Voller Tag

Aktuell frage ich mich, ob das Ding auf meinem Hals eigentlich auch einen Nutzen hat. Mein Hirn ist ein Sieb, ein verdammt großmaschiges Exemplar. 

Gestern stehe ich schon vorm Supermarkt, als mir einfällt, dass ich meinen Geldbeutel zuhause vergessen habe. Also wieder zurück, Geldbeutel holen, einkaufen und wieder zurück, weil ich die Unterlagen zuhause habe liegen lassen. Und auch heute morgen wieder ein ähnliches Spiel, im Supermarkt stelle ich fest, dass meine Fahrkarte noch zuhause liegt. Zum Glück bin ich früh dran, denn ich werde kurz nach der Weckzeit für die Klinik von alleine wach, habe aber noch über eine Stunde, bis überhaupt mal der Wecker klingelt. Der Termin beim Psychiater ist ausnahmsweise mal nicht mitten in der Nacht. 

Ich brauche also definitiv wieder eine Handyhülle mit Fächern. Aktuell habe ich eine Tasche zum reinstecken, die lasse ich aber gerne liegen. Die Klapphülle war da praktischer, denn die ist eben am Handy dran. Allerdings gibt es noch nicht wirklich viel Auswahl, da das Handy seit noch nicht mal ganz 4 Wochen auf dem Markt ist. Hmpf. 

Und während ich zum zweiten Mal aus dem Haus gehe, piepst das Handy und zeigt mir eine neue Mail. „Ihr Kontowecker hat geklingelt!“ steht da und ich mache einen Luftsprung, denn ich habe endlich Geld bekommen. Nach 7 Wochen auch definitiv mal Zeit. Ich frage mich zwar für welchen Zeitraum das nun ist, denn die Höhe ist für die kompletten 7 Wochen echt ziiiiemlich gering, aber da werde ich wohl auf den Bescheid im Briefkasten warten müssen. Falls es wirklich nur der Betrag für die Zeit ist, dann habe ich ein Problem, denn es ist deutlich weniger als mir beispielsweise mit alg2 zustehen würde. Aber ich hoffe einfach, dass es erstmal ein Teilbetrag war und hoffe weiter, dass der Rest nicht wieder Ewigkeiten auf sich warten lässt. Man soll die Hoffnung ja nie aufgeben, auch wenn das angesichts der Bürokratie der Rentenversicherung ziemlich schwer fällt. 

Bei meinem Psychiater warte ich erst einmal. Und warte. Und warte. Als ich endlich dran bin sind fast 3 Stunden vergangen seit meinem eigentlichen Termin. Ich weiß ja, dass es immer etwas länger dauert, aber heute ist es extrem. Dennoch bin ich gut gelaunt, denn ich habe die Wartezeit mit Handy und Buch gut überstanden. 

Mein Psychiater schaut mich mit großen Augen an, als ich erzähle, dass ich ‚einfach mal so‘ am Trauma gearbeitet habe und immer noch selbstverletzungsfrei bin. Er sagt, dass ich mir selbst auf die Schulter klopfen kann, dass das von großem Kämpfergeist zeigt. Meine Erwiderung unterbindet er direkt, denn er weiß, dass ich sowieso nur etwas sagen werde um es runter zu spielen. Und ich muss lächeln, denn er hat einfach recht. 

Da die Arzthelferinnen mittlerweile in der Pause sind, versucht der Psychiater selber das Btm-Rezept zu drucken und scheitert. Also bittet er mich später nochmal zu kommen und ich mache mich auf den Weg Richtung Jugendzentrum, denn ich war lange nicht mehr dort und mag meine ehemaligen Kollegen sehen und ein paar der Kids. 

Es tut gut dort zu sein und zu quatschen, ein paar der Kids zu drücken, in Erinnerungen zu schwelgen und Neues zu erfahren. Mir fehlt es zu arbeiten, doch ich merke auch, dass es mich überfordern würde derzeit. Die Lautstärke, der Trubel, es ist viel. Aber dennoch schön. 

Einige Stunden später ziehe ich wieder zum Psychiater, inklusive Rezept dann zur Stadtbibliothek, um mir dort einen Ausweis zu besorgen und dann zum Bahnhof. Auf dem Weg merke ich, dass mein Kreislauf langsam versagt und mir fällt auf, dass ich (mal wieder) völlig vergessen habe zu essen. Prima. Also nichts wie heim, kurz noch im Supermarkt vorbei im Ort und einkaufen und dann Sofa und was essen. So zumindest der Plan. Doch mein Körper hat langsam wohl keine Lust mehr darauf so sträflich vernachlässigt zu werden. Auf dem Weg die Treppen hoch zum Bahnsteig (die Rolltreppe ist natürlich ausgerechnet heute kaputt…) ist dann eben Ende und ich finde mich kurze Zeit später auf den Stufen wieder, umringt von ein paar Menschen. Während ich versuche meinen wirren Kopf zu sortieren und mich zu erinnern, wie zum Teufel ich nun auf den Stufen gelandet bin, versuche die fragenden Menschen zu beruhigen, dass es nur der Kreislauf ist und eigentlich wieder von den Stufen aufstehen möchte, steht plötzlich ein Sanitäter vor mir, den ein besorgter Mensch gerufen hat. Nachdem er mich kurz einige Sachen gefragt (was ist los, sind Sie okay, wie heißen Sie) und die Menschentraube ein wenig verscheucht hat, will er mich gemeinsam mit meinem Kollegen zum Krankenwagen bringen, woraufhin ich protestiere. „Mir ist nur der Kreislauf kurz abgestürzt, mir geht’s gleich besser.“ sage ich und will das demonstrieren, indem ich aufstehe, doch meine zitternden Beine machen da nicht mit und es beginnen schwarze Punkte vor meinen Augen zu tanzen, also stoppe ich auf halbem Weg und lasse mich wieder auf die Stufen sinken. „Ja, ich seh’s.“ erwidert der Sanitäter und so lande ich doch im Krankenwagen mit Blutdruck- und Pulsmessung und noch einem Berg Fragen. Mein Blutdruck ist viel zu niedrig, mein Puls zu hoch. Nach der Fragerunde, den Infos über meine Medikamente (vermutlich von allem wegen BTM…), meiner Äußerung, dass meine letzte Mahlzeit ein klein wenig länger zurück liegt, meinen Narben auf den Armen und meinem wirren Kreislauf ist es den Sanitätern wohl ein wenig zu heikel mich ziehen zu lassen und sie karren mich ins Krankenhaus. Dort beginnt das Fragespiel von neuem, bis ich irgendwann unterbreche, weil mir so unglaublich übel ist. Daraufhin kommt eine nette Ärztin, fragt nochmal kurz, hängt mich an eine Infusion und setzt dann die Fragerei fort. Sie erkennt letztendlich, dass es wirklich nur der Kreislauf ist, ich weder Drogen genommen habe noch sonst was angestellt, bittet mich nach Ende der Infusion nicht alleine heimzufahren, sondern jemanden anzurufen zum Abholen, ermahnt mich besser auf mich zu achten und zieht von dannen. 

Also rufe ich Mama an, sage ihr, dass sie unterwegs noch etwas essbares aufgabeln soll und mich dann bitte abholen und heim bringen. 

Nun liege ich endlich in meinem Bett. Erledigt vom Tag und dem kurzen Krankenhausintermezzo. Eigentlich war es völlig unnötig, ich kann aber auch verstehen, dass die Sanitäter auf Nummer sicher gehen wollten. 

Vielleicht war so eine Warnung meines Körpers auch mal nötig, ich muss wirklich mehr auf mich achten. 

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