“Wo die Angst ist, da geht es lang.”

Ich sitze bei meinem Einzel und wir überlegen, an was man noch arbeiten müsste und könnte. Ich kann besser mit Anspannungszustände umgehen und habe nun einige Skills an der Hand, um es besser auszuhalten. Ich kann mit einigen Gefühlen besser umgehen, lasse Gefühle zu und kann auch für mich klar kriegen, ob sie nun angemessen sind oder nicht. Ich schaffe es auch immer besser meine eigenen Bedürfnisse ernst zu nehmen und ihnen entsprechend zu handeln. Probleme macht das alles allerdings immernoch, wenn es um meine Glaubenssätze geht. Wenn ich mich als falsch empfinde, denke, dass ich das Problem bin, dass ich Schuld an etwas habe, dass es mir nicht gut gehen darf. Also wird das nochmal Thema werden. Und damit verbunden auch das Thema Selbstwert. 

Und das auch schon enorm auf die Probe gestellt. Nach dem Essen am Montag baten mich vier Mitpatientinnen, dass ich doch noch kurz dableiben soll. In meinem Kopf ging natürlich direkt wieder das Chaos los. Was habe ich angestellt, was ist nur los? Und dann bekam ich ein Päckchen in die Hand gedrückt. Drinnen war ein Einhornkissen. 

„Weil du bist wie du bist.“ bekomme ich als Antwort auf meine Frage, womit ich das denn verdient habe. Und ich weiß nicht mehr, was ich sagen soll dazu, ich kann nur noch quietschen und mich freuen. 

Dienstag war der Selbstwert dann auch Thema in der Skillsgruppe. Jeder schrieb seinen Namen auf einen Zettel und dieser Zettel wanderte dann einmal durch die Runde und jeder schrieb etwas positives zu der Person. Und am Ende kam da ein Zettel an mir lieben Dingen von 3 Mitpatienten, meiner Therapeutin und meiner Bezugspflegerin. Das überfordert mich dann endgültig und es kippt. Ich sitze mit einem solchen Selbstverletzungsdruck den Rest des Abends im Aufenthaltsraum, ist will mich vor lauter Selbsthass nur noch zerschneiden. Doch ich habe es überstanden und mittlerweile ist es nicht mehr ganz so schlimm. 

Heute in der Bezugspflege war es dann wieder Thema. Und ich bekam so viel Lob und positive Rückmeldung, dass ich irgendwann „Stop!“ sagen musste, weil es mir echt zu viel wurde. Aber ich konnte es teilweise tatsächlich annehmen und es tat gut zu wissen, was die Personalseite und besonders meine Bezugspflegerin so über mich denkt.  

In der nächsten Woche habe ich Vertretung der Einzel bei meiner Ärztin. Die Psychologin ist weg und wir werden in der Woche wohl in Richtung Stufe 3 planen. In Richtung Zukunft. Es macht Angst, aber nicht mehr so sehr wie noch vor ein paar Wochen. Auch wenn ich wahnsinnige Angst vor der Entlassung hier habe, so ist da doch Zuversicht und Mut. Und in Stufe 3 wird es um die Dinge gehen, die mir helfen können, dass es daheim auch gut klappt. 

Ich bin seit 9 Wochen hier. Die Zeit vergeht wahnsinnig schnell und manchmal trotzdem quälend langsam. Ich versuche mir viel Zeit für mich zu nehmen. Zeit, in der ich nicht mindestens 3 Dinge gleichzeitig tue, um meinen Kopf zu beschäftigen und Ruhe zu haben. Achtsamer sein. Mal nur eine Sache tun. Es fällt mir oftmals immer noch schwer, aber es klappt immer besser. Einfach nur in der Wanne liegen und lesen. Einfach mal vor dem Fernseher hängen und sonst nichts tun. Einfach mal im Zimmer sitzen und Musik hören. Es sind die kleinen Dinge, die mir momentan Halt geben und gut tun, die mir zeigen, wie viel sich verändert hat in den letzten Wochen.

“Wo die Angst ist, da geht es lang.” Das habe ich nun schon öfter gehört in der letzten Zeit. Dass genau die Dinge, die sich total falsch und merkwürdig anfühlen, manchmal eben genau der richtige Weg sind. Und ich glaube genau dahin will ich. Dorthin wo die Angst ist. Und darüber hinaus. 

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