#welcometomidnight

„Bis nächstes Jahr!“ sagte ich vor einer Woche zum ersten Mal. Und gleichzeitig mit diesen Worten manifestiert sich die Endgültigkeit dieses Jahres. Und wie so oft frage ich mich wohin die Zeit verflogen ist. Gerade war ich doch noch in der dbt, kam das neue Jahr, wurde es Frühling und Sommer und das Studium fing an.

Die Zeit ist eine seltsame Sache. Momente, die man anhalten möchte, vergehen viel zu schnell. Momente, die man einfach nur hinter sich bringen will, stehen gefühlte Ewigkeit um Ewigkeit vor einem und wenn sie dann da sind vergehen sie nur in Zeitlupe.

Mit dem Ende des Jahres kommt auch das übliche Zurückdenken. Und da ich das eh ständig tue wird es Zeit für den Jahresrückblick, geliebte Tradition aus dem Forum seit nun 13 Jahren. Ich schreibe ihn gerne, wenn auch nur noch selten dort, aber so doch hier. Also wird es hier in den nächsten Tagen wieder einen Jahresrückblick geben. Ich schreibe ihn wohl gestückelt, denn das labile Konstrukt meiner Psyche möchte ich gerade nicht wirklich strapazieren. Es hat momentan was von „auf kleines Kind aufpassen“ sage ich heute bei der Krisenbetreuung (und ich glaube ich kürze das in Zukunft mit KB ab) und das trifft es wirklich gut. Ständig muss ich aufpassen, dass nichts passiert, das Kind keinen Unfug macht, sich nicht verletzt… Nur dass ich das kleine Kind bin. Es ist anstrengend ständig so auf Hut sein zu müssen.

Die Nächte sind besonders schlimm. Ein altbekanntes Problem. Wenn der Kopf keine Ruhe findet, der Körper sich nur nach Schlaf sehnt, ich aber einfach nicht runter komme, dass werden die Suizidgedanken drängender. Konkreter. Schwerer kontrollierbar. Ich habe manchmal Angst, dass ich in solchen Momenten keine Kontrolle über die Impulsivität habe. In den Momenten, in denen es sich nicht anschleicht, sondern mich mit einem Satz einfach anspringt. Momente, in denen ich kaum eine Möglichkeit habe zu denken, weil es mich so überrollt, so umwirft. In solchen Momente sehne ich mich nach der Sicherheit der Klinik. Nach der Möglichkeit diese Verantwortung einfach abzugeben und nicht mehr selbst dafür verantwortlich zu sein zu überleben. Doch letztendlich bleibt es meine Aufgabe, meine Sache, mein Leben. Ich kann mir nur Unterstützung suchen, um Hilfe bitten, doch letztendlich bin ich alleine für mich verantwortlich.

Weihnachten war gut. Besser als in so vielen anderen Jahren. Am Samstag saß ich im Zug, um mich rum so viele Menschen auf dem Weg zu ihrer Familie, und musste schmunzeln. Es erinnerte mich an die Zeiten, in denen ich mit dem Zug in meine Heimat fuhr, zu meiner kleinen Familie.

Ich bin froh, dass es seit Jahren keine Frage mehr ist wo ich feiern werde. Es fühlt sich so viel besser an, weil ich mich einfach nicht verstellen muss, weil ich sein kann wie ich bin. Ich überlege in der letzten Zeit, ob ich es meiner Schwester erzählen soll. Ob ich erzählen soll was damals passiert ist, einfach damit sie es weiß und vielleicht ein wenig versteht warum ich so bin wie ich bin. Der Gedanke daran, dass sie meine kleine Schwester ist und ich sie einfach beschützen möchte, hindert mich noch daran. Ich würde so gerne alles Schlechte und Böse dieser Welt von ihr fern halten.

Momentan wünsche ich mir so sehr einfach für eine Weile nicht aufpassen zu müssen. Mich fallen zu lassen, zu entspannen, durchzuatmen. Es wird wieder leichter werden. Das weiß ich, das wurde es immer. Nur ist es in solchen Momenten immer so unglaublich schwer daran festzuhalten, weil es in solchen Momenten noch wie eine Ewigkeit erscheint, bis es wieder einfacher wird.

It’s possible to change.

