwester Sabine legt mir irgendwann eine Decke um die Schultern und steckt sie fest, weil ich so furchtbar friere, bis endlich langsam Ruhe einkehrt in mir, bis die Medikation endlich wirkt, bis da kaum noch was ist von der Angst. Was bleibt ist die endlose Kälte, die nun auch Stunden später unter 3 Decken noch zu spüren ist. Und es bleibt ein wenig mehr Angst vor der Angst, ein wenig mehr Angst vor dem nächsten Mal, an dem die Wellen über mir zusammen schlagen und ich wieder sterben werde.

Und es bleibt Wut. Wut darüber, dass mein Leben so kaputt ist wie es ist, dass ich so kaputt bin. Wut, weil ich ein Kind war, dass keinerlei Möglichkeiten hatte als sich anzupassen an die verrückte Welt, in der es aufwuchs, Wut, weil dieses Kind so viel Angst und Schmerz erleben musste, Wut, weil er all diese Dinge getan haben, die heute dazu führen, dass ich als Erwachsene immer noch sterbe.

Und Traurigkeit. Traurigkeit, weil dieses Kind das erleben musste, weil es keinen Ausweg gab, weil letztendlich Selbstverletzung und Selbsthass zum überlebensnotwendigen Mittel wurden, weil da bis heute so viel Selbsthass und der Wunsch mich zu zerstören sind, weil die über Jahre geschlagenen Wunden so viele Jahre länger brauchen um auch nur ansatzweise eine Kruste zu bilden, die bei der kleinsten Kleinigkeit wieder aufbricht.

In Nächten wie diesen möchte ich einfach nur verschwinden. Mich auflösen und nicht mehr existieren, weil ich so müde bin vom kämpfen, so müde von Therapie und Verhaltensänderungen und dem ständigen Arbeiten müssen an mir, obwohl ich für all diese Dinge doch nichts kann. Es kommt einer Verurteilung zu lebenslänglich gleich, denn es wird immer wieder Situationen geben, in denen mich diese Dinge beeinflussen. Egal wie viel Therapie ich mache, egal wie viel ich mich entwickeln werde. Es sind die dunklen Stunden, in denen das Damoklesschwert über meinem Kopf schwebt, in denen ich aufgeben möchte, weil der Kampf so sinnlos erscheint. Weil es keine Garantie gibt, weil ich vielleicht immer wieder in irgend einer Klinik auf irgend einem Stuhl irgend einem Arzt gegenüber sitzen werde, weil ich gerade sterbe. Oder gerade nicht sterbe, aber sterben will. Es erscheint so sinnlos zu kämpfen, Medikamente zu nehmen, mich nicht zu verletzen, Therapie zu machen, wenn es doch nie sicher sein wird, dass es okay ist. Oder besser wird. Oder vielleicht sogar gut sein könnte.

In den dunklen Stunden fehlt mir der Wille zu kämpfen, der Wille weiter zu machen. Damit meine ich gerade nicht, dass ich mich gerne umbringen würde, denn tatsächlich bin ich in Hinblick darauf erstaunlich sicher es nicht zu wollen (oder es ist nur die Tavorwatte in meinem Kopf oder die Erschöpfung nach der Panik). Ich will einfach nicht mehr existent sein. Verschwinden, ohne dass es irgendwelche Folgen für irgend jemanden hätte. Mich auflösen, als sei ich nie da gewesen.

Ich weiß, dass es andere Momente geben wird. Ich weiß, dass das nicht grundsätzlich meine Einstellung zum Leben ist.

Doch gerade, irgendwo zwischen der Angst und der Angst vor der Angst, während mein Körper es nicht schafft die Kälte los zu werden und meine Augen sich immer wieder mit Tränen füllen, da ist es einfach nur dunkel. Da mag ich mich auflösen und zu Nichts werden, nie existent gewesen sein.

Bewegen statt erstarren

Zivilcourage an sich ist ja ’n feines Ding. Schwierig wird es, wenn es zu Retraumatisierung führt und man später zitternd und heulend auf dem Badezimmerboden sitzt und immer wieder mit der Kloschüssel kuschelt.

Eigentlich ist alles gut. Es ist Dienstag und man hat schon Wochenende, freut sich auf die Wärme der Wohnung und das Katerkind. Vor dem Bahnhof stehen zwei Personen, ein Mann und eine junge Frau. Er hält sie fest, bedrängt sie, sie ruft immer wieder „Lass mich los!“. Sie geht, er folgt ihr. Weniger später Schreie vom Parkplatz. Menschen laufen vorbei, kucken doof, tun nichts. Man geht in die Richtung, zückt schon mal das Telefon… Und hat einfach Angst als Frau einzuschreiten und es kommt natürlich auch niemand mehr vorbei, man will aber auch nicht zurück gehen um jemanden zu holen, da ja etwas passieren könnte. Also ruft man die Polizei, erklärt, beschreibt die Personen, wartet. Letztendlich tauchen die Beamten auf und man ist erstmal erleichtert.

