Und ich häng hier auf Halbmast

Manchmal habe ich eine Auszeichnung in der Kategorie „mich selbst triggern“ verdient. Ich habe auf Google Maps geschaut, welche möglichen Spazierwege es hier so um mich rum gibt und wie weit sie sind.
Und dann kam ich auf die absolut glorreiche Idee mir dort auch die Orte anzuschauen, an denen ich meine Kindheit und Jugend verbracht habe. Ich finde es immer noch direkt auf der Karte. Von Stuttgart aus nach Südwesten, immer mehr Ortsnamen, die mir bekannt sind. Bis ich dort gelandet bin. Da ist das Gymnasium, auf das ich gegangen bin. Dort das Schwimmbad, in dem ich schwimmen gelernt habe. Da der kleine Kiosk, in dem wir nach der Schule so oft Halt gemacht haben. Da der Zigarettenautomaten, aus dem ich meine ersten Zigarettenpäckchen gezogen habe.
Dann die Straße entlang. Über die Brücke, an der Kreuzung nach rechts, der Straße folgen. Da ist der Ort, in dem ich gewohnt habe. In dem ich zum Kindergarten und zur Grundschule ging. Da das Haus, in dem wir gewohnt haben, bis ich ungefähr 10 war. Da hinten das Haus, in das wir dann gezogen sind. Die riesige Wiese hinten dran, auf der ich so viele Stunden verbracht habe.
Die Burgruine, die ich als Kind erkundet habe.
Und auf der anderen Seite des Flusses das Haus meiner ehemaligen Tagesmutter. Der Ort, an dem ihr Sohn mir so oft zu nahe kam, so oft meine Grenzen ignorierte.
Zurück auf die andere Seite. „Unsere“ Wohnung. Wie viele Stunden habe ich heulend im Bett gelegen. Wie viele Stunden habe ich schlaflos und voller Angst verbracht. Wie oft habe ich geweint und geschrien und wollte nur sterben. Wie oft habe ich die Klinge angesetzt und mir über den Arm gezogen.
Ich weiß ganz genau, dass es mich triggert sowas zu tun. Ich weiß ganz genau, dass direkt wieder Erinnerungen hoch kommen, wenn ich die ganze Orte sehe. Und trotzdem mache ich es. Trotzdem schaue ich mir die Orte an. Trotzdem schaue ich mir Bilder von Selbstverletzungen an. Trotzdem höre ich Lieder, die alte Erinnerungen wecken. Trotzdem, trotz allem. Früher wollte ich ganz bewusst in einen Zustand kommen, der die Selbstverletzung „rechtfertigt“. Aber das ist schon lange her. Mittlerweile weiß ich gar nicht, warum ich das eigentlich tue. Ich weiß nur, dass ich eigentlich weiß, dass es mir nicht gut tut.
Nun ist es passiert und ich muss das Beste daraus machen. Mir Finalgon auf den Arm schmieren. Mich vollpflastern. Mich in meine Kuscheldecke wickeln und puzzlen. Vielleicht stelle ich mich auch gleich in die Küche und koche mir was. Vulnerabilität verringern ist im Prinzip genauso wichtig wie die Skills. Ausreichend bewegen, ausreichend essen, ausreichend schlafen. Und Essen klappt mehr schlecht als recht. Oder ehrlich gesagt einfach gar nicht.

Immerhin habe ich es heute hin gekriegt raus zu gehen, eine Runde über die Felder zu drehen. Um die 3 km bin ich gegangen und es tat gut. Morgen will ich wieder raus, will vor die Türe, will meinen Kopf frei kriegen.

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Heute bleibt mir nichts anderes mehr übrig als Schadensbegrenzung zu betreiben. Durchhalten, weiter atmen, ablenken, skillen. Ich will es schaffen, ohne mich zu verletzen. Zur Not rufe ich später in der Klinik an. Vorher probiere ich aber mal alles an Skills durch was mir so einfällt. Es geht vorbei. Es geht vorbei. Es geht vorbei.

Vielleicht kann ich irgendwann wieder schlafen
Ohne irgendwas zu nehm’n
Und vielleicht gibt’s irgendwo da draußen
Für mich ein neues Leben
Aber sich das vorzustell’n
Ist grad das Schwerste auf der Welt

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