Wie so oft geben die Worte von twloha mir Kraft und Mut. Ein weiteres Jahr mit #welcometomidnight, ein weiteres Jahr, dass ich überlebt habe. Bald ist es vorbei und Vergangenheit und ein ganzes neues Jahr steht vor mir.

Why is everything so heavy?

Manchmal geht es einfach abwärts. Dieses manchmal passiert häufiger zu bestimmten Daten, in bestimmten Situationen, zu manchen Zeiten.

Ich kann momentan relativ klar sagen was die Krise ausgelöst hat. Das Studium ist stressig, die Wohnsituation anstrengend, es geht auf Weihnachten zu und ich habe drei Nächte quasi gar nicht geschlafen. Und schon stehe ich da, mitten in einer Krise.

Dass Krisen nicht immer etwas schlechtes sind lerne ich momentan. Auch im Studium. Eine Krise ist immer begleitet von einem Umbruch und damit auch einem Neuanfang. Es ist immer auch eine Chance und rückblickend kann ich das von jeder Krise meines Lebens sagen, dass immer auch Positives daraus entstand. Ob neue Bewältigungsmechanismen, neue Denkanstöße oder auch einfach nur das Gefühl eine Krise bewältig zu haben.

In einer Krise sehe ich diese Dinge natürlich nicht. Dann sehe ich nur das Versagen, sehe nur die Dunkelheit. Es gibt kein Davor und Danach. Es gibt nur den Moment, in dem nichts anderes mehr Platz im Kopf hat als die Gedanken an Selbstverletzung und daran das alles doch einfach hinzuwerfen.

Die Weihnachtszeit triggert. Sie triggert alte Erinnerungen an die Weihnachtszeit bei meinen Vater und die Feiertage, an denen ich bei meiner Mutter war. Bei meinem Vater vermisste ich sie furchtbar. Doch sobald ich zu ihr wollte erzählte er mir, wie schlimm es ist an Weihnachten alleine zu sein. Oder rief mich an Weihnachten dort an und sagte, dass er so gerne mit mir zusammen feiern würde und er sich schon freut wenn ich wieder bei ihm feiern werde. Zerrissen zwischen der Liebe und Sehnsucht zu meiner Mutter und den Schuldgefühlen gegenüber meinem Vater.

Die Weihnachtszeit triggert auch den Wunsch nach einer intakten Familie. Ich habe Sehnsucht nach den schönen Momente, nach einem Vater, mit dem ich reden kann und lachen und schöne Dinge erleben. Und damit kommen die Gedanken, dass ich ihm vielleicht Unrecht tue. Dass er vielleicht nicht dran Schuld ist an all diesen Dingen, dass es meine Schuld war. Dass ich einfach damals ein krankes Kind war so wie ich heute eine kranke junge Frau war. Dass ich es verdient hab geschlagen zu werden, verdient habe so behandelt zu werden, dass ich selbst mit meiner Art und meinem Verhalten Schuld trage an dem Missbrauch. Oder doch vielleicht so krank bin, dass ich mir sowas einbilde.

Am Montag bin ich in die Krisenwohnung meiner Krisenbetreuung gegangen. Es ist besser, irgendwie, und doch irgendwie auch in jeder Hinsicht schlimmer. Ich habe schon lange nicht mehr über einen solchen Zeitraum hinweg so einen Selbstverletzungsdruck gehabt, gepaart mit solchen Suizidgedanken. Heute bin ich nach Hause. Es tut gut wieder hier zu sein und tut doch gar nicht gut hier zu sein. Es ist schwerer jemanden zu kontaktieren als einfach nur an der Tür nebenan zu klopfen. Es ist noch schwerer das nun zu tun und zuzugeben, dass ich es nicht schaffe. Es ist ein Rückschritt. Ein Versagen. Ich habe zugesichert mich zu melden bevor ich mich verletze oder mir etwas antue. Antun, okay. Es existiert immer noch der Lebensvertrag. Doch auch zuzusichern das zu tun vor einer Selbstverletzung war unheimlich schwer. Wie soll ich es dann schaffen dort anzurufen, „nur“ weil ich das Gefühl habe gleich zu sterben vor Schmerz und Druck und Scham und Schuldgefühlen. Weil ich Angst habe, dass ich es nicht schaffe mich zu melden und weil ich Angst habe dass ich in die Klinik soll, weil ich das gerade so gar nicht möchte, weil das gerade so gar nichts helfen würde?