Und zuhause kommt der mental breakdown. Man, in diesem Fall ich, sitzt heulend und zitternd da und kann die aktuellen Bilder nicht mehr von den Bildern der Vergangenheit trennen, alles verschwimmt zu einem Einheitsbrei und was bleibt sind die Schreie der jungen Frau, die sich mit meinen Schreien der Vergangenheit mischen. Ich bin plötzlich wieder 12 Jahre jünger und habe Angst um mein Leben, mein Herz rast in der Vergangenheit und in der Gegenwart, ich zittere im Hier und Jetzt und in der Vergangenheit, die Bilder der vorbeilaufenden Menschen aus der Gegenwart vermischen sich mit den Fragen der Polizisten aus der Vergangenheit, warum denn niemand etwas getan hat.

Flashback folgt auf Flashback und in den kurzen Momenten dazwischen gelingt es mir nicht aktiv etwas dagegen zu tun. Also vergeht Flashback um Flashback und Vergangenheit und Gegenwart geben sich in meinem Badezimmer die Klinke in die Hand, während ich versuche zurück zu finden ins Hier und Jetzt, in die Realität, in mein Badezimmer zu meinem Badezimmerboden und meiner Kloschüssel, in die ich meinen Mageninhalt befördere, weg von alten Erinnerungen und Bildern und Worten, die eigentlich 12 Jahre zurück liegen.

Eigentlich war es nie Thema. Natürlich war jener Abend vor fast 12 Jahren oft Thema, jener Abend, an dem ich in Obhut genommen wurde, seit dem es ein davor und danach gibt. Doch er war nie Thema als schwere Situation, als traumatisierendes Erlebnis an sich. Es gab die Dinge davor, ja. Aber wenn Momente und Situationen Thema waren, in denen ich traumatisiert wurde, dann spielte dieser Abend nie eine Rolle. Weder in meinem Bewusstsein, noch in dem der professionellen Helfer an meiner Seite. Natürlich erlebte ich die Inobhutnahme auch als sehr verstörend und ein Stück weit vielleicht traumatisierend und auch die Menschen, die in der Hinsicht mit mir gearbeitet haben. Aber eher als Prozess, als Schock der Normalität der Wirklichkeit, die mich traf, kannte ich doch nur das Leben davor, so völlig jenseits von Normalität. Als einzelner Abend – Nein. Ich glaube wirklich es war nie ein Thema.

Doch nun sitze ich hier (mittlerweile auf dem Wohnzimmerboden und immer noch nicht gänzlich in der Realität), versuche mich an die Wirklichkeit zu klammern und an Worte, versuche dem Schrecken in mir Raum zu machen, indem ich Worte zu Sätzen formuliere, versuche durch Schreiben und damit real machen der Dinge einen Weg zu finden dieser Sinnesflut Einhalt zu gebieten und dem Gefühl, dass ich nichts sagen darf, dass ich nicht existent sein darf, etwas entgegen zu setzen.

Der Teil von mir, der sich völlig in der Gegenwart befindet, der sich seit Jahren mit PTBS beschäftigt und auch fachlich einiges Wissen hat, brüllt in meinem Kopf „Bist du eigentlich blöde?!“. Denn ja, wie wahrscheinlich ist es denn bitte, dass man in einer Situation, in der man Todesangst hat, nicht traumatisiert wird? Todesangst, wirkliche Panik davor zu sterben, plötzlich mit der Endlichkeit des eigenen Daseins konfrontiert werden, wie geht man da völlig unbeschadet raus? Wenn jemand vor einem steht und sagt „Ich bring dich um.“ und man weiß mit völliger Sicherheit, dass es keine dahergesagte Floskel, sondern bitterer Ernst ist. „Ja, bist du eigentlich blöde?“ brüllt es weiterhin fröhlich in meinem Kopf.

Die Stunden danach waren und sind immer noch unwirklich. Die Zigarette im Auto mit Frau G., der Mitarbeiterin des Jugendamts. Interessanterweise kann ich mich an ihren Namen erinnern, weiß aber nicht mehr, wie die Mitarbeiterin hieß, die dann in den Jahren danach für mich zuständig war.

Der Morgen danach, als ich mit Frau B. im Lehrerzimmer sitze und ihr davon erzähle und erkläre, warum ich die nächsten Tage nicht in die Schule kommen werde. Die Ankunft bei der Notpflegefamilie, die ganzen Eindrücke, der rote Kater, der dort abends in „meinem“ Bett bei mir schläft. Alles verschwimmt zu einem diffusen Eindruckswattebausch, nicht wirklich greifbar, nicht zu entwirren. Was deutlich ist, sowohl damals als auch im Hier und Jetzt, ist die Angst. Wie ein schwarzer Dämon, der sich in mir ausbreitet und wächst, der seine eiskalten Klauen um mich legt, der mich mit einer Kälte durchdringt, die keine Wärme der Welt vertreiben kann, der mich im Hier und Jetzt Zittern und Hyperventilieren und Schreien lässt. Da ist kein Schmerz, keine Traurigkeit, keine Wut, sondern nur allumfassende Angst.

