und ist der Weg auch noch so weit

Der Tag heute war, ja was eigentlich? Gut, interessant, hart, anstrengend, schön?
Eigentlich wollte ich heute morgen gar nicht raus, überhaupt nicht aus dem Bett, meine Mama anrufen und absagen. Letztendlich habe ich mich dann doch aus dem Bett gequält, nachdem mein Handy zehn Mal laut „Baaanaaaanaaaa“ geschrien hat. Wenn meine Schwester mir schreibt oder mich anruft, dann gibt es immer Töne von sich, egal ob lautlos oder nicht. Ist ja auch gut so und war heute eben auch gut. Jedenfalls bin ich dann nach dem ganzen Baaanaaaanaaaa doch los in die Hauptstadt zur Körperwelten-Ausstellung. Die war wirklich interessant und gut, nur manche Dinge fand ich persönlich einfach schlimm, beispielsweise die Adern im Arm (die ich mir ja tatsächlich mal aus Versehen angeschnibbelt habe) oder alles was mit Sprunggelenk zu tun hat, weil ich dann jedes Mal das Gefühl hatte es bricht grade wieder. Bäh.
Aber das war eigentlich gar nicht das interessante an dem Tag, bzw. nicht das interessanteste. Mein Großonkel war nämlich auch dabei. Der Bruder der Mutter meiner Mutter. Und er fuhr mich anschließend heim. Der Spaß dauerte Dank Vollsperrung der Stadtautobahn nur ca. 3 Stunden anstatt der sonstigen höchstens 45 Minuten. Durch Deutschland ging gar nichts, die komplette Stadt bis in die Vororte dicht, also haben wir den Weg übers Ausland genommen, dort ging es zwar auch langsam voran, allerdings doch deutlich schneller als durch Deutschland.
Naja, jedenfalls hatten wir auf den 3 Stunden Weg genug Zeit zum reden, waren danach noch Sushi essen und einen Kaffee trinken und wollen uns in Zukunft auch wieder treffen. Denn, ich will mehr über mich und meine Vergangenheit und die meiner Eltern wissen. Und das findet er auch gut. Er wusste nicht, dass ich _so wenig davon weiß. Sonst hätte er mir das schon früher erzählt.
Mein Opa litt unter Psychosen. Meine Oma führte jahrelang eine Beziehung mit einer Frau. (der Verdacht stand lange im Raum, die Gewissheit habe ich jetzt.)
Und ich will wissen was damals passiert ist. Vor 23 Jahren, als mein Vater das Sorgerecht bekam. Ich will die Akten sehen, will Gewissheit über das Damals.
Ich werde der Mitarbeiterin des Jugendamtes schreiben, die nach der Inobhutnahme für mich zuständig war und fragen, wie ich an die Akten eines anderen Bundeslandes komme. Und ich werde hier anrufen und fragen, wie ich an die Akten hier komme.
Vielleicht ist es Zeit, dass ich nach den ganzen Jahren voller Lügen und Schweigen endlich eine Antwort finde.
Und ja, auch mein Großonkel sprach mich darauf an, ob es sein könnte, dass mein Vater mehr gemacht hat. Manchmal frage ich mich, ob wirklich alle etwas geahnt haben, ob jeder das dachte oder irgendwann fast sicher war, alle außer mir. Und vielleicht hilft mir das auch ein Stück weiter beim akzeptieren und annehmen. Ich bin nicht irre, ich bilde mir nichts ein. So gerne ich das auch manchmal einfach sagen würde. „Ja, es ist nur mein kranker Kopf.“ Aber das ist es nicht. Die Vergangenheit war da, sie wird auch immer so bleiben wie sie eben war.
Ich will diese Akten. Ich will wissen was war.
Und übrigens hat meine Mutter auch meinem Großonkel erzählt, dass das mit dem Missbrauch gar nicht sein kann. Mein Vater wäre ja schwul und würde seit Jahren in einer Beziehung mit einem Mann leben. Und es tut verdammt weh, dass sie einfach nicht hinter mir steht, sondern lieber so einen Mist in die Welt setzt. Dann soll sie doch einfach nichts sagen. Und selbst wenn er schwul wäre (ich kenne keinen homophoberen Menschen als meinen Vater, keinen größeren Rassisten, niemanden, der intoleranter ist. Mit seiner eigenen (lesbischen) Schwester redet er kein einziges Wort mehr.) schließt das ja nicht aus, dass er das getan hat. Wahrscheinlich ist meine Persönlichkeitsstörung einfach vom Himmel gefallen. Manchmal mag ich ihr wirklich vor die Füße kotzen!

Und am dunklen Horizont.
siehst das weit entfernte Licht
und du traust dich wieder nicht
den Schritt zu gehen.
Doch bleib nicht stehen,
denn gehst du weiter wirst du sehen
und vielleicht auch bald verstehen,
dass es das Ziel ist das uns treibt

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