Es ist so schwer das gerade auszuhalten.

I keep dragging around what’s bringing me down
If I just let go, I’d be set free
Holding on
Why is everything so heavy?

Ich schlafe gestern erst gegen 3 Uhr ein. Mit Suizidgedanken und Selbstverletzungsdruck. Als ich heute morgen die Augen öffnen, ist es zwar nicht mehr ganz so schlimm, aber auch alles andere als gut. 

Als es an der Tür klingelt, schrillen die Alarmglocken in mir synchron mit. Mein Großonkel steht im Flur, prima. 

Ich weiß nicht, was anstrengender ist. Seine Fragen nach meinem Vater oder meinen Narben, die Tatsache, dass er ständig absichtlich meinen Kater erschreckt, sein Meckern über Moslems oder die andere ganze Grütze, die er von sich gibt. Nach gefühlt endlos langen Stunden, mindestens 5 Gefühlsprotokollen im Kopf, einem Haufen möglicher Mordmethoden und tonnenweise ablenken und skillen verlässt er endlich wieder die Wohnung. Uff. Durchatmen. 

Danach ist es unspektakulär. Wir essen, irgendwann packe ich meinen Kram und Mama bringt mich nach Hause. Als sie nach der obligatorischen Zigarette dann meine Wohnung verlässt, sinke ich erschöpft auf mein Sofa. Die letzten 3 Tage haben an meinen Kräften gezehrt. Die kurzen Nächte (vor 2 Uhr habe ich nie geschlafen), die vielen Geräusche, die Erinnerungen und Gedanken und dann zu allem Übel heute noch mein Großonkel… Es war anstrengend. Wenn auch nicht ganz so furchtbar wie sonst. Wobei auch mein Umgang und meine Einstellung anders sind seit der dbt. 

Jedenfalls war ich unglaublich froh endlichendlichendlich wieder in meinen eigenen vier Wänden zu sein. Ohne Menschen. Und so habe ich den Rest meines Tages auf dem Sofa verbracht. Mit AoE, TV, Katerkind und skypen mit L. und F., anschließen bin ich einfach nur ins Bett gekippt. Und dort liege ich nun seit einer ganzen Weile und komme nicht zur Ruhe. In meinem Kopf reiht sich ein mögliches Selbstverletzungsszenario an das nächste. Mir fehlt es so, so unglaublich sehr. Manchmal wünsche ich mir ein „richtiges“ letztes Mal. Noch einmal verletzen, als Abschluss, so richtig viel und schlimm. Aber es ist totaler Quark. Es ist einfach nichts, bei dem man einen Abschied feiern kann, ein letztes Mal, und schon gar nicht so. Es wäre eher ein Anfang als ein Ende. Und ich weiß auch, dass ich nie ganz ohne Selbstverletzung sein werde, denn sie wird mich immer begleiten, auch wenn es vielleicht irgendwann nur noch die Narben und ein gelegentlicher Gedanke daran sein werden. Ich weiß, dass es jederzeit wieder passieren kann, auch wenn ich es nicht hoffe und nicht möchte. Aber es macht auch so viel Angst zu wissen, dass es vielleicht nie mehr passieren wird. Und, ja, es tut weh. Denn ich lasse damit (mal wieder) etwas los, das so lange Teil von mir war, mehr als mein halbes Leben schneide ich schon. Es tut weh, genauso weh wie etwas anderes loszulassen, das einen so lange begleitet hat. Und ich versuche nicht allzu sehr über das alles nachzudenken, auch wenn es mir in diesen sentimentalen Tagen mit Weihnachten und Silvester vor der Türe um einiges schwerer fällt als es sonst eh schon ist. 

Morgen werde ich erstmal ausschlafen. Und dann irgendwann in den Supermarkt purzeln und ein paar Kleinigkeiten für die nächsten Tage einkaufen. Und ich muss anfangen meine Wohnung besuchs- und silvestertauglich zu machen. Also: aufräumen! 

