Wir sind Drachen und wir steigen im Gegenwind.

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Der Abend war okay. Ich saß irgendwann mit dem Tatort auf dem Sofa und hatte das schnurrende und später schlafende Katerkind auf dem Bauch. Im Schlaf hat er Mäuse gejagt oder Bäume erklommen, ich muss immer lächeln wenn sich seine Pfoten und der Schwanz bewegen oder dann ein Ruck durch den ganzen Körper geht. Und ich muss lächeln, weil er mir so sehr vertraut, dass er auf mir in Tiefschlaf verfällt und träumt und sich sicher ist, dass ihm nichts passiert. Wenn ich an seine Vorgeschichte denke und die Dinge, die er in seinem jungen Alter schon erleben musste, dann ist es für mich immer noch ein Wunder, dass er sich so sehr auf einen Menschen einlassen kann.
Seit gestern ist eine seiner Pfoten blau, weil er natürlich wie immer viel zu neugierig war. Als ich meine Haarspitzen wieder bunt gemacht habe musste er natürlich ins Waschbecken hüpfen und durch die Farbe laufen. So brachte er mich gestern mehrere Stunden lang immer wieder zum lachen, denn es sieht einfach nur lustig aus.
Vorsorglich habe ich gestern dann ein wenig mehr meiner Abendmedis genommen und bin auf dem Sofa langsam immer müder geworden und schließlich ins Bett geplumst. Dort habe ich es gerade noch so geschafft mir mein Hörbuch anzumachen, bevor ich keine Kraft mehr hatte die Augen aufzuhalten und habe mich in meine Decken gekuschelt, den Zitronenkater auf mir. Und dann bin ich auch relativ schnell eingeschlafen. Die Träume waren ein wenig wirr und gegen 4 Uhr wurde ich wach, weil mein Vater durch meine Träume lief. Auch ohne ihn waren die Träume anstrengend, ich habe von der Klinik geträumt, von einigen Schwestern und dem Versuch, immer wieder an Klingen zu kommen und mich zu verletzen. Und trotz Medikamenten wache ich um kurz nach 8 dann wieder von alleine auf und bewege mich aus dem Bett und unter die Dusche. Ich bin mal wieder klatschnass geschwitzt, was nach Träumen von meinem Vater oft vorkommt. Also wander ich unter die Dusche und mein Bettzeug in die Waschmaschine. Ich überlege ob und was ich frühstücken soll, habe aber weder große Lust noch Appetit dazu und schnappe mir einfach nur eine Banane und falle auf mein Sofa. Von dort will ich eigentlich gar nicht mehr aufstehen und schon gar nicht in die kalte und graue Welt vor meinen Fenstern. Am liebsten würde ich wieder in mein Bett krabbeln und mir die Decke über den Kopf ziehen, was leider ja nicht geht. Ich muss mich anziehen und los in die Hauptstadt, muss zum Psychiater und einkaufen, muss heute noch Kuchen backen und Geschirr spülen und Chrissie kommt mit dem Hundemädchen. Und weil Katerkind beginnt mit viel Enthusiasmus und Milchtritt auf meinem Magen meine Banane wieder aus mir heraus zu befördern, stehe ich also auf bevor sie meinen Körper wieder verlässt und ziehe mich an. Dabei muss ich daran denken, dass ich morgen besser etwas mit langen Ärmeln anziehe, zumindest solange Mama da ist. Auf Diskussion und erschrocken-vorwurfsvolle Blicke habe ich an meinem Geburtstag definitiv noch weniger Lust als an sonstigen Tagen.
Letztes Jahr um diese Zeit lag ich noch auf der Intensivstation und habe gejammert, weil ich unbedingt rauchen wollte aber natürlich nicht durfte und konnte, habe mich auch davon abgesehen richtig furchtbar gefühlt mit Herzrasen und Übelkeit und immer noch bedöppelt von der Überdosis Tabletten. Und sonst waren um diese Zeit im Jahr die Hunde oft bei mir und K., weil Chrissie mit ihrem Freund in den USA war. Facebook zeigt mir in den letzten Tagen bei den Erinnerungen immer wieder Bilder von den zweien und ich schwanke jedes Mal zwischen lächeln und losheulen. Ich bin gespannt wie es heute wird mit Chrissie.
Mein Psychiater war wie immer einfach toll. Wir haben auch über meine momentan eher weniger vorhandene Therapie geredet und er hat mir ein wenig geholfen, bei der Entscheidung, wie es weitergehen soll. Vermutlich werde ich der Therapeutin schreiben und um einen Termin bitten, um mit ihr zu reden. Ich will die Dinge, die in unserer letzten Sitzung geschehen sind, besprechen und schauen, ob wir die paar letzten verbliebenen Stunden nicht noch etwas auf die Reihe kriegen. Und während ich das schreibe habe ich ihr eine SMS gesendet und nach einem Termin gefragt und auch direkt erwähnt, dass ich über die Stunde im September reden möchte. Ich habe Bammel davor, aber ich glaube ich kriege das hin. Vielleicht mal nicht beleidigter Borderliner spielen sondern mich konstruktiv den Dingen stellen.
Und nun werde ich gleich mal schauen was ich essen soll heute und ob ich mich noch an den Kuchen mache oder das auf morgen verschiebe. Auf jeden Fall muss ich meine Wohnung noch hundesicher machen, also alles schokoladige außer Reichweite bringen (zum Glück findet der Zitronenkater Schokolade gar nicht toll, sonst hätte ich ein Problem…) und auch das Katerfutter außer Reichweite bringen.
Und währenddessen schaue ich „und täglich grüßt das Murmeltier“ (denn der 2. Februar ist Murmeltiertag! Also auch der Tag in dem Bill Murray im Film festhängt.) und trinke Tee. Dieser Tag ist definitiv besser als der 2. Februar im letzten Jahr.

Wer immer auf dem Boden bleibt, hat nichts was Ihn nach vorne treibt.
Dreh dich um, dreh dich in den Sturm
Stell dich quer, lass sie spür’n dass wir am Leben sind.
Dreh dich um, dreh dich in den Sturm
Wir sind Drachen und wir steigen im Gegenwind.
Lass los, lass los, lass los was dich nicht los lässt

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