Und mit dem Wissen von heute erkenne ich, dass es damals Angst war, die mich so oft fast sterben ließ, in dem Zeitraum von 14 bis zur Inobhutnahme. Ich weiß schon lange, dass es damals Panikattacken waren, die mich eiskalt trafen, doch brachte ich diesen Namen der Sache nie mit diesem Gefühl in Verbindung, welches gerade so in mir tobt. Auch wenn ich rational wusste, dass es Panikattacken sind, nicht zuletzt weil meine Therapeutin (ja, auch Psychiaterin) mir damals Medikamente gegen Panikattacken verschrieb. Und ich habe das Aufhören der Panikattacken nie in Verbindung mit der Inobhutnahme gebracht. „Ja bist du blöde?“ brüllt es wieder.

Und wirklich, genau diese Dinge werden mir bewusst während ich sie schreibe, während ich Buchstaben zu Worten zu Sätzen forme. Ich lasse es Realität werden, indem ich schwarz auf weiß festhalte, was passiert ist. „Es ist nicht wahr, was nicht wahr sein darf.“ sagt meine Therapeutin immer. Ich lasse es wahr sein, es darf wahr sein, es darf Realität sein.

Und für so etwas bedarf es dann einfach nur der Zivilcourage. Bämm. Und schon fliegt einem wieder einmal das Leben um die Ohren.

Ich zögere noch. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Ich weiß nicht, ob es gerade so okay ist, dass ich sagen kann es ist okay. Ich weiß nicht, ob das gerade ein Moment ist für einen Anruf in der Klinik oder bei der Krisenhotline. Ich weiß nicht, ob ich lieber ausharren soll ohne mich zu bewegen, oder ob ich etwas tun soll. Und währenddessen taucht das Bild der Körpertherapeutin aus der dbt vor meinen Augen auf, wie sie mir im Einzel gegenübersteht und immer wieder „Bewegen statt erstarren!“ sagt. Also werde ich das gleich versuchen. Raus aus dieser Angst, raus aus der Vergangenheit.

Why is everything so heavy?

Manchmal geht es einfach abwärts. Dieses manchmal passiert häufiger zu bestimmten Daten, in bestimmten Situationen, zu manchen Zeiten.

Ich kann momentan relativ klar sagen was die Krise ausgelöst hat. Das Studium ist stressig, die Wohnsituation anstrengend, es geht auf Weihnachten zu und ich habe drei Nächte quasi gar nicht geschlafen. Und schon stehe ich da, mitten in einer Krise.

Dass Krisen nicht immer etwas schlechtes sind lerne ich momentan. Auch im Studium. Eine Krise ist immer begleitet von einem Umbruch und damit auch einem Neuanfang. Es ist immer auch eine Chance und rückblickend kann ich das von jeder Krise meines Lebens sagen, dass immer auch Positives daraus entstand. Ob neue Bewältigungsmechanismen, neue Denkanstöße oder auch einfach nur das Gefühl eine Krise bewältig zu haben.

In einer Krise sehe ich diese Dinge natürlich nicht. Dann sehe ich nur das Versagen, sehe nur die Dunkelheit. Es gibt kein Davor und Danach. Es gibt nur den Moment, in dem nichts anderes mehr Platz im Kopf hat als die Gedanken an Selbstverletzung und daran das alles doch einfach hinzuwerfen.

Die Weihnachtszeit triggert. Sie triggert alte Erinnerungen an die Weihnachtszeit bei meinen Vater und die Feiertage, an denen ich bei meiner Mutter war. Bei meinem Vater vermisste ich sie furchtbar. Doch sobald ich zu ihr wollte erzählte er mir, wie schlimm es ist an Weihnachten alleine zu sein. Oder rief mich an Weihnachten dort an und sagte, dass er so gerne mit mir zusammen feiern würde und er sich schon freut wenn ich wieder bei ihm feiern werde. Zerrissen zwischen der Liebe und Sehnsucht zu meiner Mutter und den Schuldgefühlen gegenüber meinem Vater.

Die Weihnachtszeit triggert auch den Wunsch nach einer intakten Familie. Ich habe Sehnsucht nach den schönen Momente, nach einem Vater, mit dem ich reden kann und lachen und schöne Dinge erleben. Und damit kommen die Gedanken, dass ich ihm vielleicht Unrecht tue. Dass er vielleicht nicht dran Schuld ist an all diesen Dingen, dass es meine Schuld war. Dass ich einfach damals ein krankes Kind war so wie ich heute eine kranke junge Frau war. Dass ich es verdient hab geschlagen zu werden, verdient habe so behandelt zu werden, dass ich selbst mit meiner Art und meinem Verhalten Schuld trage an dem Missbrauch. Oder doch vielleicht so krank bin, dass ich mir sowas einbilde.

Am Montag bin ich in die Krisenwohnung meiner Krisenbetreuung gegangen. Es ist besser, irgendwie, und doch irgendwie auch in jeder Hinsicht schlimmer. Ich habe schon lange nicht mehr über einen solchen Zeitraum hinweg so einen Selbstverletzungsdruck gehabt, gepaart mit solchen Suizidgedanken. Heute bin ich nach Hause. Es tut gut wieder hier zu sein und tut doch gar nicht gut hier zu sein. Es ist schwerer jemanden zu kontaktieren als einfach nur an der Tür nebenan zu klopfen. Es ist noch schwerer das nun zu tun und zuzugeben, dass ich es nicht schaffe. Es ist ein Rückschritt. Ein Versagen. Ich habe zugesichert mich zu melden bevor ich mich verletze oder mir etwas antue. Antun, okay. Es existiert immer noch der Lebensvertrag. Doch auch zuzusichern das zu tun vor einer Selbstverletzung war unheimlich schwer. Wie soll ich es dann schaffen dort anzurufen, „nur“ weil ich das Gefühl habe gleich zu sterben vor Schmerz und Druck und Scham und Schuldgefühlen. Weil ich Angst habe, dass ich es nicht schaffe mich zu melden und weil ich Angst habe dass ich in die Klinik soll, weil ich das gerade so gar nicht möchte, weil das gerade so gar nichts helfen würde?