Weihnachten 

Zitrone rollt Geschenkpapier aus. Schiebt den Kater weg. Legt das Geschenk aufs Papier. Schiebt den Kater weg. Holt Klebestreifen. Schiebt den Kater weg. Schlägt das Papier um das Geschenk. Zieht den Kater aus dem Geschenk. Klebt die nächste Seite zu. Zieht den Kater aus dem Geschenk mitsamt Geschenk, stopft das Geschenk wieder rein. Klebt die letzte Seite zu. Streichelt das schnurrende Geschenk. 

Ungefähr so verläuft mein Morgen. Ich ziehe den Zitronenkater auch noch mehrfach aus meinem Rucksack, dann aus der Ikea-Tasche, dann aus der Schublade mit dem Futter, dann aus dem Kühlschrank. 

Ich schaffe es zur geplanten Uhrzeit aus dem Haus. Blutend an Händen, Ohr, Oberschenkeln, Armen und Bauch. Der Herr Kater wollte nämlich partout nicht in die Transportbox und so lieferten wir uns erst mal einen gewaltigen Kampf. 

Die Fahrt ist entspannt. Es sind nicht allzu viele Leute unterwegs, der Zitronenkater klettert zwischendurch aus der Box, kuschelt sich auf meinen Schoß und beobachtet fasziniert die vielen Menschen und die vorbeiziehende Landschaft. 

Ich verkrümel mich noch eine Weile zu meiner Schwester nach oben, während Mama kocht und vorbereitet. Ihr Freund kommt, das Katerkind erkundet begeistert die Schubladen unterm Bett meiner Schwester, wir hängen rum, plaudern, tauschen Neuigkeiten über ehemalige Klassenkameraden aus (der Freund meiner Schwester hat mir mir zusammen die Ausbildung gemacht), bespaßen den Herrn Kater. 

Nach dem Essen und der Bescherung hängen wir faul auf dem Sofa. Schwesters Freund fährt noch zu seiner Familie, wir beschlagnahmen den Fernseher und spielen Wii. Später schauen wir zusammen mit Mama Filme, spielen mit dem Zitronenkater, begutachten Geschenke näher, trinken Alkohol. Schwesters Freund trudelt wieder ein und um kurz vor 1 beschließe ich, dass so Zeit fürs Bett wird. Ich kuschel mich in die Decke und mein Katerkind folgt mir, rollt sich dicht an mir zusammen und lässt sich kraulen. 

Es war ein entspannter Heilig Abend. Erstaunlich entspannt, bis auf ein kurzes Familiendrama mit meinem Großonkel, der behauptete geklingelt zu haben und nun beleidigt daheim saß und einer traurigen Mama, weil er eben nicht mit uns gemeinsam feierte. Allerdings sehr zur Freude meiner Schwester und auch ich war nicht sonderlich enttäuscht darüber. Immer wenn mehrere Teile meiner Familie zusammen kommen wird es kritisch und er ist auch eine dieser Personen, die immer und immer wieder nach meinem Vater fragt, nach dem Warum des nicht vorhandenen Kontakts, nach den Hintergründen meines Auszugs bei ihm und meinem Weggang aus BaWü, nach den Gründen für meine Narben und nach allen möglichen und unmöglichen Dingen, die man generell nie und erst gar nicht an Weihnachten erzählen will. 

Ein wenig schwer war nur die Traurigkeit über das zweite Weihnachten ohne Tante M., den ersten Weihnachtsfeiertag bei ihr zu verbringen war zwar eine anstrengende, aber doch schöne Tradition. Es fällt schwer dabei zuzusehen wie die Familie kleiner und kleiner wird und nur noch wenige übrig bleiben. Und obwohl wir eine so große Familie haben zerstreut es sich mehr und mehr, alle leben quer über die Welt verteilt, von Frankreich über Italien bis Japan und die USA. 

So geht ein weiterer 24.12. zu Ende. Weniger anstrengend als gedacht doch kräfteraubend genug für mich. Auch wenn ich merke, dass vieles einfacher und leichter ist. Durch die Therapie und auch durch die Medikament. 

Meine lieben Leser, ich hoffe ihr hattet einen schönen Tag. Und ich wünsche euch noch zwei weitere tolle Weihnachtstage. 

Es weihnachtet. (mehr oder minder) 

Gestern war ein absoluter Tag für in die Tonne. 

