Und sogar an einem Abend, an dem er bloß eine Bohne zählte, war der Tag gelungen, hatte es sich zu leben gelohnt.

Der Achtsamkeitstherapeut packt immer mal wieder die Geschichte von den Bohnen aus. Es gibt sie mit einer Fürstin, einem Bauern, einem Grafen und vermutlich auch sonst noch allen möglichen Protagonisten. Im Prinzip ist sie aber immer gleich.

In Italien kursiert die Geschichte von einem Grafen, der sehr alt wurde, weil er ein Lebensgenießer par excellence war. Niemals verließ er das Haus, ohne sich zuvor eine Handvoll Bohnen einzustecken. Er tat dies nicht etwa, um die Bohnen zu kauen. Er nahm sie mit, um so die schönen Momente des Tage bewusster wahrnehmen und um sie besser zählen zu können.

Für jede positive Kleinigkeit, die er tagsüber erlebte – zum Beispiel eine nette Konversation auf der Straße, das Lächeln seiner Frau und Lachen seiner Kinder, ein köstliches Mahl, eine feine Zigarre, einen schattigen Platz in der Mittagshitze, ein Glas guten Weines – kurz: für alles, was die Sinne erfreute, ließ er eine Bohne von der rechten in die linke Jackentasche wandern. Manche Begebenheit war ihm gleich zwei oder drei Bohnen wert.

Abends saß er dann zu Hause und zählte die Bohnen aus der linken Tasche. Er zelebrierte diese Minuten. So führte er sich vor Augen, wie viel Schönes ihm an diesem Tag widerfahren war und freute sich des Lebens. Und sogar an einem Abend, an dem er bloß eine Bohne zählte, war der Tag gelungen, hatte es sich zu leben gelohnt.“

Ich finde die Geschichte immer wieder aufs neue schön. Besonders den Schluss.

Und sogar an einem Abend, an dem er bloß eine Bohne zählte, war der Tag gelungen, hatte es sich zu leben gelohnt.

Viel zu oft vergisst man all die schönen Dinge, die einem so passieren oder weiß sie nicht zu würdigen, weil die Momente so klein erscheinen.
Mir geht es auch oft so. Natürlich vor allem an schlechten Tagen. Dann sitze ich abends oft vor der diary card (ich hab schon länger keine mehr geschrieben, ich muss unbedingt wieder anfangen!) und überlege, was ich bei positiven Erlebnissen eigentlich schreiben soll. Und oftmals sind es dann aber genau die Kleinigkeiten, die den Tag schön gemacht haben. Ein liebes Wort, ein guter Tee, Sonnenschein, das Katerkind und die Quietschnasen, ein schönes Lied, ein Lächeln… All diese Momente, die oftmals einfach untergehen. Nun probiere ich es mal mit den Bohnen. Drei Stück sind schon in die linke Hosentasche gewandert. Eine für die Achtsamkeitsstunde, eine für liebe Menschen in der Klinik treffen (einen alten Bekannten, liebes PP und einen Freund) und eine für das glückliche Katerkind, dass sich auf meiner Fußmatte wälzt als ich heimkomme und danach auf meinem Schoß glücklich schnurrt. Mal sehen, wie viele heute Abend in der linken Hosentasche gelandet sind.
Jedenfalls war die Achtsamkeit gut, danach war ich kurz einkaufen, nun bin ich Zuhause und werde mich gleich daran machen das Bad zu putzen. Lust habe ich natürlich wenig (wobei es heute nicht ganz so schlimm ist wie sonst, das muss ich nutzen), vorher werfe ich noch schnell die Waschmaschine an (meine Lieblingskuscheldecke war ja mit in Berlin, die hat es nötig. Fiona, meine Kuschelrobbe, ebenso.), mecker mit meiner Schwester (die mir im fünf-Minuten-Takt unter die Nase reibt, dass sie weiß, was ich zum Geburtstag kriege) und stöpsel meinen Badlautsprecher mal an den Strom (jedes Mal unter der Dusche jammere ich, weil er nun schon seit Wochen leer ist und ich immer vergesse, ihn aufzuladen). Mal sehen, wie groß die Motivation nach dem Bad dann noch ist, vielleicht kriege ich ja noch mehr geschafft.
Mein linker Oberarm hat ein Ei wachsen lassen, die Stelle um den Impfeinstich ist dick, rot, juckt und tut weh. Bäh. Schade, dass der Pfleger Arschkeks heute nicht da war, er muss immer lachen, wenn ich über Wehwehchen jammere. „Aber sich dann den Arm bis fast auf den Knochen aufschneiden…“ sagt er immer. „Und da soll ich Ihnen nun glauben, dass das wehtut?“ Tja, so ist das eben.
Schwester Katrin meinte, dass sie grade über mich gesprochen hätten, als ich kam. „Wir haben überlegt, wann Sie wieder kommen.“ Ich antworte ihr, dass die 5 Wochen eigentlich am 9. vorbei wären, ich aber so, wie es gerade aussieht, auf 6 Wochen gehen werde. „Wenn es so klappt, dass freut mich.“ meint sie. Ich warte mal noch ab bis Mitte nächster Woche und entscheide dann je nach aktueller Lage. Diese Flexibilität tut mir gut, es liegt in meinem Ermessen zu entscheiden, wie lange ich es schaffe. Vorher war es immer blöd, wenn beispielsweise 4 Wochen angepeilt waren, ich nach 3 Wochen aber einfach nicht mehr konnte. Nun kann ich selber schauen, ob 5 oder 6, und es würde sich vermutlich auch nicht nach Versagen anfühlen, wenn ich nur 5 Wochen aushalte. Oder eventuell auch nur 4. Gerade ist es aber okay und ich mag das dann auch probieren, mag meine eigenen Grenzen ein wenig ausloten, will es einfach versuchen. Außerdem macht der Pfleger Arschkeks wieder einen Filmabend, den ich verpassen würde, wenn ich nach 5 Wochen hin ginge. Noch ein Ansporn. 🙂 Es tut gut, einfach selbst entscheiden zu können, mich selbst zu motivieren und dann stolz zu sein, dass es geklappt hat. Es tut gut so wieder ein wenig ein Gefühl dafür zu bekommen, was ich brauche und wie weit ich gehen kann. Und das ganze auf einem konstruktiven Weg, und nicht meine Grenzen auszutesten, indem ich jedes Mal tiefer schneide oder mehr als zuvor.
Und nun mache ich mich ans produktiv sein, belohne mich danach mit Tee (von Teekanne gibt es 3 neue Sorten. Apple Pie, Lemoncake und Blueberry Muffin. Unbedingte Probierempfehlung!) und schaue mal, was ich sonst noch so auf die Reihe kriege heute.

Und sogar an einem Abend, an dem er bloß eine Bohne zählte, war der Tag gelungen, hatte es sich zu leben gelohnt.

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