Es ist so schwer das gerade auszuhalten.

I keep dragging around what’s bringing me down
If I just let go, I’d be set free
Holding on
Why is everything so heavy?

this is where the healing begins

Es ist 3.23 Uhr, als ich leise die Wohnungstür aufschließe und die Wohnung betrete. Ich schlüpfe ins Schlafzimmer meiner Mutter, drücke ihr einen Kuss auf die Wange und sage leise „ich bin daheim“.

Wie gerne hätte ich solche Erinnerungen an meine Jugend. Tatsächlich habe ich bis zur Volljährigkeit nur zwei Mal gefeiert. Kein einziges Mal betrat ich danach die Wohnung und sagte diese Worte zu meiner Mutter. Stattdessen bin ich seit 10 Jahren volljährig und sage diese Worte zum ersten Mal, nachdem ich vom Feiern heimkomme.

Es macht mich traurig, dass ich solche Erlebnisse in meiner Jugend verpasst habe. Zum einen das Feiern, zum anderen heim zu kommen und zu wissen, dass meine Mutter zwar schläft, aber erst in den beruhigten Tiefschlaf fallen wird, wenn ich wirklich zuhause bin.

Auf der anderen Seite ist es schön. Ich habe es jetzt. Lange war es schwierig für mich hier zu sein, hier zu schlafen. Doch seit ich meiner Mutter erzählt habe, was damals alles passiert ist, seit sie Details kennt und seit ich bei ihr weinen kann, weil ich nicht den Vater habe, den ich mir so sehr wünsche, seitdem fühlt es sich so viel besser an hier zu sein. Es ist ein Stück Geborgenheit und Heimkommen. Mehr als früher, mehr als jemals seit meiner Kindheit, als meine Mutter nur Zuflucht für den Moment war und ich jeden Moment in mich aufgesaugt habe um die nächsten Monate zu überstehen.

Auch wenn es so viele Jahre zu spät kommt, nun ist es da. Und es heilt ein klein wenig die tiefen Wunden der ganzen Jahre.

So vieles ist immer noch in Bewegung, auch wenn mein altes Leben nun schon so viele Jahre und Kilometer weit weg liegt. Doch in manchen Momenten spüre ich die Heilung, die nun passiert. Ein Stück ganz werden, ein Stück Klebestreifen, dass die kaputten Teile wieder zusammenhält.

So you thought you had to keep this up
All the work that you do
So we think that you’re good
And you can’t believe it’s not enough
All the walls you built up
Are just glass on the outside

So let ‚em fall down
There’s freedom waiting in the sound
When you let your walls fall to the ground
We’re here now

This is where the healing begins, oh
This is where the healing starts
When you come to where you’re broken within
The light meets the dark

Medikamente und so.

Man landet in der Klinik, wenn man was anstellt. Versucht sich umzubringen. Sich extrem selbst verletzt. Aber man kann auch dort landen, wenn man nichts tut.

Die letzte Woche war anstrengend. Termine, erkältet, Stress, Schlafprobleme. Und was passiert? Die Zitrone vergisst ihre Medikamente.

Am Freitag ging es mir seltsam. Ich hab es auf die Erkältung geschoben, war in der Hauptstadt und wieder heim. Alles war wattig, die Welt hat gewackelt und unterwegs wollte ich plötzlich nur noch heulen, mir die Arme aufschneiden, mir was antun.

Ich rief in der Klinik an, sprach mit der Ärztin. Entzug sagt sie. Ich soll vorbei kommen sagt sie, sie gibt mir die Medis in geringer Dosierung, damit ich wieder hoch dosieren kann. Ein paar Stunden später ging nichts mehr. Also tippe ich auf mein Telefon, rede mit Pfleger Kai, dann mit dem Arzt vom Dienst und bin wenig später wieder da, stehe auf dem Flur und bekomme ein Zimmer.

„Warum haben Sie die Tabletten denn abgesetzt?!“ fragt mich der Pfleger. Ich möchte platzen, denn die Ärztin hat es so an ihn weiter gegeben. Ich wiederhole also mal wieder, dass es wirklich ein Versehen war, Unachtsamkeit und Verpeiltheit und definitiv keine Absicht. Ich bin froh um meine aktuelle (Naja, nun nicht mehr so aktuelle) Stabilität. Absichtlich würde ich sie nicht riskieren.

Heute morgen bin ich wieder aus der Kliniktüre spaziert. Körperlich ist es deutlich besser. Psychisch auch. Ich merke zwar, dass ich momentan nicht so stabil bin wie „im Normalzustand“, aber ich bin nicht mehr akut suizidal und will mir auch nicht mehr die nächste Rasierklinge in den Arm rammen.