In der Nacht wache ich kurz vor halb 3 auf und schieße aus dem Bett. Eins der Schweine zwitschert und das ist generell kein gutes Zeichen. Normalerweise machen sie das bei Stress oder Krankheit. Doch beim Blick ins Meerizuhause schauen mich nur 6 Augen an, der Übeltäter ist leise und lässt sich auch nicht ausmachen. Soweit ich es feststellen kann geht es allen gut und ich muss erst mal eine rauchen, um mich von dem Schrecken zu erholen. Und dann bin ich wach. Pendel zwischen Sofa und Bett hin und her, gefolgt vom Zitronenkater. Erst kurz vor 9 finde ich endlich ein wenig Schlaf, um 10 weckt mich meine Blase, auf der der Kater grade rumtrampelt. 

Und dementsprechend fertig bin ich den ganzen Tag und hänge rum. Ich will so viel machen, doch ich schaffe es nicht. Mein Kopf schmerzt, meine Augen tun weh, mein ganzer Körper schreit nach Schlaf. Doch der lässt sich einfach nicht finden. Also quäle ich mich durch den Tag. Schaffe es irgendwann wenigstens mal Nudeln ins heiße Wasser zu kippen und mir  eine Soße zu kochen. Während mein Essen auf dem Herd steht, räume ich ein wenig in meiner Wohnung rum. Sortiere die Post der letzten 3 Monate, trage die 5 kg Heu mal zu den Schweinen, räume die Dinge, die ich beim Heimkommen einfach auf dem Küchentisch gestapelt habe, an ihren Platz. Und dann esse ich erst mal. Das erste mal was anständiges seit über 30 Stunden – genau das fällt mir dabei ein. Ohne Hungergefühl wird das also wohl wirklich zur Herausforderung. Irgendwie muss ich dafür wohl einen Plan entwickeln. Vorher war es ja schon sicher, wenn man nicht mehr in der Lage ist den Hunger zu spüren, dann wird das Ganze doch etwas problematisch. 

Abends beginnt der Selbsthass. Weil ich nicht die Dinge erledigt habe, die ich erledigen wollte. Weil ich mich nach der Nacht mit nicht mal 3 Stunden Schlaf einfach nur miserabel fühle. Weil es mich ankotzt, dass ich das Essen so völlig vergesse. Weil es sich anfühlt, als ob ich den Weg meiner Fortschritte grade rückwärts zurückpurzel. 

Und mitten drin beschließe ich es zu lassen. Ich will aufhören mich selbst zu zerpflücken. Also koche ich mir noch eine Tasse Tee und verziehe mich ins Bett. Es ist zwar noch nicht mal 7, aber das ist mir egal. 

Heute morgen wache ich kurz nach 6 auf. Ich stehe auf, füttere meine Schweinchen und den Zitronenkater, trinke einen Kaffee und trolle mich nochmal für 2 Stunden ins Bett. Beim zweiten Aufstehen fühle ich mich endlich wieder halbwegs in Ordnung. Ich wusel ein wenig in der Wohnung rum, kehre (mal wieder) Heu und Streu zusammen, telefoniere mit Puffpuff und mit meiner Mama, fange an Geschenke einzupacken, kraule das Katerkind. N. kommt kurz vorbei und hüpfe danach unter die Dusche, ziehe mich an und mache mich auf den Weg in die Hauptstadt. Eigentlich wollte ich absagen, habe ständig hin und her überlegt und dann beschlossen doch zu fahren. Schließlich habe ich meine Schwester schon lange nicht mehr gesehen und noch länger nichts mit ihr alleine unternommen. Und wenn nicht für sie, für wenn soll ich mich dann aus dem Haus bewegen?

Und es war die richtige Entscheidung. Es ist schön mit ihr unterwegs zu sein, mit ihr zu quatschen und zuerst den einen Glühweinstand, dann den Crêpestand und dann den nächsten Glühweinstand zu überfallen, im Supermarkt nach Alkohol für Weihnachten zu stöbern und einfach durch die Straßen zu laufen. Und noch schöner ist es, dass nun sie mal spendiert, ich muss mal nicht die große Schwester sein, denn der Zwerg ist nun tatsächlich schon so groß und verdient ihr eigenes Geld. Es ist merkwürdig, denn seit ich mit ihr unterwegs bin (da war sie ungefähr 8) habe ich immer bezahlt, wenn wir gemeinsam etwas getrunken oder gegessen haben. 14 Jahre später genieße ich es nun, dass wir beide erwachsen sind. Zumindest meistens. 

