Wer den Regenbogen will, muss den Regen in Kauf nehmen.

Ich liege auf Klinikbett und habe Druck. Ich überlege einige Minuten, ob ich ihn einfach weiter ansteigen lasse. Ob ich abwarte, die Anzeichen wahrnehme, die mir zeigen, dass es immer mehr und mehr wird. Bis es zu viel ist. Bis ich schneide. Ich liege auf dem Bett und will eigentlich genau das. Hochspannung. Und dann schneiden.
Stattdessen bewege ich mich nach einigen Minuten zum Schwesternsitz und Schwester Tina schmiert mir einen Haufen Finalgon direkt aufs Handgelenk.

Der Abend war toll. Ich habe mich mit D. in der Hauptstadt getroffen, wir waren kurz im goldenen M und sind dann los zur Konzertlocation. Kurz nach dem Einlass wurde es schon voll, spätestens bei Konzertbeginn war dann eine gewaltige Menge Menschen im Club. Die Vorband kannte ich von einigen Liedern und mag sie jetzt noch mehr. Der Hauptact war einfach toll. Im Club war es unglaublich heiß, nach kurzer Zeit war alles an mir nass. Dann noch springen und singen und hüpfen und schreien. Es tat gut und war schön. Klatschnass und erledigt bin ich schon auf dem Weg nach Hause, als K. mich fragt, ob ich vorbei kommen mag. Ich frage spontan noch N. und wir trudeln gemeinsam bei K. und S. ein. Es waren schöne Stunden dort, wir haben viel gelacht und gequatscht und getrunken.
Gegen 3 Uhr bin ich daheim, nehme meine Medis, kraule das Katerkind und kippe ins Bett. Um 7 wache ich wieder auf. Drehe mich wieder um, döse ein wenig, drehe mich nochmal um, döse wieder. Später mache ich ein wenig Ordnung. Dann beginnen die Gedanken zu kreisen. Der Abend war schön, ich stürze ab. Wie so oft. Ich schleiche um die Schublade mit den Klingen rum. Gebe den Meeris noch ein paar Stücke Gurken. Stehe wieder vor der Schublade. Öffne sie. Schließe sie wieder. Kraule den Kater. Öffne wieder die Schublade. Nehme das Päckchen in die Hand. Ich lege sie wieder weg, schließe die Schublade, mache mich fertig und gehe in die Klinik.
„Ich muss es mir ja nicht schwerer machen als es ist“ sage ich zu Pfleger Thorsten. „Da stimme ich Ihnen zu“ erwidert er.
N. besucht mich, später kriege ich doch noch eine Portion Schlaf ab. Und dann liege ich nach dem Essen eben auf dem Bett.
Mittlerweile sind 2 Stunden vergangen. An meinem Handgelenk brennt Finalgon, ich sitze im Tagesraum und schaue TV und blogge. Die Anspannung ist besser.
Ich habe meine Arme betrachtet. Mir vorgestellt, dass da noch mehr Narben sind. Noch ein wenig roter als die jetzigen. Einerseits will ich es. Ich will noch mehr Narben, noch mehr Zeichen, die mir zeigen, dass ich lebe, dass ich kämpfe. Andererseits will ich irgendwann auf meine Arme blicken können, auf weiße Narben, die nicht den Großteil meiner Haut ausmachen. Ich hänge also mal wieder zwischen zwei Gegensätzen. Zwischen gesund und krank. Zwischen Borderline und Leben. Manchmal möchte ich, dass mir jemand diese Entscheidungen abnimmt. Deswegen lag ich auch einfach nur auf dem Bett, damit die Anspannung zu groß wird und mir die Entscheidung abnimmt.
Trotzdem habe ich dann gehandelt. Weil der gesunde Teil dann doch momentan überwiegt. Und trotzdem sitze ich hier und hätte gerne einfach gewartet. Einfach geschnitten. Zwiespalt.
Ich würde gerne darüber reden. Doch ich weiß nicht, wie ich es formulieren soll. Ich weiß nicht, wie ich Worte finden soll für die Dinge, die in mir sind, für die Gedanken in meinem Kopf, für die Gefühle in mir. Vielleicht ist es auch einfach okay so. Vielleicht kommen auch noch Worte. Vielleicht ist es gerade einfach okay, dass ich eigentlich schneiden mag und es nicht tue, dass ich diese Gedanken nicht los werde. Vielleicht ist es gerade okay einfach hier zu sitzen, das Finalgon zu spüren, zu atmen. Vielleicht ist es okay einfach mal nicht okay zu sein. Und das auszuhalten ohne mich zu verletzen.

Schmerzen verlangen es gespürt zu werden.
Pain demands to be felt.

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