Gestern Abend flog mir meine Psyche gewaltig um die Ohren. Ausgelöst hat das ganze die Tatsache, dass eine ehemalige Zimmernachbarin kam und in mein Zimmer sollte. Es ist schon gut 2 Jahre her, seit ich mit ihr im Zimmer lag, doch es hat mir gereicht damals. Sie wusch sich nicht. Eigentlich schon genug. Aber nein, sie befriedigte sich auch jede Nacht selbst.

Gestern triggerte mich das Ganze dann so extrem, dass ich weg war. Eine gute Stunde meinte Pfleger Kai später. Wirklich zu mir kam ich irgendwann auf dem Boden des Bads. Ich weiß noch, dass ich aufs Klo musste und plötzlich das Waschbecken auf mich zu kam. Bei der Landung auf dem Boden habe ich den Hocker umgeschmissen und dieses Geräusch rief Kai auf den Plan. Dann gerieten wir erst mal aneinander, weil es bei mir ankam, als ob er mir unterstelle, dass ich das absichtlich mache. Im Nachhinein haben wir es geklärt. Inklusive einem „Sie Arschloch!“ von mir, dass ich mit einem „nehmen Sie mir das nun nicht übel“ angekündigt hatte.

Später im Bett wird mir bewusst, warum es mich so getriggert hat. In der Therapie wird immer mehr klar, wie viel eigentlich Missbrauch war, wie viel Grenzüberschreitung. Auch so viele Dinge, die für mich irgendwie noch okay waren, weil nicht aktiv. Beispielsweise wenn eine Selbstbefriedigung stattfand. Und die Mitpatientin triggert die Erinnerung an ihr damaliges Verhalten und die Erinnerungen triggern die Erinnerungen an die Kindheit, an eben solche Situationen.

Und so föhnt es mich eben gestern weg. Völlig. Ich schlafe irgendwann ein, mit brennendem Arm von der Finalgon, mit Kopfschmerzen und dem Gefühl einen Marathon gelaufen zu sein.

Dementsprechend matschig bin ich heute morgen auf aufgewachsen und dennoch guter Dinge aus der Tür hinaus und Richtung nach Hause.

Doch nun liege ich hier. Schlaflos. Mein Kopf ist voller fieser Gedanken und Erinnerungen. Mein Körper schmerzt und es sind keine aktuellen Schmerzen, sondern Erinnerungen an damals. Mein Kopf weiß das. Dennoch triggern die Schmerzen ohne Ende.

Ich will schlafen. Dazu bleiben mir noch ungefähr 3 Stunden. Ich will einfach nur in den Schlaf fliehen und die Schmerzen und die Bilder für ein paar Momente los sein…

Denn der Weg ist lang

Musik. Wie oft habe ich schon darüber geschrieben… In der letzten Zeit habe ich meine Angewohnheit mit Liedtexten zu bloggen etwas vernachlässigt. Vorsatz für das neue Jahr: öfter mal wieder tun. 

Mein erstes Konzert habe ich mit ungefähr 4 Jahren besucht. Auf den Schultern meines Vaters. Die Liedtexte konnte ich fast alle mitsingen, sehr zur Belustigung der umstehenden Menschen. 

Vielleicht hat sich schon damals gezeigt, dass mein Gehirn irgendwann zu 80% von Lyrics eingenommen sein wird. Manchmal ist es furchtbar, Lieder, die ich ewig nicht mehr gehört habe, sind in irgendwelchen Gehirnwindungen eingebrannt. 

Und um den Bogen von meinem allerersten Konzert zu der Gegenwart zu ziehen: für eben jenen Künstler habe ich vorhin Tickets bestellt. 

Klaus Lage. 

Meine Sympathie für seine Musik beruht definitiv auf den Musikvorlieben meiner Eltern. Denn „1000 mal berührt“ und auch Schimanski gehören in ihre Zeit und so auch Klaus Lage. Seine CDs aus der früheren Zeit kenne ich von vorne bis hinten auswendig. Inklusive Text. 

An dem Tag, an dem meine Uroma beerdigt wurde, lief seine CD auf der Rückfahrt. Ich weiß es noch ganz genau. An diesem Tag fuhren wir von BaWü in meine Hauptstadt. Ich bettelte, dass ich meine Mama sehen darf. Als ich vor der Tür stand, klingelte und sie öffnete, wusste ich genau, dass etwas nicht stimmte. Und so war es. Meine andere Uroma war gestorben. So war dies ein trauriger Tag für mich. Ich verlor meine beiden ältesten Verwandten innerhalb kurzer Zeit. Auf dem Rückweg, es war schon dunkel, blickte ich aus dem Autofenster, sah die Sterne, und Klaus Lage lief. 

Solche Momente brennen sich ins Hirn und kommen immer wieder hoch. Mittlerweile schmerzt es nicht mehr so sehr, auch wenn ich meine beiden Uromas oftmals sehr vermisse. 

Musik war schon immer ein Teil in meinem Leben. Ob bei den Autofahrten als Kind, wenn ich laut Lieder mitsang, später um die Gedanken in meinem Kopf zu übertönen, bei Konzerten und Festivals, in schönen und in schlechten Momenten. Mit Musik kann ich mich selbst unglaublich beeinflussen. Ob ich bei Ska-P durch die Wohnung tanze, mit den Broilers um die Wette brülle oder dem Soundtrack vom Herrn der Ringe auf dem Bett liege und nur atme. 

