und jetzt geht der Fallschirm auf

Ich fahre nach Hause. Vielleicht zum letzten Mal. Es sind nur noch drei Wochenenden bis zur Entlassung. Und ich würde sie gerne mit meinen Mitpatienten, ehemaligen Mitpatienten und Freunden verbringen, möchte die Zeit nutzen, die schönen Momente bewahren und aufsaugen. Fest steht, dass ich wieder kommen werde. Nach Freiburg. Ich will im Januar nochmal auf der Station vorbei schauen und meine zwei bis dahin noch verbliebenen Mitpatientinnen besuchen, der lieben Mira mal Hallo sagen, A. treffen, die trotz ihrer Entlassung immer noch Teil von uns ist, mein Puffreiskügelchen besuchen und Fylgja. Und ich werde versuchen das regelmäßig zu tun, ich möchte die Kontakte behalten, möchte die lieben Menschen weiterhin in meinem Leben haben, trotz der Distanz. Und ich werde wohl dann auch nach Bayern fahren, F. besuchen und sie nötigen mich zu besuchen. 😉 

Viele Mitglieder des Teams sagen, dass wir uns nicht so sehr aneinander gewöhnen sollen. Wir würden uns eh nicht mehr sehen. Ich glaube nicht daran. Unsere „Truppe“ war und ist etwas besonders und ich glaube, dass einige von uns es schaffen werden den Kontakt aufrecht zu erhalten. Denn wir wollen es. Und ich habe erlebt, dass solche Kontakte lange halten können. Mit S. habe ich seit nun 10 Jahren Kontakt, seit wir aus der KiJu entlassen wurden. Auch von den anderen dort höre ich immer noch einige Male im Jahr etwas. Mit einigen Menschen aus der Psychiatrie verbindet mich seit nun auch bald zwei Jahren auch eine Freundschaft. Klar ist es anstrengend soziale Kontakte über die Distanz aufrecht zu erhalten, klar werden sich manche Kontakte verlaufen, aber einige werden bestehen bleiben. 

Nach Hause. Ich freue mich. Ich werde heute meinen üblichen Kram erledigen. Ankommen, Mama irgendwie wieder los werden, meine Tierchen versorgen, meine Wohnung ein wenig vom Katerchaos befreien. Ich will einen Freund in der Klinik besuchen (soviel zu Klinikfreundschaften), der leider grade wieder dort ist, auf dem Rückweg einkaufen. Und dann einen gemütlichen Abend verbringen auf dem Sofa, mit TV und Katerkind und Nichtstun. 

Morgen werde ich mit Bibi zu N. fahren, Geburtstag nachfeiern. Und dann geht es auch fast schon wieder zurück in Richtung Klinik. 

Gestern Abend saß ich mit Herrn N. beim Abendkontakt. Er blickte auf meine diary card, lächelte, begann den Satz mit seinem üblichen „Hey“ und erzählte mir, dass es doch wirklich gut läuft. Dinge, die manchmal nicht gesehen werden meint er, denn normalerweise schaut man doch ständig wo es grade brennt und wenn es dann mal läuft, dann beachtet es keiner. Ich muss lächeln und sage ihm, dass meine Psychologin es schon sieht, anerkennt, mich darauf hinweist, damit ich es auch sehe. 

Ich erzähle ihm von der Plötzlichkeit, mit der vormittags auf einmal Suizidgedanken in meinem Kopf waren, drängend und aus dem Nichts. Er meint, dass ich es vielleicht anders sehen muss. Ich soll mich nicht fragen, warum sie nun plötzlich da waren, sondern eher sehen, dass sie eben so lange nicht da waren. Vielleicht manchmal unterschwellig, vielleicht für Momente ein wenig mehr, manchmal sogar gar nicht. Aber sie sind weniger, deutlich. „Ich kann mich erinnern, dass wir andere Gespräche schon geführt haben an einem solchen Punkt. Da ging es dann um eine 5 auf der diary card. Und so erlebe ich Sie gerade nicht. Es belastet Sie, aber Sie sind klar, Sie wissen was zu tun ist, es geht um keine 5.“ Er fragt mich, ob ich das Monster am Wegesrand kenne. Ich schüttel den Kopf und er kramt in seinem Fach, legt mir ein Blatt vor die Nase und verdeckt den unteren Teil. 

„Wo wollen Sie hin?“ fragt er mich. „Hinter das Monster, dorthin wo die Sonne scheint“ antworte ich ihm. „Und wie machen Sie das?“ will er wissen. Ich überlege. „Monster verjagen?“ Er schüttelt den Kopf. „Funktioniert nicht.“meint er.“ Außerdem geht die Sonne bald schon unter. Sie haben nicht ewig Zeit um für heute an dem Monster vorbei zu kommen.“ Also überlege ich weiter. „Mit Schokolade bestechen? Schokolade funktioniert immer! Oder… Hmmmm. Vielleicht frage ich es einfach, ob es mitkommen mag?“ Herr N. lächelt. Und deckt den Rest der Seite auf. 

„Wow. Dass Sie da so schnell drauf gekommen sind!“ sagt er lächelnd. „Kopieren Sie mir das? Ich will es mir daheim aufhängen.“ sage ich zu ihm und er drückt mir wenige Augenblicke später die Kopie in die Hand. Wir reden noch kurz und ich gehe mit einem besseren Gefühl wieder den Flur entlang in den Aufenthaltsraum. 

Ich bin mit Hoffnung im September in die Klinik gefahren. Mit der Hoffnung auf Möglichkeiten mit mir und meinem Leben besser umzugehen, mit der Hoffnung manche Situationen besser meistern zu können. Und heute fahre ich in mein Wochenende mit der Gewissheit, dass es da ein lebenswertes Leben vor mir gibt, mit der Sicherheit, dass ich vieles meistern kann, mit der Sicherheit, dass ich leben und meinen Weg gehen kann. Mit dem Monster. Mit Borderline.

 

Aufstehen, Atmen, Anziehen und Hingehen.
Zurückkommen, Essen und Einsehen
zum Schluss:
dass man weitermachen muss

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