Wake me up when September ends

Heute saß ich wieder mal mitten in der Nacht an einem Bahnhof. Aber ausnahmsweise habe ich davor geschlafen und nicht erst danach.
Um halb 6 klingelte mein Wecker und synchron fing ein protestierendes Miauen an. Mein erster Blick ging also in die Augen des Zitronenkaters, der mich mit „also du spinnst doch“ – Augen ansah. Erst 2 Stunden zuvor hat er es sich im Bett bequem gemacht, halb auf meinem Arm, halb auf meinem Gesicht. So wie er roch hat er davor wohl in meiner Kramkiste geschlafen, in der auch die Räucherstäbchen liegen, er war definitiv ein wandelndes Nag Champa – Stäbchen.
Nun sitze ich fast 3 Stunden später in der Hauptstadt am Bahnhof und schaue der Sonne zu, die langsam über die Dächer der Häuser steigt. Mit frischem Verband, 3 Ampullen Blut weniger, dafür mit Einweisung in die Psychiatrie, Überweisung zur Institutsambulanz und neuem Krankenschein. Meine Hausärztin war wie immer sehr lieb, mittlerweile stirbt sie immerhin nicht mehr fast, wenn ich mit genähten Wunden komme. Vor Begeisterung in die Luft gehüpft ist sie allerdings auch nicht. Verständlich.

Also warte ich nun auf den Zug, der mich zurück in Richtung Zuhause bringt. Mit endlich etwas zu trinken. Nüchtern bleiben fällt mir beim trinken wirklich schwer. Aber je nachdem wie die Ergebnisse sind habe ich bis zu 6  Monate Ruhe, bevor ich nochmal so früh und nüchtern dort aufkreuzen muss.

Daheim habe ich etwas mehr als eine Stunde Leerlauf, bevor ich mich in Richtung Klinik aufmache um mir dort erstmal einen Latte Macchiato zu organisieren. Ich hoffe, dass es in der Achtsamkeit heute kein Yoga gibt (wegen kaputtem Arm etwas schwer) und auch keine allzu lange Meditation im Liegen (weil ich dann vermutlich direkt einschlafen werde).
Nach nur 5 Stunden Schlaf habe ich meine Medikamente definitiv noch nicht ausgeschlagen, beim nächsten Mal nehme ich sie besser schon nachmittags und gehe einfach ins Bett.

Ich bin fest der Überzeugung, dass mein Arm nach einer Selbstverletzung noch nie so weh getan hat. Selbst heute tut es immer noch richtig fies weh, in der letzten Nacht habe ich lange gebraucht um eine Position zu finden, mit der ich einigermaßen schmerzfrei schlafen konnte. So hat mein Arm letztendlich ein eigenes Kissen bekommen und lag neben meinem Kopf (und später unter dem Kater). Gestern habe ich mit Chrissie darüber geredet, 2 Theorien haben wir dazu aufgestellt. Bei ihr fing es einfach an sie irgendwann mehr zu stören, weil zwischen den Verletzungen längere Zeiten lagen und langsam auch einfach klar wurde, dass es aufhören muss. Das kann natürlich bei mir ähnlich sein, ich habe eh das Gefühl, dass ich in der letzten Zeit vielen Körperkram bewusster merke, Dinge die ich früher einfach ausgeblendet und weggeschoben habe.
Und ab einer gewissen Tiefe macht eben auch jeder Millimeter mehr ganz viel aus. Da kommen ja einfach nur noch Nerven und sowas. Und den Schmerzen nach zu urteilen habe ich da auch irgendwas erwischt.
Naja. So viel zum neusten Gemetzel.

Nächsten Mittwoch geht es wieder in die Klinik. „Halten Sie bis dahin durch?“ fragt die Hausärztin. Ich nicke und bin mir zum ersten Mal sicher, dass ich es wirklich schaffen kann die Zeit zwischen zwei Aufenthalten zu überleben. Auch wenn es immer wieder so grausam wird zwischendurch. Ich glaube daran, dass ich das hinkriegen werde noch eine weitere Woche durchzustehen.
Und ich muss lächeln, denn dann habe ich es wirklich 5 Wochen geschafft.
Es geht weiter und es wird besser, auch wenn in kleinen Schritten. Für mich sind diese kleinen Schritte aber kilometerweit, jede winzige Veränderung hat unglaublich viel Kraft gekostet und brauchte Zeit. Aber es wird besser werden, ich werde wieder komplett auf die Beine kommen, daran glaube ich. In den letzten Monaten habe ich oft daran gezweifelt, in dunklen Momenten mache ich das sowieso. Aber in den hellen, den guten und schönen Momenten weiß ich, dass es wieder okay werden wird.

Ring out the bells again 
Like we did when spring began 
Wake me up when September ends 

Here comes the rain again 
Falling from the stars 
Drenched in my pain again 
Becoming who we are 

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