Viele Lieder meide ich. Oder höre sie nur in bestimmten Situationen. So gibt es Lieder, die mich an jeden Liebeskummer meines Lebens erinnern, Lieder, die mit verschiedenen Situationen zusammen hängen, Lieder, die in schweren Zeiten in meinen Ohren dröhnten. 

Ich freue mich, wenn ein neues Album erscheint, manchmal sehne ich den Tag herbei und bin unglaublich neugierig. Ich singe bei meinen liebsten Künstlern laut auf Konzerten mit, ich bin traurig, wenn sich eine Band auflöst, die ich gerne mag. Und in der letzten Zeit trauere ich um tolle Künstler, die sterben. 

Meine Mama sagte vorhin am Telefon zu mir, dass man ja nicht wisse, wie lange man noch die Gelegenheit hat, einen Künstler zu sehen. Und bei vielen der Helden meiner Kindheit und Jugend trifft das zu, einige sind schon gestorben. Was von ihnen bleibt ist die Musik. 

Ja. Musik. Musik und Bücher, ohne könnte ich nicht leben. 

Oftmals habe ich beim Schreiben von etwas plötzlich den Songtext aufgeschrieben, weil ich währenddessen Musik gehört habe. In der Schule hat es mich oft gerettet, dass ich stundenlang Texte von allen möglichen Liedern auf den Block gekritzelt habe, um mich in der Realität zu halten, um mich abzulenken. Es gibt Texte, die sind so sehr Teil meines Lebens geworden, Lieder, die mir viel bedeuten. Sei es nun „ganz egal ob ich Blut schwitz, bittere Tränen wein, alles erträglich, es muss nur immer Musik da sein“ aus 33rpm ist oder „tell everybody I’m on my way and I’m loving every step I take“ von Bärenbrüder, „du bist zu weit um umzudrehen“ von Rosenstolz. Oder wenn Jennifer Rostock in meine Ohren brüllt oder Nicholas Müller mich mit seiner Stimme und seinen Texten einnimmt. 

Ach, ich könnte stundenlang über Musik und Texte schreiben. Ich muss öfter mal die Musik aufdrehen. Und öfter mal zu Konzerten gehen. Und zu Festivals. Schließlich habe ich noch ein wenig (wenn auch nicht mehr allzu viel) Platz für Bändchen an meinen Handgelenken. 

Nun werde ich aber, natürlich untermalt von Musik, ein wenig in meiner Wohnung rumwuseln. Kurz einkaufen muss ich noch, vor allem Grünzeug für die Quietschies (ist dieser Scheiß so teuer im Winter! Ich geh noch bankrott an Futter für meine Viecher!). N. will später vorbei kommen. Heute Abend will ich mal wieder lange mit meiner kleinen Hexe telefonieren. Und am Wochenende muss ich wohl zu Mama, ihr Handy (bzw mein altes Handy) unterstützt nun kein WhatsApp mehr und ich muss mal schauen, ob ich mit einem custom rom ein neueres Android draufspielen kann. 

Mir geht es gut. Vieles ist anstrengend, aber es funktioniert zuhause größtenteils wirklich gut. Ich hätte das nicht gedacht und ich bin immer wieder aufs neue erstaunt, wieviel sich in diesen 14 Wochen DBT geändert hat. Vieles zeigt sich nun erst im Alltag, vieles wird sich erst in den nächsten Monaten zeigen, es wird sich zeigen, ob auch langfristig etwas anders ist, ob ich im Alltag bestehen kann mit den Anforderungen einer Arbeit oder eines Studiums. Aber ich bin guter Dinge. Ich lebe. Ich bin vom Überleben zum Leben gewechselt, das Verhältnis der Tage hat sich gedreht. Die Tage, an denen ich früher um jeden Atemzug kämpfen musste sind so viel seltener, die Tage an denen ich einfach lebe und genieße und klar komme sind so viel mehr. Es ist schön das zu spüren. So unglaublich schön. 

Und der Weg ist lang
und der Aufstieg schwer
seit ich auf diesen Weg kam
ist schon so lange her
ja, der Weg ist lang
und er windet sich sehr
und dem Glück das begann,
schau ich hinterher.

Freiheit kann man nicht eingrenzen, Freiheit muss man ausatmen.

Einige erinnern sich bestimmt noch an damals. Die Zeit, in der man mit einer Kassette im Fach vor dem Radio saß, den Finger über dem Aufnahmeknopf schwebend. Warten, warten, warten, bis das lang ersehnte Lied endlich kommt. Und dann quatsche der Radiomoderator zwischen rein! Daran muss ich gerade denken, als ich Musik von Youtube ziehe, um N. eine CD zu brennen. 