Am Abend mache ich nicht mehr viel. Zum ersten Mal, seit meiner Entlassung aus der Klinik, schalte ich meinen Fernseher an. Es ist merkwürdig, denn ohne die Medikinet habe ich immer das Geräusch des Fernsehers gebraucht, während ich irgendetwas getan habe. Sonst hat mich jedes Geräusch abgelenkt, jedes Poltern im Treppenhaus, jedes hupende Auto, jedes Quietschen der Meeris. Nun kann ich tatsächlich auch mal ’ne Stunde dasitzen und etwas tun, ohne dass etwas nebenbei laufen muss, ohne dass ich ständig etwas anderes tun muss. 

Morgen ist Heiligabend. Ich bin nicht wirklich in Weihnachtsstimmung. Vielleicht auch, weil die letzten 3 Monate so schnell vergangen sind. Weil ich kurz davor noch mit Salz in den Haaren am Strand lag. Aber ich freue mich. Zum ersten Mal seit vielen Jahren. Vielleicht auch, weil ich zum ersten Mal seit Jahren das Gefühl habe, dass ich es schaffen kann, dass es gut werden kann. Und das liegt zum großen Teil an dem Gespräch über die Weihnachtsplanung mit Frau K., meiner Psychologin aus der Klinik. Die Tatsache, dass sie mir am Ende sagte, dass ich die Planung und Skills und alles quasi alleine gemacht habe. Das gibt mir viel Mut und Kraft. 

Und nach Weihnachten wird das Jahr unaufhaltsam zuende gehen. Im Forum läuft schon eine meiner liebsten Traditionen, der Jahresrückblick. Mal sehen wann ich meinen schreiben werde. Und in welcher Form, ob öffentlich oder nur für mich, ob hier oder im Forum oder beides. 

Morgen muss ich noch die restlichen Geschenke einpacken, meine und Katerkinds Sachen packen (und natürlich auch das Katerkind), die Schweine für 3 Tage versorgen und dann geht es über die Feiertage zur Familie. 

And hey, I know that you can find a way

3 Tage Weihnachten sind (fast) vorbei. Ich habe es überstanden. Von den Gefühlen her macht es das aber nicht besser.
Besser wird es dadurch, dass ich wieder Zuhause bin. Ich habe mich mit Kuscheldecke auf dem Sitzsack eingekuschelt, habe den Tatort an, habe mein Pummeleinhorn im Arm und das Heizkissen auf dem Bauch wegen furchtbarem Bauchgefühl.
Katerkind weicht endlich wieder mehr als zehn Zentimeter von meiner Seite und beschnuppert die Sachen, die ich bei Mama dabei hatte. Scheinbar riechen sie sehr interessant.
Morgen will ich ausschlafen und dann den Tag nutzen, um das Chaos zu beseitigen, dass Katerkind veranstaltet hat. Vielleicht finde ich die Deko aus meiner Kerzenschale ja wieder, von 15 Kugeln sind nur noch 2 da, die anderen hat er irgendwo versteckt. Außerdem hat er mir mal wieder den gelben Sack ausgeräumt.
Ich will waschen und muss die Wohnung kehren, meine Nachbarin verteilt das Heu für die Quietschies nämlich nicht nur im Käfig sondern auch immer im halben Wohnzimmer.
Vielleicht gehe ich auch ein bisschen vor die Türe, ich muss mich ablenken von dem hinter mir liegenden Weihnachtswahnsinn und dem vor mir liegenden Silvester. Ich hoffe, dass ich endlich mal wieder eine Nacht schlafen kann, ohne dass ich von meinem Vater träume. Ich wache morgens nicht erholt auf, ich drehe mich in der Nacht von einer auf die andere Seite und wache jedes Mal auf, wenn ich auf der linken Seite liege, weil das Piercing dann schmerzt. Langsam laufe ich ein wenig zombiemäßig durch die Gegend, weil die Nächte mir nicht die Möglichkeit geben ruhig zu schlafen.
Ich würde so gerne schneiden. Nur ein klein wenig, damit ich tief und entspannt schlafen kann, damit der Druck weg ist. Aber ich versuche es nicht zu tun, lenke mich ab, skille. Auch wenn ich teilweise denke, dass es doch eh sinnlos ist, je näher Silvester rückt, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit, dass ich mich verletze. Warum sollte ich dann nun kämpfen, dass es nicht passiert. Wirre Gedanken. Und trotzdem gebe ich mein Bestes um nicht zu schneiden.

