The sun will come out, wait and see 

Nach der Achtsamkeit fühle ich mich merkwürdig. Ich bin nicht in meinem Körper, stehe irgendwo neben mir, habe Druck. Schwester Nathalie fragt, ob alles in Ordnung ist. Ich schüttel den Kopf.
Wir gehen gemeinsam um den See. Reden, auch viel Blödsinn. Es wird langsam besser, es tut gut zu laufen und zu reden und zu lachen. „Schon allein deswegen dürfen Sie sich nichts antun. Ich brauche Sie doch zum Blödsinn reden und spazieren. Und Sie mich zum spazieren und Blödsinn anhören. Coexistenz. Oder, das wäre es doch.“ Ich bejahe das ganze und sie streckt mir die Hand hin. Ich gebe ihr meine. „Das ist doch mal eine gute Idee für einen Nonduizidvertrag. Wir laufen weiter um den See. Ich erzähle von A. und von Ostern, von gestern. Sie lobt mich, weil ich nicht geschnitten habe. Die Hexe mit den zwei Besen bringt mich also wieder runter, als wir nach einigen Runden wieder oben ankommen geht es mir besser. Die italienische ältere Dame schimpft vor sich hin, Nathalie meint nur „meine Zukunft…“ und ich lache. „Sie verstehen es. Ich sage doch, Coexistenz.“ Ich fühle mich wieder besser, deutlich. Es tut gut einfach draußen zu sein und die Sonne zu spüren und zu reden und zu gehen.
Mittags bin ich einfach nur müde und falle für 3 Stunden einfach ins Bett und schlafe. Ich will nicht mehr wach werden, mein ganzer Körper schreit nur nach Schlaf. Irgendwann kriege ich es doch hin mich aus dem Bett zu bewegen, gehe in den Supermarkt und schenke mir ein Eis, telefoniere mit J. und kriege Besuch von Bibi.
Den Rest des Tages verbringe ich mit der Nase im Buch. Erst draußen, dann am Ende des Flurs mit den Füßen auf der Fensterbank, während das Licht durch das große Fenster fällt und es draußen langsam dunkel wird.
Ich muss daran denken, wie ich vor über einem Jahr hier saß auf dieser Fensterbank. Im Februar, während es draußen kalt und grau war und in mir nicht besser aussah. Die Suizidgedanken hielten noch lange an nach dem Suizidversuch damals und ich hatte das Gefühl, dass sie gar kein Ende mehr finden werden. Manchmal scheint es so weit weg zu sein dieses damals. Manchmal scheint es auch noch viel zu nah. Faktisch liegen 14 Monate zwischen heute und damals. Und doch eine ganze Welt. Heute sitze ich am Fenster und lese, meine Gedanken kreisen um das Buch und um mein Leben, um Momente und Gefühle. Damals war da nur Dunkelheit und Leere und Anspannung und Selbstverletzung. Ich schneide viel weniger. Die letzten heftigen Suizidgedanken sind eine Weile her. Ich kriege den Großteil meines Alltags auf die Reihe. Und so viele andere kleine winzige Dinge, die sich zu einem Haufen an Veränderung auftürmen. Es ist enorm, was sich in einer solchen Zeit alles verändern kann.
In der Achtsamkeit ging es heute auch um Wünsche. Gesund sein. Das kam mir direkt als erstes in den Kopf.
Ich weiß, dass ich mit einer Krankheit lebe, die immer da sein wird. Ich weiß, dass mich immer wieder Bilder verfolgen werden. Ich weiß, dass es immer wieder dunkle Momente geben wird. Aber ich weiß auch, dass ich es schaffen kann mit dem allem zu leben. Ich kann es schaffen mich nicht zu verletzen, auch wenn es immer wieder als Möglichkeit im Kopf auftauchen wird. Ich kann mit diesen dunklen Momenten umgehen, ohne mir etwas anzutun. Ich kann es schaffen trotz allem zu leben. Oder gerade wegen allem. Und mit allem. Und irgendwie bin ich ja schon dabei.
In letzter Zeit schreibe ich viele positive Dinge. Manchmal habe ich Angst, dass es nur eine Phase ist, dass es bald wieder abwärts geht. Habe Angst davor, dass es sich immer weiter und weiter und weiter um einen Punkt dreht, mit Aufs und Abs und ich nicht weiter komme. Aber vielleicht versuche ich es einfach zu genießen, dass es gerade so ist. Dass viele Dinge in Bewegung sind, vieles anders wird. Einfach genießen, dass das Leben gerade im Großen und Ganzen einfach okay und gut ist. Ohne Angst vor dem Morgen. Ohne Angst vor dem was kommt und vor dem, was hinter mir liegt. Ohne Angst vor der Krankheit. Einfach nur leben. Leben und atmen und atmen und leben. Und wirklich leben, nicht überleben. Denn das sind einfach zwei unterschiedliche Dinge.

Überleben allein ist unzureichend.

So tell ‘em all I’m on my way 
New friends and new places to see 
And to sleep under the stars 
Who could ask for more 
With the moon keeping watch over me

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