Damals. Ja, ich kenne noch den Zusammenhang von Stiften und Kassetten. Ich weiß auch, wie man eine Telefonzelle benutzt. Ich erinnere mich noch an das Geräusch, wenn das Modem sich ins Internet wählte. Ich habe Disketten benutzt, Briefe geschrieben, die Festnetznummern meiner Freunde auswendig gewusst, für Referate in der Bibliothek Bücher gewälzt. Ich erinnere mich an nur 3 Fernsehprogramme, an Schreibmaschinen und an das Gefühl, zum ersten Mal Google zu benutzen, zum ersten Mal eine SMS zu schreiben, zum ersten Mal einen mp3-Player in der Hand zu halten. 

Viele Erinnerungen aus meiner Kindheit fehlen mir. Die Erinnerungen, die ich habe, sind größtenteils schmerzhaft. Aber es gab da auch diese schönen Momente. 

Ich erinnere mich noch genau, wie ich damals in der Bibliothek der Schule saß, aufgeregt, nervös, immer über die Schulter blickend, ob jemand sieht was ich am PC mache. Mein Deutschlehrer hatte mich beiseite genommen. Mich gebeten in der Mittagspause eine Runde mit ihm zu gehen. Ich war 14, es störte ihn nicht, dass ich beim Laufen eine Zigarette rauchte, er gab mir sogar Feuer. Seine Frau, meine Sportlehrerin, hatte mich eine Weile zuvor im Unterricht am Handgelenk gepackt und meinen Ärmel hoch geschoben. Die frischen Wunden und die Narben gesehen. Er erzählte mir, dass sie einen Bericht gesehen hatten. Über Selbstverletzung. Er gab mir einen Zettel mit einer Internetseite. Und nun saß ich da, nervös, und tippte die Buchstaben in die Adresszeile des Browsers. Und las. Und wusste nicht, was ich fühlen soll. Da waren Menschen, so viele Menschen, die fühlten wie ich. Die sich selbst verletzten. Ich war kein Alien. Bis zu diesem Zeitpunkt war ich mir sicher, dass es, wenn überhaupt, nur wenige Menschen auf der Welt gab, die sowas machen. Mehrere Monate später meldete ich mich auf dieser Seite an. Und bin bis heute dort Mitglied. „Mein“ Forum. Bis heute gibt es mir oft Halt. Einige der wichtigsten Menschen in meinem Leben habe ich dort kennen gelernt. Es gibt Freundschaften, die seit Jahren bestehen, über Distanz und Krisen hinweg. 

Wenn ich versuche mich an schöne Erlebnisse meiner Kindheit zu erinnern, dann sind sie immer irgendwie getrübt. Auf Anhieb fällt mir nichts ein, dass einfach nur positiv war. 

Da ist zum Beispiel die Klassenfahrt nach Frankreich. Marseille, Avignon, Saintes-Maries-de-la-Mer. Es war eine schöne Zeit. Obwohl meine Lehrerin im Vorfeld Bedenken hatte, denn sie wusste von der Selbstverletzung, von den Suizidgedanken. Doch sie ließ sich auf ein Gespräch mit meiner Therapeutin ein und war anschließend beruhigt. Mit der Absprache, dass ich während dieser Zeit nichts anstelle, konnte sie leben. Wir hatten viel Spaß. Ein Klassenkamerad betrank sich dermaßen, dass unsere Referendarin ihn mit Klamotten unter die Dusche setzte und ihm den Finger in den Hals steckte. Ein Lehrer trank etwas viel Wein und torkelte abends an uns vorbei, während wir Shisha rauchten an der Rhone, gegenüber der Pont d’Avignon. „Was rauchen Sie da? Ist da was drin? Dann wird das sofort konsumiert! Äh. Konsumiert! Nein. Konfisziert!“. Als ich in einem Café einen Café au lait bestellte, fragte die Bedienung auf Deutsch „Mit Milch?“ und wir fielen fast lachend von den Stühlen. Es war eine schöne Zeit. Doch es war alles getrübt von dem Wissen, dass ich zurück muss. Zurück zu meinem Vater. Und je mehr Tage vergingen, je mehr Spaß wir hatten, desto dunkler und trauriger wurde es in mit. Ich erlebte zum ersten Mal eine schöne Zeit, als Teenager mit Freunden, hatte Spaß, war weit weg vom Einfluss meines Vaters. Ich sah zum ersten Mal, wie ein Leben sein kann, wie die Leben meiner meisten Mitschüler auch zuhause waren. Es war genauso schmerzhaft wie es schön war. 

Meine erste große Liebe. P. war in meiner Klasse. Und obwohl ich wusste, dass ich Mädels toll fand und mich zu ihnen hingezogen fühlte, so mochte ich ihn auch, war verknallt, wusste noch nicht wirklich viel über Homosexualität und noch weniger über meine eigenen Neigungen. Wir verstanden uns, ich wollte Zeit mit ihm verbringen und machte irgendwann den ersten Schritt. Die erste große Liebe vergisst man nicht, so heißt es immer. Und so ist es auch. Und obwohl das Ende schmerzhaft war, so war es doch schön. Beim ersten Liebeskummer denkt wohl jeder, dass man daran stirbt. Doch die Erinnerungen daran, an die Beziehung, sind aus anderen Gründen schmerzhaft und getrübt. Mein Vater verbot mir diese Beziehung. Verbot mir den Kontakt außerhalb der Schule. Besuche, Anrufe. Und so zerbrach die Beziehung. 