She hides all the pain inside
By filling up her arms with pretty little lines
She cuts with no intent to kill
This time she didn’t do it
But someday she will

Dein Atem wird leise

Heute morgen bin ich aufgewacht, weil das Telefon klingelte. Ich habe erst mal ein paar Augenblicke gebraucht um mich zu orientieren, wo genau ich eigentlich bin. Da es im Zimmer schon hell war schien die Möglichkeit recht groß, dass es schon Tag ist. Ich bin also aus dem Bett gekullert, habe meine Weste angezogen (wie habe ich das jahrelang ausgehalten? Es war nun der zweite Tag, den ich langärmlig verbracht habe und es ist mir jetzt schon definitiv zu lange) und bin in die Küche getapst. Am Telefon war der allererste Freund meiner Mutter. Die erste große Liebe, der Typ, den sie eigentlich heiraten wollte, bevor dann da irgendwie mein Vater das ganze querte. Und natürlich begann sie dann von dem zu erzählen. Sowohl von der ersten großen Liebe, als auch von meinem Vater. Perfekter Start in den Tag. Als meine Schwester und ihr Freund dann runter kamen änderte sich das Thema zum Glück auf die Geburt meiner Schwester und wie sie als Baby so war. Uff.
Den Rest des Tages haben wir mit essen, fernsehen, noch mehr essen und noch mehr fernsehen verbracht. Ein absoluter Gammeltag also, was auch ganz schön war. Dennoch bin ich froh morgen nachmittag wieder nach Hause zu fahren, bzw gefahren zu werden, meinen Sitzsack kriege ich schlecht mit Bus und Bahn transportiert.
Ich freue mich auf meine Wohnung, auf meine Meeris und auf mein Katerkind, auf mein Sofa und mein Bett. Darauf, wieder im T-Shirt rumlaufen zu können wenn mir danach ist. Auf so viele kleine Dinge. Ich bin schon zu lange daheim ausgezogen um das alles länger zu ertragen. Und mein ehemaliges Zimmer, dass nun das Zimmer meiner Mutter ist, erinnert mich an zu viele Dinge, auch wenn ich nur einige Monate hier gewohnt habe bevor ich auszog.
Nun werde ich versuchen zu schlafen. Trotz Selbstverletzungsdruck, trotz Suizidgedanken, trotz Bauchschmerzen und Übelkeit von dieser verdammten Anspannung.

Was hat dich so zerrissen?
Was hat dich so verletzt?
Was hat dich und dein Leben
Und dein Herz so zerfetzt?

Driving home for Christmas

24. Dezember. Wie so oft fahre ich mit Geschenken bewaffnet in mein zweites Zuhause, zu Mama. In Jogginghose und Chucks. Weihnachten. Der Himmel ist blau, die Sonne scheint, wir haben 11 Grad. Es wird das erste Weihnachten sein, an dem wir nur Zuhause feiern, das erste Weihnachten, an dem wir nicht bei Tante Maria eingeladen sind. Abgesehen von letztem Jahr, da habe ich gearbeitet, ist es das erste Weihnachten seit zehn Jahren, dass ich nicht bei ihr sitzen werde. Aber ich bin sicher, dass sie bei uns sein wird, genauso wie Onkel Norbert.
Weihnachten. Die Tage, vor denen ich seit Wochen Panik schiebe, sind nun also da und werden auch unaufhaltsam vorbei gehen. Ich wünsche mir, dass ich die Tage einfach genießen kann. Ohne fiese Erinnerungen, ohne Angst und Panik.
Letztes Jahr um diese Zeit war ich psychisch im Prinzip völlig am Ende. Das ist nun nicht mehr so schlimm, es tut nicht mehr alles so furchtbar weh, die Nächte sind nicht mehr nur Horror, die Tage sind nicht mehr nur schrecklich. Es wird besser, in kleinen Schritten.
Weihnachten. In einer Stunde werde ich in Mamas Küche sitzen, werde vermutlich immer noch nicht verstehen können, dass heute schon heilig Abend ist. Aber vielleicht ist das auch gar nicht schlimm. Vielleicht ist es einfach nur wichtig schöne Momente mit meiner Familie zu erleben, die Momente in mich aufzunehmen und sie bewahren, als Gegensatz zu den vielen dunklen Momenten.

