You must fight just to keep them alive

Nachdem ich das vorhin mit der Freiheit schrieb fallen mir ständig Sachen ein, bei denen ich keine Freiheit hatte.
Daheim bleiben, wenn ich krank war. So richtig krank.
Sagen, dass eine 0,5 l Flasche niemals für einem ganzen Schultag reicht (der ab und an ja auch mal bis 5 Uhr ging).
Mein Pausenbrot wieder mit nach Hause bringen.
Selbst kochen oder backen. Nur etwas warm machen war okay.
Jemanden anrufen. Und schon gleich 3 Mal nicht meine Mutter. Einzige Ausnahme: die Oma jeden Sonntag.
Essen worauf ich Lust hatte und wann ich will. Gegessen wird was auf den Tisch kommt und auch genau dann.
Freunde einladen.
Freunde besuchen. So ohne Grund. Bei schulischen Dingen dann doch, aber widerwillig.
Mit Freunden unterwegs sein.
Später nach Hause kommen als direkt nach der Schule.
Raus gehen wenn ich wollte, manchmal nach viel betteln war es okay.
Am Wochenende laut sein. Denn er musste ja mittags schlafen. Später fand ich das toll, weil ich in der Zeit meine Ruhe hatte. Als kleines Kind ist das eine Qual, sich alleine und mucksmäuschenstill drinnen zu beschäftigen wenn die anderen Kinder draußen spielen.
Meine Meinung sagen.
Widersprechen.
Daheim bleiben anstatt mit einkaufen zu fahren.
Einen Freund haben.
Meine Mutter besuchen.
Abends im Bett lesen.
Duschen oder baden. Das gab es nur sonntags.
Mehrmals in der Woche die Kleider wechseln.
Kleider dreckig machen.
Meine Tante toll finden.
Etwas positives über meine Mutter sagen.
Fernsehen.
Eine Therapie machen.
Weinen.
Den Teller nicht leer essen.
Eine schlechte Note schreiben.
Ein Handy haben.
Internet haben. Selbst als ich es für die Schule brauchte.
Menschen, die mein Vater nicht leiden konnte, grüßen.
Filme schauen, die ich schauen mag. (scheiß Babyprogramm, wenn am Sonntag Kinderfilme liefen. Mit 8 kann man ja auch locker schon Erwachsenenfilme schauen…)
Mich über Post von meiner Mutter freuen.
Mich weigern schon um 6 ins Bett zu gehen, weil ich „nicht lieb“ war.
Ihm nicht jeden Abend zuhören und zustimmen, dass alle Menschen gegen ihn sind und ihm schlechtes wollen.
Mich schminken. Davon gehen ja die Kontaktlinsen kaputt.
Mir die Nägel lackieren.
Etwas aus Versehen kaputt machen.
Alleine zum Arzt gehen.
Nicht direkt reagieren wenn er was will.
Zwischen den „normalen“  Mahlzeiten etwas essen, weil man Hunger hat.
Darauf hinweisen, dass die Spülmaschine seit Jahren unbenutzt da rum steht und ja eigentlich fürs spülen eingebaut wurde.
Im Auto vorne sitzen.
Haustiere haben.
Ihn alleine was machen lassen ohne zu helfen oder dabei zu sein. Und wenn ich nur daneben stand.
Über meine Probleme und Sorgen reden.
Sagen, dass alle anderen Kinder dies oder jenes haben und mich auslachen, weil ich es nicht habe.
Sagen, dass ich meine Mutter vermisse.
Einen einzigen Fehler machen beim Schreiben von Karten zu irgendwelchen Anlässen, oder es wagen nicht akkurat auf einer Linie zu schreiben.
Mich mal eine Weile in mein Zimmer verkriechen und alleine sein.
Angst haben, wenn ich als Kind alleine war.
Sagen, dass man Kinder nicht schlagen darf.
Sagen, dass ich doch gar nichts getan habe, was es rechtfertigt verprügelt zu werden.
Weinen, wenn ich geschlagen werde.
Kritisieren, dass er so viel Geld für Alkohol und Tabak ausgibt und dann sagt, er hat kein Geld etwas zu kaufen.
Irgendwo Dreck oder Unordnung hinterlassen.
Mit dem erwachsenen Sohn des Nachbarn draußen sitzen.
Nach Hause wollen, wenn wir unterwegs waren.
Unterwegs etwas zu trinken oder zu essen wollen, wenn es seiner Meinung nach nicht angemessen war.
Etwas innerhalb der festgefahrenen Rituale ändern.
Einen Kindergeburtstag feiern.
Meine Zimmertür schließen.
Einfach so etwas kriegen oder selbst kaufen, weil man es haben möchte, ohne bestimmten Anlass.
Mich um mich selbst und meine Probleme kümmern anstatt um seine.
Liebeskummer haben.
Vom Mobbing erzählen.
Wild rumtoben.
Etwas lustig finden, dass er nicht lustig findet.
Um eine Schmerztablette bitten.
Die Pinzette benutzen.
Die Badezimmertür zusperren.

Ich könnte vermutlich endlos so weiter machen.
Es gibt Momente und Regeln und Vorschriften, die haben sich so in mein Gedächtnis eingebrannt, dass sie immer und immer wieder mein Handeln bestimmen, bis heute.
Zum Beispiel, als eine Klassenkameradin mit meiner Brotdose in der Grundschule Schnee schaufelte und sie dabei zerbrach. Natürlich habe ich sie zerstört, mutwillig, und muss dafür bestraft werden.
Oder als die Fliese in der Küche einen Sprung hatte, weil er betrunken irgendwas fallen ließ. Das war natürlich ich und er schlug so lange zu, bis ich zugab etwas getan zu haben, dass ich nie getan hatte.
Oder als ich mir den Arm brach und mir gesagt wurde, ich soll mich nicht so anstellen, bevor wir nach stundenlangen Schmerzen endlich mal ins Krankenhaus fuhren.
Oder als er damals sagte, dass ich nie wieder zu dieser Therapeutin gehen werde.
Oder diese ganzen Momente, in denen er mir erklärte, wie faul, nutzlose, wertlos und unfähig ich sei. Und gestört. Wie meine Mutter.
All diese Nachmittage, an denen ich mich nicht mal getraut habe zu husten, aus Angst, dass er aufwacht und sauer wird.
Oder als er mir mit voller Wucht auf einem Fest auf meinen kleinen Kinderfuß trat, weil ich gerne noch etwas zu trinken wollte.
Oder als ich weinend im Auto saß, weil meine Mutter nur 30 Minuten entfernt war, ich aber nicht zu ihr durfte. Ist schließlich zu weit und dauert zu lange.
Oder die ganzen Tage, an denen ich Ausreden erfinden musste. Länger Schule. Projektarbeit. Eine AG. Nur damit ich heimlich zur Therapie fahren konnte.

Wenn ich mein Tagebuch von damals aufschlagen würde, es ist voller solcher Momente. Voll mit dem Schmerz einer Jugendlichen, die in einer absurden Welt lebt, die einfach nur unberechenbar ist. Voller Sätze wie „ich habe wieder geschnitten“ oder „ich will sterben“. Voller Geheimnisse, die ich vor meinem Vater haben musste, um irgendwie zu überleben.

Menschen die oft verletzt wurden, sind gefährlich, denn sie wissen wie man überlebt!

Und jetzt drehe ich die Musik auf und singe laut dazu und genieße es, weil ich weiß, dass du dich darüber aufgeregt hättest. Ätsch!

Rising up, back on the street
Did my time, took my chances
Went the distance, now I’m back on my feet
Just a man and his will to survive

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