Weihnachten 

Zitrone rollt Geschenkpapier aus. Schiebt den Kater weg. Legt das Geschenk aufs Papier. Schiebt den Kater weg. Holt Klebestreifen. Schiebt den Kater weg. Schlägt das Papier um das Geschenk. Zieht den Kater aus dem Geschenk. Klebt die nächste Seite zu. Zieht den Kater aus dem Geschenk mitsamt Geschenk, stopft das Geschenk wieder rein. Klebt die letzte Seite zu. Streichelt das schnurrende Geschenk. 

Ungefähr so verläuft mein Morgen. Ich ziehe den Zitronenkater auch noch mehrfach aus meinem Rucksack, dann aus der Ikea-Tasche, dann aus der Schublade mit dem Futter, dann aus dem Kühlschrank. 

Ich schaffe es zur geplanten Uhrzeit aus dem Haus. Blutend an Händen, Ohr, Oberschenkeln, Armen und Bauch. Der Herr Kater wollte nämlich partout nicht in die Transportbox und so lieferten wir uns erst mal einen gewaltigen Kampf. 

Die Fahrt ist entspannt. Es sind nicht allzu viele Leute unterwegs, der Zitronenkater klettert zwischendurch aus der Box, kuschelt sich auf meinen Schoß und beobachtet fasziniert die vielen Menschen und die vorbeiziehende Landschaft. 

Ich verkrümel mich noch eine Weile zu meiner Schwester nach oben, während Mama kocht und vorbereitet. Ihr Freund kommt, das Katerkind erkundet begeistert die Schubladen unterm Bett meiner Schwester, wir hängen rum, plaudern, tauschen Neuigkeiten über ehemalige Klassenkameraden aus (der Freund meiner Schwester hat mir mir zusammen die Ausbildung gemacht), bespaßen den Herrn Kater. 

Nach dem Essen und der Bescherung hängen wir faul auf dem Sofa. Schwesters Freund fährt noch zu seiner Familie, wir beschlagnahmen den Fernseher und spielen Wii. Später schauen wir zusammen mit Mama Filme, spielen mit dem Zitronenkater, begutachten Geschenke näher, trinken Alkohol. Schwesters Freund trudelt wieder ein und um kurz vor 1 beschließe ich, dass so Zeit fürs Bett wird. Ich kuschel mich in die Decke und mein Katerkind folgt mir, rollt sich dicht an mir zusammen und lässt sich kraulen. 

Es war ein entspannter Heilig Abend. Erstaunlich entspannt, bis auf ein kurzes Familiendrama mit meinem Großonkel, der behauptete geklingelt zu haben und nun beleidigt daheim saß und einer traurigen Mama, weil er eben nicht mit uns gemeinsam feierte. Allerdings sehr zur Freude meiner Schwester und auch ich war nicht sonderlich enttäuscht darüber. Immer wenn mehrere Teile meiner Familie zusammen kommen wird es kritisch und er ist auch eine dieser Personen, die immer und immer wieder nach meinem Vater fragt, nach dem Warum des nicht vorhandenen Kontakts, nach den Hintergründen meines Auszugs bei ihm und meinem Weggang aus BaWü, nach den Gründen für meine Narben und nach allen möglichen und unmöglichen Dingen, die man generell nie und erst gar nicht an Weihnachten erzählen will. 

Ein wenig schwer war nur die Traurigkeit über das zweite Weihnachten ohne Tante M., den ersten Weihnachtsfeiertag bei ihr zu verbringen war zwar eine anstrengende, aber doch schöne Tradition. Es fällt schwer dabei zuzusehen wie die Familie kleiner und kleiner wird und nur noch wenige übrig bleiben. Und obwohl wir eine so große Familie haben zerstreut es sich mehr und mehr, alle leben quer über die Welt verteilt, von Frankreich über Italien bis Japan und die USA. 

So geht ein weiterer 24.12. zu Ende. Weniger anstrengend als gedacht doch kräfteraubend genug für mich. Auch wenn ich merke, dass vieles einfacher und leichter ist. Durch die Therapie und auch durch die Medikament. 

Meine lieben Leser, ich hoffe ihr hattet einen schönen Tag. Und ich wünsche euch noch zwei weitere tolle Weihnachtstage. 

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