Die erste wirklich freie und schöne Zeit erlebte ich mit 17 in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Auch wenn in meinem Leben drumrum damals alles im Chaos war, die Inobhutnahme erst einen Monat vergangen, die Zukunft ungewiss, so war ich doch endlich frei von meinem Vater. Auch wenn es schmerzhaft war, weil ich mich schuldig fühlte, weil die Suizidgedanken mich umklammert hielten, weil vieles in mir einfach dunkel war, so hatte ich doch unglaublich schöne Momente, fühlte mich sicher. Und ich wusste, dass ich niemals zurück gehen werde. 

Bald ist es elf Jahre her. Elf Jahre sind dann vergangen seit jener Nacht, in der die Polizei und das Jugendamt da waren. Ich erinnere mich noch, wie ich mit Frau G. in ihrem Auto saß. „Ich brauche eine Zigarette!“ sagte ich heulend und sie bot mir eine an. So saßen wir schweigend in ihrem Auto, beide rauchen, nur unterbrochen von meinem Schniefen. Sie fuhr mich in dieser Nacht zu meinem besten Freund. Am nächsten Tag kam ich zu meiner Notpflegefamilie. Saß heulend bei meiner Lehrerin Frau B. im Lehrerzimmer meiner Schule und erzählte, was passiert war. Wusste nicht, wie es weiter gehen soll. Wusste nicht wohin mit mir und meinen Gefühlen. 

Elf Jahre. So viel Zeit. Manchmal fühlt es sich an, als ob seitdem nur wenig anders geworden ist. Und doch… Es liegen Welten zwischen damals und jetzt. Ich bin frei. Vielleicht muss ich mir das viel öfter sagen. 

Seitdem sind da viel mehr Erinnerungen. Es sind nur noch wenige Löcher in meinem Kopf. Und die Erinnerungen sind nicht mehr durch und durch getrübt von der Dunkelheit, die mich zuhause erwartete während so vieler Jahre. 

Vor kurzem bin ich durch Zufall über ein paar Sätze gestolpert, die mich nachdenklich machten. Es ging um das leidige Thema aufräumen und Ordnung halten. Die Person erzählte, dass ihre Mutter immer alle Schränke ausräumte in ihrem Zimmer aus Wut und sie dann aufräumen musste und es ihr deshalb so schwer fällt. Beim Lesen tauchten Bilder in meinem Kopf auf. Die kleine Zitrone, weinend, inmitten von Dingen, während der wütende Vater Schubladen rausriss und auf dem Boden ausschüttete. Mit Drohungen, Beschimpfungen. Bis x Zeit, dass alles wieder in Ordnung zu bringen. Und ich beginne zu weinen, denn ich fühle den Schmerz des Kindes von damals. Und ich weine über diese „neuen“ alten Erinnerungen. Die ADHS-Diagnose erklärte einige Dinge. Und diese Erinnerungen erklären wohl den Rest. Mein Vater hatte immer schon eine Art der Ordnung und Sauberkeit, die mich als Kind wahnsinnig machte. Ein wenig von meinem eigenen Chaos im Zimmer war eine Rebellion dagegen. Und ich merke, dass all diese Dinge, die Rebellion, die ADHS bedingten Sachen und die Erinnerungen an das Aufräumen müssen mich bis heute beeinflussen. 

Solche Dinge bringen mich immer wieder zu der Frage, ob ich froh bin um die Dinge, an die ich mich nicht erinnere, oder nicht. So vieles wird auf einmal klarer und verständlicher, wenn solche Erinnerungen kommen, so schmerzhaft sie auch sind. Meine Kindheit und Jugend besteht aus mehr weißen Flächen und dunklen Löchern als aus Erinnerungen und ich weiß nicht, ob ich wirklich wissen will, was dort eigentlich schlummert. Aber letztendlich ist es auch keine Entscheidung, die ich bewusst treffen kann, denn ich kann nicht steuern ob und was plötzlich wieder auftaucht. 

Gleich werde ich mal Klamotten zusammen suchen und in die Maschine schmeißen. Wegen ansonsten nackt in die DBT-Stadt fahren und so. Und dann hüpfe ich in Kleider und fahre in die Stadt. Treffe mich mit N. und statte der neu eingerichteten Bücherei mal einen Besuch ab. Vielleicht hole ich mir einen Ausweis, je nach Angebot dort, mal sehen. Auf dem Weg zum Bus gehe ich bei der Post vorbei und bringe die Briefe weg. Später will ich hier noch ein wenig weiter Ordnung machen. Anfangen ein paar Dinge zu packen für meine Fahrt. Meine Medikamentenbox wieder bestücken. Leben. Atmen. Frei sein. 

Freiheit bedeutet sein wie ich bin, Freiheit heißt für mich Fehler machen wie’n Kind.
Und wenn’s sein muss, fall ich halt hin.
Doch ich steh wieder auf, Freiheit heißt zöger nicht, sondern lauf
Wenn du weißt was du willst, dann tu es, wenn nicht dann tust du es auch
Freiheit bedeutet frei sprechen, frei machen, frei bleiben
Mauern die, die Angst vom Versagen errichtet einreißen, Mut haben
Freiheit bedeutet auch zu enttäuschen, sich selbst zu erfüllen
anstatt die Erwartungen von anderen Leuten