Wir stecken alle in der Scheiße (jeder halt auf seine Weise)

„Das einzige was Sie dort finden können ist sich selbst.“ sagt die Therapeutin nochmal. „Und das kann niemals negativ sein.“ hängt sie an. 

Ich habe meine letzte Therapiestunde für dieses Jahr. Für dieses Jahr. Es fühlt sich merkwürdig an das zu sagen und zu schreiben. Vor allem da noch August ist.Es ist merkwürdig geplante Vorhaben mit einem ’nächstes Jahr‘  zu kommentieren. 

Und so erlebe ich momentan viele ‚letzten Male‘ für dieses Jahr. Das letzte Mal in die Praxis des Psychiaters gehen. Ich sage ihm, dass sich das ganze so merkwürdig anfühlt. Dass ’nächstes Jahr‘ so weit weg scheint. Er grinst und meint „Dann sehen wir uns also nächstes Jahr Frau Zitrone!“. Er wünscht mir alles Gute für die Zeit. Freut sich für mich. 

Auch die Therapeutin wünscht mir eine gute Zeit. Nette Zimmernachbarn. „Sie können mir ja mal schreiben wenn sie möchten“. 

Aufbruch. Weitergehen. Alles fühlt sich momentan danach an. Bald werden zu den ganzen letzten Malen viele erste Male kommen. Die Übernachtung ist gebucht. Die Einweisung liegt hier. Ich habe alles geregelt, was ich vorher noch regeln musste. Aufbruch. Weitergehen. 

Und mit jedem Tag nimmt die Panik zu. Nun sind es nicht mehr Wochen, es sind nur noch Tage. Es rückt näher und näher und ich mag eigentlich nur noch in eine Höhle kriechen und nicht mehr raus kommen. In manchen Momenten möchte ich eine Mail dort hin schicken, sagen, dass ich den Termin nicht wahrnehmen werde. Einfach nur, weil die Angst mich so sehr lähmt, umklammert und gefangen hält. 

Die Therapeutin fragt, welche Erwartungen und Ziele ich habe. Ich sage ihr, dass ich dieses letzte Schlupfloch, diese kleine Hintertür gerne schließen würde. Dieses „wenn alles scheiße ist kann ich mich immer noch umbringen“. Sie fragt mich wieso ich das gerne möchte. Ich erkläre es ihr und am Ende nenne ich eigentlich den wichtigsten Punkt. „Damit würde ich ihm eine Macht einräumen, die er in meinem Leben nicht haben darf. Die er nie hätte haben dürfen und nie wieder haben darf. Diese Macht über mich und auch über meinen Körper, wenn ich mich verletze.“ Denn trotz der vielen Kilometer ist er manchmal doch ständig da und hat dieselbe Macht über mich wie damals. Und ich habe verstanden, dass die ganzen Kilometer daran nichts ändern werden, auch wenn ich am liebsten mehrere Kontinente zwischen uns wissen würde. 

Es sind so viele kleine und große Dinge, die ich erreichen möchte. Weitergehen. Ich weiß, dass ich mit mehr Kompetenz und Stärke zurückkehren werde. Was ich sonst noch mitnehme, dass wird die Zeit zeigen. 

Nur noch Tage. Aufbruch. Weitergehen. 

Ich werde versuchen die Tage hier mit viel positivem zu füllen. Mit viel Katerkind und Meeris und Freunden und Momenten, die mir gut tun. Die mich von der Angst ablenken. 

Gestern zogen zwei kleine Meerchen bei mir ein. 

Ein kleines Rosettenmeeri und ein Schopfschweinchen. Einen wirklichen Namen haben sie noch nicht, auch wenn ich bei dem einen zu ‚Caramell‘ tendiere (wegen der Farbe), bei dem anderen zu ‚Karo‘ oder such ‚Caro‘, weil es auf dem Rücken aussieht wie ein Karomuster, an der Stelle an der die Farben sich abwechseln. Sie sind noch ein wenig ängstlich (kein Wunder, gestern zogen sie erst vom Besitzer in den Laden und dann zu mir), außerdem sitzt da ein großes Monster im Meerizuhause und versucht vor lauter Begeisterung mit allen Meeris gleichzeitig zu spielen. Das Katerkind findet das neue Leben in der Bude äußerst interessant, die Nacht hat er bei den Schweinen verbracht und versucht immer wieder mit ihnen Fangen zu spielen. Vermutlich wird er bald merken, dass auch die neuen Meeris nicht dafür zu begeistern sind. 

Mein alter Herr ist ganz happy vor lauter Glück, heute morgen lag er zwischen den zwei Kleinen und schlief selig. Gestern habe ich noch mit K. darüber gesprochen, dass er wohl alles überlebt. Bisher sind es zwei seiner Partnerinnen und zwei der Kinder, er ist wirklich auf dem besten Weg ein uralter Senior zu werden. 

Morgen wird meine Schwester kommen und wir werden uns voneinander verabschieden. Ich weiß nicht, ob ich die bis Weihnachten nochmal zu sehen kriege, wenn sie nicht auf der Arbeit ist hat sie ständig etwas vor, ist mit ihrem Freund oder Freunden unterwegs, fährt zu ihrem Vater oder treibt sich sonst wo rum. Es ist manchmal immer noch schwer für mich zu sehen, wie schnell sie doch groß und erwachsen wurde. Vor allem da mein Vater mir die Chance geraubt hat mehr an ihrem Leben teilzuhaben. Wirklich konstant da bin ich für sie erst seit 8 Jahren. Und da war sie schon mitten in der Pubertät und auf dem Weg zum erwachsen werden. 

Noch 4 Nächte werde ich in meinem eigenen Bett verbringen. 4 Mal werde ich unter meine Decken krabbeln und aufstehen. Die Zeit vergeht viel zu schnell… 

Was deine Schmerzen schlimmer macht,
Das hast du dir selbst beigebracht.
Es gibt kein Maß für jemand sein,
Doch für Verständnis und für Zeit.
Und für den Rest Gerechtigkeit.

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