Meine lieben Leser, ich wünsche Euch schöne Feiertage, eine schöne Zeit mit Euren Liebsten und ganz viele schöne Momente!

I am driving home for Christmas
Driving home for Christmas
With a thousand memories

You’re a fighter, so fight, wake up and live

Morgen ist also Heilig Abend. Und es fühlt sich absolut gar nicht danach an. Abgesehen davon, dass bei 10° schwer Winter- oder Weihnachtsstimmung aufkommt, bin ich auch irgendwie noch gar nicht im Dezember angekommen. Irgendwie verging dieses Jahr so schnell, es ist so vieles geschehen. Morgen Weihnachten zu feiern fühlt sich seltsam an. Vielleicht kommt die Stimmung morgen ja noch auf. Aber sonst hatte ich jedes Jahr, spätestens am Tag vor Heilig Abend, dann doch Weihnachtsstimmung.
Ich mache mir Gedanken, dass mein Vater auftauchen könnte. Jedes Mal, wenn es an der Türe klingelt zucke ich zusammen. Jedes Mal wenn das Telefon klingelt atme ich erleichtert auf, wenn nicht seine  Nummer auf dem Display erscheint.
In den letzten 4 Nächten habe ich von ihm geträumt. Oftmals schaffe ich es mittlerweile dann aufzuwachen. In der letzten Nacht habe ich davon geträumt, dass ich erzähle was er alles getan hat und ich verstanden und beschützt werde. Also genau die Dinge, die ich damals nicht hatte.
Morgen früh werde ich also zu Mama und Schwesterherz fahren. Wie in so einigen Jahren mittlerweile. Nächstes Jahr werden es zehn Jahre, die ich nicht mehr bei ihm bin. Und auch nach diesen zehn Jahren sitzen manche Dinge noch ziemlich tief.
Was in letzter Zeit erstaunlich gut funktioniert ist das Essen. Ich kriege es doch relativ regelmäßig hin morgens zu frühstücken, mittags zu kochen und abends noch etwas kleines zu essen.
Ich versuche mir immer wieder vor Augen zu halten, dass mein verkorkstes Essverhalten Folge der wirren Welt meines Vaters ist, so schaffe ich es dann auch oft das in normale Bahnen zu lenken.

Ich weiß nicht, wie ich diesen Abend noch überstehen soll. In den nächsten 3 Tagen habe ich Mama und Schwesterherz, die mich hoffentlich genug ablenken, habe hoffentlich die Kraft mal einfach nur zu genießen, weil ich weiß, dass er kein Teil meines Weihnachten sein wird. Ich werde zwar Klingen mitnehmen, aber mehr aus der Sicherheit heraus, dass dann welche da sind, nicht weil ich den festen Plan habe zu schneiden. Ich werde mir nur die Medis mitnehmen, die ich auch wirklich brauche und nur so viel Bedarf, dass ich damit keinen Mist machen kann und der Missbrauch davon auch ziemlich sinnfrei wäre. Ich werde meinen Laptop mitnehmen und ein Buch und ein paar Skills. Ich werde mir den Zettel von Nathalie in den Geldbeutel stecken und immer wieder lesen, wenn es notwendig ist. Ich werde einfach weiter atmen, wenn es zu schwer wird um eigentlich weiter machen zu können.

Jetzt richte ich meine Medis für die nächsten Tage, packe dann endlich mal die Geschenke ein, suche mir eine Transportmöglichkeit für die Dinge, die ich mitnehmen werde und schaue dann, wie wach ich bin. Vielleicht kippe ich danach einfach in mein Bett, vielleicht schaue ich noch ein wenig walking dead. Weiter machen, weiter atmen, ablenken. Vielleicht lege ich mich morgen bei Mama als erstes Mal schön in die Wanne und entspanne mich noch ein wenig vor dem ganzen Wahnsinn.

Everything’s gonna be alright
Everything’s gonna be okay
Everything’s gonna be alright