Und jede Narbe zahlt sich aus, ist in schlechten Tagen Mahnmal und in guter Zeit Applaus.

Der zweite Tag in der Klinik läuft. Ich lebe noch. 

Die Panik gestern war nicht so schlimm wie befürchtet. Vielleicht auch weil ich nicht alleine war. Kurz vor der Klinik hatte ich das Bedürfnis mich einfach umzudrehen und zu gehen. Und plötzlich fand ich mich auf dem Klinikbett sitzend wieder und es ist schon nachmittag. Alles ging viel zu schnell für meinen Kopf und es fällt mir auch heute noch unglaublich schwer meine Gedanken zu ordnen oder ihnen zu folgen. Es ist so viel Input, so viele neue Gesichter, so viele Orte und Dinge, die ich kennen lerne. Ich fühle mich überfordert, völlig, und verkrieche mich die meiste Zeit in meinem Zimmer. Es ist nicht unbedingt negativ, sondern einfach nur viel. Trotzdem habe ich heute immer wieder den Wunsch zu schneiden. Nicht unbedingt wegen der Anspannung, sondern weil es mir so fehlt. Und vielleicht um auch ein wenig Entlastung zu finden. 

Zuhause wegzufahren war schlimm. Die Türe endgültig zu schließen, die Sachen in Mamas Auto zu laden… In der Nacht zuvor hatte ich nur bis halb 2 geschlafen und war dementsprechend müde. Die Fahrt war ganz okay und ich war froh, dass ich N. dabei hatte. Auch die Nacht im Hotel war kurz, ich konnte irgendwann nicht mehr wirklich weiter schlafen. 

Mein Zimmer teile ich mir mit einem netten Mädel. Sie hat kein Borderline und ich bin ganz froh, dass wir unterschiedliches Chaos in uns tragen. Vielleicht wäre mir das sonst doch zu viel. Meine Ärztin, die auch die Einzelgespräche mit mir machen wird, ist auch sehr nett. Den Oberarzt habe ich schon kennen gelernt, ebenso wie gefühlt 50 andere Menschen, deren Namen ich mir nicht merken kann. 

Auch die Pfleger und Schwestern sind bisher durchweg sehr nett und offen. Ich glaube, dass ich mit ihnen gut auskommen werde. 

Ein wenig blöd finde ich, dass sich die Toiletten auf dem Flur befinden. Im Zimmer selber haben wir nur ein Waschbecken. Aber es gibt kostenlos WLAN und das ganze funktioniert auch und das sogar ziemlich schnell, ich kann weiterhin meine Serien streamen ohne Probleme. 

Sonst gibt es noch einen Aufenthaltesraum mit TV, PC, Büchern und Spielen. Und einen weiteren kleinen Raum, in dem entweder Studien stattfinden oder man sich auch zurückziehen kann. Eine Küche mit Kühlschrank, Mikrowelle, Kaffeemaschine (entkoffeiniert, wer kommt auf so eine Idee?!), heißes Wasser spuckt sie auch aus, und einem Wasserspender. Um die Klinik ist es schön grün, es gibt viele Bänke um rumzusitzen und das schöne Wetter zu genießen. In der Nähe habe ich auch mehrere Möglichkeiten zum einkaufen und auch die Altstadt ist nicht allzu weit entfernt. 

Heute Mittag habe ich mein erstes Einzelgespräch, wir wollen die Therapie planen und den Behandlungsvertrag besprechen, irgendwann wollte einer der Pfleger mit mir noch die Mappe besprechen, die ich in die Hand gedrückt bekommen habe gestern. Genau wie noch tausend anderer Dinge, die ich noch durchlesen, ausfüllen und unterschreiben muss. Im Rahmen meines Aufenthalts hier werde ich an zwei Studien teilnehmen, ich finde das ganze ziemlich interessant. Vielleicht schreibe ich dazu demnächst mehr. Zwischen dem Mittagessen und dem Gespräch will ich kurz in den Supermarkt und ein paar Dinge kaufen, am Besten 3 Kilo Schokolade um meine Nerven zu beruhigen. 

So versuche ich mich hier zurechtzufinden und mich den vielen neuen Eindrücken irgendwie klarzukommen. Heute Abend will ich versuchen mich mal in den Aufenthaltesraum zu setzen, die Mitpatienten vielleicht mal kennen lernen, mich nicht allzu viel zu verkriechen. Auch wenn ich vermutlich schon wieder früh so müde bin, dass ich ins Bett kippe. 

Viel neues. Ein neuer Weg. Weitergehen. Ich habe Hoffnung. 

Mädchen, selbst wenn du verbrennst,
solang es noch schimmert.
Bleibt hier alles halb so schlimm,
solang es noch schimmert.
Nichts ist wichtig, nichts egal,
solang es noch schimmert.
Solang du schimmerst!

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