Wenn ich nicht anfang geh‘ ich verlor’n

Die Therapie war gut. Es ging viel um Selbstwert, um um sich selbst kümmern und für sich selbst sorgen.
Ich erzählte ihr von A. und sie meinte, dass sie sich das ganze oftmals vorstellt wie ein 13. Zimmer im Selbst. Das ist bunt und fröhlich und manche Menschen haben einen passenden Schlüssel, es gibt einen selbst Auftrieb und Kraft und auch Selbstwert, wenn dieses Zimmer belebt wird. Aber es bleibt letztendlich das eigene Zimmer in einem selbst, es bleibt bunt und fröhlich, egal ob mich nun jemand darin besuchen mag oder nicht. Ich finde das ein schönes Bild.
Allgemein hatte sie es heute mit Bildern. Es ging um das Leben an sich und die Umstände. Das Leben ist ein Schiff, die Umstände das Meer. Es ist manchmal ruhige See, manchmal aber auch Sturm. Und man selbst als Kapitän hat die Wahl, ob man sich hinter das Steuer klemmt und durch den Sturm manövriert oder ob man sich in der Kajüte versteckt und riskiert unterzugehen. Manchmal ist es okay, wenn man sich in seiner Kajüte vergräbt und vor dem Sturm versteckt. Manchmal muss man aber auch einfach da raus und nass werden.
Insgesamt tat mir die Stunde gut und es fühlt sich absolut nicht danach an, als ob ich 6 Monate nicht dort gewesen wäre. Sie allerdings merkt die vergangene Zeit. „Sie sind entspannter. Das merkt man überall, aber vor allem im Gesicht. Sie sind nicht mehr ständig angespannt.“ Und sie hat recht, denn ich versuche nicht mehr ständig auf einer Kiste voller Monster und Dämonen zu sitzen und sie daran zu hindern die Kiste zu verlassen.
Und Selbstwert ist ja grundsätzlich ein schweres Thema. Sich selbst etwas wert sein. Sie meinte, dass das eben meine ganze Welt zum Wanken bringt, weil es diese grundsätzlichen Überzeugungen, die ich als Kind entwickelt habe, über den Haufen wirft. Mein Leben hätte nicht funktioniert, wenn ich mir eingestanden hätte, dass mein Vater der Böse ist. Dieses Grundvertrauen, dass Eltern immer Gutes für einen wollen, dass sie immer richtig liegen, dass das was sie tun einfach der richtige Weg ist, das legt jedes Kind an den Tag, weil sonst die Welt nicht funktioniert. Dass es aber eben nicht stimmt, dass kommt viel später, normalerweise ist das aber in Ordnung. Wenn man allerdings solche Dinge erlebt hat, dann ist das ganz und gar nicht in Ordnung. Und in dem Prozess, dass ich okay bin und nichts falsches getan habe und nichts davon verdient habe, in dem stecke ich noch immer drin und wenn meine ganze Welt wieder mal ins Wanken gerät und ich dann auch noch gleichzeitig versuche mir zu sagen, dass ich okay bin und okay sein darf, dann kippt es und funktioniert einfach nicht mehr. Ich bin quasi in der Hinsicht völlig in der Entwicklung stecken geblieben und muss erst langsam und Schritt für Schritt lernen, dass ich okay sein darf und dabei die Welt nicht untergeht. Wie ich so viele Dinge neu lernen oder erst lernen muss.
Sie meint zum Selbstwert gehört auch mir selbst zu verzeihen. Mir sagen zu können, dass ich mal wieder völlig Scheiße gebaut habe, es aber akzeptieren und es mir verzeihen. Ich glaube , dass ich das mit dem Selbstwert auf meiner Prioritätenliste nach ganz weit oben setze. Habe ich mir öfter schon vorgenommen, muss es aber definitiv mal umsetzen. Es mir selbst wert sein am selbst wert sein zu arbeiten.
Bevor ich in die Hauptstadt bin habe ich meine halbe Wohnung auf den Kopf gestellt auf der Suche nach einer meiner Westen, weil in der Tasche meine Kopfhörer waren. Und nach der Therapie habe ich die andere Hälfte auf den Kopf gestellt und immer noch nichts gefunden. Dann kam ich auf die Idee mal zur Nachbarin hoch zu gehen und – tadaaaaa – da war sie. Ich habe sie gestern dort liegen lassen, war schon wirklich davor an meinem Verstand zu zweifeln. Da ich schonmal oben war haben wir ein wenig geredet über alles mögliche, ich habe abwechselnd Hund und Leguan gekrault, zwischendurch immer mal wieder ihren Sohn gedrückt (der manchmal einfach Zucker sein kann) und bin letztendlich wieder runter zu meinem Sofa.
Morgen muss ich meine Hausärztin anrufen für einen neuen Termin am Montag, außerdem will ich versuchen den ehemaligen Psychopeuten der Station zu erreichen, weil am Mittwoch wieder das Thema ambulante DBT aufkam. K. und S. schauen kurz vorbei um was abzuholen, ich will weiter Ordnung schaffen und den Versuch starten wertschätzend und achtsam mit mir umzugehen. Mal sehen was das so wird.

Ach, bevor ich es vergesse. Gestern hatte ich mal wieder einen dieser Momente, in dem twloha mich in genau der richtigen Situation zum Lächeln brachte und ich habe diesen tollen Menschen dort einfach mal geschrieben, wie großartig ich ihre Arbeit finde und wie wichtig sie ist und sie sind und wie viel mir diese Worte manchmal einfach geben, die sie verbreiten.
Ein Teil der Antwort:

S. , thanks again for your kind words. We agree that you are enough, that you matter, and that hope is real. Please know that supporters like you are crucial to spreading our message of help and hope throughout the world. S. , we are honored to have been able to play a part in your story, and we hope that we can continue to do so. You have been just as much a part of our story as we have been of yours. We are so proud of all the progress you have made, and we hope that we can continue to be a source of support for you as you continue on your journey to recovery.

With Hope,
TWLOHA

Hach. Tollig.

Ich bin mein Haus
in dem ich leb‘ von Anfang an
Ich bin mein Licht
das für mich scheint wenn ich’s nicht kann

Ich bin mein Boot
das kommt wenn ich nicht schwimmen kann
Ich bin mein Buch
in dem ich les‘ ein Leben lang

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